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Sonntag, 8. Juni 2014

Maifeld Derby 2014, Tag 3

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Konzert: Girls in Hawaii, The Elwins, Temples, St. Vincent, The National
Ort: Maifeld Derby, Mannheim
Datum: 01.06.2014
Dauer: Girls in Hawaii ca. 55 Minuten, The Elwins ca. 45 Minuten, Temples ca. 55 Minuten, St. Vincent ca. 60 Minuten, The National ca. 110 Minuten
Zuschauer: unterschiedlich




Am letzten Tag des Maifeld Derbys war ich noch ziemlich geschafft vorm Band-Marathon des Vortags und auch schon ein bisschen Festival-müde. Gut, dass am Sonntag nicht mehr allzu viele Bands in mein persönliches Pflichtprogramm fielen. Stattdessen verbrachte ich ein wenig Zeit beim Steckenpferdwettbewerb, der an sich durchaus unterhaltsam war, mich aber doch nicht genug fesselte, um auch noch die Siegerehrung anzusehen.



Der Festival-Tag begann deshalb erst am frühen Nachmittag mit Girls in Hawaii - einer, man würde es angesichts des Namens nicht unbedingt vermuten, männlichen Band aus Belgien. Das Sextett besteht bereits seit 2001 und musste vor vier Jahren den Unfalltod seines Schlagzeugers (der gleichzeitig der Bruder von Sänger Antoine Wielemans war) verarbeiten.



Die Belgier, bei denen sich Lionel Vancauwenberghe und Antoine Wielemans den Gesang teilen, wobei Letzterer gelegentlich in einen alten Telefonhörer singt, eröffneten ihr Set mit "Sun Of The Suns" und "Not Dead" und ließen nichts unversucht, um das Publikum bereits am frühen Nachmittag zu begeistern: Der Keyboarder François Gustin stieg auf Boxentürme und animierte zum Mitklatschen und wurde bei seinen Kletterpartien nur noch von Antoine Wielemans' Ausflügen übertrumpft. Emotionaler Höhepunkt war aufgrund der Bandgeschichte der ruhigste Titel des zu kurzen Sets, "Misses".



Anschließend verfolgte ich, in Hörweite der Hauptbühne im strahlenden Sonnenschein sitzend, mit einem Auge und Ohr die The Elwins. Die kanadische Band überraschte mit ihrer Entscheidung, ein Beyoncé-Lied namens "Countdown" zu covern und hierfür mit dem Publikum einen (deutschsprachigen) Countdown einzuüben. Außerdem hatte ihr Bassist möglicherweise den auffälligsten Schnurrbart des Festivals (trotz starker Konkurrenz in Form eines Rah Rah-Mitglieds). Amüsant und zum guten Wetter passend war das Set allemal, aber ich muss zugeben, den Kanadiern sonst nicht die Aufmerksamkeit entgegen gebracht habe, die sie vielleicht verdient gehabt hätten.



Direkt nach dem Auftritt der Elwins und der Ehrung für den außergewöhnlichsten Bart konnte auch der Festivalpreis für die spektakulärste Frisur - trotz des noch folgenden Auftritts von St. Vincent - vergeben werden. Im Palastzelt traten Temples auf, und auch wenn in der Band noch drei weitere Preisanwärter gesichtet werden konnten, ging dieser doch klar an deren Sänger James Edward Bagshaw.



Optisch und musikalisch nahm uns das Quartett aus dem englischen Kettering mit auf einen unterhaltsamen und kurzweiligen Trip in die sechziger/siebziger Jahre und die Hochphase des Psychedelic / Glam Rock. Aus ihrem Debütalbum "Sun Structures" präsentierten sie 8 der 12 Songs, die noch um die ungewöhnliche, weil Keyboard-lastige B-Seite "Ankh" ergänzt wurde. Beim ausufernden und rockigen "Sand Dance" konnte man in etwa nachvollziehen, wie es früher wohl auf einem Konzert von Led Zeppelin gewesen ist. Für den Schluss hoben sich die Briten ihre beiden besten Songs auf: "Mesmerise", das durch das Anfügen eines langen instrumentalen Ausklangs bestimmt auf doppelte Spiellänge gezogen wurde, und "Shelter Song".

