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Mittwoch, 15. Mai 2013

Veronica Falls & Dirty Beaches, Brüssel, 14.05.13

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Konzert: Veronica Falls & Dirty Beaches
Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Datum: 14.05.2013
Zuschauer: 300 vielleicht
Dauer: Veronica Falls 50 min, Dirty Beaches knapp 45 min


"Fütter' mein Ego! Fütter' mein Ego! Fütter' mein Ego! Yü-Gung kann Berge versetzen. Und alles ist wichtig!" 

Ich bin kein großer Kenner (und Fan) der Einstürzenden Neubauten, Yü-Gung, dieses großartige Krach-Lied gehörte aber zum festen Repertoire der Indiedisco und fundamental zu meiner musikalischen Sozialisation. Während des Auftritts der Dirty Beaches erinnerte mich das erste Stück so sehr an dieses Lied, daß es mich seitdem wieder einmal als Ohrwurm verfolgt. Alex Zhang Hungtai, der Mann hinter Dirty Beaches, hat sicherlich viel mehr Einstürzende Neubauten als ich gehört. sein Schrei-Gesang und die Rhythmen dieses Lieds klangen zu sehr nach der Blaupause, daß es ein Zufall sein könnte. Aber es gibt ja sicherlich schlechterer Orientierungen. Das zweite Lied klang nach einem Mantra, das Alex vor sich hinmurmelte. Dann gab es einen Song, der hauptsächlich aus Hubschraubergeräuschen bestand, einen der Sleeper in Metropolis zitierte und ein nur-Gitarren Cover eines Singer/Songwriters, das ich nicht erkannt habe.

Auf der Bühne standen neben dem sich ständig bewegenden Sänger ein Keyboarder in Lederjacke und ein Schlagzeuger, der meist mit einem Stick auf ein elektronisches Drumpad einschlug und wie Konzertnachbar Frank richtig feststellte sich damit für einen Einsatz bei Kraftwerk bewerben könnte. Während Alex und der Schlagzeuger für das letzte Stück - das Cover ("I'm blind... the devil's hand...") - Gitarren umschnallten und sphärische Töne erzeugten, drehte sich der arbeitslos Keyboarder scheinbar extrem gelangweilt um und stand regungslos mit dem Rücken zum Publikum.

Klingt scheußlich? Das war es absolut nicht. Dirty Beaches sind keine Band, die ich mir jemals auf Platte anhören werde, der Auftritt in Brüssel war allerdings faszinierend gut! Alleine dafür hatte sich der Ausflug ins Ancienne Belgique gelohnt ("alleine", nicht "nur"!).

Um 21.35 Uhr hatten Veronica Falls ihren dreiminütigen Soundcheck beendet und erschienen zurück für ihren Auftritt. Die Band wirkte auf mich ein wenig müde, aber vielleicht interpretiere ich zuviel in Gesichtsausdrücke hinein.

Die Box des Ancienne Belgique hatte ich mir als eigenen Saal vorgestellt. Wir waren uns im Laufe des Abends aber immer mehr sicher, daß es sich um den großen Saal handelte, bei dem die Bühne weiter zurückverschoben war und Vorhänge den hinteren Teil und die Balkone oben verdeckten. In diesem (eventuell) hatte ich New Order gesehen, damals waren vermutlich 2.000 Zuschauer anwesend. Für das heutige sehr gemischte Doppel waren 250 bis 300 gekommen, der jetzt kleinere Saal hätte einge mehr gefasst.

Veronica Falls spielten das gleiche Set, das ich in München erlebt hatte. Es gab auch sonst wenige Variationen, weder in die eine, noch in die andere Richtung. Alle Lieder im Liverepertoire sind Knüller - ihre Bühnenversionen noch einmal charmanter als die auf Platte. Alle außer Tell me. Damit hatte ich schon vor anderthalb Wochen gefremdelt, obwohl ich das Stück auf dem Album sehr gerne höre. Nachdem es mir auch in Brüssel so ging, vermute ich, daß Tell me zu langsam für Konzerte ist. Vielleicht sollte die Band es einmal punkiger spielen. Gerade als Einstieg in einen Auftritt fehlt dem Lied aber der Biss.

Daß das Konzert der jungen Londoner, in die ich mich in den letzten Jahren so verguckt ("verhört" klingt doof) habe, schlechter als das in München war, lag zum einen an der fehlenden Abwechslung, zum anderen am Publikum, das bis auf eine Handvoll Leute in der Mitte, die gegen Ende aufdrehten und laut wurden, extrem zurückhaltend war. Hauptstadtpublikum, wie man es kennt, das alles schon einmal gesehen hat.

Trotzdem heißt "schlechter" natürlich noch immer sehr gut. Also freue ich mich auf das nächste Mal mit Veronica Falls.

