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Dienstag, 22. Juni 2021

Masha Qrella, Offenbach, 18.06.21

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Konzert: Masha Qrella
Ort: Hafen 2, Offenbach
Datum: 18.06.2021
Dauer: Masha Qrella 80 min, Scotch & Water knapp 55 min
Zuschauer: ca. 120


Vor 468 Tagen habe ich zuletzt jemandem die Hand geschüttelt. Mein letztes Konzert war bis Freitag noch etwas länger her: 478 Tage. Als ich Ende Februar 2020 bei Ash im Gebäude 9 in Köln war, sprachen wir noch sehr abstrakt über den Corona-Ausbruch in China. Damals waren Gürteltiere als mögliche Überträger das Gesprächsthema. Die Epidemie kam erst in den Tagen nach meinem Ash-Konzert richtig in unserem Bewußtsein an. Am nächsten Tag wurde der Hotspot Heinsberg bekannt, zwei Wochen später erklärte die WHO den Pandemiefall. Bei mir begann das, was die meisten von uns vermutlich seit März 2020 erlebt haben: der Ausnahmezustand im Kopf. Wie schützt man sich und sein Umfeld vor dieser Krankheit, was passiert mit dem Job, wie schlimm wird die Wirtschaftskrise, die zwangsläufig kommen würde? 

Konzerte ließ dieser Kopf keine zu. Ein Konzert macht mir nur dann Spaß - Achtung, Plattitüde! - wenn ich mich fallen lassen kann, mich auf die Musik einlassen kann und währenddessen nicht dumm rumgrübele.* Ash blieb daher mein sechstes und letztes Konzert 2020. Jedenfalls mein letztes ohne Computer zwischen mir und der Musik. Vermisst habe ich Konzerte in den vergangenen anderthalb Jahren nicht. Erstaunlich, daß ich einmal sowas schreibe. Mein Vorsatz war aber immer, fünf Konzerte in der ersten Woche zu sehen, "wenn es wieder geht."

"Wenn es wieder geht" ist komplizierter als gedacht. Indoor-Konzerte, Touren von Bands aus Übersee (und - verstärkt durch den Brexit-Irrsinn - aus Großbritannien) sind noch nicht vorstellbar, meine Lust auf Strandkorb-Konzerte auch nicht. Aber als die Frage eines Freunds kam, ob ich mit zu Masha Qrella zum Hafen 2 nach Offenbach kommen wolle, wolte ich unbedingt, es fühlte sich ok an.

Wir kamen gerade pünktlich zum geplanten Beginn der Vorgruppe an. Corona-Tests, die Luca-App oder Impfnachweise waren nicht verlangt. Da im Anschluß an das Konzert ein (ausverkaufter) Film gezeigt werden sollte und die Kino-Leute zum großen Teil schon da waren, wunderte ich mich darüber sehr. 

Wir Konzert-Menschen verteilten uns unten vor der Sommerbühne und oben am Hang. Es waren bei Masha Qrella sicher 120 Leute da (meine Fähigkeit, Mengen zu schätzen, habe ich allerdings leider während Corona nicht verbessert). 


Um kurz nach halb acht begann die Hamburger Band Scotch & Water ein Support-Set. Irgendwo hatte ich vorher etwas von Folk gelesen und meine Scheuklappen vorsorglich hochgefahren. Je schneller die Lieder (und die Gitarren) aber waren, umso dreampopiger war das Programm. Selbst die Mandoline (?) versaute es mir nicht. Und wenn ich einer Vorgruppe 55 Minuten lang interessiert zuhöre, liegt das nicht an meiner in den letzten Monaten gestiegenen Toleranz, die ist unverändert, fürchte ich. Die Band war also wohl unterhaltsam. Am Nachmittag hatte ich kurz Still Corners gehört (die ich auch schon im Hafen 2 gesehen hatte). Ich weiß nicht, ob mir die Assoziation auch ohne gekommen wäre, aber ab und zu erinnerten mich Scotch & Water (oder "Whiskey & Water", wie Masha sie nannte), ganz besonders ihre schnell gespielten Gitarren an die Dreampop-Band.

Als es dann fast 30 Minuten später als angekündigt mit der Hauptgruppe losging, wurden wir nervös. Nicht wegen der fehlenden Pünktlichkeit. Für 21:45 Uhr war aber vor der Bühne das Kino angekündigt, blieben also 45 Minuten incl. Leinwandumbaus für Masha. "Wann geht die Sonne heute unter? So lange spielt sie auf jeden Fall!" - "Ja, schon... aber 21:43 Uhr..."

Die Berlinerin hat bereits im Februar eines meiner liebsten Alben des Jahres veröffentlicht. Auf Woanders vertont Masha Texte des Berliner Schriftstellers und Lyrikers Thomas Brasch. Dessen Werk hatte Masha - wenn ich es richtig in Erinnerung habe - durch ein Buch von Braschs Schwester Marion über ihre Künstlerfamilie kennengelernt. Der Vater den beiden war in der DDR stellvertretender Kulturminister. Thomas Brasch stellte nach der Aussiedelung Wolf Biermanns einen Antrag auf Ausreise aus der DDR und zog nach Westberlin.


Die lyrischen Texte, die wundervollen Melodien und Mashas Stimme machen jedes der Lieder zu einem Kunstwerk. "Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber wo ich bin will ich nicht bleiben, aber die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber wo ich sterbe, da will ich nicht hin: Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin." Bei einigen der Stücke hat Masha Gastsänger. Mein Liebling ist dabei Meer mit Dirk von Lowtzow, besonders bemerkenswert ist auch Maschinen mit Andreas Spechtl von der Gruppe Ja, Panik. Bei einem einmaligen Konzert 2019 in Berlin waren die Gastsänger gemeinsam mit Masha auf der Bühne. Daß das in Offenbach nicht so wäre, wussten wir. Wie Masha Qrella mit ihren beiden Begleitern Robert Kretschmar (Schlagzeug) und Andreas   Bonkowski** (Percussion und Synthesizer) die Duette vortragen würden, nicht. Sie löste es pragmatisch. Mal sangen die Männer, mal (27. September - eigentlich kein Duett) kam eine leise zweite Stimme vom Band. Meer fehlte leider im Set.

Die drei fingen mit dem wunderschönen Ticket to my heart von Mashas letzten Album vor Woanders (Keys) an. "Aber eigentlich wollen wir euch neue Lieder vorstellen!" Ich glaube, Masha wollte da noch mehr erklären, wurde aber vom Auftrittsort abgelenkt. "Die Fahrgeräte stehlen einem die Show!" Die Fahrgeräte waren allerlei Bötchen, die im Offenbacher Hafen rumschipperten. Mein Liebling war der große Pott, auf dem elegant gekleidete Menschen Geburtstag oder Hochzeit feierten. Es hätte viel zu sehen gegeben, wir wollten aber ja vor allem hören und kamen da noch deutlich mehr auf unsere Kosten. 

Zwischen den Stücken von Woanders streute Masha immer wieder Stücke (vor allem) von Keys ein. Weil ich Woanders so oft gehört habe, sind die deutschsprachigen Lieder schon wie alte Bekannte. Es wechselte also bloß ab und zu die Sprache in einem sehr homogenen, vor allem homogen guten Set. Meine Lieblinge live waren etwa Pale days, Maschinen (mit wahnsinnig gutem Dancebeat) oder Geister

Neben den Fahr- gab es auch Fluggeräte zu sehen. "Mich hat gerade eine Hornisse angegriffen!" sagte Andreas irgendwann. "Unsinn! Das sind Junikäfer!" (Robert). Das sind die, die dich preisen wollen, weil sie glauben, du seist klüger als sie, denn sie sind, glauben sie, Staub und du bist der Wind. 

