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Mittwoch, 16. August 2017

Haldern Pop Festival, 2. Festivaltag, 11.08.17

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Konzerte: 2. Festivaltag beim Haldern Pop mit u.a. Aldous Harding, Julie Byrne, Faber, Benjamin Clementine, Matthew And The Atlas
Ort: Haldern Pop Festival, Rees am Niederrhein
Datum: 11.08.17
Dauer: von 10 Uhr 30 bis 3 Uhr früh
Zuschauer: Etwa 7000 


Am zweiten Festivaltag wollte ich unbedingt zu Aldous Harding in der Haldern Pop Bar vor Ort sein. Die Neuseeländerin war dort von 12 Uhr 40 bis 13 Uhr 20 angesetzt. Aufgrund des sehr mittelmässigen Netzes an öffentlichen Verkehrsmitteln, kam ich aber prompt zu spät. Früh aufstehen war ohnehin nicht drin gewesen, gestern nacht hatte ich noch stundenlang Fernsehen geglotzt, es lief die spannende Sendung "die 10 gefährlichsten Flughafen der Welt" und ich konnte ja schlecht nach Platz vier aufhören... 

Aldous Harding platzierte sich bereits im Vorfeld in meiner persönlichen Top Ten Liste, nämlich derjenigen mit den Acts, auf die ich mich am meisten beim Haldern freute. Insofern war mein Bedauern gross, sie verpasst zu haben. Aber ich hatte ihre Show nur vermeintlich verpasst, aufgrund von Verschiebungen im Programmablauf bekam Aldous kurzfristig den Slot von Mammut um 17 Uhr im Zelt zugewiesen und ich hatte das grosse Glück, die Neuseeländerin doch noch geniessen zu können!



Sie kam ganz in weiss (Zeichen von Unschuld?) gekleidet auf die Bühne, nur die Collegeschuhe waren schwarz. Ein recht konservativer East Coast Look für eine solch ausgeflippte Dame, aber vielleicht war das Teil des Konzepts. Mit ihr auf der Stage ihr exzentrischer Pianist mit dem Gebaren eines bekifften Hippies, köstlich! Die beiden fielen wirklich auf, Aldous insbesondere durch ihre Grimassen, ihr Augenverdrehen, ihre seltsame Mimik. Brutale Ehrlichkeit um die Authentizität der Texte zu unterstreichen, unbewusste Marotte, oder Albernheit? Hinterher diskutieren wir unter den Haldern Fotografen dieses Phänomen, ohne das Rätsel wirklich ergründen zu können.



Unbestritten gut war auf jeden Fall die Musik. Harding hat auf ihrem aktuellen Album The Party (das zweite ihrer Laufbahn) so viele starke, eigenwillige, auch textlich interessante Songs zu bieten, dass man heuer nur schwerlich an ihr vorbei kann. Ob das an John Lennon erinnernde Imagining My Man, das elektrisch angehauchte Bend, oder das eingängige Horizon, all diese Stücke klangen auch live extrem gut. Und zusätzlich bekamen wir den vielversprechenden neuen Song Weight Of The Planets geboten.

In der Mitte des Sets stiessen zwei zusätzliche Musiker mit auf die Bühne, ein Drummer plus H. Hawkline an der Gitarre. Hawkline gilt ja auch als Solokünstler als heisser Tip, aber in der Band von Harding fiel er nicht sonderlich auf. Die reduzierten Songs brauchten eigentlich nicht viel Instrumentierung, die Neuseeländerin hätte ihr Konzert auch problemlos nur zu zweit bestreiten können. Letztlich wechselte das Line Up während des Sets in schöner Regelmässigkeit, Aldous stand mal alleine, mal zu zweit, mal zu viert auf der Bühne. Gut war es immer. Nur am Ende störte die Musik die von der Hauptbühne ins Zelt rüberdröhnte (Blaudzun hatte begonnen) ein wenig, aber so etwas gehört bei Festivals eben dazu.



