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Dienstag, 16. Mai 2017

Fink, Düsseldorf 09.05.2017

2 Kommentare

Konzert: Fink
Ort: Savoy Theater Düsseldorf
Datum: 09.05.2017
Dauer: 90min.
Zuschauer: ca.400

Der britische Musiker Finian Paul Greenall "Fink" präsentierte sein spontan aufgenommenes Blues-Album im ehrwürdigen alten Savoy-Kino in der Düsseldorfer Innenstadt. 

Nur wenige Spielorte wurden ausgewählt, der Aufnahmeprozess für das neue (reguläre) Album von Fink läuft bereits und für den späten Herbst sind schon Konzerte in größeren Hallen gebucht. Also eher eine Herzensangelegenheit, der hier erstaunlich viele Konzertgänger folgen. 

Wie es sich für ein bestuhltes Konzert gehört, geht pünktlich um 20:00 Uhr das Licht aus und gibt den Blick auf die spärlich beleuchtete Bühne frei. Gerade vier, als Funzeln zu bezeichnende, kleine Stehlampen müssen heute reichen um einen Kellerclub zu simulieren, obwohl alleine die Deckenhöhe des Saales eher auf ein großes Stadttheater schließen lassen würde.

Ohne Support betritt Fink mit seinen drei Musikern die Bühne, klassisch besetzt mit Steelguitar, akustischem Bass und Fink an der zweiten (oft akustischen) Gitarre. 



"Hard to see you happy" bildet den Eröffnungssong, und auch dieser Titel könnte dem Blueslehrbuch entnommen sein, gerade auch deshalb weil er so verflucht gut klingt. 

Dieser Ausflug in den Blues ist für Greenall eigentlich kein Experiment. Sowohl seine Platten (die immer den düsteren und schmutzigen Klang alter Scheiben pflegten), als auch seine Konzerte hatten immer sehr viel Anteile des Blues in sich.

Das langsame, kratzige und nur ganz selten poppige Liedgut ist sein Erfolgsgeheimnis. Hier und heute tritt dieser Aspekt natürlich noch mehr in den Vordergrund. Weniger der klassische Songaufbau des Popalbums sondern das improvisierte, sich ständig wiederholende Thema der wenigen Bluesakkorde sind die Hauptakteure des Abends.

Dazwischen gibt es zur Freude der Zuschauer, die Fink heute zum ersten Mal live erleben, immer wieder die besten Songs aus den früheren Alben. Sogar "Hard Believer" und "Looking so Closely", das Greenall damals (gegen den Willen seines Produzenten) nicht aufnehmen wollte, da es ihm zu poppig erschien. 

Wie gut, dass er sich umstimmen ließ. Die Band hat sichtlich Spaß hier einfach, ohne Druck und monatelangem Tourstress, loszulegen. Fink selber ist ebenfalls viel lockerer und zu Scherzen aufgelegt, ganz anders als bei seinen früheren Konzerten. 



Leider ist die Setlist nicht allzu lang, viel Zeit zum proben war wohl nicht eingeplant und so beschließt Fink den Abend alleine an der akustischen Gitarre mit einer fabulösen Version von "Wheels". 

Ein kurzer, aber rundum gelungener Konzertabend klingt für viele an der Bar im Foyer mit einem großen Scotch aus, die Roadies trinken mit. Am nächsten Tag schon ist die Tournee vorüber und viele werden den Blues des ewig vergänglichen pflegen.


Montag, 12. Dezember 2011

Liz Green, Paris, 6 & 7.12.11

3 Kommentare

Konzerte: Liz Green Orte: Fnac des Ternes & La Flèche d'or, Paris
Datum: 6 & 7.12.2011
Zuschauer: etwa 20 (Fnac des Ternes) bzw. circa 200 (La Flèche d'or)

Konzertdauer: jeweils etwa 40 Minuten


Liz Green habe ich schon eine Weile auf dem Schirm. Die britische Folk & Bluessängerin ist mir live bereits zwei mal über den Weg gelaufen, hat mich jeweils sehr beeindruckt und ich habe es mir deswegen auch nicht nehmen lassen, ihre wunderschönen, handgestalteten EP's zu kaufen. Inzwischen sind die Dinger vergriffen und haben Sammlerwert. Aber Liz Green ist einfach zu gut und talentiert, um nur eine kleine exklusive Hörerschaft anzusprechen, die auf 100 Stück limitierte Cds im privaten Regal horten. Pias ist auf die rotblonde Dame mit der famosen Stimme aufmerksam geworden und hat sie gesignt. Dementsprechend steigen ihre Chancen auf eine professionelle Vermarktung und das kann mir nur recht sein. Sie hat ein wenig Rampenlicht wirklich verdient!