* außer über Sachen wie Konzertfrisuren
** ?

Setlist Masha Qrella, Hafen 2, Offenbach:

01: Ticket to my heart
02: Bleiben
03: Blaudunkel
04: Geister
05: Maschinen
06: 27. September
07: Girl
08: Keys
09: Wind
10: Haut
11: Hure
12: Woanders
13: Pale days

14: Sicily (Z)
15: Don't stop the dance (Z)



Montag, 16. September 2019

Amanda Palmer, Offenbach, 13.09.19

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Konzert: Amanda Palmer
Ort: Capitol, Offenbach
Datum: 13.09.2019
Dauer: 110 min & gut 60 min
Zuschauer: nicht ganz ausverkauft - vielleicht 700



"Das war das heiterste Lied des Abends," warnte uns Amanda Palmer nach dem ersten Stück ihres Konzerts vor. Es war die Seeräuber-Jenny aus der Dreigroschenoper. "Und wenn dann der Kopf fällt, sag' ich 'hoppla!'" Sie wolle einen Deal mit uns eingehen. Sie werde viel erzählen, oft auch sehr Trauriges. Wenn es zu heftig werde, sollten wir sie unterbrechen und "Amanda, I'm too sad" unterbrechen, sie werde dann umgehend die ersten Takte von Coin-operated boy spielen. Es sei ihr Job als Künstlerin, ins Dunkel zu gehen und Licht zu machen, betonte sie einige Male. Es war sehr dunkel, es war aber auch viel Licht. Wir mussten sie nur dreimal unterbrechen.

Amanda Palmers neues Album There will be no intermission erschien im März. Die Abende mit der Amerikanerin waren aber ausdrücklich nicht als reine Musikveranstaltungen angekündigt worden. Inspiration für diese Art Auftritt hatten ihr wohl Veranstaltungen von Nick Cave in Australien und Bruce Springsteen ("don't judge me!") auf dem Broadway. Gerade Springsteen, zu dem sie früher eine sehr ablehnende Haltung gehabt habe, bis sie mit viel Nachdruck dazu gebracht worden sei, Nebraska zu hören, habe sie sehr beeindruckt.
Nach Die Seeräuber-Jenny erzählte Amanda von ihrer Kindheit und Jugend, vom Bruder, der der erste musikalische Einfluß war, und ihren musikalischen Horizont erweiterte. "Amanda, Madonna is ok. But you have to listen to The Cure!" Als sie während des Studiums in Köln gelebt habe, erweiterte das ein deutscher Freund: "Amanda, The Cure is ok. But you have to listen to Einstürzende Neubauten!" - "And Nick Cave."

Amanda erzählte von ihren ersten musikalischen Gehversuchen, davon, daß sie die Tasten am Klavier ihrer Mutter zerstört habe. Ganz aktuell fragten besorgte Veranstalter sie noch, daß sie doch eine Punk-Pianistin sei. Um das zu untermalen, spielte sie Runs in the family, bei dem sie auf die Tasten des Flügels eindrosch.

Und dann immer wieder Geschichten, die an die nächsten Lieder heranführten. Oder richtiger: Lieder, die ihre Lebensereignisse verarbeiteten. Darauf, die komplett wiederzugeben, verzichte ich, die Show sollten sich alle, die sich für Amandas Musik interessieren ohnehin selbst ansehen! Sie erzählte vom Anschlag auf den Bostoner Marathon, zehn Blocks von ihrer Wohnung entfernt. Sie hatte danach ein Gedicht über den jüngeren der beiden Attentäter geschrieben und war danach Reaktionen ausgesetzt, die sie nicht erwartet hatte. Danach spielte sie Bigger on the inside auf der Ukulele am Bühnenrand. Sie erzählte von einem mehrtägigen Besuchsprogramm in einem riesigen Gefängnis in Massachusetts, bei der sie einer Gruppe von Mördern zugeordnet war. Am zweiten Tag war sie spät dran und überfuhr auf dem Weg ins Gefängnis ein Eichhörnchen, konnte es wegen der Zeitnot nicht mit einer Eichhörnchen-Beerdigung bestatten und erzählte im Gesprächskreis mit den Gefangenen davon. Die nannten sie danach "Amanda, the squirell killer."


Die Dresden Dolls Sängerin erzählte von Abtreibungen, von den Kliniken, in denen sie dafür war, vom Tod. Und dann "Coin operated boy, sitting on the shelf, he is just a toy but I turn him on and he comes to life." Bei der dritten Notbremse dieser Art rief sie "fuck you! You should be sad!" 

Als Amanda über ein Kind nachdachte, hatte sie nur in Transitbereichen von Flughäfen Konzakt zu Kindern. Und die guckten alle immer Frozen. Sie traf sich "zu Feldstudien" damals mit ihrer Freundin Melissa Auf der Maur und fragte die, wie sie die Erziehung ihrer Tochter organisiere, vor allem diese Frozen-Sache. "Wir haben nur einen VHS-Rekorder an unserem Fernseher und nur Fellini-Filme." Das passende Lied wolle sie aus drei Perspektiven mit uns singen, u.a. aus Sicht einer Mutter und deren Fötus'. "Trust me! I'm a professional!" Das Lied kannten alle außer mir, es war Part of your world aus dem Disney-Film Arielle. Dazu drehte sich die Disko-Kugel hoch über Amanda.


Der erste Teil endete mit einem der skurril-schönsten Konzertmomente. Die Sängerin erzählte, sie sei nach der Geburt ihres Sohns Anthony (genannt Ash) zu Freunden gefahren, damit Ash alle wichtigen Menschen in seinem Leben kennenlernen sollte, all die komischen Onkels. Bei ihrem Freund Jason Webley, machten die beiden - na klar! - einen Songwriting-Wettbewerb. Er scheiterte und schrieb nur einen halben Song (über einen Donut-Laden), ihrer wurde elf Minuten lang und heißt und ist A mother's confession. Am Ende sangen wir alle minutenlang "at least the baby didn't die" und das war wunderschön!

In der Pause liefen The Cure, es wurde also wieder kurz heiter.

Nachdem Amanda umgezogen zurückkam, spielte sie Coin-operated boy komplett und ohne Grund. Danach folgten zwei weitere Lieder der neuen Platte, zunächst das mich ein wenig an There is a light (was schön passte) erinnernde Drowning in sound, bei dem sie sich am Ende weit vor aufs Klavier beugte und von da beleuchtet wurde. And it never goes out. Danach Voicemail for Jill. Als sie das nächste Stück anstimmte, lachte der ganze Saal außer mir. Lass jetzt los musste ich googeln, es ist eines der Lieder aus Frozen, der wie ich gestern erfahren habe, als ich die Geschichte erzählt habe, ein ziemlich emanzipierter und queerer Film ist.

Obwohl der Frozen-Song schon ein schöner Abschluß gewesen wäre, kam Amanda zurück und spielte als Zugabe The ride. Ein noch schönerer Abschluß!

Wer einen lala-Mitsing-Abend erwartet hatte, fühlte sich vermutlich nicht wohl. Wenn wir unter guter Unterhaltung immer nur leichte Kost verstünden, würden wir nicht The Smiths, The Cure und The Organ so lieben. Wenn nur immer in traurigen Momenten jemand Coin-operated boy spielte. Aber damit muß man eh vorsichtig sein. "Das nutzt sich irgendwann ab, ruft nicht zu oft rein!" 