Aber gehen wir mal chronologisch vor, Aldous Harding fand also um 17 Uhr statt, vorher, genauer gesagt um 14Uhr 30, hatte Julie Byrne ihren Auftritt in der Kirche. Und der war erwartet wundervoll. Ganz alleine mit Akustikgitarre hatte die Amerikanerin ihr Konzert bestritten, hatte auf wundervollste und sanfteste Art gesungen und mich damit völlig in ihren Bann gezogen. In der Kirche war es vorbildlich ruhig und alle sahen friedlich und mit freudigen Augen nach vorne, wo Byrne die Friedenspriesterin gab.



Dabei spielte es für mich keine grosse Rolle, dass sich die Lieder untereinander etwas ähnelten, schlicht und einfach gehalten waren. Was für mich zählte war die Naturreinheit (kein Wunder, dass ein traumhaftes Stück Natural Blue hiess), die profunde Schönheit (man höre nur Melting Grid!), die wahnsinnige Zärtlichkeit die von den Liedern ausging, die überwiegend von dem aktuellen zweiten Album Not Even Happiness stammten. Auffällig auch ihr gutes Fingerpicking, das sie von ihrem Vater erlernt hatte.

Eine Wohltat für die Sinne dieses Konzert von Julie Byrne! Vor dem Kircheingang kaufte ich mir auch noch ihr erstes Album (Rooms With Walls And Windows), das ich noch nicht hatte, machte mich dann aber auf den Fussweg Richtung Hauptbühne. Meine Füsse trugen mich leider nicht schnell genug, um noch den Schluss von Penguin Café zu sehen, schade, aber man kann bei Festivals eben nie alles sehen, was man möchte.



Um 16 Ihr 15 traten die Schweizer Faber auf der Hauptbühne auf. Das war zwar musikalisch nicht so ganz mein Stil, aber die Band um Sänger Julian Pollina schaffte es sehr gut, das Halderner Publikum zu unterhalten. Pollina hatte etwas von einem Posterboy, in den ersten Reihen sah man viele schmachtende Mädchen.



Auffällig die Bühendeko, da standen viele Pflanzen rum, das Ganze hatte das Flair eines tropischen Regenwaldes (nun gut, Sonnenblumen gibt es dort nicht)
Unterhaltsam, aber dennoch ziehe ich das Buch Homo Faber von Max Frisch der Musik von Faber vor.



Nach Faber ging ich rüber zum Spiegelzelt zu Aldous Harding, aber den Bericht darüber habe ich ja hier schon an den Anfang gestellt, so dass wir hier nun chronologisch fortfahren können und zwar mit dem Gig von Blaudzun, der bis um 18 Uhr 30 auf der Hauptbühne stattfand. Er war äusserst schwung- und stimmungsvoll und begeisterte das Publikum. Das war tighter Indierock mit gelegentlichen Ausbrüchen Richtung Mainstream, getragen von der Falsettstimme von Johannes Sigmond und den flotten Rhythmen der Band, in der die blonde Perkussionistin mit ihrem attraktiven flachen Bauch optisch herausstach, aber mit ihrer unglaublichen Energie auch musikalisch zum Gelingen beitrug.




Bei den Amazons im Anschluss legte ich dann eine Essenspause ein und fand mich erst wieder zum Auftritt von AnnenMayKantereit ein. Eine Band die in Haldern schon vor der Kirche, in der Bar und auf der Biergartenstage (die gibt es heuer nicht mehr) gespielt hatte, inzwischen aber richtig kommerziell erfolgreich geworden ist und somit logischerweise auf die Hauptbühne platziert wurde.

Neben den eigenen Kompositionen performten die vier Kölner auch zwei Cover, einmal den Farbfilm von Nina Hagen und dann noch das The Zutons Cover Valerie, das Amy Winehouse erst so richtig bekannt gemacht hatte.



