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um
15:03
Konzert: Suede
Ort: Primavera Sound Festival 2016
Datum: 01.06.2016
Dauer: gut 70 min
Zuschauer: viele Tausend
In unserem ersten Jahr Primavera haben wir eine ganze Menge Anfängerfehler gemacht. Der schmerzhafteste war die zigstündige Besichtigungs-Tour am Anreisetag, der blödeste, erst am Donnerstag, dem ersten richtigen Festival-Tag anzureisen. Wir hatten damit nämlich die Konzerte am Mittwoch verpasst, dem Tag, an dem die Veranstalter der Stadt Bands präsentieren, ohne dafür Eintritt zu verlangen. Neben vielen anderen haben The Wedding Present oder OMD in den letzten Jahren mittwochs gespielt.
Gestern waren Suede Gratis-Headliner im Parc del Fòrum, in dem ab heute rund 80 Bands pro Tag auftreten werden.
Suede sind zur Zeit auf einer Tour, in der die Band ihr aktuelles Album Night Thoughts und ein anschließendes Best of spielt. Beim Primavera Festival teilen sie dies auf, das Album-Konzert, zu dem ein Film gehört, findet im Auditori statt, das Best of am ersten Abend im Parc del Fòrum. Bei Suede - ähnlich wie bei OMD im letzten Jahr - gibt es verdammt viel im Bandkatalog. Damit kann man locker 70 Minuten bestreiten.
Brett Anderson (48) hatte nach einer Handvoll Songs den ersten großen Riß unter der Achsel. Wenn es den Ausdruck "Rampensau" noch nicht gäbe, diese Art von Entertainer nennte man irgendwas mit "Anderson". Der Suede-Frontmann hetzte wie üblich über die Bühne, rannte zigmal durch den Fotograben, kletterte zum Publikum und auf eines der Kamera-Podeste. Wobei er dabei Probleme hatte, es sah ein wenig unbeholfen aus. Zu dem Zeitpunkt hatte Brett aber bereits einige Kilometer zurückgelegt.

Daß ein Set (wenn man Suede mag) nicht schlecht sein kann, wenn Lieder wie Trash, Killing of a flashboy, Animal nitrate, We are the pigs, So young und und und gespielt werden, ist klar. Weit weit weg von der Bühne mit zigtausend anderen verpufft aber ein Teil der Britpop-Magie. Wir kamen spät, ein paar Minuten vor Konzertbeginn auf dem Gelände an und wollten uns nicht in die ersten Reihen vorkämpfen. Wenn man dann noch von Leuten umgeben ist, die nicht oder nicht vorrangig wegen der Musik da sind, fühlt sich so ein Auftritt mehr nach einer Party mit gutem Mixtape an. Was nicht schlecht aber anders als ein Konzert ist. Mein letztes Suede-Konzert im AB in Brüssel im Februar war eine Klasse besser. Aber eben der Umstände wegen.
Trotzdem ist es natürlich toll, daß das Primavera so etwas anbietet, seien es die Gratis-Konzerte am Samstag und Sonntag in der Stadt oder der erste Tag mit Konzerten im Forum.
Und die neben mir, die sich sonst laut unterhielten, wechselten bei den großen Hits auch die Sprache und sangen mit.
Nach The beautiful ones folgten zwei Zugaben, das akustische She's in fashion und New generation. "Erinnert mich an Udo Jürgens", sagte irgendwann ein Freund neben mir. "Stimmt. Auch das Aussehen." Es war wieder einmal toll mit Suede!
Setlist Suede, Primavera Festival, Barcelona:
01: Introducing the band
02: Outsiders
03: Killing of a flashboy
04: Trash
05: Filmstar
06: Animal nitrate
07: We are the pigs
08: Sometimes I feel I'll float away
09: Everything will flow
10: The drowners
11: Still life
12: For the strangers
13: So young
14: Metal Mickey
15: The beautiful ones
16: She's in fashion (Z)
17: New generation (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
- Suede, Brüssel, 06.02.16
- Suede, London, 30.03.14
- Suede, Köln, 21.11.13
- Suede, London, 30.03.13
um
12:45
Konzert: Suede
Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Datum: 06.02.2016
Dauer: 48 min & knapp 55 min
Zuschauer: nicht ganz ausverkauft
Mein letztes Konzert im AB in Brüssel fand am 06.11.15 statt, New Order spielten vor ausverkauftem Haus - sieben Tage vor den Anschlägen von Paris. Einige der Täter hatten in unmittelbarer Nähe der Anspachlaan, in der das AB und viele Restaurants und Bars liegen, gelebt und geplant. In den Wochen nach dem Pariser Terror herrschte in Brüssel Ausnahmezustand, auch alle Veranstaltungen im Ancienne Belgique wurden gestrichen. Ganz ausblenden konnte ich die Gedanken an den vergangenen November nicht, als wir ins AB kamen, man guckt jetzt zum Beispiel eher nach den Notausgängen.