Setlist Amanda Palmer, Capitol, Offenbach:

01: Die Seeräuber-Jenny (Kurt Weil / Bertolt Brecht Cover)
02: Runs in the family
03: Bigger on the inside
04: Oasis
05: Part of your world (Jodi Benson Cover)
06: Machete
07: A mother's confession

08: Coin-operated boy (Dresden Dolls)
09: Drowning in the sound
10: Voicemail for Jill
11: Lass jetzt los (Willemijn Verkaik Cover)

12: The ride (Z)

Links:

-
Amanda Palmer, Somerville, 05.03.15
- Amanda Palmer, Eschwege, 08.11.13
- Amanda Palmer, Zürich, 30.10.12
- Amanda Palmer, Paris, 06.02.09
- Amanda Palmer, Paris, 23.10.08
- Amanda Palmer, Heidelberg, 14.10.08 
- The Dresden Dolls, Highfield, 15.08.08




Sonntag, 13. Mai 2018

Anna Burch, Offenbach, 12.05.18

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Konzert: Anna Burch
Ort: Hafen 2, Offenbach
Datum: 12.05.2018
Dauer: gut 45 min
Zuschauer: etwa 40




Den Namen Anna Burch habe ich zum ersten Mal bewußt wahrgenommen, als die Sängerin aus Detroit fürs diesjährige Indietracks bestätigt wurde. Weil bei meinem Lieblingsfestival fast nur sehenswerte Bands auftreten, ist es hilfreich (aber eigentlich auch unmöglich), möglichst viele schon einmal gesehen zu haben, um Clashes* zu vermeiden. Das war nicht der Grund, den zweiten Abend nacheinander in Offenbach zu verbringen, es war aber ein schöner Nebeneffekt. Clever, oder?

Der Hafen 2 begeistert mich immer wieder. Der hohe Konzertsaal mit seiner fantastischen Beleuchtungsanlage, die vielen Bierbänke draußen mit Blick auf den Hafen, die Quittensaftschorle. Und natürlich das ausgezeichnete Programm. Gestern Say Sue Me, heute Anna Burch.

Anna kommt aus Detroit und war früher Mitglied bei Frontier Ruckus (allerdings nicht, als ich die 2013 beim End Of The Road Festival gesehen habe). Auf ihrer Europatour tritt sie mit einer dreiköpfigen Band auf, Schlagzeuger Matt, Gitarrist Joe und Bassistin Lauren, die am coolesten aussehe. "She has the best hair! - They are clapping for the hair!"


Ähnlich wie Annas Komplimente ist ihr Gesang, ihre Stimme ist wunderschön, in ihrem Singen ist aber live auch manchmal etwas Schiefes, was mir immer mal wieder Pavement-Assotiationen in den Kopf setzte, die niemand nachvollziehen können wird. Bei meinem Lieblingslied des Abends Asking 4 a friend fiel mir das besonders auf. Nachdem ich das Video zu 2 cool 2 care gesehen hatte, hatte ich Angst, daß die Musik der Amerikanerin netter aber harmloser Pop sein könnte. Diese Panik war während des ersten Stücks (großes Highlight: Yeah you know) schon unbegründet. Sie kam auch nie wieder. Neben den wirklich mitreißenden Melodien sind auch die Texte der Stücke sehr viel düsterer als man denken könnte. Das finster-schöne What I want (über den Umgang mit einem Ex-Partner) kündigte Anna als "Lied über den Frühling" an. "Self destruction is so played out, so is self pity and self doubt. Let's try to be ok."
Obwohl der Saal nicht sonderlich voll war - es waren vielleicht 40 Zuschauer da, der große Rest der Offenbacher Ausgeher saß draußen am Hafen, war der Beifall ungewöhnlich lang und laut. "That's great applause!" Als das Set nach knapp 40 Minuten fast zu Ende war, rächte sich das für die Band. "Normalerweise spielen wir mit Supports. Wenn ihr wollt, könnte ich euch noch ein Lied alleine spielen." Der Rest der Band ging von der Bühne, Anna spielte ein Solo-Stück, die Zugabe innerhalb des Sets quasi. Es war ein Lied, das nicht auf Annas Debüt-Album Quit the curse ist, mehr weiß ich leider nicht. Danach kamen Lauren, Joe und Matt wieder und spielten zum Abschluß das wundervolle Tea-soaked letter.
Meine Strategie, mit dem Konzertbesuch, Anna in Ripley nicht sehen zu müssen, falls etwas anderes parallel spielt, das ich sehen möchte, ist natürlich nicht aufgegangen. Der kurze Auftritt war so gut, daß ich gleich (also im Juli) noch mal will.
Setlist Anna Burch, Hafen 2, Offenbach:

01: Yeah you know
02: Quit the curse
03: 2 cool 2 care
04: Asking 4 a friend
05: With you every day
06: Belle Isle
07: What I want
08: ? (Anna Burch solo)
09: Tea-soaked letter


*Konzertdeutsch für Überschneidungen von Auftritten, die man sehen will




Dienstag, 11. Juli 2017

The Courtneys, Offenbach, 14.06.17

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Konzert: The Courtneys
Ort: Hafen 2, Offenbach
Datum: 14.06.2017
Dauer: 45 min
Zuschauer: ca. 40



Am Abend vor Fronleichnam war der Offenbacher Hafen der Ort, an dem man sein musste. Der westliche Teil des Nordrings war abgesperrt von Wachleuten, die Parkplätze rund um Hafen 2 und Ruderclub Hellas vollgestopft. Überall Menschenmassen. "Oh, die Courtneys sind riesig in Offenbach! Gut, daß wir Tickets gekauft haben!" Nicht nur die Menge, auch die Art des Publikums überraschte mich. Hätte ich es nicht besser gewußt, hätte ich die kanadische Indieband im Rap angesiedelt, sie lockte definitiv hessisches Hiphop-Volk an. Ich stellte mir vor, wir würden die einzigen ohne schwere Goldketten beim Konzert sein.


Yo, yo, yo! Es kam natürlich anders, die Leute waren wegen Haftbefehl da. Der Offenbacher Rapper hatte ein paar Wochen vorher in einem Video (mit Huhn) angekündigt, er eröffne die erste deutsche Los Pollos Hermanos-Filiale. Zur Eröffnung am 14.06. gebe es Chicken Wings für alle. Natürlich war das Quatsch, es ging um Promotion der neuen Better Call Saul Staffel, die bei Netflix aber schon ein paar Wochen lief. Jedenfalls schien ganz Offenbach auf den Beinen zu sein - und der Großteil der örtlichen Security-Branche. 

Im Konzertsaal des Hafen 2 war dagegen genau die Menge Menschen, die man erwarten konnte: rund 40. Auch wenn die Band aus Vancouver ihr zweites Album bei Flying Nun Records veröffentlicht hat und bei ihrer Europa-Tour auch in der Brixton Academy gespielt hat, ist 40 leider das Zuschauerpotential. Ob in Schorndorf beim anderen deutschen Clubkonzert mehr Leute waren, weiß ich nicht (ein dritter Deutschland-Termin war das Torstraßen Festival in Berlin).

Die Coutneys sind zu dritt: Sängerin und Schlagzeugerin Jen Twynn Payne (laut Facebook Classic Courtney), Bassistin Sydney Koke (Crazy Courtney) und Gitarristin Courtney Loove (Cute Courtney). Hmmm, die echteren Namen klingen auch ausgedacht.


Jens Schlagzeug stand in der Mitte der Bühne, allerdings vorne am Rand. Jen-Classic ist die Hauptsängerin, alle drei Frauen teilen sich aber den Gesang.

