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Donnerstag, 20. April 2017

Binoculers, München, 09.04.17

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Konzert: Binoculers
Ort: Kunsthof Bienenorden in München Sendling
Datum: 9. April 2017
Dauer: 65 min
Zuschauer: 25


Binoculers sind so eine Herzensband, für deren Entdeckung ich dem nuncafe auf ewig zu danken habe. Große Freude meinerseits deshalb, als klar wurde:
 1) es gibt 2017 ein neues Album
 2) es gibt dazu eine sehr ausgedehnte Tour im April.

Und im Studium der Tourstationen stellte sich gleich noch weiterer Grund zur Freude ein, denn es würde sich die Möglichkeit ergeben, die brandneue Musik mit Freunden zum ersten mal zu hören. Erst war Adorf ganz oben auf meiner Wunschliste. Mit Michael hatte ich Binoculers ja auch zuletzt beim Sound of Bronkow 2015 erlebt! Aber die freien Tage vor und nach dem Ostersonntag wurden dann von anderen Terminen belegt und so nahm ich die zweitbeste Chance in Angriff: Eine Reise nach München war seit zwei Jahren immer wieder verschoben worden und könnte doch nun endlich mit noch einem weiteren guten Anlaß Realität werden!
 

Eike hatte schließlich zusammen mit einigen gleichgesinnten für das Konzert in einen Gutshof nach Sendling eingeladen, der sich als Ort für Kunst aller Art empfiehlt. Es war ein ganz eigenes Gefühl, vom wuseligen Sendlinger Tor kommend an der Sendlinger Kirche noch im Feierabendtrubel eingebunden abzubiegen in eine Oase der Stille und des Willkommens: den Kunsthof Bienenorden.  


Dort waren auch schon genug Leute versammelt, dass über dem Schwatzen mit alten und neuen Freunden fast unbemerkt die Zeit verstrich, die Sonne unterging und schließlich das Konzert beginnen konnte (*). Vom neuen Album hatte ich bis dahin die Kostproben ignoriert und war mir doch sicher, in Fortschreibung des bisherigen einem wunderbaren Konzert entgegen zu sehen. Im Programm des Abends waren dann auch acht der 10+4 neuen Songs vom gerade erschienen Album Sun Sounds dabei und bildeten damit den musikalischen Schwerpunkt.


Als ich die am Abend erworbene CD dann eine Woche später zu Hause endlich hören konnte, war ich ganz froh drum, dass ich nicht schon so früh wie möglich - also vor dem Konzert - die CD bestellt hatte, denn die Marschrichtung ist im Vergleich zu den ersten drei CDs doch etwas anders als gewohnt und am Ende hätte ich mich (wie ich das so gut kann) gesorgt, ob mir das Konzert so recht zu Herzen gehen würde. Was - wie ich es hier so aufschreibe - eigentlich auch schon wie Unfug klingt (wahrscheinlich weil es Unfug ist...), ist die neue Musik doch in ihrer lichtdurchfluteten Melancholie wirklich so ganz besonders und wunderschön und dann doch eigentlich gar nicht so anders nach mehrerem hören.
 

Aber in der Live-Darbietung war für mich die ausgestreckte Hand zum gewohnten sehr bequem und nahm mich ganz selbstverständlich mit zu neuen Horizonten: Come with me als Eingangssong sozusagen als persönliche Einladung. Und eine Stunde unter dem Motto Who can saturate the darkness - da bin ich immer gern dabei. Und es gab ja auch die so ans Herzen gewachsenen Lieder eingestreut. Zum Beispiel vom letzten Album (2015) die Stücke Moonbeams und Where the water is black - oder Bow and Arrow - immer noch so intensiv, dass mir jedes Mal fast das Herz still stehen möchte.


Und das aufmerksame und offensichtlich sehr begeisterte Publikum erhielt auch als Zugaben bewährtes mit Agravic und dem wiegend zarten Beat - das einzige Lied vom 2012er (Kennenlern-)Album There is not enough space in the dark.

(*) Lustigerweise auch Katrin Bobek von der Müncher Moonband, die ich zuletzt am gleichen Tag wie Binoculers in Dresden gesehen hatte. Auch sie haben eine neue Platte, und feiern das ab 28. April mit einer großen Tour.


Setlist:
01: Come with me
02: Moonbeams
03: Where the water is black
04: Same sun
05: Saturate the darkness
06: The Window
07: Bow & Arrow
08: The Cities
09: Quiet Sea
10: Shine and then gone
11: Parallels
12: But Oh!

13: Agravic (Z)
14: Beat (Z)

Bericht von Gerhard

Tourdaten:

31.03. Aachen / Raststätte
01.04. Düsseldorf / Weltkunstzimmer
02.04. Hannover / Café Glocksee (w/ Radare)
04.04. Kassel / Goldgrube (w/ Radare)
05.04. Offenbach / Kapelle HFG Offenbach (w/ Radare)
06.04. Freiburg / Slowclub
07.04. Thun / Mundwerk
08.04. Ravensburg / NRVK
09.04. München / Galerie Gut
10.04. Ulm / Hauskonzert
11.04. Saarbrücken / Zing
12.04. Darmstadt / Zucker
13.04. Würzburg / Wunschlos Glücklich
14.04. Adorf / Hauskonzert
15.04. Chemnitz / Aaltra
16.04. Hof / Hauskonzert
19.05. Braunschweig / Nexus
25.05. Ulm / Hudson Bar



Aus unserem Archiv: 
Binoculers, Adorf, 14.04.17  
Binoculers, Dresden, 05.09.15
Binoculers, Karlsruhe, 06.07.15
Binoculers, Karlsruhe, 07.11.12





Dienstag, 11. April 2017

Mauno, München, 10.04.17

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Konzert im Rahmen der Müncher Hauskonzerte mit Mauno
Datum: 10. April 2017
Dauer: 60 min
Zuschauer: etwa 100


Das hätte ich mir in meinen wildesten Träumen nicht ausgemalt, dass meine Tage in München einen Ausflug auf eine Pirateninsel beinhalten würden. Der geheime Ort des Konzertes mit der Band Mauno aus Halifax war für mich gar nicht so einfach zu finden in einem Container-Niemandsland hinter dem Ostbahnhof. Zu viele Container, um zwischendrin das gesuchte Container collective zu finden... Aber dann passte alles wirklich super um sich für einen Abend 


  Nick Everett (Gitarre und Gesang)
  Eliza Niemi (Bass und Gesang)
  Adam White (Schlagzeug) und
  Scott Boudreau (Gitarre)


zu überlassen.


Auch wenn nur der Drummer in etwa aussah, wie ich mir einen Pirat vorstelle. Die vier fühlten sich heimisch unter dem Münchner Himmel. Sie betraten etwas scheu die Bühne, stimmten die Gitarren durch und dann zündeten sie ein wahres Feuerwerk: Wilde, poetische Melodien (wie merken die sich das oder erfinden die es einfach jedes Konzert neu?) umgarnt von ebenso wilden - manchmal konträren manchmal schmeichelnden Gitarrenlinien. Dabei Taktsprünge und -wechsel was das Zeug hält. 


Das ist erwachsen verwirrt. Das ruft und wispert und winselt und windet sich. Dazu ein Bass, der manchmal tänzelnd hopst und hopst - wie z.B. bei Champs oder Summertime - aber auch eine ordentlich Basis gibt, wenn es Krach auf die Ohren gibt. Das fordert Hingabe. Von der Band aber auch vom Publikum, das sich aber nicht eine Sekunde bitten läßt, sondern sofort mit- und abging.


Am interessantesten waren für mich die zweistimmigen Songs zwischen Eliza und Nick und totale Faszination überkam mich bei den Frauenstimmensongs. Was waren die intensiv - Burn this - Wow! Die hypnotischen OoOoOos wiederholten sich ein ums andere mal, um dann einem Schlagzeugausbruch Platz zum machen. Und diese jähen Überraschungsenden an jedem zweiten Song. Trotz Spielfreude und Extase bleiben die Songs alle knackig kurz und bei der Sache. Immerhin sind es am Ende 18 Songs in 60 min - da bleibt im Schnitt nur 3 min pro Stück.
 

