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Dienstag, 10. Dezember 2024

Zeitgeist Festival - 07.12.2024 - Doornroosje - Nijmegen

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Konzert: Zeitgeist Festival
Ort: Doornroosje Nijmegen
Datum: 07.12.2024
Dauer: ein Tag
Zuschauer: ausverkauft





Was bewegt jüngere Generationen in Konzerthallen? Das Zeitgeist Festival in Nijmegen scheint es genau zu wissen. 

Vergangenes Wochenende finde ich mich schon um 15:30 in einem prall gefüllten Saal, dabei hat die erste Band ihr Set noch gar nicht begonnen. Wie kann das sein? 

Redet man in Deutschland immer doch wieder nur darüber, junge Menschen überhaupt aus dem Haus und näher der Kultur zu bewegen, wurde hier indes vieles bereits erreicht. Alleine die ersten beiden Konzerte des Festivals können so sehr begeistern, dass ich mir sicher bin, dass ich die Gleichen und noch mehr Jugendliche auch nächstes Jahr wieder sehen werde. 


Angefangen mit der Location: das Doornroosje ist nicht nur zentral gelegen, es bietet zudem drei interne Säle mit voller Ausstattung und exzellenter Sound, zahlreiche Bars mit Sitzgelegenheiten, eine Fahrradgarage, eine Merch-Etage etc. Ein reibungsloser und angenehmer Ablauf ist hier schonmal sicher. Und dann stehe ich pünktlich vor der Hauptbühne und das Festival beginnt mit Maruja, welche dem Haus sichtlich nicht neu sind. 

Wie eine Bombe schlagen Bass, Schlagzeug und (Sprech-) Gesang ein – aufgefangen werden sie immer wieder von jazzig, sphärischen Passagen eines Saxophons. Mit enormer Wucht spielt die Band das vorne tobende (15:00h) Publikum an. Trotzdem ist der Auftritt auch sehr dynamisch Aufgebaut. Denn die Texte sind hier der Taktgeber der Klänge. 


Mal entspricht die Musik wütenden revolutionären Erstreben nach Frieden und Gerechtigkeit und ein anderes Mal plädiert Frontsänger Harry Wilkinson für Zusammenhalt und Solidarität aller Menschen im Saal, während die Band ein psych.-rockiges Crescendo spielt. Mich erfüllt das Konzert mit Euphorie auf hoffentlich zahlreiche noch erscheinende Alben der Band. 

Und dann sehe ich im Anschluss bereits den Grund, warum es mich überhaupt über die Landesgrenze bewegt hatte: Geordie Greep. Der ehemalige Frontsänger von Black Midi spielt zwar mehrfach in den Niederlanden, in Deutschland allerdings nur noch Berlin. Greep und seine Band zeichnet vor allem eins aus: Spielfreude. Auch deshalb kommen sie einfach schon 10 Minuten früher auf die Bühne, seine Gitarre stimmt er dafür während des ersten Songs, der eigentlich auch nur ein spontaner Jam ist.


Damit ist aber noch nicht alles gesagt: Die Musik – eine Synthese aus Black Midi und brasilianischem Salsa – lebt von Übertreibung. Sie durchzieht erstens die Texte, welche meist aus der Perspektive von verbitterten und / oder geschiedenen Freiern erzählt werden. Und sie durchzieht den Klang der Gruppe, wenn sie in manchen Passagen die Hölle auf Erden bespielen und sich ein paar Takte weiter bereits darüber lustig zu machen.

Geordie Greep selbst hat durch einen neuen Gitarristen die Chance, sich allein auf seine Wortketten zu konzentrieren und sich in sein Kabinett an hoffnungslosen Charakteren genaustens hineinzufühlen. Dabei dirigiert er zusätzlich immer wieder seine Band, um spontan ausbrechen zu können. Dem Publikum ist seine Freude am Musizieren greifbar. 

Gerne hätte ich noch den mehr als 10 Minuten langen Track „The Magician“ live gesehen, dafür spielt die Band fast jeden anderen Song des Albums durch. Teilweise werden sich Songs aus dem Publikum gewünscht, es wird häufig mitgesungen; für Black Midi-Verhältnisse alles unvorstellbar. Und es steht ihm gut. 

Greep schafft das Pompöse und die großen Momente, verliert dabei aber nie an Komplexität. 

Zwei aufstrebende Bands mit tollen Auftritten, progressiven Themen und eben für und mit einem jungen Publikum, ein hoffnungsstiftender Tag.


Montag, 23. Januar 2012

The Notwist, Nijmegen, 22.01.12

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Konzert: The Notwist
Ort: Doornroosje, Nijmegen
Datum: 22.01.2012

Zuschauer: ca. 250
Dauer: The Notwist 85 min, joasihno 40 min



Gut, daß sich für unser Konzerttagebuch nur Musikverrückte interessieren. Ich würde es schrecklich gerne auch zu einer Plattform über Indietratsch machen, sobald wir aber in Berichten nur über den Kleidungsstil von Künstlern schreiben, bekommen wir das als irrelevant von musikalischen Revolutionswächtern um die Ohren gehauen. Das ist nicht gut, hier aber auch gerade nicht wichtig, weil es bei The Notwist schließlich weder um Mode noch um Klatsch geht. Gut ist die klare Zielgruppe deshalb, weil man der nicht lange erklären muß, warum vier erwachsene Menschen, die Montag früh arbeiten müssen, sonntags nach Holland fahren, um sich eine bayerische Band anzusehen. Leuten, die denken, daß das, was im Radio läuft, Musik ist, ist das einfach nicht zu vermitteln, der Versuch erntet mitleidiges Nicken, etwa das gleiche, das ich freiwilligen Helfern des Domino-Days entgegenbrächte, lernte ich welche von denen kennen. "Ach, ihr baut also monatelang Domino-Steine auf, die ein Mann mit lustigem Akzent dann umstößt?!"

Warum wir nach Nijmegen fuhren, ist dabei doch vollkommen naheliegend: The Notwist spielten da
eben und Paris, München oder Metz waren uns zu weit.

Das Doornroosje ist ein Club, in den ich mich auf Anhieb verliebt hatte, als ich da vor ein paar Jahren Martha Wainwright gesehen habe. Der "große Saal" ist gemütlich klein und wäre auch in Köln einer meiner Lieblingsläden. Vermutlich passen in ein ausverkauftes Doornroosje 300 Leute, ein Rahmen also, in dem man Notwist in Deutschland nicht sehen kann.

