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Donnerstag, 11. Juni 2009

Morrissey, Köln, 11.06.09

14 Kommentare

Konzert: Morrissey
Ort: Palladium, Köln
Datum: 11.06.2009
Zuschauer: ausverkauft (vielleicht 3.500)
Dauer: Morrissey 75 min, Doll & The Kicks 35 min


Auch wenn der dritte Morrissey Bericht innerhalb weniger Tage den ein oder anderen vielleicht langweilen mag, darf ein Bericht auf unserer Seite nicht fehlen.Wer weiß, wie lange noch die Chance besteht, den launischen Sänger live zu erleben.

Bei meiner Planung, welches bzw. welche Auftritte des Manns aus Manchester ich mir ansehen wollte, ärgerte mich, daß das Palladium den Schlußpunkt bilden sollte. In der sterilen, bei Höhepunkten immer zu vollen Halle, könnte es ja nur schlechter werden als an den Vorabenden. Aber dafür statt nach Köln (nah) nach Bremen zu fahren? Nein, das dann wirklich nicht. Verzichten mochte ich nach den ersten beiden Konzerten aber auch nicht, dafür waren die zu gut, und meine Vorfreude schon seit Dienstag wieder da.

Während sich das Palladium langsam füllte, lief von Band ein für die Tour erstelltes Mixtape (die Musikkassette erlebt ja gerade ihr überfälliges Comeback; ich habe
dieses Jahr schon zwei gekauft, mehr als in den letzten zehn Jahren zusammen) mit Liedern wie Thunderball oder einem fabelhaften Cover von Throwing my arms around Paris (das ich leider nirgendwo gefunden habe - weiß jemand, von wem das ist?).

Punkt acht begann das Liveprogramm mit der mittlerweile vertrauten Vorgruppe Doll & The Kicks aus Brighton. Vor dem mit ihrem Logo
angeleuchteten riesigen Vorhang spielten Sängerin Doll, Gitarrist Matt Garrity, Bassist Olivier Nicholas und Schlagzeuger Chris Woollison ein 35 minütiges Programm, vor allem mit Liedern ihres selbstveröffentlichten Debütalbums. Mir gefällt die CD sehr gut, und auch das dritte Konzert der Band um die strohblonde Sängerin machte mir viel Spaß! Natürlich hat Doll eine quiekende Stimme und auch gelbe Fliegen im Haar sind nicht jedermanns Sache. Wer aber auf der Debütplatte Lieder wie Roll up the red carpet, Superstar oder If you care hat, wird mir auch gefallen, wenn danach nicht noch Morrissey kommt. So weit wie der möchte ich zwar nicht gehen, denn später lobte Mozzer Doll & The Kicks als beste Band der Welt. Aber seine Frage "the question is how can it be that they are not signed?" stelle ich mir auch! Während dieser Lobpreisung stand Doll oben auf dem Balkon, der als (vollkommen leerer) VIP Bereich diente. Sicher nicht der schlechteste Tag in der Karriere der jungen Frau...

01: You do it better
02: Roll up the red carpet
03: Pictures
04: Superstar
05: Rising sun
06: You turn up
07: Cry in the kitchen
08: If you care
09: He's a believer
10: He was a dancer

Der Pausenfilm! Mein Ehrgeiz, alle Videos zusammen zu bekommen, hat nur teilweise funktioniert, ein paar fehlen. Ach, würden doch bloß alle Bands in der Umbaupause Videos zeigen, die ihnen etwas bedeuten. Eine fast halbstündige Pause kann verflucht schnell umgehen, wenn in der Zeit uralte Musikfilmchen laufen. Hier die Bestandteile des aktuellen Pausenfilms:

  • The Sparks: Lighten up, Morrissey
  • ein s/w Interview mit einer Frau, über das Wegziehen aus England
  • ein wundervolles 50er Jahre Tanzvideo
  • Vince Taylor: There's a lotta twistin goin' on
  • Shirley Bassey: To give (live bei Rai uno)
  • ein Tribut an Jobriath (Bruce Wayne Campbell), einen 1983 verstorbenen Künstler, den Morrissey verehrt
  • New York Dolls - Lookin' for a kiss (live im Musikladen)
  • Shocking Blue - Mighty Joe
  • das "Turkish tobacco" Interview mit New York Dolls Frontmann David Johansen

