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Montag, 17. März 2014

Bernd Begemann & Ben Schadow, Gießen, 14.03.2014

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Konzert: Bernd Begemann (mit Special Guests Tess Wiley & Ben Schadow)
Vorband: Ben Schadow mit Pele Caster (und Special Guests Bernd Begemann & Tess Wiley)
Ort: MuK, Gießen
Datum: 14.03.2014
Dauer: Bernd Begemann 114 Minuten (exklusive Pause); Ben Schadow 66 Minuten
Zuschauer: etwa 30



Das war wohl das, was man einen denkwürdigen... Ich greife zu tief, das war wohl das, was man guten Gewissens als legendären Abend bezeichnen kann: Bernd Begemann, Godfather of Hamburger Schule, „König des urbanen Pop“ (taz) und „Guru“ der Höchsten Eisenbahn spielt ein auch für seine Verhältnisse außergewöhnliches Konzert in Gießen mit Tess Wiley als Gaststar und Ben Schadow im Vorprogramm und gerade einmal 30 Leute werden Zeuge. 
 Beim Eintritt in die Bunkeranlage auf der Gießener Automeile, in der sich das MuK verbirgt, schließt sich für mich gewissermaßen ein Kreis. Im Dezember 2009 sah ich Begemann das erste Mal im Jokus, einem Kulturzentrum inmitten der gesichtslosen Studentenstadt. Für einen 18-jährigen Schüler war das Konzert ein berauschendes Erweckungserlebnis, sorgte für die für mich damals überaus überraschende Erkenntnis, dass deutsche Texte auch abseits des Punkrocks ihre Berechtigung in der Popmusik haben, war damit entscheidender Indikator meiner bis heute wachsenden Liebe für guten deutschen Indie-Pop. Zahlreiche besuchte Konzerte des Meisters waren das logische Resultat, nach und nach erschloss ich mir die Hamburger Schule von Begemann ausgehend über die Bad Salzufler Fast Weltweit Szene von hinten von Blumfeld, Tocotronic und Superpunk bis hin zur Erbengeneration um Kettcar. Zu Besuch bei meinen Eltern in der oberhessischen Heimat liegt ein Abstecher in die für meinen Musikgeschmack prägende Stadt nahe. Es ist eine Reise zurück in meine musikalische Adoleszenz, hier im MuK sah ich in meinem Abiturjahr ein Akustik-Konzert Frank Turners, dem britischen Folk-Punk-Springsteen, der nicht nur dessen „Thunder Road“ zu seiner ultimativen Coverversion führte, sondern auch in der Partnerstadt seiner Heimatstadt Winchester spielte, ohne deren Namen je zuvor gehört zu haben. 


Betrachtet man Begemanns Schaffen der letzten Jahre, so ist kaum ein Name enger damit verknüpft als Ben Schadow. Als Bassist der 2003 ins Leben gerufenen Gruppe Die Befreiung, die Begemann seitdem auf seinen Alben und (leider viel zu selten) live begleitet, kommt dem 37-Jährigen die Rolle des ruhigen Gegenpols zum brodelnd extravertierten Frontmann zu. Schadow ist der Publikumsliebling hinter Begemann, produzierte die letzten beiden Alben der Band und ist seit einigen Jahren auch als Solokünstler aktiv. Dass das MuK ausgerechnet Schadow als Support-Act für den „größten Entertainer Deutschlands“ (Musikexpress) wählte, ist ein ausgesprochener Glücksfall für Fans. Gemeinsam mit Klee-Bassist Stefan „Pele Caster“ Götzer beschließt Schadow seine zurückliegende Band-Tour mit einem Duo-Konzert. 


Mit angenehmer Anekdotenplauderei, wohldosierten feingeistigen Liedern und einigen Klassikern seiner einstigen Mod-Band Les Garcons sorgen die Beiden für ein äußerst kurzweiliges Support-Set. Über eine Stunde darf man spielen. Die Zuschauer sind aufmerksam, der Applaus ist stets anerkennend, hin und wieder sogar frenetisch. Schon die Eröffnung mit „Zusammen zuletzt“ gelingt und spätestens als Schadow von seinem letzten Erlebnis im MuK vor sieben Jahren berichtet, ist das sprichwörtliche Eis gebrochen. Damals stellte er Zuschauern nach einem Konzert mit Bernd Begemann & Die Befreiung die Frage, wie es ihnen gefallen habe. Als keine klare Antwort kam, verfeinerte er: „Ihr könntet zumindest sagen, ob es besser als Pur war.“ Das Zitieren der ernüchternden Antwort „Du fragst mich ja auch nicht, ob ich lieber Kotze oder Scheiße essen würde“ sorgt für den ein oder anderen Lacher. Aus dem Hintergrund hört man Begemann rufen: „Das waren Freunde vom Keyboarder“. Die Lacher nehmen zu. 

Weiter geht es mit starken Stücken von Schadows Debüt „Liebe zur Zeit der Automaten“, dem neuen, in der griechischen Mythologie wildernden Song „Fräulein M“ und „Sie sagt, sie geht“, einer rumpelnden Beatrock-Nummer aus der Garcons-Ära. Begemann kommt zu „Wie leicht es wäre, einfach zu bleiben“ auf die Bühne, liefert spontan den Beat. Später im Set betritt Tess Wiley, in Gießen lebendes Ex-Mitglied von Sixpence Non The Richer und charismatische Folkrock-Sängerin, als Gaststar die Bühne, singt „Gerade verliebt“, den norddeutschen Garcons-Hit, der in der Studioversion ausgerechnet von Begemann eingesungen wurde, und „Morgen sagen wir“ von Pele Caster mit diesem im Duett. Die stilvolle, stimmgewaltige Amerikanerin führt das Set auf eine höhere Ebene. Im lockeren Zusammenspiel ergeben sich völlig neue Möglichkeiten, die den besten Auftritt Schadows, den ich in diesem Jahr sah, angemessen enden lassen. 


 „Ich habe meinen Frieden gemacht mit den Dinkelkeks-Müttern vom Spielplatz“, Begemann benötigt wenige Minuten, um all das unter Beweis zu stellen, was ihn als Songwriter und Perfomer vor nahezu allen nationalen Kollegen auszeichnet. Die stets genaue Analyse eines Zeitalters neuen Biedermeiers ist die pointierte Abrechnung mit Hipster- und Yuppiekultur und einer poetischen Beobachtungsgabe geschuldet, die soziologische Phänomene besser einzufangen vermag, als es wissenschaftliche Termini je könnten. 

