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Mittwoch, 10. Februar 2016

Suede, Brüssel, 06.02.16

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Konzert: Suede
Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Datum: 06.02.2016
Dauer: 48 min & knapp 55 min
Zuschauer: nicht ganz ausverkauft



Mein letztes Konzert im AB in Brüssel fand am 06.11.15 statt, New Order spielten vor ausverkauftem Haus - sieben Tage vor den Anschlägen von Paris. Einige der Täter hatten in unmittelbarer Nähe der Anspachlaan, in der das AB und viele Restaurants und Bars liegen, gelebt und geplant. In den Wochen nach dem Pariser Terror herrschte in Brüssel Ausnahmezustand, auch alle Veranstaltungen im Ancienne Belgique wurden gestrichen. Ganz ausblenden konnte ich die Gedanken an den vergangenen November nicht, als wir ins AB kamen, man guckt jetzt zum Beispiel eher nach den Notausgängen.

Mein persönlicher Schluß nach Paris ist, noch eine Spur bewußter zu leben. Und lieber mal ein Konzert mehr zu gucken. Bei Suede allerdings war das nicht nötig, zu dem Konzert wäre ich so oder so gefahren. 


Ende Januar veröffentlichte die britische Band ihr neues Album Night thoughts, dem zweiten nach der langen Pause von elf Jahren. Zur Platte erschien ein Film des Regisseurs Roger Sargent. Auf der aktuellen Tour spielen Suede die komplette neue Platte "mit Film" und danach ein normales Set, so weit war ich vorbereitet. Details, wie das aussehen würde, kannte ich nicht. Wobei das ja auch nicht schrecklich schwer vorzustellen ist. Da spielt eine Band und im Hintergrund läuft ein Film. Gab's schon mal.

Bei Night thoughts läuft das anders. Die Leinwand hing vorne an der Bühne und die Band begann um kurz nach halb neun hinter ihr. Auch das ist nicht neu, Sigur Rós haben bei ihrer letzten Tour auch so begonnen. Da fiel die Leinwand aber nach ein paar Minuten, bei Suede blieb er. Also sahen wir den Film und durchschimmernd die Band dahinter. In manchen Liedern wurden einzelne Musiker durch Spots hervorgehoben, manchmal sah man wegen der Farben der Bilder des Films mehr oder weniger von Suede.


Das war schon einmal grundsätzlich eine wunderbare Art eines Konzerts. Die Bilder, die der Film zeigt, abgestimmt auf die Songs, machte es aber erst zu einem einzigartigen Erlebnis. In Episoden zu den Liedern zeigt Night thoughts am Anfang einen Mann der durch ein Kornfeld an den Strand läuft, um dann ins Wasser zu gehen. Im Verlauf des Konzerts sieht man (und er) sein Leben auseinanderdriften. Dies ist zum Teil grandios dargestellt. In einer Szene (zu I don't know how to reach you) zwingt der Protagonist seine Ex-Freundin mit vorgehaltener Waffe ins Auto. Die Bilder wechseln mit Szenen aus der glücklichen Zeit der beiden, der Weg vom Haus zum Auto, das Einsteigen, die Fahrt. Suede spielen die Stücke zum Film ohne Pausen durch. Ein wenig hatte die Band die Funktion dieser Kino-Pianisten oder -orchester von früher.

Als Musikfilm wird sich Night thoughts sicher auch auf DVD lohnen, an die Brillanz der Aufführung mit Band hinterm Bildschirm wird das aber nicht ansatzweise herankommen.

Und musikalisch? Ich kannte die Platte vorher nicht und ich mag es, neue Musik live kennenzulernen. Natürlich passierte hier eine ganze Menge gleichzeitig, Band, neue Lieder, rempelnde Leute, Film. Einen richtigen Eindruck unter diesen Umständen zu bekommen, ist schwierig. Aufs erste Hören gefiel mir Night thoughts sehr gut. Irgendwo las ich, es sei das beste Suede Album seit Dog man star, das ist vermutlich arg verwegen. Aber es ist gut und hörenswert.

Knapp 50 min dauerte dieser erste Teil. Dann wurde die Leinwand entfernt, um nach einer knappen halben Stunde ein normales Konzert drauf zu packen. Naja, was bei Suede so normal ist...


Brett Anderson schwitzte sein Hemd bereits in den ersten Minuten durch. Hinter der Leinwand war sein Bewegungsspielraum arg eingeschränkt, als der Vorhang fiel, fielen auch die Hemmungen. Irgendwann war der Sänger öfter vor als auf der Bühne und rampensaute sich durch die knappe Stunde Best-of, die im Prinzip ein erster Zugaben-Block war, der nur aus Hits bestand. Einmal mittendrin wurde es leiser, als die Band The sound of the streets anstimmte. Brett Anderson gab zwischendrin seinem Gitarristen ein Zeichen, leiser zu spielen, was der erst übersah. Als das Winken heftiger wurde, folgte er. In Brüssel sind grundsätzlich viele Briten bei Konzerten. Daß das auch hier so war, zeigte die große Textsicherheit.


Die eigentlichen Zugaben begannen mit Everything will flow. "It's from a disliked album but it's a good song!" kündigte Brett an. Mit laut mitgegröhltem New generation endete das Doppelkonzert. Die erste Hälfte war wegen ihres Gesamteindrucks brillant, die zweite wegen all der Hits. Das war ein ganz und gar nicht verschenkter Abend!

Setlist Suede, Ancienne Belgique, Brüssel:

01: When you are young

02: Outsiders play
03: Tomorrow
04: Pale snow
05: I don't know how to reach you
06: What I'm trying to tell you
07: Tightrope
08: Learning to be
09: Like kids
10: I can't give her what she wants
11: When you were young
12: The fur and the feathers

13: Moving
14: Killing of a flashboy
15: Trash play
16: Animal nitrate
17: It starts and ends with you
18: Sometimes I feel I'll float away
19: The sound of the streets
20: So young
21: Metal Mickey
22: Beautiful ones

23: Everything will flow (Z)
24: New generation (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Suede, London, 30.03.14
- Suede, Köln, 21.11.13
- Suede, London, 30.03.13



Sonntag, 8. November 2015

New Order, Brüssel, 06.11.15

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Konzert: New Order
Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Datum: 06.11.2015
Dauer: New Order gut 120 min, Hot Vestry knapp 30 min
Zuschauer: 2.000 (ausverkauft)



"Only God knows what this song is about. I have no bloody clue", erklärte Bernard Sumner nach Tutti frutti. "Generation's lost in space, trying to find the human race. We're living in a state of grace, where every scholar means a dollar." Geht mir auch so.

