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Sonntag, 8. März 2020

Agnes Obel, Mannheim, 01.03.20

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Konzert: Agnes Obel mit Support Marlène
Ort: Capitol in Mannheim
Datum: 1. März 2020
Dauer: 30 min + 90 min
Zuschauer: ausverkauft (etwa 500)


Dies war ein wunderbarer Konzertabend, der noch immer in mir nachklingt. Wegen der Musik, wegen der Stimmung am Ort, wegen Leuten und weil auch das erlebte in den Jahren auf dem Weg dahin so wunderschön ist. Ich werde nie vergessen, wie wir 2010 unsere Tochter in ihrem ersten Herbst in Kopenhagen besucht haben und dort im Cafè die erste EP von Agnes Obel in Dauerschleife lief. Die ganze Stadt war voller Plakate für die drei ausverkauften  Konzerte in der Oper dort an dem Wochenende. Ich hatte da schon eine Konzertreise nach Basel geplant und wieder verworfen, aber für Strasbourg im Februar 2011 würde es wohl klappen. Bis das Konzert am Mittag des Tages abgesagt wurde. 


Ich musste damals nicht lange darüber traurig sein, denn im April 2011 sahen wir die Dänin mit Anne Müller am Cello im Tollhaus in Karlsruhe mit unserer Tochter zusammen. Später dann noch in Freiburg im Herbst 2011 und in Stuttgart 2013. Seither hatte ich sie live irgendwie verpasst, aber für das Frühjahr 2020 hatte ich mich total darauf gefreut, sie an einem so schönen Ort wie dem Capitol in Mannheim zu sehen. Dort hatte ich schon einen unvergesslichen Abend erlebt und zwei weitere wunderschöne Konzerte. Es hat eine intime Atmosphäre dadurch, dass man nicht zu weit von der Bühne entfernt sitzt und es ein Kinotheater ist.


Die Vorfreude war also groß und wurde ein wenig aberwitzig, als sich herausstellte, dass eine von mir sehr geliebte Cellistin, Kristina Koropecki, die ich seit dem Sound of Bronkow 2018 mit zwei Projekten sehr ins Herz geschlossen und inzwischen einige Male gesehen hatte, zur Band von Agnes Obel gehört (und wie ich dann verstand auch schon gehört hatte in der Zeit, in der ich sie nicht live gesehen hatte). Ernsthaft kneifen musste ich mich, als noch etwas später als Support Marlène bekannt gegeben wurde. Mit ihrer Band (damals noch als Trio mit dem Namen Yippie Yeah) hatte ich sie und Kristina Koropecki im Apfelgarten am Societätstheater gesehen und anschließend nach Karlsruhe eingeladen. Zum Glück hatte das 2019 im Sommer geklappt und wir hatten uns dann am Rande eines für mich sehr denkwürdigen Konzertes von Kliffs im August in Storkow wiedergetroffen. 


Für 2020 waren wir schon im Gespräch und mit dem Kliffs-Duo hatten wir schon einen Februartermin gemacht. Und dann fiel dieser Support in Mannheim noch in meinen Schoß. Das finde ich immer noch extrem abgefahren. Kein Wunder dass auch Marlène an diesem zweiten Abend mit Agnes Obel Publikum etwas nervös war.


Aber sie hatte ja ihre wunderbar poetisch-lapidaren Texte und schräg-eingängigen Melodien dabei und konnte mit ihrem Charme das Publikum ganz auf ihre Seite ziehen, auch wenn es beim französichen Lied zweimal mit Karacho in die Hose ging. Vor dem Lied "Zu gesund" machte sie explizit zum Thema, wie sie sich für den unmöglichen Spagat zwischen Kind und Musik entschieden hat, der von einem Anruf von Agnes Obel belohnt wurde.
 


Setlist:

01: Theorie und Praxis
02: Mach dich groß
03: Grill Royal
04: Prière d'enfant
05: Zu gesund
06: Februar
 


Es gab nach dem Support etwa 30 min Pause (es wäre schön gewesen, wenn das kommuniziert worden wäre, so saßen alle wie gebannt in den Sesseln und warteten, dass es weitergeht - kaum eine traute sich aufs Klo). Schließlich kam gegen 21 Uhr Agnes Obel allein auf die Bühne und spielte solo am Klavier Words are dead. Das Licht war rötlich und sparsam und ich dachte nach der Hälft des Konzertes, dass ich wohl ganz ohne Bilder heimfahren würde, denn rotes Licht und meine Kamera können nicht zusammenarbeiten.



Für das zweite Lied kamen die anderen Musikerinnen auf die Bühne:

Anne Backer (Geige, Mellotron, Gesang)
Louise Anna Duggan (Perkussion)
Kristina Koropecki (Cello, Gesang, Synthie) 



Mir gefiel die Mischung im Programm zwischen dem gerade zehn Tage alten Album Myopia und den anderen Songs. Es war über weite Teile tröstlich und irgendwie Labsal für die Seele, aber z.B. Trojan horses fiel mir als besonders kraftvoll auf.  Ebenso fand ich Island of doom ganz besonder toll. In den Ansagen war Agnes Obel recht sparsam, kam aber bei mir wieder sehr sympatisch und gar nicht abgehoben an. Ich fand es toll zu sehen, wie die vier Frauen auf der Bühne zusammen wirkten und wie gegen Ende die Glühlampen angingen und eine ganz besondere Atmosphäre schufen.


Für die Zugabe hatte sich Agnes Obel On powdered ground  als letztes Stück aufgehoben, das mich zuletzt 2013 in Stuttgart so ganz besonders verzaubert hatte. Was für ein wunderbares Ende für so einen ganz besonderen Abend. Wer sich nun denkt: das würde ich auch gern erleben und wegen "ausverkauft" jetzt nicht zum Zuge kommt - am ersten Septemberwochenende tritt Agnes Obel auch beim Golden Leaves Festival in Darmstadt auf. Das wird sicher mindestens genauso toll wie im Capitol. Aber man sollte sich wohl mit dem Ticketkauf beeilen...


Draußen tobte sich derweilen das vierte Orkantief seit Anfang Februar aus und wir waren sehr froh, dass wir auf der Heimfahrt nicht von der Autobahn geweht wurden oder von einer Pfütze an die Leitplanke umgeleitet. Allerdings war es im Finish nochmal spannend, denn die Straßen, die in Karlsruhe westliche und östliche Teile nördlich vom Schloß verbinden, waren alle gesperrt wegen gestürzter Bäume. Was normalerweise ein kleiner Hops von 10 min gewesen wäre, dauerte dann noch einmal fast 30 min und einige Nerven.