Mit dem letzten Wort des rauchenden Morrissey Idols fällt stets der Vorhang. Zu einem You'll never walk alone Cover (The Smoking Popes) - es paßt wirklich alles! -
kamen nach einer kurzen dramaturgischen Pause die sechs Musiker auf die Bühne, Morrissey voran. Der Sänger fühlte sich im wundervollen Offenbacher Capitol vielleicht underdressed, im Palladium erschien er jedenfalls eleganter als bisher - mit einreihigem Blazer, weißem Hemd und schwarzer Schleife. Sehr zu meiner Beruhigung wechselt auch seine Band regelmäßig die Kleidung; heute hatten sie ihr drittes Bühnenoutfit an, die kurzen braunen Hemden. Warum auch immer mußten Boz, Solomon, Matt, Jesse und Kristopher dann aber auch drei glitzernde Perlen auf der Stirn ertragen. Wir hatten uns auf der Hinfahrt erfolglos überlegt, wie Morrissey wohl seinen freien Tag in Köln verbracht hat. Er hat sich Gemeinheiten für seine Kollegen ausgedacht!

Morrisseys Outfit hielt bis zu Black cloud, dem dritten Stück des Abends. Dann hatten die vorgebundene Fliege und das Jacket ihren Dienst getan. Wenn es auf
der Bühne nur annähernd so heiß war wie vorne in der zweiten Reihe (und es war durch die Scheinwerfer sicher wärmer), eine nachvollziehbare Entscheidung!

Die Setlist war die von Offenbach, vielleicht ist es die,
die für die Deutschland Konzerte vorgesehen ist. Sie unterscheidet sich neben der Reihenfolge der Stücke um drei Lieder. So kamen wir heute wieder in den Genuß von Billy Budd, Let me kiss you und The world is full of crashing bores, dafür fehlten vom Alternativprogramm Something is squeezing my skull, Sorry doesn't help und All you need is me - ein Tausch, mit dem ich gut leben konnte. Für mich also die bessere Setlist.

Auch wenn mancher vielleicht wieder stimmliche Schwächen bei den schnellen, hohen Tönen des frühen Solowerks erkannt haben will, für mich klang der Sänger perfekt, makellos. Das Konzert war aber eine ganze Ecke lauter als Offenbach. Vielleicht war das der großen und vor allem tiefen Halle geschuldet. Nach dem sehr leisen Esch, dem normalen Capitol, krachte es heute ganz ordentlich! Nur leider wieder bei zwei Liedern nicht: Some girls are bigger than others und Girlfriend in a coma bräuchte ich in den gespielten Versionen live nicht mehr (obwohl Coma einer meiner Allzeit-Lieblinge der Smiths ist). Umso besser gefiel mir How soon is now, dessen krachende Gitarren und
Trommeln beeindruckend klangen! Theatralisch sank der Sänger zu diesem schönen Lärm auf den Boden vor der Bassdrum. Vor einer Woche hätten besorgte Anhänger da noch nach Sanitätern verlangt...

Neben How soon is now überzeugten mich... ach Quatsch, was soll ich jetzt hier zehn Lieder aufzählen? Fast alles ragte heraus (im übertragenen Sinne)! How can anybody possibly know how I feel? ist langweilig, dafür versöhnten Why don't you find out for yourself, die Rockabilly Nummer The loop (die Sing your life B-Seite) und I keep mine hidden (die B-Seite von Girlfriend in a coma)! Und daß This charming man, Irish blood, I'm
throwing my arms around Paris und The first of the gang to die von Tausenden mitgesungen mehr als nur aufregend sind, bestreitet vermutlich niemand ernsthaft...

Nach drei frischen Hemden (er wechselte von weiß zu scheußlich blau-braun, schwarz zu uniblau) und eineinviertel Stunden Konzert, einer wundervollen Liebeserklärung ("have I told you lately how much I love you?") endete das Konzert früh - zu früh - und glücklich.