Setliste:

Colours To Life
Sun Structures
A Question Isn't Answered
Ankh
Move With The Season
Keep In The Dark
Sand Dance
Mesmerise
Shelter Song
St. Vincent

Bekanntlich braucht ja jedes Festival seinen Regenschauer. Der des diesjährigen Maifeld Derbys fand direkt nach dem Temples-Auftritt statt und führte dazu, dass wir lieber eine Pause am überdachten Fressstand einlegten, als das Set von Hozier zu besuchen.



Bei St. Vincent hatte ich im Vorfeld den Verdacht gehabt, dass ihr Auftritt mir auf die Nerven gehen würde - möglicherweise hatte ich das Album einmal gehört und mir außer meinem Urteil sonst nichts davon gemerkt. Dennoch, wir wollten bei The National eine gute Sicht haben, und der wahrscheinlichste Weg dorthin war es, bereits bei St. Vincent vorne zu sein (und den Auftritt von Wye Oak auszulassen). Die Solokünstlerin war übrigens nicht nur beim Maifeld Derby der "Support" für The National, sondern ist auch sonst aktuell mit diesen auf Tour.



Annie Clark hatte im Hintergrund einen Keyboarder und einen Schlagzeuger dabei, vorne auf der Bühne leistete ihr eine weitere Keyboarderin / Gitarristin Gesellschaft. Der Auftritt der Musikerin war sehr künstlerisch durchgeplant. Sie selbst trug ein avantgardistisches Kostüm und machte beinahe ausschließlich roboterartige Bewegungen. Die Mitmusikerin gesellte sich zeitweise zu ihr und nahm an der Choreographie teil - so wurde symmetrisch auf der Bühne umher getrippelt oder auch einmal nach Art von ZZ Top synchron Gitarre gespielt. Das Set hatte auch eine Art "Handlung", so erklomm Annie zu "Cheerleader" ein sehr hohes Podest im Hintergrund der Bühne, sang von dieser erhobenen Position aus und kauerte schließlich, bevor sie am Ende von "Prince Johnny" scheinbar sterbend zusammenbrach und anschließend theatralisch Stufe um Stufe herunter rutschte.



Der Auftritt war auf seine Art also durchaus unterhaltsam und allemal interessanter als der von Warpaint, allerdings finde ich St. Vincents Elektromusik mit häufigem Gitarrengeschrammel in höheren Dosen schnell kopfschmerzauslösend.



Setliste:

Rattlesnake
Birth in Reverse
Regret
Cruel
Digital Witness
Every Tear Disappears
Surgeon
Cheerleader
Prince Johnny
Year of the Tiger
Marrow
Huey Newton
Bring Me Your Loves



Hinterher stellte sich heraus, dass für gute Plätze im The National-Publikum ein Besuch bei der Vorband nicht zwingend notwendig gewesen wäre - bis auf die ersten drei Reihen leerte sich das Zelt in der Pause vor dem Festival-Headliner fast komplett. Aber natürlich füllte es sich genauso schnell auch wieder, so dass man nicht bereuen musste, früh dort gewesen zu sein. Schließlich war dieser Bandname für ein Festival dieser Größe ein ungewöhnlich bekannter. Im Programmheft wurde erklärt, dass die Buchung von The National nur durch eine glückliche Terminlage möglich gewesen war (sprich: die Band war in Deutschland und hatte keinen anderen Termin). Man darf gespannt sein, wie die Festivalmacher diesen Headliner nächstes Jahr toppen wollen. Finanziell dürfte sich der Glücksfall in jedem Fall gelohnt haben: Die Tagestickets für den Sonntag waren zumindest ausverkauft.



The National hatte ich erst im letzten November live gesehen und ihr Konzert für durchaus gut befunden. Würde dieser Auftritt ohne neueres Material einfach dasselbe bieten, nur eben im Zelt? Wiederum war man zu siebt erschienen, zusätzlich zu den regulären Bandmitgliedern hatte man wieder zwei Trompeter dabei.

Nach dem ersten Lied "Don't Swallow the Cap" gab es eine kurze Pause, in der Matt Berninger erklärte, Bryan Devendorf könne nichts mehr hören, was entweder  an einem Aneurysma  liegen könne, oder es seien einfach die Batterien leer. Bryce Dessner entgegnete sofort, dass Matts Witze immer schlechter würden und dass Aneurysmen nicht witzig seien. Uns im Publikum war neu, dass Matt überhaupt Witze macht, es folgten sogar noch weitere - die Bryce allerdings auch nicht lustiger fand.