Mein persönlicher Schluß nach Paris ist, noch eine Spur bewußter zu leben. Und lieber mal ein Konzert mehr zu gucken. Bei Suede allerdings war das nicht nötig, zu dem Konzert wäre ich so oder so gefahren.
Ende Januar veröffentlichte die britische Band ihr neues Album Night thoughts, dem zweiten nach der langen Pause von elf Jahren. Zur Platte erschien ein Film des Regisseurs Roger Sargent. Auf der aktuellen Tour spielen Suede die komplette neue Platte "mit Film" und danach ein normales Set, so weit war ich vorbereitet. Details, wie das aussehen würde, kannte ich nicht. Wobei das ja auch nicht schrecklich schwer vorzustellen ist. Da spielt eine Band und im Hintergrund läuft ein Film. Gab's schon mal.
Bei Night thoughts läuft das anders. Die Leinwand hing vorne an der Bühne und die Band begann um kurz nach halb neun hinter ihr. Auch das ist nicht neu, Sigur Rós haben bei ihrer letzten Tour auch so begonnen. Da fiel die Leinwand aber nach ein paar Minuten, bei Suede blieb er. Also sahen wir den Film und durchschimmernd die Band dahinter. In manchen Liedern wurden einzelne Musiker durch Spots hervorgehoben, manchmal sah man wegen der Farben der Bilder des Films mehr oder weniger von Suede.

Das war schon einmal grundsätzlich eine wunderbare Art eines Konzerts. Die Bilder, die der Film zeigt, abgestimmt auf die Songs, machte es aber erst zu einem einzigartigen Erlebnis. In Episoden zu den Liedern zeigt Night thoughts am Anfang einen Mann der durch ein Kornfeld an den Strand läuft, um dann ins Wasser zu gehen. Im Verlauf des Konzerts sieht man (und er) sein Leben auseinanderdriften. Dies ist zum Teil grandios dargestellt. In einer Szene (zu I don't know how to reach you) zwingt der Protagonist seine Ex-Freundin mit vorgehaltener Waffe ins Auto. Die Bilder wechseln mit Szenen aus der glücklichen Zeit der beiden, der Weg vom Haus zum Auto, das Einsteigen, die Fahrt. Suede spielen die Stücke zum Film ohne Pausen durch. Ein wenig hatte die Band die Funktion dieser Kino-Pianisten oder -orchester von früher.
Als Musikfilm wird sich Night thoughts sicher auch auf DVD lohnen, an die Brillanz der Aufführung mit Band hinterm Bildschirm wird das aber nicht ansatzweise herankommen.
Und musikalisch? Ich kannte die Platte vorher nicht und ich mag es, neue Musik live kennenzulernen. Natürlich passierte hier eine ganze Menge gleichzeitig, Band, neue Lieder, rempelnde Leute, Film. Einen richtigen Eindruck unter diesen Umständen zu bekommen, ist schwierig. Aufs erste Hören gefiel mir Night thoughts sehr gut. Irgendwo las ich, es sei das beste Suede Album seit Dog man star, das ist vermutlich arg verwegen. Aber es ist gut und hörenswert.
Knapp 50 min dauerte dieser erste Teil. Dann wurde die Leinwand entfernt, um nach einer knappen halben Stunde ein normales Konzert drauf zu packen. Naja, was bei Suede so normal ist...
Brett Anderson schwitzte sein Hemd bereits in den ersten Minuten durch. Hinter der Leinwand war sein Bewegungsspielraum arg eingeschränkt, als der Vorhang fiel, fielen auch die Hemmungen. Irgendwann war der Sänger öfter vor als auf der Bühne und rampensaute sich durch die knappe Stunde Best-of, die im Prinzip ein erster Zugaben-Block war, der nur aus Hits bestand. Einmal mittendrin wurde es leiser, als die Band The sound of the streets anstimmte. Brett Anderson gab zwischendrin seinem Gitarristen ein Zeichen, leiser zu spielen, was der erst übersah. Als das Winken heftiger wurde, folgte er. In Brüssel sind grundsätzlich viele Briten bei Konzerten. Daß das auch hier so war, zeigte die große Textsicherheit.