Setlist:
01: Words are dead (Solo)
02: Dorian
03: Camera's Rolling

04: Fuel to Fire
05: Parliament of Owls
06: Trojan Horses
07: Island of Doom

08: Can’t be
09: Familiar
10: Philharmonics

11: Riverside
12: Promise Keeper
13: Broken Sleep
14: Myopia
15: Stretch Your Eyes

16: Won't you call me (Z)
17: On powdered ground (Z)
  

Tourdaten im Einzugsgebiet:
29.02. Köln
01.03. Mannheim
02.03. Hamburg
04.03. Wien

07.03. Berlin (Zusatztermin)
11.03. Groningen
12.03. Utrecht
13.03. Tilburg
16.03. Berlin
17.03. München
21.03. Luxemburg
23.03. Brüssel


Aus unserem Archiv:
Agnes Obel, Stuttgart, 07.11.13
Agnes Obel, Paris, 09.07.12
Agnes Obel, Eindhoven, 16.06.12
Agnes Obel, Freiburg, 14.11.11
Agnes Obel, Paris, 02.11.11
Agnes Obel, Paris, 09.11.10
Agnes Obel, Paris, 06.11.10
Agnes Obel, Paris, 28.10.10




Montag, 16. September 2019

Amanda Palmer, Offenbach, 13.09.19

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Konzert: Amanda Palmer
Ort: Capitol, Offenbach
Datum: 13.09.2019
Dauer: 110 min & gut 60 min
Zuschauer: nicht ganz ausverkauft - vielleicht 700



"Das war das heiterste Lied des Abends," warnte uns Amanda Palmer nach dem ersten Stück ihres Konzerts vor. Es war die Seeräuber-Jenny aus der Dreigroschenoper. "Und wenn dann der Kopf fällt, sag' ich 'hoppla!'" Sie wolle einen Deal mit uns eingehen. Sie werde viel erzählen, oft auch sehr Trauriges. Wenn es zu heftig werde, sollten wir sie unterbrechen und "Amanda, I'm too sad" unterbrechen, sie werde dann umgehend die ersten Takte von Coin-operated boy spielen. Es sei ihr Job als Künstlerin, ins Dunkel zu gehen und Licht zu machen, betonte sie einige Male. Es war sehr dunkel, es war aber auch viel Licht. Wir mussten sie nur dreimal unterbrechen.

Amanda Palmers neues Album There will be no intermission erschien im März. Die Abende mit der Amerikanerin waren aber ausdrücklich nicht als reine Musikveranstaltungen angekündigt worden. Inspiration für diese Art Auftritt hatten ihr wohl Veranstaltungen von Nick Cave in Australien und Bruce Springsteen ("don't judge me!") auf dem Broadway. Gerade Springsteen, zu dem sie früher eine sehr ablehnende Haltung gehabt habe, bis sie mit viel Nachdruck dazu gebracht worden sei, Nebraska zu hören, habe sie sehr beeindruckt.
Nach Die Seeräuber-Jenny erzählte Amanda von ihrer Kindheit und Jugend, vom Bruder, der der erste musikalische Einfluß war, und ihren musikalischen Horizont erweiterte. "Amanda, Madonna is ok. But you have to listen to The Cure!" Als sie während des Studiums in Köln gelebt habe, erweiterte das ein deutscher Freund: "Amanda, The Cure is ok. But you have to listen to Einstürzende Neubauten!" - "And Nick Cave."

Amanda erzählte von ihren ersten musikalischen Gehversuchen, davon, daß sie die Tasten am Klavier ihrer Mutter zerstört habe. Ganz aktuell fragten besorgte Veranstalter sie noch, daß sie doch eine Punk-Pianistin sei. Um das zu untermalen, spielte sie Runs in the family, bei dem sie auf die Tasten des Flügels eindrosch.

Und dann immer wieder Geschichten, die an die nächsten Lieder heranführten. Oder richtiger: Lieder, die ihre Lebensereignisse verarbeiteten. Darauf, die komplett wiederzugeben, verzichte ich, die Show sollten sich alle, die sich für Amandas Musik interessieren ohnehin selbst ansehen! Sie erzählte vom Anschlag auf den Bostoner Marathon, zehn Blocks von ihrer Wohnung entfernt. Sie hatte danach ein Gedicht über den jüngeren der beiden Attentäter geschrieben und war danach Reaktionen ausgesetzt, die sie nicht erwartet hatte. Danach spielte sie Bigger on the inside auf der Ukulele am Bühnenrand. Sie erzählte von einem mehrtägigen Besuchsprogramm in einem riesigen Gefängnis in Massachusetts, bei der sie einer Gruppe von Mördern zugeordnet war. Am zweiten Tag war sie spät dran und überfuhr auf dem Weg ins Gefängnis ein Eichhörnchen, konnte es wegen der Zeitnot nicht mit einer Eichhörnchen-Beerdigung bestatten und erzählte im Gesprächskreis mit den Gefangenen davon. Die nannten sie danach "Amanda, the squirell killer."


Die Dresden Dolls Sängerin erzählte von Abtreibungen, von den Kliniken, in denen sie dafür war, vom Tod. Und dann "Coin operated boy, sitting on the shelf, he is just a toy but I turn him on and he comes to life." Bei der dritten Notbremse dieser Art rief sie "fuck you! You should be sad!" 

Als Amanda über ein Kind nachdachte, hatte sie nur in Transitbereichen von Flughäfen Konzakt zu Kindern. Und die guckten alle immer Frozen. Sie traf sich "zu Feldstudien" damals mit ihrer Freundin Melissa Auf der Maur und fragte die, wie sie die Erziehung ihrer Tochter organisiere, vor allem diese Frozen-Sache. "Wir haben nur einen VHS-Rekorder an unserem Fernseher und nur Fellini-Filme." Das passende Lied wolle sie aus drei Perspektiven mit uns singen, u.a. aus Sicht einer Mutter und deren Fötus'. "Trust me! I'm a professional!" Das Lied kannten alle außer mir, es war Part of your world aus dem Disney-Film Arielle. Dazu drehte sich die Disko-Kugel hoch über Amanda.


Der erste Teil endete mit einem der skurril-schönsten Konzertmomente. Die Sängerin erzählte, sie sei nach der Geburt ihres Sohns Anthony (genannt Ash) zu Freunden gefahren, damit Ash alle wichtigen Menschen in seinem Leben kennenlernen sollte, all die komischen Onkels. Bei ihrem Freund Jason Webley, machten die beiden - na klar! - einen Songwriting-Wettbewerb. Er scheiterte und schrieb nur einen halben Song (über einen Donut-Laden), ihrer wurde elf Minuten lang und heißt und ist A mother's confession. Am Ende sangen wir alle minutenlang "at least the baby didn't die" und das war wunderschön!