Musikalisch liegen die Courtneys irgendwo zwischen Best Coast, Pavement, den Pastels, Teenage Fanclub, Veronica Falls und irgendwas, auf das ich nicht komme. Die Teenage Fanclub-Assoziation wurde mir vom TFC-Shirt von Gitarristin Courtney eingeredet, sie ist aber gar nicht so abwegig. 



Das Konzert war im Prinzip toll. Die Lieder fast ausnahmslos (der Country song fiel etwas ab) hervorragend. Allerdings störte mich, daß bei einigen der Stücken hintendran noch lange Instrumentalparts kamen, die ganz offensichtlich dafür da waren, Zeit zu gewinnen. Also Zeit von der Uhr zu nehmen. Das wirkte ein wenig absurd. Die Songs waren wirklich toll, endeten aber in draufmontierten monotonen Instrumentals. Mit einem weiteren Album und mehr Auswahl an Stücken wird das sicher wegfallen. 


Bestes Lied des Abends war Lost boys - nicht nur wegen des popkulturellen Werts. Das Lied ist herrlich bestcoastish und es handelt von Vampiren! Überhaupt die Songthemen... Tour handelt davon, auf Tour zu sein, Mars attacks davon, von Aliens mißbraucht zu werden. Oh, mich haben die Courtneys spätestens damit bekommen! Andere tolle Stücke waren Minnesota und Frankie.

In der Zwischenzeit ist mir auch eingefallen, an wen mich die Band noch erinnert. Mein Hirn hat dabei einen kleinen Umweg genommen. Ich war auch vor ein paar Monaten in der Situation, von einer Band erklärt zu bekommen, daß sie eigentlich nur 25 Minuten spielen könne. Glücklicherweise hatten sie das schon beim ersten Deutschland-Auftritt am Abend vorher erklärt, der Promoter hatte entgegnet, hier spiele eine Band aber 40 bis 45 Minuten. Also streckten sie ihr Programm, spielten ein Cover, ein Lied zweimal, wie man das eben macht. Bei meinem Konzert probten sie am Nachmittag noch ein Stück, das sie nie spielen. Der Gig war dann super - die Band die Witching Waves aus England. Und genau an die erinnern mich die Courtneys musikalisch auch. 


Wären die monotonen Enden vieler Lieder nicht gewesen, hätte mich das Konzert viel mehr begeistert. Etwas schade war aber auch, daß - obwohl die Band immer wieder ansetzte - kein Dialog mit dem Publikum entstand (ja, habe auch nicht reagiert...). Die Courtneys fragten nach Fronleichnam, nach dem Popcorn, das es im Hafen 2 gibt, danach, wo man nachts noch schwimmen könne. Wir reagierten eher nicht. "You're so polite!" war die höfliche Interpretation der Sängerin.

Auch wenn ich etwas nörgele, für mich war Offenbach an dem Abend auch genau der richtige Ort. Ich bin heilfroh, die Courtneys nicht verpasst zu haben.


Setlist The Courtneys, Hafen 2, Offenbach:

01: Silver velvet
02: Country song
03: Minnesota
04: Lost boys
05: Virgo
06: Nu sundae
07: Mars attacks
08: Manion
09: Tour
10: Frankie

11: 25 (Z)


Donnerstag, 2. April 2015

Lingby, Offenbach, 01.04.15

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Konzert: Lingby
Ort: Hafen 2, Offenbach
Datum: 01.04.2015
Dauer: gut 65 min
Zuschauer: rund 50




Neulich bin ich aufgefordert worden, nicht immer über die gleichen Künstler zu schreiben. Das langweile. Weil ich über jedes Konzert, das ich sehe, auch schreiben möchte, stecke ich bis über beide Ohren in einem Dilemma. Gottseidank gilt diese Sorge noch nicht für Lingby. In voller Bandstärke habe ich die Kölner Gruppe erst zweimal gesehen. Objektiv ist das aber nichts, auf das ich stolz sein sollte, denn Lingby sind eine solch tolle Band, daß ich mich über jedes verpasste Konzert nachträglich schwarz ärgere.

Gestern wäre fast ein weiteres dazugekommen. Lingby spielten im Hafen 2 in Offenbach - und ich stand in einem 12 km Stau, zwei Minuten nachdem ich zu Hause losgefahren war. Die Band hatte auf der Anreise von München ähnliche Probleme und fing auch mit zwanzig Minuten Verspätung an - uns rettete das das Konzert.

Lingby spielten im Barbereich des Hafen 2. Als die ersten Töne zu hören waren, kamen die restlichen Besucher aus dem Café und füllten den Raum vor der Bühne gut. Ich schätze, gut 50 Zuschauer waren es am Ende.



Die Kölner Band hat vergangene Woche ihr neues Album Twist and turn veröffentlicht. Die Finanzierung der Platte lief mit Hilfe eines Crowdfunding Projekts, bei dem ma u.a. auch Boxsparrings mit Bandmitgliedern buchen konnte. Twist and turn erschien vergangene Woche und verdient jede Aufmerksamkeit. Ich hatte das Glück, bereits acht Tage vorher die Platte im Rahmen eines Pre-Listenings, wie man heute sagt, im Motoki-Wohnzimmer hören und kaufen zu können (das war mein Crowdfunding-Paket - quasi mein faustloses Sparring). Viele der Lieder kannte ich schon, weil Lingby sie seit einiger Zeit live spielen. Die Stücke aber fertig auf Platte zu hören (und seitdem immer wieder), ist noch einmal etwas anderes. Twist and turn wird definitiv eines meiner Alben des Jahres sein!* 

Ob eine Platte etwas taugt, zeigt sich ja immer nur live. Wie viele Bands habenn mich nach guten Studio-Arbeiten live schon schrecklich enttäuscht und mir jede Lust an ihnen genommen! Hier wusste ich ja, was mich erwartete, daher hatte ich mich auch so auf das Konzert gefreut. Überrschend war, wie laut die Band aufspielte. Der Platz vor der Bar liegt zwischen zwei Fensterreihen und ist sicher kein Paradies für Soundleute. Der des Hafen 2 hatte das hervorragend im Griff. Die Band war laut, klang aber brillant. Es gab kein Scheppern der Scheiben und kein Echo.

Das Konzert begann mit Swans, dem ersten Stück der Platte, einem der ruhigeren Titel, den Judith Heß singt. Swans ging über in ein zweites Lied (This takes me out), diesmal von Willi Dück gesungen. Wer nur aus Neugierde da war (bei 10 € Eintritt sicher keine schlechte Idee), blieb. Der Auftakt war großartig!

Danach wurde es ungewöhnlich. Das Konzert war Teil der Albumreleasetour (Termine unten). Die beiden nächsten Titel waren aber bereits neuer als das Album. Lingby spielen die Lieder von Twist and turn schon eine Weile und haben zwischenzeitlich die nächste Generation Songs fertig (Willi schreibt die poppigen, Judith die düsteren laut eigener Aussage). MHmm und Under cover waren die ersten zwei von vier dieser unveröffentlichten Titel. Bei MHmm singt wieder Gitarrist Willi, während Judith und ihre Schwester Carmen Keyboard spielen (zur Band gehören noch Bassist Maik und Schlagzeuger Dennis). Am Ende des Lieds wechselten die Schwestern zu Hörnern, Jagd- und Flügelhorn. Die Stücke der Band wären auch ohne diese Instrumente außergewöhnlich schön, die immer wieder eingesetzten Blasinstrumente (Judith spielt außerdem Posaune) geben ihnen aber eine Tiefe (würde der Musikjournalist sagen - ich sage Pfiff), die sie noch einmal besonderer machen. MHmm war dafür beispielhaft. Um die nächste Platte muß man sich also auch schon keine Sorgen mehr machen - eine Woche nach Veröffentlichung der aktuellen. Wow!