Ausverkauft war der Club allerdings nicht, vermutlich waren 200 oder 250 Zuschauer da, die meisten kamen allerdings erst nach der Vorgruppe. Dabei war die (joasihno aus München) hörenswert. Wie es sich für Notwist Supports gehört, klangen
joasihno experimentell, sie waren aber nicht anstrengend. Hinter joasihno verbirgt sich Christoph Beck aus Eichstätt. Christoph spielte vor allem mit Keyboard und Gitarre geloopte Melodien ein, erzeugte aber Liedteile auch mit Melodica und Blockflöte. Das schönste Instrument war allerdings ein knisterndes Blatt Papier, das er loopte und das so einen wundervollen Effekt ergab. Begleitet wurde er während seines Konzerts von einem Schlagzeuger.

Das 40 minütige Programm war kurzweilig und lohnenswert. Wenn man eine lange nächtliche Rückfahrt vor Augen hat, kann Zeit, die eine Vorgruppe kostet, ja schnell schrecklich weh tun, hier war alles prima!

joasihno hatte erstaunlich viel Platz auf der Bühne beansprucht. Wir hatten uns vorher schon gefragt, wo denn Notwist spielen wollten, weil kaum noch Platz für mehr als zwei Musiker da war. Als der joasihno Instrumentenpark gelichtet war, war
allerdings wieder genug Raum da, um all die absonderlich tollen kleinen Dinge, die die komplexen Sounds der Bayern erfordern, unterzubringen. Wir standen vor Martin Gretschmann (Console), der neben seinen (bekannten) wii-Controllern auch viele andere lustig aussehende namenlose Sachen um sich aufgebaut hatte. Das letzte Mal in einem Club hatte ich Notwist im Kölner E-Werk gesehen, zwar auch weit vorne, da in diesem großen Saal "weit vorne" allerdings fünfzehn Meter von den Musikern weg ist, habe ich da wenig davon mitbekommen, was alles nötig ist, die Songstrukturen der Band live wiederzugeben. So aus nächster Nähe war das für mich der eigentliche Knüller des Abends. Darauf zu achten, für welche Töne oder Samples jetzt das Drücken auf den Computerspiel-Controller gerade verantwortlich ist, war fabelhaft!

Zu gucken gab es aber auch an allen anderen Stationen enorm viel. Hier mal ein Glockenspiel, da gescratchte Platten, dahinter vier-Schlägel Vibraphon - und alles in einer nicht nachvollziehbaren Perfektion. Tolle Platten schön und gut. Aber wenn man die nicht auf Bühnen umsetzen kann, taugt man nichts. The Notwist können das, und man sieht bei jedem Stück, wie verflucht schwer das sein muß.

Leider war das Programm im Vergleich zu den französischen Konzerten ein wenig
abgespeckt. Daß die wenig gespielten Day 7 und My faults fehlten, war schade, in der Suppe muß aber wirklich nicht nach Haaren gesucht werden, dafür war das Konzert (ohne den neidischen Blick auf Frankreich) schon zu gut.

Am besten gefielen mir das Eröffnungsstück One dark love poem von der zweiten
Notwist-Platte Nook, das ein grandioses Intro hatte (und vielleicht eine zu leise Stimme von Markus Acher - aber egal!) und Gloomy planets - erste unter gleichen.

Knapp anderthalb Stunden, die zwar normalen Menschen nicht zu vermitteln sind, die aber jeden Aufwand und jede Müdigkeit gerechtfertigt haben, da sind wir Freaks uns einig.

Setlist The Notwist, Doornroosje, Nijmegen:

01: One dark love poem
02: Pick up the phone
03: This room
04: My phrasebook
05: Blank air
06: Trashing days
07: On planet off
08: Gloomy planets
09: One with the freaks
10: Neon golden
11: Pilot
12: Gravity

13: Boneless (Z)
14: Where in the world (Z)
15: Consequence (Z)

Aus unserem Archiv:

- The Notwist, Paris, 20.01.12
- The Notwist, Köln, 14.04.09
- The Notwist, Hamburg, 23.08.08
- The Notwist, Melt!, 19.07.08



Mittwoch, 7. Juli 2010

Pavement, Nijmegen, 06.07.10

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Konzert: Pavement
Ort: Doornroosje, Nijmegen
Datum: 06.07.2010
Dauer: knapp 95 min
Zuschauer: 600 bis 700 vielleicht (ausverkauft)


So wie normale Menschen sich darüber unterhalten, welche Schule die bessere für ihre Kinder ist, wie viele Säulen eine Altersversorgung haben sollte oder ob Schumi jemals wieder der Alte wird, also über Themen, die ein enormes, emotionales
Potential haben, reden Leute, die Musik hören, die normale Menschen nicht kennen, über solch weltbewegende Themen, ob ein Comeback einer früheren Heldenband nur für deren Konten oder auch für die Musikwelt Sinn macht. Seit die ersten ernstzunehmenden Gerüchte über eine Pavement Reunion die Runde machten, wurden zig solcher Diskussionen geführt. Man ist da aber auch gerade gut in Form, schließlich sind Comebacks in den letzten zwölf Monaten so hipp wie diese huch-wie-lustigen schwarz-rot-goldenen Autospiegelüberzieher.

"Wink' denen mal mit ein paar Geldscheinen zu," war dann auch eine Bitte, die ich vorher hörte. Ganz sicher ist dieser Vorwurf bei vielen der Wiederda-Bands vollkommen berechtigt; ein künstlerischer Grund dafür, warum Skunk Anansie zurückgekommen sind, ist beispielsweise wirklich schwer vorstellbar.

Bei Pavement ist das natürlich ganz anders. Zumindest hatte ich während ihres Auftritts beim Primavera Festival in Barcelona vor ein paar Wochen diesen Eindruck. Viel habe ich von diesem Konzert, auf das ich mich wahnsinnig gefreut hatte, nicht mitbekommen, weil ich ganz schreckliche Müdigkeitsanfälle abwehren musste. Der Spaß, den die Amerikaner aber auf der Bühne vermittelten, war schwer zu übersehen! Weil ich die letzten fünf Stücke in Spanien nicht mehr gesehen hatte, war Nijmegen
mein erstes richtiges Pavement Konzert. Pavement gehören zu den vielen Bands, die ich "damals" verpasst habe, weil ich mich in ihrer Zeit nicht für Konzerte interessiert habe. Eine Schande!

