Donnerstag, 5. September 2013

My Bloody Valentine, Eindhoven, 04.09.13


Konzert: My Bloody Valentine
Ort: Effenaar, Eindhoven
Datum: 04.09.2013
Dauer: 90 min
Zuschauer: 700 bis 800



Mir wurde neulich hier vollkommen zurecht vorgeworfen, vor allem über die unangenehme Fahrt zum Konzert, die allgemeine Terminkonkurrenz, die Anzahl der besuchten Konzerte im Zeitraum xy zu schreiben. In meiner wöchentlichen Selbstkritikrunde habe ich mir das zu Herzen genommen und mir vorgenommen, künftig nur noch hintergründige und kluge Beiträge zu verfassen. Dies ist der erste.

My Bloody Valentine hatten 1988 und 1991 ihre beiden ersten Sudioalben veröffentlicht und die damit gewonnenen Fans sehnsüchtig auf Platte drei warten lassen. Die - die Geschichte ist oft erzählt worden - wurde dann so etwas wie das Troja der Indiemusik. Man hatte davon in Sagen gelesen, so recht an die Existenz glaubten aber nur ein paar echte Spinner. Anfang des Jahres ging dann alles ganz schnell. My Bloody Valentine kündigten von einem Tag auf dem anderen an, daß das Album mbv zum sofortigen Download über ihre Website zu Verfügung stehe. Zwanzig Jahre sind ein Tag.


Mit einer kleinen Reisegruppe hatten wir im März im Barrowlands Ballroom in Glasgow eines der ersten Konzerte mit der neuen Platte gesehen - und mein erstes My Bloody Valentine Konzert überhaupt. Der Auftritt war durchaus beeindruckend. Als vorletztes Lied spielte die Band You made me realise, den berüchtigten Tinnitus-Bringer, der ein ganzheitliches Körpererlebnis war. Vor allem der Trommelfeuer-Mittelteil, der sich anhörte wie hühnereigroßer Hagel auf einem Blechdach, war heftiger als alles andere, was ich bisher auf Bühnen erlebt hatte.


Der einzige Makel des Glasgow-Konzerts war die aus unserer Sicht wenig kluge Spannungskurve. Nach You made me realise folgte nämlich noch Wonder 2, das den Effekt des schönen Krachs vorher wieder ein wenig wettmachte.


Das Konzert in Eindhoven sollte im Mai stattfinden. Es wurde dann auf Ende Oktober und schließlich auf den 04.09. und damit auf den Abend vor dem Köln-Gig, für den ich natürlich auch eine Karte hatte, verlegt. Wäre es von Anfang an so angekündigt gewesen, hätten wir uns die Fahrt wohl erpart. obwohl das Effenaar einer der schönsten gut erreichbaren Orte ist, um Konzerte zu sehen (und eine Ecke kleiner als die Live Music Hall). Pünktlich nach der ersten Vorgruppe kamen wir in den großen Saal im Obergeschoß, der von lauten sphärischen Klängen vom Band beschallt wurde. In den Nebel und das blaue Licht kam ein paar Augenblicke später ein einzelner Gitarrist, den wir als den Support des letzten Mono-Konzerts im Gebäude 9 in Köln wiedererkannten. Der Belgier Dirk Serries macht unter dem Namen microphonics Instrumental-Gitarrenmusik, die man vielleicht als Postrock-Ambient bezeichnen könnte (wenn einem der Begriff nicht zu doof ist). Oder als Indie-Fahrstuhl-Musik, aber das ist nicht nett. Schlecht war das eine Stück wieder nicht, es war aber auch wenig aufregend und hätte, die Rückfahrt vor Augen, nicht sein müssen. Aber es brachte die Erkenntnis, daß wir zu viele Konzerte sehen. Wenn man die quasi-regionale Vorgruppe in den Niederlanden erst kennt... oh je!


Um kurz nach neun schlufften Kevin Shields, Bilinda Butcher, Debbie Googe, Colm Ó Cíosóig und Tour-Keyboarderin Jen Marco auf die Bühne. Das Effenaar ist ein würfelförmig wirkender Raum. Die Grundfläche erscheint fast quadratisch, dazu ist der Saal enorm hoch. Natürlich sind Läden wie das Gebäude 9 mit seinem Lagerhallen-Charme die schönste Art, Indie-Musik zu erleben, diese reinen Konzerthäuser, die es in den Benelux-Ländern so oft gibt, begeistern mich aber auch immer wieder. Es gab zwar ein Gitter aber keinen Fotograben, man stand also nah dran an der Band. Da der Laden bei weitem nicht ausverkauft war (er war vielleicht zu 3/4 gefüllt), war auch weit vorne viel Platz, sodaß wir den Boxentürmen ausweichen konnten und trotzdem nah dran sein konnten.