Setlist Veronica Falls, Ancienne Belgique, Brüssel:

01: Tell me 
02: My heart beats 
03: Beachy Head 
04: Broken toy 
05: Waiting for something to happen 
06: Bad feeling 
07: Found love in a graveyard 
08: If you still want me 
09: Buried alive 
10: Wedding day 
11: Teenage 
12: Come on over 

13: Right side of my brain (Z) 
14: Starry eyes (Roky Erickson Cover) (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- unser Interview mit Veronica Falls
- Veronica Falls, Stuttgart, 04.05.13
- Veronica Falls, München, 03.05.13
- Veronica Falls, Barcelona, 02.06.12
- Veronica Falls, Berlin, 22.03.12
- Veronica Falls, Luxemburg, 10.11.11
- Veronica Falls, Paris, 04.05.11



Sonntag, 5. Mai 2013

Veronica Falls, Stuttgart, 04.05.2013

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Konzert: Veronica Falls
Vorband: Mazes
Ort: Kulturzentrum Merlin, Stuttgart
Datum: 04.05.2013
Zuschauer: vielleicht 200
Dauer: Veronica Falls 53 Minuten / Mazes 40 Minuten




Kunstnebel steigt auf, die Bühne wird in bläuliches Dämmerlicht getaucht, als Roxanne Clifford (Lead-Gesang, Gitarre), James Hoare (Gitarre und Gesang), Patrick Doyle (Schlagzeug und Gesang) und Marion Herbain (Bass) die Bühne betreten. So gut besucht wie heute habe ich das Merlin im Stuttgarter Westen bisher noch nicht erlebt. Veronica Falls verdienen Zuschauer und bekommen sie. Unverdienterweise sind die jungen Engländer und ihre französische Bassistin noch keine Stars, zum Kritikerliebling reichte es immerhin und die Fanbase scheint auch stetig zu wachsen, wenig verwunderlich, betrachtet man die beständige Klasse des Nachfolgewerks „Waiting for something to happen“.

Die alternative Rockmusik der 1980er scheint seit einigen Jahren die dominierende Referenz im englischen Indie zu sein. Bands wie die Editors, We Have Band oder eben Veronica Falls greifen vorhandene Schemata auf und versuchen etwas eigenes daraus zu kreieren. Im Fall der Editors resultierten zweieinhalb erstklassige Alben daraus, während We Have Band gähnende Langeweile verbreiten. Veronica Falls machen es da schon besser, hier finden sicher weder nervige Discobeats noch plakatives Joy-Division-Epigonentum wie bei den White Lies. Vielmehr sorgt ein berauschender Cocktail aus The House of Love und The Shop Assistants und ein wenig The Cure für ein wohliges Bauchgefühl und beglückende Momente, ganz besonders dann, wenn darüber hinaus wie bei Erland and the Carnival harmonierende Tugenden des englischen Folks beschworen werden. Doch dass kein name dropping Veronica Falls wirklich gerecht werden kann steht auch fest.

Tell me“, der erste Track des im Januar veröffentlichten, aktuellen Albums, ist der Opener des Konzerts, mit dem die vier um 22.09 das Konzert beginnen. Zuvor spielten Mazes aus Manchester ein 40-minütiges Supportset. Der stumpfe Indie-Rock, mit deutlichen Noise-Anleihen, des Trios vermochte mich nicht zu packen. Gefühlte zehn Minuten wurden manche Songs nicht sonderlich versiert in die Länge gezogen. Erst das letzte Stück konnte mein Interesse ein wenig wecken, während ich feststelle, dass Mazes an eine höflichere, englische Version der Esslinger Band Die Nerven erinnern. 

Wie eine Wohltat wirken daraufhin die verträumten Harmoniechöre Hoares, Doyles und Roxanne Cliffords. In Jeansjacke und entsprechender Hose steht der Gitarrist mit der Adam-Green-Julian-Casablancas-Frisur in der Bühnenmitte, während Roxanne Clifford und Bassistin Marion Herbain in geblümten Sommerblusen und Kleidern eine gute Figur machen. 


Die Engländer reißen euphorisch Bierflaschen in die Luft, ich hole Luft, genieße dann den Augenblick. „My Heart Beats folgt mit seinem Feedback-Intro und dem wunderbaren Schlagzeugeinsatz. Der versetzte Gesang funktioniert live ausgesprochen gut, Roxanne haucht den Text, Hoare und Doyle antworten stimmig. Ähnlich wie bei The XX liegt eine entscheidende Stärke dieser Formation in der Mehrstimmigkeit.

Hoare zieht seine Jeansjacke schon früh im Konzert aus, präsentiert im weißen, angerissenen T-Shirt seine The Beatles – Tattoo, während er und seine Band eine unglaublich beglückende und kurzweilige Show bieten.
Der vermutlich bekannteste Song des Debütalbum, „Beachy Head“, gerät mit seinen Surfer-Gitarren und dem treibenden Beat live noch härter als in der Studioversion mit dem schönen Video, dass es mit „Broken Toy“ einen ruhigeren Gegenpol im direkten Anschluss gibt, zeigt die Ausgewogenheit der Setlist. „Es ist nämlich gleichgültig, ob man wegen einer zerbrochenen Puppe weint, oder weil man, später einmal, einen Freund verliert.“, schrieb Erich Kästner in „Das fliegende Klassenzimmer“ und auch Veronica Falls verwenden in diesem Song ähnliche Gedanken. Die innere Gebrochenheit eines Menschen im Bild des zerbrochenen Spielzeugs zu äußern ist sicherlich nicht sonderlich subtil, wohl aber gelungen und treffend. Überhaupt zieht sich eine zutiefst melancholische, doch stets romantische Note durch das noch junge Gesamtwerk der Band. Ein gutes Beispiel dafür ist sicherlich „Bad Feeling“ vom zwei Jahre alten Debütalbum, das es direkt nach „Waiting For Something To Happen“ zu hören gibt.„Found Love In A Graveyard“ mit seinem düsteren Beginn und dem poppigen Ende taugt als Schlüsselsong, wenn man versucht die Musik der Band zu beschreiben. Die depressive Todesromantik, wie man sie bei The Cure und Tim Burton findet, trifft auf folkige Momente und beseelte Chöre. Für mich bleibt die erste Single das glänzende Lied einer aufstrebenden Band mit Händchen für außergewöhnlichen Pop und große Melodien, wie auch „If You Still Want Me“ mit seinem an einem förmlich vorbei schwimmenden Refrain.