New Order stehen in meiner Musikwelt über jeder Kritik. Daß das neue Album Music complete nur arg durchwachsene Kritiken bekommen hat... egal. Der aus meiner Sicht kleinlich gestaltete Streit zwischen den Egos von Peter Hook und dem Rest ums künstlerische Erbe der frühen Jahre (und von Joy Division)... auch egal. Wenn New Order erreichbar spielen, möchte ich sie auch sehen. Da die Engländer seit Jahren nur noch in Berlin auftreten, war auch diesmal wieder nur Brüssel erreichbar. Allerdings sind die wundervollen Clubs der belgischen Hauptstadt perfekt für Bands wie New Order. Brüssel lockt immer viele Briten und die sorgen für gute Stimmung. Dazu ist das AB ein herrlich angenehmer 2.000er Laden. 

Wie in Benelux-Clubs üblich, war der Zeitplan vorher bereits bekannt. Nach einem DJ, der viel Kraftwerk spielte, begann das Liveprogramm um halb acht mit Hot Vestry, einer vierköpfigen Band (Sänger, Bassist, Keyboarderin und Schlagzeuger), die einheitliche Jacken oder Parkas (der Bassist) mit einem Wappen auf dem Ärmel und Bezeichnungen "Bleich 1" bis "Bleich 4" auf dem Rücken. Der Sänger zeigte darauf und nuschelte etwas davon, daß sie aus... habe ich leider nicht verstanden... stammten. Einmal Googlen später sah ich, daß Hot Vestry aus Macclesfield kommen. Ein Instragram Foto später der Hinweis, daß die Keyboarderin (Bleich 2) die Tochter von Gillian Gilbert und Stephen Morris ist. Mutter Gillian war nach dem Einstieg von Tochter Tilly bei Hot Vestry eine Weile Roadie der jungen Band.

Der kurze Auftritt von Hot Vestry war kurzweilig aber nicht lebensverändernd. Sänger Harry Ward (Bleich 1) sang anderthalb Lieder durch ein Megaphon, schwenkte zum Schluß eine belgische Fahne und war grundsympathisch. Der auffälligste Musiker war Schlagzeuger Joe Ward (Bleich 4), der verflucht tight war (wobei ich nicht genau weiß, was das bedeutet).

Um halb neun folgten dann Tillys Eltern - mit Onkel Barney, Phil Cunningham und Tom Chapman. Das Konzert begann mit einem der neuen Stücke. Singularity war ein okayer Start, es war vor allem ordentlich laut! Zu Singularity liefen B-Movie Filmausschnitte. Daß das Stück nur ok ist, wurde leider im direkten Vergleich zu den vier nachfolgenden Liedern deutlich. Ceremony, Crystal, Age of consent und 5 8 6 haben alle eine ganz andere Hutgröße. Ceremony, das Bindeglied zwischen Joy Division und New Order, das eines der größten Lieder überhaupt ist, Crystal, der vielleicht jüngste Riesenhit der Band und die beiden Knüller von der zweiten Platte Power, corruption & lies. Besonders beeindruckend war der Tempo- und Lautstärke-Wechsel am Ende von Age of consent, es war das beste Stück des Abends. Wundervoll bei Crystal war das Hintergrund-Video, in dem eine sehr junge Band (mit Sängerin - vielleicht die andere Tochter von Stephen und Gillian) das Lied spielte. Auf der Bassdrum stand der Name der Gruppe - Killers.

Das beste und am meisten hängenbleibende Lied der neuen Platte folgte nach diesen vier Schwergewichten. Restless ist wohl am ehesten das Lied von Music complete, das in ein paar Jahren noch Teil der Livesets sein wird. Aber spätestens bei Your silent face kurz später verblasste der Eindruck wieder. Die neuen NO-Lieder waren alle nicht wirklich verkehrt, im Vergleich zu den Vorgängern aber enorm zahn- und wirkungslos.

Mit Tutti frutti begann eine Phase, in der Bernard Sumner die Gitarre weglegte und tanzte. Gerade bei Tutti frutti, das mich an ABC erinnert (The night they murdered love), wäre da weniger mehr gewesen. Das und das folgende People on the high line waren die schwächste Phase im Konzert. 


Auch bei Bizarre live triangle hatte die Gitarre Pause. Dummerweise klappte das Funkmikro nicht zuverlässig, Barneys Gesang klang dadurch manchmal flach und schwankend. Das lag aber offensichtlich an der Technik. Bei Plastic fiel der Gesang anfangs nämlich komplett aus. 


Der Rest klingt auf dem Papier* brillant. Blue monday, The perfect kiss, True faith und Temptation. Eigentlich war er es auch. Allerdings war ausgerechnet bei Blue monday die Stimmung merkwürdig mies. Es gab das, was in Bundestags-Protokollen "höflicher Beifall" heißt. Und das bei einem der riesigen Hits. Merkwürdig. Vielleicht waren zu wenige Briten im Publikum. Unsere Nachbarn waren vor allem Belgier und Deutsche. Die Stimmung der Band war sehr viel besser. Barney griff Gitarrist Phil bei The perfect kiss beherzt in den Po und hatte dabei großen Spaß. Bei Blue monday saß er am Ende neben Gillian und spielte Keyboard.


Die Maxi-Version von True faith und das grandiose Temptation beendeten den New Order Part nach fast zwei Stunden. Die Zugaben gehörten Stephens und Bernards früherer Band. Es begann mit Atmosphere (mit dem alten Video dazu auf der Leinwand), das mir zu sehr nach New Order klang. Die aktuelle Love will tear us apart Version dagegen mag ich sehr. Das Laufband "Joy Division forever" war auch diesmal wieder sehr bewegend. New Order gehen mit dem Andenken an Ian Curtis, der ja auf tragische Weise New Order Gründer ist, sehr stilvoll um.**

Natürlich hätte ich nichts dagegen gehabt, wenn die Band ein neues Album mitgebracht hätte, das ein kommende Klassiker wäre. Aber auch so hat sich der Konzertbesuch wirklich sehr gelohnt.