Noch eine Spur gelöster als zwei Tage zuvor in Frankfurt gespielt, ist die erste Hälfte des Sets atemberaubend. Begemann reizt seine Entertainer-Begabung aus, spielt starke Songs und kommt bei seinen Ansagen vom hundertsten ins tausendste, um mit Fontane zu sprechen. Das ist kluge Premiumunterhaltung, assoziativ und spontan. So kommt er vom Namen des Clubs, zum Märchen „Der kleine Muck“, schweift zur DEFA-Verfilmung ab, nur um dann „Kein Glück im Osten“, einen seiner besten wie auch beliebtesten und scharfzüngigsten Livesongs inklusive Bryan-Adams-Parodie, zu spielen. Prompt wird die resignierte Einsicht „Ich hab' kein Glück im Osten“ vom Publikum gesungen und Begemann kann sich in seine Unterhalterrolle fallen lassen. Dazwischen sprießen traurige Liebes- wie Trennungslieder der Güte von „Ich habe nichts erreicht außer dir“ und „Viel zu glücklich (Um es lange zu bleiben“ als blühende Exempel seines Songwritings. Niemand leidet so unprätentiös wie Bernd Begemann, der tatsächlich keinen Grund hat auf den „Gothic-Heino“ von Unheilig neidisch zu sein. 


„Meine Jahre mit Elizabeth Taylor“, jener extraordinäre Song seiner alten Band Die Antwort, der mit seiner eingängigen Melodie und faszinierenden Handlung ein Hit hätte werden müssen, ist eine überraschend gespielte, publikumsgewünschte Rarität, die dann in den zwanzig Jahre später eingetretenen tatsächlich ersten Charts-Erfolg Begemanns übergeht: „Verhaftet wegen sexy“, die Kollaboration mit seinem erfolgreichen Freund und Epigonen Olli Schulz, ist mit seiner „La Bamba“-Melodie ein echter Ohrwurm, war dieses Jahr ein Karnevalsschunkler und wird ziemlich sicher ein Erfolg am Ballermann werden. Auch wenn die Nummer qualitativ gegenüber den meisten anderen Begemann-Songs deutlich abfällt, gönnt man ihm den redlich verdienten Erfolg und freut sich, nicht mehr der jüngste Besucher seiner Konzerte zu sein. Dass selbst eine derart mediokre Nummer dann noch mit Zeilen wie „Es ist wie jede Nacht, zwei Apfelschorle und ich bin nackt“ daherkommt, spricht jedenfalls für sich. 


Für die Tammy-„Stand by your man“-Wynette-Countryballade „Till I Get It Right“ gibt es ein Wiedersehen mit seiner einstigen Label-Kollegin Tess Wiley und das kleinen Rhythmusproblemen zum trotz beste Duett, das ich seit längerem gehört habe, dazu. Mit starker Präsenz und einnehmender Stimme ist Tess Wileys Gastauftritt das „i-Tüpfelchen“ eines tollen Konzerts, wie mein Vater anerkennend betont. Nach Obligatorischem wie „Fernsehen mit Deiner Schwester“ oder „Nichts erreicht außer Dir“ folgen neue Lieder wie „Lila Twingo“ (mit Buddy-Holly-Zitat) und am Ende des regulären Sets die rührselige Familien-Ode „Wir Drei“


Mit dem ehrerweisenden Zusatz „meinen allerliebsten Lieblingsmusiker“ bittet Begemann seinen Band-Bassisten Schadow für die Zugaben auf die Bühne. Erstmals als Duo auf der Bühne stehend und zum zweiten Mal bei einem Begemann-Konzert überhaupt an der Gitarre schmückt der bärtige Schadow die Lieder seines Frontmanns mit angenehm nonchalantem Spiel aus. Das ungewöhnliche Liebeslied „Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover“ zwischen vertontem Roadmovie und wehmütiger Schwärmerei für eine Tramperin angelegt, animiert noch einmal zum Mitsingen. „Reinigt eure Seele mit einem lauten 'nach Hannover'“, ruft Begemann, „das ist eine ganz eigene Katharsis. Das schönste an Gießen ist der Friedhof, hat mir mal jemand erzählt, der drei Jahre lang hier gewohnt hat. Aber seid froh, denn egal, wie trist eure Stadt ist, ihr wohnt nicht in Hannover.“ Wieder wird Begemann kollektiv gefolgt, wieder gipfelt die „Bernd-Begemann-Show“ in glücklichen Gesichtern von Menschen, die Felix Weigts (Die Höchste Eisenbahn, Spaceman Spiff, Kid Kopphausen) Credo im aktuellen Musikexpress, jeder müsse in seinem Leben einmal ein Bernd-Begemann-Konzert besucht haben, wohl ausnahmslos unterschreiben würden. 


„Ben, versprich mir, dass du immer bei mir bleiben wirst. Selbst dann, wenn du Nummer 1 wirst“, ruft Begemann Schadow während eines Solos zu und führt einem noch einmal den unkaputtbaren Geist einer der wohl glücklichsten deutschen Musiker-Konstellationen des vergangenen Jahrzehnts vor Augen. „Keine Angst, Bernd, davon bin ich weit entfernt.“ Es folgt „Unsere Band ist am Ende“, der eindrucksvolle Schluss der ersten Befreiungs-Platte. Ein ironischer Abschiedskommentar zum bisher schwächst besuchten und vermutlich auch kürzesten Auftritt seiner aktuellen Tour beendet ein fantastisches Indie-Pop-Konzert. Was übrig bleibt, ist ein flaues Gefühl im Magen, ob der mageren Besucherzahlen, Kopfzerbrechen über den bitteren Zeitgeist und die Gewissheit etwas ganz Besonderes erlebt zu haben. 
Qualitative Popkunst wiegt doch so viel mehr als Anbiederung und Beliebigkeit, ein gutes Konzert schwerer als ein Plastikbecher Bier in der Mehrzweckhalle.