Die beiden anderen neuen Lieder Trading sides und Tired eyes (mit einem tollen Echo-Gesang von Willi, der Judiths Texte nachsang) bestätigten dies später noch einmal!

Der Rest des Sets bestand (mit Ausnahme des einen älteren Stücks Longing) aus Stücken der aktuellen Platte. Die beiden auffälligsten sind sicher der Riesenhit Like a stone (der in jedem verdammten Radiosender hoch und runter laufen müsste!) und das nicht minder tolle Two. Der Rest steht denen aber nichts nach. If anything mit seiner langsamen Steigerung am Ende ist gerade vermutlich mein Liebling, wobei das auch der Humpe-Song Impatience sein könnte ("Humpe-Song", weil mich Judiths Gesang dabei an die Humpe-Schwestern erinnert, was ein Lob ist, da ich die Humpes abgöttisch liebe und für große Künstlerinnen halte).

Der größte Knüller des Abends war aber die letzte der beiden Zugaben. Nach Forgiveness spielten Lingby zum Abschluß Twist and turn. Und wenn da nach der ersten Strophe die Bläser einsetzen, ist das unendlich toll!

In zwei, drei Jahren höre ich bestimmt so was wie "warum schreibst Du jetzt den 15. Konzertbericht über Lingby?" Würde mich sehr freuen!

Setlist Lingby, Hafen 2, Offenbach:

01: Swans
02: This takes me out
03: MHmm (neu)
04: Under cover (neu)
05: Be still
06: House of glass
07: Impatience
08: Trading sides (neu)
09: If anything
10: Two
11: Tired eyes (neu)
12: Longing
13: Like a stone

14: Forgiveness (Z)
15: Twist and turn (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Lingby, Offenbach, 07.08.14
- Lingby, Köln, 12.04.14
- Lingby, Karlsruhe, 25.07.13
- Lingby, Köln, 14.02.12

Tourdaten Lingby:
 02.04.2015 Dortmund, Subrosa
06.04.2015 Bremen, Tower
07.04.2015 Hamburg, Molotow
08.04.2015 Berlin, Auster-Club
10.04.2015 Chemnitz, Aaltra
11.04.2015 Köln, Artheater



* das wäre es natürlich auch, wenn ich der Band gegenüber nicht so wenig objektiv wäre

Sonntag, 8. Februar 2015

Wolf Alice, Offenbach, 07.02.15

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Konzert: Wolf Alice (als Support von alt-j)
Ort: Stadthalle Offenbach
Datum: 07.02.2015
Dauer: gut 30 min
Zuschauer: ca. 4.000 (ausverkauft)

 

Ich bin schon häufig wegen der Vorgruppe zu einem Konzert gefahren, selten allerdings in ausverkaufte 4.000er Hallen. alt-j sind vermutlich zur Zeit europaweit die größte Indieband (unterhalb der sporthallenfüllenden Radiohead). Viele der Konzerte der aktuellen Tour sind ausverkauft, zum Tourauftakt in London spielte die Band vor 20.000 Zuschauern. Mich hätte nichts dazu gebracht, mir alt-j noch einmal anzusehen, vor allem nicht im Palladium in Köln oder in der Stadthalle in Offenbach. Ich verstehe alt-j, die Musik der Band und folglich den Hype um sie nicht. Vermutlich bin ich musikalisch viel zu einfach gestrickt. Es ist aber nicht so, daß ich die Band schrecklich fände, einige Lieder gefallen mir gut. Daß alt-j eigen und damit einzigartig sind, verstehe ich auch. Das war's. 


Meine Verweigerung hat auch nichts mit diesesem albernen Indie-Reflex zu tun, Bands nicht mehr zu mögen, sobald sie größer und bekannter werden, von dem ich mich glücklicherweise meistens freisprechen kann. Ich habe alt-j zwar erstmals als Support von Big Deal vor 39 Leuten gesehen - mit einem 18-minütigen Programm. Aber auch schon da fand ich den Auftritt ok, besonders aber nicht so faszinierend, daß ich mir vorstellen konnte, dies auf Platten- oder Konzertdauer genießen zu können. Im E-Werk in Köln ging es mir genauso, als alt-j auf Headline-Tour in Deutschland waren. Nicht meine Tee-Tasse.

Ich musste aber trotzdem in die Offenbacher Stadthalle mit ihrem Turnhallen-Charme. Denn als eine der beiden Vorgruppen wurde vor wenigen Wochen Wolf Alice aus London angekündigt. Seit ich die Engländer 2013 beim End Of The Road Festival kennengelernt habe, bin ich hin und weg von der Band. Auch wenn es noch kein Album gibt, bin ich damit nich alleine, 2013 war Wolf Alice die britische Band, über die am meisten gebloggt wurde. Die Hype Machine hatte dies herausgefunden. Über Newcomer-Bands werde eben viel gebloggt, sagte Bassist Theo vorher in einem Interview. Und sie seien jetzt ja schon seit Jahren Newcomer.

Vor Wolf Alice begann allerdings eine weitere Supportband, Gengahr (London). Gengahr waren so eine Eigentlich-Band. Eigentlich fand ich die nämlich ganz gut. Die Melodien gefielen mir ausgezeichnet, der Gesang allerdings gar nicht. Wer auch immer jungen Musikern einredet, nur mit Kopfstimme werde man richtig erfolgreich, gehört zum Fernsehen oder in die bildende Kunst weggelobt. Der Gengahr-Sänger gefiel mir immer gut, wenn er mit seiner normalen Stimme sang, das tat er aber kaum.

Aber jetzt zu meiner Hauptgruppe.


Wolf Alice sind eine dieser Gruppen, deren Musik ich nicht so richtig fassen kann. Es geht aber nicht nur mir so. Liest man Porträts der Band, kommt da von Grunge über Folk alles vor. Wolf Alice bezeichnen sich selbst als "rocky pop." Im Juni erscheint nach einer Reihe von EPs und Singles endlich das Debütalbum. "Wann hast Du uns gesehen? 2013? Dann wirst Du nicht alle Lieder kennen, die wir spielen" - klang verlockend! Ich liebe die bisherigen Veröffentlichungen, es ist aber natürlich spannend, auch neue Sachen zu hören.

Die vier Londoner begannen ihren Auftritt um 20.15 h vor schon sehr voller Halle. Wolf Alice sind Gitarristin und Sängerin Ellie, Gitarrist Joff, Bassist Theo und Schlagzeuger Joel. Sie begannen ihr Set mit Moaning Lisa smile, der Single von der aktuellen EP Creature songs (2014). Wir standen ziemlich weit am Rand - schon um fünf standen Leute vor der Halle - die Mitte des häßlichen Saals war also schnell voll - die Stimmung schien aber im Innenraum gleich vom Start weg sehr gut zu sein. Obwohl Wolf Alice musikalisch nicht perfekt zu alt-j passen, kam die zweite Supportband offenbar beim aufgeschlossenen Publikum sehr gut an. Bei mir eh - das Konzert war hervorragend!

Daß Wolf Alice musikalisch nicht zu alt-j passen, stimmt zwar, sie passen aber dann doch, weil ja auch die Hauptgruppe stilistisch so wenig zu greifen bzw. in Genreschubladen zu packen ist.

Danach kam eines der drei unveröffentlichten Stücke des kurzen Konzerts. Your love's whore ist allerdings schon älter, Wolf Alice hatten es bereits bei meinem ersten Konzert gespielt, genau wie das herrlich punkige You're a germ ("1-2-3-4-5"), in dem Schlagzeuger Joel in einer Art Echo mitsingt. Hoffentlich werden die beiden Stücke auf der Platte oder sonstwo veröffentlicht! Das dritte unveröffentlichte Lied kannte ich nicht. Giant peach heißt es, erfuhr ich hinterher. Giant peach ist deutlich rockiger als der Rest. Also rocky rock statt pop. 

