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Mittwoch, 1. November 2017

Ride, Brüssel, 30.10.17

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Konzert: Ride
Ort: Boatnique, Brüssel (Orangerie)
Datum: 30.10.2017
Dauer: Ride ca. 110 min, Dead Horse One 25 min
Zuschauer: ausverkauft



Englische Shoegaze-Helden in der Orangerie des Botanique in Brüssel, klingt vertraut. Erst vor drei Wochen spielten Slowdive in der belgischen Hauptstadt, jetzt Ride. Beide Bands verbindet auch daneben vieles. Die erste Karriere lief ähnlich, das Ende wurde vom Druck eingeleitet, sich musikalisch dem Geschmack der Massen anzupassen. Beide Bands verschwanden Mitte der 90er Jahre, als Britpop alles überrollte. Die zweite Karriere begann zwanzig Jahre später mit Festival-Auftritten (bei denen jeweils das Primavera eine wichtige Rolle spielte). Beide Bands nutzten die Gelegenheit (und natürlich auch die Gagen), um neue Musik zu machen, in diesem Jahr erschienen neue Alben.

Ride waren bei allem Reunion-Kram etwas später dran als Slowdive. Also war es konsequent, daß auch das Brüssel-Konzert drei Wochen später stattfand.


Im Gegensatz zu Slowdive hatten Ride eine sehr gute und passende Vorgruppe mitgebracht: Dead Horse One aus Valence in Frankreich. Dead Horse One sind eine Shoegaze-Band, die sehr viel Spaß machte. Dead Horse One spielten mit zwei Gitarristen, Bassist, Schlagzeuger und Keyboarder. Der Bassist und der wie Claude-Oliver Rudolph aussehende Gitarrist, sangen abwechselnd. Ich kannte keines der Lieder, war aber sofort angefixt, die Musik der Franzosen war hervorragend und extrem kurzweilig. Dummerweise war der Auftritt aber auch kurz, nach 25 Minuten war das Set vorbei.

Mir gefiel vor allem Hopper vom Debütalbum Without love we perish (2016), das Mark Gardener produziert hat. Vielleicht blieb mir das Lied aber auch wegen dieser Serie neulich besonders im Kopf, gut waren alle sechs Songs, die Dead Horse One spielten.

Wenn man sehr weit für ein Konzert fährt, sind Vorgruppen fast immer extrem lästig, die Franzosen waren das Gegenteil.

Setlist Dead Horse One, Botanique, Brüssel:

01: He goes down
02: Hopper
03: I love my man
04: Mesmerize me
05: Season of mist
06: By my side



Um kurz nach neun kam das erste Ride-Lied zunächst vom Band, Integration tape vom neuen Album Weather diaries. Im Gegensatz zu Slowdives Slowdive habe ich Rides Platte bisher kaum gehört. Das ist der Fluch des übermächtigen Albums der Kollegen aus Reading. Ich kann eben immer nur eine Platte gleichzeitig hören, und das war nun mal meist Slowdive.

Das Konzert (mein erstes von Ride in einem Club) begann mit dem Album-Opener Lannoy Point, einem sehr tollen Stück, das sich dramatisch steigert. Wie auf Platte ging es mit Charm assault weiter. Wir standen (einem Profitipp folgend) rechts von Mark Gardener und hatten damit freien Blick auf ihn, den mit Abstand energischsten Teil der Band. Der Co-Sänger trug diesmal keinen Hut (Männer und Haare...). Neben Marks Tanz-Moves gab es aber eine Menge mehr zu sehen. Vermutlich könnten Musikwissenschaftler Dissertationen über die Effektgeräte vor dem Frontmann schreiben. Die meisten Musikgeschäfte haben wohl weniger Geräte im Programm. 


Rechts neben Mark Gardener (vom Saal aus) stand Steve Queralt, der vermutlich der coolste Bassist ist, den ich seit Jahren erlebt habe. Steve hat für einen Bassisten ähnlich eindrucksvoll viele Knöpfe und Pedale vor sich stehen, er steht aber während der Lieder hinten vor den Verstärkern und spielt Bass. Ohne dabei zu tanzen. Nur Bass. So wie C.J. (glaube ich) bei meinem einen Ramones-Konzert. Etwa so wie der Kehrwert des Bassisten von Minor Victories, der bei Konzerten mehr Kilometer als Fußballer zurücklegt.