Setlist Ben Schadow & Pele Caster, Gießen:

01: Zusammen zuletzt
02: Herz aus Holz
03: Gnade trägt man in Särgen
04: Sie sagt, sie geht (Les Garcons-Song)
05: Fräulein M (neu)
06: Buena Sera, Signor, Buena Sera (Les Garcons-Song)
07: Ich fall' immer auf die selben Dinge rein
08: Wie leicht es wäre, einfach zu bleiben (Percussion: Bernd Begemann)
09: Was, wenn es mich wach entdeckt
10: Gerade verliebt (Les Garcons-Song) (mit Tess Wiley)
11: Morgen sagen wir (Pele Caster-Song) (mit Tess Wiley)


Setlist Bernd Begemann, Gießen:

01: Ich habe meinen Frieden gemacht (neu)
02: Weil wir weg sind (Bernd Begemann & Die Befreiung)
03: Ihr Geheimnis ist sicher bei mir (Bernd Begemann & Die Befreiung)
04: Kein Glück im Osten (inkl. Summer of '69)
05: "Das Recht, euch alle weiterhin scheiße finden zu dürfen" (neu)
06: Bleib zuhause im Sommer
07: Du bist mein Niveau (Bernd Begemann & Die Befreiung)
08: Es klappt gerade nicht mit dem Fahrrad (neu)
09: Viel zu glücklich (Um es lange zu bleiben)
10: Wir träumen von Liebe (Bernd Begemann & Die Befreiung)
11: Viel zu glücklich (Um es lange zu bleiben)
12: Ich kann dich nicht kriegen, Katrin
13: Meine Jahre mit Elisabeth Taylor (Die Antwort-Song)
14: Verhaftet wegen sexy (Bernd Begemann & Olli Schulz-Song)
15: "Mir fällt es schwer zu glauben, dass du schüchtern bist" (neu)
16: Till I Get It Right (Tammy Wynette-Cover) (mit Tess Wiley)
PAUSE
17: Unsere Liebe blüht im Dunkeln (Begemann-Song; im Film "Schenk mir Dein Herz" gesungen von Mina Tander)
18: Die Slums von Eppendorf
19: Fernsehen mit Deiner Schwester
20: Ich habe nichts erreicht außer Dir
21: Lila Twingo (neu) (inkl. Buddy Holly-Cover: Peggy Sue Got Married)
22: Wir Drei (Bernd Begemann & Die Befreiung)

23: Schluss mit dem Quatsch (Jetzt wird Geld verdient) (mit Ben Schadow) (Z)
24: Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover (mit Ben Schadow) (Z)
25: Unsere Band ist am Ende (Bernd Begemann & Die Befreiung) (mit Ben Schadow) (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Bernd Begemann, Frankfurt, 12.03.2014
- Bernd Begemann & Die Befreiung, Hamburg, 29.12.2014
- Ben Schadow Band, Würzburg, 02.03.2014
- Ben Schadow & Pele Caster, Stuttgart, 30.08.2013
- Ben Schadow & Pele Caster, Karlsruhe, 28.08.2013
- Ben Schadow Band, Mannheim, 25.04.2013
- Ben Schadow Band, Stuttgart, 14.04.2013



Freitag, 14. März 2014

Ben Schadow Band, Würzburg, 02.03.2014

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Konzert: Ben Schadow Band
Ort: Denckler-Kino, Würzburg
Datum: 02.03.2014
Dauer: 83 Minuten
Zuschauer: etwa 20



Bericht von Matthias aus Oberhessen:

  Da ist man nun für ein Konzert der Ben Schadow Band von Oberhessen extra nach Stuttgart (immer eine Reise wert) gefahren, nur um zu erfahren, dass es zu dem angekündigten Termin wegen Terminschwierigkeiten des Clubs gar nicht stattfindet. Was tun? Einfach nach Würzburg fahren, wo Ben kurzfristig an diesem Abend ein Hauskonzert organisieren konnte. Im Rohrschen Wohnzimmer, der Spielstätte für gepflegten Indiepop aus aller Herren Länder in Stuttgart, hatte ich Ben schon zweimal mit seinem Kumpel und Collaborator Pele Caster erlebt, so war mir dieses Konzertformat durchaus vertraut. So machten wir, Starblogger Jens, seine Kommilitonin Isi und ich, uns also am späten Nachmittag auf ins Fasching selige Würzburg. Nach einer fast seminarmäßigen Exkursion durch die Innenstadt, wo ich auf die wesentlichen Sehenswürdigkeiten hinwies (Reisen soll ja auch bilden), machten wir uns auf, die Spielstätte zu finden. Zumindest den Häuserblock, wo sie sich befand, fanden wir schnell, das Denkler Kino dann auch etwas später, ein paar Stockwerke hoch, unter dem Dach, befindet sich der improvisierte Kinosaal, der auch für Konzerte genutzt wird. 

Auf Ben Schadow, in den Neunzigern bei der deutschen Modband Les Garcons, seit 2003 als Bassist mit Bernd Begemann & Die Befreiung unterwegs, ebenfalls an Dirk Darmstaedters Bandprojekt Me and Cassity beteiligt und Ex-Bassist der deutschen Indie-Hoffnung pretty merry K, wurde ich durch die frühen Tourneen der Befreiung aufmerksam. Einen chaotischen Bühnenzauberer wie Bernd Begemann zu begleiten, ist eine echte Herausforderung, die Befreiung löste sie souverän, so dass sie heute eine der besten deutschen Livebands sind. Les Garcons, die zwei wundervolle Alben veröffentlichten, habe ich zu ihrer aktiven Zeit leider verpasst, nun gut, es waren die Neunziger, der Streit Oasis oder Blur war eben wichtiger. Vor zwei Jahren veröffentlichte Ben Schadow dann sein erstes Soloalbum „liebe zur zeit der automaten“, eine Popmeditation irgendwo zwischen den Beatles und ETA Hoffmann, zwischen den Beach Boys und William Blake, und ist seitdem regelmäßig mit der Ben Schadow Band unterwegs, dieses Mal in einer Trio-Besetzung mit Ben an Gitarre und Gesang, Pele Caster am Bass und Markus Baier am Schlagzeug. 

Nach kurzem Soundcheck, Kennenlernen des Publikums und Erforschen der Location (vielen Dank an die WG-Bewohner einen Stock tiefer, deren Toilette man benutzen durfte) ging es los mit dem Konzert der Ben Schadow Band. Die Trio-Besetzung bekommt schon dem ersten Stück „Zusammen zuletzt“, einem der poppigeren Stücke von Bens Debüt-LP, sehr gut, das Zusammenspiel von Ben und Pele, an verschiedenen Instrumenten solo oder mit Band seit Jahren erprobt, hat inzwischen eine schlafwandlerische Sicherheit erreicht, um die sie viele deutsche Popmusiker, ich nenne keine Namen, beneiden sollten. Die immer wieder versuchte Kontaktaufnahme mit dem Publikum funktioniert nicht so gut, viele wollten wohl nur mal schauen, wo der Krach herkommt, führen Dauergespräche während des Konzerts und zeigen Ben, Pele und Markus die im Wortsinne kalte Schulter, da der Dachboden unbeheizt ist. Die Ben Schadow Band läßt sich trotzdem nicht entmutigen, Bens signature tune „Gnade trägt man in Särgen“ beeindruckt mich an diesem Abend besonders. Die Musik zitiert gekonnt „Dig a Pony“ von den Beatles, der Text zelebriert geradezu Liebeskummer „Willkommen in der Welt von einem, der sich nicht traut / der wirklich nie auch nur ein bisschen froh sein will und laut“. Danach ist es Zeit für ein paar fröhliche Modsongs der Garcons, von denen Ben dieses Mal einige im Programm hat, mein Konzerthighlight ist immer wieder der Italien-Song „Buena Sera Signor, Buena Sera“, den Ben an diesem Abend auf den Knien spielt, nicht mal seine Bandkollegen scheinen zu wissen, warum. 