Gegen Annemyakantereit wird seitdem sie erfolgreich sind viel gehetzt, aber schlecht war ihr Auftritt in Haldern nicht. Die Rio Reiser Gedächtnisstimme von Bandleader Henning May war markant und 3. Stock ("ich möchte mit dir in 'ner Altbauwohnung wohn', zwei Zimmer, Küche, Bad und einer kleiner Balkon") ist fast eine Art guilty pleasure für mich. Guilty weil es ein wenig sozialromantischer Kitsch ist und auch eher bieder daherkommt.

20 Uhr 15 Zeit für den gehypten Loyle Carner im Spiegelzelt, aber mit seinem Hip Hop konnte ich mich nicht richtig anfreunden, ich mag diesen Musikstil nun einfach nicht, da wäre es gelogen hier Interesse zu heucheln. Seine Verpflichtung beim diesjährigen Festival war aber sicherlich ein Coup der Veranstalter, Loyle Carner ist sehr begehrt zur Zeit.



Toll war dann der Auftritt von Badbadnotgood um 20 Uhr 45 auf der Hauptbühne. Das war Instrumentalmusik mit Jazzeinschlag und leichten Hip Hop Elementen (noch erträglich für meine Ohren), geboten von vier Kanadiern, bei denen der blonde Drummer Alexander Sowinski den Ton angab und die Ansagen machte, sich aber ein in der Mitte der Bühne performender Saxofonist namens Leland Whitty ebenfalls sehr verdient machte.

21 Uhr 30, höchste Eisenbahn um pünktlich zum Konzert  von Die Höchste Eisenbahn dabei zu sein. Die Berliner Band spielte im Spiegelzelt ihre deutschen Popsongs und sorgte für gute Stimmung. Leider war es im Zelt aber so brechend voll und ich stand ganz hinten, hinter enorm vielen enorm grossgewachsenen Leuten, dass ich es nicht lange aushielt und wieder raus ging.



Bei Benjamin Clementine hatte ich deutlich mehr Sicht-und Bewegungsfreiheit und showtechnisch konnte mich der ungemein gut aussehende Pianist überzogen. Er hatte ein extravagantes Kostüm mit einem weisser Kragen (einer Krempe? wie nennt man so etwas?) an und am hinteren Bühnenrand performten ein halbes dutzend Backgroundsängerinnen. Stilistisch schwer einzuordnen, aber die Musik hatte was. 



Benjamin Clementine ist unbestritten ein Mann für die grosse Bühne, obwohl er in Haldern vor ein paar Jahren zunächst im Zelt angefangen hatte. Seitdem ging es für ihn karrieretechnisch immer weiter bergauf, zu Liebhabern haben sich auch einige Hater gesellt, aber selbst wenn das nicht wirklich meine Musik war, fühlte ich mich gut unterhalten, zumal Clementine auch ein guter Kommunikator war und oft mit dem Publikum sprach.



Zu meinem persönlichen Tagesabschluss sah ich mir dann auch noch die Briten Matthew And The Atlas im Spiegelzelt an. Eine tolle Band, die auf dem renommierten Communion Label veröffentlicht und von Matt Hegarty angeführt wird. Der Mann mit der rauchigen Stimme war mit seiner Gruppe schon mal in Haldern und freute sich zurück zu sein. Die Freude lag ganz meinerseits denn ein Titel wie On A Midnight Street, der in der Anfangsphase gebracht wurde, glänzte durch eine famose Melodie und eine traumversunkene Instrumentierung. Auch der Titelsong des aktuellen Albums, Temple , wusste mit ähnlichen Ingredienzen zu gefallen. Das war Folkrock, durchaus Mainstream kompatibel, aber nie flach oder anbiedernd. Schöne Harmoniegesänge hübschten das Ganze zusätzlich auf. Ein gelungener, sympathischer Auftritt, mit dem ich diesen Haldern Tag abschloss. Es war komplett trocken geblieben, obwohl der Himmel immer mal wieder bedrohlich aussah. Ein bisschen Glück mit dem Wetter gehört halt eben auch dazu.