Dass nur noch vier Songs („Buried Alive“, „Wedding Day“, „Teenage“, „Come On Over“) folgen sollten, war nach Christophs Bericht aus München zu erwarten. Trotzdem ist es schade, wenn fantastische Livebands kurze Sets spielen.

Nach nur einer Zugabe „Right Side Of My Brain“ soll dann scheinbar schon Schluss sein. Man sieht die Bassistin und den Schlagzeuger bereits am Merchandisestand, doch dann erscheinen Hoare und Clifford erneut auf der Bühne und rufen ihre Kollegen zurück. Eine Perle des Debütalbums, „Stephen“, soll noch folgen, danach endet ein erstklassiges, aber viel zu kurzes Konzert mit einer verzichtbaren Vorband nach etwas 50 Minuten. Ich bin glücklich und froh darüber, dass das Merlin immer wieder auch ein geschicktes Händchen für internationale Acts beweist. Und Veronica Falls? Müsst ihr euch anschauen, wann immer sich Möglichkeiten bieten. Bestimmt einmal auf einem Festival oder in einem geschmackvollen Club irgendwo bei euch in der Nähe, außer ihr wohnt in Nordrhein-Westfalen oder Hessen (Christoph berichtete).
 




Setlist, Veronica Falls, Stuttgart:

01: Tell Me
02: My Heart Beats
03: Beachy Head
04: Broken Toy
05: Waiting For Something To Happen
06: Bad Feeling
07: Found Love In A Graveyard
08: If You Still Want Me
09: Buried Alive
10: Wedding Day
11: Teenage
12: Come On Over

13: Right Side Of My Brain (Z)

14: Stephen (Z)

Links:
- aus unserem Archiv:

Samstag, 4. Mai 2013

Veronica Falls, München, 03.05.13

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Konzert: Veronica Falls
Ort: Feierwerk München (Orangehouse)
Datum: 03.05.2013
Zuschauer: knapp 200 (so gut wie ausverkauft)
Dauer: Veronica Falls gut 50 min, Mazes 42 min




Ich schwärme oft von Bands, nachdem ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Es gibt ja auch wirklich eine ganze Menge entdeckenswerter Gruppen. Manche Schwärmerei lässt aber nach einer Weile wieder nach - weil es eben wieder etwas Neues gibt, aber manche bleibt haften.

Veronica Falls ist eine dieser Bands, die bei mir bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Natürlich liebte ich die Musik der Briten schon, als ich ihre beiden ersten Singles Found love in a graveyard und Beachy Head gehört hatte, hin und weg war ich aber erst nach dem ersten Konzert in Luxemburg 2011. Ihr Auftritt beim letzten Primavera Festival in Barcelona verstärkte den Eindruck: spätestens da war ich Veronica Falls hemmungslos verfallen.

Luxemburg, Barcelona, München, was wie dämliche Namedropping-Angeberei klingt, ist der Preis für meine Schwärmerei. Dummerweise haben Veronica Falls nämlich bisher einen großer Bogen um Westdeutschland, also um NRW oder Hessen gemacht. Meine Hoffnung, daß sich dies bei der Mai-Tour ändern würde - ändern müsste - war weggeblasen, als ich die Auftrittsorte sah (Kiel, Stuttgart, Berlin, Hamburg, Dresden, München). Ob ich sie sehen wollte, war nicht die Frage, wo war sie.

Brüssel und München waren die einzigen sinnvollen Alternativen (nicht nachfragen, bitte!), es wurde heute München.

Ich war schon um 19 Uhr am Feierwerk im Münchener Westen, weil ich zu einem Interview mit der Band verabredet war. Das Feierwerk ist ein Kulturzentrum in Gebäuden, die offenbar früher als Fertigungshallen gedient hatten. Veronica Falls waren im kleinen Saal angesetzt, im Orangehouse, laut Feierwerk-Website dem Wohnzimmer des Komplexes. Als ich dort ankam, waren die vier Londoner noch beim Soundcheck. Sie spielten Bad Feeling und brauchten einige Durchgänge, um mit dem Klang zufrieden zu sein - und es gibt wahrlich schlechtere Starts in einen Abend als 15 Minuten Bad Feeling.

Es lag nicht an mir, daß sich der Konzertstart um 30 Minuten verzögerte (wobei ich das gerne mal behauptete). Kurz vor acht saßen Sängerin Roxanne und Gitarrist James zwar noch mit mir in ihrer Garderobe und malten ein Selbstporträt, als die Vorgruppe Mazes vom Soundcheck reinkam und erklärte, sie habe keine Zeit für ein Abendessen, sie müsse pünktlich um halb neun beginnen. 

Vielleicht durften Mazes doch noch essen, es ging jedenfalls erst um neun im vollgepackten Orangehouse los. 199 Zuschauer passen laut Website des Clubs ins Wohnzimmer, die sicher auch da waren.

