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um
22:38
Konzert: Lea Porcelain
Ort: Capitol Theater/Club, Düsseldorf, New Fall Festival 2018
Datum: 28.10.2018
Dauer: 40min
Zuschauer: ca. 600
Der letzte Abend beim New Fall Festival Wochenende endet für mich im wunderschönen Club des Capitol-Theaters. Leider finden hier im Rest des Jahres nie Pop/Rock-Konzerte statt, dabei bietet der Saal mit seinen riesigen Kronleuchtern und Spiegeln, sowie variabler Bestuhlung mit kleinen Logen und zentraler Lage am Bahnhof alles, was man von einer tollen Location erwarten kann.
Aber der Schwerpunkt liegt hier leider auf Musical-Veranstaltungen und so ist es umso schöner, wenigstens ein Mal im Jahr hier zu Gast sein zu dürfen.
Geboten wird nicht weniger als der, vielleicht zur Zeit interessanteste Act aus dem Berliner Moloch, der auch deshalb so in seinen Bann zieht, weil die Musik eigentlich von vorgestern zu sein scheint.
Lea Porcelain spielen düstersten Indierock, der in den 80er Jahren ja noch gar nicht so hieß, und verzichten dabei auf jede ironische oder neue Interpretation.
Besonders macht diese Band das gute Songwriting, Songs wie "Warsaw" oder "Bones" würden auch mit anderer Instrumentierung hervorragend funktionieren.
Die Outfits der Bandkollegen weichen da noch am ehesten vom strikten musikalischen Gerüst ab. Hier regieren Schlabber-Shirts und Jeans statt schwarzem Einheitsdress.
Das schließen der Augen beim gepflegten Vorwärts-Rückwärtstanz im Publikum ist allerdings unnötig. Licht gibt es auf Wunsch der Band sowie nicht, nur über den Zuschauern kreisen gleißende Variospots.
Der Sound ist extrem druckvoll und fordernd, besonders das Schlagzeug, oftmals gedoppelt mit einer weiteren Trommel des Keyboarders, katapultieren den Sound in die Jetztzeit.
Zu meiner großen Freude dürfen Lea Porcelain heute nicht die standardisierten 30 Minuten eines Supports, sondern wesentlich länger aufspielen. Und so kommt man in den Genuss einzutauchen, in diese schwarze, von Trockennebel verschluckte Bühnenshow, deren Sog sich erst nach 30 Minuten so richtig entfaltet.
Jetzt werden die Songstrukturen aufgelöst und starre Wege verlassen. Als nach circa 50 Minuten etwas abrupt wieder Licht in den Saal fällt, erwacht man aus einem dunklen Traum, der sich aber gar nicht düster angefühlt hat.
Die Band spielt dieses Jahr noch am 30.11.2018 im Ice Palace in St. Petersburg. Ich denke, Lea Porcelain werden noch viele, weite Reisen vor sich haben.
Lea Porcelain - Warsaw Street
Fotos: Michael Graef
um
16:31
Konzert: Dota mit Pauken und Trompeten
Ort: Capitol in Mannheim
Datum: 20. April 2017
Dauer: 110 min
Zuschauer: etwa 300
Im Jahr 2016 hatte sich das Konzert mit Dota und Band im Tollhaus unter die besten des Jahres eingereiht. Manche Textzeilen hatten sich tief eingebohrt und die einmalige Atmophäre des Abends ist mir noch immer sehr präsent. Als sich nun die Gelegenheit bot, das Programm mit Pauken und Trompeten im Mannheimer Capitol zu erleben, habe ich nicht lange überlegt.
Ich wollte gern wieder so ein tolles Konzert erleben und ich war zu gespannt, wie sich die andere Besetzung anfühlen würde. In der großen Besetzung wird die Band von Dota Kehr (Gesang und Akustikgitarre) - das sind Jan Rohrbach (E-Gitarre und Bass), Janis Görlich (Schlagzeug) und Jonas Hauer (Klavier) - unterstützt von drei Bläsern und einer Vibraphonistin:
Maria Schneider (Vibraphon),
Oliver Fox (Saxophon und Klarinette),
Christian Magnusson (Trompete) und
Jörg Bücheler (Posaune).