Trotz der Unterstützung von Pias ließen sich an jenem 6. Dezember in Paris nur höchstens 20 Leutchen beim Showcase in der Fnac blicken, wovon sicherlich noch einmal jeweils 5 Mitarbeiter bei der Fnac und Pias waren. Somit hatte ich das Talent aus Manchester quasi noch einmal fast für mich alleine. Ich war mir meines Glücks bewußt und genoß den intimen Gig in vollen Zügen. Wie immer glänzte Liz Green durch Natürlichkeit, gute Laune und fantastische Songs, die sie als eine der besten jungen Songwriterinnen Großbritanniens auswiesen. Miss Green scheint aus einer anderen Zeit zu stammen, ihre Lieder könnten glatt einer alten Grammofonaufnahme entspringen. Vielleicht saßen deshalb zwei ältere Frauen ganz vorne im Publikum?

Aber das Ganze war natürlich auch Etwas für Jüngere, denn die Green beschränkt sich nicht darauf, einen 30 er Jahre Retro-Aufguss zu servieren, sondern schafft es auf wundersame Weise, klassisch anmutende Folk/Bluessongs modern und aufregend klingen zu lassen. Ihre vorgetragenen Lieder teilte sie selbst in drei Kategorien ein: "A song about a party (Midnight Blues), a song about the war (Displacement Song) and all the other songs are about death". Nie vergaß sie bei diesen traurigen Themen aber ihren schwarzen Humor und so wußte man nie, ob man lachen oder weinen sollte. Definitiv lustig war aber ihre mir bereits bekannte Nummer mit der Vogelmaske. Es geht hierbei um Joe, "half man-half bird" wie sie erklärte, "who lost his fourteen sons (also half bird) in the Amercian Civil War before having to kill his wife Oko and himself with a woodcutter's axe". Der gepielte Titel hieß Hey Joe, hatte aber mit dem gleichnamigen Stück von Jimi Hendrix rein gar nichts zu tun. Eine wundervolle Ballade und ein Highlight in einem hochkarätigen Set, das die Sängerin mit French Singer beendete weil sie meinte es sei "rude" diesen Track in Paris nicht zu bringen.

Am nächsten Tag beim "richtigen" Konzert in der Flèche d'or waren dann mehr Zuschauer anwesend und hier spielte sie dann auch noch The Ballad Of Joe And Oko (jetzt bitte nicht an John und Yoko denken!), wozu sie einen Bildband gezeichnet hatte, den sie hübsche lächelnd dem Publikum Seite für Seite zeigte.

Zwei ausgezeichnete Konzerte, die die Vorfreude auf das im Januar 2012 erscheinende Debütalbum O, Devotion! noch mehr anheizt. Im Januar und Februar tourt sie dann auch wieder durch Kontinentaleuropa, da heißt es dabei sein!

Konzerttermine Liz Green 2012:

19.01.2012: Labor, Zürich
20.01.2012: Dudingen, Schweiz
21.01.2012: Parterre, Basel
23.01.2012: Il Clandestino, Faenza, Italien
26.01.2012: Botanique, Brüssel
27.01.2012: Paradiso, Amsterdam

28.01.2012: Roter Salon, Berlin
07.02.2012: Point Ephémère, Paris
01.03.2012: Dachauer Kultur-Schranne

Aus unserem Archiv:

Liz Green, Paris, 06.10.10
Liz Green, Paris, 31.01.10


Lesenswert:

Bloggerkönig das Klienicum zum Debütalbum von Liz Green, klick!






Pics Archiv, aktuelle Fotos in Kürze!