Der Rest des Programms waren die Knüller der EPs und Singles. In meiner Mitschrift steht da an jeder Stelle "Hit". Hit wie Blush (der größte!) oder Bros oder Fluffy

Wenn eines nicht toll war, war das die kurze Auftrittszeit. Die Ansetzung (Wolf Alice 20:15 h, alt-j 21:30 h), die vorher veröffentlicht wurde, verhieß zehn bis fünfzehn Minuten mehr. Aber glücklicherweise spielen Wolf Alice auch im Sommer überall da, wo auch alt-j gebucht sind. Also sehen wir uns beim Best Kept Secret Festival wieder.

Wenn man sich so übertrieben auf eine Band live freut, kann das ja auch gehörig schief gehen. Tat es nicht, tat es so was von gar nicht! So wie sich der Abend für 3.999 Leute wegen alt-j gelohnt hatte, hatte er es für mich wegen Wolf Alice! Wundervoll!

Setlist Wolf Alice, Stadthalle Offenbach:

01: Moaning Lisa smile
02: Your love's whore
03: Storms
04: Ninety mile beach
05: You're a germ
06: Blush
07: Giant peach
08: Bros
09: Fluffy

Links:

- aus unserem Archiv:
- Wolf Alice, Larmer Tree Gardens, 30.08.13
- alt-J, Paris, 24.02.13
- alt-J, Köln, 22.02.13 
- alt-J, Paris, 20.07.12
- alt-J, Köln, 04.03.12

(alt-j gefielen mir am Anfang recht gut. Die zwei Hits am Anfang waren mitreißend. Allerdings verliere ich bei der Band grundsätzlich nach einigen Minuten den Spaß und jegliche Aufmerksamkeit. Die 75 min Konzert plätscherten mal spannender, mal langweiliger vor mir her. Aber ganz offenbar liegt das an mir und nicht an alt-j, denn der Saal tobte, schmetterte mit und filmte die Handys voll. Es war also ein tolles Konzert, denke ich.)




Samstag, 15. November 2014

Martha Wainwright, Offenbach, 14.11.14

2 Kommentare

Konzert: Martha Wainwright
Ort: Hafen 2, Offenbach
Datum: 14.11.2014
Dauer: gut 85 min
Zuschauer: ca. 60



"Als seine letzte Platte fertig geworden ist, hat Rufus Freunde ins Studio eingeladen, um die Songs anzuhören. Rufus kann alles, Folk, Rock, Pop, Klassik. Und jetzt hatte er mit Mark Ronson Dance-Musik aufgenommen! Mark Ronson ist der schönste Mann der Welt - er ist schön, reich, talentiert, hat ein französisches Unterwäsche-Model als Freundin. Als ich da saß, dachte ich: 'take a break, take a vacation! And write some upbeat catchy fun songs!'" Auf dem Heimweg vom Studio sei sie in dieser euphorischen Stimmung spontan ins Kino gegangen und habe, was sie sonst nie mache, einen Film gesehen... allerdings Melancholia von Lars von Trier. "Und so entstand mein Song Radio star - was ich nie sein werde - ein Upbeat Song über das Ende der Welt."

Martha Wainwright war redselig und gut gelaunt bei ihrem Konzert in Offenbach. Seit ich Martha Wainwright zum ersten Mal gesehen habe, hat sich im Leben der kanadischen Sängerin einiges geändert. Sie ist Mutter zweier Söhne geworden und hat 2010 ihre Mutter, die Musikerin Kate McGarrigle an Krebs verloren. Den Tod der Mutter hat Martha musikalisch auf ihrem letzten Album Come home to Mama verarbeitet. Das Konzert begann mit einem Stück von Kate McGarrigle (I am a diamond), das Teil eines Musicals sein sollte, das nicht mehr veröffentlicht wurde.

Seit Come home to Mama sei sie vor allem in anderen Bereichen produktiv gewesen. Aber sie habe auch Songs geschrieben "since the baby came out!" Ein paar von denen spielte die Musikerin, die mit dem jüngeren (neun Monate alten) Sohn und ihrer Cousine durch Europa tourt, im Hafen 2. 

Martha Wainwright ist natürlich auch in Deutschland kein Radio Star, auch keine sonderlich bekannte Künstlerin. Beim Warten auf den Einlaß um zehn Uhr (im Hafen 2 lief vorher ein Film - aber nicht Melancholia) bekam ich Gespräche mit, daß es sich hoffentlich nicht um eine Rocksängerin handele. Viele Zuschauer hatten sich nicht in dem mit ein paar Sitzmöglichkeiten ausgestatteten Raum eingefunden. Die Konkurrenz durch das Gibraltar-Spiel, die Rocksängerin Cat Power und ihren Kollegen Jack White in Frankfurt waren wohl zu groß. Von den rund 60 Zuschauern schienen bei weitem nicht die meisten die Sängerin vorher gekannt zu haben. Aber es ist ja im Umkehrschluß schön, daß so viele Leute auf gut Glück zu einem Konzert gehen. Die Funktion, Kultur den Menschen vor Ort näher zu bringen, scheint der Hafen 2 in Offenbach gut zu erfüllen. Im Sommer hatte mich ein (kostenloses) Lingby Konzert draußen extrem abgeschreckt, weil wirklich niemand sich für die wundervolle Musik interessiert hatte. Das Publikum bei Martha Wainwright war ganz anders - glücklicherweise!

Die Sängerin bot großes Entertainment, obwohl sie alleine mit Gitarre auf der Bühne stand. Sie erzählte zu vielen Liedern Geschichten. Ihr Mann beschwere sich immer, daß ihre Stücke so negativ seien. Sie gebe zwar immer vor, dabei nicht zuzuhören, habe es aber aufgenommen und ein fröhliches Lied geschrieben. Es war eines der neuen Stücke, in dem ziemlich viel Liebe in Australien gemacht wurde. Everything wrong vom letzten Album handele von ihrem ältesten Sohn. Bald könne sie es nicht mehr spielen, weil er den Text dann verstehe.

Warum sie Ayoye von der Band Offenbach covere, wisse sie nicht so genau. Irgendwie habe sie Lust darauf. Offenbach war eine Prog-Rock-Band aus Montreal, das Lied auf Französisch (mit diesem herrlichen Québec-Akzent) sehr schön! Ein anderes Cover stammte von Wade Hemsworth. "Ich spiele jetzt etwas von einem großartigen kanadischen Sänger. Nein, nicht Leonard Cohen. Kein fucking Halleluja!" Es war ein Lied des mir unbekannten Folksängers Wade Hemsworth. "He wrote songs about the canadian wildlife. That's why you've never heard of him."

Die schönste Geschichte erzählte Martha aber vor Four black sheep. Sie habe für das kanadische Radio ein Lied über Québec schreiben sollen. Weil sie Verträge nie lese, habe sie diesen auch nicht angeguckt. Dummerweise gab es aber eine genaue Anweisung, über was geschrieben werden müsse. In ihrem Fall war es ein Musikclub außerhalb Ottawas (Black Sheep), in dem sie einmal mit Freunden gespielt hatte. Also schrieb sie über die Fahrt zum Konzert durch einen Schneesturm. Allerdings endet das Lied tragisch, alle vier Insassen sterben bei einem Unfall. "Sie haben das nicht oft gespielt!"