Die eigentlichen Zugaben begannen mit Everything will flow. "It's from a disliked album but it's a good song!" kündigte Brett an. Mit laut mitgegröhltem New generation endete das Doppelkonzert. Die erste Hälfte war wegen ihres Gesamteindrucks brillant, die zweite wegen all der Hits. Das war ein ganz und gar nicht verschenkter Abend!
Setlist Suede, Ancienne Belgique, Brüssel:
01: When you are young
02: Outsiders play
03: Tomorrow
04: Pale snow
05: I don't know how to reach you
06: What I'm trying to tell you
07: Tightrope
08: Learning to be
09: Like kids
10: I can't give her what she wants
11: When you were young
12: The fur and the feathers
13: Moving
14: Killing of a flashboy
15: Trash play
16: Animal nitrate
17: It starts and ends with you
18: Sometimes I feel I'll float away
19: The sound of the streets
20: So young
21: Metal Mickey
22: Beautiful ones
23: Everything will flow (Z)
24: New generation (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
- Suede, London, 30.03.14
- Suede, Köln, 21.11.13
- Suede, London, 30.03.13
um
09:02
Konzert: Suede (performing Dog Man Star)
Ort: Royal Albert Hall, London (Teenage Cancer Trust)
Datum: 30.03.2014
Dauer: Suede 130 min, Eagulls 35 min
Zuschauer: ca. 4.500 (nicht ausverkauft)
Wir wussten nicht recht, was uns erwarten würde. "Suede performing Dog Man Star" hieß der Abschlußabend der Teenage Cancer Trust Konzerte in der Royal Albert Hall. Als wir kurz vor Beginn der Vorgruppe unser (upgegradeten) Sitzplätze unten eingenommen hatten, waren der Innenraum und die meisten Sitzplatzebenen erschreckend leer. Die beiden großen Logen über und hinter der Bühne blieben ganz unbesetzt. Es hatte tagsüber noch regulär Tickets gegeben, obwohl damals, als der Vorverkauf startete, alles sofort ausverkauft war.
Auch inhaltlich war ich ratlos. Laut Aushang würden Suede von halb neun bis gegen elf spielen. Über zwei Stunden war schwer vorstellbar - aber die Teenage Cancer Trust-Konzerte sind auch für die beteiligten Bands besonders, warum also nicht.
Es wurden (Kurzversion - Abreisetag, später ausführlich) zwei Stunden und zehn Minuten und ein zweiter Konzertteil, in dem die Band neben einer Hitparade am Ende fünf B-Seiten der Dog Man Star Zeit und ein neues (und nicht sehr aufregendes) Stück Don't know how to reach you spielte. Begleitet wurden Suede von acht Streicherinnen, die besonders eindruckvoll waren, wenn es vor ihnen leise wurde (bei Still life).
Nach zwei Stunden beendete eine ewig lange Version der 1994er Single Stay together mit Streichern und einem Saxophon-Trio, das für die letzten zwanzig Sekunden auf die Bühne kam, das Konzert. Am Anfang sitzend war nicht immer abzusehen, daß es so gut werden würde, nachdem im zweiten Teil deutlich mehr Konzertatmosphäre aufkam, wurde der Abend hervorragend! Fünf Stunden vierzig The Cure und Suede (plus 35 unnötige Minuten Eagulls) - ein ausgefülltes Wochenende.
Setlist Suede, Royal Albert Hall, London:
Dog Man Star:
01: Introducing the band
02: We are the pigs
03: Heroine
04: The wild ones
05: Daddy's speeding
06: The power
07: New generation
08: This Hollywood life
09: The 2 of us
10: Black or blue
11: The asphalt world
12: Still life
13: Killing of a flash boy (Z)
14: My dark star (Z)
15: Whipsnade (Z)
16: Together (Z)
17: Filmstar (Z)
18: Trash (Z)
19: Animal nitrate (Z)
20: It starts and ends with you (Z)
21: Don't know how to reach you (neu) (Z)
22: The living dead (Z)
23: For the strangers (Z)
24: So young (Z)
25: Metal Mickey (Z)
26: Beautiful ones (Z)
27: Stay together (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
- Suede, Köln, 21.11.13
- Suede, London, 30.03.13
um
09:25
Konzert: Suede
Ort: E-Werk, Köln
Datum: 21.11.2013
Dauer: Suede knapp 90 min, Teleman 44 min
Zuschauer: bei weitem nicht ausverkauft
"Good singing!" lobte uns Brett Anderson nach Everything will flow, irgendwann in der Mitte des Konzerts. Auch wenn das E-Werk weit von ausverkauft entfernt war, fühlte sich der Suede Auftritt nicht anders an als mein erster dieses Jahr an Karsamstag im riesigen Alexandra Palace in London. Es war eine große Show, und das nicht etwa aus Nostalgiegründen, Suede wirkten frischer als Generationen von Bands, die nach ihnen aufgetaucht und wieder verschwunden sind (hinter mir stand jemand mit einem White Lies T-Shirt) - und Suede haben mit Brett Anderson einen Frontmann, der wahrscheinlich auch in zwanzig Jahren noch jeden anderen in den Schatten stellen wird.