Die Band hat mit „Fräulein M“, einem Ausflug in die griechische Mythologie, der an Neo Noir-Filme erinnert, auch ein neues Lied im Gepäck. Das beste Lied des Abends spielt Ben anschließend solo. „Heller Fleck im schwarzen Meer“, der Höhepunkt von Bens traurigen Liebesliedern, kommt solo im Schneidersitz besonders intensiv. Der Garcons-Kracher „In einer Welt voll Sonnenschein und Bier“ ist dann schon das letzte Stück des Abends, ein großer Teil des Publikums verschwindet gleich nach dem letzten Ton, bevor der Hut, der für die Musiker herumgeht, sie erreicht. Das ist wirklich billig, kann man da nur sagen. 
Nach kurzem Gespräch mit der Band machen wir uns auf den Rückweg nach Stuttgart, der Pizzaservice einen Block weiter macht gerade zu, es gibt nichts mehr. Würzburg war zwar nicht sehr gastlich zu uns, aber für ein Konzert mit Ben Schadow nimmt man das gerne in Kauf. 

Setlist Ben Schadow Band, Würzburg: 

01: Zusammen zuletzt 
02: Herz aus Holz 
03: Touch 
04: Gnade trägt man in Särgen 
05: Gerade verliebt (Les Garcons-Song) 
06: Sie sagt, sie geht (Les Garcons-Song)
07: Dabei auf den billigen Plätzen (Les Garcons-Song) 
08: Fräulein M. (neu)
09: Ich fall immer auf die selben Dinge rein 
10: Wie leicht es wäre einfach zu bleiben 
11: Was, wenn es mich wach entdeckt 
12: Ich hab geträumt, ich sei tot 

13: Buena Sera, Signor, Buena Sera (Z) (Les Garcons-Song)
14: Heller Fleck im schwarzen Meer (Z) 
15. In einer Welt voll Sonnenschein und Bier (Z) (Les Garcons-Song)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Bernd Begemann & Die Befreiung, Hamburg, 29.12.2013
- Ben Schadow & Pele Caster, Stuttgart, 30.08.2013
- Ben Schadow & Pele Caster, Karlsruhe, 28.08.2013
- Ben Schadow Band, Mannheim, 25.04.2013
- Ben Schadow Band, Stuttgart, 14.04.2013


Sonntag, 1. September 2013

Pele Caster und Ben Schadow, Stuttgart, 30.08.2013

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Konzert: Pele Caster und Ben Schadow
Ort: ein Garten in Stuttgart
Datum:30.08.2013
Dauer: etwa 80 Minuten Musik
Zuschauer: um die 40





Wenn es in der Musikbranche so etwas wie Gerechtigkeit geben würde, wären Ben Schadow und Stefan "Pele Caster" Götzer als Solokünstler mindestens so erfolgreich wie die Kölner Band, in der Götzer Bass spielt, Klee. Von Gerechtigkeit zu spüren ist im harten Business kaum etwas, sodass die beiden begnadeten Musiker auf Solopfaden das Dasein des echten Geheimtipps fristen. 
Jeder, der ein Konzert der Ben Schadow Band oder Pele Casters live erlebt hat, weiß um das hohe Niveau, die Güte der Songs und die charismatische, anekdotenreiche Performance. Legendär sind mittlerweile auch die Wohnzimmertouren der Beiden, die sie nun zum dritten Mal zu den Eltern meiner Freundin führten: Es ist der 50. Geburtstag von Katjas Mutter und der Hamburger Schadow und der in Dortmund lebende Pele Caster beschenken Gäste wie Gastgeberin mit einem wunderbaren Set zwischen Melancholie und bierseliger Beat-Party-Momente reichlich. 
Den letzten Song vor den Zugaben muss Schadow, der als Mitglied von Bernd Begemanns fulminanter Band Die Befreiung Legendenstatus im Hamburger Untergrund genießt, mit rührender Begründung abbrechen. „Wie leicht es wäre, einfach zu bleiben“, sei dem Fußballchorrefrain zum trotz ein viel zu trauriges Lied für eine fröhliche Geburtstagsfeier. „Ich kann kein Lied spielen, in dem es darum geht, dass ich ganz woanders sein möchte“, meint Schadow entschuldigend und fügt rasch hinzu, dass er die Stimmung nicht trüben möchte.


Hochklassig ging es stets zu, die düstere Melancholie, die das grandiose Debütalbum Schadows, „Liebe zur Zeit der Automaten“, konsequent durchzieht, wird immer wieder abgelöst durch den verschmitzten Beat-Humor aus Zeiten seiner alten Band Les Garcons, jener Retroformation, die in den späten 90ern und frühen 00er Jahren gemeinsam mit Superpunk die unangefochtene Speerspitze des norddeutschen Mod-Revivals bildete. 
Pele Caster mit elektrischer Fender-Gitarre, Koteletten und rosa Hemd spielt die Lieder seines Solodebütalbums „Wasimmer“ mit leichter Eleganz, wechselt sie mit neuen Stücken ab und würfelt immer wieder eine Perle seiner ehemaligen Band Astra Kid, die sich mit deutschsprachigen College-Rock und starken Alben auf einem Major-Label wiederfanden, dazwischen. 
Schon der Beginn mit dem eher traurigen „Du brauchst“ gelingt dem gebürtigen Dattelner glänzend. Ben Schadows Akustikgitarrenspiel, sein gesanglicher Einsatz als Zweitstimme verzaubern. Die B-Seite der Single „Wir haben uns“ ist ein fantastischer Einstieg in ein angenehmes Freilichtkonzert in spätsommerlicher Wärme. „Du lebst und lebst nicht mehr in alten Melodien / verlorene Zeilen, die flüchtig vorbeiziehen“, singt Pele, Applaus folgt. 
Das Geburtstagskind wünscht sich „Herz aus Holz“. Ben Schadow zeigt sich bei seinem vielleicht schönstem Stück als gereifter Sänger, dem man deutlich ansieht, dass ihm das Singen Spaß macht, dass er Frieden mit seiner angenehmen Stimme geschlossen hat. Meist wechseln Schadow und Pele Caster sich ab. Gemeinsam harmonieren sie blind, geben einander den nötigen Raum und verzücken mit perfektioniertem Zusammenspiel. Ohne Zweifel gehören die Beiden zu den großen kreativen Textern in diesem Land. Ben Schadow gelingt es mit Beatles- wie Beach Boy-Zitaten, außergewöhnlichen Melodien, Anlehnungen an die Literatur und einer fast kindlich zu nennenden, überschwellenden Fantastie verträumte Geschichten voller Melancholie, Einsamkeit und liebenswürdigen Sprachreichtum zu malen. Vor überbordenden Ideen strotzen auch die Songs des 33-jährigen Pele Casters, dessen „Keine Ahnung“ schon früh großen Applaus hervorruft, bevor Ben Schadows „Gnade trägt man in Särgen“, in seiner direkten, ironiefreien Haltung berührt und mit den vielleicht schönsten Beatles-Referenzen im deutschsprachigen Raum aufwarten kann. 