Im Capitol habe ich 2013 zwei ganz besondere Konzert erlebt: Mine mit großer Besetzung und Aimee Mann mit Ted Leo. Deshalb fand es einen wirklich guten und passenden Rahmen für Dota und die große Besetzung. Daraus wurde aber zunächst nichts, denn der Abend verstolperte zu Beginn etwas. Für die Band überraschend war es ein bestuhltes Konzert (sagt man da Du oder Sie? Und welche Konzertlänge passt dazu?) und der Supportslot war so kurz gewesen, dass alle zu spät kamen, die dafür mindestens 30 min eingeplant hatten. Und so war ich zu Beginn nicht so recht glücklich - wahrscheinlich hatte ich mir auch im Kopf fette Bläser zurecht gelegt, die es so nicht gab. Tatsächlich führte die große Besetzung sogar eher dazu, dass die Songs weicher wurden und fast jazzig wirkten. Das kriegte mich nicht so richtig.

Die herrlichen Solonummern in der Mitte des Sets setzten dann doch meine Schalter endlich richtig auf Empfang und mit Glashaus und Grenzen war ich dann wirklich so richtig froh, mich auf den Weg nach Mannheim gemacht (und den Text noch einmal geübt) zu haben:
Warum schützt man die Grenzen der Staaten so gut
Und die Grenzen der Menschen so schlecht?
Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen,
aber zwischen den Menschen.
Nicht aus Stacheldraht sollen sie sein,
sondern aus Respekt.
Das tanzen fiel im Sitzen schwer und die Selbstbeschränkung der bequemen Kinostühle wurde erst spät (ab Rennrad) nach und nach abgeworfen, bis es zu den Zugaben kein Halten mehr gab. Und das, obwohl das Schlusslied des eigentlichen Sets eher ein Fade-out gewesen war und das Tempo herausgenommen hatte.
Als alle in der großen Besetzung verfügbaren Songs "durch" waren und der Beifall nicht aufhören wollte, schenkte uns Dota solo noch zwei brasilianische Lieder, die uns herrlich in den Arm nahmen und zufrieden nach Hause schickten. Kein Wunder, dass sie anschließend am Merchstand alle Hände voll zu tun hatte.... Und ich fühlte mich in meinem Urteil bestätigt, dass ich noch vor dem Konzert jemanden gegeben hatte, der sich Dota in den nächsten Tagen ansehen will:
Setlist:
01: Trägst du mich
02: Monster
03: Zum Glück
04: Zimmer
05: In meinen Träumen
06: Bis auf den Grund
07: Geld verdirbt den Charakter (Solo)
08: Bald fang ich wieder an (Solo)
09: Mantel
10: Im Glashaus
11: Grenzen
12: Lassy (Instrumental)
13: In der Hand
14: Floß
15: Keine Gefahr
16: Rennrad
17: Vergiftet
18: Im letzten Licht
19: Utopie (Z)
20: Sommer (Z)
21: Überall Konfetti (Z)
22: Du musst dich nicht messen (Z)
23: Einzelkind (Z Solo)
24: brasilianisches Lied (Z Solo)
Tourdaten mit Pauken & Trompeten:
19.04.17 Göttingen - Musa Göttingen
20.04.17 Mannheim - Capitol Mannheim
04.05.17 Berlin - Astra Kulturhaus Berlin
16.06.17 Leipzig - GeyserHaus Leipzig (open air)
25.08.17 Dresden - Saloppe Dresden
29.08.17 Frankfurt - Palmengarten Frankfurt
sonstige Tourdaten Dota:
21.04.17 Stuttgart - Club Cann "Keine Gefahr" Tour
22.04.17 Aichach - Schloss Blumenthal - Dota & Jan
23.04.17 Weimar - Mon Ami - Dota & Jan
18.05.17 Flensburg- Folkbaltica Festival - "Keine Gefahr" Tour
20.05.17 Kiel- Pumpe - "Keine Gefahr" Tour
21.05.17 Dortmund- Domicil - "Keine Gefahr" Tour
22.05.17 Bonn- Pantheon - "Keine Gefahr" Tour 2017
23.05.17 Marburg- KFZ - "Keine Gefahr" Tour 2017
Aus unserem Archiv:
Dota und Band, Karlsruhe, 14.10.16
Dota und die Stadtpiraten, Karlsruhe, 04.07.12
um
14:53
Konzert: New Fall Festival - Lucy Dacus
Ort: Düsseldorf, Capitol Theater
Datum: 30.10.2016
Dauer: 35min.