Es dauerte aber ein paar Minuten, bis das Konzert bei mir zündete. Der Beginn mit Faultlines und einer manchmal wackeligen Stimme war nicht brillant. Dazu stellte sich die einzige Person im E-Werk ohne eigenes Deo kurz vor Beginn in eine nicht vorhandene Lücke vor uns. Das Rauchverbot in Clubs hat so viele Vorzüge. Bloß im Hinblick auf Schweißgerüche hatten verqualmte Läden durchaus großen Charme. Der langsame, sehr ruhige Beginn, bei dem Brett am linken Bühnenrand zusammengekauert auf einer Box saß, war aus meiner Sicht ungewöhnlich. Luftholen in der Mitte macht Sinn, aber gleich am Anfang? Snowblind, eines von Bretts Lieblingsliedern der aktuellen Platte, packte mich auch noch nicht richtig, das tat erst das dritte Stück des Abends It starts and ends with you (auch von Bloodsports). Danach war das Konzert ein Selbstläufer. Auf It starts... folgten ohne Pause Trash und Animal nitrate. Bei Can't get enough war der Sänger erstmals im Fotograben zum Anfassen.

Nach kurzer Pause (Sometimes I feel I'll float away und dem fast schon musicalesquen What are you not telling me? bei dem Brett Anderson auf der Erde lag, da war er wohl gerade weggefloatet, und das ich mir, wenn ich Suede nicht so mögen würde auch als Musik zu einer Eiskunstlauf-Kür vorstellen könnte), nahm das Konzert mit The drowners wieder Schwung auf.
Weil vor allem im zweiten Teil des Konzerts kaum Pausen zwischen den Stücken gemacht wurden, entstand der Eindruck eines großen Hit-Medleys, nur daß die Lieder eben ausgespielt wurden.
Irgendwann nach unzähligen Ausflügen an die erste Reihe, als Bretts weißes Hemd schon klatschnass war, kündigte er ein Lied an, das sie eine Weile nicht gespielt hätten. Meist lügen Künstler, wenn sie so etwas sagen (David Gedge war sich dessen wohl auch bewußt, als er beim Wedding Present Konzert neulich in Düsseldorf sagte "we didn't play this song before!" - "In Düsseldorf"). Picnic by a motorway hatte aber wirklich Tourpremiere und zählt zu den selten gespielten Stücken der Band. Der Sänger wurde dazu nur von Piano und akustischer (und sagenhaft schief klingender) Gitarre begleitet.
Noch ein sagenhaftes mitgegröhltes Vierer-Hit-Medley aus For the strangers, So young, Metal Mickey und Beautiful ones und später die beiden Zugaben She's in fashion und New generation beendeten den Abend nach knapp anderthalb Stunden.
Wow, was sind Suede für eine fantastische Liveband! Darüber täuscht auch kein ins Set untergejubeltes langweiligeres Lied hinweg. Nötig hat die Band, die in den 90er Jahren sicher noch einen ausgezeichneten Plattenvertrag hatte, solche schweißtreibenden Abende nicht mehr. Das Rockstarleben nach der aktiven Karriere ist zwar vermutlich sehr teuer, bei Suede scheinen aber (so meine romantische Vorstellung) keine finanziellen Beweggründe das Comeback zu steuern. Wenn solche Shows für den Entertainer Brett Anderson bloß ein lästiger Arbeitstag sind, ist er ein unglaublich guter Schauspieler - und ich ein gutgläubiger Trottel.
Setlist Suede, E-Werk, Köln:
01: Faultlines
02: Snowblind
03: It starts and ends with you
04: Trash
05: Animal nitrate
06: Can't get enough
07: Sometimes I feel I'll float away
08: What are you not telling me?