Setlist New Order, Ancienne Belgique, Brüssel:

01: Singularity
02: Ceremony
03: Crystal
04: Age of consent
05: 5 8 6
06: Restless
07: Lonesome tonight
08: Your silent face
09: Tutti frutti
10: People on the high line
11: Bizarre love triangle
12: Waiting for the siren's call
13: Plastic
14: Blue monday
15: The perfect kiss
16: True faith
17: Temptation

18: Atmosphere (Joy Division) (Z)
19: Love will tear us apart (Joy Division) (Z)

Links: 

- aus unserem Archiv:
- New Order, Paris, 14.09.12
- New Order, London, 12.08.12
- New Order, Scheeßel, 24.06.12
- New Order, Berlin, 21.06.12
- New Order, Brüssel, 17.10.11

* bitte nicht ausdrucken
** ohne Peter Hook Wertung




Dienstag, 24. März 2015

Noel Gallagher, Brüssel, 22.03.15

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Konzert: Noel Gallagher's High Flying Birds
Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Datum: 22.03.2015
Dauer:Noel Gallagher knapp 95 min, Paul Newsome knapp 30 min
Zuschauer: 2.000 (wohl ausverkauft)



Meinen Konzertbericht vom anderen Belgien-Konzert am Wochenende habe ich mit der Frage nach der Relevanz der aufgetretenen Band begonnen. Was einmal klappt, klappt auch ein zweites Mal. 

Vor einigen Tagen machte ein Foto von Liam Gallagher die Runde, auf dem der Ex-Oasis und Ex-Beady Eye Sänger mit einem Backstage Pass einer Show seines Bruders zu sehen war. Wäre ich Liam Gallagher, hätte ich mir bei dieser Gelegenheit die Frage nach meiner eigenen Relevanz gestellt. Da war ich der Sänger der "größten Band der Welt", die sich dann, nach einem Gitarrenmißgeschick bei Rock En Seine in Paris auflösen musste und ein paar Jahre später ist mein Bruder der große Star, der kontinuierlich Hits schreibt und keinen Sänger mehr neben sich braucht. Selbstzweifel kommen in einem Gallagherischen Weltbild vermutlich nicht vor, Backstage bei Noel wäre aber vielleicht eine schöne Gelegenheit dafür gewesen.

Das Umfeld des Konzerts war wie für Noel gemacht. Als wir nachmittags in Brüssel ankamen und das Auto in der Nähe des AB abstellen wollten, war der Boulevard kurz vor dem Club von querstehenden Polizeibussen gesperrt. Wegen der nahen Börse vermuteten wir Kapitalismus-Gegner, wie sich aber schnell rausstellte, waren es Anderlecht-Gegner. Der Hauptstadt-Club spielte am Sonntag im belgischen Pokal gegen Brügge (1:2). Zur Vorbereitung standen die Brügge-Boyz mit ihren Kurz- bis Nullhaar-Frisuren trinkend in den beiden irischen Kneipen gegenüber vom AB, wurden von hundert Polizisten bewacht und betrieben Hooligan-Folklore und schmissen Böller in U-Bahn-Stationen. Noel Gallagher, der den falschen der beiden Clubs aus Manchester mag, gefiel das sicher. Er fragte später, wie das große Spiel ausgegangen sei.


Noel Gallagher hatte schon in Düsseldorf einen Kumpel als Support dabei, den in den USA lebenden Paul Newsome. Paul trug Mütze, wurde von zwei Kollegen begleitet und spielte nette und harmlose Folkstücke, die sich sicher auch gut an einem Lagerfeuer machen. Ein Stück (She's the one) war sehr gut, der Rest tat nicht weiter weh (Setlist folgt). 
 

Als die Bühne für Noel Gallagher und seine High Flying Birds gerichtet war und alle Betrunkenen langsam wieder in den Saal gekommen waren, setzte ein fünfminütiges Gehupe ein. Vom Band lief statt einer Einlaufmusik der Mitschnitt des Autocorsos der City-Meisterfeier! 


Noel Gallagher variiert seine Konzerte kaum. Die Setlist ist vorher bekannt, es gibt keinerlei inhaltliche Überraschungen, wenn man vorher schon einen der anderen Auftritte gesehen oder davon gelesen hat. Da ich aber wie immer schlecht vorbereitet war und die neue Platte nur in kleinen Teilen kannte, war doch vieles für mich neu. 


Daß Noel drei Bläser auf seiner Tour mitnimmt, hatte ich gelesen. Sie kamen zu erstaunlich vielen Einsätzen und gaben den Liedern einen zusätzlichen Pfiff. 


Der Noel-Teil des Sets bestand zu etwa gleichen Teilen aus Liedern beider Platten. Eingestreut kamen die fünf Oasis Songs der aktuellen Tour: Champagne supernova, Fade away, Digsy's dinner und als Zugaben Don't look back in anger und The masterplan. Obwohl unter seinen Post-Oasis-Stücken einige bei sind, die sich nicht hinter den Vorgängern verstecken müssen, kamen die fünf Songs mit Abstand am besten an. Der Fluch der Weltkarriere.


Der Preis dafür, bei einem Britpop-Konzert halbwegs vorne zu stehen, sind Bierduschen, Tritte und in den Rücken springende Noel-Fan(innen). Das und stiernackige Tarnjacken-Träger gab es in unsere Umgebung reichlich. Bei Digsy's dinner kam es zu einem kleinen lokalen Pogoausbruch, vor dem ich von meinem Nachbarn mit zwei Konzerten Vorsprung schon gewarnt worden war.


Das Konzert war durchgängig kurzweilig. Ich hatte von einer langweiligen Phase in der zweiten Hälfte gelesen, empfand das aber nicht so. Natürlich sind nicht alle Stücke solche großen Hits wie die Ballad of the mighty I (zu dem meine Nachbarn einen "Johnny fucking Marr"-Sprechchor skandierten - der Smiths-Mann kam aber trotzdem nicht und ließ seine Gitarrenparts, die er auf Platte beisteuert, von Noel Gallagher spielen), aber Langweiler habe ich auch nicht ausgemacht. Neben der Ballad... und den Oasis-Stücken waren (Stranded on) The wrong beach und Lock all the doors die besten Lieder.