Bis auf den mitsteppenden Zuschauer und die befremdliche Situation, daß zwei Frauen zu der letzten Zugabe, die Martha über den Krebstod eines engen Freundes geschrieben hat, euphorisch tanzten und die Arme in die Höhe streckten - sonst wurde nicht getanzt - war es ein sehr schönes Konzert. Mein Liebling war Far away vom ersten Album - auch weil Bloody mother fucking asshole diesmal leider nicht gespielt wurde.

Setlist Martha Wainwright, Hafen 2, Offenbach:

01: I am a diamond (Kate McGarrigle Cover)
02: Can you believe it?
03: Some people
04: Four black sheep
05: ("Watch out for the night sky") (neu)
06: Factory
07: Ayoye (Offenbach Cover)
08: Everything wrong
09: Bleeding all over you
10: ("We made love in Melbourne"?) (neu)
11: Radio star
12: Far away
13: My mother is the ocean sea (Wade Hemsworth Cover)
14: Jesus & Mary
15: Proserpina (Kate McGarrigle Cover)

16: This life (Z)

17: (neu) ("Cancer takes no prisoners") (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Martha Wainwright, Nijmegen, 30.05.08



Freitag, 8. August 2014

Lingby, Offenbach, 07.08.14

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Wenn im Flugzeug die Sicherheitssachen erklärt werden, lege ich mein Buch weg und gucke hin. Nicht wegen der Stewardessen und auch nicht, weil irgendetwas an Schwimmwesten- und Sauerstoffmasken-Gebrauch spannend wäre, nur, weil ich es extrem unhöflich fände, weiterzulesen. Wäre das Wort Respekt von der Generation RTL2 nicht so mißbraucht worden, hier würde es passen. Da macht jemand seinen Job und erklärt etwas und kaum einer bringt die Höflichkeit auf, zuzusehen. Das ist nicht nur respektlos, das ist vor allem unhöflich.


Während des Lingby-Konzerts draußen vor dem Hafen 2 war es ähnlich - nur viel schlimmer, weil es eben nicht um etwas Langweiliges wie Kotztüten sondern um wundervolle Musik ging. Direkt am Main hat der Hafen 2 sich ein wirklich schönes Gelände geschaffen, seit man aus dem alten Gebäude raus musste. Ein Freilichtkino, ein Biergarten rund um den Neubau und eine kleine Bühne unten am Fluß. Man muß also ein paar Meter nach unten die Böschung runter gehen. Aber die Mühe für eine Band machen, wenn man auch bequem oben sitzen bleiben kann?

Am Anfang waren wir eine Handvoll Leute auf der Wiese vor der Bühne. Als Lngby sich nach dem zweiten Lied vorgestellt hatten und darum baten, doch nach unten zu kommen, wurden es kaum mehr, obwohl das Gelände des Hafens knallvoll war. Für die Band auf der hohen Bühne muß das frustierend gewesen sein. 30 Leute irgendwo auf der Wiese vor der Bühne, davon fünf stehend - ich hasse kostenlose Musikveranstaltungen! Kultur muß in Deutschland offenbar Geld kosten, damit die Leute sie schätzen. Jede Wette, daß keiner der Leute oben dieses Jahr schon eine bessere Band und ein großartigeres Lied als beispielsweise Like a stone gesehen hat! Und weil Lingby so großartig sind, verdränge ich das Publikum:


Konzert: Lingby
Ort: Hafen 2, Offenbach
Datum: 07.08.2014
Dauer: knapp 60 min
Zuschauer: hmmmm...



Lingby stammen aus Köln und veröffentlichen im Herbst ihr zweites Album, das zum Teil über eine Crowdfunding-Kampagne finanziert wurde. Viele Stücke davon hatte ich schon im April in Köln gesehen, bei einer weiteren Gratis-Veranstaltung, die allerdings ein erfreulich aufmerksames und gutes Publikum angelockt hatte. Von dem Konzert im Frühjahr waren mir Swans und Two besonders im Gedächtnis geblieben, zwei unfassbar schöne Lieder!

Mit Swans begann auch das Konzert am Main. Die beiden Schwestern Judith und Carmen sangen das Stück, das in This takes me out überging, das Gitarrist Willi singt. Der Gesang wechselt von Stück zu Stück. Judith (Posaune und Keyboard) oder Willi singen die erste Stimme, bei vielen Liedern kommt weiterer Gesang von Carmen (Keyboard und Hörner). Schon das ist toll, es ist aber nicht ungewöhnlich. Die Songstrukturen und vor allem die wunderschönen Instrumentierungen besorgen dies! Wenn die beiden Schwestern mit Posaune und Horn gemeinsam einsetzen, sind das die schönsten Momente eines Lingby-Konzerts. Die Bläser-Breitseite gleich zu Beginn bei Count the stars klangen phänomenal toll! Und als ob das noch nicht gut genug gewesen wäre, wurde das Stück am Ende richtig krachig und klang nach Postrock - mit Horn und Posaune!

Lingby spielten erst am Ende ein paar veröffentlichte Lieder (von EP und Platte - I worked for the light, Count the stars, Like a stone und Here and now, again). Der Rest - acht Lieder - stammte offenbar vom neuen Album, das damit vermutlich auch zu großen Teilen gespielt wurde. Und das toll klingen wird! Neben Swans und Two mochte ich zum Beispiel Impatience sehr gerne, dessen Gesang (der Schwestern) am Anfang sehr verhutschelt klang und das in Geschrei von Carmen mündete. Klasse!

Lingba machen mir immer mehr Spaß! Ach, hätten die Leute oben an den Bierbänken doch mitbekommen, was für eine großartige Band gerade unten spielt!

Setlist Lingby, Hafen 2, Offenbach:

01: Swans
02: This takes me out
03: Two
04: Be still
05: Forgiveness
06: House of glass
07: Impatience
08: I worked for the light
09: Count the stars
10: Twist and turn
11: Longing
12: Like a stone

13: Here and now, again (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Lingby, Köln, 12.04.14
- Lingby, Karlsruhe, 25.07.13
- Lingby, Köln, 14.02.12



Freitag, 29. November 2013

Blouse, Offenbach, 28.11.13

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Konzert: Blouse
Ort: Hafen 2, Offenbach
Datum: 28.11.2013
Dauer: knapp 60 min
Zuschauer: 25




 

Im Januar vergangenen Jahres war ich über den Namen Blouse gestolpert und hatte die Dream Pop Band aus Portland mit ihrem Debütalbum und einem Konzert in Luxemburg ein paar Wochen später kennen- und liebengelernt. Blouse (das Album) ist eines meiner meistgehörten der letzten Jahre.

Im September erschien der Nachfolger Imperium, nicht ganz so toll wie das Debüt aber trotzdem eine sehr sehr schöne Platte. Als dann endlich Konzerttermine für Ende November angekündigt wurden und neben Hamburg und Berlin (langweilig!) immerhin Offenbach dabei war, war meine Vorfreude riesig. Noch so ein großartiges Konzert wie vor anderthalb Jahren in Luxemburg und Blouse hätten einen festen Platz unter meinen Lieblingsbands.

Leider war das Konzert im Hafen 2 allerdings höchstens mittelprächtig. Und das lag vermutlich nicht an schlechter Laune der Band (oder bei mir), an den Gitarrenproblemen am Anfang, Thanksgiving weit weg oder dem spärlich besuchten Hafen 2. Die Stücke der zweiten Platte sind auch sicher keine Rohrkrepierer live - ich weiß nicht, warum ich das Konzert fast schon teilnahmslos nach der Zugabe Shadows verließ. Eigentlich ist es ja auch egal, wir sind keine Fußballtrainer, die nach einem miesen Spiel die Fehler suchen müssen, morgen steht ja wieder ein anderes Team auf dem Platz. Trotzdem ist es verwunderlich, wenn die Erwartung und das Ergebnis so weit auseinander liegen, wenn man eine Band schon einmal gesehen hat.