Dienstag, 27. Juni 2017

Benjamin Clementine, Nijmwegen, 24.06.2017

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Konzert: Benjamin Clementine
Ort: Down the Rabbit Hole Festival
Datum: 24.06.2017
Dauer: 60min
Zuschauer: volles Zelt (ca.5.000)




Benjamin Clementine auf einem Festival. Das wäre nach meinen bisherigen Erfahrungen normalerweise gründlich daneben gegangen. Aber ist es nicht schön, wenn alte Gewohnheiten aufgebrochen werden und Neues entstehen kann?


Beide Auftritte von Benjamin Clementine, sowohl  im Spiegelzelt des Haldern-Pop und ein Jahr später in der Kölner Philharmonie waren etwas ganz besonderes. Aber beide waren auch mühsam und anstrengend.

Der Künstler meist schweigsam, murmelnd und gereizt. Arroganz würde man ihm unterstellen, wenn sein sonstiges Verhalten und seine Interviews nicht so positiv strahlen würden. 

Klar, seine Erscheinung schüchtert ein, auch heute. Mit einem riesigen, silbernen Steppmantel bekleidet, dazu die zu einem Turm wild gesteckten Haare und erstmals auch mit Schuhen, betritt der Hüne die Bühne auf der schon sein Chor und eine kleine Band aus Bass und Schlagzeug auf ihn warten. 



Und schon beim ersten Song passiert es: er lacht, summt und animiert das Publikum es ihm nachzutun. Endlich sieht man ihn entspannt und gelöst, er dirigiert seinen Chor und die Zuschauer im Stehen, dazu gibt es gleich zu Beginn viele neue Stücke von seinem noch nicht veröffentlichten, zweiten Album. 



Das könnte langweilen, aber langweilig ist hier rein gar nichts. Natürlich gleichen auch die neuen Songs, gerade in der großen Umsetzung mit dem Chor, oft einem Musical oder einem Pixar-Soundtrack. Die Komplexität der Sounds und die politischen Texte sprechen aber eine ganz andere Sprache.

Kitsch, Kunst und Anspruch, verpackt in einem großen Auftritt, dessen Highlight, wie immer, die dunkelste aller Stimmen des derzeitigen Pop ist.

Manchmal wünscht man fast, es würde ihm nicht alles so leicht fallen. Dieses punktierte und fantastische Spiel am Flügel, mit seinen riesigen Händen und das Singen, ohne Anstrengung scheint er das Zelt auch ohne Mikrofon zum Beben bringen zu können. 



Selten verspürt man solchen Neid aber auch Respekt für jemanden, dem so viele Talente gegeben wurden und der sie in jahrelanger, selbst verordneter Ausbildung perfektionierte. 

Später dann der erste, von nur zwei alten Songs (Hits) in diesem einstündigen Set. "Condolence" dehnt er hier auf fast 10 Minuten. Wieder erstrahlt er als Chorleiter, rennt von links nach rechts über die Bühne, um einen Kanon anzustimmen. 

"I`ll send in my Condolence to fear", und diese Zeile scheint kein Zufall zu sein, wie sie immer weiter durch das Zelt schallt. Die Furcht scheint der Befreiung gewichen zu sein, zumindest in diesem Moment. 

Eine musikalische Reise der Extraklasse, die nie allen gefallen wird. Gesehen haben sollte man sie aber auf jeden Fall, mindestens einmal.

Fotos: Michael Graef


Sonntag, 20. März 2016

Benjamin Clementine - Philharmonie Köln - 10.12.2015

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Konzert: Benjamin Clementine
Ort: Köln - Philharmonie
Datum: 10.12.2015
Dauer: 85min
Zuschauer: ca.1.800


Benjamin Clementine in der Philharmonie. Allein diese Ankündigung weckte sofort meine Aufmerksamkeit, wird doch in Deutschland viel zu selten die Spielstätte der Klassik auch für andere Veranstaltungen genutzt. Anders als in den Niederlanden scheint hier immer noch die Furcht vor randalierenden und schreienden Pop/Rockfans vorzuherrschen. An den fälligen Mieten kann es trotz des vielfachen an notwendigem Personal für Garderobe und Türsicherung nicht liegen. Die Ticketpreise lagen kaum über dem normalem Kölner Niveau für ähnliche Veranstaltungen in zugigen Fabrikhallen.