Vor der einzigen Zugabe (First of the gang to die) stimmte der Sänger ein kurzes Lied an ("remember me I have forgotten my faith"),* das ich leider nicht erkannt habe.
Wäre ich Pessismist, würde ich all die sentimentalen Momente des Abends als Ankündigungen seines Rückzugs deuten. Das mag ich aber wirklich nicht. Denn vielleicht habe ich auch irgendwann Gefallen daran, mich um ein Stück seines Hemdes zu reißen. Heute flogen zwei, das enorm häßliche hellblaue mit braunen Mustern (das er wieder zur Zeile "but then you open your eyes and you see someone that you physically despise" aus Let me kiss you auszog) und ein hellblaues ganz am Schluß. Um das rangelten sich sehr viele Leute in meiner Nähe, die das hochwertige Stück allerdings nicht auseinander bekamen. Irgendwann mußte ein Feuerzeug beim Trennen helfen. Faszinierend, wie ehrgeizig Menschen an einem Ärmel reißen, um ein Stück Hemd zu bekommen.

Dieses eher bizarre Erlebnis beendete einen wundervollen Musikabend mit einem der größten Künstler unserer Zeit. Wenn ich irgendwann mit meiner zu gründenden Band im ausverkauften Palladium spiele, werden in der Pause vermutlich nur Morrissey- und Smiths-Videos laufen...

Setlist Morrissey, Palladium, Köln:

01: This charming man
02: Billy Budd
03: Black cloud
04: Ask
05:
When last I spoke to Carol
06:
How can anybody possibly know how I feel?
07: How soon is now?
08:
I'm throwing my arms around Paris
09: The world is full of crashing bores
10: Girlfriend in a coma
11:
Why don't you find out for yourself
12:
Seasick, yet still docked
13: Some girls are bigger than others
14:
One day goodbye will be farewell
15: I keep mine hidden
16:
Irish blood, English heart
17: Let me kiss you
18: The loop
19: I'm ok by myself

20: First of the gang to die (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Morrissey, Offenbach, 09.06.09
- Morrissey, Esch-sur-Alzette, 05.06.09
- Morrissey, Lille, 19.01.08
- Morrissey, Frankfurt, 12.12.06
- Morrissey, Paris, 25.08.06
- mehr Fotos aus dem Palladium
- weitere Morrissey Bilder

* wohl Death von Klaus Nomi!



Mittwoch, 10. Juni 2009

Morrissey, Offenbach, 09.06.09

13 Kommentare

Konzert: Morrissey
Ort: Capitol, Offenbach
Datum: 09.06.2009
Zuschauer: ausverkauft (vielleicht 1.200)
Dauer: Morrissey gut 75 min, Doll & The Kicks 35 min


"God bless all of us, especially me!" wünschte Morrissey und beendete damit das erste Konzert der Deutschland-Etappe seiner Years Of Refusal-Tour im wundervollen Capitol in Offenbach.

Für mich war es nach Esch-sur-Alzette das zweite Konzert des größten britischen
Sängers innerhalb weniger Tage. Meine Skepsis, ob er wieder fit sein würde, hatte Morrissey in Luxemburg weggespielt. Jetzt zweifelte ich eher, ob mich die gleiche Setlist nicht langweilen würde; spätestens für mein drittes (und letztes) Konzert in Köln fürchtete ich das. Bei der bisherigen Tour hatte es wohl keine Variationen gegeben, aber mir hatte das Programm in der Rockhal in Esch hervorragend gefallen, also fuhr ich mit ordentlicher Vorfreude in den für mich neuen Saal. In Offenbach hatte ich bisher nur Konzerte in der Stadthalle gesehen, die ein, nunja, zweckmäßiger Bau ist. Das Capitol strahlt dagegen wie ein heller Stern über einer eher tristen Umgebung.

Über ein Foyer (mit italienischen Zitaten an den Wänden - ich weiß leider nicht, aus welchem Werk stammend), erreicht man einen neoklassizistischen Kuppelbau, in
dem bis zu den Pogromen vom November 1938 die Synagoge Offenbachs untergebracht war.

Innen waren wir verblüfft, wie klein und gedrungen der Innenraum ist. Ein herrlicher Saal für Konzerte! Man merkt in jeder Ecke, daß der Bau Mitte der 90er Jahre als
Musical-Theater genutzt worden war. Überall gibt es kleine Treppchen und irgendwelchen Schnickschnack - und es war damit genau so, wie die Bilder es versprochen hatten - der perfekte Ort für ein Morrissey Konzert! Wäre der Sänger in einem weißen Anzug aufgetreten, hätte man den Innenraum aber auch für den Ballsaal eines Kreuzfahrtschiffs halten können.