Am Nachmittag in Brüssel taten wir das, was drei Musik-Typen machen, wenn sie sich treffen: wir sprachen über Musik. Dabei kam die Frage auf, welche große Reunion wohl 2016 ansteht. Mein Tipp war Oasis. Nach dem Konzert glaube ich das nicht mehr. Dafür gibt es doch gar keinen Grund.*

Setlist Noel Gallagher's High Flying Birds, Ancienne Belgique, Brüssel:

01: Do the damage 
02: (Stranded on) The wrong beach 
03: Everybody's on the run 
04: Fade away (Oasis) 
05: In the heat of the moment 
06: Lock all the doors 
07: Riverman 
08: The death of you and me 
09: You know we can't go back 
10: Champagne supernova (Oasis) 
11: Ballad of the mighty I 
12: Dream on 
13: The dying of the light 
14: The mexican 
15: AKA... Broken arrow 
16: Digsy's dinner (Oasis) 
17: If I had a gun... 

18: Don't look back in anger (Oasis) (Z)
19: AKA... What a life! (Z)
20: The masterplan (Oasis) (Z)

Links: 

- aus unserem Archiv:
- Noel Gallagher, Düsseldorf, 19.03.15
- Noel Gallagher, London, 23.03.13
- Noel Gallagher, Paris, 25.08.12
- Noel Gallagher, Scheeßel, 23.06.12
- Noel Gallagher, Köln, 04.12.11
- Noel Gallagher, Köln, 04.12.11 (Soundcheck)
- Oasis, Düsseldorf, 04.02.09
- Oasis, Paris, 10.11.08


* also Elastica.



Freitag, 20. Juni 2014

Violent Femmes, Brüssel, 19.06.14

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Konzert: Violent Femmes
Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Datum: 19.06.2014
Dauer: 95 min
Zuschauer: gut 1.500


"warning: if the following record album didn’t change your life, ignore this blog. my enthusiasm will make no sense to you" (Amanda Palmer)*



Violent Femmes änderte weder meine Berufswahl, meine Essens-, Frauen- oder meine Sportmannschaften-Vorlieben, Violent Femmes prägte aber meinen Musikgeschmack wie kaum eine andere Platte und rette mich aus den Klauen der Radio-Belanglosigkeit. Und damit änderte sie mein Leben.


Die Band dazu hatte ich weder in den spätern 80ern noch danach sehen können. Einmal war es knapp. Vor gut zehn Jahren spielten die Amerikaner ein Konzert in London als ich dort war. Das Konzert war ausverkauft und die Gewissheit, sie irgendwann später zu sehen, verhinderte einen teuren Schwarzmarktkauf. 2009 lösten die Violent Femmes sich auf, meine Chance schien dahin. Umso schneller reagierte mein Abzugsfinger, als vor einigen Monaten ein Konzert in Brüssel angekündigt wurde. Nein, nicht noch einmal!


Und so standen wir trotz des England-Spiels an einem Donnerstagabend im AB in Brüssel und waren gespannt. Ich hatte mir bis zum Nachmittag keinerlei Livevideos angeguckt. Ich wollte auf alle Fälle fahren und nicht durch Bilder von miesen Auftritten genötigt werden, zu Hause bleiben. Ich hatte auch nichts gelesen, keine Setlisten angeguckt und war vollkommen unvorbereitet - als Selbstschutz. Lediglich in ein Video von einem Auftritt der Dresden Dolls "mit Freunden", das ich am Nachmittag geschickt bekommen hatte, hatte ich reingesehen. Der Konzertmitschnitt aus Tasmanien entpuppte sich als gemeinsamer Auftritt von Dresden Dolls und Violent Femmes mit Amanda Palmer am Mikro, bei dem die erste Platte komplett gespielt wurde. Am anderen Ende der Welt.


Fünf Minuten vor dem angekündigten Beginn betraten Gordon Gano, Brian Ritchie und Dresden Dolls Schlagzeuger Brian Viglione die Bühne, begleitet von John Sparrow auf einer Kistentrommel.

"When I'm out walking I strut my stuff and I'm so strung out" - wie oft habe ich diesen Plattenbeginn gehört! Mit den ersten Takten war das Konzert großartig! Meine Befürchtungen, die alten Männer könnten es versauen, waren sofort weg. Blister in the sun war live genauso aufregend wie auf Platte und wurde frenetisch gefeiert (und mitgegröhlt)! Bei Kiss off und spätestens dem nachfolgenden Please do not go war auch mein Tasmanien-Neid weg. Die Violent Femmes spielten gerade ihr Debüt komplett und chronologisch. Der Abend würde so viel besser werden als nur keine Enttäuschung!



Der ruhig und seriös wirkende Sänger Gano, der rumtigernde Hippie Ritchie, anfangs mit Hütchen und meist mit akustischem Bass und der viel jüngere Viglione, der das abgespeckte typische VF-Schlagzeug ohne Bassdrum bediente, dabei oft extrem überqualifiziert wirkte und dies mit besonders viel Elan ausglich - es war ein sagenhaft intensives (dämliches Musikjournalisten-Wort, zu dem mir keine gute Alternative einfällt) Erlebnis. 


In der Mitte von Confessions kamen fünf weitere Musiker auf die Bühne, bewaffnet mit recht nerdhaften Blasinstrumenten. Geleitet wurde die Gruppe vom Stooges-Saxophonisten Steve Mackay. Brian Ritchie spielte zu Confessions eine riesige Holzflöte.


Bis To the kill sagten sie Musiker nichts. Daß auch das drittletzte Stück des Albums euphorisch gefeiert worden war, erstaunte Gordon Gano. "Nobody likes this song. But you like ist."

Zu Gone daddy gone ging Brian Ritchie ans Vibraphon. Ich bin nicht ganz sicher, ob er alles dabei live spielte, es klang zu perfekt. Aber da der Rest des Konzerts so brillant war, liege ich mit diesem Verdacht vermutlich falsch. Seinen Basspart spielte währenddessen einer der anderen Musiker.

Zu Good feeling griff Gordon erstmals zur Geige, die er aber meist als Ukulele spielte. 



"Das war unser erstes Album. Wir haben nämlich vor 31 Jahren unser erstes Konzert in Europa in Brüssel gespielt!"



Ich war nicht ganz sicher, wie weit ich die Band in den 90ern verfolgt hatte. Irgendwann hatte ich sie aus den Augen verloren und neue Platten nicht mehr gehört (warum auch, das Debüt würde ja eh nie mehr erreichbar sein). Die ersten vier Alben kannte ich, zwei, drei und vier hatte ich aber sicher seit 20 Jahren nicht mehr gehört. Trotzdem kannte und erkannte ich fast alles. Dieses "ach, genau!"-Erlebnis, das so typisch für solche Konzerte alter Lieblinge ist.



Der zweite Konzertteil begann mit dem umjubelten Jesus walking on the water, bevor Gordon sich ein Banjo umschnallte und den Country death song ankündigte. "Halt! Sie kennen das schon, wir müssen das nicht spielen!" Er stimmte es trotzdem noch einmal an, er habe schließlich sein Banjo extra aus Banjoland mitgebracht.

Aus der zweiten Konzerthälfte ragten neben Hallowed ground das ewig lange Gimme the car heraus. Da Schlagzeuger Brian in der Mitte des Stücks nichts zu tun hatte, tanzte er einmal quer über die Bühne. Natürlich habe ich den alten Drummer nie live erlebt, der Dresden Dolls Trommler war aber solch ein Knüller, daß mir dieser Verlust nicht auffiel.

American music bildete nach extrem kurzweiligen 90 min den Schlußpunkt. Man müsse um halb elf aufhören. Daher gab es auch nur eine Zugabe, die es aber in sich hatte.  Gorden klimperte ein wenig auf der Geige rum und niemand erkannte etwas. Irgendwann wurde daraus der Beginn von Blister in the sun. Das erste Stücke würde auch das letzte sein, allerdings in einer alternativen Version. In einer schlechteren. Aber da die andere ja auch gespielt worden war, war es ein Gewinn!

"Do you like american music?" - Wenn sie so ist unbedingt! Es war ein berauschendes Konzert und nicht bloß ein nicht-peinlicher Altherren-Gig. Dazu das glücklich mitsingende Publikum... Wenn das Hören einer Platte vor 25 Jahren dazu führt, heute solche Abende zu erleben, dann war sie wohl offenbar lebensverändernder, als man das einem Brocken Vinyl zutraut. Aber hört ihr (die ihr das ohnehin nicht lest) ruhig weiter alle Revolverheld und James Blunt! Veränderung ist ja auch irgendwie Mist.

Setlist Violent Femmes, Ancienne Belgique, Brüssel:

01: Blister in the sun
02: Kiss off
03: Please do not go
04: Add it up
05: Confessions
06: Prove my love
07: Promise
08: To the kill
09: Gone daddy gone
10: Good feeling

11: Jesus walking on the water
12: Country death song
13: Hallowed ground
14: Life is an adventure
15: Old mother Reagan
16: Freak magnet
17: Gimme the car
18: Black girls
19: I held her in my arms
20: American music

21: Blister in the sun (anders) (Z) 

* gleiches Album, anderer Blogeintag. Hier nachzulesen!


Donnerstag, 3. Oktober 2013

Pixies, Brüssel, 02.10.13

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Konzert: Pixies
Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Datum: 02.10.2013
Dauer: 95 min 
Zuschauer: 2.000 (ausverkauft)




Als das Navigationsgerät um 18 Uhr kurz hinter Frechen eine Restfahrtzeit von 2:40 anzeigte, konnte ich mir nicht vorstellen, daß es ein guter Abend werden würde - und ich kann mir wirklich vieles vorstellen. Rund um Köln ging nichts, überall Stau. Eigentlich hatten wir geplant, um 19 Uhr am AB zu sein, gemütlich statt der Vorgruppe örtliche Spezialitäten zu essen, um dann rechtzeitig vor dem Start der Pixies um 20:45 Uhr in den schönen Saal zu gehen. Als auf der A4 nichts mehr ging, plötzlich nicht mal mehr sicher schien, daß wir überhaupt um neun am Ancienne Belgique sein würden, kamen mir große Zweifel, ob die Idee wirklich gut war, zu den Pixies zu fahren. Mein einziges Pixies Konzert bisher (2009) war ok aber nicht mehr, Kim Deal ausgestiegen und durch irgendeine andere Indie Cindy ausgetauscht, die neue EP nach dem ersten Hören noch nicht schöngeredet. Vielleicht wären Camouflage in Frankfurt doch die bessere Wahl gewesen. Die hatten schließlich auch viele (drei) Hits. Where is my mind.


Als alle vor uns angehalten hatten, um den Unfall auf der Gegenspur zu fotografieren und bei Wer kennt wen zu posten, entspannte sich die Situation plötzlich, auch alles andere klappt erstaunlich gut, sodaß wir doch noch um kurz vor halb neun im AB ankamen. Keine Pommes, dafür aber fünfte Reihe. Der Saal war zwar recht voll, an den Rändern war aber reichlich Platz, auch sehr weit vorne. Ich habe keine Ahnung, warum Konzerte in Belgien, Luxemburg und den Niederlanden so viel angenehmer als bei uns sind. Es muß wohl an den höflicheren Menschen liegen. 

Der große Saal des AB ist wunderschön und fasst unten, auf der Tribüne hinten und den Galerien oben wohl 2.000 Zuschauer. Das Konzert war schnell ausverkauft, der Innenraum aber nicht unangenehm vollgestopft. Pünktlich wie angekündigt ging das Licht aus und der Jubel los. Die Pixies!


Es wurde relativ schnell deutlich, daß es ein großartiges Konzert werden würde. Die drei alten Bandmitglieder Frank Black, Joey Santiago und David Lovering hatten große Lust, das war deutlich. Von ausschließlich finanziellen Beweggründen für diese Konzerte war wirklich nichts zu spüren. 


Die neue Kim, Bassistin Kim Shattuck aus Kalifornien (Frontfrau der Muffs), sicher der heikelste Teil des Lineups, wischte die Zweifel an ihr auch sofort weg. Ihre Gesangsparts waren großartig, ihr Bassspiel prima und ihre Laune wundervoll! Sie hüpfte, strahlte und glänzte. So schwer die Pixies auch ohne Kim Deal vorstellbar waren, so wenig fehlte sie mir. Ihre Nachfolgerin war einfach zu gut. Das mag blasphemisch sein, aber ich fordere ja nicht gleich, daß Kim Shattuck auch Kim Deals Job bei den Breeders übernehmen soll.

Das Konzert begann mit der abgespeckten Wave of mutilation UK surf Version, der B-Seite von Here comes your man, wie schön! Where is my mind unmittelbar danach knackig wie früher, und der Abend lief.


Die folgenden 90 Minuten waren das, was man wohl eine Werksschau nennt. Da die Pixies eine der wichtigsten Bands der letzten dreißig Jahre sind, ist der Begriff sicher angemessen. Zwar spielte die Band aus Boston auch die vier Titel der noch nicht überzeugenden neuen EP (EP 1), das mir unbekannte und wohl neue Greens and blues, ein Cover (naja ein halbes, es war der Black Francis Song Silver snail), der Rest bestand aber aus den großen Lieblingen vor allem der ersten drei Platten und aus vielen heimlichen Stars. 


Pausen zwischen den Liedern gab es nicht, manchmal waren die Übergänge fließend. Dies machte es noch einmal umso eindrucksvoller. Nach den beiden neuen Stücken Indie Cindy und Another toe in the ocean kam ein Block, der fast schon zu anstrengend gut war. River Euphrates von Surfer rosa, Monkey gone to haven, Velouria und Havalina von Bossanova, Gouge away und Bone machine - ohne Pause. Für solch ein Repertoire würden die meisten Musiker ihre Seele verkaufen, die Pixies können sechs Lieder dieses Gewichts mal schnell nacheinander losfeuern.


Wegen der wenigen Chancen, einmal Luft zu holen, ist es schwer, Höhepunkte festzumachen. Ich hatte auf Velouria gehofft, weil es in Frankfurt damals nicht auf dem Programm stand (es war die Doolittle Jubiläums-Tour) und hatte Glück. Ein paar andere Lieblinge haben gefehlt, angesichts der Setlist, daraus einen Vorwurf abzuleiten, wäre albern. Die vielen "kleineren" Stücke waren wundervoll, das Set in weiten Teilen überraschend. Daß die Band kein Konzert zweimal spielt, es auch nicht etwa eine A- und eine B-Setlist gibt, die abwechselnd eingesetzt werden, kann man ihr nicht hoch genug anrechnen. Trotz Velouria, trotz Caribou, trotz Isla de Encanta, trotz Gouge away, mein Liebling waren die Zugaben. Hey hatte noch gefehlt und passte als erstes Zusatzstück. Danach stimmten die vier Musiker noch einmal Wave of mutilation an, diesmal in der vollen Albumversion. Wie wundervoll! Auch wenn mit Rock music danach noch ein Hit folgte, gefiel mir dieser Bogen von der akustischen zur lauten Version dieses Knüllers am Anfang und am Ende des Abends sehr.

Das Konzert war so viel besser als erwartet. Ausverkauf? Geldgier? Fehlende Relevanz? Papperlapapp! Relevant wie immer und jeden Cent wert sind die Pixies! Und das unterscheidet sie von denen von 2009.

Setlist Pixies, Ancienne Belgique, Brüssel:

01: Wave of mutilation (UK surf mix)
02: Where is my mind
03: In heaven (Lady in the radiator song)
04: Andro queen
05: Nimrod's son
06: Vamos
07: Break my body
08: Brick is red
09: Here comes your man
10: Indie Cindy
11: Another toe in the ocean
12: River Euphrates
13: Monkey gone to heaven
14: Velouria
15: Havalina
16: Gouge away
17: Bone machine
18: I've been tired
19: U-Mass
20: Broken face
21: Isla de Encanta
22: What goes boom
23: Silver snail (Black Francis Cover)
24: Caribou
25: Greens and blues (neu)
26: Planet of sound

27: Hey (Z)
28: Wave of mutilation (Z)
29: Rock music (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Pixies, Barcelona, 28.05.10
- Pixies, Frankfurt, 11.10.09
- mehr Fotos vom Konzert in Brüssel



Mittwoch, 15. Mai 2013

Veronica Falls & Dirty Beaches, Brüssel, 14.05.13

0 Kommentare

Konzert: Veronica Falls & Dirty Beaches
Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Datum: 14.05.2013
Zuschauer: 300 vielleicht
Dauer: Veronica Falls 50 min, Dirty Beaches knapp 45 min


"Fütter' mein Ego! Fütter' mein Ego! Fütter' mein Ego! Yü-Gung kann Berge versetzen. Und alles ist wichtig!" 

Ich bin kein großer Kenner (und Fan) der Einstürzenden Neubauten, Yü-Gung, dieses großartige Krach-Lied gehörte aber zum festen Repertoire der Indiedisco und fundamental zu meiner musikalischen Sozialisation. Während des Auftritts der Dirty Beaches erinnerte mich das erste Stück so sehr an dieses Lied, daß es mich seitdem wieder einmal als Ohrwurm verfolgt. Alex Zhang Hungtai, der Mann hinter Dirty Beaches, hat sicherlich viel mehr Einstürzende Neubauten als ich gehört. sein Schrei-Gesang und die Rhythmen dieses Lieds klangen zu sehr nach der Blaupause, daß es ein Zufall sein könnte. Aber es gibt ja sicherlich schlechterer Orientierungen. Das zweite Lied klang nach einem Mantra, das Alex vor sich hinmurmelte. Dann gab es einen Song, der hauptsächlich aus Hubschraubergeräuschen bestand, einen der Sleeper in Metropolis zitierte und ein nur-Gitarren Cover eines Singer/Songwriters, das ich nicht erkannt habe.