Nick sagte nachdem der Spaß schon halb vorbei war: Wir spielen euch alle Lieder, die wir haben und dann habt ihr sie! Anschließend gab es mit Again fast so etwas wie einen Blues, der aber auch wieder so ein abruptes Ende hatte.


Das Set endete mit einem echten energetischen Rausschmeißer und einer hymnischen Zugabe nach genau einer Stunde. Seitdem lässt mich diese Musik nicht los und wächst und wächst in meinem Herzen. Was für eine Tour de Force - welch tolle Spinner!


Setlist:
01: Bond
02: Didge
03: Champs
04: Benny
05: Summertime
06: Really well
07: Burn this
08: Nothing
09: heuth
10: Sight
11: Seven
12: Hot face
13: How long
14: Waste
15: Five
16: Again
17: Hand

18: Corn (Z) 


Tourdaten:



Mittwoch, 10. Juni 2015

Aldous Harding, München, 07.06.15

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Konzert: Aldous Harding
 Veranstaltung der Hauskonzerte in München
Datum:  7.  Juni 2015



Ein Bericht von Eike - vielen Dank!

da braute sich was zusammen! über den himmeln der bayerischen hauptstadt, geradwegs auch über dieser ehemaligen schreinerei, an der marsstraße gelegen und zwar im hinterhof versteckt, doch nahe lärmender nachbarschaft, stand der himmel in dunkel gehüllt, zogen die winde auf, als würde ein sommergewitter feinster provenienz ausgebrütet. und doch wagten die fleißigen konzertveranstalter von hauskonzerte.com den abend mit hanna claynails harding, besser bekannt als aldous harding, ins freie zu verlegen. handgeknüpftes teppichwerk bevölkerte den kargen steinboden, darauf alsbald niedergelassen einige dutzend neugierige, höchstpersönlich eingeladene menschen. die künstlerin selbst hatte sich botmäßig unters volk gemischt und zollte dem abend, zollte antò nio applaus für einen wagnis behafteten auftritt, den der junge, münchner sangeskollege absolvierte. 


eine kurze pause später steht uns die neuseeländerin gegenüber. in ein kurzes, mit lustigen pferdchen bedrucktes sommerkleid gewandet, mit frisch gewaschenen, hoch gebundenen haaren, eine junge frau noch, der welt auf eine weise zugetan, wie man sie, wenn man knapp zwanzig jahre voraus ist, nur noch schemenhaft identifizieren kann. da sind diese offenherzigen und gleichzeitig beschlagenen gesten, da ist die vermeintlich schüchterne musikerin, deren ausdruck jedoch prägnant und ausdrucksstark staunen macht. da ist das stibitzen über den saiten ihrer akustischen gitarre, da ist dieser kehlige, selbstvergessene gesang. und da ist man selbst und da sind die eigenen vorstellungen, wie sie zurückgeworfen werden, wie sie zerschellen an der kunst einer charismatischen wie leichtfüssigen frau, die sich und vieles um sich herum nicht ganz so ernst zu nehmen und doch mit vielem im widerstreit zu stehen scheint. alsbald aber hält man nur noch den atem an, zwingt sich den tönen nach, die sich zwischen dem pfeifen der vögel, dem mal wispern und dann wieder rauschen des windes zu verlieren scheinen, die sich messen mit dem partygebrüll der konkurrenzveranstaltung einen hof weiter. druckvoll aber kann es harding auch und sie macht aus ihrem herzen keine mördergrube und verfängt sich in ihren liedern, verläuft sich in ihren phantasiewelten und kehrt erst wieder zurück, wenn die letzte note gefallen ist. 



sie beginnt mit "stop your tears", dem ein leichtes meeresrauschen innewohnen zu scheint, ein wenig mondglanz, eine starre, unverrückbare sehnsucht. das picking ist poiniert, zart, sacht. die stimme breitet sich nur langsam, dafür umso eindringlicher aus. ein schatten von koloratur bereits. rau der zeilenbeginn, weich die enden. wo auf ihrem album ein märchenhafter soundreigen einbettet, tut es an diesem abend die natur nicht weniger gelungen. harding weiß um ihr minenspiel, um ihre eigenart, die gitarre zu umklammern, den kopf über den resonanzkörper legend, als spüre sie den tönen nach, als prüfe sie die qualität des vortrag, noch bevor er an die ohren seiner hörer brandet. 

"beast" zeigt sich belebter, flotter, es spielt mit den worten, auch wie es den klang der worte zu biegen weiß. ein neuer dialekt, der sich unter der liquiden melodie breit macht. wir streifen nachfolgend mit "titus groan" mervyn peakes "gormenghast trilogie", vorgetragen mit diesem weichen flattern in der stimme, gebettet in vollmundige, verheißungsvolle, warme harmonien. dass der track ausgerechnet "party" heißt, in welchem es um die trennung von einem lover geht, findet auch harding komisch, wenngleich bald klar wird, dass es hier um das bedauernswerte warten und bangen geht, ob und wann man sich treffen wird oder nicht mehr treffen mag. 

auch "swell does the skull" ist kein albumtrack des im letzten jahr veröffentlichten debütwerks der aus dem kleinen lyttelton stammenden sängerin. erst mit "hunter" zieht sie wieder bekanntes ins blickfeld und weiß zugleich um ihren "hit", wie sie den wunderbaren titel selbst nennt. er geht ihr so frisch von der hand, wie man es erwartet hatte. die einträgliche melodie breitet sich flink aus und fasst das rund, bewegt es gar ein wenig. der lichte gesang verstaubt unter der noch trockenen erde und wird doch same sein. es ist das drama, es ist nichts, was sich aufdrängt im vortrag von aldous. es ist die seelentreue, das verbindliche moment, das anhebt, anrührt. 

ein letztes lied, dann geht sie. geht mit einem lächeln über den lippen. doch das publikum möchte sie noch einmal wiedersehen. sie stöpselt die gitarre ab und ehrt eine ihrer vorbilder. "non, je ne regrette rien" schallt es durch den hof, energisch trägt sie das piaf-lied vor, ihre aussprache ist ausgezeichnet, das lied passt besser zu ihr, als man zunächst glauben wollte.

dass sich harding später nicht zu einer weiteren zugabe hinreissen ließ, begründet sie damit, dass sie genau wisse, dass man in der folge ein ums andere mehr von ihr hören wolle. außerdem wartete bereits eine zigarette auf sie, die ihre tourmanagerin bereits zwischen den fingern bereit hielt.


so musste wir uns mit einem viel zu kurzen, dafür umso intensiveren vortrag begnügen. ein schöner abend, wie er sich dann über münchen verlor, ohne auch von nur einem tropfen nass benetzt worden zu sein. so kann auch ein sonntagsglück aussehen.

Setlist: 
01 stop your tears
02 beast
03 titus groan
04 party
05 swell does the skull
06 hunter
07 the world is looking for you

08 non, je ne regrette rien (Z)


Sonntag, 16. Juni 2013

Scout Niblett, München 11.06.13

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Konzert: Scout Niblett
Ort: Strøm, München
Datum: 11.06.2013
Zuschauer: gut gefüllt
Konzertdauer: etwa eine Stunde 

Text und Fotos von Eike aus Bayern. Erstveröffentlichung auf seinem Klienicum.



