Konzert: Lanterns On The Lake Ort: Yuca, Köln Datum: 22.02.2016 Dauer: 80 min Zuschauer: 70 vielleicht
2011 vor meinem ersten Lanterns On The Lake-Konzert wusste ich nicht so genau, was mich erwarten würde. Ich kannte zwar ein paar Lieder, daß die scheinbar nett-harmlose Folkband live eherso wie Explosions In The Sky als Laura Marling sein würde, hatte ich aber nicht erwartet. Mich beeindruckte die junge Band um die schüchterne Sängerin Hazel Wilde sehr. Gut zwei Jahre später war die Gruppe aus Newcastle wieder in Köln, diesmal in der Wohngemeinschaft. Ein paar Dinge hatten sich geändert. Beim ersten Konzert gab es einen weiteren Gitarristen, der gemeinsam mit Hazel auch einige Duette sang. In der Wohngemeinschaft fehlten er und die Duette, mir fiel das aber erst nach dem Konzert auf, denn mit den neuen Liedern der damals zweiten Platte war da genug Großartiges an dem Abend, daß ich wirklich nicht nach Haaren in der Suppe gucken konnte. Im vergangenen November erschien das dritte Album Beings, mit dem Lanterns On The Lake zum dritten Mal nach Köln kamen. Diesmal kam die Band ins Yuca, den Nebenraum des Clubbahnhofs Ehrenfeld. Leider hat das erneut hervorragende Album nicht dazu geführt, der Gruppe neue Zuschauer zu bescheren. Es hätte wohl auch wieder die Wohngemeinschaft gereicht, größer war das Publikum wohl nicht. Vor zwei Wochen hatten nebenan schon Wolf Alice vor viel zu wenigen Leuten gespielt. Ich verstehe immer weniger, wie die Mechanismen funktionieren, die festlegen, welche Sau von besonders vielen durchs Dorf getrieben wird. Daß das nicht von der musikalischen Qualität bestimmt wird, ist mir schon klar. Aber es frustriert so sehr. Eine Band wie Lanterns On The Lake wird niemals in den riesigen Hallen in Deutschland spielen. Aber wenn nicht mehr als 70 Leute (da nach der Vorgruppe einige gingen waren es vermutlich höchstens noch 60) in Köln zu so einem Konzert kommen, kann man schon ernsthaft frustriert sein (und muß vermutlich beim nächsten Mal weiter fahren, um die Band zu sehen).
Wieso ich immer wieder Lanterns On The Lake Konzerte sehen möchte, erlebte ich schnell. Live sind die Nordengländer enorm eindrucksvoll. Ich mag die Platten und die frühen EPs wirklich außerordentlich gerne, vielleicht drehe ich sie aber nicht laut genug auf. Die Wucht, die einige der Lieder entfalten, traut man der immer noch ruhig und schüchtern wirkenden Frontfrau gar nicht zu. Beings von der neuen Platte hat eine dieser typischen Lanterns-Songstrukturen. Es fängt ruhig an, wird lauter und lauter, die Gitarren immer mogwaiisher, irgendwann standen Hazel und Geigerin Angela Chan nebeneinander und brüllten den Refrain - aber unverstärkt und leise. Viele der Stücke haben solche Lautstärke- und Drama-Wechsel, weshalb LOTL mich immer wieder an British Sea Power oder I Like Trains erinnern. Oder an Sigur Rós. Beings gehört zu den Platten, die ich seit Ende des Jahres oft gehört habe. Es ist gar nicht mal üblich, daß ich so gut vorbereitet zu Konzerten gehe. Ich rede mir das normalerweise damit schön, daß man Musik am besten live kennenlernt. Trotzdem hatte das Konzert - obwohl viele neue Lieder gespielt wurden - wenig mit dem Hören zu Hause zu tun. Die zusätzliche Dynamik, die vielen Gitarren (obwohl es ja eine weniger geworden ist), das funktioniert bei dieser Band live noch einmal um Klassen besser als auf Aufnahmen. Natürlich sind die Songs, die dramatisch lauter werden und viele Postrock-Elemente haben, enorm toll. Dazwischen kamen aber auch immer wieder leise oder ruhige Lieder. Send me home war eines von denen und wahrscheinlich trotz A kingdom oder Faultlines oder Beings, The buffalo days oder I love you, sleepyhead mein Liebling. Die erste Zugabe spielte Hazel alleine am Klavier. Ihre Band genieße noch deutsches Bier, sagte die Sängerin. Hazel wirkte eine Ecke weniger schüchtern als vor fünd Jahren. Sie bedankte sich später noch, daß wir so leise gewesen seien, nicht wie das Publikum in Italien. Und daß wir an den richtigen Stellen geklatscht hätten.
Auch wenn mein Liebling Not going back to the harbour gefehlt hat, auch wenn viel zu wenige Leute da waren, es war das beste meiner vier bisherigen Lanterns On The Lake Konzerte. Das habe ich nach jedem gesagt, ein gutes Zeichen.