Der kleine Saal gefiel mir sehr gut.  Ungewöhnlich sind die beiden Fensterfronten die wegen des Schummerlichts auf der Bühne und der Lichter von der Straße dafür sorgten, daß das Publikum besser ausgeleuchtet war als die Bands. Da die Bühne nicht zentriert ist und eine Reihe Säulen den Saal teilt, war die rechte Hälfte des Raums vollgestopft, die linke, die hinten sichteingeschränkt war und von der Bar begrenzt war, recht leer. Es war also voll, aber nicht unangenehm voll.

Der Support Mazes, eine Band aus Manchester, besteht aus drei Musikern (Gitarre, Bass, Schlagzeug) und sollte nach Selbstbeschreibung Garage-Rock spielen. Mag ich. Das erste Stück des Sets war dann allerdings deutlich anders, bestand aus einer sehr einfachen monoton wieder und wieder gespielten Ton-Folge und dauerte ewig. Und diese Kombination war fantastisch! Der Bassist hampelte mir etwas zu sehr rum, das passte nicht zum schlichten Klang des Stücks, schmälerte die Qualität aber nicht. Das mochte ich noch sehr viel mehr als die x-te Garageband. Leider wurde es danach bluesiger und weniger spannend. Erst das letzte Lied, das nach dem gleichen Muster wie das erste gestrickt war, also repetitiver Rhythmus, karger Gesang und irre Länge, packte mich wieder. Sicher ist Mazes keine Band, die mir auf Platte gefällt, Anfang und Ende des gut 40 minütigen Konzerts waren aber sehr gut, der Rest ok.

Um fünf nach zehn* kamen Veronica Falls auf die dunkle Bühne. Die Band, die 2009 gegründet wurde, besteht aus Sängerin Roxanne, Gitarrist James, Schlagzeuger Patrick und der gebürtigen Französin Marion am Bass.

Das Set begann wie so oft mit dem ersten Stück der aktuellen Platte (Tell me). Das Album Waiting for something to happen erschien im Februar diesen Jahres und folgte dem 2011er Debüt Veronica Falls. Obwohl zwischen beiden Platten fast anderthalb Jahre liegen, wurde das Album wegen exzessiven Tourens in sehr kurzer Zeit geschrieben. Wir hatten uns vor dem Konzert darüber unterhalten, ob die Lieder auf Waiting for something... alle aus der Zwischenzeit stammten, weil ich denke, daß viele Bands auf ihrem Debüt Stücke ansammeln, die zum Teil viele Jahre alt sind, um dann in Hetze einen mittelprächtigen Nachfolger zu schreiben. Zwei Stücke seien ein wenig älter (und werden schon lange live gespielt - Buried alive zum Beispiel), der Rest sei ausnahmslos nach dem Erstling entstanden. Da mir Waiting for something to happen immer besser gefällt und einige riesige Pop-Perlen enthält, spricht das deutlich für die Qualität der Band!

Trotzdem brauchte ich zwei Lieder, um reinzukommen. Erst bei Beachy Head, dem Lied über den Selbstmord-Kreidefelsen in Sussex, war meine restlose Begeisterung wieder da! Dieser wundervolle Gesang von Roxanne, James und Patrick, die scheppernden Gitarren, die einfach gehaltenen aber enorm melodiösen Melodien - und die oft ungemein düsteren Texte! Und (liebe Kölner Booker), das funktionierte hervorragend! Veronica Falls hatten schon einmal im Feierwerk gespielt, die ausgelassene Stimmung lag aber sicher nicht nur daran!

Danach blieben Niveau und Stimmung gleichhoch. Wenig überraschend, da die Band zwei Hitalben aufgenommen hat und kaum schwächere (und keine schwachen) Lieder hat.

Mit fünfzig Minuten war das Konzert viel zu kurz, keine Frage. Das Repertoire hätte locker für 20, 30 weitere Minuten gereicht. Alleine der Überhit Come on over vor den Zugaben, der von einem zwei-, dreiminütigen Intro eingeleitet wurde, entschädigte aber für diesen Makel. Die Stelle am Ende, wenn Schlagzeuger Patrick "ah ah"s singt ist einfach wundervoll! In Michelin-Führern werden drei Sterne damit beschrieben, daß sich dafür eine eigene Anreise lohnt. Come on over ist ein Drei-Sterne-Lied!

Nach zwei Zugaben (die zweite war das Roky Erickson Cover Starry eyes von ihrer ersten Single) war um kurz vor elf Schluß. Natürlich war es wieder ein tolles Konzert! Und wenn der Preis für tolle Veronica Falls Shows die kurze Dauer ist, weiß ich Abhilfe: man muß die Band einfach öfter sehen. Vielleicht spielen sie dann auch mal meinen aktuellen Liebling Shooting star, ein völlig zu unrecht unterschätzter Oberknüller des aktuellen Albums.



