Sonntag, 1. September 2013

Pele Caster und Ben Schadow, Stuttgart, 30.08.2013


Konzert: Pele Caster und Ben Schadow
Ort: ein Garten in Stuttgart
Datum:30.08.2013
Dauer: etwa 80 Minuten Musik
Zuschauer: um die 40





Wenn es in der Musikbranche so etwas wie Gerechtigkeit geben würde, wären Ben Schadow und Stefan "Pele Caster" Götzer als Solokünstler mindestens so erfolgreich wie die Kölner Band, in der Götzer Bass spielt, Klee. Von Gerechtigkeit zu spüren ist im harten Business kaum etwas, sodass die beiden begnadeten Musiker auf Solopfaden das Dasein des echten Geheimtipps fristen. 
Jeder, der ein Konzert der Ben Schadow Band oder Pele Casters live erlebt hat, weiß um das hohe Niveau, die Güte der Songs und die charismatische, anekdotenreiche Performance. Legendär sind mittlerweile auch die Wohnzimmertouren der Beiden, die sie nun zum dritten Mal zu den Eltern meiner Freundin führten: Es ist der 50. Geburtstag von Katjas Mutter und der Hamburger Schadow und der in Dortmund lebende Pele Caster beschenken Gäste wie Gastgeberin mit einem wunderbaren Set zwischen Melancholie und bierseliger Beat-Party-Momente reichlich. 
Den letzten Song vor den Zugaben muss Schadow, der als Mitglied von Bernd Begemanns fulminanter Band Die Befreiung Legendenstatus im Hamburger Untergrund genießt, mit rührender Begründung abbrechen. „Wie leicht es wäre, einfach zu bleiben“, sei dem Fußballchorrefrain zum trotz ein viel zu trauriges Lied für eine fröhliche Geburtstagsfeier. „Ich kann kein Lied spielen, in dem es darum geht, dass ich ganz woanders sein möchte“, meint Schadow entschuldigend und fügt rasch hinzu, dass er die Stimmung nicht trüben möchte.


Hochklassig ging es stets zu, die düstere Melancholie, die das grandiose Debütalbum Schadows, „Liebe zur Zeit der Automaten“, konsequent durchzieht, wird immer wieder abgelöst durch den verschmitzten Beat-Humor aus Zeiten seiner alten Band Les Garcons, jener Retroformation, die in den späten 90ern und frühen 00er Jahren gemeinsam mit Superpunk die unangefochtene Speerspitze des norddeutschen Mod-Revivals bildete. 
Pele Caster mit elektrischer Fender-Gitarre, Koteletten und rosa Hemd spielt die Lieder seines Solodebütalbums „Wasimmer“ mit leichter Eleganz, wechselt sie mit neuen Stücken ab und würfelt immer wieder eine Perle seiner ehemaligen Band Astra Kid, die sich mit deutschsprachigen College-Rock und starken Alben auf einem Major-Label wiederfanden, dazwischen. 
Schon der Beginn mit dem eher traurigen „Du brauchst“ gelingt dem gebürtigen Dattelner glänzend. Ben Schadows Akustikgitarrenspiel, sein gesanglicher Einsatz als Zweitstimme verzaubern. Die B-Seite der Single „Wir haben uns“ ist ein fantastischer Einstieg in ein angenehmes Freilichtkonzert in spätsommerlicher Wärme. „Du lebst und lebst nicht mehr in alten Melodien / verlorene Zeilen, die flüchtig vorbeiziehen“, singt Pele, Applaus folgt. 
Das Geburtstagskind wünscht sich „Herz aus Holz“. Ben Schadow zeigt sich bei seinem vielleicht schönstem Stück als gereifter Sänger, dem man deutlich ansieht, dass ihm das Singen Spaß macht, dass er Frieden mit seiner angenehmen Stimme geschlossen hat. Meist wechseln Schadow und Pele Caster sich ab. Gemeinsam harmonieren sie blind, geben einander den nötigen Raum und verzücken mit perfektioniertem Zusammenspiel. Ohne Zweifel gehören die Beiden zu den großen kreativen Textern in diesem Land. Ben Schadow gelingt es mit Beatles- wie Beach Boy-Zitaten, außergewöhnlichen Melodien, Anlehnungen an die Literatur und einer fast kindlich zu nennenden, überschwellenden Fantastie verträumte Geschichten voller Melancholie, Einsamkeit und liebenswürdigen Sprachreichtum zu malen. Vor überbordenden Ideen strotzen auch die Songs des 33-jährigen Pele Casters, dessen „Keine Ahnung“ schon früh großen Applaus hervorruft, bevor Ben Schadows „Gnade trägt man in Särgen“, in seiner direkten, ironiefreien Haltung berührt und mit den vielleicht schönsten Beatles-Referenzen im deutschsprachigen Raum aufwarten kann. 