Donnerstag, 31. März 2011

Arbouretum, Paris, 28.03.11

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Konzert: Arbouretum & The Last Morning Soundtrack

Ort: La Maroquinerie, Paris

Datum: 28.03.2011
Zuschauer: höchstens 70 (Kapazität Maroquinerie 500), schade!
Konzertdauer: Arbouretum etwa 75 Minuten



Saftiger, steinschwerer, psychedelischer Bluesrock. Mit dem Stil der Amerikaner Arbouretum konnten Mädchen anscheinend nichts anfangen, denn das sehr spärlich erschienene Publikum bestand zu 85 Prozent aus Männern. Typen mit Vollbärten und wuscheligen Haaren, also genau passend zum Look der Band, die auf der Bühne stand, bevölkerten die Maroquinerie an jenem Montagabend.

Drei Besucher jenseits der vierzig waren besonders wild drauf und tanzten in der ersten Reihe unermüdlich zu den staubtrockenen Rhythmen von Arbouretum (nicht zu verwechseln mit Arborea! ) ab. Sie schienen wie in Trance, rissen die Hände nach oben, spielten Luftgitarre, bewegten sich headbangend vor und zurück und hüpften rum, als hätten sie Sprungfedern unter den Füßen. Man konnte von Glück reden, daß diese drei Komiker heute da waren, denn ansonsten wäre die gespenstische Leere in der Maroquinerie noch wesentlich deutlicher aufgefallen. Vielleicht gab es zu viele Konkurrenzveranstaltungen, in anderen Locations spielten u.a. die Shout Out Louds, Miles Kanes (der von den Rasclas und den Last Shadow Puppets), oder auch Immanu El.

Aber sei's drum, wir Männer ließen uns den Spaß an Arbouretum nicht nehmen. War irgendwie auch mal schön, ohne die ganzen heißen Weiber im Publikum, ein richtig zünftiger Herrenabend, so wie man (n) ihn öfter veranstalten sollte. Was wollen wir denn auch eigentlich mit den Weibern? Sollen sie doch shoppen gehen, oder sich die Augenbrauen zupfen, diese arroganten Ziegen!

Wir ließen es uns unterdessen heute richtig besorgen. Das Schlagzeug knallte tonnenschwer, die Gitarren jaulten bluesig, die Orgel klimperte hypnotisch und Sänger Dave Heumann hatte eine wirklich geile Stimme. Die Amis klangen ein wenig wie die frühen (und tollen!) Black Keys, oder auch die Gutter Twins. Oft gab es minutenlange Gitarrensoli (wer mag sowas nicht? haltet eure verfluchten Schnautzen, ihr habt keine Ahnung!), brachiale Schlagzeugsalven und Lieder, die anscheinend nie enden wollten. Die Band steigerte sich regelrecht in hypnotische Zustände, rockte was das Zeug hielt und stachelte vor allem unsere drei Komiker in der ersten Reihe saumäßig auf. Heavy, trocken, laut, genauso muß guter Rock klingen. Über eine Stunde ging das so, immer roh, immer wuchtig, bevor mit einer herzerweichenden Ballade abgeschlossen wurde.... kam keine Spur kitschig rüber, sondern balsamierte vielmehr die geschundenen Seelen der geplagten Großstädter, die einmütig mit der Zunge schnalzten und allesamt angaben, ein starkes Konzert gesehen zu haben, das ohne Zugabe dafür aber mit Umarmungen der drei Komiker seitens des Drummers endete.

Bewundernswert, daß die Band gespielt hat, als sei der Raum richtig voll gewesen. Sie gaben wirklich alles und das kann man neben dem hochkarätigen Set gar nicht hoch genug einschätzen!

Gut auch die Vorgruppe The Last Morning Soundtrack aus der französischen Bretagne. Arrangements aus Samt und Seide, wundervolle Harmonien zwischen Akustikgitarre, Piano und Cello und ein wehklagender Gesang, der an Damien Rice oder Chris Garneau erinnerte. Von denen wird man noch hören! Ihr erstes Album ist gerade erst erschienen.

Setlist Arbouretum, La Maroquinerie, Paris, siehe Foto.



Dienstag, 2. Juni 2009

Rodriguez & The Miserable Rich, Paris, 01.06.09

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Konzert Rodriguez & The Miserable Rich

Ort: Le Nouveau Casino, Paris
Datum: 01.06.2009
Zuschauer: gut besuchte Veranstaltung
Konzertdauer: The Miserable Rich: 40 Minuten, Rodriguez circa 80 Minuten



Pünktlich zur Vorgruppe zu erscheinen, fällt mir nicht so leicht, da ich konzerttechnisch im denkbar ungünstigsten Viertel in Paris lebe und stets eine sehr lange Anfahrtszeit habe. Abgesehen vom Olympia ist keine Location für mich schnell erreichbar und das Nouveau Casino, das im trubeligen Oberkampfviertel liegt, bildet da keine Ausnahme.