Dass sich der Künstler gegenüber seinem Publikum offenbart, dass er sich häufig genug zur Nacktheit zwingt, wir wissen es. Dass er seinen Abgründen nicht ausweicht, im Gegenteil in sie eintaucht, um uns daraus vorzulesen, wir haben es erlebt. Dass er manchmal seinen Offenbarungszwang, die tägliche Notwendigkeit dazu nicht ertragen kann, wir haben es geahnt. Während wir uns zur Ablenkung zwingen, den inneren Dämonen so oft es geht entsagen, konfrontiert sich der Künstler, wenigstens möchten wir ihn in aller Ernsthaftigkeit so wahrnehmen, mit dem heiklen Material seiner intimen Widrigkeiten. Dem einen gelingt das für die Zeit einer Konzertreise, dem anderen geht zwischendrin der Mut, die Kraft, die Emotion verloren. Es wäre das Selbstverständlichste. Nun bin ich nicht vertraut mit Scout Niblett und ihren Nöten. Doch was sie an diesem Mittwoch abend präsentierte, war nach außen gekehrtes Unbill. Sie trug die Tragik offen. Man konnte aus ihren Gesichtszügen das Waidwunde lesen. Getroffen war sie bereits, als sie auf die Bühne kam. Als sie nach nicht einmal einer Stunde bereits wieder ging, schien sie auf eine Weise besiegt, die ich fast unerträglich fand. Ein besonderes Ärgernis, sie zu einer Zugabe herausgezwungen zu haben. Die Musik war bereits eingeschaltet, doch ein durstiges Publikum verlangte nach mehr von dem rachsüchtigen Saft der Neugier und des Voyeurismus. "I Am" war da die richtige Antwort. Und wenn es nicht genüge wäre, dass sich der Künstler nicht wohl in seiner Haut fühlt, trieben Nebensächlichkeiten ein teuflisches Spiel. Der Verstärker Nibletts war im Eimer und gab für die Dauer des Konzerts ein unüberhörbares Schnarren von sich. Auch in lauteren Passagen musste man sich Mühe geben, um gnädigerweise das störende Nebengeräusch zu ignorieren. Dass mehrmals Zwischenrufe aus dem Publikum kamen im Sinne von "Anlage abschalten!", tat da sein Übriges. Danke an den Rückrufer: "Ansage abschalten!" war sein treffender Kommentar. Scout Niblett ergänzte, dass es sich doch um einen coolen Umstand handle und sie schließliche eine Noiseband wären und grinste dabei verlegen. Ihre Anfragen nach Wünschen gleich zu Beginn des Konzerts blieben zudem fast gänzlich unbeantwortet, jemanden fiel noch "Kiss" ein, dann erbat sie sich Fragen, mehrmals, auch hier keine Reaktion aus dem Publikum. Das waren mehr als missliche Ausgangspositionen. 

Nach zwei Solonummern kamen jeweils kurz aufeinander Drummer Jan Phillip Janzen und der auf Dauer breit Kaugummi kauende Miguel Ortiz Caturani auf die Bühne, um dem Vortrag etwas mehr 'Bumms' zu verleihen. Die Schießbude war derart auf Knalleffekt eingestellt, dass sie sich mehr als befeuernd in den Dienst der 1973 geborenen Emma Louise stellte, mehr denn zu einem ganz paritätischen Element des Vortrags wurde. Trommelwirbel, die Pausen füllten, Euruptives, Manisches. gelungen in jedem Fall. Auch das zusätzliche Gitarrespiel war ein willkommener Gruß an Lautstärke und kraftvollerem Vorwärts. 


Doch am Ende blieb immer Scout. Ihr züngelnder Gesang in den leisen, ihr Maß nehmen in den lauteren, in den lauten passagen. Ihr Schreien ist dabei ein nie vollendetes, als wage sie nicht den Weg zu Ende zu gehen. Ihre Kunstfertigkeit an der Gitarre, dieses gezielte Spiel, um Stimmungen zu belegen, sich ein Begleitensemble zu kreieren. Seltener kannst du erleben, wie Töne zahm sich fügen, um der gesungenen Note zu folgen. Ein einträgliches Buchstabieren. Vorbeten, Nachtun. Es ist eine Ordnung, die der Künstlerin Halt verleiht. Und so folgte die Zuschauerschar im gut gefüllten Strom einem immer wieder gleichen Muster. Einem zögerlichen Beginn, in dem die Instrumente Pferden gleich mit den Hufen scharren, folgt der Ausbruch und die Entladung. Die Gitarren fetzen und erhalten durch die Schwere der Schlagzeugwucht ihre energetische Bestätigung. 

Songs aus dem neuen Album "It's Up To Emma" changierten dabei zwischen der Fragilität angelehnten Gesangs und dem Punch eines organischen Krawallschlages. Eine verlorene Liebe, und du kannst sie Zeile für Zeile buchstabieren, ist eine verlorene Liebe. Und wovon sollten wir sonst zehren, wenn nicht vom Schmerz, der uns an uns bindet. Und wovon sollten wir sonst erzählen, wenn nicht vom Geschlagensein. Und was ist unsere größte Triebfeder, wenn wir nach Ausdruck suchen. Der Schmerz. Er hinterlässt Spuren. Wie die strähnigen Haare im Gesicht. Wie die ausgezerrten Züge, die licht entsagenden Falten, das falsche Schmunzeln, die tränennassen Augen. "Could This Possibly Be?" wird zum stärksten und bewegendsten Stück, weil die sezierten Elemente ihren ganz eigenen Reigen um diese unbeantwortete Frage tanzen. 









Es war ein Abend, der von einem Magengrimmen begleitet war. Ja, man möchte Teilhaben an der Kunst des Ausdrucks. Auch um seines Schmerzen willen. Aber soll es auch eine Kunst sein, an der man zerbricht? Derentwegen man in die Knie geht, weil sie als Mittler vielleicht nicht mehr taugt? Der umsorgenden Hege des Blues ist Scout längst entstiegen, im blinden Treugesang des Metals ist sie längst heimatlos. Die eigene Melange aus wütender Ruppigkeit und blinder, kindlicher Folgsamkeit wird zum Störfeuer, das das Schiff nicht in den heimatlichen Hafen der Geborgenheit führt. Man wollte sie in den Arm nehmen und trösten. Doch war sie längst über alle Bergen, den Rucksack geschultert, in dem sie wohl all das mit sich führt, was sie längst abgeworfen haben sollte.






Mittwoch, 29. Mai 2013

Bruce Springsteen & The E-Street Band, München, 26.05.2013

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Konzert:  Bruce Springsteen & The E-Street Band
Ort: Olympiastadion, München
Datum: 26.05.2013
Zuschauer: 43.000
Dauer: 175 Minuten


Immer wieder richte ich meinen besorgten Blick nach Draußen, nach Unten, hinab zum Stadion. Ich sitze in der Aussichtsplattform des Münchner Olympiaturms, lese, während sich die Schleusen des Himmels öffnen und der Regen an die Fensterscheibe prasselt. Vor dem Stadion wartet bereits Stunden vor Beginn ein lange Schlange auf den Einlass, ich wärme mich lieber auf, bevor ich kurz vor Toröffnung vor der historischen Sportstätte stehe. 

Mehrere Stunden im Dauerregen bei Temperaturen von fünf Grad Celsius erwarte ich mein erstes Bruce Springsteen Konzert. Seit Jahren überfällig, war es der Tod des Big Man, des Saxophonisten Clarence Clemons, 2011, der mir auf schmerzliche Weise vor Augen führte, dass ein ständiges Verschieben keine Option sein könnte. Im letzten Jahr verpasste ich dennoch alle Deutschland-Konzerte und freute mich umso mehr, dass die „Wrecking Ball“-Tour verlängert, auch um weitere Europa-Konzerte bereichert wurde. Meine Wahl fiel auf München: Dass das Konzert unter derart widrigen Umständen stattfinden würde, konnte man beim Ticketkauf nicht ahnen, zahllose Kartenbesitzer traf man so vor dem Stadion an, Karten verramschend. Caipirinha ist Standard bei Open Air Konzerten, bezeichnenderweise wird heute auch Glühwein angeboten.
 
Um 19.15 Uhr erschallt tosender Applaus, der Boss betritt die Bühne. Ein paar Töne auf der Mundharmonika spielend, lächelt der muskulöse 63-jährige ins offiziell ausverkaufte Rund, begrüßt das Publikum auf Deutsch: „Servus, wie geht’s. Gluckwunsch zur Championship“, die Bezugnahme auf den Championsleague-Sieg des FC Bayern am Vortag lässt viele der Regenjacken tragenden Zuschauer das Wetter vergessen, umso stolzer hüllen sie sich in ihre Vereinsschals.

Ohne E-Street Band spielt Springsteen eine reduzierte Akustikversion des Creedence Clearwater Revival – Songs „Who'll Stop The Rain“. Darauf hätte man wetten können, so unberechenbar für gewöhnlich auch seine Konzerte sind. Der Regen wird zu keiner Minute enden, Jacken und Regencapes schützen nur bedingt. John Fogerty beschrieb einst seine Woodstock-Erlebnisse in der Hymne, dort war es zumindest wärmer. Sich nahtlos in dessen Tradition stellend wird es mit „Rockin' All Over The World“ gegen Konzertende ein zweites Stück aus der Feder des Kaliforniers geben, über dessen Band Springsteen einmal sinngemäß sagte, „CCR waren nie hip, aber sie waren die Größten“. Hip ist er selbst im Deutschland der Gegenwart wohl auch nicht mehr, aber wen kümmert das. Es ist egal, dass unter den 43.000 im Olympiastadion viele sind, die man wohl auch bei Bon Jovi oder Peter Maffay, dem er äußerlich immer erschreckender ähnelt, antreffen würde. Es ist egal dass Die Toten Hosen auf überdachten Tribünenplätzen zuschauen. 

Es gibt nichts besseres als Konzerte von Bruce Springsteen mit E-Street Band: Zu „Long Walk Home“ steht das fast 20-köpfige Ensemble dick eingepackt in wärmender Kleidung auf der Bühne, gleich dieser zweite Song wird auf Wunsch des Publikums gespielt. Der gradlinige Rocker von „Magic“, jenem letzten großartigen Ausrufezeichen der E-Street Band aus dem Jahr 2007, reißt mit, zeigt, dass Stadionrock eine gute Sache sein kann, die niemand besser beherrscht als der Boss. Springsteens Bühnenverhalten ist ehrlich, die Songs Weltklasse, alles andere sind Trittbrettfahrer oder Epigonen: Von Bon Jovi über Steve Earle bis zu The Gaslight Anthem, Mumford & Sons und Arcade Fire, so sehr ich sie zum Teil verehre. Ein klassischer Rock n' Roller ist der Mann aus New Jersey fraglos, aber auch ein begnadeter Storyteller, ein Songwriter von schier Dylan'schen Format. 
    
Vom epischen Hitalbum „The River“ wird nur „Out In The Street“ gespielt, mitgegrölt aus zehntausenden Mündern, da ist mir selbst das arrhythmische Geklatsche eines nervigen Nebenmanns völlig egal. Was ist die E-Street Band doch für eine unfassbare Truppe: Ganz in schwarz gekleidet steht eine Formation, die viel mehr ist als eine Backingband, auf der Bühne. Mit dunklen Stetson-Hüten leisten die ikonischen Gitarristen Nils Lofgren und Steven van Zandt eine großartige Show. Die musikalische Klasse Lofgrens, der auch zahlreiche fantastische Soloalben aufnahm und wertvolle Arbeit für Neil Youngs Crazy Horse leistete, kann kaum genug gelobt zu werden, während ich darüber nachdenke, ob man sich Sorgen um Little Steven machen muss. Der markante Gitarrist scheint während des ganzen Abends nicht wirklich mitzusingen, auch sein Spiel wirkt ein wenig steif. Sicher ist seine kantige Performance legendär, doch irritiert sie mich dennoch. Hoffentlich ist alles gesundheitlich in bester Ordnung.

Tracks“ heißt die große Raritäten-Box, auf der sich Outtakes, die es nicht auf die regulären Veröffentlichungen schafften, auf vier beeindruckenden CDs versammeln. Zwei dieser Perlen gibt es heute Abend im endzeitlichen Dauerregen; „My Love Will Not Let You Down“ aus der „Born In The USA“-Phase und als Reaktion auf ein Publikumsschild „Seaside Bar Song“, ein 1973 während der Aufnahmen zum zweiten Album „The Wild, The Innocent & The E-Street Shuffle“ entstandener Song mit echtem Hitpotential, den er tatsächlich erst zum 17. Mal überhaupt spielt. 
 
Der kleine Junge, der das Schild hochhielt, darf auf die Bühne, auch das gehört fest zu einer Springsteen-Show. Immer wieder werden Kinder eingebunden, sicher, das ist Routine, aber niedlich und sympathisch. Natürlich dürfen wieder Nachwuchsfans den Refrain von „Waitin' On A Sunny Day“ später im Set singen, witterungsbedingt ein weiterer naheliegender Song an diesem Abend. Textsicher und rhythmisch stimmig präsentieren gleich drei Mädchen und Jungen ihre Gesangsgabe, während Springsteen wie ein gütiger Onkel lächelnd hinter ihnen steht. Es wirkt fast so, als hätten die Eltern mit ihren Kindern für diesen Auftritt geübt, noch so etwas, das mich an Maffay denken lässt. Aber was soll's. Auf der Rückseite des kunstvoll gestalteten „Seaside Bar Song“-Schild wird sich das raffinierte „Rosalita (Come Out Tonight)“ gewünscht, das es im Gegensatz zum erstgenannten Lied auf das zweite Album schaffte.

Besonders die mehrköpfige Bläsersektion und Max Weinberg, einer der talentiertesten Rockdrummer der letzten 40 Jahre, spielen hier unglaublich. „Der hat zu viel geübt, der ist zu gut. Ein Wahnsinnsdrummer“, meint Achim Erz, der mit mir das Konzert besucht, selbst Schlagzeuger bei Bernd Begemanns formidabler Band Die Befreiung, anerkennend. Was ist „Rosalita“, doch für ein Monstrum von einem Song, ein Wolpertinger, ein Mischwesen aus so vielen Grundsteinen perfekter Popmusik, lyrisch wie musikalisch schwer zu übertreffen. Frauensongs gibt es im Springsteen'schen Kanon en masse, „Rosalita“ ragt mit Witz und Klasse heraus, „I ain't here for business baby, I'm only here for fun / And Rosie you're the one“.

Der verträumte mittellose Romantiker, dem Rosalitas Vater seine Armut entgegenhält („And your papa says he knows that I don't have any money“), könnte sich auch deprimiert und ausgebrannt in „Death To My Hometown“ und „Wrecking Ball“, vom gleichnamigen, aktuellen Album wiederfinden.

Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, wie man das zutiefst gesellschafts- wie kapitalismuskritische Werk, des Hurra-Patriotismus bezichtigen kann, wie es in den USA tatsächlich geschehen ist. Vielmehr ist es ein wütender Soundtrack der Occupy Bewegung. Springsteen war für amerikanische Verhältnisse immer relativ links eingestellt, wenn auch nie so deutlich positioniert wie Steve van Zandt, machte Wahlkampf für demokratische Präsidentschaftskandidaten, zuletzt für Barack Obama, seinem vermutlich prominentesten Fan, der ihn als „lawyer of a generation“ bezeichnete und den mittlerweile fast legendären Satz, „I'm the president, but he's the boss“, prägte.

Wrecking Ball“ ist das ausweglose Zeugnis eines vom Kapitalismus ausgebeuteten Landes, zerstört von Spekulanten, zerfressen von Gier. Gleichzeitig kann man viele Zeilen als Aufbäumen in Zeiten der Rezession verstehen. Live gewinnt das Lied durch passende Chöre, Bläsersätze, harte Gitarrenriffs Lofgrens eine noch wutentbranntere Note, bevor Springsteen resigniert. konstatiert; „Now when all this steel and these stories, they drift away to rust / And all our youth and beauty, it's been given to the dust/ When the game has been decided and we're burning down the clock / And all our little victories and glories have turned into parking lots / When your best hopes and desires are scattered through the wind“.

Im direkten Anschluss gibt es „Death To My Hometown“, das mir heute weit besser als auf Platte gefällt. Die mich sonst so störenden Irish Folk Elemente erscheinen mir nun viel sinnvoller, vielleicht sogar zum Wetter passend. Die harten Riffs verdeutlichen, warum so oft Tom Morello von Rage Against The Machine als Gastgitarrist erschien, politisch wie musikalisch passt das wie die Faust aufs Auge. 