Weiter ging es mit einem Mix aus neuen und alten Songs, der dem in Düsseldorf ähnelte, auch optisch, denn erneut wurden auf der LED-Wand im Hintergrund passende Bilder zu einigen Songs gezeigt, etwa Regen bei "England" oder blutkörperartige Gebilde bei "Bloodbuzz Ohio". Es gab jedoch auch Unterschiede, denn wir bekamen an diesem Abend unter anderem auch "Hard To Find", "Ada" und "Abel" zu hören.

Matt Berninger war in Hochform, trank großzügig Weißwein, zunächst aus dem Becher, später direkt aus der Flasche, die er im Zugabenteil dramatisch auf einer Monitorbox zerschmetterte, und konnte der auf Facebook zirkulierten Materialzerstörungsliste der Band schon kurz nach Konzertbeginn einen Mikrophonständer hinzufügen, worauf er gleich einen neuen bekam und zunächst grinsend verhinderte, dass der überflüssige von einem Roadie wieder weggenommen wurde. Einer in Reserve ist eben immer gut...



Das Set von The National machte dem Publikum großen Spaß, bei beinahe jedem Song, der angespielt wurde, erklangen laute Jubelrufe. Mir war in der Vergangenheit nicht aufgefallen, dass die Band bei praktisch allen Textpassagen mitsingt - vielleicht hat sie es auch früher nicht getan. Selbst die Bläser sangen manchmal mit. Bei "Pink Rabbits" trat der Posaunist nach vorne an den Bühnenrand und damit ins Rampenlicht. Bryce Dessner hantierte bei "I Need My Girl" mit zwei Gitarren gleichzeitig, während er bei "Slow Show" die Gitarrensaiten mit einem Geigenbogen bearbeitete.

Herr Berninger hat in der Vergangenheit bereits zu Bühnenklettereien geneigt und enttäuschte auch an diesem Abend nicht: Erst sprang er in den Bereich zwischen Bühne und Publikum, später, als wir bereits im Zugabenteil waren, umrundete er in zwei Etappen quasi das Publikum - da wir vorne standen, konnte man nur an der Richtung, in die die Mikrophonschnur zeigte und an den besorgten Blicken der Security erkennen, wo er gerade singend unterwegs war - bis er, unglaubliche Freude und Bewegung im Publikum hervorrufend, direkt bei uns wieder auftauchte.



Matt Berningers emotionale Ausbrüche, beispielsweise bei "Squalor Victoria", waren wieder einmal prächtig, sein Spruch, als bei der Wiederkehr der Band für den Zugabenteil zunächst die Devendorf-Brüder fehlten, "We have lost the Devendorf brothers. Bryan and Scott, call your mother!" gefiel Bryce wiederum nicht. "You don't hear people laughing because you're wearing your earplugs!" war Matts Entgegnung.

Nach drei tollen Zugaben ("Ada", "Mr. November" und "Terrible Love") gab die Band als letztes Lied noch eine akustische Version von "Vanderlyle Crybaby Geeks" zum besten, wofür alle nach vorne an den Bühnenrand kamen und das Publikum in den Gesang mit einstimmte - wieder ein schöner und irgendwie persönlich wirkender Moment, der das Festival perfekt abschloss.



Setliste:

Don't Swallow the Cap
I Should Live in Salt
Mistaken for Strangers
Sorrow
Bloodbuzz Ohio
Sea of Love
Hard to Find
Afraid of Everyone
Conversation 16
Squalor Victoria
I Need My Girl
This Is the Last Time
Abel
Slow Show
Pink Rabbits
England
Graceless
About Today
Fake Empire

Ada
Mr. November
Terrible Love
Vanderlyle Crybaby Geeks 



Letztes Jahr hatte ich ein bisschen gezweifelt, ob das Maifeld Derby ein dauerhafter Eintrag in meinem Kalender bleibt, ließ mich dann letztlich doch wieder hinreißen, die spottbilligen Frühbucher-Scheuklappentickets zu kaufen und wurde nicht enttäuscht. Dieses Jahr gab es geradezu irritierend wenig zu meckern. Selbst die Leergutrückgabe nach dem The National-Set sowie der Rücktausch unserer letzten Getränkemarke waren rasend schnell erledigt.