Bevor das Konzert begonnen hatte, klebten bei Steve und Mark unterschiedliche Setlisten. Im Botanique gibt es keinen Fotograben, man steht direkt an der Bühne. Wir hatten einen guten Blick darauf, was das ausgelegt wurde und bekamen einen großen Schrecken, als aus der 20-Lied-Liste eine mit 16 wurde. Wir wussten, daß Ride aktuell immer mehr neue Stücke spielen, aus sehr gut unterrichteten Kreisen hatten wir erfahren, daß auch eine Premiere stattfinden würde. Wenn von 16 Liedern knapp die Hälfte neu sein würden, würden einige wichtige alte Lieblinge fehlen (Mathematik, kannste nichts machen).


Die neuen Lieder spielten Ride am Anfang und gegen Ende des Sets, dazwischen kam viel von EPs und den Platten vor Tarantula. An Dreams burn down, Taste oder Seagull kommen nicht alle von den neuen Stücken ran. Das ist auch der entscheidende Unterschied meiner Wahrnehmung von aktuellen Slowdive- und Ride-Konzerten. Bei Slowdive ist die aktuelle Platte - je nachdem, mit wem man spricht - die zweitbeste der Band. "Je nachdem, mit wem man spricht" deshalb, weil ich Leute kenne, die sie für die beste nach Souvlaki und Leute, die sie für die beste nach Pygmalion halten. Bei Slowdive gilt: je mehr neue Songs desto besser! Und wenn dann 40 days wegfällt? Egal! Meine Begeisterung für Weather diaries ist verglichen mit dem Frühwerk bei Ride kleiner. Vielleicht kommt das noch, der Wurf war aber eine Spur kleiner als der von Slowdive.

Neben dem fantastischen Lannoy Point und Lateral Alice ist bei mir von den neuen Liedern besonders Cali hängengeblieben, ein großer Hit! Etwas später kam die Premiere von Impermanence, für das Mark Gardener noch Text-Hilfe brauchte. Irgendwie hatte man zwischen all seinen Effekten noch Platz für einen Notenständer und eine Leselampe gefunden. 

Nach dem Dreierblock Impermanence (bis dahin schwächstes der neuen Lieder), Lateral Alice und All I want (mit diesem komischen Anfang) folgten drei Knüller: OX4, Vapour trail und Drive blind mit dem tollen Krach-Teil in der Mitte. 

Wir waren wegen dieser Setlisten-Tausch-Sache noch unsicher, ob es das gewesen sein sollte. Nach Drive blind kamen die vier Musiker aber zurück. Die erste Zugabe war White sands vom neuen Album - das achte Lied von Weather diaries. Und das, das ich am späten Abend am wenigsten gebraucht hätte. Die 20, 25 Minuten danach allerdings schon! Like a daydream, Leave them all behind und Chelsea girl beendeten den Abend.

Fast zwei Stunden lang spielten Ride. Auch die Band aus Oxford ist keine Nostalgie-Gruppe, sie ist aktuell und frisch. Und trotz der vielen älteren Männer im Publikum waren auch wieder einige überraschend junge da. Neben uns stand ein kleiner Junge, der seine Fäuste im Takt auf die Bühne schlug oder nach den Songs in die Höhe riss. Lohn für seine Begeisterung: Andy Bell ging quer über die Bühne, um ihm die Hand zu geben!

Weniger Glück hatte ein Mann neben uns, der sich nach dem regulären Set eine der Setlisten griff. Der Techniker der Band deutete ihm, sie zurückzulegen, was er machte. Sein anderer Nachbar nutzte die Gunst der Stunde und schnappte sie sich - ein wenig sehr arschig.


Setlist Ride, Botanique, Brüssel:

01: Lannoy Point
02: Charm assault
03: Seagull
04: Weather diaries
05: Taste
06: Unfamiliar
07: From time to time
08: Dreams burn down
09: Cali
10: Twisterella
11: Impermanence
12: Lateral Alice
13: All I want
14: OX4
15: Vapour trail
16: Drive blind

17: White sands (Z)
18: Like a daydream (Z)
19: Leave them all behind (Z)
20: Chelsea girl (Z)

Links:


- aus unserem Archiv:
- Ride, Barcelona, 29.05.15



Dienstag, 16. Juni 2015

Ride, Barcelona, 29.05.15

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Konzert: Ride
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona
Datum: 29.05.2015
Dauer: 85 min
Zuschauer: 25.000*




Auf der Fahrt zum Flughafen zurück vom 2014er Primavera Festival hatten wir uns darüber unterhalten, welches große Comeback wohl 2015 stattfinden würde. Die Macher des Primavera haben in den vergangenen 15 Jahren nicht nur das beste Festival dieser Art auf dem europäischen Festland geschaffen, sie haben sich vor allem auch unter Musikern einen so guten Ruf aufgebaut, daß sie Jahr für Jahr große Comebacks alter Helden präsentieren können.