Springsteen steht wieder im Regen, knöpft das Hemd auf. Es ist die Solidarisierung mit dem Publikum, die einen nicht unerheblichen Beitrag dazu leistet, dass jedes einzelne Konzert ein ganz besonderes ist. Van Zandt stellt sich zu ihm in den Regen, zieht Grimassen; da kommt der begabte Schauspieler zum Vorschein, wie man ihn aus den Sopranos kennt. „The mighty E-Street Band has come thousands of miles tonight just to be here. We don't care about the rain. We deliver. We don't give a fuck about the rain. We're here tonight because we are on a mission“, ruft der Frontmann im kurzärmligen Hemd und beschwört das Publikum zur regen Teilhabe am Konzert. „Can you feel the spirit now?“ Dann gibt es „Spirit in the night“, jenen buchstäblich groovenden Song vom starken Debütalbum „Greetings From Asbury Park, NJ“. Die Zuschauer singen mit, die Bläser allen voran Clarence Clemons' Neffe Jake Clemons erzeugen ein stabiles Soundgebilde. Die Backing Vocalisten trumpfen groß auf, auch Lofgren, van Zandt und Bassist Gary Tallent, ebenfalls mit Hut, singen den Refrain mit.

Die Ankündigung, nun „Born In The USA“ komplett und in der richtigen Reihenfolge zu spielen, sorgt für tosenden Applaus. Ich hingegen bin skeptisch. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der enormen Hitdichte, war ich zu keiner Zeit ein großer Fan des so oft fehlinterpretierten Millionseller, der entschlüsselten DNA des Stadionrocks. Der Titeltrack schlägt erwartungsgemäß ein und steigert die Stimmung der frierenden, durchnässten Menge spürbar. Dass mediokre Songs wie „Cover Me“ oder „Darlington County“ mich nicht wirklich begeistern können ist nebensächlich, wenn andere Lieder, die mir zuvor nie richtig gefallen wollten, eindrucksvoll funktionieren. „Working On The Highway“ ist so ein Beispiel. Hatte ich zuvor Videos voller Schweißbänder und anderer Fehltritte der 80er im Kopf, habe ich heute nichts auszusetzen. Im Gegenteil, die Band spielt unglaublich, das Intro auf der Akustikgitarre ist perfekt, der Refrain setzt stimmig ein. Weniger gut gelingt es bei „Downbound Train“, es wird nie mein Lieblingsalbum sein, aber es ist eben auch „Dancing In The Dark“ und diese wundervolle Folge dreier Ausnahmesongs darauf: „I'm On Fire“, das vielleicht schönste Liebeslied aus Springsteens Feder, „No Surrender“, mit der unübertrefflichen Zeile „We learned more from a 3-minute record, baby / Than we ever learned in school“ und die Ode auf die Freundschaft zu Steven van Zandt, „Bobby Jean“.

Vier Lieder die „Born In The USA“ als Meisterwerk auszeichnen, die es rechtfertigen ein Album komplett zu spielen. Es ist das erste Mal, dass Springsteen dies in Deutschland macht und die Menge dankt es ihm. Vielleicht muss man das Ganze heute Abend als liebenswürdige Geste vor der Kulisse des miserablen Wetters betrachten. Ansagen gibt es zwischen diesen Songs keine. Springsteen tritt auf's Gaspedal, am Ende ist es mit knapp unter drei Stunden eines der kürzesten Springsteen Konzerte der letzten Jahre, was heute kaum einen stören dürfte, schließlich wird nicht an Liedern, sondern an Ansagen gespart. Natürlich sind die Springsteen'schen Monologe legendär, heute fällt ihr weitgehendes Fehlen jedoch kaum störend ins Gewicht. 
 
Zwei Songs vom 9/11-Bewältigungsalbum „The Rising“, das jede weitere musikalische Auseinandersetzung mit dem Terrorakt unnötig macht, folgen, dann ist „Badlands“ das Ende des regulären Sets. „Darkness On The Edge Of Town“ ist mit einem Song sicherlich unterpräsentiert, was auch an der Komplettpräsentation des 84er Hitalbums liegen dürfte, doch ist „Badlands“ mein absolutes Konzerthighlight. Die Energie ist überwältigend, Springsteen sucht immer wieder die Nähe des Publikums, Rituale wie der Fankontakt gehören dazu - bei jedem Wetter. Die düstere Strahlkraft „Badlands“ passt zum Abend, „Well, keep pushin till it's understood / And these badlands start treating us good“.

Wetterbedingt verlässt die E-Street-Band vor den Zugaben gar nicht erst die Bühne und Springsteen merkt an, man wolle mit einem Song zum Tanzen für ein wenig Aufwärmung sorgen. Die „Seeger-Sessions“ mochte ich nie, nichtsdestotrotz muss ich zugeben, dass mir das gut zehnminütige „Pay Me My Money Down“ heute Abend gefällt. Soozie Tyrell spielt Violine und überhaupt stören all die irischen Einflüsse währenddessen kaum, haben sie mir doch noch das Livealbum „Live in Dublin“ unerträglich gemacht. 

Ohne Ehefrau Patti Scialfa ist die E-Street Band dennoch opulenter gestaltet denn je zuvor. Ohne ein großer Fan von Backroundchören zu sein, erkenne ich die Leistung des E-Street Choirs ehrlich an, Roy Bittan (Klavier und Akkordeon) ist ohnehin über jeden Zweifel an seiner Klasse erhaben und auch Charles Giordano spielt an diversen Instrumenten tadellos.

Beim Verlassen des Konzerts freut sich neben mir jemand, dass „Born In The USA“ und nicht „Born To Run“ komplett gespielt wurde, ich muss wieder an meine Überlegung über das Maffay-Bon-Jovi-Publikum denken und schlucken, beweisen doch „Born To Run“ und „Tenth Avenue Freeze-Out“ heute Abend überdeutlich, was auf alle Zeit das Magnus Opus der großen Rockikone sein wird. Es gibt kaum größere Popsongs als „Born To Run“, kaum stärke Texte, keinen besseren Saxophoneinsatz in der Rockmusik als auf diesem Album, „I wanna die with you Wendy on the streets tonight / In an everlasting kiss“. Tränen des Glücks werden vom Regen aus meinem Gesicht gespült, ich bin überglücklich, sehe eines der besten Konzerte meines Lebens.

Dann setzt Jake Clemons zur großen Hommage an seinen Onkel an, „Tenth Avenue Freeze-Out“ berührt jeden, Clarence Clemons Antlitz erscheint auf dem großen Bildschirm hinter der Bühne, ein andächtiger Moment. Alle Bläser setzen ein und jeder spürt in diesem Moment, wie sehr Clemons fehlt.

Mit Fogertys „Rockin' All Over The World“ und einem „Twist And Shout“-Cover endet das Konzert. Anders als im vergangenen Jahr in London, als Springsteen des Song gemeinsam mit Paul McCartney spielte, schaltet niemand den Strom ab. Das Konzert endet nach nicht einmal drei Stunden, fast entschuldigend schickt Springsteen die Fans nach Hause, winkt ein letztes Mal, als seine Band schon die Bühne verlassen hat. 

Meine Hände sind aufgeweicht, ich friere, bin euphorisiert. Warum war ich vor einigen Jahren nicht in Düsseldorf, obwohl ich eigentlich Karten hatte, warum fuhr ich 2009 und letztes Jahr nicht nach Frankfurt? Leipzig und Mönchengladbach stehen noch auf dem Tourplan. Eigentlich sollte ich hinfahren. Es ist ein Virus, eine Sucht. Wer weiß wie viele Möglichkeiten es noch geben wird. Ich habe meine Lehren aus dem Tod des Big Man gezogen. Solange es Legenden gibt, ist es doch völlig nebensächlich, wer gerade hip ist.

„We gotta get out while we're young / `cause tramps like us, baby we were born to run“. 