Deshalb bin ich diesmal extra früh aufgebrochen, denn ich wollte die englische Vorgruppe The Miserable Rich auf jeden Fall sehen. Der nervige Bus 96, den ich benötigte, wollte mir aber einen Strich durch die Rechnung machen: Das Scheißding fuhr mir gleich vor der Nase weg! Der nächste sollte erst 13 Minuten später kommen, was absolut inakzeptabel war. Mir blieb also nichts anderes übrig, als meine Beine unter den Arm zu nehmen und ins Nouveau Casino zu rennen.

Ich schaffte eine Punktlandung und war genau zum ersten Lied des Kammerpop-Orchesters da. Schweißtriefend glotzte ich auf die Bühne und sah als Erstes Richtung Violinist, der mir unglaublich bekannt vorkam. Woher bloß? Ich grübelte, bevor es mir wie Schuppen von den Haaren rieselte: Genau, den Burschen (Mike Siddell) hatte ich bereits bei Konzerten von Lightspeed Champion fiedeln gesehen, damals allerdings noch ohne Bart. Der lockenköpfige Akustikgitarrist, auf den mein Blick nun fiel, erinnerte mich wiederum irgendwie an John Arnold "I Am Kloot" Bramwell. Natürlich war es nicht Bramwell selbst, der da beherzt an den Seiten zupfte, allerdings erfuhr ich hinterher (danke Carsten!), daß er auch in der vorzüglichen, aber leider viel zu unbekannten Band Clearlake Akzente setzt. Jim Briffett sein Name. Für den Gesang war und ist James de Malplaquet verantwortlich und komlpettiert wurde die Band von zwei Herren an Kontrabass und Cello.

Die fünf Briten kamen gerade erst von einer ausgedehnten Deutschland-Tournee nach Frankreich und waren noch am Vortage beim herrlichen Orange Blossom Special Festival in Beverungen positiv in Erscheinung getreten.

Dennoch wirkten sie keineswegs müde, sondern sehr inspiriert und spielfreudig. Zwar waren zum Zeitpunkt ihres Auftrittes noch nicht sehr viele Zuschauer versammelt, aber diejenigen, die schon da waren, lauschten feierlichen Blickes den warmen, amtosphärisch dichten und filigran arrangierten Songs. Diese stammten mehrheitlich vom Debütalbum 12 Ways To Count, welches ihnen vorzügliche Kritiken in der Fachpresse eingrebacht hatte. Die vermutlich bekanntesten Lieder sind wohl der Boat Song und Pisshead (was für ein Titel!), aber mir persönlich hatte es besonders der melancholische Schmachtfetzen Muswell ("What do I know about flying?") angetan, der wunderbar harmonisch und rotweinseelig war. A propos Rotwein: Sänger James nippte immer mal wieder an diesem berauschenden Getränk. Eine witzige Sache übrigens, die Geschichte mit dem Rotwein. Sehr oft schon habe ich englische oder amerikanische Künstler erlebt, die in Paris dem Roten zusprachen, während die Franzosen selbst auf der Bühne eher Wasser oder Bier konsumieren, Wein trinkt man in Frankreich in der Regel nur zum Essen.

Aber Rotwein passt hervorragend zu der Musik von The Miserable Rich und man hätte auch noch ein paar andere Klischees bemühen können, zum Beispiel das Kaminfeuer oder die Phrase "die richtige Musik für den Herbst". Stimmt ja auch irgendwo alles, aber ich kann bestätigen, daß die Stücke der Brightoner auch im Juni und ohne loderndes Feuer noch funktionieren.

Schön anzusehen auch die Mimik von Sänger James, der passabel französisch sprach (obwohl er selbst erklärte: "mon français n'existe pas") und den Barmaid's Canon ("a drinking song", wie er betonte) theatralisch unterstrich, indem er einen Betrunkenen mimend über die Bühne torkelte.

