Dienstag, 17. September 2013

CocoRosie, Stuttgart, 13.09.2013


Konzert: CocoRosie
Vorband: Anna Gemina
Ort: Wagenhallen, Stuttgart
Datum: 13.09.2013
Dauer:106 Minuten (CocoRosie), 47 Minuten (Anna Gemina)
Zuschauer: einige hundert (fast ausverkauft)


   
Ein großes visuelles Erlebnis ist die postmoderne Tanztheater-Pop-Show der Casady-Schwestern von CocoRosie. Das und eine musikalische Herausforderung: 
Mit dem virtuosen Beatboxer Tez und einem Keyboarder, der zusätzlich alle Arten von Samples einwirft und hin und wieder zur Trompete greift, stehen Sierra und Bianca Casady – die die Band in Paris gründeten, mittlerweile aber in New York zuhause sind – auf der Bühne, nachdem einen zuvor eine gefühlte Ewigkeit sphärische Dunstklänge mit monotoner Penetranz einschläferten. 
Das ungewöhnlich umfangreiche Vorprogramm bestritt im Vorfeld das lokale Duo Anna Gemina um die Sängerin Anna Illenberger und Tokyotower am MacBook, der in jüngster Zeit mit Hüttenzound Furore in der Stuttgarter Musikszene macht, mit einer Art 90s Trip-Hop, der beim Publikum ankommt, ohne dass dieses in Ekstase ausbricht. Mit dem Intro des Hauptacts ändert sich die Stimmungslage schlagartig, CocoRosie eröffnen mit „Child Bride“ und die – im besten Sinne – queeren ersten Reihen toben. 


Sierra sitzt an der Harfe, singt hohe Töne, während ihre Schwester einen Hauch des Timbres der südafrikanischen Avantgarde-Trash-Diva ¥o-Landi Vi$$er von Die Antwoord versprüht. 
Politisch ist die Show der Feministinnen jederzeit. Die Soundeffekte sind zu Beginn geradezu überwältigend, werden nur von den Video-Projektionen an der weißen Wand hinter der Bühne übertroffen. Versteckt in Mikrophonständern oder einem Spiegel heben Kameras mit einem zusätzlichen visuellen Aspekt das Gesamterlebnis auf eine höhere Stufe. 
Zumindest denkt man das am Anfang. An einer quer über die Bühne gespannten Wäscheleine hängen diverse Kostüme. Es gehört zum Konzept der kreativen Schwestern, immer wieder in andere Rollen zu schlüpfen, das Make-Up zu variieren, sich auf der Bühne umzuziehen (von Clown'esker Maskerade bis zu orientalisch angehauchter Kristallästhetik) und die eigenen Texte zu betonen oder manchmal auch zu konterkarieren. 


 Indische Folklore trifft auf Jazz, Electropop auf Hip-Hop: CocoRosie lassen sich nicht kategorisieren. Ähnlich wie Björk stilisieren sich die Schwestern als Künstlerinnen, denen das enge Korsett der Popmusik egal ist. Die Fans lieben das Unbestimmte und strömen auf Konzerte weltweit. Kollaborationen mit Antony Hegarty und Devendra Banhart passen da glänzend ins Bild. 
Songs mit bizarren Namen und Texten rauschen an einem solchen Abend  an einem vorbei, zwischendurch sorgt Beatboxer Tez, der sich über den ganzen Abend als Genie seiner Zunft beweist, mit einer Solo-Perfomance für das Highlight des Abends. 

Barfuß tänzelt Bianca über die Bühne, gibt mal die keifende Hyäne um an andere Stelle engelsgleich über den Dingen zu schweben, während ihre Schwester wie ein ruhigerer Gegenpol wirkt. 
 Ebenso wie die starke Bühnenpräsenz und charismatische Performance gehört der Glaube an gerade eingeschlagene Wege zum Konzertkonzept dieser Tour. Nostalgiker müssen sich gedulden, bis es Altbewährtes zu hören gibt. Fast die gesamt erste Hälfte des Abends in den fast ausverkauften Wagenhallen steht im Zeichen des aktuellen, bei City Slang erschienen, Albums „Tales of A GrassWidow“
 Die Lyrik ist stets um Kritik bemüht, strotzt nur so vor skurrilen Geschichten, doch fordert mich das Ganze nach einer Zeit zu sehr. Ich spüre wie meine Aufmerksamkeit stetig sinkt, wie mich Müdigkeit übermannt, die letztlich dafür sorgt, dass ich auf den Auftritt der Nerven in den Waggons wenige hundert Meter von der Halle entfernt verzichte. 
Nach eineinhalb aufwühlenden Stunden ist meine Konzentration dahin, die letzte Viertelstunde verbringe ich in einem sphärischen Trancezustand, bis mich die pulsierende Energie des bekannten Hits „Werewolf“ aus der Lethargie reißt. 


Die ersten Reihen toben, schenken dem Gesamtkunstwerk CocoRosie nach den Zugaben tosenden Applaus. Man muss die Klasse des Projekts ehrlich anerkennen, die Fähigkeit brisante Themen in ungewöhnliche Popmusik zu transferieren bewundern, auch wenn der Abend einem letztlich lehrt, dass es auf knapp zwei Stunden gerechnet nicht vollends munden muss. 
Am Merchestand gibt es die Erstauflage einer feministischen Zeitung der Schwestern zu kaufen – und Tarot-Karten. Ein Hoch auf die Kreativität, ein Toast auf die kulturellen Schmelztiegel New York und Paris. 




Links:
- aus unserem Archiv:
- CocoRosie, Paris, 10.04.2007
- CocoRosie, Paris, 27.09.2007
- CocoRosie, Wien, 27.07.2010
- CocoRosie, Paris, 12.07.2012
- CocoRosie, Berlin, 24.05.2013



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