„14 Anrufe in Abwesenheit“ wird auf Peles kommenden, zweiten Soloalbum enthalten sein. Nie drischt hier einer leere Phrasen, das Bild der in breiten Öffentlichkeit bedauerlicherweise viel zu oft als Sidemen wahrgenommenen Künstler gerät ins Wanken. Jeder, der sie live erlebt, wird Augenzeuge hoher Fertigkeiten in jeglicher Beziehung. „Zu viel Selbstmitleid“, beklagt Caster. „Es ist so einfach, ist es, so einfach ist es nicht, so einfach mehr als nichts zu sein“, die Zweistimmigkeit entfaltet ihre ganze Wirkung, bevor sich der Dortmunder in den lauten Refrain steigert. Nach den beiden „No-Hit-Singles“, wie „Der Laden“ und „Ich fall immer auf die selben Dinge“ rein, traditionell bei Konzerten vorgestellt werden, gipfelt der Abend mit dem letzten Song vor der Pause in einem seiner Höhepunkte: Gemeinsam mit Katja, meiner Freundin und der Tochter der Gastgeberin, spielen Schadow und Caster als Geburtstagsüberraschung die wunderbar-verschrobene Dear Reader – Ballade „Great White Bear“. Schadow steht auf, lässt Katja den nötigen Freiraum in der Bühnenmitte. Während Pele auf der E-Gitarre die Melodie liefert, glänzt Schadow mit dem akustischen Gibson-Instrument im Hintergrund. Katja, die aller Voraussicht nach auch auf Peles kommenden Album zu hören sein wird, singt mit sanfter Stimme, Strahlen im Gesicht die vermutlich beste Cover-Version, die ich bisher von einem Dear Reader – Song gehört habe, und das sage ich mit der mir größtmöglichen Objektivität. 


Nachdem man im November schon einen Nada Surf – Song gemeinsam wundervoll interpretierte und kurz darauf auch aufnahm, gelingt es den Dreien auch heute angenehm zu berühren. Tosender Applaus honoriert die beeindruckende Performance, Umarmungen und Freude folgen, bevor nach der Pause das „Partyset“ beginnt, wie Schadow es nennt. Die Garcons-Songs „Gerade verliebt“ (in der Studioversion gesungen von Bernd Begemann) und „Buena Sera Signor, Buena Sera“, mit dem populären „Italien, mein heimliches Heimatland“-Refrain“ sind traditionell Stimmungsgaranten. 
Der bärtige Sänger erinnert mit sonorer Stimme an seine Modvergangenheit, während Pele mit dem berührenden Liebeslied „Wir haben uns“, seinem genialen Rocker „Gin Tonic“ und dem Astra Kid-Stück „An der Sonne vorbei“ - inklusive authentischer Casper-Imitation - seinen Anteil an der zunehmend, feierlichen Stimmung hat. 
Ben Schadow tut es leid, nur noch traurig anmutende Lieder in petto zu haben, „Zusammen zuletzt“ wird gut aufgenommen, dann folgt der erwähnte Abbruch des nächsten Stücks. 


Die lautstark geforderten Zugaben runden den Abend ab. Die ehemaligen Jura- (Pele) und Theologie-Studenten (Ben) kredenzen „Erde, Mond“ und den mitreißenden Garcons-Song „In einer Welt voller Sonnenschein und Bier“ als Abschluss. Kein Song hätte hier besser gepasst. 
Einige Stunden später wird am Lagerfeuer der erste offizielle Ben Schadow Fanclub beschlossen. Schadow lächelt, er hat es verdient.



Setlist Pele Caster und Ben Schadow, Stuttgart:

01: Du brauchst (Pele)
02: Herz aus Holz (Ben)
03: Keine Ahnung (Pele)
04: Gnade trägt man in Särgen (Ben)
05: 14 Anrufe in Abwesenheit (Pele)
06: Ich fall immer auf die selben Dinge rein (Ben)
07: Der Laden (Pele)
08: Great White Bear (mit Katja) (Dear Reader - Cover)
PAUSE
09: Gerade verliebt (Ben) (Les Garcons - Song)
10: Wir haben uns (Pele)
11: Buena Sera Signor, Buena Sera (Ben) (Les Garcons - Song)
12: An der Sonne vorbei (Pele) (Astra Kid - Song)
13: Gin Tonic (Pele)
14: Zusammen zuletzt (Ben)
15: Wie leicht es wäre einfach zu bleiben (Ben) [abgebrochen]

16: Erde, Mond (Pele) (Z)
17: In einer Welt voller Sonnenschein und Bier (Ben) (Les Garcons - Song) (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Ben Schadow Band, Stuttgart, 14.04.2013
- Ben Schadow Band, Mannheim, 25.04.2013
- Pele Caster und Ben Schadow, Karlsruhe, 28.08.2013



Donnerstag, 29. August 2013

Pele Caster und Ben Schadow, Karlsruhe, 28.08.13

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Konzert mit Pele Caster und Ben Schadow
Ort: Karlsruhe
Datum: 28. August 2013
Dauer:110 min
Zuschauer: knapp 30




Was macht ein gelungenes Konzerterlebnis aus? Das ist eine der Fragen, auf die wir - zumindest zwischen den Zeilen - hier in fröhlicher Vielstimmigkeit des Konzerttagebuches Antworten suchen, an uns und den Lesern ausprobieren um anschließend weiterzusuchen. 