Daß Pavement im kleinen, niedlichen Doornroosje in Nijmegen spielten, mochte ich erst gar nicht glauben. Daß das auch während der Woche eine Pflichtveranstaltung sein würde, war ganz klar. Sehr locker nahmen wir in den letzten Wochen zur Kenntnis, daß das vermutliche holländische WM-Halbfinale am gleichen Abend stattfinden würde. Entweder könnten wir also gemeinsam im Club Fußball gucken, oder wir hätten viel Platz im Saal. Vor ein paar Tagen kam das erwartete mail, das Uruguay-Holland vor dem Spiel gezeigt würde. Die einheimische Vorgruppe zZz sollte dann vor dem Spiel und in der Halbzeitpause
auftreten, eine herrlich pragmatische Lösung. Wir entschieden uns gegen zZz und für gemeinsames Fußballgucken auf einer Kneipenterrasse.

Während wir in der zweiten Halbzeit dem weitestgehend unspannenden Spiel im
Doornroosje folgten, baute man im Hintergrund die Bühne um. Dabei tauchten immer wieder Bandmitglieder auf und guckten mit. Fußball und Popmusik gehören nun mal zusammen (siehe dazu auch diese Studie).

Als das Halbfinale fertig war, ging alles ganz schnell. Zweittrommler Bob Nastanovich erzeugte auf seinem Sampler ein Feuerwerkgeräusch, grinste breit über diesen Einfall und verteilte Bierdosen als Siegprämie an holländische Fans.

Mit In the mouth a desert vom Debütalbum Slanted and enchanted begann es. In den kommenden anderthalb Stunden folgten Lieder aller fünf Alben, sowie viele Stücke die auf einer der zahlreichen EPs veröffentlicht
worden waren. Das meiste von dem, was ich hören wollte, kam im Set vor, daher passte alles gut.

Mir fehlte ja wie geschildert der Vergleich, die Band wirkte aber wohl deutlich
routinierter als bei den ersten Comeback-Auftritten. Ich hatte nicht den Eindruck, daß die Bandmitglieder das langweile, was sie da tun, im Vergleich zu Barcelona passierte aber auf der Bühne deutlich weniger. Eigentlich passierte gar nichts. Stephen Malkmus, Scott Kannberg, Steve West, Mark Ibold und Bob Nastanovich spielten ihr Programm souverän, hatten Spaß und lachten viel, die wirklich großen Momente fehlten aber weitestgehend. Natürlich war da das Tänzchen zwischen Bob und (?) dem Soundmann zu ... We dance. Das gab es auch beim Primavera, es war aber trotzdem schön!

Naja, die großen Moment fehlten dann aber doch nicht, man musste nur den Blick etwas wandern lassen. Wenn man nämlich dem Zweittrommler, Percussionisten und Sänger der Schreiparts, Bob Nastanovich zusah, gab es auch jenseits der Musik allerbeste Unterhaltung. Ich hatte
mich schon bei meinem abgebrochenen Konzert in Spanien über sein gestenreiches Spiel erfreut. Ihm über anderthalb Stunden zuzusehen, wie er wippte und feixte, war herrlich!

Mein erstes Mal Pavement mag objektiv nicht perfekt gewesen zu sein, für mich war es das aber, weil meine Erwartungen blendend erfüllt wurden. Ich wollte diesen Liebling endlich einmal sehen, viele liebste Stücke hören, und das in einem wundervollen Club. Aber es war eben ein Perfekt mit Platz nach oben. Daraus ein Perfekt-Perfekt zu machen, kann ja noch kommen, Pavement und ich sehen uns dieses Jahr noch.

Fin.

Setlist Pavement, Doornroosje, Nijmegen:


01: In the mouth a desert
02: Elevate me later
03: Date w/ IKEA
04: Grounded
05: Perfume-V
06: Father to a sister of thought
07: Gold soundz
08: Frontwards
09: Debris slide
10: Trigger cut
11: Stereo
12: Kennel district
13: Spit on a stranger
14: Conduit for sale
15: We dance
16: Lions (Linden)
17: Cut your hair
18: Fin
19: Box Elder

20: Shoot the singer
21: Two states
22: Stop breathing

23: The hexx (Z)
24: Spizzle trunk (Z)
25: Unfair (Z)
26: Shady lane (Z)
27: Range life (Z)

Links:

- Pavement in Paris (07.05.2010)





Samstag, 25. April 2009

Anna Ternheim, Nijmegen, 24.04.09

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Konzert: Anna Ternheim
Ort: Doornroosje, Nijmegen
Datum: 24.04.2009
Dauer: Anna Ternheim ca. 80 min, The Tiny 20 min
Zuschauer: gut 200


Im vergangenen Dezember stellte Anna Ternheim
ihre dritte Platte Leaving on a mayday in Schweden live vor. Fast fünf Monate mussten wir warten, bis die mittlerweile in New York lebende Stockholmerin auch wieder in Südeuropa auf Tour ist. Weil das Kölner Konzert mit einem anderen Highlight kollidiert, lag es in jeder Hinsicht nahe, ins nahe Nijmegen zu fahren. Das Doornroosje, der Laden, in dem Anna Ternheim auftreten sollte, ist einer der schönsten und angenehmsten Clubs, die ich kenne.

Vor Konzerten der schwedischen Sängerin ist es grundsätzlich spannend, in welcher Form sie auftreten wird. Ich habe jetzt drei ihrer Touren gesehen, einmal trat sie mit klassischer Bandbesetzung, beim nächsten Mal alleine und im Dezember mit Band mit Instrumenten wie singender Säge, Kontrabass und kleinem Chor auf.

Da das Konzert in Stockholm ein Vorabkonzert zur jetzigen Tour war, überraschte mich nicht, daß viele Streichinstrumente und Keyboards auf der Bühne standen. Also sollte es nicht solo sein. Da Anna Ternheims dritte Platte recht opulent instrumentiert ist, und es im Gegensatz zu den beiden Vorgängern keine zweite CD mit abgespeckten ("naked") Versionen gibt, war es auch hoch unwahrscheinlich, daß
die Singer/Songwriterin alleine auftreten würde. Mich begeisterten bisher all ihre Konzerte, in der Nachbetrachtung waren aber wohl die akustischen meine Lieblinge.