Ich tue mich schwer, Zuschauermengen zu schätzen. Zumindest der Innenraum
erschien mir aber viel kleiner als das Kölner Gloria oder der Mousonturm in Frankfurt. Durch die vielen Plätze oben waren dann vermutlich doch 1.200 bis 1.500 Zuschauer da, gefühlt waren es aber höchstens 500 oder 600.

Pünktlich um acht begannen Doll & The Kicks, die mir in Esch überraschend gut
gefallen hatten. Die Band aus Brighton spielte auch heute wieder ein knackiges, gut halbstündiges Set, das gut ankam. Problematisch ist sicherlich die für viele nervige Stimme der Frontfrau Doll (nachnamenlos), die punkig-schrill ist. Ich bin nicht viele und hatte meinen Spaß. Als Referenz wird häufig Gwen Stefani genannt; mich erinnerten Doll & The Kicks eher an schrillere Long Blondes oder Siouxsie oder die Yeah Yeah Yeahs. Im Vergleich zu den New Yorker "Punks" um Karen O waren Doll und ihre drei Kollegen aber klarer Punktsieger!

Am besten gefielen mir
Roll up the red carpet und Rising sun (oder son?). Und Dolls Outfit... Die Sängerin hatte einen Auftritt in einem Ex-Musical-Theater wohl als Aufforderung verstanden, sich gehen zu lassen. Am besten gefiel mir dabei natürlich die Witwe-Bolte-Schleife im kurzen strohblonden Haar!

Setlist Doll & The Kicks, Capitol, Offenbach:

01: You o it better
02: Roll up the red carpet
03: Pictures
04: Superstar
05: Rising sun
06: You turn up
07: Cry in the kitchen
08: If you care
09: He's a believer
10: He was a dancer

Die Pause verkürzte die übliche, gut zwanzigminütige Zusammenstellung von Musikfilmchen. Nach den Sparks (Lighten up, Morrissey - großartig!), einer Reportage über das Dilemma, nicht aus Manchester wegziehen zu können, Shirley Bassey im italienischen Fernsehen, den New York Dolls bei Manfred Sexauer ("bitte
schalten Sie ihre Fernseher leiser"), dem modischen Vorbild Morrisseys und einigen anderen Musikausschnitten, beendete ein Interview mit dem Frontmann der von Morrissey vergötterten New York Dolls die Pause. Der Vorhang fiel, und die Show begann.

Mit energischem Schritt ging der Sänger auf seinen Platz, gefolgt von den fünf Bandkollegen, die diesmal statt der verschiedenfarbigen T-Shirts ("Richards Volleyball") ihre weißen Eisdielen-Hemden trugen. Gemeinsam mit Morrissey bestreiten Boz Boorer (Gitarre), Solomon Walker (Bass),
Matt Walker (Schlagzeug), Jesse Tobias (Gitarre - Morrissey sagte "violin") und Kristopher Pooley (Akkordeon, Keyboard, Trompete, Flöte, Gitarre...) die Tour.

An der Rückwand fehlte das übliche Bild. In Esch hatte da noch ein Matrosen-Pin-Up gehangen, in Offenbach war es um Klassen besser, denn den Hintergrund bildete ein silbriger Glitter-Streifenvorhang! Er passte perfekt!

Meine Setlistenbefürchtungen schienen sich mit dem Beginn (This charming man) zu bestätigen. Allerdings nur bis zu den ersten Takten des zweiten Stücks. Statt Irish
blood, English heart kam nämlich mit Billy Budd ein gänzlich neues Lied - und sofort der mehrstimmige Kommentar: "Anders!"

Und so wurde es wirklich. Einige Titel wurden ausgetauscht, die Reihenfolge kräftig durchgemischt, sodaß das Konzert auch in Hinsicht auf die gespielten Lieder immer spannend war!

Im ersten Teil des Abends begeisterte mich natürlich Ask aber auch das immer besser werdende When last I spoke to Carol von Years of refusal! Der große Gassenhauer des aktuellen Albums bleibt aber
I'm throwing my arms around Paris! Grandios Morrisseys Gesten, mit denen er das Lied begleitete. "Only stone", und er faßt sich an den Kopf, "and steel", und an den Bauch, "accept my love!" Welch ein fabelhafter Entertainer!

Später beim wundervollen Let me kiss you kokettierte er erneut mit seinem vermittelten Selbstbild.
Während er die Zeile "But then you open your eyes and you see someone that you physically despise" sang, zog der Engländer langsam sein (zweites) Hemd aus und warf es ins Publikum.