09: The drowners
10: Filmstar
11: Everything will flow
12: The 2 of us
13: Indian strings
14: Picnic by a motorway
15: For the strangers
16: So young
17: Metal Mickey
18: Beautiful ones
19: She's in fashion (Z)
20: New generation (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
- Suede, London, 30.03.13
um
00:39
Konzert: Suede
Ort: Alexandra Palace, London
Datum: 30.03.2013
Zuschauer: wohl annähernd 10.000 (es gab noch Karten)
Dauer: 105 min
Englische Wochen beim Konzerttagebuch... beim Fußball deutet das aufs Ende der Saison hin, in unserem Sport kommt sie jetzt langsam ins Rollen.
Der Alexandra Palace ist einer der wenigen Konzertsäle, der auch in Deutschland recht bekannt ist, weil er einmal im Jahr dauerpräsent im Fernsehen ist. Die Stars heißen dann aber nicht Brett Anderson sondern Phil Taylor oder Adrian Lewis, tragen scheußliche Hemden über Bierbäuchen und werfen vor zigtausend betrunkenen Landsleuten kleine Pfeile auf Dartscheiben. Obwohl ich mit einem Freund immer wieder darüber spreche, daß wir uns das mal live ansehen müssten, bin ich heilfroh, daß mein Besuch im Ally Pally einen weniger schlimmen Hintergrund hatte.
Suede sind keine meiner fünf Lieblingsbands. Aber sie - vor allem ihr grandioses erstes Album - sind wichtig genug, um den dringenden Wunsch gespürt zu haben, sie endlich einmal live zu sehen. "Was, du warst noch bei keinem Suede Konzert? Fahr hin, die sind grandios!" war die Standardreaktion meiner Musikfreunde, auf deren Meinung ich viel gebe. Also stand drei Wochen nach My Bloody Valentine die nächste UK-Konzertreise an, diesmal - weil die Anreise nach London so viel einfacher ist - deutlich verkürzt aber nicht minder eindrucksvoll.
Der Alexandra Palace trohnt auf einem Berg über dem Norden Londons. Als wir um kurz nach zehn aus einem der großen Portale ströhmten, sahen wir geradeaus das nächtlich beleuchtete London und einen riesigen Mond. Das wäre auch nach einem Dartabend eindrucksvoll gewesen, nach anderthalb Stunden großer Mitgröhl-Hits (und 15 Minuten Lückenfüllern), war dieser Abschluß aber besser!

Die Lage des "Palace for the people" machte die Anreise ein wenig kompliziert. Die nächste U-Bahn Station ist so weit weg, daß man von dort 15, 20 Minuten mit einem Shuttle-Bus benötigt. Die Vorstellung, mit 10.000 andern zu shuttlen, war wenig verlockend, also fuhren wir mit der der Overground Bahn an eine andere Station und von da mit einem Taxi weiter. Vielleicht war die Vorsicht übertrieben, denn als wir am Ally Pally ankamen, waren die Einlaßgitter vor dem Eingang noch wenig gefüllt. Wir machten es also wie die meisten anderen und gingen noch einmal in die Kneipe neben dem Einlaß. Als wir kurz nach sieben (und damit kurz nach Beginn der ersten Vorgruppe) reingingen, war vor den Türen nichts los, es war der entspannteste Beginn eines Großereignisses seit langem. Aber das ist ohnehin etwas, was Briten meisterlich beherrschen. Am Mittag hatte ich einen Kurzstop ins British Museum eingeplant, hätte aber fast wieder auf dem Absatz kehrt gemacht, weil davor die Hölle los war. Allerdings war die Organisation so perfekt, daß ich trotz hunderter Ostertouristen vor mir ruckzuck im Museum war. Da staatliche Museen in London keinen Eintritt kosten, lohnte sich auch ein Kurzbesuch, obwohl sich vor den Hits der Sammlung (dem Rosetta-Stein z.B.) die Leute stapelten. Wie sehr ich die Briten doch um ihre Kulturliebe beneide. Und um ihre höflichen Landsleute! Besonders, als einige Stunden später meine Sitznachbarn im Flugzeug (Sebi und seine Freundin, Platz 15a und 15b - es besteht keine Gefahr, daß sie das lesen, sie sahen nach Eros Ramazotti und Bon Jovi Freunden aus) mir ihr Gepäck ins Kreuz knallten...