Vor Anna sollten The Tiny auftreten. Hinter diesem Namen verbargen sich zwei mir bekannte Musiker: Ellekari Larsson und Leo Svensson, die ich in Stockholm in Annas Band gesehen hatte. Vor allem Ellekari mit ihrer Pippi Langstrumpf 2.0 Frisur ist unverwechselbar. Als Annas Keyboarderin, Trompeterin, Glockenspielerin und Sängerin im Frauenchor bei Summer rain war mir die Künstlerin in sehr positiver Erinnerung geblieben. Und nun saß sie also neben Annas Cellisten am Keyboard und überraschte mich mit ganz
wundervollen Liedern, in die ich mich aber erst reinhören musste. Am Anfang war nämlich Ellekaris manchmal an Björk erinnernde Stimme gewöhnungsbedürftig. Das dauerte bei mir aber nur ein halbes Lied, dann überrollte mich der Charme der Musik der beiden. Anna Ternheim erzählte später, daß sie The Tiny bei ihrem ersten Konzert kennengelernt habe. Gemeinsam mit den beiden sei sie in einem griechischen Restaurant aufgetreten, in dem sich die Gäste mehr für ihr Essen als für die Musik interessiert hätten. Obwohl auch in Nijmegen die Geräuschkulisse im Saal recht hoch war, widmeten viele den beiden die verdiente Aufmerksamkeit, denn die Stücke von Ellekari und Leo waren wirkliche musikalische Kleinode mit wundervoller Instrumentierung. So spielte Leonicht nur Cello, er bediente vor allem ein Tasteninstrument mit Luftzufuhr per Pedal. Ob es nun ein Harmonium war...? Wir waren nicht sicher.

The Tiny spielten etwa zwanzig Minuten, vier Lieder, wenn ich richtig mitgezählt habe. Im Gegensatz zu vielen anderen Vorgruppen hätte es bei den beiden Schweden ruhig noch eine Weile dauern dürfen!

Als Anna Ternheim und ihre Band dann auf die Bühne kamen, passierte mir etwas, was ich bei ihr noch nie erlebt hatte. Ich fragte mich, ob die kritischen Stimmen zum neuen Album, die das Schlagzeug viel zu heftig finden, nicht recht haben. Denn bei Terrified von Leaving on a mayday standen die Trommeln schon sehr stark im Vordergrund. Auch beim zweiten Stück What have I done (von dem es eine naked version gibt) klang es noch sehr dumpf. Es lag aber - puh! - nicht an einer Änderung meines Geschmacks, offenbar war das
Konzert am Anfang einfach nur zu tief und basslastig abgemischt. Als sich der Mischer auch gefragt hatte "what have I done", wurde es besser, nein traumhaft und großartig wie immer.

Bei meinen ersten Konzerten hatte Anna immer zwischen Klavier und Gitarre gewechselt. Zuletzt hatte ich sie auch erstmals ohne Instrumente erlebt. Dabei lief sie hin und her über die Bühne. Das machte sie auch diesmal... nur war alles viel näher und dichter.

Am Klavier spielte die Sängerin diesmal nicht. Sie hatte ihr rotes kleines Piano gar nicht dabei. Leider hieß das auch, daß sie Shoreline, ihr fabelhaftes Cover der Band Broder Daniel nicht spielen würde. Aber es sollte reichlich Entschädigungen für dieses erstmals fehlende Highlight geben. Die ersten waren Girl laying down und vor allem das schon fast punkig gespielte A french love, das mich schon in Schweden fasziniert hatte, weil diese Version obwohl so anders auch absolut fabelhaft war. Und direkt nach dem lautesten Lied folgte eines der ruhigsten des Abends. I'll follow you tonight spielten nur Anna an ihrer Gitarre und
Leo an der singenden Säge. Was soll man dazu sagen... Glücklicherweise wurde dieses schönste Stück des Abends auch nicht vom Publikum versaut. Später verstanden es einige ganz zielsicher, immer dann rhythmusähnlich zu klatschen, wenn es besonders schön wurde. Oder mitzupfeifen. Ellekari kann das, sie ist nämlich für allerlei mit Mund und Stimme erzeugte Hintergrundgeräusche zuständig. Die Frauen vorne rechts konnten es nicht und nervten damit schrecklich.

Die Arrangements der Lieder sind so ungemein detailreich. Annas Band, neben Ellekari und Leo standen ein Schlagzeuger (vermutlich wieder Nils Törnqvist) und Bassist (Patric Thorman) auf der Bühne, spielte irre viele Instrumente (Bass und Kontrabass, Cello, Glockenspiel, Säge, Schlagzeug, verschiedene Keyboards und Gitarren) und erzeugte wundervolle kleine Geräusche aller Art.

Viel zu früh kündigte die große Schwedin den letzten Song an. "But it's a good one!" Keinerlei Widerspruch, denn I say no ist einer ihrer großen Knüller!

Auch die erste Zugabe war besonders. Gemeinsam mit ihrer Keyboarderin sang Anna
Ternheim sonst nur von einer Gitarre unterstützt Summer rain. Beide Frauen standen am Bühnenrand und bannten alle! Leider wurde die Stille, die fast feierliche Stimmung des Lieds durch Dauerfeuer eines Fotografen an meinem rechten Ohr und hunderte von Klicks sehr gestört...

Zu My secret kam die Band zurück. Dieser Liebling hatte ein für mich neues Ende, eines, das mir sehr gut gefiel - die zweite Hälfte klang nach einem ganz neuen Stück! Auch das ist typisch Anna Ternheim. Sie verändert ihre Lieder regelmäßig, so wie sie die Arrangements variiert. Der mitklatschende Landsmann gehört nicht zum von ihr verantworteten Arrangement und war daher nicht lobenswert.

Eigentlich sollte die dritte Zugabe (dazu kam sie wieder auf die Bühne) das letzte Lied sein. Aber Anna verpatzte
No subtle man gleich mehrfach, lustigerweise auch in der Zeile "I failed so many times." Als "Wiedergutmachung" folgte ein zusätzliches Stück, der wundervolle Wedding song, der in den letzten Jahren immer mehr zu meinem Anna Ternheim Lieblingslied geworden ist. Ausgerechnet das zum Schluß - perfekt!