Einzige Verbesserungsvorschläge, die mir für kommendes Jahr einfallen: Den Parcours d'Amour auch am Festivalsonntag öffnen. Er ist atmosphärisch einfach am schönsten und beinahe die einzige Möglichkeit, auf dem Festivalgelände ohne Wiese halbwegs bequem zu sitzen. Und natürlich der Streichelzoo.

Links: Fallen angesichts der Bandfülle dieses Mal aus, andere Berichte lassen sich aber leicht über die Labels finden.

Bilder: Dirk von Platten vor Gericht, der auch den Temples-Bericht verfasst hat.



Dienstag, 6. August 2013

Midi Festival, Hyères, letzter Tag, 28.07.13

3 Kommentare

Konzert: Midi Festival, Hyères, Südfrankreich
Ort: Park vor der Villa Noailles, Hyères
Datum: 28.07.2013
Zuschauer: hmm, 500 vielleicht
Konzertdauer: Christopher Owens, Swim Deep und Temples etwa 40, Onyl Real 30 Minuten 




Den Auftakt zum letzten Festivaltag beim wunderbaren Midi Festival machte der ex-Sänger der Band Girls, Christopher Owens. Vor der herrlichen Villa Noailles, in einem idylischen, römisch wirkendem Park, produzierte sich der blonde Barde ganz alleine mit seiner Akustik-Gitarre und seiner Mundharmonika vor etwa 500 szenigen, jungen Leuten, die aussahen, als seien sie einem Modeblog entsprungen. Es war noch sonnig, hell und warm als der Musiker sein Set begann und irgendwie schienen die Leute auch für ein Konzert noch nicht so richtig aufnahmebereit zu sein. Zumindest für ein solch ruhiges Konzert wie es hier geboten wurde. Viele plapperten während des Auftrittsvon Owens ungeniert rum und erwiesen sich als respektlose Zeitgenossen. Zumal die Musik mir ziemlich schnell unter die Haut ging. Alles klang äußerst fragil, fein und nahegehend. Mit wenigen Mittel schaffte es der Blondschopf mich zu fesseln. Von seiner verletzten, wehklagenden Stimme ging eine starke Anziehungskraft aus und das reduzierte Gitarrenspiel schuf eine wunderbar heimelige Atmosphäre. Ich musste spontan an Elliott Smith und Bright Eyes, zwei meiner Lieblings Singer-Songwriter denken. Erstaunlich, denn ich hatte im Vorfeld etwas ganz anderes erwartet. Wegen des Hypes um Christophers frühere Band Girls und auch um ihn selbst, habe ich nie mit seiner Musik beschäftigt und ging von irgendeinem belanglosen Chillwave Pop oder etwas ähnlich Scheußlichem wie Ariel Pink (Gott, wie gräßlich ich den finde!) aus. Das hier so reduziert und aufrichtig gespielt wurde, verblüffte und erfreute mich.


Jeder Song hatte etwas ganz Besonders an sich, in jedem konnte man sich verlieren und mitträumen.


Das erste Lied, das mich so richtig packte hieß Broken Dreams Club und kam an dritter Stelle. Wie quasi alle anderen Stücke im Set von seiner ex Band Girls stammend (mag denn Owens sein Soloalbum nicht?), bestach es durch seine simplen, aber unmittelbar ins Herz gehenden Lyrics. "I just want to geht high, but everyone keeps bring me down", jammerte er vor sich hin und irgendwie nahm man ihm jedes Wort ab. Sein Sinnieren über Isolation, Verlorensein, Schwermut und Herzschmerz hatte etwas Aufrichtiges und Ergreifendes. Schnell wurde klar, daß Owens kein Songwriter ist, der alles in komplizierte und metapherngetränkte Sätze packt. Seine Texte waren so schlicht, direkt und unverschlüsselt, wie sie einem x-beliebigen Teenager mit gebrochenem Herzen in den Sinn kommen  würden. Das gab dem Ganzen eine fast naive Note, wirkte aber so warmherzig und ehrlich, daß man sich dem Zauber nicht entziehen konnte. Wenn er bei dem großartigen Substance: "I take the key in my hand and it takes the pain away, hey hey" sang, konnte man förmlich spüren, wie der Schmerz nachlässt.