Aus den Berichten zu vergangenen Konzerten sieht man sicher sehr gut, dass ich alle meine Wohnzimmerkonzerte sehr genossen habe. Aber es gibt immer noch etwas Raum nach oben zu den wunderbaren und ganz besonders kostbaren Abenden. Und als ich nach dem Konzert mit Ben und Pele ins Bett gefallen bin, wußte ich, dass dies so einer der ganz besonderen Abende gewesen war. So ein warmes Gefühl im Kopf und im Bauch, das nicht mit Worten beschrieben werden muss, sondern das ich einfach genießen konnte und von dem ich sicher war, dass es auch den anderen Konzertbesuchern in die Nacht hinaus gefolgt war.


Wieder einmal kann ich das nicht dadurch erläutern, dass ich in Gedanken hier noch einmal musikalisches nacherzähle. Ohne mein Notizbuch, das ich für "normale" Konzerte immer dabei habe, aber zu Hause im Regal liegen lasse, verschwimmt der Abend für mich zu einem einzigen Moment der zeitlosen Seligkeit. Es gab wieder viele ganz neue Gesichter bei uns. Es gab einige Besucher, die sich angekündigt hatten und von denen ich wußte, dass sie sich schon unglaublich auf diesen Abend freuten.


Es gab zwei Künstler, die sich schon so gut aufeinander und auf die Situation der Wohnzimmer- und Gartenkonzerte eingeübt haben, dass ich es im Vorfeld als sichere Bank angesehen habe, dass das super funktionieren wird. Was ich nicht erwarten konnte war, dass es noch viel erfrischender und lustiger wurde als ich dachte und dass wir als Publikum die ganze Zeit wie ein dritter Künstler im Konzert eingebunden waren. Die Konzerte mit Ben und Pele leben natürlich von den tollen Liedern, die die beiden im Gepäck haben. Das sind gestandene Leute, die aus ordentlich Material genau das picken können, was sich im Test der Zeit als für dieses Format passend erwiesen hat und können daraus noch wählen, was genau auf die abendliche Situation zugeschnitten ist. Zusammen mit einem gesunden Maß an Routine, die auch dem Publikum die Ruhe gibt, dass die schon wissen was sie tun.



Aber was man nur im konkreten Konzert erleben kann ist, wie sie zwischen den Songs Sinn und Unsinn miteinander und den Zuhörern teilen und uns damit einladen, sie auch ein Stück weit kennen zu lernen. Oder leicht staunend den Funken nachträumen, die da auf der Bühne versprüht werden. Ohne dass man je den Gedanken hätte, die halten sich für etwas besonderes. Eher haben sie ganz besonders die Antennen aufgestellt, die die unausgesprochenen und Wünsche des Publikums empfangen und nach Möglichkeit erfüllen bzw. zum Aussprechen der Wünsche einladen. In einer sehr unprätentiösen und freundlichen Weise, der ich ganz schutzlos verfallen bin. 


Außerdem war es wieder einmal eine ganz besondere Freude mit meinen Gästen - so viele freundliche Gesichter, so viel lächeln und lautes lachen, so viele herzliche Umarmungen beim Abschied. So viel schwingen auf der gleichen Wellenlänge. Das füllte mir das Herz.

Berichte Ben Schadow Band
14. 4. 2013 in Stuttgart
25. 4. 2013 in Mannheim


Mittwoch, 17. April 2013

Ben Schadow Band, Stuttgart, 14.04.2013

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Konzert: Ben Schadow Band
Vorbands: The Overdressed Monkeys / Achim Erz
Ort: Café FAUST, Stuttgart
Datum: 14.04.2013
Zuschauer: über 40
Dauer: Ben Schadow Band 60 Min.; The Overdressed Monkeys etwa 30 Min.; Achim Erz 15 Min.




Als um Viertel nach elf die letzten Töne von „Was, wenn es mich wach entdeckt“ verklingen, das Licht angeht und Musik vom Band erschallt, bin ich erleichtert. Der ganze Stress hat sich gelohnt, das erste von mir organisierte Club-Konzert wurde ein Erfolg – für Zuschauer und Bands.

Mit Ben Schadow verbindet mich seit seinem ersten Wohnzimmerkonzert bei uns ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Ein Konzert seiner ausgedehnten Band-Club-Tour im April zu veranstalten, war für mich folgerichtig. Nachdem ich das Studentencafé FAUST, für das ich ehrenamtlich arbeite, als Veranstaltungsort gewinnen konnte, ging die Planung erst richtig los. Als Vorbands konnte ich die aufstrebende Stuttgarter Band The Overdressed Monkeys und Achim Erz, wie Ben Schadow Mitglied in Bernd Begemanns Band Die Befreiung verpflichten. Für Schlagzeuger Erz sollte es der erste Auftritt als Solokünstler werden.

Es ist der Tag nach dem Wohnzimmerkonzert Tonbandgeräts; die Temperaturen erklimmen weitere Höhen und das sonntägliche Stuttgart verströmt ein mediterranes Flair. Die Ben Schadow Band erscheint am frühen Nachmittag, technische Probleme werden schnell beseitigt und der Soundcheck lässt Großes erwarten. Etwas später trifft Achim Erz am Hauptbahnhof ein, der kurz darauf mit seinen beiden Mitmusikern Robert Holstein und Nicolas Nitt nochmals sein Set durchgeht. The Overdressed Monkeys entscheiden sich heute für ein akustisches Set und werden das Konzert eröffnen.
 Der Saal im Keller eines der Gebäude der Stuttgarter Universität füllt sich rasch und gegen halb neun betreten The Overdressed Monkeys in Banduniform (Smokings) die Bühne. Die Band um Songwriter, Bassist, Keyboarder und Sänger Moses Eduardo Luta besticht durch große Energie und eine leidenschaftliche Performance. Lutas Gesang erinnert dabei positiv an Kele Okereke von Bloc Party; überhaupt kreieren Timo Scheib (Schlagzeug), Miguel Perez Beroth (Gitarre) und Lutas Schwester Miriam (Gesang) einen stimmigen Soundteppich zwischen der englischen Indie-Institution Okerekes und den Berliner Punkrock-Größen Beatsteaks. „Lights of Life“, zu dem das erste professionelle Musikvideo – das mich an U2s Clip zu „Beautiful Day“ denken lässt – des Quartetts entstand. 


Die Atmosphäre nimmt die relaxte Stimmung einer Kreuzfahrt mit den Overdressed Monkeys als perfekte Animateuren an. Der Kontrast zum deutsch-sprachigen, textlastigen Indie-Pop Erz' und Schadows fällt nicht störend ins Gewicht, vielmehr sorgt die junge Band für einen gelungenen Einstieg. Nach etwas über einer halben Stunde endet der funkige, gut gelaunte Auftritt einer Band, die mit Songs wie „Stalker“ noch große Pläne hat.