Nach einem unverschuldet holprigen Start entwickelte sich schnell das gewohnt (und erwartet) brillante Konzert, obwohl Anna Ternheim sagte, nach fünf Tagen Tourbus, ohne Hotel und Dusche, seien sie fertig und schmutzig - davon allerdings sah und roch man nichts.
Und auch wenn es bis Dienstag in Frankfurt neun Tage sind, freue ich mich irre auf noch einmal perfekte 80 Minuten.

Setlist Anna Ternheim, Doornroosje, Nijmegen:

01: Terrified
02: What have I done
03: Black sunday afternoon
04: Girl laying down
05: A french love
06: I'll follow you tonight
07: Better be
08: Lovers dream
09: Damaged ones
10: No, I don't remember
11: Let it rain
12: I say no

13: Summer rain (Z)
14: My secret (Z)

15: No subtle man (Anna Ternheim solo) (Z)
16: Wedding song (Anna Ternheim solo) (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Anna Ternheim, Stockholm, 08.12.08
- Anna Ternheim, Paris, 01.10.07
- Anna Ternheim, Köln, 26.09.07
- Anna Ternheim, Heidelberg, 25.09.07
- Anna Ternheim, Paris, 31.05.07
- Anna Ternheim, Köln, 12.03.07
- Anna Ternheim, Paris, 12.12.06
- Interview mit ihr in Köln
- mehr Fotos vom Konzert im Doornroosje



Samstag, 21. Juni 2008

Maximo Park, Nijmegen, 20.06.08

2 Kommentare

Konzert: Maximo Park

Ort: Doornroosje, Nijmegen (NL)
Datum: 20.06.2008
Zuschauer: ausverkauft (vielleicht 350)
Dauer: 70 min


Damit hatte ich nicht gerechnet. "Maximo Park in Nijmegen?" erreichte mich vor ein paar Wochen eine Nachricht. Auch wenn ich den Spielort da noch nicht kannte, brauchte ich für die Antwort Millisekunden. Beim Erkunden der Website des niederländischen Clubs fand ich ein Martha Wainwright Konzert, zu dem ich sofort hinwollte. Das tat ich auch und verschickte anschließend groupiehafte smse mit dem Inhalt "wenn Maximo Park im gleichen Saal spielen, ist das ein Hauptgewinn." Es gab nämlich große Diskrepanzen zwischen meiner Wahrnehmung, was die Saalgröße angeht und der offiziellen (Wikipedia) Version. Das online Lexikon sprach von mehr als 1.000 Zuschauern im großen Saal. Den hatte ich nirgends im Doornroosje gesehen, daher still und heimlich gehofft, daß Martha schon in diesem gespielt hätte, denn dessen Größe gefiel mir ganz ausgezeichnet (das müssten schon 1.000 sehr kleine Besucher sein, die da reinpassen... Katzen oder Schlümpfe, irgendwas diesen Kalibers). Per mail wurde mir meine Wunschvorstellung bestätigt... großartig!

Entsprechend groß war die Vorfreude. So klein hatte ich die Band noch nicht gesehen. Aber Maximo hatten Nijmegen offenbar als Warm-Up Gig vor den
Auftritten bei Hurricane (Samstag) und Southside (Sonntag) vorgesehen, daher sprach wohl auch aus Bandsicht alles für einen kleinen, gemütlichen Club.

Das ganze Drumherum spricht auch so sehr für diesen so angenehmen Laden. Man kann direkt davor parken, er ist von Köln in anderthalb Stunden erreichbar und es ist alles herrlich entspannt! In unmittelbarer Nachbarschaft gibt es ein Eckbistro, in dem wir noch etwas essen wollten, eine naheliegende Idee. Auch die Band hatte die. Fast zeitglich mit uns saßen dann nämlich Keyboarder, Bassist, Schlagzeuger und Tourmanager zwei Tische weiter, aßen und lauschten wie wir einer,
ich glaube, dreiköpfigen Band, die in dem Restaurant spielte. Da sie quasi unsere Vorgruppe war, sei der Name erwähnt: TM2.

Maximo Park war vor uns fertig. Wir folgten etwas später und stellten uns an eine recht lange Warteschlange an.
Verteilt wurden da an die wartenden Konzertgänger Werbepostkarten der Fratellis (als Panini-Bilder). Die Karten klebten ruckzuck an den Büschen des Zugangs zum Club. In Holland scheinen die Schotten keine große Nummer zu sein.

Obwohl wir den großen Saal recht spät erreichten, hatten wir keine Probleme, vorne Plätze zu finden, schön! Bis zum Konzertbeginn legte ein DJ auf, und es war recht
angenehm. Um Viertel nach neun, ganz so wie geplant, startete die Show dann. Wie üblich erschien Sänger Paul Smith nach seiner Band und wie üblich legte er sich sofort mächtig ins Zeug. Obwohl es erst acht Monate her ist, daß ich Maximo Park zuletzt gesehen habe, langweilte mich nichts. Paul war in Hochform, flitzte über die Bühne, kletterte auf alles, was er fand, drehte sich, sprang, das volle Programm. Und musikalisch muß man zu einem Auftakt wie "Girls who play guitars", "Graffiti", "Postcard of a painting", "A fortnight's time", "Our velocity" und "Parisian skies" wohl nichts sagen. Grandios, solche Nummern am Anfang eines Konzerts raushauen zu können.

Der Sound schien mir am Anfang das kleine Manko des Abends zu sein, allerdings stand ich der Fotos wegen im direkten Dröhnbereich der Boxen, auf die ich das schob. Im Laufe des Konzerts wurde der Klang aber immer besser, falls ich mir das nicht einbilde.

Während Schlagzeuger Tom English, Bassist Archis Tiku und Gitarrist Duncan Lloyd ruhig und unauffällig spielen, ist neben Paule auch Keyboarder Lukas Wooller herrlich zu beobachten. Natürlich hat er viele Parts auf seinem roten Keyboard zu spielen. Ganz ernst mit den Einsätzen
oder dem rechtzeitigen Rückkehren an seinen Arbeitsplatz nimmt er es aber nicht. Lukas ist ganz klar Co-Entertainer bei Maximo Park-Konzerten. Wer allerdings sein Keyboard beherrscht, darf auch ruhig rumhampeln und erst später in Lieder einsteigen.