„14 Anrufe in Abwesenheit“ wird auf Peles kommenden, zweiten Soloalbum enthalten sein. Nie drischt hier einer leere Phrasen, das Bild der in breiten Öffentlichkeit bedauerlicherweise viel zu oft als Sidemen wahrgenommenen Künstler gerät ins Wanken. Jeder, der sie live erlebt, wird Augenzeuge hoher Fertigkeiten in jeglicher Beziehung. „Zu viel Selbstmitleid“, beklagt Caster. „Es ist so einfach, ist es, so einfach ist es nicht, so einfach mehr als nichts zu sein“, die Zweistimmigkeit entfaltet ihre ganze Wirkung, bevor sich der Dortmunder in den lauten Refrain steigert. Nach den beiden „No-Hit-Singles“, wie „Der Laden“ und „Ich fall immer auf die selben Dinge“ rein, traditionell bei Konzerten vorgestellt werden, gipfelt der Abend mit dem letzten Song vor der Pause in einem seiner Höhepunkte: Gemeinsam mit Katja, meiner Freundin und der Tochter der Gastgeberin, spielen Schadow und Caster als Geburtstagsüberraschung die wunderbar-verschrobene Dear Reader – Ballade „Great White Bear“. Schadow steht auf, lässt Katja den nötigen Freiraum in der Bühnenmitte. Während Pele auf der E-Gitarre die Melodie liefert, glänzt Schadow mit dem akustischen Gibson-Instrument im Hintergrund. Katja, die aller Voraussicht nach auch auf Peles kommenden Album zu hören sein wird, singt mit sanfter Stimme, Strahlen im Gesicht die vermutlich beste Cover-Version, die ich bisher von einem Dear Reader – Song gehört habe, und das sage ich mit der mir größtmöglichen Objektivität. 


Nachdem man im November schon einen Nada Surf – Song gemeinsam wundervoll interpretierte und kurz darauf auch aufnahm, gelingt es den Dreien auch heute angenehm zu berühren. Tosender Applaus honoriert die beeindruckende Performance, Umarmungen und Freude folgen, bevor nach der Pause das „Partyset“ beginnt, wie Schadow es nennt. Die Garcons-Songs „Gerade verliebt“ (in der Studioversion gesungen von Bernd Begemann) und „Buena Sera Signor, Buena Sera“, mit dem populären „Italien, mein heimliches Heimatland“-Refrain“ sind traditionell Stimmungsgaranten. 
Der bärtige Sänger erinnert mit sonorer Stimme an seine Modvergangenheit, während Pele mit dem berührenden Liebeslied „Wir haben uns“, seinem genialen Rocker „Gin Tonic“ und dem Astra Kid-Stück „An der Sonne vorbei“ - inklusive authentischer Casper-Imitation - seinen Anteil an der zunehmend, feierlichen Stimmung hat. 
Ben Schadow tut es leid, nur noch traurig anmutende Lieder in petto zu haben, „Zusammen zuletzt“ wird gut aufgenommen, dann folgt der erwähnte Abbruch des nächsten Stücks. 


Die lautstark geforderten Zugaben runden den Abend ab. Die ehemaligen Jura- (Pele) und Theologie-Studenten (Ben) kredenzen „Erde, Mond“ und den mitreißenden Garcons-Song „In einer Welt voller Sonnenschein und Bier“ als Abschluss. Kein Song hätte hier besser gepasst. 
Einige Stunden später wird am Lagerfeuer der erste offizielle Ben Schadow Fanclub beschlossen. Schadow lächelt, er hat es verdient.



Setlist Pele Caster und Ben Schadow, Stuttgart:

01: Du brauchst (Pele)
02: Herz aus Holz (Ben)
03: Keine Ahnung (Pele)
04: Gnade trägt man in Särgen (Ben)
05: 14 Anrufe in Abwesenheit (Pele)
06: Ich fall immer auf die selben Dinge rein (Ben)
07: Der Laden (Pele)
08: Great White Bear (mit Katja) (Dear Reader - Cover)
PAUSE
09: Gerade verliebt (Ben) (Les Garcons - Song)
10: Wir haben uns (Pele)
11: Buena Sera Signor, Buena Sera (Ben) (Les Garcons - Song)
12: An der Sonne vorbei (Pele) (Astra Kid - Song)
13: Gin Tonic (Pele)
14: Zusammen zuletzt (Ben)
15: Wie leicht es wäre einfach zu bleiben (Ben) [abgebrochen]

16: Erde, Mond (Pele) (Z)
17: In einer Welt voller Sonnenschein und Bier (Ben) (Les Garcons - Song) (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Ben Schadow Band, Stuttgart, 14.04.2013
- Ben Schadow Band, Mannheim, 25.04.2013
- Pele Caster und Ben Schadow, Karlsruhe, 28.08.2013



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