Den Alexandra Palace, präziser unseren Flügel, betrat man durch große Türen. Dort wurden in einem ersten Saal die Kontrollen durchgeführt. Durch die nächsten Doppeltüren kam man ein einen Raum, der so groß wie das Kölner Palladium war. Dort befand sich zwar eine Bühne mit aufgebauten Instrumenten, es war aber nur der Vorraum mit Bars, Kaffeestand, einer Reihe Geldautomaten und Merch- und Essenständen. Den Sinn der Bühne erkannten wir dann, nachdem wir uns gegen die erste Vorgruppe und für den Warteraum entschieden hatten. Denn dort spielte eine Jazzband ein wenig Fahrstuhlmusik für die Wartenden. Herrlich absurd, mit einem Kaffee in der Hand durch die offenen Türen der langweiligen Vorgruppe zuzusehen und die Musik der Easy-Listening-Combo in der Ecke zu hören!
Nach ein paar Rauchpausen in einem durch Bauzäune abgetrennten Bereich außen vor dem Palace, der den Charme eines Gefängnishofes hatte, gingen wir rechtzeitig zu den letzten Vorbereitungen vor Suede in den großen Saal. Und groß meint groß! Der Raum ist breit und tief, vor allem aber riesig hoch. Um viertel nach neun liefen noch die Sex Pistols, bevor der Vorhang fiel, das Logo des aktuellen Albums Bloodsports auf Leinwänden erschien und die Band nach und nach die Bühne betrat. Brett Anderson, der als einziger nicht komplett schwarz gekleidet war, kam als letzter und begann ohne Einleitung mit den drei besten Liedern der neuen Platte. Vor allem Barriers und It starts and ends with you ziehen schon so gut live, daß zumindest vorne sofort sagenhaft gute Stimmung herrschte. Um uns rum irgendwo im vorderen Drittel des Raums waren die Leute am Anfang noch etwas zurückhaltend. Aber mit den drei Hits im Anschluß - Animal nitrate, Metal Mickey und We are the pigs - war jedes Zurückhaltung verflogen. Der ältere Mann hinter mir tanzte von jetzt an durch. Die beiden Großeltern (?) mit ihrem 14jährigen Enkel, der irgendwann Wayne Rooney zum Verwechseln ähnlich sehen wird, hatten ein seliges Lächeln im Gesicht.

Und ja, spätestens jetzt konnte ich nachvollziehen, was mir alle mit auf dem Weg gegeben hatten. Suede sind eine grandiose Liveband! Brett Andersons Anteil daran ist natürlich besonders groß. Er macht zwar auch all die Dinge, die ich in der Regel bei Musikern verachte, Mitklatschanimationen sind bei dem hymnischen Mitsingnummern der Band aber absolut nicht verkehrt.
Der Frontmann, der frappierend dem mitteljungen Udo Jürgens gleicht (nur
trug er an Stelle des weißen Bademantels ein weißes Hemd), sang immer wieder Zuschauer an, zeigte auf irgendwen, kletterte in den Fotograben und lief von einer Seite zur anderen und klatschte seine Fans ab. Und schmetterte währenddessen Kracher wie The drowners. Das war schon enorm gut!
Und das Konzert wäre noch eine Ecke besser als enorm gut gewesen, wenn nicht einige der langweiligeren Stücke des neuen Albums (Sometimes I feel I'll float away) und einige alte wie Everything will flow ("jetzt schunkeln sie!") oder Can't get enough den Schwung aus dem Konzert nahmen. Weniger wäre hier mehr gewesen. Nicht nur wegen der einsetzenden Müdigkeit hätten mir 75 Minuten Hits absolut ausgereicht.
Aber was soll das Jammern, wenn man mit Tausenden glücklich aussehender Briten zeitlose Hits wie So young, The beautiful ones oder New generation mitgröhlen kann?
Daß diese Bands, die ihre große Zeit vor zwanzig Jahren hatten, noch immer so relevant sind, mag nicht für ihre Nach-Nachfolger sprechen. Aber das ist mir an solchen Abenden nochmal egaler als sonst!
Setlist Suede, Alexandra Palace, London:
01: Barriers
02: Snowblind
03: It starts and ends with you
04: Animal nitrate
05: Metal Mickey
06: We are the pigs
07: Sleeping pills
08: Sometimes I feel I'll float away
09: Hit me
10: Filmstar
11: Killing of a flash boy
12: The wild ones
13: Pantomime horse
14: The drowners
15: Can't get enough
16: Everything will flow
17: For the strangers
18: So young
19: Trash
20: The beautiful ones
21: Sabotage (Z)
22: Saturday night (Z)
23: New generation (Z)