Nach dieser sensationellen ersten Konzerthälfte, kam mit "Tanned" ein erstes neues Lied. "Tanned" ist sehr ruhig und eher eine B-Seite nach meinem Geschmack. Es war unspektakulär und langweilig. Aber ich habe es ja zum ersten Mal gehört, vielleicht täusche ich mich.

Diese ruhige Konzertphase hielt durch "
I want you to stay", "Karaoke plays" und "By the monument" noch etwas an. "By the monument" war in meinen Ohren einer der Höhepunkte des Konzerts. "Limassol" brachte den Saal wieder richtig in Schwung - und wie, eigentlich wurde nämlich fast durchgängig gepogt.

Das zweite neue Lied stellte Paul schon explizit als Song der neuen Platte vor, die sie in Newcastle aufnehmen. Die Ansagen des Sängers wurden immer kurzatmiger, weil er wirklich alles gab, sich keinesfalls für das stressige quer-durch-Deutschland Festival-Wochenende schonte. Daher verstand ich den Titel auch nicht genau, das Lied scheint aber "Questing" zu heißen. Auch wenn es deutlich weniger langweilig als "Tanned" war, hat mich der ruhige Titel nicht vom Hocker gerissen. Aber abwarten... Vielleicht hat das
irgendwann auch den gleichen Effekt wie die nachfolgenden "The coast is always changing", "The unshockable" (das ich erst auch gar nicht mochte, als die Platte erschien, warum auch immer) und "Going missing", die mich wieder vollkommen begeisterten, weltklasse Livelieder!

"Going Missing" widmete Paul, der zu seinem Bowler schwarze Jeans, ein Jacket und ein weißes T-Shirt mit "Education not missiles" trug, den holländischen EM-Helden Wesley Snyder. War das böse? Vermutlich nicht, bisher hat Snyder eh nicht viel versemmelt.

Der Snyder-Song war dann quasi auch der Abfiff der regulären Spielzeit. Die Verlängerung mit
"Russian literature", "Books from boxes" und "Apply some pressure" mußte sich dann aber an Klasse auch nicht vor den kurz später stattfindenden letzten Minuten der Extra-Zeit vom Viertelfinale Türkei - Kroatien verstecken. "Russian literature" ist seit einiger Zeit ein großer Liebling der zweiten Platte der Nordengländer. Das folgende "Books from boxes" ist eben "Books from boxes!" Es klang aber neu. Bass und vor allem die Gitarre klangen anders als bei meinen bisherigen Liveerleben. Daß ich mir das nicht einbildete, wurde mir hinterher bestätigt. Vor allem die neue Gitarre macht das tausendfach gehörte Lied neu spannend und noch einmal besser. Auch wenn keiner so aussah, als könnte er noch (Publikum und Sänger), fehlte natürlich noch "Apply some pressure", das selbstverständlich auch abräumte.

Ein großartiges Konzert, ein wundervoller Club, ein sehr angenehmes Publikum (Paul bedankte sich mit "Thank you for your company, thank you for Marco van Basten and thank you for Eddie van Halen")... Die habe ich nicht zum letzten Mal gesehen, das Doornroosje auch nicht!


Setlist Maximo Park, Doornroosje, Nijmegen:

01: Girls who play guitars
02: Graffiti
03: Postcard of a painting
04: A fortnight's time
05: Our velocity
06: Parisian skies
07: Tanned (neu)
08: I want you to stay
09: Karaoke plays
10: By the monument
11: Limassol
12: Questing (neu)
13: The coast is always changing
14: The unshockable
15: Going missing

16: Russian literature (Z)
17: Books from boxes (Z)
18: Apply some pressure (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Maximo Park, Wiesbaden, 22.10.07
- Maximo Park, Köln, 16.10.07
- Maximo Park, Glasgow, 02.10.07
- Maximo Park, Paris, 08.06.07
- Maximo Park, Köln, 26.05.07
- Maximo Park, Bochum, 09.04.07
- Fotos vom Konzert in Nijmegen

ANMERKUNG: Mein Versuch, Paule springend zu fotografieren (letztes Bild), ist kläglich gescheitert. Aber - so wie man zu essen sagt, das man nicht mag, das aber nicht zugeben will - es hat was...



Samstag, 31. Mai 2008

Martha Wainwright, Nijmegen, 30.05.08

6 Kommentare

Konzert: Martha Wainwright
Ort: Doornroosje, Nijmegen
Datum: 30.05.2008
Zuschauer: vermutlich ausverkauft (vielleicht 200)
Konzertdauer: 95 min.


Schön zu sehen, daß sich Rockstars manchmal mit den gleichen Problemen rumschlagen wie ich. Martha Wainwright beschäftigte eine Frage so sehr, daß sie eines der ersten Lieder abbrach. Bevor sie es noch einmal beginne, müsse sie unbedingt wissen, wie "Nijmegen" ausgesprochen wird. "Ich habe den ganzen Tag hier gesessen und Interviews gegeben und kam mir wie ein Arschloch vor, daß ich nicht wußte, wie man das spricht..." Natürlich half das Publikum im Doornroosje sofort und lieferte als Antwort "Neimegen", nicht mit ch-Laut, wie ich gedacht hatte, obwohl meine Version doch viel holländischer klingt. Vollkommen blöd, daß man sich so wenig mit diesem Nachbarland auseinandersetzt, wenn man nicht gleich an der Grenze wohnt und regelmäßig in die Niederlande fährt. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, daß Martha Wainwright gerade auf Tour ist (Deutschland läßt die New Yorkerin aus), wenn wir nicht wegen eines Maximo Park Konzerts auf das Doornroosje gestossen wären und ich mir das Programm der nächsten Wochen angesehen hätte. Nijmegen liegt eine gute Stunde von Köln entfernt, ist also durchaus gut erreichbar, auch wenn man nur einen Kurzkonzerttrip plant.