Zuschauer: ca.200
Lucy Dacus aus Richmond/Virginia bei ihrem ersten Auftritt in Deutschland zu bewundern war ein Vergnügen. Die CD "No Burden" erschien hier bereits im September, aufgenommen wurde sie an nur einem Tag in Nashville.
Das klingt nach Punk und DIY, geboten wird aber feinster Indiepop, schließlich ist Lucy Dacus beim Matador/beggars group (Indigo) Label unter Vertrag.
Vergleiche kommen einem sehr schnell in den Sinn. Bei neuen Künstlern ist das normal. Hier sind es Courtney Barnett oder in den ruhigeren Stücken Aimee Mann, deren Stimmlage und Ausdruck ähnlich sind.
Die Texte bilden schnell einen einen kleinen, feinen eigenen Kosmos. Während zum Beispiel Barnett mit ihren ausschweifenden und burschikosen Alltagsgeschichten und ihrem punktierten Sarkasmus ganz eigene Welten entwirft und Aimee Mann oft zu zurückhaltend und kühl, manchmal gar oberlehrerhaft daherkommt (bei aller Klasse), schlägt Dacus eine ganz andere Richtung ein.
Leise Ironie und das Scheitern im täglichen Alltag mit all seinen kleinen und großen Problemen sind ihr Thema. Wie sie das hier im schönen Club des Capitol Theaters auf die Bühne bringt, ist für eine so junge Künstlerin außergewöhnlich.
Immer wieder hält sie die riesige Gitarre wie einen Ritterschild senkrecht vor sich und gibt dem Set damit viel Ruhe und Raum, den die Band dann nutzen kann.
"I don`t wanna be funny anymore", die Single mit dem bisher größten Hitpotential ist dann auch textlich ein guter Indikaton für ihre Sicht auf die Dinge:
"I got too short skirt, mybe i can be the cute one.
Is there room in the band ?. I don`t need to be the front man.
If not, Ì`ll be the biggest fan."
Während sie solche Sätze singt, schaut sie mit ihrem immer etwas traurigen, zugleich aber auch verschmitzten, kleinen Lächeln und ihren knallrot geschminkten Lippen ins Publikum.
Eine junge Frau, die schon viel zu erzählen hat und dies in nicht alltägliche Worte und Geschichten zu kleiden vermag.
Hoffentlich sehen wir Lucy Dacus nächstes Jahr auf einem der vielen Festivals wieder. Musiker, die Songtitel wie "Troublemaker Doppelgänger" hervorbringen, können gar keine schlechten Menschen sein.
Mehr davon.
Fotos: New Fall Festival
um
13:08
Konzert: New Fall Festival - Kate Tempest
Ort: Düsseldorf, Capitol Theater
Datum: 29.10.2016
Dauer: 60 min
Zuschauer: ca. 1.200
Wohl kaum ein Künstlerin war in den letzten Wochen so oft in den Medien anzutreffen wie Kate Tempest. Erst gab es überall Lobeshymnen für ihren Debütroman, dann folgte vor kurzem noch das neue Album "Let them eat Chaos".
Wie viele Feuilletonleser sich aber wirklich schon mit dem sperrigen Werk auseinander gesetzt haben, bleibt unklar. Das Capitol war jedenfalls in sehr gespannter Erwartung, schließlich handelte es sich um eines der allerersten Konzerte zur neuen Platte.
Wer Kate Tempest schon einmal erleben durfte, konnte sich die berechtigte Frage stellen, wie die Intensität der letzten Auftritte denn nun noch gesteigert werden sollten. Wenn die Messlatte an Emotionen und Tempo so hoch liegt, werden viele Erwartungen geweckt.