Den Offenbacher Ordnern (Safe security oder ähnlich, ein sehr komischer Name!) hatte man aber wohl nicht mitgeteilt, daß das üblich ist. Der zuständige Mann erschien sofort am Bühnenrand und leuchtete ins Publikum, als wollte er dem Künstler das Hemd wiedergeben, vergebene Liebesmüh, denn das hatte schnell den gleichen Zustand wie ein zu langsames Zebra in einem krokodilverseuchten Fluß.*

Erstaunlicherweise begeisterten mich zwei der Smiths-Lieder heute nicht richtig, darunter mein Allzeit-Liebling Girlfriend in a coma. Das Keyboard da, das mir bisher noch nicht aufgefallen war (es ist neu auf dieser Tour, da bin ich sicher), stört und
verflacht das Lied. Auch der Gesang bei diesem Zwei-Minuten-Hit erschien mir schnodderig. Ob Morrissey den Titel nicht mehr leiden mag und langsam austrudeln läßt?

Some girls are bigger than others war mir heute auch zu lustlos. Aber in Luxemburg gefiel es mir noch besser, im Gegensatz zu Girlfriend in a coma.

Das sind die einzigen Kritikpunkte, die ich anmerken kann. Ansonsten geht es wohl kaum besser. Die Mischung aus Smiths-Hits (How soon is now und Ask waren überragend!), Liedern der aktuellen Platte, den Klassikern seiner Solozeit und eben den vielen kleinen und überraschend auftauchenden Perlen funktioniert perfekt! I keep mine hidden und Seasick
, yet still docked hatten mich heute nicht mehr überrascht - aber immer noch extrem gefreut. Gerade I keep mine hidden, die wenig bekannte Girlfriend in a coma B-Seite, ist ein unfassbares Geschenk! Wie auch Why don't you find out for yourself, das ich ununterbrochen hören könnte. Oder The loop, bei dem die Band den verdienten Auftritt am Bühnenrand hatte! Fabelhaft!

Das Set ließ keine Fragen offen!

Aber wir (sensationelle Überleitung!)... Denn auf Morrissey Ansinnen "The most famous singer to come from Offenbach?" antworteten wir nicht. In einem Forum sah ich, daß sich niemand getraut haben soll, Mark Medlock zu nennen...

Vorher - gerade nach Luxemburg - war viel spekuliert worden, ob Morrissey gesund
wäre. Jeder deutete irgendetwas, versuchte an Gesang oder Verhalten abzulesen, ob der Sänger fit ist. Mir fiel im Capitol nichts auf. Mozzer ist fit, ruhte nicht (außer dem dramatischen Dahinsinken vor dem Instrumental-Ende von How soon is now). Er swang stattdessen sein Mikrokabel wild durch die Gegend, reichte Hände und nutzte seine (breite) Bühne vollkommen aus.

Besonders gespannt war ich, ob
Irish blood, English heart noch kommen würde, und ob Morrissey auf die aktuellen politischen Zustände in seiner Heimat eingehen würde. Er kommentierte das Labour-Desaster erst nicht. Aber den Text änderte er ab. Bei "The English are sick to death of Labour and Tories" ersetzte er die Konservativen durch irgendetwas anderes. Ich habe leider nicht verstanden, was es war, ich meinte "Brown" rausgehört zu haben.**

Ein ganz und gar fabelhaftes Konzert in einem tollen Ambiente! Und jetzt werde ich es wie Morrissey halten: "The ship sails for Cologne!"

Setlist Morrissey, Capitol, Offenbach:

01: This charming man
02: Billy Budd
03: Black cloud
04: Ask
05:
When last I spoke to Carol
06:
How can anybody possibly know how I feel?
07: How soon is now?
08:
I'm throwing my arms around Paris
09: The world is full of crashing bores
10: Girlfriend in a coma
11:
Why don't you find out for yourself
12:
Seasick, yet still docked
13: Some girls are bigger than others
14:
One day goodbye will be farewell
15: I keep mine hidden
16:
Irish blood, English heart
17: Let me kiss you
18: The loop
19: I'm ok by myself

20: First of the gang to die (Z)

* Nein, es war kein örtlicher Ordner sondern Morrisseys Bodyguard. Danke für die Korrekturen!