Der Club mit dem schönen Namen Doornroosje liegt mitten in einem Wohngebiet.
Direkt an der Straße ist ein normales Wohnhaus mit Garten, dessen hohes, wildwachsendes Gras (Wiese, just in case...) Schlüsse auf den Ursprung des Clubnamens aufkommen lassen. Hinter dem Haus liegt ein kunterbunt besprühter Neubau, in dem das Kulturzentrum untergebracht ist. Die Leute, die da gemeinsam mit mir reingingen, waren ein ganz anderes Publikum als bei Indie-Konzerten in Köln. Der Altersschnitt lag wohltuend hoch, viele meiner unbekannten Begleiter wären in Deutschland wohl eher Musicalpublikum, schon einmal ein sehr angenehmer Unterschied. Natürlich zieht eine Singer/Songwriterin wie Martha Wainwright auch bei uns älteres Publikum an als die Kooks z.B., es war aber auffällig, wie viele nicht nach Indie-Freunden aussehende Zuschauer da waren. Auch in den Niederlanden scheint alternative Musik also viel mehr gesellschaftlich verwurzelt zu sein als bei uns.

Schluß mit der Soziologie, es geht um Musik.

Das Doornroosje ist 2006 von einer Zeitung zum besten "Nachttempel" der Niederlande gewählt worden. Ich kenne noch keinen anderen, schließe mich dem Urteil aber sofort an, weil der Club extrem viel Charme besitzt. Es ist schon eine echte Konzertstätte, also nicht so ein gemütlicher Sofa-Laden, aber ein wundervoller. Vor allem war alles so herrlich entspannt und unhektisch. An der Tür zum Saal (ich muß mal gerade abweichen: bis eben hatte ich geglaubt und gehofft, daß Martha im "grote Zaal" gespielt hätte. Die Beschilderung außen am Club ließ mich das vermuten. Der Martha-Saal war aber nicht furchtbar groß, bot etwa 200 - 300 Leuten Platz. Wenn da dann Maximo Park auftreten würden, wäre das ja schon fast ein Radiokonzert. Nach
der niederländischen Wikipedia-Seite fasst der grote zaal aber 1.500 Leute) hing ein Schild mit dem Zeitplan: 20.30 Uhr Doveman, 21.20 Uhr Martha Wainwright, ich würde also früher zu Hause sein als bei manchem Konzert in Köln.

Der Raum erinnerte mich ein wenig an ein Mischung der beiden Clubs Stadtgarten und Studio 672 in Köln. Er ist luftig, hat am Ende eine Bar und eine Bühne, die nicht abgesperrt war. Nach ein paar Minuten Warterei begann
die Vorgruppe Doveman, die mir vorher nichts sagte, dann auch fast pünklich. Doveman kommen aus New York und spielen nach eigenen Angaben "Lamp Rock" und "Insomnia Pop". Das beschreibt es perfekt (auch wenn ich nicht genau weiß, was sie damit meinen). Neben Keyboarder und Sänger Thomas Bartlett, der schon mit The National, Antony and the Johnsons und Yoko Ono gespielt hat, gehörten ein Gitarrist und ein Schlagzeuger zur Band. Ihre myspace Seite nennt deutlich mehr Mitglieder, daher kann ich nicht zuordnen, wer von denen in Nijmegen dabei war. Obwohl Thomas nur rechts am Rand der Bühne stand, war er eindeutig Kopf der Band. Der mittig auf einem Barhocker sitzende Gitarrist war eigentlich keiner, denn er spielte mit einer Ausnahme ausschließlich Banjo.

Die Musik der drei Amerikaner gefiel mir anfangs sehr gut. Der Gesang von Thomas (und ab und an vom Banjospieler) ist kaum mehr als gehaucht. Aktuell erinnerte mich manches an Girls in Hawaii - oder vielleicht treffender an den Twin Peaks Soundtrack. Auf Dauer war diese sehr zurückgenommene Musik aber viel zu ereignisarm, als daß sie mich weiter gefesselt hätte. Ohne es zu merken, hörte ich immer weniger hin, wahrlich kein gutes Zeichen. Irgendwie war das Indie-Fahrstuhl-Musik. Es tat nicht weh, verlor aber schnell die Fähigkeit, wahrnehmbar zu sein. (Und ich rede hier von einem 30 Minuten Auftritt!)

Der Umbau ging schnell und war gut organisiert. Ich hatte keine rechte Vorstellung,
ob Martha alleine oder mit Band spielen würde. Als dann der Bass, der schon auf der Bühne stand, von Doveman nicht benutzt wurde, war es also die Bandvariante.

Erst kam die groß wirkende Sängerin allerdings alleine auf die Bühne. Obwohl ich ihre Musik seit dem ersten Album von 2005 liebe, hatte ich bisher keine Gelegenheit, Martha live zu sehen. Vor zwei Jahren trat sie zwar in Haldern auf, allerdings donnerstags - und ohne mich. In den nächsten Tagen erscheint ihre zweite CD mit
dem unfassbar tollen Titel "I know you're married but I've got feelings too". Da das Album auch bei iTunes bisher nur zerstückelt zu erwerben ist, kannte ich noch keines der neuen Stücke, nur den Verriss von Jan Wigger auf Spiegel online. Die in Montreal geborene Sängerin war extravagent gekleidet. Zu einer schwarzen Bluse trug sie weiße Woll-Leggings, darüben ein Röckchen, das aus Wohnwagen Vorhängen geschneidert zu sein schien und ochsenblutrote hohe Stiefel mit Strass-Edelsteinen auf dem Stiefelrücken. Noch von den funkelnden Stiefeln geblendet, bemerkte ich als nächstes eine nette Marotte: Marthas Mikro war bewußt zu tief angebracht. Sie hätte es ja, wäre das aus Versehen passiert, korrigieren können, sie schien allerdings extra tief singen zu mögen und mußte sich ein wenig bücken, um zielsicher das Mikro zu treffen. Dazu passend bewegte sie ununterbrochen eines ihrer Beine, knickte es, nahm es hoch. Ihrer Stimme schadete dies nicht, denn die war auf dem Punkt da und passte perfekt.