Ein Problem, das wohl auch Tempest erkannt hat. Daher beginnt sie vor dem eigentlichen Start zunächst mit einer kleinen Bedienungsanleitung: Handys sind bitte in der Tasche zu lassen. Wir sollen "bei ihr" und "mit ihr" sein. Auch die Bestuhlung soll bitte keine Distanz zum Geschehen auf der Bühne zulassen.
Punkt eins sollte kein Problem werden, bei der Distanz wurde es etwas komplizierter. Kate Tempest präsentiert in Folge nämlich kein Konzert, sondern ein einstündiges, verbales Musical ohne Showbeilage.
Alles spielt sich im Kopf der Künstlerin und der Zuschauer ab. Band und Licht, sowie das Auftreten von Tempest sind reines Mittel zum Zweck und völlig unprätentiös.
Und so folgt man ihren ständigen Themen von Jugend und Kapitalismus, von Großstädten und Einsamkeit, falschen Träumen und nicht erfüllten Wünschen.
Einmal gefangen in diesem Sog der Worte und den derben, unterkühlten Beats, gibt es kein Entrinnen mehr. Keine Pause, keine Chance innezuhalten, um das Gehörte zu reflektieren. Nicht einmal Applaus oder Zwischenrufe sind möglich.
Dabei bleibt manchmal unklar, in wie weit Kate Calvert (ihr richtiger Name) hier nur ihr Alter Ego "Kate Tempest" präsentiert, und ob das Ganze nicht doch nur eine Kunstfigur ist. Calvert jedenfalls äußerte in einem Interview kürzlich, sie sei eigentlich eine "Optimistin".
"Das Leben ist wundervoll, manchmal stimmt nur eben die Balance nicht".
Diese Sichtweise ist hier und heute, wenn überhaupt, weit unter allen Parolen, der Wut sowie den tiefsten Industrialbässen vergraben.
"We are lost, we are lost..." ist das Mantra des Abends. Nicht ganz klar wird, ob es trotz der ganzen Probleme des aktuellen Kapitalismus nicht auch noch andere Schauplätze auf der Welt gibt, denen man seinen Pessimismus der Menschheit aufdrücken könnte.
Das Konzert ist jedenfalls in vielerlei Hinsicht ein Schlag in die Magengrube. Tempest seziert das Leben der sieben Londoner um 04:18 am Morgen aus ihren Sichtweisen, und hier wird ein großer Unterschied zu meiner Jugend schnell klar.
Während es bei uns nur um die Selbstfindung innerhalb einer der Jugendkulturen ging, sind es heute die verschiedenen ethnischen Gruppen, die die Unterschiede der Kultur des Landes definieren. London als Schmelztiegel ist dafür die perfekte Kulisse.
Der Stil ihres Vortrags bleibt einzigartig. So wahnwitzig wie hier Wortfetzen, Poems und Lyrics verbunden werden, ist es eine völlige Reizüberflutung durch Sprache, die ohnegleichen ist.
Wahrscheinlich sind auch die besonders starken Bilder in ihren Texten der Kunstform des Rap, die sie ja eigentlich hier vorträgt, entliehen. Tempest macht des dem Zuhörer hier nur schwerer, da sie nie in völlige Überhöhung abgleitet, sondern die Szenarien immer einen realen Hintergrund haben.
Nach fast 60 Minuten begrüßt man fast erleichtert das Saallicht. Tempest verbeugt sich kurz mit ihrer Band am Bühnenrand und verlässt dann grußlos das größtenteils überforderte Publikum.
Im Foyer wird danach angeregt diskutiert: "Darf ein Konzert durchweg schlechte Laune verbreiten ?, war Tempest arrogant im Umgang mit ihrem Publikum ?, ist es Kunst ?, oder doch nur ein Lichtblick im sonst so unpolitisch gewordenen Kulturalltag des Pop ?".
Ich finde es wird sich bald entscheiden, ob Tempest auch andere Themen für sich in dieser Qualität besetzten kann als die, die sie durch ihre Sozialisation selber durchlebt hat. Erst dann wird sich zeigen, zu was die Autorin Tempest, neben ihrer fantastischen Bühnenpräsenz, noch fähig ist.