Der erste Name, der im letzten Jahr in der Metro fiel, war Ride. Ein paar Tage vorher hatten Slowdive gerade ihr größtes Konzert bis dahin gespielt und vor 25.000 Zuschauern bewiesen, wie sinnvoll die richtigen Reunions sind. Ride gehörten unserer Meinung nach natürlich auch in diese Kategorie. 



Mitte November tauchten Fotos eines riesigen Posters an einem Haus in Barcelona auf. RIDE. Auch beim Bestätigen ihrer Buchungsknüller beweist das Festival am Meer enorm viel Stil.


Ride hatten in den Wochen vorher bereits ein ganze Menge Konzerte gespielt, das erste Anfang April in Oxford, fast zwanzig Jahre nach dem letzten Auftritt damals in Benicàssim. Ich hatte mir so gut wie nichts davon angesehen, ich wollte möglichst viele aha (einer meiner Tipps für 2016) -Effekte erleben.

Kurz vor Mitternacht, also zur Primavera Primetime, kamen die vier Engländer auf die Bühne. Hinter ihnen wieder das riesige "Ride". Sie begannen furios! Ach, das ist Unsinn... das ganze Konzert war so wie der Beginn. Aber gut, Ride begannen eben auch irre toll. Leave them all behind vom zweiten Album Going blank again. Der Sound war wundervoll; spätestens als die Stimmen der beiden Sänger einsetzten, war klar, daß es schon nicht mehr ganz schlecht werden würde. Polar bear, Seagull... genauso hatte ich mir mein erstes Ride-Konzert gewünscht! Mein erstes überhaupt leider, nicht mein erstes seit 20 Jahren. Wie so viele andere damals (und heute) wichtige, weil gute Bands habe ich auch die Engländer in den 90ern nur auf Platte gehört. Aber eine warme Nacht in Barcelona, rechts das Meer, vorne diese Shoegaze-Götter, links die Stadt, hinten zigtausend mitjubelnde Menschen und überall dieser wunderschöne Krach, das ist vermutlich nicht der schlechteste Weg, eine Band live "zu entdecken". 



Sehr schnell war ich in diesem Zuhör-Rausch, den nur solche Musik erzeugen kann. Solche Musik, laut gespielt! Da ist es dann vollkommen egal, ob Lieblinge fehlen, zwischendrin mal ein weniger aufregender Song kommt oder ein Stück ein sehr plötzliches Ende hat (Time of her time). Ich habe das Konzert als anderhalbstündiges Gitarrenparadies erlebt, ohne störende Unterbrechungen. Andy Bell und Mark Gardener machten zwar einige kurze Ansagen, beschränkten sich aber auf das Wesentliche. Der einzige Bruch war das fünfminütige Noisegewitter bei Drive blind gegen Ende des Konzerts.



Die Setlist war wohl so, wie man sie erwarten konnte, wenn man das denn tat. Viele Stücke von den ersten beiden Platten und den ersten drei EPs, allerdings nur Black nite crash von den beiden letzten Alben.


Mouse trap und Chelsea girl, fast als Medley gespielt, beendeten den Auftritt nach knapp 90 min. Zugaben gab es nicht, warum auch? Es war alles gesagt. "Now you've got all what you wanted. Are you really satisfied?" Oh ja! Danach hätten noch einige spannende Bands gespielt, wir taten es aber vielen anderen nach und gingen heim.

Als wir Montag nach dem Festival unsere Vorhersagen für 2016 machten, hätte ich am liebsten mit "egal, Hauptsache Ride und Slowdive" geantwortet, aber so einfach gestrickt sind die Primavera-Leute leider nicht.


Setlist Ride, Primavera Sound Festival, Barcelona:

01: Leave them all behind 
02: Like a daydream 
03: Polar bear 
04: Seagull 
05: Sennen 
06: Black nite crash 
07: OX4 
08: Dreams burn down 
09: Time of her time 
10: Chrome waves 
11: Paralysed 
12: Taste 
13: Vapour trail 
14: Drive blind 
15: Mouse trap 
16: Chelsea girl 



 

Konzerttagebuch © 2010

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