Nach einer kurzgehaltenen Umbaupause betreten Achim Erz und seine beiden Mitstreiter die Bühne des im Keller gelegenene Studentencafés. Es ist das Live-Debüt des begnadeten Schlagzeugers, der schon mit Adam Green jammte und fester Drummer bei Bernd Begemann & Die Befreiung ist. 
  Vier Songs umfasst das Set des Münchners, der vor etwas über zehn Jahren nach Hamburg zog. „Ich dachte, die Tage sind gezählt, sobald man irgendetwas verspricht.“ Bereits „Gewartet“, der erste von vier Songs, die Erz heute Abend vorstellen wird, überzeugt textlich auf ganzer Linie. Der Gesang erinnert dabei an den ganz, ganz frühen Udo Lindenberg, während die lyrische Qualität, die lakonische Eleganz und das sympathische Wechselspiel aus tieftrauriger Ernsthaftigkeit und unterschwelligem Humor, Sven Regeners Arbeit für Element of Crime oder den Songs der Kölner Band Erdmöbel in nichts nachsteht.
„Im Winter hab' ich mir schon überlegt, welche Lieder ich dir aufnehm' für den Herbst.“ Der Natureingang unter Verwendung der Jahreszeit ist so unpathetisch melancholisch, dass es einem wie eine Faust im Magen trifft. Sind doch Winter und Herbst die düsteren Jahreszeiten, metaphorisch gerne verwendet für Trauer, Melancholie und Depression. Doch räumt Erz diese Assoziation selbst aus dem Weg, wenn er singt „Und ich sehe, dass es etwas gibt / Schöner als Jahreszeiten, die ich so geliebt / Die mich mein Leben lang begleiten“. Nicolas Nitt und Robert Holstein leisten als harmonische Backroundsänger Schwerstarbeit, schließlich singen die Beiden unverstärkt – unplugged im wahrsten Sinne. Erz spielt Gitarre und nimmt textlich gar eine versteckte Metaebene zum eigenen Text ein, bezieht Stellung zur eigenen Metrik: „In Liedern, alle nur für uns geschrieben, in diesen wirklich gut gemeinten Reimen“. In unreinen Reimen eine derartige Zeile zu schreiben, zeugt von höchstem lyrischen Grundverständnis, beweist das enorme Textertalent eines Musikers, der als Sideman des großartigsten deutschen Songschreibers, Bernd Begemann, immer mit der Champions-League nationaler Liedkunst konfrontiert ist; dass sein eigenes Werk diesem ebenbürtig ist, lässt nur die Frage zu, warum er sich so lange Zeit für den Schritt zum Solokünstler nahm. 


Ich bin zwischen 33 und 45 Jahren alt“ singt er im fantastischen „Mein Leben ist ein Medley“, dem dritten Song, den es heute zu hören gibt, und seinen wohl bisher besten. Die angedeutete Erwähnung der Geschwindigkeit von Schallplatten-Umdrehungen in der Minute ist brillant. Die erzeugten Bilder sind feine Stiche, keine Schwarz-Weiß-Malerei, sondern sensible Alltagsstudien aus dem Leben eines Künstlers: „Mein Leben ist ein Medley, nie kann ich was durchziehen / Mein wahres Ich gibt’s nur als Raubkopie / Also finden werdet ihr mich nie.“

Nach dem Konzert wird ein guter, konzertbegeisterter Bekannter mit den Worten „Wie geil ist denn bitte Achim Erz“ auf mich zu kommen, der besonders den erwähnten Songs berechtigterweise in den höchsten Tönen lobt. Solos gibt es heute keiner – die Erwähnung dessen sorgt für kurzen Applaus - doch gibt sich Erz augenzwinkernd optimistisch. „Ben meinte zu mir, dass Neil Young ganze Soli auf nur einer Saite spielt, na also.“

Dass nicht nur begabte Rapper und große Popliteraten gelungenes Name-Dropping zustande bekommen, beweist der Wahl-Hamburger mit dem vierten und letzten Song heute Abend. Am Klavier sitzend, während Holstein Bass und Nitt Gitarre spielt, besingt Erz ehrlich reflektiert eine Trennung unter der Erwähnung äußerer Umstände und Vergleiche. „Nimm den Metzger oder Bäcker / alles gleich gut, beides lecker / Und du wünschst dich zurück / Wenn die Nacht dich weckt.“ Ist das nun traurig oder schwarzhumorig? Der Sänger überlässt das Urteil dem Publikum und betreibt Name-Dropping in Perfektion: „Gehst du zu Penny oder Lidl / Bist du Stone oder Beatle? / Oasis gegen Blur / Das war wohl mal recht wichtig, doch ich schwör' / Reunions gibt’s für dich nicht mehr.“ Ob der große Britpopfan hier die Reunion Blurs verurteilt, sei dahingestellt. Fraglos bleibt jedoch, dass die Bezugnahme von Reunions großer Bands auf eine gescheiterte Beziehung doch nur folgerichtig sein kann. Wieso sollte man sich eine nostalgische Reunion-Tour antun, wenn man nie wieder etwas mit der Ex anfangen würde. Die zynisch-komischen Schlussverse sind der gelungene Schlusspunkt eines kurzen Konzerts, das große Hoffnungen in den Solokünstler Achim Erz setzt: „Du musst jetzt ganz viel fernsehen / Ich verkauf dir meinen Flatscreen.“


Setlist, Achim Erz, Stuttgart
 
01: Gewartet
02: Klappentext
03: Mein Leben ist ein Medley
04: „Häng' die Bilder an die Wand...“




Dass das Solo-Debütalbum „Liebe zur Zeiten der Automaten“ seines Befreiungs-Kollegen Ben Schadow für mich persönlich mit "Kid Kopphausen" das beste deutschsprachige Indie-Album des vergangenen Jahres ist, muss ich nicht noch einmal vertiefend erwähnen. Wie sehr diese Songperlen durch eine fantastische Band noch weiter aufgewertet werden können, hätte ich jedoch nicht erwartet. David Rieken, Leadgitarrist bei Dirk Darmstaedter und in der Band von Moritz Krämer, beispielsweise schenkt der 60s infizierten Musik des Hamburgers einen angenehm gehauchten Americana-Flair ohne dabei an die country-esken Klänge von Nils Koppruchs Fink zu erinnern. Ohnehin sind die Instrumentalpassagen heute durchgehend berauschend. Ben Schadow ist es gelungen für seine 16 Konzerte umfassende Tournee eine illustre Truppe aus Größen der unabhängigen deutschen Musikszene zusammenzustellen.
Neben Rieken spielt so Tobias Noormann, der Schlagzeuger von Mikroboy, und der äußerst profilierte Tontechniker und Produzent Thomas Hannes in dieser Besetzung der Ben Schadow Band. Hannes ist seit über einen Jahrzehnt der beste Freund Schadows und spielt heute Bass, also eben jenes Instrument, an dem man den heutigen Frontmann in seinen meisten Projekten sehen kann: Sei es bei Bernd Begemann, Dirk Darmstaedter oder der Indie-Folk-Band Pretty Mery K. Die Referenzen Hannes' lesen sich hingegen wie ein Who is Who der nationalen und internationalen Musikbranche. Von Stars der Klassik wie Nigel Kennedy, über die Jazz-Größe Charlie Mariano bis hin zu den Ibbenbürener Pop-Punks Donots, Max Herre oder den Offenbacher Straßenrapper Haftbefehl reicht das Spektrum derer, mit denen er gearbeitet hat.