Auch für erfahrene Konzertbesucher ist ja manchmal der plötzliche Anstieg des Erfolges bzw. der Ticketnachfrage kaum erklärbar. Oft liegt es an Radio-oder TV Sendungen die nicht im eigenen Fokus liegen (oft wurde ja schon behauptet, das Konzerttagebuch würde den Soundtrack für den TV-Dschungel moderieren), manchmal sind es YouTube Videos (sein früher Auftritt bei Jools) oder auch nur die gute, alte Mundpropaganda. Bei Benjamin Clementine dürfte da alles zusammenkommen.

Obwohl erst ein Album veröffentlicht ist, war seine Präsenz in diversen Medien anhaltend groß. Seine Erscheinung und seine Aschenputtel Geschichte boten genug Stoff. Und so war ich gespannt wie sich das Konzerterlebnis nach dem grandiosen, aber auch verstörenden Auftritt beim Haldern Pop diesmal verändern würde. 

Viel erwartete ich nicht, intimer und überraschender konnte es nicht werden, viele neue Songs gab es ja auch nicht. Trotzdem erstaunte mich zunächst die fast volle Halle und das über sämtliche Altersgrenzen hinweg anwesende Publikum. Ohne Vorgruppe ging es pünktlich los, wie es sich für ein Haus der Hochkultur gehört. Clementine betrat die Bühne, diesmal zusammen mit einem ähnlich gekleideten Schlagzeuger. Wie sich herausstellte, nicht nur in modischen Fragen ein Bruder im Geiste. Sein Spiel am "Schlagzeug", hier wörtlich als eine eher lose Sammlung an Schlaginstrumenten, war ähnlich unorthodox wie Clementines Gesang und Flügelspiel. 

Der wie immer zwischen Schüchternheit und Arroganz schwankende Sänger schien die Ablenkung auf das Schlagzeug zu genießen, der Zuhörer konnte den krassen Kontrast der beiden einzigen Instrumente oft nicht ganz nachvollziehen. So ergab sich ein bemerkenswerter musikalischer Abend ohne Kompromisse. Clementine nutzt alle, wirklich alle Nuancen seiner bemerkenswerten Stimme: raunt, schreit, murmelt oder rappt.

Besser gelaunt als früher bedankt er sich des Öfteren und dehnt die Pausen zwischen den Songs mit langem Grinsen. Drummer Alexis Bossard wird erst zum Ende des Sets eine Pause gegönnt. Clementine läuft jetzt zu noch besserer Form auf, alleine am Klavier ist er halt schwer zu schlagen. Bossard verpasst keine Sekunde und bleibt gespannt am Bühnenrand stehen.

Die Stimmung löst sich weiter, bei seinen Hits ist sich Clementine mittlerweile seiner Stärke bewusst und bringt das Konzert mit einer unglaublichen Hingabe zu Ende, ohne sich dabei besonders anstrengen zu müssen. Oft denke ich völlig aus dem Kontext dabei an Robbie Williams, der sich auf der Bühne ähnlich sicher, auch oft nur auf sein Talent verlassend präsentiert.

"Condolence", "London" (mein Lieblingssong) und "I won`t complain" folgen alle, in der Zugabe wird sogar ein Publikumssingsang angestimmt, der mir aber zu fahrig daherkommt.

Mittlerweile ist der "Mercury Price" für das beste Album 2015 an Benjamin Clementine vergeben worden. Auf Platte muss er den Fokus, den er bei den Auftritten so genial beherrscht, noch etwas schärfen. Ein begeistertes Publikum wird das Talent und die Substanz des Kölner Auftritts aber rasch weiter in die Welt tragen.