In der Pause liefen The Cure, es wurde also wieder kurz heiter.

Nachdem Amanda umgezogen zurückkam, spielte sie Coin-operated boy komplett und ohne Grund. Danach folgten zwei weitere Lieder der neuen Platte, zunächst das mich ein wenig an There is a light (was schön passte) erinnernde Drowning in sound, bei dem sie sich am Ende weit vor aufs Klavier beugte und von da beleuchtet wurde. And it never goes out. Danach Voicemail for Jill. Als sie das nächste Stück anstimmte, lachte der ganze Saal außer mir. Lass jetzt los musste ich googeln, es ist eines der Lieder aus Frozen, der wie ich gestern erfahren habe, als ich die Geschichte erzählt habe, ein ziemlich emanzipierter und queerer Film ist.

Obwohl der Frozen-Song schon ein schöner Abschluß gewesen wäre, kam Amanda zurück und spielte als Zugabe The ride. Ein noch schönerer Abschluß!

Wer einen lala-Mitsing-Abend erwartet hatte, fühlte sich vermutlich nicht wohl. Wenn wir unter guter Unterhaltung immer nur leichte Kost verstünden, würden wir nicht The Smiths, The Cure und The Organ so lieben. Wenn nur immer in traurigen Momenten jemand Coin-operated boy spielte. Aber damit muß man eh vorsichtig sein. "Das nutzt sich irgendwann ab, ruft nicht zu oft rein!" 

Setlist Amanda Palmer, Capitol, Offenbach:

01: Die Seeräuber-Jenny (Kurt Weil / Bertolt Brecht Cover)
02: Runs in the family
03: Bigger on the inside
04: Oasis
05: Part of your world (Jodi Benson Cover)
06: Machete
07: A mother's confession

08: Coin-operated boy (Dresden Dolls)
09: Drowning in the sound
10: Voicemail for Jill
11: Lass jetzt los (Willemijn Verkaik Cover)

12: The ride (Z)

Links:

-
Amanda Palmer, Somerville, 05.03.15
- Amanda Palmer, Eschwege, 08.11.13
- Amanda Palmer, Zürich, 30.10.12
- Amanda Palmer, Paris, 06.02.09
- Amanda Palmer, Paris, 23.10.08
- Amanda Palmer, Heidelberg, 14.10.08 
- The Dresden Dolls, Highfield, 15.08.08




Freitag, 21. April 2017

Dota, Mannheim, 20.04.17

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Konzert: Dota mit Pauken und Trompeten
Ort: Capitol in Mannheim
Datum: 20. April 2017
Dauer: 110 min
Zuschauer: etwa 300


Im Jahr 2016 hatte sich das Konzert mit Dota und Band im Tollhaus unter die besten des Jahres eingereiht. Manche Textzeilen hatten sich tief eingebohrt und die einmalige Atmophäre des Abends ist mir noch immer sehr präsent. Als sich nun die Gelegenheit bot, das Programm mit Pauken und Trompeten im Mannheimer Capitol zu erleben, habe ich nicht lange überlegt. 


Ich wollte gern wieder so ein tolles Konzert erleben und ich war zu gespannt, wie sich die andere Besetzung anfühlen würde. In der großen Besetzung wird die Band von Dota Kehr (Gesang und Akustikgitarre) - das sind Jan Rohrbach (E-Gitarre und Bass), Janis Görlich (Schlagzeug) und Jonas Hauer (Klavier) - unterstützt von drei Bläsern und einer Vibraphonistin:
  Maria Schneider (Vibraphon),
  Oliver Fox (Saxophon und Klarinette),
  Christian Magnusson (Trompete) und
  Jörg Bücheler (Posaune).



Im Capitol habe ich 2013 zwei ganz besondere Konzert erlebt: Mine mit großer Besetzung und Aimee Mann mit Ted Leo. Deshalb fand es einen wirklich guten und passenden Rahmen für Dota und die große Besetzung. Daraus wurde aber zunächst nichts, denn der Abend verstolperte zu Beginn etwas. Für die Band überraschend war es ein bestuhltes Konzert (sagt man da Du oder Sie? Und welche Konzertlänge passt dazu?) und der Supportslot war so kurz gewesen, dass alle zu spät kamen, die dafür mindestens 30 min eingeplant hatten. Und so war ich zu Beginn nicht so recht glücklich - wahrscheinlich hatte ich mir auch im Kopf fette Bläser zurecht gelegt, die es so nicht gab. Tatsächlich führte die große Besetzung sogar eher dazu, dass die Songs weicher wurden und fast jazzig wirkten. Das kriegte mich nicht so richtig.
 

Die herrlichen Solonummern in der Mitte des Sets setzten dann doch meine Schalter endlich richtig auf Empfang und mit Glashaus und Grenzen war ich dann wirklich so richtig froh, mich auf den Weg nach Mannheim gemacht (und den Text noch einmal geübt) zu haben:
 Warum schützt man die Grenzen der Staaten so gut
 Und die Grenzen der Menschen so schlecht?
   Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen,
   aber zwischen den Menschen.
   Nicht aus Stacheldraht sollen sie sein,
   sondern aus Respekt.

 

Das tanzen fiel im Sitzen schwer und die Selbstbeschränkung der bequemen Kinostühle wurde erst spät (ab Rennrad) nach und nach abgeworfen, bis es zu den Zugaben kein Halten mehr gab. Und das, obwohl das Schlusslied des eigentlichen Sets eher ein Fade-out gewesen war und das Tempo herausgenommen hatte. 