Die Setlist der aktuellen Touretappe ist bekannt und bei allen Clubkonzerten gleich. Mit tief sitzendem Ohrenschutz wäre und war es auch nicht einfach, alle Lieder sofort zielsicher zu erkennen, es war also hilfreich, zu wissen, was kommen sollte. Ich hatte gleich das Gefühl, daß das Konzert merklich leiser bzw. weniger laut (leise ist das falsche Wort in diesem Zusammenhang) war als das in Glasgow. Am Ende waren die Regler deutlich weniger weit aufgedreht als im Barrowlands. In Glasgow gab es beim Einlass und an der Bar Spender mit kostenlosen Ohrstöpseln, hier hatte ich dies nicht gesehen. Aber in unserer Umgebung trug jeder Dämmung im Ohr (beim End Of The Road Festival am Wochenende hatte ich einen kurzen Smalltalk mit einem Ordner nach dem Jens Lekman Konzert und riet ihm, sich vor Dinosaur Jr. Ohrenstöpsel zu besorgen. Er antwortete, er möge laute Musik. Außerdem sei er im Irak gewesen und hätte da einen Bombenexplosion erlebt).

Am Anfang fiel mir das noch nicht unbedingt auf, ab dem zweiten Drittel des Konzerts wurde es aber deutlich, daß im Vergleich zu März eine Ecke Pepp fehlte. Die Show war weitaus routinierter, so als spiele die Band seit einem halben Jahr jeden Abend das gleiche Programm (was sie macht). Daß nicht viel Entertainment neben der Musik stattfände, wussten wir. So etwas fehlte mir auch nicht. Die bunten, meist perfekt passenden Hintergrundanimationen reichen vollkommen. Ansonsten besteht das Bühnenbild aus Verstärkern. Frontmann Kevin Shields kündigt auch nicht jedes Lied an, er redet kaum, anders wäre das merkwürdig. In Eindhoven entschuldigte er sich für einen verpatzten Einsatz (vermutlich. Das Genuschel war für mich nicht richtig zu verstehen) und verabschiedete sich vor You made me realise mit "ok, it's the last song. Thank you and goodbye." Mehr nicht. Auch passiert sonst nicht viel auf der Bühne. Die beiden Sänger Bilinda und Kevin bewegen sich wenig, Debbie und Colm in der Mitte dafür dauernd, ebenso wie Keyboarderin Jen, die allerdings nur, um von der Bühne zu gehen oder zurück zu kommen. Jen spielte übrigens bei den meisten Liedern, bei denen sie Einsätze hatte, eine weitere Gitarre. So weit alles wie gehabt. Aber trotzdem wurde das Gefühl immer größer, daß Shields und Kollegen nicht in Form - oder schlicht überspielt waren. 

An konkreten Ereignissen kann ich das nicht festmachen, auch nicht an einzelnen Liedern ("das wurde jetzt lustlos runtergesungen" oder "der Gesang war schief" kann man bei 110+ dB Stücken auch wenig glaubwürdig behaupten). Aber das vage Gefühl sagt, daß dieses Konzert eine Ecke schlechter als das vor sechs Monaten war. Recht gut, ja. Aber nicht mehr.

Wonder 2 wird jetzt nicht mehr als letztes Stück gespielt. Das Lied unterscheidet sich vom Rest dadurch, daß Schlagzeuger Colm eine zusätzliche Gitarre spielt. Dafür stand Jen wieder am Keyboard. Ich meine, in Glasgow hätten alle fünf Musiker mit Gitarren (bzw. Bass) in einer Reihe geschrammelt. 

You made me realise und insbesondere der vierminütige Hagel-Part in der Mitte wirkten besonders runtergespielt. In Glasgow tat das Dauerfeuer körperlich weh. Die Regler waren noch einmal massiv hochgedreht worden, und das Gitarrengeprassel war im ganzen Körper zu spüren. Die Effenaar-Version war laut, aber nicht besonders laut (im Vergleich zum Rest). Es mag irre sein, dies zu bemängeln, aber es fehlte der Spaß. Ob das an niederländischen Lärmschutzvorschriften liegt, weiß ich nicht. Das kann ich vielleicht nach Köln besser beurteilen. Jedenfalls brachte der Abend in Eindhoven die Erkenntnis, daß sich der Konzertausflug auf alle Fälle gelohnt hatte. Der im März nach Glasgow.

Setlist My Bloody Valentine, Effenaar, Eindhoven:

01: I only said
02: When you sleep
03: New you
04: You never should
05: Honey power
06: Cigarette in your bed
07: Only tomorrow
08: Come in alone
09: Only shallow
10: Thorn
11: Nothing much to lose
12: Who sees you
13: To here knows when
14: Wonder 2
15: Soon
16: Feed me with your kiss
17: You made me realise

Links:

- aus unserem Archiv:
- My Bloody Valentine, Glasgow, 09.03.13
- My Bloody Valentine, Paris, 09.07.08
- My Bloody Valentine, London, 22.06.08


* das hier soll ein fundierter Bericht werden: um 21.07 Uhr also



0 Kommentare :

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates