skip to main
|
skip to sidebar
um
14:03
Konzert: Bernd Begemann (mit Special Guests Tess Wiley & Ben Schadow)
Vorband: Ben Schadow mit Pele Caster (und Special Guests Bernd Begemann & Tess Wiley)
Ort: MuK, Gießen
Datum: 14.03.2014
Dauer: Bernd Begemann 114 Minuten (exklusive Pause); Ben Schadow 66 Minuten
Zuschauer: etwa 30
Das war wohl das, was man einen denkwürdigen... Ich greife zu tief, das war wohl das, was man guten Gewissens als legendären Abend bezeichnen kann: Bernd Begemann, Godfather of Hamburger Schule, „König des urbanen Pop“ (taz) und „Guru“ der Höchsten Eisenbahn spielt ein auch für seine Verhältnisse außergewöhnliches Konzert in Gießen mit Tess Wiley als Gaststar und Ben Schadow im Vorprogramm und gerade einmal 30 Leute werden Zeuge.
Beim Eintritt in die Bunkeranlage auf der Gießener Automeile, in der sich das MuK verbirgt, schließt sich für mich gewissermaßen ein Kreis. Im Dezember 2009 sah ich Begemann das erste Mal im Jokus, einem Kulturzentrum inmitten der gesichtslosen Studentenstadt. Für einen 18-jährigen Schüler war das Konzert ein berauschendes Erweckungserlebnis, sorgte für die für mich damals überaus überraschende Erkenntnis, dass deutsche Texte auch abseits des Punkrocks ihre Berechtigung in der Popmusik haben, war damit entscheidender Indikator meiner bis heute wachsenden Liebe für guten deutschen Indie-Pop. Zahlreiche besuchte Konzerte des Meisters waren das logische Resultat, nach und nach erschloss ich mir die Hamburger Schule von Begemann ausgehend über die Bad Salzufler Fast Weltweit Szene von hinten von Blumfeld, Tocotronic und Superpunk bis hin zur Erbengeneration um Kettcar. Zu Besuch bei meinen Eltern in der oberhessischen Heimat liegt ein Abstecher in die für meinen Musikgeschmack prägende Stadt nahe. Es ist eine Reise zurück in meine musikalische Adoleszenz, hier im MuK sah ich in meinem Abiturjahr ein Akustik-Konzert Frank Turners, dem britischen Folk-Punk-Springsteen, der nicht nur dessen „Thunder Road“ zu seiner ultimativen Coverversion führte, sondern auch in der Partnerstadt seiner Heimatstadt Winchester spielte, ohne deren Namen je zuvor gehört zu haben.

Betrachtet man Begemanns Schaffen der letzten Jahre, so ist kaum ein Name enger damit verknüpft als Ben Schadow. Als Bassist der 2003 ins Leben gerufenen Gruppe Die Befreiung, die Begemann seitdem auf seinen Alben und (leider viel zu selten) live begleitet, kommt dem 37-Jährigen die Rolle des ruhigen Gegenpols zum brodelnd extravertierten Frontmann zu. Schadow ist der Publikumsliebling hinter Begemann, produzierte die letzten beiden Alben der Band und ist seit einigen Jahren auch als Solokünstler aktiv.
Dass das MuK ausgerechnet Schadow als Support-Act für den „größten Entertainer Deutschlands“ (Musikexpress) wählte, ist ein ausgesprochener Glücksfall für Fans. Gemeinsam mit Klee-Bassist Stefan „Pele Caster“ Götzer beschließt Schadow seine zurückliegende Band-Tour mit einem Duo-Konzert.

Mit angenehmer Anekdotenplauderei, wohldosierten feingeistigen Liedern und einigen Klassikern seiner einstigen Mod-Band Les Garcons sorgen die Beiden für ein äußerst kurzweiliges Support-Set. Über eine Stunde darf man spielen. Die Zuschauer sind aufmerksam, der Applaus ist stets anerkennend, hin und wieder sogar frenetisch. Schon die Eröffnung mit „Zusammen zuletzt“ gelingt und spätestens als Schadow von seinem letzten Erlebnis im MuK vor sieben Jahren berichtet, ist das sprichwörtliche Eis gebrochen. Damals stellte er Zuschauern nach einem Konzert mit Bernd Begemann & Die Befreiung die Frage, wie es ihnen gefallen habe. Als keine klare Antwort kam, verfeinerte er: „Ihr könntet zumindest sagen, ob es besser als Pur war.“ Das Zitieren der ernüchternden Antwort „Du fragst mich ja auch nicht, ob ich lieber Kotze oder Scheiße essen würde“ sorgt für den ein oder anderen Lacher. Aus dem Hintergrund hört man Begemann rufen: „Das waren Freunde vom Keyboarder“. Die Lacher nehmen zu.

Weiter geht es mit starken Stücken von Schadows Debüt „Liebe zur Zeit der Automaten“, dem neuen, in der griechischen Mythologie wildernden Song „Fräulein M“ und „Sie sagt, sie geht“, einer rumpelnden Beatrock-Nummer aus der Garcons-Ära. Begemann kommt zu „Wie leicht es wäre, einfach zu bleiben“ auf die Bühne, liefert spontan den Beat. Später im Set betritt Tess Wiley, in Gießen lebendes Ex-Mitglied von Sixpence Non The Richer und charismatische Folkrock-Sängerin, als Gaststar die Bühne, singt „Gerade verliebt“, den norddeutschen Garcons-Hit, der in der Studioversion ausgerechnet von Begemann eingesungen wurde, und „Morgen sagen wir“ von Pele Caster mit diesem im Duett. Die stilvolle, stimmgewaltige Amerikanerin führt das Set auf eine höhere Ebene. Im lockeren Zusammenspiel ergeben sich völlig neue Möglichkeiten, die den besten Auftritt Schadows, den ich in diesem Jahr sah, angemessen enden lassen.

„Ich habe meinen Frieden gemacht mit den Dinkelkeks-Müttern vom Spielplatz“, Begemann benötigt wenige Minuten, um all das unter Beweis zu stellen, was ihn als Songwriter und Perfomer vor nahezu allen nationalen Kollegen auszeichnet. Die stets genaue Analyse eines Zeitalters neuen Biedermeiers ist die pointierte Abrechnung mit Hipster- und Yuppiekultur und einer poetischen Beobachtungsgabe geschuldet, die soziologische Phänomene besser einzufangen vermag, als es wissenschaftliche Termini je könnten.

Noch eine Spur gelöster als zwei Tage zuvor in Frankfurt gespielt, ist die erste Hälfte des Sets atemberaubend. Begemann reizt seine Entertainer-Begabung aus, spielt starke Songs und kommt bei seinen Ansagen vom hundertsten ins tausendste, um mit Fontane zu sprechen. Das ist kluge Premiumunterhaltung, assoziativ und spontan. So kommt er vom Namen des Clubs, zum Märchen „Der kleine Muck“, schweift zur DEFA-Verfilmung ab, nur um dann „Kein Glück im Osten“, einen seiner besten wie auch beliebtesten und scharfzüngigsten Livesongs inklusive Bryan-Adams-Parodie, zu spielen. Prompt wird die resignierte Einsicht „Ich hab' kein Glück im Osten“ vom Publikum gesungen und Begemann kann sich in seine Unterhalterrolle fallen lassen. Dazwischen sprießen traurige Liebes- wie Trennungslieder der Güte von „Ich habe nichts erreicht außer dir“ und „Viel zu glücklich (Um es lange zu bleiben“ als blühende Exempel seines Songwritings. Niemand leidet so unprätentiös wie Bernd Begemann, der tatsächlich keinen Grund hat auf den „Gothic-Heino“ von Unheilig neidisch zu sein.

„Meine Jahre mit Elizabeth Taylor“, jener extraordinäre Song seiner alten Band Die Antwort, der mit seiner eingängigen Melodie und faszinierenden Handlung ein Hit hätte werden müssen, ist eine überraschend gespielte, publikumsgewünschte Rarität, die dann in den zwanzig Jahre später eingetretenen tatsächlich ersten Charts-Erfolg Begemanns übergeht: „Verhaftet wegen sexy“, die Kollaboration mit seinem erfolgreichen Freund und Epigonen Olli Schulz, ist mit seiner „La Bamba“-Melodie ein echter Ohrwurm, war dieses Jahr ein Karnevalsschunkler und wird ziemlich sicher ein Erfolg am Ballermann werden. Auch wenn die Nummer qualitativ gegenüber den meisten anderen Begemann-Songs deutlich abfällt, gönnt man ihm den redlich verdienten Erfolg und freut sich, nicht mehr der jüngste Besucher seiner Konzerte zu sein. Dass selbst eine derart mediokre Nummer dann noch mit Zeilen wie „Es ist wie jede Nacht, zwei Apfelschorle und ich bin nackt“ daherkommt, spricht jedenfalls für sich.

Für die Tammy-„Stand by your man“-Wynette-Countryballade „Till I Get It Right“ gibt es ein Wiedersehen mit seiner einstigen Label-Kollegin Tess Wiley und das kleinen Rhythmusproblemen zum trotz beste Duett, das ich seit längerem gehört habe, dazu. Mit starker Präsenz und einnehmender Stimme ist Tess Wileys Gastauftritt das „i-Tüpfelchen“ eines tollen Konzerts, wie mein Vater anerkennend betont.
Nach Obligatorischem wie „Fernsehen mit Deiner Schwester“ oder „Nichts erreicht außer Dir“ folgen neue Lieder wie „Lila Twingo“ (mit Buddy-Holly-Zitat) und am Ende des regulären Sets die rührselige Familien-Ode „Wir Drei“.

Mit dem ehrerweisenden Zusatz „meinen allerliebsten Lieblingsmusiker“ bittet Begemann seinen Band-Bassisten Schadow für die Zugaben auf die Bühne. Erstmals als Duo auf der Bühne stehend und zum zweiten Mal bei einem Begemann-Konzert überhaupt an der Gitarre schmückt der bärtige Schadow die Lieder seines Frontmanns mit angenehm nonchalantem Spiel aus. Das ungewöhnliche Liebeslied „Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover“ zwischen vertontem Roadmovie und wehmütiger Schwärmerei für eine Tramperin angelegt, animiert noch einmal zum Mitsingen. „Reinigt eure Seele mit einem lauten 'nach Hannover'“, ruft Begemann, „das ist eine ganz eigene Katharsis. Das schönste an Gießen ist der Friedhof, hat mir mal jemand erzählt, der drei Jahre lang hier gewohnt hat. Aber seid froh, denn egal, wie trist eure Stadt ist, ihr wohnt nicht in Hannover.“ Wieder wird Begemann kollektiv gefolgt, wieder gipfelt die „Bernd-Begemann-Show“ in glücklichen Gesichtern von Menschen, die Felix Weigts (Die Höchste Eisenbahn, Spaceman Spiff, Kid Kopphausen) Credo im aktuellen Musikexpress, jeder müsse in seinem Leben einmal ein Bernd-Begemann-Konzert besucht haben, wohl ausnahmslos unterschreiben würden.

„Ben, versprich mir, dass du immer bei mir bleiben wirst. Selbst dann, wenn du Nummer 1 wirst“, ruft Begemann Schadow während eines Solos zu und führt einem noch einmal den unkaputtbaren Geist einer der wohl glücklichsten deutschen Musiker-Konstellationen des vergangenen Jahrzehnts vor Augen. „Keine Angst, Bernd, davon bin ich weit entfernt.“ Es folgt „Unsere Band ist am Ende“, der eindrucksvolle Schluss der ersten Befreiungs-Platte. Ein ironischer Abschiedskommentar zum bisher schwächst besuchten und vermutlich auch kürzesten Auftritt seiner aktuellen Tour beendet ein fantastisches Indie-Pop-Konzert. Was übrig bleibt, ist ein flaues Gefühl im Magen, ob der mageren Besucherzahlen, Kopfzerbrechen über den bitteren Zeitgeist und die Gewissheit etwas ganz Besonderes erlebt zu haben.
Qualitative Popkunst wiegt doch so viel mehr als Anbiederung und Beliebigkeit, ein gutes Konzert schwerer als ein Plastikbecher Bier in der Mehrzweckhalle.
Setlist Ben Schadow & Pele Caster, Gießen:
01: Zusammen zuletzt
02: Herz aus Holz
03: Gnade trägt man in Särgen
04: Sie sagt, sie geht (Les Garcons-Song)
05: Fräulein M (neu)
06: Buena Sera, Signor, Buena Sera (Les Garcons-Song)
07: Ich fall' immer auf die selben Dinge rein
08: Wie leicht es wäre, einfach zu bleiben (Percussion: Bernd Begemann)
09: Was, wenn es mich wach entdeckt
10: Gerade verliebt (Les Garcons-Song) (mit Tess Wiley)
11: Morgen sagen wir (Pele Caster-Song) (mit Tess Wiley)
Setlist Bernd Begemann, Gießen:
01: Ich habe meinen Frieden gemacht (neu)
02: Weil wir weg sind (Bernd Begemann & Die Befreiung)
03: Ihr Geheimnis ist sicher bei mir (Bernd Begemann & Die Befreiung)
04: Kein Glück im Osten (inkl. Summer of '69)
05: "Das Recht, euch alle weiterhin scheiße finden zu dürfen" (neu)
06: Bleib zuhause im Sommer
07: Du bist mein Niveau (Bernd Begemann & Die Befreiung)
08: Es klappt gerade nicht mit dem Fahrrad (neu)
09: Viel zu glücklich (Um es lange zu bleiben)
10: Wir träumen von Liebe (Bernd Begemann & Die Befreiung)
11: Viel zu glücklich (Um es lange zu bleiben)
12: Ich kann dich nicht kriegen, Katrin
13: Meine Jahre mit Elisabeth Taylor (Die Antwort-Song)
14: Verhaftet wegen sexy (Bernd Begemann & Olli Schulz-Song)
15: "Mir fällt es schwer zu glauben, dass du schüchtern bist" (neu)
16: Till I Get It Right (Tammy Wynette-Cover) (mit Tess Wiley)
PAUSE
17: Unsere Liebe blüht im Dunkeln (Begemann-Song; im Film "Schenk mir Dein Herz" gesungen von Mina Tander)
18: Die Slums von Eppendorf
19: Fernsehen mit Deiner Schwester
20: Ich habe nichts erreicht außer Dir
21: Lila Twingo (neu) (inkl. Buddy Holly-Cover: Peggy Sue Got Married)
22: Wir Drei (Bernd Begemann & Die Befreiung)
23: Schluss mit dem Quatsch (Jetzt wird Geld verdient) (mit Ben Schadow) (Z)
24: Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover (mit Ben Schadow) (Z)
25: Unsere Band ist am Ende (Bernd Begemann & Die Befreiung) (mit Ben Schadow) (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
- Bernd Begemann, Frankfurt, 12.03.2014
- Bernd Begemann & Die Befreiung, Hamburg, 29.12.2014
- Ben Schadow Band, Würzburg, 02.03.2014
- Ben Schadow & Pele Caster, Stuttgart, 30.08.2013
- Ben Schadow & Pele Caster, Karlsruhe, 28.08.2013
- Ben Schadow Band, Mannheim, 25.04.2013
- Ben Schadow Band, Stuttgart, 14.04.2013
um
13:09
Konzert: Pele Caster und Ben Schadow
Ort: ein Garten in Stuttgart
Datum:30.08.2013
Dauer: etwa 80 Minuten Musik
Zuschauer: um die 40
Wenn es in der Musikbranche so etwas wie Gerechtigkeit geben würde, wären Ben Schadow und Stefan "Pele Caster" Götzer als Solokünstler mindestens so erfolgreich wie die Kölner Band, in der Götzer Bass spielt, Klee. Von Gerechtigkeit zu spüren ist im harten Business kaum etwas, sodass die beiden begnadeten Musiker auf Solopfaden das Dasein des echten Geheimtipps fristen.
Jeder, der ein Konzert der Ben Schadow Band oder Pele Casters live erlebt hat, weiß um das hohe Niveau, die Güte der Songs und die charismatische, anekdotenreiche Performance. Legendär sind mittlerweile auch die Wohnzimmertouren der Beiden, die sie nun zum dritten Mal zu den Eltern meiner Freundin führten: Es ist der 50. Geburtstag von Katjas Mutter und der Hamburger Schadow und der in Dortmund lebende Pele Caster beschenken Gäste wie Gastgeberin mit einem wunderbaren Set zwischen Melancholie und bierseliger Beat-Party-Momente reichlich.
Den letzten Song vor den Zugaben muss Schadow, der als Mitglied von Bernd Begemanns fulminanter Band Die Befreiung Legendenstatus im Hamburger Untergrund genießt, mit rührender Begründung abbrechen. „Wie leicht es wäre, einfach zu bleiben“, sei dem Fußballchorrefrain zum trotz ein viel zu trauriges Lied für eine fröhliche Geburtstagsfeier. „Ich kann kein Lied spielen, in dem es darum geht, dass ich ganz woanders sein möchte“, meint Schadow entschuldigend und fügt rasch hinzu, dass er die Stimmung nicht trüben möchte.
Hochklassig ging es stets zu, die düstere Melancholie, die das grandiose Debütalbum Schadows, „Liebe zur Zeit der Automaten“, konsequent durchzieht, wird immer wieder abgelöst durch den verschmitzten Beat-Humor aus Zeiten seiner alten Band Les Garcons, jener Retroformation, die in den späten 90ern und frühen 00er Jahren gemeinsam mit Superpunk die unangefochtene Speerspitze des norddeutschen Mod-Revivals bildete.
Pele Caster mit elektrischer Fender-Gitarre, Koteletten und rosa Hemd spielt die Lieder seines Solodebütalbums „Wasimmer“ mit leichter Eleganz, wechselt sie mit neuen Stücken ab und würfelt immer wieder eine Perle seiner ehemaligen Band Astra Kid, die sich mit deutschsprachigen College-Rock und starken Alben auf einem Major-Label wiederfanden, dazwischen.
Schon der Beginn mit dem eher traurigen „Du brauchst“ gelingt dem gebürtigen Dattelner glänzend. Ben Schadows Akustikgitarrenspiel, sein gesanglicher Einsatz als Zweitstimme verzaubern. Die B-Seite der Single „Wir haben uns“ ist ein fantastischer Einstieg in ein angenehmes Freilichtkonzert in spätsommerlicher Wärme. „Du lebst und lebst nicht mehr in alten Melodien / verlorene Zeilen, die flüchtig vorbeiziehen“, singt Pele, Applaus folgt.
Das Geburtstagskind wünscht sich „Herz aus Holz“. Ben Schadow zeigt sich bei seinem vielleicht schönstem Stück als gereifter Sänger, dem man deutlich ansieht, dass ihm das Singen Spaß macht, dass er Frieden mit seiner angenehmen Stimme geschlossen hat.
Meist wechseln Schadow und Pele Caster sich ab. Gemeinsam harmonieren sie blind, geben einander den nötigen Raum und verzücken mit perfektioniertem Zusammenspiel.
Ohne Zweifel gehören die Beiden zu den großen kreativen Textern in diesem Land. Ben Schadow gelingt es mit Beatles- wie Beach Boy-Zitaten, außergewöhnlichen Melodien, Anlehnungen an die Literatur und einer fast kindlich zu nennenden, überschwellenden Fantastie verträumte Geschichten voller Melancholie, Einsamkeit und liebenswürdigen Sprachreichtum zu malen. Vor überbordenden Ideen strotzen auch die Songs des 33-jährigen Pele Casters, dessen „Keine Ahnung“ schon früh großen Applaus hervorruft, bevor Ben Schadows „Gnade trägt man in Särgen“, in seiner direkten, ironiefreien Haltung berührt und mit den vielleicht schönsten Beatles-Referenzen im deutschsprachigen Raum aufwarten kann.

„14 Anrufe in Abwesenheit“ wird auf Peles kommenden, zweiten Soloalbum enthalten sein. Nie drischt hier einer leere Phrasen, das Bild der in breiten Öffentlichkeit bedauerlicherweise viel zu oft als Sidemen wahrgenommenen Künstler gerät ins Wanken. Jeder, der sie live erlebt, wird Augenzeuge hoher Fertigkeiten in jeglicher Beziehung. „Zu viel Selbstmitleid“, beklagt Caster. „Es ist so einfach, ist es, so einfach ist es nicht, so einfach mehr als nichts zu sein“, die Zweistimmigkeit entfaltet ihre ganze Wirkung, bevor sich der Dortmunder in den lauten Refrain steigert. Nach den beiden „No-Hit-Singles“, wie „Der Laden“ und „Ich fall immer auf die selben Dinge“ rein, traditionell bei Konzerten vorgestellt werden, gipfelt der Abend mit dem letzten Song vor der Pause in einem seiner Höhepunkte:
Gemeinsam mit Katja, meiner Freundin und der Tochter der Gastgeberin, spielen Schadow und Caster als Geburtstagsüberraschung die wunderbar-verschrobene Dear Reader – Ballade „Great White Bear“. Schadow steht auf, lässt Katja den nötigen Freiraum in der Bühnenmitte. Während Pele auf der E-Gitarre die Melodie liefert, glänzt Schadow mit dem akustischen Gibson-Instrument im Hintergrund. Katja, die aller Voraussicht nach auch auf Peles kommenden Album zu hören sein wird, singt mit sanfter Stimme, Strahlen im Gesicht die vermutlich beste Cover-Version, die ich bisher von einem Dear Reader – Song gehört habe, und das sage ich mit der mir größtmöglichen Objektivität.

Nachdem man im November schon einen Nada Surf – Song gemeinsam wundervoll interpretierte und kurz darauf auch aufnahm, gelingt es den Dreien auch heute angenehm zu berühren. Tosender Applaus honoriert die beeindruckende Performance, Umarmungen und Freude folgen, bevor nach der Pause das „Partyset“ beginnt, wie Schadow es nennt.
Die Garcons-Songs „Gerade verliebt“ (in der Studioversion gesungen von Bernd Begemann) und „Buena Sera Signor, Buena Sera“, mit dem populären „Italien, mein heimliches Heimatland“-Refrain“ sind traditionell Stimmungsgaranten.
Der bärtige Sänger erinnert mit sonorer Stimme an seine Modvergangenheit, während Pele mit dem berührenden Liebeslied „Wir haben uns“, seinem genialen Rocker „Gin Tonic“ und dem Astra Kid-Stück „An der Sonne vorbei“ - inklusive authentischer Casper-Imitation - seinen Anteil an der zunehmend, feierlichen Stimmung hat.
Ben Schadow tut es leid, nur noch traurig anmutende Lieder in petto zu haben, „Zusammen zuletzt“ wird gut aufgenommen, dann folgt der erwähnte Abbruch des nächsten Stücks.
Die lautstark geforderten Zugaben runden den Abend ab. Die ehemaligen Jura- (Pele) und Theologie-Studenten (Ben) kredenzen „Erde, Mond“ und den mitreißenden Garcons-Song „In einer Welt voller Sonnenschein und Bier“ als Abschluss. Kein Song hätte hier besser gepasst.
Einige Stunden später wird am Lagerfeuer der erste offizielle Ben Schadow Fanclub beschlossen. Schadow lächelt, er hat es verdient.
Setlist Pele Caster und Ben Schadow, Stuttgart:
01: Du brauchst (Pele)
02: Herz aus Holz (Ben)
03: Keine Ahnung (Pele)
04: Gnade trägt man in Särgen (Ben)
05: 14 Anrufe in Abwesenheit (Pele)
06: Ich fall immer auf die selben Dinge rein (Ben)
07: Der Laden (Pele)
08: Great White Bear (mit Katja) (Dear Reader - Cover)
PAUSE
09: Gerade verliebt (Ben) (Les Garcons - Song)
10: Wir haben uns (Pele)
11: Buena Sera Signor, Buena Sera (Ben) (Les Garcons - Song)
12: An der Sonne vorbei (Pele) (Astra Kid - Song)
13: Gin Tonic (Pele)
14: Zusammen zuletzt (Ben)
15: Wie leicht es wäre einfach zu bleiben (Ben) [abgebrochen]
16: Erde, Mond (Pele) (Z)
17: In einer Welt voller Sonnenschein und Bier (Ben) (Les Garcons - Song) (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
- Ben Schadow Band, Stuttgart, 14.04.2013
- Ben Schadow Band, Mannheim, 25.04.2013
- Pele Caster und Ben Schadow, Karlsruhe, 28.08.2013
um
10:47
Konzert mit Pele Caster und Ben Schadow
Ort: Karlsruhe
Datum: 28. August 2013
Dauer:110 min
Zuschauer: knapp 30
Was macht ein gelungenes Konzerterlebnis aus? Das ist eine der Fragen, auf die wir - zumindest zwischen den Zeilen - hier in fröhlicher Vielstimmigkeit des Konzerttagebuches Antworten suchen, an uns und den Lesern ausprobieren um anschließend weiterzusuchen.
Aus den Berichten zu vergangenen Konzerten sieht man sicher sehr gut, dass ich alle meine Wohnzimmerkonzerte sehr genossen habe. Aber es gibt immer noch etwas Raum nach oben zu den wunderbaren und ganz besonders kostbaren Abenden. Und als ich nach dem Konzert mit Ben und Pele ins Bett gefallen bin, wußte ich, dass dies so einer der ganz besonderen Abende gewesen war. So ein warmes Gefühl im Kopf und im Bauch, das nicht mit Worten beschrieben werden muss, sondern das ich einfach genießen konnte und von dem ich sicher war, dass es auch den anderen Konzertbesuchern in die Nacht hinaus gefolgt war.