Als alle in der großen Besetzung verfügbaren Songs "durch" waren und der Beifall nicht aufhören wollte, schenkte uns Dota solo noch zwei brasilianische Lieder, die uns herrlich in den Arm nahmen und zufrieden nach Hause schickten. Kein Wunder, dass sie anschließend am Merchstand alle Hände voll zu tun hatte.... Und ich fühlte mich in meinem Urteil bestätigt, dass ich noch vor dem Konzert jemanden gegeben hatte, der sich Dota in den nächsten Tagen ansehen will:



Setlist:
01: Trägst du mich
02: Monster
03: Zum Glück
04: Zimmer
05: In meinen Träumen
06: Bis auf den Grund
07: Geld verdirbt den Charakter (Solo)
08: Bald fang ich wieder an (Solo)
09: Mantel
10: Im Glashaus
11: Grenzen
12: Lassy (Instrumental)
13: In der Hand
14: Floß
15: Keine Gefahr
16: Rennrad
17: Vergiftet
18: Im letzten Licht

19: Utopie (Z)
20: Sommer (Z)
21: Überall Konfetti (Z)

22: Du musst dich nicht messen (Z)

23: Einzelkind (Z Solo)
24: brasilianisches Lied (Z Solo)


Tourdaten mit Pauken & Trompeten:
19.04.17 Göttingen - Musa Göttingen
20.04.17 Mannheim - Capitol Mannheim
04.05.17 Berlin - Astra Kulturhaus Berlin
16.06.17 Leipzig - GeyserHaus Leipzig (open air)
25.08.17 Dresden - Saloppe Dresden
29.08.17 Frankfurt - Palmengarten Frankfurt


sonstige Tourdaten Dota:
21.04.17 Stuttgart - Club Cann "Keine Gefahr" Tour
22.04.17 Aichach - Schloss Blumenthal - Dota & Jan
23.04.17 Weimar - Mon Ami - Dota & Jan

18.05.17 Flensburg- Folkbaltica Festival - "Keine Gefahr" Tour
20.05.17 Kiel- Pumpe  - "Keine Gefahr" Tour
21.05.17 Dortmund- Domicil - "Keine Gefahr" Tour
22.05.17 Bonn- Pantheon - "Keine Gefahr" Tour 2017
23.05.17 Marburg- KFZ - "Keine Gefahr" Tour 2017


Aus unserem Archiv: 
Dota und Band, Karlsruhe, 14.10.16
Dota und die Stadtpiraten, Karlsruhe, 04.07.12


Donnerstag, 3. November 2016

New Fall Festival, Düsseldorf, Tag 4, Lucy Dacus, 30.10.2016

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Konzert: New Fall Festival - Lucy Dacus
Ort: Düsseldorf, Capitol Theater
Datum: 30.10.2016
Dauer: 35min.
Zuschauer: ca.200

Lucy Dacus aus Richmond/Virginia bei ihrem ersten Auftritt in Deutschland zu bewundern war ein Vergnügen. Die CD "No Burden" erschien hier bereits im September, aufgenommen wurde sie an nur einem Tag in Nashville.

Das klingt nach Punk und DIY, geboten wird aber feinster Indiepop, schließlich ist Lucy Dacus beim Matador/beggars group (Indigo) Label unter Vertrag.

Vergleiche kommen einem sehr schnell in den Sinn. Bei neuen Künstlern ist das normal. Hier sind es Courtney Barnett oder in den ruhigeren Stücken Aimee Mann, deren Stimmlage und Ausdruck ähnlich sind.

Die Texte bilden schnell einen einen kleinen, feinen eigenen Kosmos. Während zum Beispiel Barnett mit ihren ausschweifenden und burschikosen Alltagsgeschichten und ihrem punktierten Sarkasmus ganz eigene Welten entwirft und Aimee Mann oft zu zurückhaltend und kühl, manchmal gar oberlehrerhaft daherkommt (bei aller Klasse), schlägt Dacus eine ganz andere Richtung ein.

Leise Ironie und das Scheitern im täglichen Alltag mit all seinen kleinen und großen Problemen sind ihr Thema. Wie sie das hier im schönen Club des Capitol Theaters auf die Bühne bringt, ist für eine so junge Künstlerin außergewöhnlich.

Immer wieder hält sie die riesige Gitarre wie einen Ritterschild senkrecht vor sich und gibt dem Set damit viel Ruhe und Raum, den die Band dann nutzen kann.

"I don`t wanna be funny anymore", die Single mit dem bisher größten Hitpotential ist dann auch textlich ein guter Indikaton für ihre Sicht auf die Dinge:

"I got too short skirt, mybe i can be the cute one.
Is there room in the band ?. I don`t need to be the front man.
If not, Ì`ll be the biggest fan."    

Während sie solche Sätze singt, schaut sie mit ihrem immer etwas traurigen, zugleich aber auch verschmitzten, kleinen Lächeln und ihren knallrot geschminkten Lippen ins Publikum.

Eine junge Frau, die schon viel zu erzählen hat und dies in nicht alltägliche Worte und Geschichten zu kleiden vermag.

Hoffentlich sehen wir Lucy Dacus nächstes Jahr auf einem der vielen Festivals wieder. Musiker, die Songtitel wie "Troublemaker Doppelgänger" hervorbringen, können gar keine schlechten Menschen sein.

Mehr davon.

Fotos: New Fall Festival 


Mittwoch, 13. November 2013

Aimee Mann, Mannheim, 11.11.13

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Konzert: Aimee Mann mit Ted Leo als Support
Ort: Capitol in Mannheim
Datum: 11. November 2013
Dauer: 50 min Vorprogramm + 80 min Aimee Mann
Zuschauer: zwischen 250 und 300


Dieser Montagabend war der Auftakt zu einer besonderen Musikwoche für mich. Ich begegne drei Musikidolen - neben Aimee Mann stehen nämlich noch Billy Bragg und Herman van Veen auf dem Programm!

Die Musik von Aimee Mann trat 2002 in mein Leben. Relativ spät, denn nach der Arbeit in verschiedenen Bands war ihr erstes Solowerk schon 1993 erschienen. Aber mit Bachelor #2 und fast zeitgleich dem Soundtrack zu Magnolia spielte sie sich in mein Herz. Außer dem aktuellen Album und dem davor habe ich alle ihre Alben in meinem Regal stehen und sie haben sich über die Zeit auch noch nicht abgenutzt.


Live erlebt hatte ich sie aber noch nie und hätte auch den Abend in Mannheim fast verpasst - was sehr schade gewesen wäre. Die Markenzeichen ihrer Musik sind die markante tendenziell tiefe Stimme - fest und zart zugleich mit einem unverwechselbaren Timbre und die Popperlen mit den leicht schwarzen und abseitigen Texten. Darunter ein paar, die mit dem Genius der Beatles mithalten können. Einen Song von Frau Mann erkennt man sofort (ohne ihn vorher zu kennen) als ihr zugehörig. Alle sind sie komplett zeitlos und werden nicht alt. Anscheinend färbt das auch auf die Sängerin ab, denn Aimee Mann erschien auf der Bühne wie eine Frau mit der Hälfte ihres Lebensalters. 