Dem Wunsch des Künstlers auf Fotos zu verzichten wurde natürlich entsprochen.


Donnerstag, 14. August 2014

Haldern Pop Festival, 1. Tag, 07.08.14

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Haldern Pop Festival, erster Tag, 07.08.2014
Ort: Reitplatz Rees-Haldern, Niederrhein, NRW
Datum: 07.08.2014
Zuschauer: ein paar tausend
Konzertdauer: Konzerte von 16 Uhr 30 bis 2 Uhr 25



Nachdem mich meine Frau nach fast 20 Jahren gemeinsamen Jahren verlassen hatte und mein alter Kumpel Christoph auch auf das Haldern Pop 2014 verzichtete, war ich zum ersten Mal seit fast 10 Jahren allein zu diesem wundervollen Festival angereist. Einsam fühlte ich mich dennoch nicht, denn am Niederrhein sind die Leute laut, herzlich, wahnsinnig nett und sehr kontaktfreudig und hilfsbereit. Als ich am letzten Tag trotteligerweise nicht mein kleines Zelt zusammengebaut bekam, half mir spontan ein Mädel, das mich vom Auto aus gesehen hatte und unschwerlich mitbekam, daß ich das nicht alleine schaffen würde... Zwei Tage vorher hatte mir ein netter Zeitgnosse mit zwei Haldern Pop Talern ausgeholfen, als ich ahnungslos und ohne Zahlmittel fürs Duschen anstand und als ich an der Reihe war, nicht flüssig war. Am gleichen Tage hatte mir ein bereits etwas älterer Festivalteilnehmer in der Haldern Pop Bar freiwillig  seinen genialen Platz auf einer Bank überlassen, von wo aus ich wunderbar das Konzert sehen und Fotos schießen konnte.

Drei Beispiele die verdeutlichen, wie herzlich und freundschaftlich es auf dem Haldern zugeht. Nein, allein fühlte ich mich keineswegs. Eher als Teil einer großen Haldern Familie, selbst wenn das ein wenig kitschig klingen mag. Aber das mit der Familie stimmt nun einmal, denn viele viele Leute kommen jedes Jahr wieder, die Treue der Besucher zu diesem Festival ist einzigartig und wohl kaum woanders so anzutreffen. Da sieht man dann schon gleich bei der Ankunft die ersten altbekannten Gesichter. Manche kennt man schon von früheren Plaudereien, mit anderen hat man nie gesprochen, aber man erinnert sich gerne an sie.

Ein Festival bei dem man sich wohlfühlt also, bei dem ein angenehmes Gemeinschaftsgefühl herrscht, bei dem man merkt, daß da viel Herzblut drinsteckt und viele freiwillige Helfer ihr Bestes geben, damit die Musiker und Gäste gute Bedingungen haben. Freilich ist Haldern Pop auch ein wenig Opfer des eigenen Erfolges geworden, denn sowohl Spiegelzelt als auch Haldern Pop Bar und das kleine Keusgen Tonstudio sind regelmäßig heillos überfüllt und viele Leute stehen stundenlang Schlange um reinzukommen. Das erzeugt einen gewissen Frust, wenngleich viele eine Engelsgeduld bewiesen und brav warteten, bis sich der Sesam irgenwann für sie öffnete. Ich selbst hatte meine liebe Mühe und Not und dies obwohl ich dank meines Fotopasses privilegiert war und viel schneller durchkam. Einmal drin versperrten mir die etlichen riesig groß gewachsene Musikfans die Sicht auf die Bühne. Selten habe ich so viele Riesen in einem Raum gesehen, man fühlte sich teilweise wie bei einem Treffen von Baketballteams. Insofern waren die Konzerte im Spiegelzelt für mich meistens nur wie Hörfunk, die Bands selbst konnte ich selten einmal richtig erspähen, zumal ein Durchkommen nach vorne unmöglich war. Das Regenwetter am Freitag förderte die Fülle im Spiegelzelt noch zusätzlich. Von der Hitze, die da drinnen herrschte, will ich lieber gar nicht reden.