Setlist, Bruce Springsteen, München (inklusive Video-Links):

01: Who'll Stop The Rain (Creedence Clearwater Revival - Cover)
02: Long Walk Home [Sign Request]
03: My Love Will Not Let You Down
04: Out In The Street
05: Seaside Bar Song [Sign Request]
06: Rosalita (Come Out Tonight) [Sign Request - Rückseite des vorherigen Schilds]
07: Wrecking Ball
08: Death To My Hometown
09: Spirit In The Night
10: Born In The USA
11: Cover Me
12: Darlington County
13: Working On The Highway
14: Downbound Train
15: I'm On Fire
16: No Surrender
17: Bobby Jean
18: I'm Goin' Down
19: Glory Days
20: Dancing In The Dark
21: My Hometown
22: Waitin' On A Sunny Day
23: The Rising
24: Badlands

25: Pay Me My Money Down (Z)
26: Born To Run (Z)
27: Tenth Avenue Freeze-Out (Z)
28: Rockin' All Over The World (John Fogerty Cover) [Sign Request] (Z)
29: Twist And Shout (incl. La Bamba) (The Top Notes Cover) (Z)

Samstag, 4. Mai 2013

Veronica Falls, München, 03.05.13

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Konzert: Veronica Falls
Ort: Feierwerk München (Orangehouse)
Datum: 03.05.2013
Zuschauer: knapp 200 (so gut wie ausverkauft)
Dauer: Veronica Falls gut 50 min, Mazes 42 min




Ich schwärme oft von Bands, nachdem ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Es gibt ja auch wirklich eine ganze Menge entdeckenswerter Gruppen. Manche Schwärmerei lässt aber nach einer Weile wieder nach - weil es eben wieder etwas Neues gibt, aber manche bleibt haften.

Veronica Falls ist eine dieser Bands, die bei mir bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Natürlich liebte ich die Musik der Briten schon, als ich ihre beiden ersten Singles Found love in a graveyard und Beachy Head gehört hatte, hin und weg war ich aber erst nach dem ersten Konzert in Luxemburg 2011. Ihr Auftritt beim letzten Primavera Festival in Barcelona verstärkte den Eindruck: spätestens da war ich Veronica Falls hemmungslos verfallen.

Luxemburg, Barcelona, München, was wie dämliche Namedropping-Angeberei klingt, ist der Preis für meine Schwärmerei. Dummerweise haben Veronica Falls nämlich bisher einen großer Bogen um Westdeutschland, also um NRW oder Hessen gemacht. Meine Hoffnung, daß sich dies bei der Mai-Tour ändern würde - ändern müsste - war weggeblasen, als ich die Auftrittsorte sah (Kiel, Stuttgart, Berlin, Hamburg, Dresden, München). Ob ich sie sehen wollte, war nicht die Frage, wo war sie.

Brüssel und München waren die einzigen sinnvollen Alternativen (nicht nachfragen, bitte!), es wurde heute München.

Ich war schon um 19 Uhr am Feierwerk im Münchener Westen, weil ich zu einem Interview mit der Band verabredet war. Das Feierwerk ist ein Kulturzentrum in Gebäuden, die offenbar früher als Fertigungshallen gedient hatten. Veronica Falls waren im kleinen Saal angesetzt, im Orangehouse, laut Feierwerk-Website dem Wohnzimmer des Komplexes. Als ich dort ankam, waren die vier Londoner noch beim Soundcheck. Sie spielten Bad Feeling und brauchten einige Durchgänge, um mit dem Klang zufrieden zu sein - und es gibt wahrlich schlechtere Starts in einen Abend als 15 Minuten Bad Feeling.

Es lag nicht an mir, daß sich der Konzertstart um 30 Minuten verzögerte (wobei ich das gerne mal behauptete). Kurz vor acht saßen Sängerin Roxanne und Gitarrist James zwar noch mit mir in ihrer Garderobe und malten ein Selbstporträt, als die Vorgruppe Mazes vom Soundcheck reinkam und erklärte, sie habe keine Zeit für ein Abendessen, sie müsse pünktlich um halb neun beginnen. 

Vielleicht durften Mazes doch noch essen, es ging jedenfalls erst um neun im vollgepackten Orangehouse los. 199 Zuschauer passen laut Website des Clubs ins Wohnzimmer, die sicher auch da waren.

Der kleine Saal gefiel mir sehr gut.  Ungewöhnlich sind die beiden Fensterfronten die wegen des Schummerlichts auf der Bühne und der Lichter von der Straße dafür sorgten, daß das Publikum besser ausgeleuchtet war als die Bands. Da die Bühne nicht zentriert ist und eine Reihe Säulen den Saal teilt, war die rechte Hälfte des Raums vollgestopft, die linke, die hinten sichteingeschränkt war und von der Bar begrenzt war, recht leer. Es war also voll, aber nicht unangenehm voll.

Der Support Mazes, eine Band aus Manchester, besteht aus drei Musikern (Gitarre, Bass, Schlagzeug) und sollte nach Selbstbeschreibung Garage-Rock spielen. Mag ich. Das erste Stück des Sets war dann allerdings deutlich anders, bestand aus einer sehr einfachen monoton wieder und wieder gespielten Ton-Folge und dauerte ewig. Und diese Kombination war fantastisch! Der Bassist hampelte mir etwas zu sehr rum, das passte nicht zum schlichten Klang des Stücks, schmälerte die Qualität aber nicht. Das mochte ich noch sehr viel mehr als die x-te Garageband. Leider wurde es danach bluesiger und weniger spannend. Erst das letzte Lied, das nach dem gleichen Muster wie das erste gestrickt war, also repetitiver Rhythmus, karger Gesang und irre Länge, packte mich wieder. Sicher ist Mazes keine Band, die mir auf Platte gefällt, Anfang und Ende des gut 40 minütigen Konzerts waren aber sehr gut, der Rest ok.

Um fünf nach zehn* kamen Veronica Falls auf die dunkle Bühne. Die Band, die 2009 gegründet wurde, besteht aus Sängerin Roxanne, Gitarrist James, Schlagzeuger Patrick und der gebürtigen Französin Marion am Bass.

Das Set begann wie so oft mit dem ersten Stück der aktuellen Platte (Tell me). Das Album Waiting for something to happen erschien im Februar diesen Jahres und folgte dem 2011er Debüt Veronica Falls. Obwohl zwischen beiden Platten fast anderthalb Jahre liegen, wurde das Album wegen exzessiven Tourens in sehr kurzer Zeit geschrieben. Wir hatten uns vor dem Konzert darüber unterhalten, ob die Lieder auf Waiting for something... alle aus der Zwischenzeit stammten, weil ich denke, daß viele Bands auf ihrem Debüt Stücke ansammeln, die zum Teil viele Jahre alt sind, um dann in Hetze einen mittelprächtigen Nachfolger zu schreiben. Zwei Stücke seien ein wenig älter (und werden schon lange live gespielt - Buried alive zum Beispiel), der Rest sei ausnahmslos nach dem Erstling entstanden. Da mir Waiting for something to happen immer besser gefällt und einige riesige Pop-Perlen enthält, spricht das deutlich für die Qualität der Band!

Trotzdem brauchte ich zwei Lieder, um reinzukommen. Erst bei Beachy Head, dem Lied über den Selbstmord-Kreidefelsen in Sussex, war meine restlose Begeisterung wieder da! Dieser wundervolle Gesang von Roxanne, James und Patrick, die scheppernden Gitarren, die einfach gehaltenen aber enorm melodiösen Melodien - und die oft ungemein düsteren Texte! Und (liebe Kölner Booker), das funktionierte hervorragend! Veronica Falls hatten schon einmal im Feierwerk gespielt, die ausgelassene Stimmung lag aber sicher nicht nur daran!

Danach blieben Niveau und Stimmung gleichhoch. Wenig überraschend, da die Band zwei Hitalben aufgenommen hat und kaum schwächere (und keine schwachen) Lieder hat.

Mit fünfzig Minuten war das Konzert viel zu kurz, keine Frage. Das Repertoire hätte locker für 20, 30 weitere Minuten gereicht. Alleine der Überhit Come on over vor den Zugaben, der von einem zwei-, dreiminütigen Intro eingeleitet wurde, entschädigte aber für diesen Makel. Die Stelle am Ende, wenn Schlagzeuger Patrick "ah ah"s singt ist einfach wundervoll! In Michelin-Führern werden drei Sterne damit beschrieben, daß sich dafür eine eigene Anreise lohnt. Come on over ist ein Drei-Sterne-Lied!