Als Support war Ted Leo mit von der Partie, dessen Musik ich noch aus der Zeit kenne, als er mit "... and the Pharmacists" unterwegs war. Schon halb vergessen (und auch noch nie live erlebt). Sein Set begann sehr pünktlich und er war unglaublich sympathisch - versuchte sich immer wieder an wortreichen deutschen Ansagen. Die Attitüde der Lieder erinnerte mich an Bad Religion, wobei die Mitgrölhymnen fehlten. Er hatte eine sehr modulierfähige Stimme - allerdings fand ich die Begleitung durch die E-Gitarre irgendwie doof, weil sie mehr geschnarrt hat als getönt. Er bedankte sich mehrfach dafür, dass wir so eine höfliche Aufmerksamkeit aufbringen würden während er nach fast jedem Stück die Gitarre nachstimmte.


Für den zweiten Teil des Supports kam Aimee Mann selbst mit einem E-Bass auf die Bühne. Sie würden jetzt Songs spielen, die sie als The Both aufgenommen haben (die Platte soll im Februar 2014 erscheinen). Die Chemie auf der Bühne war wunderbar. Es wurde hin- und hergeflaxt und Ted hatte ein Blatt Papier von dem er seine deutsche "Rolle" ablas in einem offensichtlich vorbereiteten Austausch wie (un)cool es von Aimee sei, mit dem Shirt der eigenen Band zum Support ihres Konzerts zu kommen. Es wurde sehr viel gelacht aber in einer verbrüdernden Art.


Einen Teil mit Songs als The Both gab es dann auch später im Set von Aimee Mann. Was ich sehr gut fand, weil es irgendwie betonte, dass sie nicht "nur" Support und "richtige" Hauptkünstlerin sind, sondern gern zusammen musizieren und dies eine Variante ist, die es ihnen ermöglicht hat, das nach Europa zu bringen.



Allerdings war so das einleitende Set von Ted Leo um einiges länger als erwartet. Erst gegen 20:50 Uhr verließen beide die Bühne. Es wurde ein bisschen umgeräumt, mancher suchte sich einen neuen Platz und brachte die Gläser zurück und 21:10 Uhr ging es dann weiter.

Zunächst präsentierte uns Aimee Mann mit Gitarre bewaffnet solo Going throught the motions (The forgotten arm von 2005). Sehr intensiv und den Ton für den Abend setzend. Erst danach kamen die Begleitkünstler am Piano Jamie Edwards und Paul Bryan am Bass dazu, die beide im Verlauf des Abends auch sehr häufig wunderbare Backvocals beisteuerten. Gemeinsam boten sie uns ihre "akustische" Version von Red flag diver (vom aktuellen Album Charmer).


Anschließend gab es eine länger Einleitung zum Song Borrowing time, der eigentlich für den Shrek Soundtrack entstanden war aber dann verworfen wurde. Das war eine tolle upbeat Nummer (das kann sie also auch!), die uns allen ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Schließlich kam Ted zum Block als The both nun mit dem Bandshirt von Aimee. Es gab eine längere Unterhaltung dazu in dem er diverse Argumente vorbrachte, warum er das Shirt gewechselt hatte.


Hier gab es anschließend noch das wunderbare Save me das Aimee Mann ja eine Oscar Nominierung gebracht hat (sie selbst schreibt über sich ja gern als Oscar loser) und dazu eine Geschichte, wie sie es für Hillary Clinton gespielt hätte in einer etwa bizarren Feierstunde: she definitely swayed ...   Anschließend setzte sie das Set mit Wise up ohne Ted und die anderen Musiker für eine Strophe solo fort, dann kam zur zweiten Strophe das Piano und die zweite Stimme dazu und in der dritten auch der Bass. Das war ein sehr gelungener und emotional ergreifender Übergang.


Mit The fall of the world's own optimist  (wieder von Bachelor #2) und One vom Soundtrack zu Magnolia kamen als Schlusspunkt noch zwei meiner liebsten Stücke und in was für Fassungen!! Das Klavier durfte sich austoben und versuchte uns nach Hause zu schicken. Allerdings ließen wir uns ohne Zugaben nicht abschütteln. Dafür hatte Frau Mann zwei der ruhigen Knallernummern zurückgehalten: You do und Deathly.

Was für ein wunderbarer Abend an einem so besonderen Ort!!




Weitere Tourdaten in Europa

14.11. Christuskirche Bochum
15.11. Eindhoven
17./18.11. Union Chapel London 

Aus unserem Archiv
Aimee Mann in Paris am 31. Oktober 2008


Dienstag, 18. Juni 2013

Mine, Mannheim, 15.06.13

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Konzert: Mine mit großer Besetzung
Ort: Capitol in Mannheim
Datum: 15.06.2013
Zuschauer: etwa 500
Konzertdauer: 15 min Film + 75 min Konzert


Borg mir dein Herz - diese Bitte schillert zwischen schönster Intimität und einem gewissen Grad an Naivität. Als die Zeile im Mannheimer Konzert von Mine in der Zugabe gesungen wurde, hörte ich den Song schon zum dritten Mal live. Immerhin hatte ich die Künstlerin im Mai schon in Karlsruhe und Freiburg erlebt und bewundert. Aber in diesem Moment kurz vor 22 Uhr an einem Samstag Abend, der mir funkelnd im Gedächtnis bleiben wird, dachte ich tatsächlich: Gern borge ich Dir mein Herz und verlasse mich darauf, dass Du nix kaputt machst.

Ich glaube, ziemlich vielen Leuten im Saal des Capitol ging es in diesem Moment ähnlich.  Obwohl aus dem gerade erlebten Konzert wohl deutlich klar geworden war, dass diese Frau nicht einfach ist und das Angebot nicht ganz risikofrei.

Man könnte sagen: Lass mal die großen Register bisschen raus. Schließlich war das ein Konzert für den Masterabschluss von Mine und das heißt 
1) das passiert ja nun öfter mal so ein Abschlusskonzert,
2) ist ja noch so jung die Frau - lass sie erst noch etwas werden. 


Aber beides stimmt nur so halb.  Dieses Abschlusskonzert war sicher auch im Rahmen der Popakademie ein Experiment: Sammle 10 000 Euro (angegangen per Plattform Startnext) - nicht um die vielen Musiker (siehe unten) der großen Besetzung zu bezahlen, wohl aber den Raum und die Technik zur Verfügung zu haben und die Möglichkeit, den Moment angemessen auf DVD zu bannen. Und das ja zusätzlich zu dem riesigen Experiment die Musik, die sie allein auf die Bühne bringen kann und per 4-Mann-Band schon unter die Leute gebracht hat nun ganz neu zu malen mit den Stimmen und Farben von verschiedenen Instrumenten und der Nutzung verschiedener Musikfacetten.