"I'm looking for meaning in my life" wehklagte er bei My Ma und auch dieser Gemeinplatz war so universell gehalten, daß man sich sofort damit identifizieren konnte. Schon die Buzzcocks sangen "I don't know what to do with my life" und anscheinend weiß auch die heutige Generation nicht, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen soll und warum man überhaupt auf dieser Welt ist. Vermutlich der Liebe wegen, selbst wenn Liebesbeziehungen immer so kompliziert sind, wie sie in dem herrlichen Laura von Owens besungen wurden. ("I dont want to fight anymore, I wanna be your friend forever").

Vieles schrammte knapp am Kitsch vorbei, aber jeder weiß, was man selbst für einen romantischen Käse brabbelt, wenn man unglücklich verliebt und einsam ist und neben dem Telefon liegend auf einen Anruf seiner Angebeteten wartet.



Knapp 40 Minuten schmachtete Owens in der Abendsonne so vor sich hin und gegen Ende wurde sogar das Publikum leiser und aufmerksamer. Es war,  als hätte der Sänger sich im Laufe des Sets Aufmerksamkeit und Respekt erspielt und die Leute dazu gebracht, zuzuhören.



Hinterher war mir jedenfalls klar, daß ich einen ganz wunderbaren Musiker für mich entdeckt hatte, der versprach, in der Zukunft wieder beim Midi Festival aufzutreten. Dies wäre dann bereits seine fünfte (!) Teilnahme! Sie mögen ihn wohl hier an der Cote d'Azur...


Setlist Christopher Owens, Midi Festival Hyères 2013

01: Solitude 
02: Summertime (Girls)
03: Broken Dreams Club (Girls)
04: My Ma (Girls)
05: Substance
06: Jamie Marie (Girls)
07: Laura (Girls)
08: Life In San Francisco
09: Oh My Love
10: Darling (Girls)


22 Uhr, Zeit für die aus Birmingham stammende Band Swim Deep. Die hatten 2013 bereits ein Clubkonzert in Paris gespielt, das ich allerdings verpasst hatte. Somit gab es in Hyères die Möglichkeit, Versäumtes nachzuholen und selbst zu überprüfen, ob an dem mittleren Hype um die Truppe etwas dran ist.


Mir fiel schon gleich zu Beginn das wahnsinnig häßliche Hemd des Sängers auf. So ein Fummel war sicherlich in den 1970ern Jahren der letzte Schrei und gilt in den Second Hand Läden in London und Los Angeles noch immer als hip, aber ätzend war der golden glitzernde Lappen trotzdem. Egal, die wavige, surfpoppige Gitarrenmusik von Swim Deep war ziemlich toll. Schon sehr bald wurde in der Mitte der Bühne wie wild zu den prickelnden Popnummern abgetanzt. Besonders positiv fiel mir das abschließende King City auf, ein Titel, der neben einem polternden Bass mit einem flotten Schlagzeug Rhythmus, einer einprägsamen Melodie und einem fetzigen Singalong-Part glänzte. Ein alternativer Sommerhit, der freilich mit Loug Bega und Mambo Number Five wenig gemein hatte. Vielmehr erinnert das Ganze ein wenig an The Smiths oder auch Shoegaze-Bands wie Ride.



Ungefähr 40 Minuten lang wurde den Leuten ordentlich eingeizt und neben den Songs des am 5. August erscheinenden Debütalbums namens Where The Heaven Are We auch ein Cover von Cyndy Lauper's Girls Just Want To Have Fun gebracht. Das Cover taugte aber nicht viel und hätte ruhig ausgelassen werden können. Den Auftritt von Swim Deep hätte ich aber trotzdem nicht verpassen wollen, die guten Songs wie das recht düstere und gefahverheißende Red Lips I Know und das poppig beschwingte She Changes The Weather waren hier klar in der Überzahl. Wenn die Gruppe nicht solchen häßlichen Glamrockfummel tragen würde (die Klamotten des Bassisten, ein Albtraum!), der sie in gewisser Weise als modische Mitläufer outete (sie damit aber perfekt als Lieblinge der hier in großer Menge anwesenden Hipster qualifizierte), hätte ich sogar noch mehr Spaß an dem Gig gehabt.

Setlist Sweem Deep Midi Festival Hyères 2013:


01: Francisco
02: Honey
03: Stray
04: Red Lips I Know
05: The Sea
06: Girls Just Want To Have Fun
07: She Changes The Weather 
08: King City



Um 21 Uhr, also eine Stunde vor Swim Deep hatte die Bühne einem kreidebleichen Rotschopf aus England und seiner Begleitband gehört. Der Name des Typen mit den weißen Tennissocken: Only Real.