Auf der Bühne standen neben dem sich ständig bewegenden Sänger ein Keyboarder in Lederjacke und ein Schlagzeuger, der meist mit einem Stick auf ein elektronisches Drumpad einschlug und wie Konzertnachbar Frank richtig feststellte sich damit für einen Einsatz bei Kraftwerk bewerben könnte. Während Alex und der Schlagzeuger für das letzte Stück - das Cover ("I'm blind... the devil's hand...") - Gitarren umschnallten und sphärische Töne erzeugten, drehte sich der arbeitslos Keyboarder scheinbar extrem gelangweilt um und stand regungslos mit dem Rücken zum Publikum.

Klingt scheußlich? Das war es absolut nicht. Dirty Beaches sind keine Band, die ich mir jemals auf Platte anhören werde, der Auftritt in Brüssel war allerdings faszinierend gut! Alleine dafür hatte sich der Ausflug ins Ancienne Belgique gelohnt ("alleine", nicht "nur"!).

Um 21.35 Uhr hatten Veronica Falls ihren dreiminütigen Soundcheck beendet und erschienen zurück für ihren Auftritt. Die Band wirkte auf mich ein wenig müde, aber vielleicht interpretiere ich zuviel in Gesichtsausdrücke hinein.

Die Box des Ancienne Belgique hatte ich mir als eigenen Saal vorgestellt. Wir waren uns im Laufe des Abends aber immer mehr sicher, daß es sich um den großen Saal handelte, bei dem die Bühne weiter zurückverschoben war und Vorhänge den hinteren Teil und die Balkone oben verdeckten. In diesem (eventuell) hatte ich New Order gesehen, damals waren vermutlich 2.000 Zuschauer anwesend. Für das heutige sehr gemischte Doppel waren 250 bis 300 gekommen, der jetzt kleinere Saal hätte einge mehr gefasst.

Veronica Falls spielten das gleiche Set, das ich in München erlebt hatte. Es gab auch sonst wenige Variationen, weder in die eine, noch in die andere Richtung. Alle Lieder im Liverepertoire sind Knüller - ihre Bühnenversionen noch einmal charmanter als die auf Platte. Alle außer Tell me. Damit hatte ich schon vor anderthalb Wochen gefremdelt, obwohl ich das Stück auf dem Album sehr gerne höre. Nachdem es mir auch in Brüssel so ging, vermute ich, daß Tell me zu langsam für Konzerte ist. Vielleicht sollte die Band es einmal punkiger spielen. Gerade als Einstieg in einen Auftritt fehlt dem Lied aber der Biss.

Daß das Konzert der jungen Londoner, in die ich mich in den letzten Jahren so verguckt ("verhört" klingt doof) habe, schlechter als das in München war, lag zum einen an der fehlenden Abwechslung, zum anderen am Publikum, das bis auf eine Handvoll Leute in der Mitte, die gegen Ende aufdrehten und laut wurden, extrem zurückhaltend war. Hauptstadtpublikum, wie man es kennt, das alles schon einmal gesehen hat.

Trotzdem heißt "schlechter" natürlich noch immer sehr gut. Also freue ich mich auf das nächste Mal mit Veronica Falls.

Setlist Veronica Falls, Ancienne Belgique, Brüssel:

01: Tell me 
02: My heart beats 
03: Beachy Head 
04: Broken toy 
05: Waiting for something to happen 
06: Bad feeling 
07: Found love in a graveyard 
08: If you still want me 
09: Buried alive 
10: Wedding day 
11: Teenage 
12: Come on over 

13: Right side of my brain (Z) 
14: Starry eyes (Roky Erickson Cover) (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- unser Interview mit Veronica Falls
- Veronica Falls, Stuttgart, 04.05.13
- Veronica Falls, München, 03.05.13
- Veronica Falls, Barcelona, 02.06.12
- Veronica Falls, Berlin, 22.03.12
- Veronica Falls, Luxemburg, 10.11.11
- Veronica Falls, Paris, 04.05.11



Dienstag, 18. Oktober 2011

New Order, Brüssel, 17.10.11

9 Kommentare

Konzert: New Order

Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Datum: 17.10.2011
Zuschauer: 2.000 (nach 15 min. ausverkauft)
Dauer: 90 min


Der 9. September hat mich Jahre meines Lebens gekostet. Ab 11 Uhr sollte es Tickets für das erste von zwei Reunion-Konzerten von New Order in Brüssel geben. Die Band hat sich zu diesen ersten Auftritten nach dem Verwürfnis und Ausstieg von Bassist Peter Hook entschlossen, um Geld für ihren kranken Freund Michael Shamberg zu sammeln. Shamberg, ein amerikanischer Filmemacher, der u.a. Ein Fisch namens Wanda produziert hat, lernte New Order 1980 während eines New Yorker Konzerts kennen, freundete sich mit der Band an und wurde später Produzent vieler ihrer Videos.

Auch bei den Gründen ihres Comebacks zeigen New Order also Stil. Nicht (eigene) finanzielle Belange, die sicher bei vielen wieder aufgetauchten Bands Hauptmotivation sind (oder warum gibt es die Guano Apes und Skunk Anansie wieder?), sondern eine Herzensangelegenheit. Die Bandgründung von New Order nach dem Selbstmord von Ian Curtis, nach dem eben nicht Joy Division mit neuem Sänger weitermachten, war vor 30 Jahren schon Vorbild für würdevolles Handeln, das Comeback passt in dieses Bild.

Daß es vor dem Hintergrund des Zwecks der beiden Konzerte nicht gelang, den Streit zwischen Bassist Peter Hook und der Restband beizulegen oder zumindest auszusetzen, ist für Außenstehende traurig und schwer nachvollziehbar. Ich hatte bis zuletzt die Hoffnung, der Bassist, der den typischen New Order Klang so sehr geprägt hat, erschiene als Überraschungsgast bei den beiden Konzerten. Die gegenseitige Verbitterung ließ das aber offenbar nicht zu.

Dafür wurde Gillian Gilbert, viertes Mitglied von New Order ab 1980 angekündigt. Gilbert, die mit Joy Division- und New Order Schlagzeuger Stephen Morris verheiratet ist, war 2001 bei New Order ausgestiegen und durch Phil Cunningham ersetzt worden.