In einer Fred-Perry-Sportjacke beweist er heute, dass er auch große Qualitäten als Instrumentalist besitzt.


Ben Schadow, gekleidet in blauer Jacke, kariertem Hemd, Jeans und roten Sneakers eröffnet sein gut einstündiges Set mit „Gnade trägt man in Särgen“; einem der wohl kreativsten Trennungssongs deutscher Popmusik, der „Dig a Pony“ von den Beatles sehr ähnlich sieht. Überhaupt ist das Werk Schadows durchzogen von Referenzen, intertextuellen Bezügen auf Klassiker der Popmusik oder Literatur und Zitaten. So ist bereits der Albumtitel „Liebe zur Zeit der Automaten“ eine Hommage an E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“. Auch das von der Frankfurter Künstlerin Anny Öztürk geschaffene Tourplakat nimmt Bezug auf Schadows Lieblingsautor, indem es das Nachtwandler-Motiv formschön aufnimmt.

Bei „Herz aus Holz“, meinem liebsten Schadow-Song, spielt dieser heute Mundharmonika, was natürlich Assoziationen zu Neil Youngs „Heart of Gold“ weckt. Rieken spielt tolle Passagen, Hannes souveräne Basslinien und Noormann hält einen tadellos-dezenten Beat. „Und jetzt weiß ich Bescheid / Und ich weiß es noch nicht lang / Ich liebte die ganze Zeit gar nicht dich / Sondern dass ich dich nicht haben kann / Mit meinem Herz aus Holz.“ Ein wunderschöner Song, der von einem nicht minder schönen Stück deutscher Popmusik abgelöst wird, der ersten Single „Ich fall' immer auf die selben Dinge“ rein.

Zusammen zuletzt“ und „Einer aus Stolz, einer aus Scham“ sind ebenbürtige Titel und „Ich hab' geträumt, ich sei tot“ wartet mit einem „Hey Jude“ - entlehnten Refrain auf, während dem David Rieken ein formidables Solo spielt, während Schadow einen Traum besingt, indem er seine eigene Beerdigung mit Blick aus dem Sarg erlebt. So traurig die Thematik anmutet, so reizend ist die Musik währenddessen und auch der Text ist frei von jeglicher misanthropischer Grundhaltung, die man bei solch einem Titel durchaus hätte erwarten können.


Vor etwas über zehn Jahren war Ben Schadow Mitglied der Hamburger Mod-Band Les Garçons, mit denen er zwei wunderbare Alben - mit unnachahmlichen Songtiteln wie "Hutkosmopolitin" oder "Freundin auf Latein" - aufnahm. Neben Superpunk war das Quartett die vermutlich wichtigste deutsche Mod-Formation der jüngeren Vergangenheit. Nicht zu Unrecht bezeichnet Rieken seinen Bandleader als Modgott. Drei Songs aus dieser Zeit folgen direkt aufeinander: Das großartige „Gerade verliebt“, das Bernd Begemann in der Studioversion singt, geht in „Buena Sera Signor, Buena Sera“ und dann in „In einer Welt voller Sonnenschein und Bier“ über.

Wer bisher gedacht hat, dass Beck die beste Version des Klassikers „Everybody's Got To Learn Sometime“ der Korgis spielte, wird heute eines Besseren belehrt. Der todtraurige Song erlebt seine definitive Fassung in dieser Besetzung der Ben Schadow Band. Schadow singt im Bariton, während seine brillante Band glänzt. Wer sich nicht vorstellen kann, wie gut das klingt, muss unbedingt zu einem der übrigen Konzerte dieser Tour gehen. Wer es sich vorstellen kann sowieso.


Mit der wundervollen Zugabe „Was, wenn es mich wach entdeckt“ endet nach ziemlich genau einer Stunde ein geniales Konzert einer genialen Band.

Ich bin glücklich und freue mich. Nach dem Abbau fällt alle Belastung von mir. Alle Mühen haben sich gelohnt. Es wurde ein perfekter Abend.

Setlist, Ben Schadow Band, Stuttgart
 
01: Gnade trägt man in Särgen
02: Herz aus Holz
03: Ich fall' immer auf die selben Dinge rein
04: Zusammen zuletzt
05: Einer aus Stolz, einer aus Scham
06: Ich hab' geträumt, ich sei tot
07: Gerade verliebt (Les Garçons – Song)
08: Buena Sera Signor, Buena Sera (Les Garçons – Song)
09: In einer Welt voller Sonnenschein und Bier (Les Garçons – Song)
10: Wie leicht es wär' einfach zu bleiben
11: Everybody's Got To Learn Sometime (The Korgis – Cover)
12: Heller Fleck im schwarzen Meer
13: Was, wenn es mich wach entdeckt (Z)


Tourdaten Ben Schadow Band:


17.04. – Ben Schadow – Köln – Stereo Wonderland
18.04. – Ben Schadow – Halle/Saale – Brohmers
19.04. – Ben Schadow – Hamburg – Knust (gemeinsam mit Bernd Begemann & Die Befreiung)
20.04. – Ben Schadow – Oberhausen – Zentrum Altenberg
21.04. – Ben Schadow – Osnabrück – Big Buttinsky
22.04. – Ben Schadow – Aachen – Domkeller
23.04. – Ben Schadow – Bonn – Bar Ludwig (gemeinsam mit Miomiao)
24.04. – Ben Schadow – (F) Sarreguemines – Terminus Brasserie
25.04. – Ben Schadow – Mannheim – RaumZeitLabor
26.04. – Ben Schadow – Rüsselsheim – Das Rind
27.04. – Ben Schadow – Münster – Eule

 

Konzerttagebuch © 2010

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