Was man von außen vorher sehen konnte - tatsächlich hat das Funding funktioniert. Das Netz um Mine und ihre eigene Konzerttätigkeit zu der Zeit haben verdiente Früchte getragen. Was ich nach den Begegnungen vorher nur ahnen konnte: Musikalisch wird es lohnend, an diesem besonderen Abend dabei zu sein.  Nun ist der Aufwand nicht so groß nach Mannheim zu fahren und wir hatten es aus verschiedenen Gründen zu einem richtigen Gruppen-Event machen können: Zu siebent saßen wir im Capitol. Dreimal Mines Altersgenossen, vier aus der Elterngeneration. Wir alle schauten uns hinterher an und hatten dieses Strahlen in den Augen: Dass wir das gerade miterlebt hatten! Wir waren uns einig - es war ein bewegendes und musikalisch komplett überzeugendes Konzert mit erstaunlich wenigen und eigentlich in Summe unerheblichen Abstrichen.
 


Es begann gegen 20:15 Uhr  - der Zuschauerraum war sehr gut gefüllt - mit einem 15min-Film, der die Tour der Band Mine im Winter begleitete. Er zeigte die Protagonisten einerseits beim lernen (Organisation einer Tour ohne Unterstützung) andererseits aber auch an Orten, die der Musik ein schönes Zuhause gaben. Sehr viel Schnee und Kälte. Er zeigte aber auch, wie die Musik, die an dem Abend erklingen würde, mit der Band umgesetzt wird.


Nach dem Film und eine weiteren Viertelstunde Pause begann dann tatsächlich das Konzert. Zunächst mit dem Einmarsch von vielen Musikern und schließlich Jasmin Stocker. Das erste Stück Hinterher begann mit einem langen Teil Geräuschkulisse und Spannung aufladenender Percussion und Soundelementen bevor Gesang und weitere Instrumente einsetzten. Ein richtiges Warm-up für die Show und schon der erste Gänsehautmoment. Auch ein Streicher-Zwischenspiel war ganz und gar Herz-ergreifend. Ähnlich emotional stimmig kam Raus Raus Raus mit Chor und Streichern ganz nah an mich heran. Für Kann sie es tragen durfte der Schlagzeuger Sebastian Kraus ans Akkordeon, die Schlagzeugmafia an die Trommelbatterie und das ganze Stück wandelte sich in eine schlingernde und stampfende Rumba. Du scheinst zeigte dann Mine an der Autoharp und protzte mit leuchtenden Bläserakzenten. Dieses Lied hängt mir seitdem fest im Gehörgang.


Zu Ziehst Du mit wurde schließlich der auf der Bühne praktizierte Bogen zwischen klassischer und poppiger Musiziergeste noch ein wenig weiter gespannt. Als Rapper mit deutschem Text stand MOC neben Mine und fiel mit Körperhaltung und Farbe krass auf. Für den Song aber, passte sich alles perfekt ein. In meinen Augen aber stahl im ausgerechnet ein Vibraphon-Solo im Stück die Show, für das es auch verdient Zwischenapplaus gab. Bleibt die Zeit glänzte mit einem treibenden Schlagzeug und euphorisierend verzerrter Stimme (man denke hier ruhig Richtung Muse). Probierte damit wieder eine neue musikalische Ecke gekonnt und zum Stück passend aus. Mein Freund schenkte uns ein Cellosolo (ich liebe doch Frauen am Cello).
 

Ein besonderes Stück im Set der großen Gesten war sicher Lauter, das Mine mit Gesang und Tasten bestritt. Und sie war damit zwar ruhig und intensiv, aber doch zugleich so expressiv im Teil, wo sie mit sich selbst in mehreren Stimmen spricht/singt, dass viele von uns hinterher der Meinung waren, dies war vielleicht der größte Moment des Abends. Unvergessen das finale flehende Hörst du's nicht? 

Wobei auf diesen ruhigen, sehr auf den Gesang fokussierten Teil mit dem letzten Stück des regulären Sets Der Mond lacht auch in punkto Emotionalität (nur mit anderen Mitteln) noch einmal ordentlich eins drauf gesetzt wurde. Es gab eine wahnsinnige Trommeleinlage der Mafia, MOC kam für eine Strophe auf die Bühne und in mein Buch habe ich mir notiert: WOW!!!.


Natürlich ließen wir nicht ohne Zugabe ab. Gerade war es doch so schön gewesen!! Und darauf war die Choreographie des Abends auch eingestellt. Setzte an den Schluss einen weiteren Höhepunkt, der nicht hinter den letzten sehr intensiven Songs zurückblieb, aber ein bisschen das Bewegungsmoment herausnahm (und uns im Publikum ein wenig zur Ruhe brachte). Mit wenigen Instrumenten (Cello und Vibraphon tragend) und Mine an den Tasten schaffte das Titellied des aktuellen Albums Herzverleih diese Rolle prima. 


Wie schon nach dem eigentlichen Set ließen die Zuschauer keinen Zweifel daran, wo ihre Herzen in dem Moment waren. Umjubelt und gefeiert stand die junge Frau inmitten der anderen Musiker auf der Bühne und alle zusammen waren wir doch auch ein bisschen stolz darauf, was sie mit unserer Unterstützung auf die Beine gestellt hatten. Und wie die kleine Geste des Vertrauens (ich kaufe die Eintrittskarte, ich kaufe die CD, ich bestelle die DVD vor) dazu geführt hat, so einen besonderen Abend möglich zu machen.

 

Passend zu dem Gefühl, hier zu einem Guten etwas beigetragen zu haben und dafür überreichlich belohnt worden zu sein, wurde in der Danksagung eingeladen, der Band I am Poet unter die Arme zu greifen, der das Rheinhochwasser das Studio geflutet hat und damit die Existenzgrundlage entzogen. Elias Förster hatte hinter Mine gestanden und für den guten Klang gesorgt. Hier spricht er darüber, was Anfang Mai passiert ist:


Setlist:

01: Hinterher
02: Raus Raus Raus
03  Kann sie es tragen
04: Nicht für mich
05: Du scheinst
06: Ziehst du mit
07: Bleibt die Zeit
08: Mein Freund
09: Lauter
10: Der Mond lacht
11: Herzverleih (Z)


Auf und um die Bühne agierten

Mine - Komposition & Arrangement, Gesang, Autoharp, Piano
Benedikt Stumpf - Dirigent
Michael Geldreich - Piano
Tobias Frohnhöfer - Vibrafon & Percussion
Florian Luig - Gitarre
Vronie Frisch - Bass
Sebastian Kraus - Drums