Als erstes bewies sie dies bei "I wish I were" von der neuen Platte. Marthas Stimme hat ein deutlich punkiges Element. Manchmal erinnerte mich ihr Klang an meine Heldin Hazel O'Connor, was mir vorher nie aufgefallen war. "I wish I were" war ein gelungener Auftakt. Als die Band dann auf die Bühne kam, folgten mit "Bleeding all over you" und "Comin' tonight" gleich zwei frühe Höhepunkte. Vor allem das druckvoll gespielte (und damit überraschend laute) "Comin' tonight" gefiel mir ungemein. Ich weiß noch nicht, wie das Lied auf Platte arrangiert ist, live jedenfalls war es perfekt. Zu Marthas Band
gehörten zwei der Doveman-Leute, Keyboarder Thomas und der (hier namenlose) Schlagzeuger. Weiter waren ein Gitarrist und ein Bassist beteiligt. Den Bassisten lächelte Martha mehrfach während des Konzerts an, sodaß mein Klatsch-Ich gleich schloss, daß die beiden etwas mit einander haben müssten. Später beim wundervollen "Far away" vom Debüt lächelte die Sängerin bei der Zeile "I have no husband" in sich hinein, ich fühlte mich bestätigt. Als ich nach dem Konzert ins Booklet der CD sah, stellte ich fest, daß ich richtig gedeutet hatte. Martha und Brad, der Bassist, sind verheiratet (ok, schrecklich schwer war das nicht).

Nach den ersten acht Liedern, von denen bis auf "When
the day is short" alle vom neuen Album stammten (und mich nicht so sehr begeisterten wie die beiden bereits erwähnten), ging die Band wieder, um Martha kurz akustisch weitermachen zu lassen. Vor allem "Far away" war in dieser Konzertphase dann ein Knüller - wenig überraschend, ich mag das Lied sehr.

Überrascht war ich allerdings davon, wie die Sängerin auftrat. Ich hatte eine ganz schrecklich versponnene Hippie-Frau erwartet. Mein Bild des musikalischen Genies aus der so unglaublich musischen Familie (Bruder Rufus, Vater Louden, Mutter Kate McGarrigle), die lustige Anekdote über die Entstehung von "Bloody mother fucking asshole"
und auch ihr Kleidungsstil liessen mich auf eine in sich verschlossene und mit einem kräftigen Haschmich ausgestatteten Frau erwarten. Sie war ganz anders. Martha plauderte mit uns, lachte viel und wirkte überhaupt vollkommen ausgeglichen. Sie fragte zum Beispiel nach Nina Simone, die - so glaube sie - mal in Nijmegen gewohnt habe. Weil aus dem Saal unterschiedliche Zahlen kamen, wie lange die Jazzsängerin in den Niederlanden gelebt habe, kommentierte sie schauspielernd "one year, two years, five years, no ten years, she was born and died her - she still lives in Nijmegen!" Sie war noch nicht zufrieden. Weil Nina Simone reichlich "schwierig" war, wollte sie es näher wissen: "Did she attack anyone? - She did? - Did she kill anybody?"

Richtig abwechslungsreich wurde das Set nachdem die Band im Anschluß an "This life" wiederkam. Ein Großteil der Songs des neuen Albums war vorgestellt, viel Altes wollte sie offenbar nicht spielen, also war Zeit für Extras. Erstes Bonbon war das Edith Piaf Cover "Adieu mon coeur", das sie (als halbe Frankokanadierin) für mein Ohr ohne fiesen amerikanischen Akzent sang. Es folgten noch einmal ein paar Albumstücke (alt und neu), darunter das grandiose G.P.T., das mich immer an Dean Martin* erinnert, und daher einer meiner Lieblinge ist, und das das Set beendete. Aber selbstverständlich kam Martha zurück, zunächst wieder alleine und spielte das angeblich ihrem Vater gewidmete "Bloody mother fucking asshole". Seit ich dieses fabelhafte Lied zum ersten Mal gehört habe, erfreue ich mich immer wieder an der Vorstellung, auf wie vielen romantischen Liebessamplern das Lied wohl zu finden ist, weil es so herrlich lieblich klingt...

Die Band kam zurück, diesmal allerdings auf anderen Plätzen. Bassist und Ehemann Brad spielte nun Schlagzeug, der Gitarrist Bass und der bisherige Schlagzeuger Gitarre. In dieser Konstellation stimmten sie "See Emily play" an, Marthas Interpretation des Uralt-Pink Floyd Lieds - und was für eine aufregende Version! Als
wäre das Stück selbst noch nicht unterhaltsam genug, zerstörten Brad und der neue Gitarrist anschließend das Schlagzeug, traten in die Bassdrum, rissen alles um und hinterließen ein heilloses Chaos. Martha nahm es lächelnd und sang mit "Dis quand reviendras-tu?" ein weiteres Cover. Das Original stammt von der französischen Sängerin Barbara. Aber auch dieses wunderschöne Stück war noch nicht der Abschluß - die Sängerin und Thomas, der Keyboarder kamen noch einmal zurück für "Stormy Weather", den Klassiker aus den 30ern. Nach 95 Minuten war dann endgültig Schluß, obwohl sicher alle noch gerne weiter der fabelhaften Stimme Wainwrights zugehört hätten.

Hoffentlich kommt Martha Wainwright im Herbst noch einmal nach Deutschland. Auch wenn vielleicht nicht alle Lieder des neuen Albums an die Vorgänger herankommen mögen (das kann ich noch nicht beurteilen), werde ich mir blind jedes weitere Konzert ansehen. Ganz sicher war ich aber auch nicht zum letzten Mal in Hollands bestem Nachttempel, dafür sind Club und Programm zu gut!

Setlist Martha Wainwright, Doornroosje, Nijmegen:

01: I wish I were
02: Bleeding all over you
03: Comin' tonight
04: Jesus and Mary
05: Hearts Club Band
06: When the day is short
07: So many friends
08: In the middle of the night
09: Far away
10: Tower song
11: This life
12: Adieu mon coeur (Edith Piaf Cover)
13: Jimi
14: Factory
15: The George song
16: You cheated me
17: G.P.T.

18: Bloody mother fucking asshole (Z)
19: See Emily play (Pink Floyd Cover) (Z)
20: Dis quand reviendras-tu (Barbara Cover) (Z)

21: Stormy weather (Ethel Waters Cover) (Z)

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*Auf einem Roman fand ich einmal den Aufkleber "Besser als Dan Brown". Schöner kann man eine Werbung nicht auf den Punkt bringen. Seitdem kleben auf meinen Dean Martin CDs Aufkleber "Besser als Frank Sinatra" - denn auch daran gibt es keinen Zweifel.



 

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