** Er sang wohl "Blair" statt Tories. Eine noch viel lustigere Häme gegenüber PM Brown.

Links:

- aus unserem Archiv:
- Morrissey, Köln, 11.06.09
- Morrissey, Esch-sur-Alzette, 05.06.09
- Morrissey, Lille, 19.01.08
- Morrissey, Frankfurt, 12.12.06
- Morrissey, Paris, 25.08.06

- mehr Fotos aus dem Capitol in Offenbach


For our English readers: A review will follow soon! My second Morrissey in four days - and an excellent one! Morrissey changed his setlist. Three songs were exchanged compared to Rockhal: Billy Budd,
The world is full of crashing bores and Let me kiss you. Nice venue (sold out off course!), a singing crowd and a healthy singer! Looking forward to Cologne!



Samstag, 6. Juni 2009

Morrissey, Esch-sur-Alzette, 05.06.09

19 Kommentare

Konzert: Morrissey
Ort: Rockhal, Esch-sur-Alzette, Luxemburg
Datum: 05.06.2009
Zuschauer: 800 (knapp ausverkauft)
Dauer: Morrissey 75 min, Doll and the Kicks 35 min


Die beste Nachricht der letzten Tage* war Morrisseys Blogeintag auf myspace, in dem er ankündigte, daß in Luxemburg die wegen einer
Krankheit abgebrochene Tour weitergehen werde. Nach seinem 50. Geburtstag hatte der Übervater der englischen Musik Konzerte in England und alle Frankreich-Daten absagen müssen. Auch vorher hatte die Tournee einer eher stotterigen Charakter. Schon beim Auftakt in den USA hagelte es Absagen. Dabei war meine Lust, meinen musikalischen Helden wieder live zu sehen, in den letzten Wochen stetig gewachsen, im gleichen Maße, in dem ich sein aktuelles Album liebgewonnen hatte.

Wir machten uns also optimistisch auf den Weg nach Luxemburg - das Land, denn das Konzert fand nicht in der Hauptstadt sondern in Esch statt, der zweitgrößten Stadt des Großherzugtums, die mit knapp 30.000 Einwohnern aber überschaubar groß ist. Esch ist eine ehemalige Stahl-Stadt und liegt unmittelbar an der Grenze zu Luxemburg. Den Schildern zur Rockhal folgend (wie alles in
Luxemburg, ist auch die Ausschilderung perfekt organisiert), hatte ich plötzlich eine kurze Panikattacke, mich auf dem Melt! zu befinden, denn der Veranstaltungsort liegt mitten zwischen Stahlruinen und Fördertürmen der Eisenerzindustrie. Der Industriepark Esch wird enorm aufwendig und chic in einen Ort für Einkauf und Kultur umgewandelt. Die Rockhal liegt neben einem Einkaufszentrum und ist in einem architektonisch schönen Gebäude untergebracht.

Morrissey hat musikalisch bekanntlich zwei Gesichter. Das, was er schreibt und spielt, ist
großartig, das, was er selbst mag (oder das zumindest behauptet), allerdings meist genau das Gegenteil. Weder mit den New York Dolls, noch mit den von ihm selbst ausgesuchten Vorgruppen, die ich bisher erlebt habe, konnte ich etwas anfangen. Wir hatten also weder Eile noch Lust, uns in die Schlange vor der Tür einzureihen und versuchten stattdessen, noch etwas Essbares aufzutreiben (fast erfolglos, die Restaurants waren knallvoll, die Bäckerei hatte nur Süßes und der Kiosk Lion-Riegel als herzaftestes Angebot). Die Schlange vor der Tür wurde länger, blieb aber vollkommen gesittet. Es scheint wirklich nur in Deutschland unmöglich zu sein, sich anzustellen, ohne zu schubsen und schnell noch zu dem Freund ganz vorne zu drängeln, der dann aber plötzlich doch gar nicht da ist.

Als dann kaum noch Leute vor der Tür standen, gingen wir auch rein, passierten sehr flott alle Kontrollen und betraten zu den ersten Takten der Vorgruppe den Saal, ein durchaus angenehmes Erlebnis. Zum einen waren Doll And The Kicks nämlich alles andere als schlecht und damit ganz anders als gedacht. Zum anderen standen wir in einem zwar irre hohen aber für Morrissey viel zu kleinen Saal! 800 bis 1.000 Leute passen in den Saal, schätze ich. Aber auch während Mozza spielte, war es am Rand
selbst vorne enorm luftig. Da aber mehrfach verkündet worden war, daß es ausverkauft sei (es aber an der Abendkasse doch Restkarten gab - [Tschuldigung, Frank!]), ließ man offenbar nicht zu, daß der Saal überfüllt sein würde.