Nach zwei Zugaben (die zweite war das Roky Erickson Cover Starry eyes von ihrer ersten Single) war um kurz vor elf Schluß. Natürlich war es wieder ein tolles Konzert! Und wenn der Preis für tolle Veronica Falls Shows die kurze Dauer ist, weiß ich Abhilfe: man muß die Band einfach öfter sehen. Vielleicht spielen sie dann auch mal meinen aktuellen Liebling Shooting star, ein völlig zu unrecht unterschätzter Oberknüller des aktuellen Albums.



Video: Sophie (mehr)

Setlist Veronica Falls, Feierwerk, München:

01: Tell me
02: My heart beats
03: Beachy Head
04: Broken toy
05: Waiting for something to happen
06: Bad feeling
07: Found love in a graveyard
08: If you still want me
09: Buried alive
10: Wedding day
11: Teenage
12: Come on over

13: Right side of my brain (Z)
14: Starry eyes (Roky Erickson Cover) (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Veronica Falls, Barcelona, 02.06.12
- Veronica Falls, Berlin, 22.03.12
- Veronica Falls, Luxemburg, 10.11.11
- Veronica Falls, Paris, 04.05.11

Tourdaten Veronica Falls:

04.05.2013 Stuttgart, Merlin 
05.05.2013 Dresden, Beatpol 
06.05.2013 Berlin, Festsaal Kreuzberg 
07.05.2013 Kiel, Roter Salon @ Pumpe 
08.05.2013 Hamburg, Molotow 

Foto: Archiv (Primavera Festival 2012)


* 22.06 Uhr, um genau zu sein




Dienstag, 23. April 2013

Element of Crime, München, 10.04.13

2 Kommentare

Konzert: Element of Crime
Vorband: Apples in Space 
Ort: Freiheiz, München 
Zuschauer: etwa 500 (?) (ausverkauft) 
Datum: 10.04.2013 
Dauer: Element of Crime 120 Minuten, Apples in Space 20 Minuten 


von Fabian von Gefuehlsbetont aus Stuttgart 


 „Wir sind kein Bekleidungsgeschäft“ 

“Liedwünsche werden nicht erfüllt. Wenn eine Band 20 Lieder an einem Abend spielt und 50 im Repertoire sind, kann man sich ausrechnen, wie hoch die Chancen sind.” – Sven Regener stellt gleich zu Beginn ironisch lehrerhaft fest, wie die Sache heute im ausverkauften Freiheiz an der Donnersberger Brücke in München aussieht. Die meisten im Publikum sind etwa so alt wie Regener selbst, gemeinsam schauen wir alle gebannt zu ihm hoch. Ich bin wohl mit einer der Jüngsten heute, jedoch beim besten Willen nicht der Einzige meiner Altersklasse, die Element of Crime, ja, vergöttern. Da kenne ich sicher zehn weitere Leute, die ebenfalls im Schnitt 20 Jahre alt sind und das Gleiche empfinden. “too old to die young” ziert einige T-Shirts im Saal – das Gros der Zuschauer bestätigt die langjährige Treue, die wohl auf jeder Tour hinten ihr Bier trinken und mitschunkeln. Hier im Freiheiz ist die Welt in Ordnung. Die “Neuen” rücken spätestens dann nach, wenn man sich von Regeners Texten nicht mehr sattlesen kann – und viel zu oft in größter traurigschöner Melancholie versinkt – oder eben vor Genialität sprachlos ist.

Ebenso genial ist diese gesamte Aufmachung der Tour. Die fünf Herren (zählt man Christian Komorowski als Live-Violonist mit) sorgten vor einigen Monaten mit der Bekanntmachung der Termine für einen Paukenschlag: Wir hängen tagsüber ab und spielen abends im Club ist das Leitmotiv und Motto der Tour, die im März und April 2013 stattfindet. Dabei spielt die Band in fünf Städten 21 (!) Konzerte – am Beispiel Berlin hieße das: Sechsmal hintereinander jeden Abend im Club Lido – von Sonntag bis Freitag. Jeder Tag ist ausverkauft, so auch die gesamte Tour. Besonders eindrücklich ist dabei der Tourplan auf der Startseite ihrer Homepage www.element-of-crime.de – denn bei Bekanntgabe der Termine hatte ich meine Zweifel und Hoffnung, dass es nicht floppt. Ich wurde schnell eines Besseren belehrt und musste mich sogar am Ende ranhalten, um noch ein Ticket für ein Konzert in München zu ergattern. Mit großer Freude sehnte ich dem Termin herbei und war lange gespannt, was Element of Crime spielen würden. Für mich eine der wenigen Bands, bei denen ich irgendwie keine Erwartungen habe. Sie könnten spielen was sie wollen – was sie auch tun- und immer wieder versteckte Hits rauskitzeln – oder längst Vergessenes entstauben um den Glanz wieder zu zeigen. Doch bevor man die Ehre haben darf, haben Element of Crime eine Vorband im Gepäck. 


Dass die Auswahl auf Apples in Space aus Berlin trifft, wundert mich kaum. Der Gitarrist des sehr jungen Duos ist Phil Haußmann, Sohn des Regisseurs Leander Haußmann, der, ja, richtig – mit the one and only Sven Regener nicht nur dessen Bestseller Herr Lehmann verfilmt hat, sondern auch beim aktuellen Kinostreifen Hai-Alarm am Müggelsee mit ihm Regie führte. Da Sven Regener zwei Songs der Band aufgenommen hat, lässt er es sich nicht nehmen, sie im Freiheiz persönlich anzusagen. “Gitarre spielen wie die Wilden”, sollen sie. Auch bei Maike Rosa Vogel, die auf der aktuellen EOC-Tour alle Abende in Hamburg und Berlin eröffnet, war Regener Produzent. Er investiert stets in eigene Projekte, was natürlich viel Sinn macht. Dennoch werde ich nicht wirklich mit ihnen warm – so auch heute bei Apples in Space, die trotz hütender Hand eines Helden mit einem zwanzig minütigen Set weniger beeindrucken. Schlaffe Folksongs in englischer Sprache, wenig Ausbruch oder transportiertes Gefühl. Auch schmiegt sich Haußmanns Stimme kaum seinem guten Gitarrenspiel an. Es wirkt alles etwas verloren, schülerhaft -okay, sie sind jung-, dennoch bekommt die Band viel Applaus. Sicherlich Regener-Jünger, ich zähle mich ja auch dazu, die mehrfach angekündigte “Tour-EP” der Beiden kaufe ich mir dann doch nicht. Prinzipiell bin ich nicht so der Fan von Bands, die ihrem Publikum ständig erzählen, dass sie einen Merchtisch, ein neues Album, hübsche T-Shirts, einen Webshop oder ‘ne tolle Single haben. Ich will nicht einkaufen, ich möchte Musik live hören. Klar müssen junge Bands lauter schreien, aber den Merchtisch direkt neben dem Eingang sollte wohl niemand übersehen haben. Wems gefällt, wird den Weg dahin sicher allein finden. 

Und so schnell die junge Band mit dem ulkigen Namen die Bühne mit erneutem Verweis zum Merch zu gehen *schnarch* verlässt, blitzt der gute Geschmack irgendeines Technikers auf. John K Samson’s Lieder ertönen zur Pausenmusik, gefolgt von Thees Uhlmann. Schicke Playlist, nachdem das Grand Hotel van Cleef auch den Merch für Element of Crime übernimmt.

“Kaufst du Schuhe, nimmst du die mit den Nägeln unten dran und dazu den Arztroman, in dem die blonde Schwester immer, wenn sich ihr der fiese Chefarzt nähert, ihn sich mit dem Injektionsbesteck vom Leibe hält. Wo deine Füße stehen, ist der Mittelpunkt der Welt.” 