Es fing schon lahm an. They always fly away ist sicher kein idealer Einstieg in ein Konzert, es ist zu schleppend. Aber auch Firestarter (auch vom ersten Album) zündete noch gar nicht. Vom Berliner Konzert hatte ich gehört, nach zwei, drei Liedern habe die Band den Saal im Griff gehabt. Bei mir dauerte es viel länger. Erst ab der Mitte mit den beiden neueren Stücken In a glass (eines der besten Lieder des Abends) und 1000 years (eine heimliche Perle auf der Platte) war der Auftritt so, wie ich ihn erwartet hatte. 

Ach herrje, es ist immer dämlich, wenn ein Konzert einer Lieblingsband so verläuft. Wenn ich nach einem Glasvegas Auftritt mit langem Gesicht nach Hause gefahren wäre, wäre ich zum einen selbst schuld gewesen, weil deren Konzerte bekanntlich (kann man bei uns nachlesen) Mist sind. Es gäbe aber auch keine Hoffnung, daß das beim nächsten Mal wieder anders wäre. Bei Blouse habe ich die. Ich werde auch wieder hingehen. Aber das hier war leider arg dürftig. Mist! Denn die Band wirkt enorm sympathisch. Sängerin Charlie Hilton fragte, irgendwann, was es in denn in Offenbach zu sehen geben. Bei Wikipedia hätten sie gelesen, daß es eine Lederindustrie und ein Ledermuseum gebe, für das Museum habe die Zeit aber nicht gereicht. Sie erklärte, daß zu Hause Thanksgiving sei und daß sie uns dankbar seien, bei ihrem Konzert zu sein. Das war alles extrem nett. Ich hätte der Band wirklich gewünscht, ich könnte sie wieder über den grünen Klee loben! Nächstes Mal dann!

Bis dahin bleibt mir auf alle Fälle das Hemd des Keyboarder in Erinnerung. Diese Mickey Maus Muster war sensationell toll!

Setlist Blouse, Hafen 2, Offenbach:

01: They always fly away
02: Firestarter
03: Imperium
04: Eyesight
05: Fountain in rewind
06: In a glass
07: 1000 years
08: No shelter
09: Time travel
10: White
11: Arrested
12: Into black
13: Videotapes

14: Shadow (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Blouse, Paris, 19.02.12 
- Blouse, Luxemburg, 10.02.12



Sonntag, 12. Mai 2013

Peace, Offenbach, 11.05.13

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Konzert: Peace 
Ort: Hafen 2, Offenbach 
Datum: 11. Mai 2013 
Dauer: ca. 55 Minuten 
Zuschauer: ca. 100 


von Ursula von neulich als ich dachte


Ich glaube, im Management des Offenbacher Hafen 2 wird jemand benötigt, der gut rechnen kann. Letztes Jahr musste das Kunst- und Kulturetablissement kurzfristig 330 000 Euro auftreiben, um einen erzwungenen Umzug zu finanzieren. Tatsächlich kam etliches an Spenden zusammen, mit einem zusätzlichen Kredit konnte dann ein Neubau nicht weit vom alten Standort finanziert werden. 

Demgegenüber erscheint es komisch, dass Pascal Pinon kürzlich im alten
Hafen 2 umsonst auftraten, für die englische Hype-Band Peace, die gestern im neuen Gebäude spielte, wurden gerade einmal 5 Euro verlangt (wir bekamen mit unserer fadenscheinigen, wenn auch wahren Behauptung, dass wir auf der Gästeliste stehen müssten, sogar umsonst rein). Und dann die Anfangszeiten: Peace waren für Mitternacht angesetzt! Demgegenüber werden Alcoholic Faith Mission am 9. Juni um 17 Uhr auftreten (übrigens ebenfalls umsonst) - das nenne ich mal Variation! 

Mit Zahlen hat man es im neuen alten Kulturzentrum also wohl nicht so, dafür zeigte die Erstbesichtigung des neuen Standorts, dass alles sehr schön geworden ist. Draußen kann man nach wie vor auf einer Wiese vor einem alten Waggon abhängen, drinnen sitzt man nun, wahlweise Kuchen essend oder Bier trinkend, mit direktem Blick auf den Main. Die Halle, in der die Clubabende und Konzerte stattfinden, ist nun viel größer, als früher, was es sicher erleichtern wird, spannende Bands zu buchen. 

Peace aus Birmingham sind vier Jungen, auf deren Wikipedia-Seite der Schulbesuch (und wer wen wann wo getroffen hat) noch einen recht großen Raum einnimmt, weil das alles eben noch nicht wirklich lange her ist. Mittlerweile schaffte es die Band jedoch aufs Cover des NME, der sie als "finest British debut of the year" bezeichnete. 

Also harrten wir alten Leute tapfer bis Mitternacht aus, um die Band zu betrachten, für die so langes Aufbleiben vielleicht noch ein eher neues Erlebnis ist ... Immerhin ging das Konzert mit beinahe Noel Gallagher-mäßiger Pünktlichkeit gegen Mitternacht los, die Band (die im übrigen wie einst Oasis ein Brüderpaar enthält) erklomm die Bühne, während im vorderen, abgehangenen Drittel der Halle die Musik der das Event umrahmenden Bedroomdisco noch lief und auch noch nicht viele Gäste den Weg vor die Bühne gefunden hatten. 

Als junge Band hat man ja, mangels Material, ein Vorrecht auf kurze
Konzerte, und die bereits vorab ergatterte Setliste bestätigte, dass der bereits späte Abend zumindest nicht mehr allzu lang werden würde. So spielten Peace, die ihrem Retro-Bandnamen folgend größtenteils in leicht seltam gemusterte Hemden gehüllt waren, ihr Album annähernd komplett, zu Beginn auch in der gleichen Songreihenfolge: "Higher than the sun", "Follow Baby" und "Lovesick") und verloren sonst auch nicht viele Worte - Sänger Harry Koisser ließ sich ein paarmal zu "Saturday Night!" hinreißen, das war es aber auch schon fast an Äußerungen. Nicht einmal, dass das Debütwerk "In Love" morgen in Deutschland erscheint, wurde erwähnt. 

Laut Presse klingen Peace vor allem wie die Stone Roses oder Ash, zumindest live musste ich aber eher an Rockbands aus den Sechzigern und Siebzigern denken - oder aber, ich stand unter Einfluss des Peace-Symbols, das hinter der Bühne aufgehängt worden war. Lediglich vereinzelt kamen Erinnerungen an Retro-Bands wie Kula Shaker oder Madchester-Veteranen wie Happy Mondays ("Waste of Paint") auf. 


Nach einer knappen Stunde war Schluss, das Publikum klatschte eher freundlich als begeistert für eine Zugabe und bekam dann auch keine. Am Merchandise-Stand hätte man sich zum Bandnamen passende, gruselige Batikshirts mit Peace-Symbol kaufen können. Wahnsinnig beeindruckt hatte auch mich dieser Auftritt nicht, aber wer weiß ... Peace stehen ja noch ganz am Anfang, vielleicht kommt da ja noch etwas aufregenderes. 

Setlist Peace, Hafen 2, Offenbach:

01: Higher than the sun 
02: Follow Baby 
03: Lovesick 
04: Scumbag 
05: Toxic 
06: Waste of Paint 
07: Float Forever 
08: Delicious 
09: Wraith 
10: 1998 
11: California Daze 
12: Bloodshake



 

Konzerttagebuch © 2010

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