Aber es gab nicht nur Titel vom Album 12 Ways To Count,
denn The Miserable Rich sind mit ihrem neuen Album schon so gut wie fertig und beglückten uns deswegen auch mit Neuheiten. Ob das Hot Chip Over And Over darauf enthalten sein wird, das heute weniger dancefloorlastig, in neuem, barocken Glanz erstrahlte? Wie auch immer, Sänger James sprach jedenfalls davon, daß man sich den Song gratis downloaden könne, wenn man seine E-mail Adresse hinterlasse.

Und das allerschönste Lied hatten sich die Brightoner für den Schluss aufgehoben, es wird definitiv auf dem neuen Album drauf sein. Es heißt wie ich: Oliver.

In der Umbaupause gab es Zeit zu einem Plausch mit den Musikern von The Miserable Rich. Insbesondere Volinist Mike zeigte sich gesrächig und berichtete von einer äußerst gelungenen Deutschland- Tournee, mit dem perfekten Abschluß beim Sommer Blossom Special in Beverungen. Angetan war er auch von der barocken Schönheit von Salzburg, neben Wien eine der beiden Städte, die The Miserable Rich in Österreich besucht hatten.

Meine Frage, ob sie denn jeweils mit Rodriguez unterwegs waren, konnte allerdings nicht mehr beantwortet werden, denn das Licht war inzwischen ausgegangen und ich kämpfte mich nach vorne durch, um aussagekräftige Fotos des nicht mehr ganz taufrischen Blues- und Folkmusikers zu schießen. Ohnehin wäre die Antwort nein gewesen, denn der Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln hatte einen anderen Tourkalender als die Engländer aus Brighton. Er sei unglaublich herzlich, dieser Rodriguez, hatte Sänger James schon vorher geschwärmt, das sei leider eine Seltenheit, Stars würden sich ansonsten gegenüber Vorgruppen eher distanziert verhalten.

Ein Star? Ist der das überhaupt, dieser alte Haudegen mit Sonnenbrille und Hut? Ehrlich gesagt: Ich hatte noch nie zuvor von ihm gelesen, er war für mich ein unbeschriebenes Blatt! In Südafrika soll er allerdings ganze Stadien gefüllt haben. Sein Auftreten hatte von Beginn an etwas Divenhaftes. Obwohl nicht mehr allzuschnell auf den Beinen und teilweise etwas desorintiert wirkend*, ging von ihm ein unbeschreibliches Charisma aus. Die Bildzeitung beschreibt Charaktere wie Sixto Rodriguez gerne als Alphatiere und selbst wenn ich die Ausdrücke dieser Postille ("Boxenluder", "Rosenkrieg", "Zickenalarm", "Dummbanker", "Brückenteufel", "Inzestmonster", "Traineridiot", "Torwarttitan", "Modezar") nicht sonderlich schätze, war er das mit Sicherheit. Ein Alphatier, ein Zuchtbulle, ein Kerl, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Ich war gespannt, ob er musikalisch halten konnte, was sein Rockstargebaren (das mühsame Aufsetzen des Hutes, die schwarze Sonnenbrille, der exzentrische Gürtel, einfach alles) versprach.

Meine Skepsis hielt nicht länger als ein paar Sekunden an, dann war sie unmittelbar aufkommender Euphorie gewichen. Boaaaaahhhhhh! Was für eine Bluesstimme! Welch nonchalantes Gitarrenspiel! Die Magie, die von seinen simplen Gitarrengriffen ausging, war unbeschreiblich. Ein Typ im Publikum, der das Werk des Altmeisters (welches lediglich aus zwei Studioalben, Cold Fact 1970 und Coming From Reality 1971 besteht) anscheinend in und auswendig kannte, unterstrich durch ausladende Gestik und urkomische Mimik seine grenzenlose Begeisterung. Ein seltsamer Kauz, dieser Fan! Aber er hatte verdammt noch mal recht! Sixto Rodriguez war wirklich sensationell gut und der Musiker, der an der Hammond rumorgelte ,unterstrich die Melancholie der Songs auf das Beste. Das Konzert wurde von Lied zu Lied besser. Mit Crucify Your Mind berührte mich Rodriguez wie kaum ein anderer Musiker zuvor . Ich kannte den Titel vorher nicht, aber ich hatte sofort das Gefühl, eines der schönsten und bewegendsten Lieder aller Zeiten zu hören! Zeile für Zeile hing ich an den vollen Lippen des sagenumwobenen Musikers und am liebsten hätte ich hinterher geschrien: "Rodriguez, you are a hero, you really are," aber ich wollte mich nicht blamieren, schließlich sagte mir bis vor wenigen Minuten der Hutträger noch rein gar nichts. Rodriguez hatte mich spielend um seinen kleinen kräftigen Finger gewickelt, ich war ihm von nun an verfallen. Unbeschreibliche Glücksgefühle überkamen mich, obwohl die Grundstimmung der regelmäßig recht kurzen Songs oft melancholisch bis traurig war. Ich begriff, warum man vor der Musikgattung Blues spricht. Nicht nur die Engländer verwenden den Ausdruck "I feel blue", wenn sie traurig sind, auch die Franzosen reden davon, einen "coup de blues", eine Niedergeschlagenheit, zu empfinden.