Video: Sophie (mehr)

Setlist Veronica Falls, Feierwerk, München:

01: Tell me
02: My heart beats
03: Beachy Head
04: Broken toy
05: Waiting for something to happen
06: Bad feeling
07: Found love in a graveyard
08: If you still want me
09: Buried alive
10: Wedding day
11: Teenage
12: Come on over

13: Right side of my brain (Z)
14: Starry eyes (Roky Erickson Cover) (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Veronica Falls, Barcelona, 02.06.12
- Veronica Falls, Berlin, 22.03.12
- Veronica Falls, Luxemburg, 10.11.11
- Veronica Falls, Paris, 04.05.11

Tourdaten Veronica Falls:

04.05.2013 Stuttgart, Merlin 
05.05.2013 Dresden, Beatpol 
06.05.2013 Berlin, Festsaal Kreuzberg 
07.05.2013 Kiel, Roter Salon @ Pumpe 
08.05.2013 Hamburg, Molotow 

Foto: Archiv (Primavera Festival 2012)


* 22.06 Uhr, um genau zu sein




Montag, 4. Juni 2012

Veronica Falls, Barcelona, 02.06.12

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Konzert: Veronica Falls
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona
Zuschauer: vielleicht 1.000
Dauer: 42 min


Die beiden größten Bühnen des Primavera Festivals liegen knapp zehn Gehminuten auseinander. Dummerweise sind die Programme der San Miguel- und Mini-Stage nicht aufeinander abgestimmt. Da ich zu Beginn des ersten Festivaltags (19 Uhr bis Mitternacht) immer wieder zwischen beiden wechseln musste, musste ich entweder in Kauf nehmen, Anfänge oder Enden von Konzerten zu verpassen. Das letzte Sharon van Etten Lied konnte ich nicht ganz sehen, ohne den Anfang von Veronica Falls zu verpassen. Später fiel das Ende der Kings Of Convenience dem zu frühen Beach House Start zum Opfer. Ich hasse es, angebrochene Konzerte zu sehen, es ließ sich aber nicht verhindern.

Sharon van Etten war toll - Veronica Falls rechtfertigten aber in ihren gut 40 Minuten das pünktliche Erscheinen. Die jungen Engländer spielten auf der Mini-Bühne, die nicht nach ihrer Größe benannt ist - auf den Platz davor passen vermutlich 10.000 Menschen. Alle Konzerte auf dieser Bühne, die ich gesehen habe, hatten einen ausgezeichneten Sound gemeinsam. Ob es nur daran liegt, daß die Mini so weit von den anderen weg ist, oder an den besseren Soundingenieuren oder der überlegenen Technik, kann ich nicht sagen. The xx, Beach House oder Veronica Falls, die alle bei schlechtem Klang weit weniger aufregend gewesen wären, waren jedenfalls alle ein akustischer Hochgenuß! Auf der riesigen Hauptbühne schepperte es vorne und an den Seiten sehr fies. Selbst die dritte Stunde des The Cure-Konzerts, die ich neben dem Mischpult verbracht habe, war klanglich nicht überragend. Mini war der Place to be in Barcelona. Dummerweise war dieser Platz aber auch weit ab vom Schuß.

Veronica Falls bewiesen in ihren 42 min großes Selbstbewußtsein! Eine junge Band, die gerade mal ein Album hat, dann auf einem einschüchternd großen Platz eines der großen europäischen Festivals spielt, und dabei zwei neue Songs und ein Cover mitbringt, muß schon von sich überzeugt sein. Leider verfügen viele kleinere Bands über dieses Selbstvertrauen und sind dabei fürchterlich. Veronica Falls können sich jede Demonstration eigener Stärke leisten, die Band taugt verflucht viel! Im November hatte ich sie in Luxemburg gesehen und auf Anhieb lieben gelernt. Bei neuen Bands weiß man aber ja nie, wie lange sie an den Songs des ersten Albums gearbeitet hat. Wenn die Stücke über viele Jahre entstanden sind, ist die Chance, daß eine zweite Platte etwas taugt, zwangsläufig kleiner. Die besten Lieder sind geschrieben, und sie sind auf LP eins. Als die Londoner mit dem neuen Buried alive (vorläufiger Titel) das beste Stück ihres Sets gespielt hatten, haben sie diese Befürchtung bei mir bereits widerlegt. Das zweite neue Lied (Teenage) war zwar nicht ganz so groß, es war aber auch hervorragend. Auf die zweite Platte, wann auch immer die erscheinen mag, freue ich mich also jetzt schon!

Daß die erste Platte der Londoner nur Hits enthält, wird niemandem entgangen sein, der sie gehört hat. Ob die Stücke der Band nun originell sind oder auch schon bei Sarah Records hätten erscheinen können, ist mir völlig gleich. Veronica Falls machen nämlich
musikalisch einfach alles richtig und schreiben einen Ohrwurm nach dem anderen.

Auch eine Sache, die mir während des Konzerts auffiel, kann man den Engländern als Schwäche auslegen.
Veronica Falls sind vermutlich die einzige Band, die ich bisher gesehen habe, die zwei Gitarristen hat, die exakt das gleiche spielen. Wahrscheinlich sollte man das ihnen um die Ohren hauen, mangelnde Songstrukturen, bla bla. Mich erstaunte das lediglich, weil ich so etwas noch nie bemerkt habe. Daß Veronica Falls wundervolle Indiepop Songs schreiben, kann auch kein musiktheoretisch gebildeter Kritiker bestreiten! Da ist es mir doch vollkommen gleich, ob Roxanne und James das gleiche oder hochkomplexe gegenläufige Melodien spielen.

Wieder ein ganz sicherer Tip für ein Top 10 Konzert 2012 und einer der Höhepunkte des Primavera Sound Festivals!

Setlist Veronica Falls, Primavera Festival, Barcelona:

01: Right side of my brain
02: Stephen
03: Beachy head
04: Buried alive (neu)
05: Bad feeling
06: Starry eyes (Roky Erickson Cover)
07: Heartbeat
08: Found love in a graveyard
09: Wedding day
10: The fountain
11: Teenage (neu)
12: Come on over

Links:

- aus unserem Archiv:
- Veronica Falls, Luxemburg, 10.11.11
- Veronica Falls, Paris, 04.05.11



Freitag, 11. November 2011

Veronica Falls, Luxemburg, 10.11.11

5 Kommentare

Konzert: Veronica Falls
Ort: Exit 07, Luxemburg
Datum: 10.11.2011
Zuschauer: knapp 100
Dauer: 42 min


Ich frage mich häufig, ob die immer neuen Schichten von Einlaß-Stempelfarbe auf der gleichen Handstelle irgendwann bleibende Veränderungen an der Haut hinterlassen. Unter dem "Rappel" von heute sind noch Reste von gestern zu sehen - der c/o pop Stempel von Dienstag ist zumindest sichtbar weg.

Die Konzertnächte hinterlassen aber auch andere Spuren, meine Augenringe werden wieder tiefer. Das ist eben der Preis für die Neugierde, neue Bands nicht verpassen zu wollen. Das war gestern der Grund, Lanterns On The Lake nicht sausen zu lassen, und das war er auch heute, obwohl der Aufwand dafür größer war.

Veronica Falls sind eine der Bands der Saison. Eigentlich hätte ich die Engländer vergangenen Freitag als Vorgruppe der Dum Dum Girls gesehen, sie (oder andere) sagten diesen Support aber ab. Vermutlich sind sie zu schnell größer geworden, so daß sie diese Rolle nicht mehr übernehmen konnten. Also mußte eine Alternative her, Luxemburg war das einzig erreichbare Konzert.

Im Exit 07 war ich vorher noch nicht. Der sehr schöne Club, der Teil eines Kultur- und Ausstellungszentrums ist, liegt nah beim Atelier, das wiederum nicht weit vom Bahnhof. Offiziell passen 250 Zuschauer in den luftigen Raum, es standen aber einige Sitzgelegenheiten im Saal, man rechnete also nicht mit ausverkauftem Haus.

Das Exit 07 ist breit und wird an einer Seite von einer langen Bar begrenzt. Wegen der Quer-Ausmaße des Raums erzeugt die allerdings keine Engpässe wie ihre Kolleginnen in Köln (Luxor, Live Music Hall...). Auch die Bühne war riesig. Freitag sehe ich Owen Pallett mit dem Nordniederländischen Orchester. Ins Exit 07 hätten die sicher auch locker gepasst, für vier (zum Teil kleine und) junge Engländer war die Bühne überdimensioniert.

Während wir auf den Beginn warteten (bei allen nicht in Deutschland stattfindenden
Konzerten wird man am Eingang per Aushang informiert, wann die Bands spielen. Machen wir das nicht, damit Deutschland einen Ruf als spontanes, wildes, rebellisches Land bekommt, das nicht alles starr und pünktlich plant?), spielte ein DJ Team laute Musik von Anika bis Tuxedomoon. Irgendwann kam die Band auf die Bühne, das Vorprogramm stoppte, Sänger James Hoare bat um ein weiteres Lied ("tuning issues"), und es konnte um zehn nach zehn losgehen.

Veronica Falls kommen aus London und bestehen seit 2009. Vergangene Woche erschien ihr selbstbetiteltes Debütalbum bei Bella Union, mit dem sie jetzt touren. Neben James gehören Roxanne Clifford (Gesang und Gitarre), Marion Herbain (Bass) und Patrick Doyle (Schlagzeug und Gesang) zur Band.

Leider war der Gesang nicht schrecklich gut ausgesteuert, das war allerdings der einzige ernsthafte Kritikpunkt des Abends, denn mit ihrer Musik hatten die vier mich sofort. Kein Wunder, denn das, wonach sie klingen, mag ich ausnahmslos. Da war
weniger Pains Of Being Pure At Heart, dafür viel Vaselines, Pastels oder Darling Buds. Als ich noch grübelte, wem sie mehr glichen, kam die Lösung von rechts "ich habe leider nie Talulah Gosh gesehen..." Genau, an die erinnerten mich die Live-Veronica Falls auch ganz besonders. Ich kann mir vorstellen, wie entsetzlich lästig solche Vergleich für eine junge Band sind. Im aktuellen Fall - und immer wenn eine Band nicht nach einem Abklatsch der Referenzen klingt - ist dies aber ausschließlich lobend zu verstehen: Veronica Falls sind toll und absolut sehens- und hörenswert!

Beim "Sehenswert" allerdings kleinere Abstriche wegen James' Outfit. Die 8/9-Hose in Kombination zum häßlichsten Hemd des Konzertjahrs war alles andere als twee aber darüber sehe ich gerne hinweg.

Daß es kurz werden würde, war absehbar. Junge Bands aus England spielen auf der ersten europäischen Tour grundsätzlich zwischen 38 und 43 Minuten. Das steht vermutlich in ihren Plattenverträgen. Dafür hat man ja mit einer Platte auch Material. Veronica Falls spielten aber auch einige Nicht-Albumtracks, was ihnen bei mir weitere Pluspunkte einbrachte.
Last conversation (vermutlich) kannte ich nicht, ebensowenig Bury me alive, bei dem ich nicht sicher bin, ob es ein Cover ist. Starry Eyes ist das ganz sicher, es ist weiterhin B-Seite einer der Singles.

Es ist schwierig (und müßig), Highlights rauszupicken, dafür war das Programm zu kurz und zu homogen.
Found love in a graveyard oder The fountain stachen aber ein wenig heraus, beide gefielen mir ganz besonders.

Ob Veronica Falls die nächste Clubgröße in Europa erreichen, kann ich nicht einschätzen. Ich fürchte, die Band wird in einer Nische bleiben. Aber sicher bin ich, daß sie keine Eintagsfliege ist, und daß ich auch an einem zweiten Album große Freude haben werde.

Setlist Veronica Falls, Exit 07, Luxemburg:

01: Right side of my brain
02: Stephen
03: Beachy head
04: Last conversation (neu)
05: Bad feeling
06: The box
07: Found love in a graveyard
08: Heartbeat
09: Starry eyes (Roky Erickson Cover)
10: The fountain
11: Bury me alive (neu)
12: Wedding day

13: Come on over (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Veronica Falls, Paris, 04.05.11




Freitag, 6. Mai 2011

Veronica Falls & Times New Viking & O'Death, Paris, 04.05.11

3 Kommentare

Konzert: Veronica Falls & Times New Viking & O'Death (Hospital Ships)

Ort: La Flèche d'or, Paris
Datum: 04.05.11
Zuschauer: nicht sonderlich viele


Am Donnerstag habe ich Christophs neue Lieblingsband gesehen. Er weiß das noch nicht, aber ich würde darauf wetten, daß er auf Veronica Falls abfahren wird. Ich kenne nun einmal seinen Geschmack. Indiepop, das ist genau sein Fall!



Times New Viking und O'Death gingen ebenfalls an den Start und in meiner Abwesenheit zudem Hospital Ships. Feines Line-Up, oder? Für 10 Euro etwa 3 Stunden gute Indiemusik, da kann man wirklich nicht meckern. Trotzdem war die Pariser Flèche d'or nicht sonderlich voll.



Ob der Abend gehalten hat, was er versprach, erzähle ich euch in Kürze. Liege seit gestern mit Grippe und Kater (nicht dem alkoholbedingtem, sondern dem Tier mit Pfoten) im Bett, deshalb geht alles etwas langsam zur Zeit. So, ich koche mir jetzt einen Tee. Bis bald...

Update: Mitten in der Nacht des 6. Mai:

Fieberschübe lassen mich nicht schlafen. Also kann ich auch gleich berichten, wie der Abend in der Flèche d'or denn nun gelaufen ist. Um es vorwegzunehmen: ich hatte mir mehr erhofft. Einmal mehr war an der nichtvorhandenen Performance und der mangelnden Bühnenpräsenz Kritik zu üben. Besonders krass wurde dies im Falle von Times New Viking. Eine dreiköpfige Amiband aus Ohio mit der Sängerin und Orglerin Beth Murphy an der Spitze. Leider erwies sie sich zu keiner Zeit als echte Bandleaderin, sondern klimperte schlafversunken und apathisch vor sich hin, ohne jemals Blickkontakt zu dem weit entfernt performenden Gitarristen, oder dem Drummer aufzunehmen. Brutal langweilig ihre Mimik. Ein ausdrucksloser, blaßer Blick, der sich nie änderte und nicht das leiseste Anzeichen von Spielfreude zeigte. Sie wirkte unsicher und angeödet und ratterte die kurzen, nosigen Lofi -Nummern lustlos runter. Da fragt man sich schon, ob das als Coolness oder Blasiertheit zu werten ist. Ich meine, ich kann ja verstehen, daß man an manchen (an vielen sogar) Tagen, Lust hat, sich mit einer Pistole in den Mund zu schießen, aber ein bißchen Dankbarkeit könnte man schon zeigen. Dankbarkeit dafür, dem Spießerleben, das die ehemaligen Jahrgangsgenossen von der Uni bereits jetzt oder in Kürze führen werden, entkommen zu sein. Ein paar von denen werden demnächst grauenvolle Berufe wie Rechtsanwalt oder Zahnarzt (Leuten im stinkenden Mund rumpulen, pfui Teufel!) ergreifen, da ist es doch letzlich schon ziemlich toll, auf einer Bühne in Paris zu stehen. Finde ich zumindest. Auch wenn das bedeutet, quasi ständig in gammeligen Hotels abzusteigen und nichts von der jeweiligen Stadt zu sehen.

Times New Viking also performancetechnisch mies, aber musikalisch eigentlich keineswegs übel. Schrammelige Songs, die auf Grund ihre Einfachheit und Direktheit an die Ramones erinnerten, aber auch amerikanischen Indiebands der 1990er Jahre wie Pavement oder Guided By Voices nahe standen. Zudem waren klare Parallelen zu aktuellen Girlgroups wie den Vivian Girls und Best Coast auszumachen.

Hervorstechend der letzte Titel des Sets. New Vertical Dwellings hatte Pfeffer, Dynamik und Biss und sorgte dafür, daß ich das Konzert unter dem Strich als gehobenen Durchschnitt einstufen konnte.