Zurück zum 9. September. Ich war gut vorbereitet. Mein Account auf der Veranstalterwebsite funktionierte, die Kreditkarte lag bereit, ich war eine Viertelstunde vor Verkaufsstart online. Um elf erschien dann das Konzert auf der Seite, auch der nächste Click machte keine Probleme. Nur als es zum Bestellen ging, erschien "Dear Client, to avoid the overload of our online sales pages we have limited the number of simultaneous buyers. At this moment, the maximum number of simultaneous buyers has been attained" - und das immer wieder. Ich weiß nicht, wie oft man F5 in zwölf Minuten drücken kann, vermutlich gab es das bei Wetten dass? schon, jedenfalls stieg meine Panik minütlich. Die rettende Idee war das Handy, über die mobile Clubseite durfte ich Tickets kaufen, nach unzähligen Flüchen über die Autokorrektur beim Eintippen der Kreditkartendaten klappte das. Puh! Als ich sofort anschließend noch einmal auf der Website des Ancienne Belgique war, war das Konzert ausverkauft. Bekanntlich springt ein gutes Pferd immer nur so hoch, wie es muß, reichte ja auch so.

Das Ancienne Belgique ist ein Kulturzentrum, das an einem der unzähligen großen Boulevards mitten in der Stadt liegt. Nach angenehm laxer Eingangskontrolle waren wir um acht im noch sehr leeren großen Saal (im kleinen spielten die tollen Yuck), in dem ein DJ versuchte, mich davon zu überzeugen, daß dies ein kurzweiliges Vorprogramm ist. Hat nicht funktioniert. Immerhin wurde das mehr als einstündige Set durch einen kurzen Film mit Arbeiten von Michael Shamberg unterbrochen, der u.a. ein Notwist Video beinhaltete.

Um neun drehte der DJ endlich seine Regler runter und überließ New Order die
Bühne. Nach einem kurzen Instrumentalintro (war das Elegia?) eröffnete Crystal vom 2001er Album Get ready das Programm. Danach Regret - und meine Bedenken, der Abend könne schlimm werden, waren weg! Auch auf der Bühne sind New Order würdevoll gealtert. Bernard Sumner, ganz in schwarz, ist unbestrittener Frontmann. Neben ihm hampelte Phil Cunnigham etwas viel am Bühnenrand, während die beiden "Neuen" Gillian und Bassist Tom Chapman sich zunächst extrem zurückhielten. Vor allem bei Tom Chapman war dies auffällig. Die Aufgabe, Peter Hook zu ersetzen, bedeutete sicher einen enormen Druck. Erst am Ende traute sich der Bassist langsam nach vorne und wurde selbstbewußter. Gillian (mit sehr bunter Bluse) blieb meist hinter ihrem Keyboard und spielte (wohl) nur einmal Gitarre, nämlich beim besten Stück des Abends, bei der ersten Single Ceremony, die als drittes gespielt wurde.

Ceremony hört man an, daß das Lied noch für Joy Division geplant war. Auch nach 30 Jahren ist das Stück besser als die Gesamtwerke der meisten aktuellen Bands. Ceremony war der erste ganz besondere Moment des Abends!

Der nächste Knüller war 1963, die True faith B-Seite, die New Order laut Bernard Sumner noch nie live gespielt hätten. Ich mochte 1963 schon immer, hätte es sicher nicht auf einer Wunschsetlist aufgeführt, war aber sehr angetan - es war toll!

Von den bekannteren Singles überzeugte mich True faith ganz besonders. Obwohl
eigentlich totgenudelt, war vor allem der Anfang gigantisch! Es ist wenig originell, einen der Hits besonders zu loben, True faith gehört aber zu den absoluten Höhepunkten des Abends.

Als New Order um kurz nach zehn Temptation ankündigten, war absehbar, daß das Ende nah war. Der Zeitplan war vorher veröffentlicht worden, 22.30 Uhr als Schluß angekündigt. Also hielt sich die Enttäuschung in Grenzen, daß die Band wirklich nach dem hervorragenden Stück die Bühne räumte. Genauso vorhersehbar (oder unvermeidlich) war aber, daß Blue monday fehlte, also würde es zwei Zugaben geben, die zweite wäre überraschend.

So kam es. Erst Blue monday, das mir nicht sonderlich gefiel - hier störte mich wirklich der Bass, aber auch nur hier und dann Love will tear us apart, das Joy Division Lied, daß man sich vermutlich am wenigsten gewünscht hätte, wäre man
befragt worden. Im Gegensatz zum New Order Evergreen Blue monday und entgegen aller Befürchtungen während der ersten Takte, packte mich Love will tear us apart aber enorm. Trotz der rockigeren Art, trotz des lauten, mittlerweile angetrunkenen massenhaften Mitgegröhles. Auch Love will tear us apart ist würdevoll gealtert und machte so enorm großen Sinn am Ende des Sets.

Der Preis für das Erleben des Comeback-Konzerts war die mangelnde Spielpraxis der Band. Die fiel (mir) nicht während der Stücke auf, zwischendurch nervte es. Die Pausen zwischen den Liedern waren lang und nahmen immer wieder die Spannung. Wäre das Konzert strenger durchgespielt worden - auch auf Kosten der Ansagen - wäre ich vermutlich
begeisterter rausgegangen. Bernards Ansagen und Kommentaren merkte man aber die enorme Freude an, die die Band hatte - und die auch mir Spaß gemacht hat. Das hatte ich bei New Order schon anders erlebt.

Meine Erwartungen vorher gingen von "Konzert des Jahres" bis zu "Riesenflop". Das Gefühl hinterher sagt: sehr guter Abend. Das Konzert des Jahres kommt dann irgendwann 2012. Bernard kündigte Gillians Anwesenheit mit "willkommen zurück bei New Order" an, das klingt doch vielversprechend!

Setlist New Order, Ancienne Belgique, Brüssel:

01: Crystal
02: Regret
03: Ceremony
04: Age of consent
05: Love vigilantes
06: Krafty
07: 1963
08: Bizarre love triangle
09: True faith
10: 5. 8. 6.
11: The perfect kiss
12: Temptation

13: Blue monday (Z)
14: Love will tear us apart (Joy Division) (Z)


Links:

- mehr Fotos von New Order in Brüssel










 

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