Das nächste Lied, was mich so richtig durcheinanderwirbelte, war dann Rich Folks Hoax. Rodriguez machte jetzt mit mir, was er wollte: "Talking bout the rich folks , rich folks, have the same jokes and they park in basic places", raunte er und ich zitterte innerlich vor Erregung. Unfassbar, dieses einfache, aber direkt ins Ziel treffende Songwriting. Ich war den Tränen sehr nahe, auch weil ich es nicht begreifen konnte, daß dieser Bursche da vorne kein Weltstar geworden ist, wie er es mit Songs dieser Güte verdient gehabt hätte. Haben etwa die Beatles viele Lieder von der Qualität wie I Wonder zu bieten? Da muß schon ein Bob Dylan mit Like A Rolling Stone kommen, um da was Adäquates entgegenzusetzen! Ok, ich schwärme wieder maßlos, aber wie will ich mich auch dem zeitlosen Charme dieser betörenden Kompositionen entziehen? Wer einmal einen Schocker wie Sugar Man gehört hat, wird ihn wahrscheinlich nie in seinem Leben mehr vergessen.

Und dieses sensationelle, unglaublich nahegehende Konzert des Mannes, der sich selbst leicht ironisch nicht nur als "old", sondern "almost dead " (gerüchtehalber war er das bereits!) bezeichnete, werde ich auch niemals vergessen, es sein denn Herr Alzheimer wird mein Hirn zerfressen und alles Schöne auslöschen!

In der Hoffnung, daß dies nicht passiert, schwelge ich hoffentlich noch einige Jährchen zu Evergreens von Rodriguez, der nach ungefähr 80 Minuten mit einem traumhaft schönen I Think Of You abschloß. Ist das schmalztriefender Kitsch? - Und wenn schon, ich stehe zu meinen romantischen Gefühlen und singe leise die Songzeilen mit: "and in these times that were apart, I hear this song that breaks my heart and I think of you and I think of you"...

Danke Sixto!



Setlist Rodriguez, Le Nouveau Casino, Paris:

01: Can't Get Away
02: Only Good For Conversation
03: Crucify Your Mind
04: Inner City Blues
05: Rich Folks Hoax
06: Like Janis
07: I Wonder
08: Establishement Blues
09: Sugar Man
10: To Whom It May Concern
11: Admit
12: Climb Up On My Music

13: Jane S. Piddy
14: Forget It
15: I Think Of You

Links:

- Die offizielle Rodriguez Webseite
- Videos: The Miserable Rich performen Muswell auf einem Hamburger Balkon. Sehr charmant! Oliver live
Rodriguez Sugar Man
I Think Of You

Mehr Fotos von Rodriguez hier
Mehr Fotos von The Miserable Rich hier

* er ließ sich oft von seinem Gitarristen helfen und manchmal hatte man den Eindruck, er würde fragen, wie er seine Klampfe stimmen müsse.



Samstag, 9. Februar 2008

Okkervil River, Paris, 08.02.08

5 Kommentare


Konzert: Okkervil River und Michael J. Sheehy
Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 08.02.2008
Zuschauer: gut besuchte Veranstaltung