Meine Füße stehen wie angewurzelt auf festem Boden, während Element of Crime um 21 Uhr geschlossen die Bühne betreten und von großem Applaus empfangen werden. Sven Regener lächelt, das Licht wird gedimmt – Achtung, jetzt wird es stimmungsvoll. Die Berliner eröffnen mit dem Titeltrack ihres elften Studioalbums Mittelpunkt der Welt, dem Album, das den “kommerziellen Durchbruch” markierte und sie auch zu einem netten Auftritt bei TVtotal führte. Vielleicht auch das Album, das ich Leuten empfehlen würde zu kaufen, wenn sie Element of Crime hören möchten. Schon mit den ersten Zeilen bricht Sven Regener wieder alles auf. Man kann es drehen und wenden wie man will, man macht es nicht mal – dieser Mann schreibt die besten deutschsprachigen Texte. Punkt. Da kann ich noch so sehr Fan sein, diese Behauptung muss ich so vertreten. “Im Lotto spielst du immer nur die Zahlen zwischen fünf und zehn und als Zusatzzahl dein Lebensalter, denn als Lottospieler, sagst du, darf man höchstens 49 Jahre alt sein, später wär’ es schade um das Geld. Wo deine Füße stehen, ist der Mittelpunkt der Welt.” 

Ein starker und konstanter Beginn gibt auch einer Band, die seit knapp dreißig Jahren auf Bühnen unterwegs ist, Sicherheit. So wird man die ersten drei Songs Mittelpunkt der Welt, Deborah Müller und Delmenhorst auf der gesamten Tour in dieser Reihenfolge als Opener hören. Bei Letzterem bricht Sven Regener erneut alle Rock ‘n’ Roll-Gesetze (Macht sonst ja eher Olli Schulz), denn er erklärt – und das macht er heute Abend sehr oft und ausführlich -, dass man als Band den größten Hit immer als erste Zugabe spielen sollte. Heute hört man das Lied über ein Dorf bei Bremen gleich an dritter Stelle. Wunderschön. 

Sven Regener ist ein Fuchs, er kann sich die Freude an seinem Tun nicht verkneifen. Mag er beim einen oder anderen öffentlichen Auftritt wütend oder als arroganter Querkopf erscheinen, vergessen selbst Kritiker all die Schimpferei, wenn er seine Lieder singt. Seine “Wutrede” zum Thema Urheberrecht vor knapp einem Jahr kursierte in den Medien, ließ das wichtige Thema aufflammen. Diese Wut erfachte sich während eines Radiointerviews bei Zündfunk, die das heutige Konzert in München präsentieren. Sicher ist Sven Regener das Zentrum, da er als Sänger, Texter und Sprachrohr auch die größte Bekanntheit innehält, während er von ebenso genialen Musikern umgeben ist. Die Coolness in Person stellen für mich die Seitenflügel dar: Ein lässiger Jakob Ilja begeistert mit gekonntem Gitarrenspiel – er setzt die feinen Melodien auf Regeners straight gespielte Akkorde. David Young auf der anderen Seite zupft mit geschlossenen Augen im karierten Hemd den Bass, singt manchmal leise mit. Er produziert zudem die Element of Crime-Scheiben und gilt für mich als Ruhepol der Band, Sven Regener haut auf den Putz. Ist ja schließlich noch eine Rockband. Und da dort auf den Putz gehauen wird, verschüttet Regener sogar Bier und nimmt sich nicht raus, die Band ein wenig zu führen. Er ist ein Dirigent. Wenn nicht Schlagzeuger Richard Pappik einzählt, bremst er gern die Band aus, da er “Erstmal muss ich was sagen!” sagen muss. Alle verstehen das, er teilt gern etwas mit. Meistens etwas, worüber man gern nochmals nachdenkt oder eben kurz grinsen muss. Still genießen kann zum Beispiel das Pärchen neben mir nicht, die regelmäßig laut auflachen und wirklich hundsmiserable Videos mit dem Smartphone produzieren. Ich würde schon aus diesem Grund dem guten Herrn nicht nur aus Störungsgründen das Gerät aus der Hand schlagen, sondern ihn auch dezent auf die nicht vorhandene Qualität hinweisen. Ich frage mich, ob das irgendjemand danach noch anguckt. Ich gucke die Konzerte lieber mit meinen Augen – und sehe eine Band, der man heute nichts anhaben kann.

Eigentlich kann man Element of Crime nie etwas anhaben. Nachdem Regener das mit den Liedwünschen schon ganz am Anfang klargestellt hat und auch gar nicht auf die provozierenden, wenn auch nett gemeinten Rufe eingeht, überraschen sie mit einem doch sehr speziellen Set voller alter Nummern. Man kann sich nicht beschweren, denn diese Lieder werden sie kaum öfters spielen – auch wenn ich wirklich sagen muss, dass ich mich über mehr Neues (!) und mehr Hits gefreut hätte. So fehlte für mich vor allem Bitte bleib bei mir, Straßenbahn des Todes, Vier Stunden vor Elbe 1 oder auch Immer unter Strom. Aber recht machen kann man’s ja niemandem. Habe mir zudem sagen lassen, dass ‘Elbe 1′ wohl nur in Hamburg gespielt wird. Nightmare als Hommage an einen verstorbenen Kollegen der Band, der dieses Lied immer als größten Hit von Element of Crime bezeichnete. Die Band zeigt ebenfalls Gefühle und spielt den düsteren Song – für mich auch einer der Songs, der für die auffallend vielen englischsprachigen Titel im heutigen Programm steht. Oben genannter Mitfilmfaktor meiner Nachbarn wird im Saal beinahe vertausendfacht, als klar wird, was Element of Crime zur ersten Zugabe spielen. Die Wahl fällt wohl auf ihren zweitgrößten Hit, dem traurigschönen Lied Weißes Papier und bereits mit dem Wechsel zum roten Licht und der spärlich beleuchteten Bühne wird mein Körper zu Stein. Während für mich persönlich Am Ende denk ich immer nur an Dich, das die Band kurz vor Ende des Hauptsets spielte, das neue Weißes Papier ist, da es für mich ähnliche Gefühle hervorruft und der Beleg für aktuelle Werke von Element of Crime ist, die mit einem perfekten Text brillieren, bohrt Sven Regener nun tiefer. Manchmal ist Livemusik oder dieser eine Konzertmoment für einen Augenblick das intensivste Gefühl auf Erden. Heute habe ich bei Weißes Papier diesen Moment, wenn Sven Regener immer energischer vom Schmerz einer gescheiterten Beziehung berichtet. 


Generell dreht sich bei Element of Crime viel über die Liebe. So ausführlich, treffend und mit dem richtigen Grad an Schmerz kann nur Sven Regener “Nicht mal das Meer darf ich wiedersehen, wo der Wind deine Haare vermisst. Wo jede Welle ein Seufzer und jedes Sandkorn ein Blick von dir ist. Am liebsten wär’ ich ein Astronaut und flöge auf Sterne wo gar nichts vertraut und versaut ist durch eine Berührung von dir.” singen. Würde ich auf Konzerten weinen, hätte ich es spätestens jetzt getan. Niemand hätte es mir übel genommen. Sven Regener als Beweis für seine genialen Texte zu zitieren, fühlt sich immer noch seltsam an, da es absolut nicht nötig ist. “Und so ist das.” – wie Sven Regener mit Bring den Vorschlaghammer mit wortwörtlich den Saal ausfegt und die Leute in die Nacht entlässt. Als ich ein paar Tage später gefragt werde, wie es denn so war, bekomme ich kein Wort raus. Muss diese Überwältigung sein.

Setlist Element of Crime, Freiheiz, München:

01: Mittelpunkt der Welt 
02: Deborah Müller 
03: Delmenhorst 
04: Akkordeon 
05: I started a joke 
06: Almost dead 
07: Kaffee und Karin 
08: Fallende Blätter 
09: Zwei Gitarren 
10: Nightmare 
11: No home 
12: Jetzt musst du springen 
13: Am Ende denk ich immer nur an dich 
14: Seit der Himmel 
15: Immer da wo du bist bin ich nie 
16: Weißes Papier (Z)
17: Surabaya Johnny (Z) 
18: Blaulicht und Zwielicht (Z) 
19: Moonlight (Z) 
20: Bring den Vorschlaghammer mit (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Element Of Crime, Trier, 10.12.11
- Element Of Crime, München, 18.09.09


 

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