Magdalena Adugna, Lena Werner, Sebastian Gramling - Violine I
Diana Skripkina, Roman Maier, Esther Owusu - Vionline II
Sarah Krebs, Franziska Goldschmidt, Katharina Fojtzik - Viola
Emiliy Härtel, Marion Feichter, Annelie Ewerbeck  - Cello
Marko Mebus, Andre Becker - Trompete
Andreas Haller,  Michael Pausch - Posaune
Daniel Rost - Tuba

Sarah Inanc, Katja Aujesky - Backing vocals
Franziska Plückhan, Janina Klabes, Maria Pentschev, Lisa Marie Neumann, Katharina Münz, Irene Gomez, Martin Haller, Ziggy Has Ardeur, Jonas Knopf, Benne Ruchay, Rainer Ammann, Jorsi Buchholz - Chor

Elias Förster - live Sounddesign
Denis Kopacz - Ton
Flo Kuster - Licht
MOC - Rap
Ben Jost, Felix Heinicke, Jonny König, Lorzen Schimpf, Ray Gattner - Schlagzeugmafia



Aus unserem Archiv:

Mine, Karlsruhe, 10. Mai 2013
Mine, Freiburg, 21. Mai 2013

Weitere Fotos vom Konzert:




 

Weitere (aber nicht andere) Meinungen


Mittwoch, 10. Juni 2009

Morrissey, Offenbach, 09.06.09

13 Kommentare

Konzert: Morrissey
Ort: Capitol, Offenbach
Datum: 09.06.2009
Zuschauer: ausverkauft (vielleicht 1.200)
Dauer: Morrissey gut 75 min, Doll & The Kicks 35 min


"God bless all of us, especially me!" wünschte Morrissey und beendete damit das erste Konzert der Deutschland-Etappe seiner Years Of Refusal-Tour im wundervollen Capitol in Offenbach.

Für mich war es nach Esch-sur-Alzette das zweite Konzert des größten britischen
Sängers innerhalb weniger Tage. Meine Skepsis, ob er wieder fit sein würde, hatte Morrissey in Luxemburg weggespielt. Jetzt zweifelte ich eher, ob mich die gleiche Setlist nicht langweilen würde; spätestens für mein drittes (und letztes) Konzert in Köln fürchtete ich das. Bei der bisherigen Tour hatte es wohl keine Variationen gegeben, aber mir hatte das Programm in der Rockhal in Esch hervorragend gefallen, also fuhr ich mit ordentlicher Vorfreude in den für mich neuen Saal. In Offenbach hatte ich bisher nur Konzerte in der Stadthalle gesehen, die ein, nunja, zweckmäßiger Bau ist. Das Capitol strahlt dagegen wie ein heller Stern über einer eher tristen Umgebung.

Über ein Foyer (mit italienischen Zitaten an den Wänden - ich weiß leider nicht, aus welchem Werk stammend), erreicht man einen neoklassizistischen Kuppelbau, in
dem bis zu den Pogromen vom November 1938 die Synagoge Offenbachs untergebracht war.

Innen waren wir verblüfft, wie klein und gedrungen der Innenraum ist. Ein herrlicher Saal für Konzerte! Man merkt in jeder Ecke, daß der Bau Mitte der 90er Jahre als
Musical-Theater genutzt worden war. Überall gibt es kleine Treppchen und irgendwelchen Schnickschnack - und es war damit genau so, wie die Bilder es versprochen hatten - der perfekte Ort für ein Morrissey Konzert! Wäre der Sänger in einem weißen Anzug aufgetreten, hätte man den Innenraum aber auch für den Ballsaal eines Kreuzfahrtschiffs halten können.

Ich tue mich schwer, Zuschauermengen zu schätzen. Zumindest der Innenraum
erschien mir aber viel kleiner als das Kölner Gloria oder der Mousonturm in Frankfurt. Durch die vielen Plätze oben waren dann vermutlich doch 1.200 bis 1.500 Zuschauer da, gefühlt waren es aber höchstens 500 oder 600.

Pünktlich um acht begannen Doll & The Kicks, die mir in Esch überraschend gut
gefallen hatten. Die Band aus Brighton spielte auch heute wieder ein knackiges, gut halbstündiges Set, das gut ankam. Problematisch ist sicherlich die für viele nervige Stimme der Frontfrau Doll (nachnamenlos), die punkig-schrill ist. Ich bin nicht viele und hatte meinen Spaß. Als Referenz wird häufig Gwen Stefani genannt; mich erinnerten Doll & The Kicks eher an schrillere Long Blondes oder Siouxsie oder die Yeah Yeah Yeahs. Im Vergleich zu den New Yorker "Punks" um Karen O waren Doll und ihre drei Kollegen aber klarer Punktsieger!

Am besten gefielen mir
Roll up the red carpet und Rising sun (oder son?). Und Dolls Outfit... Die Sängerin hatte einen Auftritt in einem Ex-Musical-Theater wohl als Aufforderung verstanden, sich gehen zu lassen. Am besten gefiel mir dabei natürlich die Witwe-Bolte-Schleife im kurzen strohblonden Haar!

Setlist Doll & The Kicks, Capitol, Offenbach:

01: You o it better
02: Roll up the red carpet
03: Pictures
04: Superstar
05: Rising sun
06: You turn up
07: Cry in the kitchen
08: If you care
09: He's a believer
10: He was a dancer

Die Pause verkürzte die übliche, gut zwanzigminütige Zusammenstellung von Musikfilmchen. Nach den Sparks (Lighten up, Morrissey - großartig!), einer Reportage über das Dilemma, nicht aus Manchester wegziehen zu können, Shirley Bassey im italienischen Fernsehen, den New York Dolls bei Manfred Sexauer ("bitte
schalten Sie ihre Fernseher leiser"), dem modischen Vorbild Morrisseys und einigen anderen Musikausschnitten, beendete ein Interview mit dem Frontmann der von Morrissey vergötterten New York Dolls die Pause. Der Vorhang fiel, und die Show begann.

Mit energischem Schritt ging der Sänger auf seinen Platz, gefolgt von den fünf Bandkollegen, die diesmal statt der verschiedenfarbigen T-Shirts ("Richards Volleyball") ihre weißen Eisdielen-Hemden trugen. Gemeinsam mit Morrissey bestreiten Boz Boorer (Gitarre), Solomon Walker (Bass),
Matt Walker (Schlagzeug), Jesse Tobias (Gitarre - Morrissey sagte "violin") und Kristopher Pooley (Akkordeon, Keyboard, Trompete, Flöte, Gitarre...) die Tour.