Fotos: FotoSchiko/New Fall
um
18:16
Konzert: Marianne Faithfull
Ort: Capitol Theater Düsseldorf
Datum: 31.10.2015
Dauer: 90min
Zuschauer: 700 ausverkauft
Als neuer Spielort für Konzerte wurde das New Fall Festival in diesem Jahr unter anderem um das Capitol Theater in Düsseldorf erweitert. Als typisch umfunktionierter Backsteinbau, mit leider etwas zu engen Sitzreihen und flacher Sicht zur Bühne, dient er normalerweise als Spielstätte für seichte Musical-Unterhaltung.
Diese war heute nun gar nicht zu erwarten. Marianne Faithfull könnte man so einiges vorwerfen aber bestimmt nicht, dass sie immer den leichtesten Weg eingeschlagen hätte.
Der Begriff Muse wird wohl in den nächsten Generationen immer weiter in Vergessenheit geraten, das Gendertum ist ja auf dem Vormarsch. Dabei steht die klassische Muse ja in keinster Weise im Schatten, sondern beflügelt ja den Künstler mit ihrer Sicht auf die Dinge. So war Marianne Faithfull in ihrem Leben zwar oft zur rechten Zeit am rechten Ort, hat sich aber durch das eigene Talent immerhin ein nun schon ein 50-jähriges Bühnenjubiläum erspielt.

Wer aber vermehrt ältere Männer in Stones T-Shirts erwartet hatte sah sich getäuscht. Sehr viele jüngere Zuschauer sammelten sich im ausverkauften Saal. Die Erwartungen waren sicher gemischt. Wer M. Faithfull schon vor Jahren gesehen hat, durfte wissen das es um ihre Gesundheit heute nicht mehr gut bestellt ist. Nach mehreren, schweren Hüftoperationen fällt das Gehen schwer, und so betritt sie langsam und vorsichtig mit einem roten Stock die Bühne.
Als Band sind drei Mitmusiker angereist, bei einigen Stücken wird man sich Streicher dazu wünschen, aber so bleibt der Set durchgängig etwas rockiger. Besonders die Gitarrenparts dehnen die Songs gefühlvoll in längere Versionen, auch damit die Künstlerin zwischenzeitlich kurze Sitzpausen einlegen kann.
Das klingt jetzt alles erstmal nicht nach einem begeisternden Abend, sondern eher nach einer bemitleidenswerten Sängerin die nicht den rechtzeitigen Abschied vollzogen hat. Aber hier liegt der Fall zum Glück anders. Marianne Faithfull startet mit dem starken „Give my love to London“ um danach direkt mit einer Dulli/Lenegan (Gutter Twins/Afghan Whigs) Komposition von „The Stations“ nachzulegen. Wer also pure Nostalgie erwartet hatte, war jetzt schon überfordert.
Dazu die launigen, selbstironischen Ansagen „I have an new drugsong“ und ehrliche Freude über die Chance, immer noch auftreten zu können. Warum sollte sie es nicht machen, wenn die Säle immer noch voll sind ?

Im weiteren folgen fantastische Kompositionen, die unter anderem Nick Cave "Late Victorian Holocaust" und Roger Waters "Sparrows will sing" für sie geschrieben haben, die Texte stammen meistens von ihr. Live klingt das alles noch viel düsterer als auf Platte, Showelemente gibt es keine, und das Licht ändert sich den ganzen Abend auch nicht. Aber die Songs stehen wie ein Fels, die letzte CD war ein Meilenstein, ihre vielleicht beste überhaupt und das im klassischen Rentenalter.
Immer wieder kokettiert sie mit der Band, verbeugt sich statthaft und macht dann einfach weiter.
Die Klassiker gibt es natürlich auch noch, hier wird jeden Abend die Setlist verändert. Heute sind statt "Sister Morphine", Dylans „Baby Blue“ und "As tears go by" an der Reihe. Mit einer langen und rührenden Version von „ The Ballad of Lucy Jordan“ geht der Abend zu Ende, bevor sie alleine mit einer A capella Version von „She moved through the Fair“ die Zugabe bestreitet.
Und so verläßt man den Saal, bewegt von der Aura und Demut einer Muse, die zur echten Künstlerin wurde. Genau wie es in einem der hier sonst gespielten Musicals als Handlung dienen könnte. Aber das Leben schreibt eben oft die besseren Geschichten.