Mist, da isser ja schon, mein Bus! Ich renne was mein verfetteter Körper hergibt, um den 96er noch zu erreichen, der den steilen Berg entlang der rue menilmontant hinaufklettert. Mit letzter Kraft schaffe ich es noch rechtzeitig aufzuspringen. Zum Glüch hatte ich gerade ein schnelles Lied von den Good Shoes auf den Ohren, das hat mich angetrieben. Mein Herz rast, ich war auch schon einmal besser in Form! Die Zeiten, in denen ich fünf Stunden über einen Tennisplatz hecheln konnte, scheinen lange vorbei. Wie lange eigentlich? Ich überlege kurz und komme auf eine erschreckende Zahl: 20 Jahre! Damals war ich sechzehn und auf dem Zenit meiner körperlichen Fähigkeiten. Zu dem Zeitpunkt waren die meisten (alle?) Musiker der französischen Band Coming Soon, die heute als Erste in der Maroquinerie auftritt, noch nicht einmal geboren! Schon gar nicht der Schlagzeuger, er ist vierzehn! "Ce sont des gamins" (das sind noch Kinder), berichtet dann auch Brigitte, die Freundin von Top-Konzertfotograf Robert Gil. Ich treffe sie kurz vor der Eingangstür zum Konzertsaal. Leider kommt sie gerade heraus, im Schlepptau von vielen anderen Besuchern, die im Flur oder an der Bar mal ein wenig verschnaufen wollen. Coming Soon waren schon fertig, trotz meines Sprints war ich zu spät dran! "Wie war es denn?" frage ich Brigitte und hoffe, daß sie jetzt ungefähr sagt: "ja das war ganz nett, aber Du hast eigentlich nichts verpasst". Den Gefallen tut sie mir aber nicht, sie berichtet von einem tollen Auftritt. Zerknirscht dringe ich in den Saal ein und treffe Stéphane, den unermüdlichen Filmer. "Und wie haben dir Coming Soon gefallen", frage ich ihn und erahne schon die Antwort. - "Immanquable!" (wortwörtlich: unverpassbar). Der saß! Ich habe mir also anscheinend eine unfassbar gute Vorgruppe durch die Lappen gehen lassen, die eine Musik zwischen Indie-Folk und Blues kredenzt...


Ich verziehe mich in meinen Schmollwinkel und habe außerdem Hunger. Heute ist irgendwie alles dumm gelaufen, wir hatten einen Wasserschaden in der Küche, der Installateur kam ewig nicht herbei und ich hatte deshalb keine Zeit mehr, vorher zu essen. Zu allem Überfluß (passt ja zum Wasserschaden!) habe ich die ganze Zeit die riesige Pizza vor meinem geistigen Auge, die ein Mann während der Busfahrt auf seinem Schoß liegen hatte....

Deshalb kann ich auch das außerordentlich geschmackvolle und hochklassige Set des Blues-Musikers Michael J. Sheehy nicht gebührend genießen. Verdammt schade, denn der leicht rundliche Mann mit dem Bowler-Hütchen (ich bekomme diese Woche eine ganze Hutparade geboten, bei Babyshambles einen Zylinder, heute einen Bowler) ist wirklich ein exquisiter Musiker, der von einer mehrköpfigen Band begleitet wird. Besonderes Augenmerk lenke ich auf die bildhübsche Background-Sängerin, die auch so einige Rasseln schwingt. Sie hat irgendwie Ähnlichkeit mit Angelina Jolie. Ein schöner Anblick! Außerdem gibt es auch noch eine Bassistin, auf die ich aber etwas weniger abfahre und einen sehr gut gelaunten Schlagzeuger. Die anderen Typen auf der Bühne registriere ich kaum. Sehr wohl registriere ich allerdings einen bestimmten Song des Konzertes. "Mary Bloody Mary", heißt das ausgezeichnete Stück, das man sich auch auf der MySpace Seite von Michale J. Sheehy anhören kann. Soll dieses Gesöff nicht gegen Kater helfen? Sagt man doch landläufig doch so, oder? Vielleicht schwört ja auch der Künstler auf dessen Heilkräfte, schließlich gibt er auch bei MySpace als Haupteinfluß "Hard Liquor" an, noch vor Elvis Presley, seinem Idol.

Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es auch noch ein anderes Lied, das inhaltlich in diese Richtung geht, irgendwas mit "Whisky and Beer". Das passt, die Musik des Bowler-Trägers hört man wahrscheinlich eh' am besten in einem schweren, ledernen Ohrensessel, das Whiskyglas zur Rechten und die Zigarre im Mund. Aber auch zur Atmosphäre in der nicht sehr großen Maroquinerie passt der Stil, die "Feinhörer" im Publikum zeigen sich begeistert. Zu Recht, das war knapp eine Stunde sehr guter Musik und der Sänger und Gitarrist ist entzückt "vor einem so jungen" Publikum gespielt zu haben. Das ist er wohl nicht gewohnt...