An der Rückwand fehlte das übliche Bild. In Esch hatte da noch ein Matrosen-Pin-Up gehangen, in Offenbach war es um Klassen besser, denn den Hintergrund bildete ein silbriger Glitter-Streifenvorhang! Er passte perfekt!

Meine Setlistenbefürchtungen schienen sich mit dem Beginn (This charming man) zu bestätigen. Allerdings nur bis zu den ersten Takten des zweiten Stücks. Statt Irish
blood, English heart kam nämlich mit Billy Budd ein gänzlich neues Lied - und sofort der mehrstimmige Kommentar: "Anders!"

Und so wurde es wirklich. Einige Titel wurden ausgetauscht, die Reihenfolge kräftig durchgemischt, sodaß das Konzert auch in Hinsicht auf die gespielten Lieder immer spannend war!

Im ersten Teil des Abends begeisterte mich natürlich Ask aber auch das immer besser werdende When last I spoke to Carol von Years of refusal! Der große Gassenhauer des aktuellen Albums bleibt aber
I'm throwing my arms around Paris! Grandios Morrisseys Gesten, mit denen er das Lied begleitete. "Only stone", und er faßt sich an den Kopf, "and steel", und an den Bauch, "accept my love!" Welch ein fabelhafter Entertainer!

Später beim wundervollen Let me kiss you kokettierte er erneut mit seinem vermittelten Selbstbild.
Während er die Zeile "But then you open your eyes and you see someone that you physically despise" sang, zog der Engländer langsam sein (zweites) Hemd aus und warf es ins Publikum.

Den Offenbacher Ordnern (Safe security oder ähnlich, ein sehr komischer Name!) hatte man aber wohl nicht mitgeteilt, daß das üblich ist. Der zuständige Mann erschien sofort am Bühnenrand und leuchtete ins Publikum, als wollte er dem Künstler das Hemd wiedergeben, vergebene Liebesmüh, denn das hatte schnell den gleichen Zustand wie ein zu langsames Zebra in einem krokodilverseuchten Fluß.*

Erstaunlicherweise begeisterten mich zwei der Smiths-Lieder heute nicht richtig, darunter mein Allzeit-Liebling Girlfriend in a coma. Das Keyboard da, das mir bisher noch nicht aufgefallen war (es ist neu auf dieser Tour, da bin ich sicher), stört und
verflacht das Lied. Auch der Gesang bei diesem Zwei-Minuten-Hit erschien mir schnodderig. Ob Morrissey den Titel nicht mehr leiden mag und langsam austrudeln läßt?

Some girls are bigger than others war mir heute auch zu lustlos. Aber in Luxemburg gefiel es mir noch besser, im Gegensatz zu Girlfriend in a coma.

Das sind die einzigen Kritikpunkte, die ich anmerken kann. Ansonsten geht es wohl kaum besser. Die Mischung aus Smiths-Hits (How soon is now und Ask waren überragend!), Liedern der aktuellen Platte, den Klassikern seiner Solozeit und eben den vielen kleinen und überraschend auftauchenden Perlen funktioniert perfekt! I keep mine hidden und Seasick
, yet still docked hatten mich heute nicht mehr überrascht - aber immer noch extrem gefreut. Gerade I keep mine hidden, die wenig bekannte Girlfriend in a coma B-Seite, ist ein unfassbares Geschenk! Wie auch Why don't you find out for yourself, das ich ununterbrochen hören könnte. Oder The loop, bei dem die Band den verdienten Auftritt am Bühnenrand hatte! Fabelhaft!

Das Set ließ keine Fragen offen!

Aber wir (sensationelle Überleitung!)... Denn auf Morrissey Ansinnen "The most famous singer to come from Offenbach?" antworteten wir nicht. In einem Forum sah ich, daß sich niemand getraut haben soll, Mark Medlock zu nennen...

Vorher - gerade nach Luxemburg - war viel spekuliert worden, ob Morrissey gesund
wäre. Jeder deutete irgendetwas, versuchte an Gesang oder Verhalten abzulesen, ob der Sänger fit ist. Mir fiel im Capitol nichts auf. Mozzer ist fit, ruhte nicht (außer dem dramatischen Dahinsinken vor dem Instrumental-Ende von How soon is now). Er swang stattdessen sein Mikrokabel wild durch die Gegend, reichte Hände und nutzte seine (breite) Bühne vollkommen aus.

Besonders gespannt war ich, ob
Irish blood, English heart noch kommen würde, und ob Morrissey auf die aktuellen politischen Zustände in seiner Heimat eingehen würde. Er kommentierte das Labour-Desaster erst nicht. Aber den Text änderte er ab. Bei "The English are sick to death of Labour and Tories" ersetzte er die Konservativen durch irgendetwas anderes. Ich habe leider nicht verstanden, was es war, ich meinte "Brown" rausgehört zu haben.**

Ein ganz und gar fabelhaftes Konzert in einem tollen Ambiente! Und jetzt werde ich es wie Morrissey halten: "The ship sails for Cologne!"

Setlist Morrissey, Capitol, Offenbach:

01: This charming man
02: Billy Budd
03: Black cloud
04: Ask
05:
When last I spoke to Carol
06:
How can anybody possibly know how I feel?
07: How soon is now?
08:
I'm throwing my arms around Paris
09: The world is full of crashing bores
10: Girlfriend in a coma
11:
Why don't you find out for yourself
12:
Seasick, yet still docked
13: Some girls are bigger than others
14:
One day goodbye will be farewell
15: I keep mine hidden
16:
Irish blood, English heart
17: Let me kiss you
18: The loop
19: I'm ok by myself

20: First of the gang to die (Z)

* Nein, es war kein örtlicher Ordner sondern Morrisseys Bodyguard. Danke für die Korrekturen!

** Er sang wohl "Blair" statt Tories. Eine noch viel lustigere Häme gegenüber PM Brown.

Links:

- aus unserem Archiv:
- Morrissey, Köln, 11.06.09
- Morrissey, Esch-sur-Alzette, 05.06.09
- Morrissey, Lille, 19.01.08
- Morrissey, Frankfurt, 12.12.06
- Morrissey, Paris, 25.08.06

- mehr Fotos aus dem Capitol in Offenbach


For our English readers: A review will follow soon! My second Morrissey in four days - and an excellent one! Morrissey changed his setlist. Three songs were exchanged compared to Rockhal: Billy Budd,
The world is full of crashing bores and Let me kiss you. Nice venue (sold out off course!), a singing crowd and a healthy singer! Looking forward to Cologne!



 

Konzerttagebuch © 2010

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