Aber kommen wir doch mal zu den einzelen Konzerten und da gleich zum Highlight. Das war natürlich ganz klar der langgelockte Amerikaner Kurt Vile, der zusammen mit seiner Band um kurz vor Mitternacht auf der Byzanz Stage (vormals Beergarden Stage) 50 min lang höllischen, aber wohlklingen Lärm produzierte. Die Gitarrenriffs kamen wirklich saulaut aus den Boxen, aber vielleicht empfand ich das auch nur so, weil ich vorne im Fotograben rumeierte. Auf jeden Fall war der Druck zehnmal größer als auf Platte und das tat den Songs nur gut. Besonders ein gitarrenlastiger Track wie Jesus Forever mit seinen perlenden Licks sprudelte wie frisch geöffneter Champagner und klang lässig wie alles von Kurt Vile. Schon Waking On A Pretty Day zuvor war wahnsinnig cool und herrlich verträumt. Mit Hunchback wurde dann richtig noisig und stonerrockig zu Werke gegangen und nun schrie Vile fast. Krönender Abschluss war dann schließlich eine fulminante Version von Freak Train ("Train, train, train!"), bei der Kurt mit seinen langen Haaren fast den Boden fegte. Unter dem Strich ein starkes Konzert von einem der wichtigsten US-amerikanischen Musiker der letzten Jahre. Das Erbe von Bob Dylan und Lou Reed wird von ihm würdig verwaltet.

Ansonsten war der Donnerstag für mich an Höhepunkten nicht sonderlich reich. Die Fat White Family mochten viele Zuschauer sehr, aber ich konnte mit den durchgeknallten Briten mit den nackten Oberkörpern nicht sonderlich viel anfangen. Musikalische Vergleiche konnte man zu The Fall, The Clash, den Cramps oder Gun Club ziehen, aber irgend etwas sonderlich Neues hörte ich in der Musik der kontroversen Band nicht heraus. Sie gelten in Großbritanien als Provokateure und als Leute, die das gesamte Musikbusiness ins Lächerliche ziehen, schliffen aber an der Lächerlichkeitsgrenze selbst oft nur knapp vorbei.

The Districts im Spiegelezelt sagten mir mit ihrem Indie-Rock da schon mehr zu, vor allem die würzig-verrauchte Stimme des Sängers Rob Grote.Von ihrem Set bekam ich allerdings nicht sonderlich viel mit, beobachten sollte man die Band aus Pennsylvania aber dennoch. Royal Blood die nach ihnen im Spiegelzelt antraten waren mir allerdings viel zu hart und bluesig, schon die Black Keys und Jack White höre ich zur Zeit nicht gerne, insofern sagten mir Royal Blood auch nicht wirklich zu. 


Mehr Spass hatte ich mit den vielköpfigen Trampled by Turtles, die mit ihrem flotten Bluesgrass und ihren guten Melodien die Byzanz Stage bespielten. Ihr Set war ansprechend, aber die Band mit Fiddel, Banjo und Mandoline mir ein wenig zu altbacken, sie wirkten sehr sympathisch aber nicht sonderlich innovativ. Zum Abschluss des Tages sah ich mir auch noch Benjamin Celementine im Spiegelzelt an, aber die Sensation von 2014 war musikalisch überhaupt nicht mein Fall. Soulmusik, am Piano vorgetragen, diese Gebräu hielt ich nur drei Lieder lang durch, dann ging mir das Ganze auf die Nerven und ich stapfte müde in mein kleines Zelt, fand aber ob des Lärmes von ein paar Störern kaum Schlaf. Auch mein Kissen war ungenehm hart und auf die Kühle der Nacht folgte die Hitze des nächsten Morgens...



 

Konzerttagebuch © 2010

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