Circa 15 Minuten später springen dann einige etwas wuschelig aussehende Männer auf die Bühne und stellen sich artig vor: "Hello we're Okkervil River and we are very happy to play for you tonight". Die Freude ist auch auf meiner Seite, denn ich habe die Amerikaner zuvor noch nie auf der Bühne erlebt,obwohl ich für eines ihrer Konzerte im vergangenen Jahr Karten hatte. Der lähmende Streik der öffentlichen Verkehrsbetriebe machte mir im letzten November aber einen Strich durch die Rechnung. Allerdings waren Okkervil River damals ohnehin nur als Vorgruppe vorgesehen und zwar von Vic Chesnutt.

Heute als mein erster Okkervil River Gig und ich war natürlich gespannt,
wie mir die in der Musikpresse hochgelobten Texaner gefallen würden. Das 2007er Album "The Stage Names" hatte glänzende Kritiken eingefahren und als Referenzen wurden klingende Namen wie Bright Eyes und sogar Arcade Fire genannt. Um das schon gleich einmal klarzustellen: Will Sheff, der Sänger und Songwriter der Band ist nicht der neue Conor Oberst, weder musikalisch, noch optisch. Dafür aber ähnlich leidenschaftlich, wenngleich nicht so gutaussehend und genial wie das Ausnahmetalent aus Omaha. Zunächst mit Brille auf der Nasenspitze, legte sich der zottelhaarige Mann unglaublich ins Zeug, wippte mit seiner Gitarre hin und her und intonierte seine Songs voller Inbrunst. Das war fast zuviel des Guten, er zappelte ununterbrochen und kam kaum zur Ruhe. Er lebte seine Musik vollkommen und seine mehrköpfige Band drückte auch ordentlich auf die Tube, ohne aber die Wucht und Brillianz von Arcade Fire zu erreichen, trotz des Einsatzes von Pauken, Trompeten und Mandolinen. Dafür hatte alles einen fast amateurhaft zu nennenden Charme, es gab viel Einsatz, Herz und menschliche Wärme. Da machte es nichts aus, daß Will Scheff nicht jede Note traf und manchmal wie der besoffenen Elch aus der Klingeltonwerbung klang.

Das Set begang stürmisch mit "Black" und "The Latest Toughts" vom "Black Sheep Boys" Album im ersten Drittel,
einem Mittelteil mit ruhigen Passagen, in dem besonders die Ballade "So Come Back I Am Waiting" verzaubern konnte und einem letzten Drittel mit den Knallern "Unless It Kicks" und vor allem dem mitreißenden "Our Life Is Not A Movie Or Maybe". Am Ende gingen sie ganz kurz von der Bühne und brachten noch zwei Stücke. Zur Verzückung des französischen Publikums war eine Cover-Version von Serge Gainsbourg darunter. "Je suis venu te dire que je m'en vais" heißt der Klassiker im Original (auch Johnny "Razorlight" Borrell hat sich live schon daran versucht) und bei den Amerikanern handelte es sich laut Sänger Will um "a creapy translation of this song". Ich glaube übersetzt heißt das Stück "I Was Coming To Say That I'm Going Away"* und es war natürlich köstlich und kam entsprechend gut an. So verlebte ich also trotz meines knurrenden Magens ein gelungenes Konzert einer prima Indie-Band, die hervorragend zum Haldern-Festival passt. Hoffentlich spielen sie dann im schmucken Spiegelzelt.

Setlist Okkervil River, La Maroquinerie, Paris:

01: The President's Dead
02: Black
03: A Hand To Take Hold Of The Scene
04: The Latest Toughs
05: A Girl In Port
06: Plus Ones
07: You Can't Hold The Hand Of A Rock And Roll Man
08: A Stone
09: So Come Back, I Am Waiting
09: John Allyn Smith Sails
10: Our Life Is Not A Movie Or Maybe
11: For Real
12: Unless It's Kicks

13: I Came Here To Say I'm Going Away (Serge Gainsbourg Cover)
14: Westfall

Konzertdauer: knapp 80 Minuten

* nicht ganz, es heißt "I Came Here To Say I'm Going Away". Danke Undertaper!






 

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