Vor Times New Viking war bereits eine andere trendige Band an den Start gegangen. Veronica Falls stammen aus London und bestehen aus zwei feschen Mädels und Jungs. Patrick, Roxanne, James und Marion kredenzten furios schnellen, gitarrenlastigen Indiepop mit 60ies Note, der enorm cathcy und charmant war. Leider hatte man auch hier vor allem bei der Bassistin den Eindruck, daß sich die Süße saumäßig langweilt. Ihren mürrischen Blicken zufolge, war das Bespielen der Pariser Fleche d'or nicht sexier als zur Beerdigung einer ungeliebten Tante zu gehen. Meine Güte, zog die eine genervte Fresse! Die Gitarristin und Sängerin war auch nicht sonderlich gesprächig und liebreizend, obwohl sie mit ihrem weißen Spitzenkragen doch eigentlich so herzallerliebst aussah.

Für Schlagzeilen gesogrt hatten die vier Engländer vor allem mit ihren zwei Singles Beachy Head und Found Love In A Graveyard, die wirklich enorm frisch und ohrwurmig sind. Natürlich spielten sie diese beiden Hits heute auch und auch die anderen Nummern machten Lust auf mehr. Ein erstes richtiges Album soll im Laufe dieses Jahres erscheinen, bislang muss man sich mit einer EP mit 5 Demotracks vertrösten.

Eine musikalisch tolle Band, die noch viel besser wäre, wenn sie mehr Spielfreude vermitteln würde.

Mangelnde Spielfreude und Gruppendynamik, einen Vorwurf, den man den rustikalen Amerikanern O'Death sicherlich nicht machen kann. Im Gegenteil, die fünfköpfige Folkrock-Band beherrscht die Kunst des wuchtigen und teamgeprägten Auftritts perfekt. Bei denen geht auf der Bühne richtig die Post ab. Der urwüchsige Drummer feuert wie ein Olli Kahn von hinten an, der Geiger und der Basser liefern sich feurige Duelle, während der Sänger und der Banjo/Ukulespieler eher etwas bedächtiger, aber dennoch engagiert bei der Sache sind sind. So hatte ich sie 2008 beim Festival in Evreux kennengelernt und so präsentierten sich sich auch an diesem 4. Mai 2011 in der Flèche d'or. Renaud von le Cargo hatte mir im Vorfeld erzählt, daß ihr neues Album Outside eher melancholische und gemächliche Töne anschlagen würde, mich aber gleichzeitig beruhigt, daß sie dennoch wild und ungestüm geblieben seien. Dies hatte er von einem Bekannten erfahren, der die Truppe vor Kurzem gesehen hatte.

Beides stimmte. Zum einen gab es eine stärker ausgeprägte Besinnlichkeit und Schwermut als zuvor, nach wie vor aber die Phasen, in denen der Geiste der Pogues durch die Fléche d'or schwebte, bierseelige Mitgröhlgesänge angestimmt wurden und die Fiedel den folkloristischen Punk von O'Death mit rasantem Tempo vorantrieb. Die Jungs schonten sich in diesen Momenten nicht, sondern gaben alles, was in ihnen steckte. Das Problem war allerdings, das nicht mehr sonderlich viele Leute da waren, um mitzufeiern- und zu tanzen. Vermutlich war eine eher bodenständig gekleidete Band wie O'Death nicht cool und trendy genug für die jungen Leute, die den Laden in der Pariser Rue de Bagnolet frequentierten. Viele waren nach dem Konzert der Times New Viking nach Hause aufgebrochen und verpassten somit das engagierteste und in musikalisch-handwerklicher Hinsicht ausgereifteste Konzert. Keine Frage, die O'Deathler können spielen! Allein mit welchem Punch und Schlagkraft der Drummer (Foto aus dem Archiv) zur Sache ging, war atemberaubend.* Und der eher in sich gekehrte Sänger Greg Jamie hat eine äußerst markante Stimme, die gerade in den ruhigen Momnet sehr schön und anrührend war.

Leider hatten die Burschen keine ausgeschriebene Setlist dabei, was es mir erschwert, Titel vor allem des neuen Albums Outside zu bennenen. Ich habe es noch nicht und verfüge nur über den mehrfach herausgebrachten Klassiker Head Home (2006 zum ersten Mal), von dem natürlich Down To Rest und Only Daughter gebracht wurden. Zwei famose Tracks im Übrigen.

Alles in allem ein richtig gutes Konzert von O'Death, das einen wesentlich volleren Saal verdient gehäbt hätte. Aber die coolen Indie Kids von heute stehen halt eben mehr auf Veronica Falls oder Times New Viking...

Setlist Veroncia Falls, La Flèche d'or, Paris, klick!
Setlist Times New Viking, La Flèche d'or, Paris, klick!

Konzerttermine O'Death:

06.05.2011: Tap Tab, Schaffhausen
07.05.2011: El Lokal, Zürich
08.05.2011: Manufaktur, Schorndorf
09.05.2011: Feierwerk, München

Konzerttermine Times New Viking:

12.05.2011: Marie Antoinette, Berlin
13.05.2011: Conne Island, Leipzig
14.05.2011: Feierwerk, München


Aus unserem Archiv:

O'Death, Evreux, 28.06.08

* vor dem Hintergrund, das er, David Rogers-Berry, erst vor nicht allzu langer Zeit an Krebs erkrankt war und durch die Hölle ging, um so bewundernswerter!






 

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