Der Bursche sah genauso aus wie die armen Kerle, die in der Schule wegen ihres Aussehens und ihrer Uncoolheit immer gehänselt werden. Ich vermute mal, daß sein Musikprojekt eine Art Rache an seinen ehemaligen Mitschülern ist, denn wer Musik macht, gilt schnell als extrem lässig und kriegt im besten Falle sogar ein paar scharfe Weiber ins Bett.

Nun, er gefiel mir ziemlich gut, dieser Only Real, obwohl er neben Britpop mir normalerweise verhassten Rap bzw. Hip Hop spielte  und musikalisch irgendwo zwischen The Streets und Bur anzusiedeln war. Seine Lieder waren einfach fetzig, passten zu dem guten Wetter perfekt, klangen frisch und unverbraucht. Zwei der auf dem Midi Festival gespielten Highlights kann man sich auch auf der Soundcloud Seite des jungen Musikers anhören: Blood Carpet und Backseat Kissers, beide catchy, sonnig, tanzbar und Laune machend.




Es war inzwischen 23 Uhr, als sich die letzte Band des prima besetzten Midi Festivals in Hyères bereithielt. Temples hießen die lockenköpfigen Youngster aus England, denen die Ehre zufiel, hier an der Côte d'Azur die Feierlichkeiten zu beenden. Ihr erster Auftritt im Süden Frankreichs wie sie selbst verlauten ließen und sicherlich einer, an denen sich die Besucher noch gerne und lange erinnern werden.

Temples spielten nämlich eine wirklich erfrischende Mischung aus 60 ies Pop, Britpop, Shoegaze, Psychedelic, Glam und Stoner Rock und verblüfften mit einer geradezu enervierenden Lässigkeit und Kaltschnäuzigkeit. Eine typisch englische Band also, denn die Briten lieben es nun einmal, sich cool und phlegmatisch zu geben. Glücklicherweise war die Musik der jungen Burschen sehr abwechslungsreich, melodieseelig und erlesen und dabei keine Spur bombastisch. Sie verstanden es wirklich, ihren Retrosound dezent und nicht zu dick aufgetragen zu versprühen und waren somit eine wunderbare Alternative zu dem tollpatschigen Miles Kane, der eine ähnliche Musik viel schlechter, anbiedernder und breitbeiniger darbietet.

Wer die muskalischen Vorbilder von Temples sind, konnte man schnell erahnen. Man dachte sofort an alte Bands wie die Kinks, die Beatles (und George Harrison solo), Scott Walker, T-Rex (der Sänger von Temples sah aus wie der Sohn von Marc Bolan) aber auch Britpopgrößen der 90er wie Oasis, die Beta Band, oder Pulp und aktuelle Formierungen wie Queens Of The Stone Age, BRMC, Arctic Monkey, Toys, The Horrros, The Last Shadow Puppets und eben Miles Kane.


Die Songs waren mal heiter sonnig wie z. B. The Golden Throne, aber auch düster und schwül wie Sand Dance, mal poppig, luftig und psychelisch wie Prisms, mal rockig, trocken, schwer und glam wie Keep In The Dark. Alles äußerst kurzweilige Nummern, die dazu führten daß die Zeit wie im Fluge verging. Kaum hatte man sich versehen, waren auch schon 40 Minuten um. Das Konzert der Temples und das ganze Festival waren beendet. Einfach so. Keiner machte noch eine Ansage, von jetzt an hörte man nur noch die Unterhaltungen der Hipster untereinander. Ein paar Pärchen hatten sich auch im Laufe des lauschigen Sommerabends gefunden und die überlegten  sich sicherlich nun, wie man auf die Schnelle ein passendes Gebüsch findet. Ich selbst blieb brav und trottete den steilen Graben hinunter, wo mich meine Frau und meine Schwiegermutter mit dem Auto abholten.

Setlist Temples, Midi Festival 2013, Hyères:

01: The Golden Sun
02: Sun Structures
03: Colours ToLife
04: Sand Dance
05: Prisms 
06: Keep In The Dark
07: Shelter Song


Midi Festival 2013, du warst toll, ich komme 2014 wieder. Inschallah!



 

Konzerttagebuch © 2010

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