Wieder einmal kann ich das nicht dadurch erläutern, dass ich in Gedanken hier noch einmal musikalisches nacherzähle. Ohne mein Notizbuch, das ich für "normale" Konzerte immer dabei habe, aber zu Hause im Regal liegen lasse, verschwimmt der Abend für mich zu einem einzigen Moment der zeitlosen Seligkeit. Es gab wieder viele ganz neue Gesichter bei uns. Es gab einige Besucher, die sich angekündigt hatten und von denen ich wußte, dass sie sich schon unglaublich auf diesen Abend freuten.

Es gab zwei Künstler, die sich schon so gut aufeinander und auf die Situation der Wohnzimmer- und Gartenkonzerte eingeübt haben, dass ich es im Vorfeld als sichere Bank angesehen habe, dass das super funktionieren wird. Was ich nicht erwarten konnte war, dass es noch viel erfrischender und lustiger wurde als ich dachte und dass wir als Publikum die ganze Zeit wie ein dritter Künstler im Konzert eingebunden waren. Die Konzerte mit Ben und Pele leben natürlich von den tollen Liedern, die die beiden im Gepäck haben. Das sind gestandene Leute, die aus ordentlich Material genau das picken können, was sich im Test der Zeit als für dieses Format passend erwiesen hat und können daraus noch wählen, was genau auf die abendliche Situation zugeschnitten ist. Zusammen mit einem gesunden Maß an Routine, die auch dem Publikum die Ruhe gibt, dass die schon wissen was sie tun.

Aber was man nur im konkreten Konzert erleben kann ist, wie sie zwischen den Songs Sinn und Unsinn miteinander und den Zuhörern teilen und uns damit einladen, sie auch ein Stück weit kennen zu lernen. Oder leicht staunend den Funken nachträumen, die da auf der Bühne versprüht werden. Ohne dass man je den Gedanken hätte, die halten sich für etwas besonderes. Eher haben sie ganz besonders die Antennen aufgestellt, die die unausgesprochenen und Wünsche des Publikums empfangen und nach Möglichkeit erfüllen bzw. zum Aussprechen der Wünsche einladen. In einer sehr unprätentiösen und freundlichen Weise, der ich ganz schutzlos verfallen bin.
Außerdem war es wieder einmal eine ganz besondere Freude mit meinen Gästen - so viele freundliche Gesichter, so viel lächeln und lautes lachen, so viele herzliche Umarmungen beim Abschied. So viel schwingen auf der gleichen Wellenlänge. Das füllte mir das Herz.
Berichte Ben Schadow Band
14. 4. 2013 in Stuttgart
25. 4. 2013 in Mannheim