Doll And The Kicks sind eine vierköpfige Band um Frontfrau Doll, die ein wenig wie Heike Makatsch mit blondem Struppelschnitt aussah. Doll (benannt nach einem Foo Fighter Lied) trug einen Badeanzug (dabei war es draußen empfindlich kalt geworden - ich sag nur: Blasenentzündung!), sorgte aber auch unabhängig davon für gute Stimmung. Denn die Musik der Band aus Brighton war gar nicht verkehrt und über 35 Minuten sogar kurzweilig.

In der Rockhal Musik zu sehen (also in ihrem kleinen Saal, in dem wir waren), ist etwa so, wie im Kölner Stollwerck. Durch die Bühne an einer der langen Seiten des Raums, kann man gar nicht richtig weit weg stehen. Ein toller Ort für Konzerte!

Zwischen Vorgruppe und Morrissey liefen wieder Musikausschnitte und Filmchen
auf dem Vorhang, der noch den hinteren Teil der Bühne abdeckte. Zum Inhalt des Films bei einem der nächsten Konzerte mehr, jetzt ist Morrissey wichtiger.

Mit dem schon bekannten kurzen Interview mit David Johansen endete die Pausenunterhaltung, der Blick auf das Bühnenhintergrundbild (einen Pin-Up Matrosen) wurde frei, und Morrissey und Band erschienen. Wie üblich ging der Sänger voran. "Luxembourg, twelve votes", und es ging los.

Auch üblich ist, daß eines seiner Konzerte stets mit einem Lieblingslied beginnt, diesmal mit
This charming man vom ersten Smiths Album. Und da waren sie dann alle, die glücklichen Gesichtsausdrücke. Das Publikum war zwar viel weniger britisch und Morrissey-fanatisch als gedacht, es war aber auch Ü30 und ganz sicher in großen Teilen von den Smiths musikalisch sozialisiert.

Irish blood komplettierte den Auftakt-Doppelschlag und alles war gut!

Auch Morrisseys Krankheit schien vorbei. Er wirkte zwar schon etwas zurückhaltender als sonst, hatte aber keine Stimmschwankungen, dafür aber scheinbar viel Lust auf große Gesten. Der leidende Gesichtsausdruck macht schon viel Spaß, seine Armbewegungen waren aber auch ganz besonders sehenswert! Die Zeile "The English are sick to death of Labour and Tories" untermalte er mit Arm nach links für Labour und nach rechts für die Tories.

Schnell etwas Abkühlung durch eine Wasserflasche mit Zerstäuberaufsatz, und es ging weiter.

Nach einem neuen Lied (Black cloud) das nächste bemerkenswerte Stück. How soon is now? ist zwar insofern nicht erwähnenswert, daß es fester Bestandteil Morrisseys Konzerte ist. Aber die Instrumentierung ist besonders: Schlagzeuger Matt Walker hat
hinter seinen Drums einen riesigen Gong und eine kaum kleinere Pauke (welche Tiere haben so großes Fell, oder ist das eine geschmacklose Frage?), auf die er eindrosch, während Morrissey auf den Boden sank und liegenblieb! Spektakulär!

Es folgte u.a. Ask als nächstes Smiths Lied ("Writing frightening verse to a buck toothed girl in Luxembourg"), bevor einer
meiner aktuellen Lieblinge mit Motorgeräuschen angstimmt wurde - I'm throwing my arms around Paris, das wundervoll ist und herrlich mitgeschmettert wurde!

Auch die beiden folgenden Stücke waren zu erwarten. Girlfriend in a coma ist glücklicherweise gesetzt! Allerdings war die heutige Version ein wenig verhunzt.
When I last spoke to Carol von Years of refusal erschien schon vorher zwingend Teil des Programms sein zu müssen, das Stück ist einfach zu gut!

Und dann folgte das, wofür ich den Sänger aus Manchester auch liebe: er spielte die Titel aus den Tiefen seines Werks, mit denen keiner rechnete.
Seasick, yet still docked von Your Arsenal, Why don't you find out for yourself (Vauxhall and I) und I keep mine hidden, die B-Seite von Girlfriend in a coma. Drei fabelhafte Lieder, die das Leuchten in meinen Augen noch heller machten!

Nach diesen drei Kleinoden folgte dreimal das aktuelle Album - alle Lieder punkteten bei mir - mit Some girls are bigger than others das nächste Smiths-Lied, das ich noch nicht live gesehen hatte, und eine weitere B-Seite, diesmal seiner Solo-Karriere, die er
aber auch 2008 schon gespielt hat (The loop von der Sing your life Single). I'm ok by myself beschloss das Konzert nach knapp 70 Minuten.

Ich spekulierte gerade noch, was wohl die Zugabe sein könnte, als ruckzuck Band
und Chef wieder da waren und den Riesenhit über Hectors Tod anstimmten. Grandios! Aber wie alles Schöne zu schnell vorbei. Knapp 74 Minuten hatte dieses Konzert gedauert, das nicht an den weltverändernden Auftritt bei Rock En Seine vor drei Jahren herankam aber jeden Kilometer Fahrt durch die wilde Eifel rechtfertigte!

Die aktuelle Setlist gefällt sicher vielen nicht, weil einige Größen fehlen. Dafür werden
genauso viele riesigen Spaß an den besonderen Songs haben. Und zur Not kann man ja noch die vielen kleinen Perlen achten...

Auf Morrisseys Hemdennummer. Wie immer schwitzt er
schnell seine etwas zu knappen Hemden durch. Nummer eins wurde nach Some girls are bigger than others getauscht. Dafür ging der Sänger von der Bühne und kam wieder und stimmte The loop an: "I just wanna say I haven't been away. I am still right here where I always was." Das geht doch nicht besser!

Dann seine Musiker! Boz Boorer steht eh über allem! Der Gitarrist ist ein Original und Garant für die exzellente Livequalität der Band. Am meisten beeindruckt hat mich aber der Keyboarder (Kristopher, glaube ich). Als er bei Carol gleichzeitig Trompete und Keyboard spielte, machte er sich zu einem der coolsten aktuellen Musiker!

Morrissey suchte wieder den Kontakt zum Publikum und gab besonders vielen die
Hand, obwohl ich sicher bin, daß ihm das zutiefst zuwider ist. Im Gegensatz zu Lille im vergangenen Jahr wischte er sich aber nicht danach jeweils die Hände angeekelt an der Hose ab - er machte es vorher!

Irgendwann fiel ihm nichts ein, was er dem Publikum sagen könnte. Er gab das Mikro also an einen Franzosen in der ersten Reihe weiter. Der bat ihn, nach Frankreich zu kommen und bedankte sich für den Abend. This charming man! Also Morrissey!

Ein geschenktes und angereichtes Buch kommentierte er mit "Ich nehme dein Buch, ich habe dein Buch gelesen, danke!" und legte es ab.

Wundervoll die Vorstellung der Band. Am Anfang noch durchaus normal - "On the bass Solomon Walker, on the drums Matt Walker
", wurde es ihm irgendwann lästig - "Lalalahh Jesse Tobias, lalalalalaaahh Kristopher Pooley." - "And I am a very small detail."

Meine Lieblingsszene - aber auch eine, die beängstigte - war eine klitzekleine bei
One day goodbye will be farewell. Bei einem der letzten Goodbyes winkte er zum Abschied ins Publikum. Aber ich bin wohl paranoid...

Dann mal bis Dienstag, alter Mozzer!

Setlist Morrissey, Rockhal, Esch-sur-Alzette, Luxemburg:

01: This charming man
02: Irish blood, English heart
03: Black cloud
04: How soon is now
05: All you need is me
06: How can anybody possibly know how I feel?
07: Ask
08: I'm throwing my arms around Paris
09: Girlfriend in a coma
10:
When last I spoke to Carol
11: Seasick, yet still docked
12: Why don't you find out for yourself
13: I keep mine hidden
14: Something is squeezing my skull
15: One day goodbye will be farewell
16: Sorry doesn't help
17: Some girls are bigger than others
18: The loop
19: I'm ok by myself

20: First of the gang to die (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Morrissey, Lille, 19.01.08
- Morrissey, Frankfurt, 12.12.06
- Morrissey, Paris, 25.08.06

- Fotos aus der Rockhal


* fast... Auf dem Weg nach Esch kam nämlich die SMS, daß Anna Ternheim für Haldern bestätigt wurde...



 

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