Setlist Lanterns On The Lake, Yuca, Köln:
01: Of dust & matter 02: Elodie 03: Another tale from another English town 04: Faultlines 05: Send me home 06: A kingdom 07: I'll stall them 08: The crawl 09: Through the cellar door 10: The buffalo days 11: Sapsorrow 12: Beings
13: Green & gold (Z) 14: Stuck for an outline (Z) 15: I love you, sleepyhead (Z)
Kirchenkonzert der Bedroomdisco mit Sophie Jamieson und Lanterns on the Lake Ort: Friedenskirche in Darmstadt Datum: 25. Januar Dauer: 40 min + 65 min Zuschauer: knapp 400
Im September 2013 habe ich mich verliebt. Die Stimme von Sophie Jamieson war in mein Leben getreten und seitdem lief die wundervolle Musik der EP Where immer und immer wieder zum morgendlichen Tee. Wir hatten schon angefangen Pläne zu machen für ein Wohnzimmerkonzert in Karlsruhe, als sich herausstellte, dass es Anfang 2014 tatsächlich einige Konzerte in Deutschland geben würde. Die Termine in Darmstadt und Stuttgart hatte ich mir fest vorgemerkt und als klar wurde, dass es sogar ein gemütliches Kirchenkonzert geben würde, konnte ich auch Begleitung mit Auto besorgen und mich ganz und gar auf den Darmstädter Abend freuen.
Christoph war scharf auf Lanterns on the Lake, ich voller Vorfreude auf das Liveerlebnis mit Sophie Jamieson - wir trafen uns schließlich in Darmstadt, um uns beide unsere Wünsche von der Bedroomdisco erfüllen zu lassen. Und die Friedenskirche erwies sich als ein wunderbar einladender Ort mit besten Voraussetzungen für einen schönen Abend mit Musik. Alle standen unter dem Eindruck, dass dies ein besonderer Abend werden würde.
Es war der erste Abend der Tour außerhalb der britischen Insel für Sophie und ihre drei Männer Liam Hoflay, Alex Betancourt and Amos Memon. Ich glaube, sie waren ein bisschen geplättet, dass es gleich mit einem so großen Format begann und alle Ansagen von Sophie waren ganz verhuscht, weil sie sich wohl am liebsten verkrochen hätte.
Aber musikalisch gab es nichts zu verstecken. Im Gegenteil passte die spröde und sich Minute um Minute entfaltende Musik wunderbar in diesen Rahmen. Das Publikum war ganz aufmerksam und honorierte das gehörte mit enthusiastischem Applaus.
Überraschend für mich war es, wie sehr mich beim Liveerlebnis die Beiträge der Mitmusiker fesselten. Ihre Beiträge höre ich nun auch von Konserve ganz deutlich: Das behutsame Spiel des Schlagzeugers mit einer bemerkenswerten Frisur; den Mann am Bass, der bei einigen Stücken, die Saiten strich und die ganze Zeit wie ein guter Junge rüberkam und den Mann an der E-Gitarre, der ganz kunstvoll und filigran seine Akzente setzte. Sie alle machten die Stücke erst so intensiv, dass es die Balkendecke der Kirche immer wieder mal ein Stück weit anhob, obwohl es nie wirklich laut wurde.
Nach für meinen Geschmack etwas zu langer Pause ging es schließlich mit Lanterns on the Lake weiter. Es begann mit einem zünftigen Walzer und die gestrichene Gitarre rechts vorn war der Hingucker. Man sollte für ihn den Preis des hingebungsvollsten Gitarristen einführen!
Später wurde es ordentlich laut, es rumste und krachte. Zum Teil intensiv, zum Teil für mich auch zu Schlagzeug-betont. Was ich besonders schade fand bei der eigentlich sehr filigran zusammengebauten Musik. Damit wurde nämlich z.B. die exzellente Geige zugedeckt, die in den leiseren Stücken für mich einfach nur wunderbar anzuhören war. Aber das ist jammern auf hohem Niveau, denn natürlich haben mich die fünf Musiker mit diesem Konzert ganz für sich eingenommen und damit einen neuen Fan gewonnen.
Konzert: Lanterns On The Lake & Sophie Jamieson Ort: Evangelische Friedensgemeinschaft Darmstadt (Bedroomdisco) Datum: 25.01.2014 Dauer: Lanterns On The Lake knapp 65 min, Sophie Jamieson 40 min Zuschauer: 370 (ausverkauft)
"You're a little bit scary!"Sophie Jamieson, die junge aus London stammende Musikerin, die das erste Kirchenkonzert der Bedroomdisco eröffnete, war sichtlich beeindruckt von der vollen Kirche der evangelischen Friedensgemeinde. Sie habe mit ihrer Band schon ein paar Konzerte in Kirchen gespielt, dies sei das größte - und überhaupt das größte Publikum.
Sobald die Lieder begannen, war von Sophies Nervosität nichts mehr zu spüren. Ihre Stücke, die an Daughter erinnern, leben von der ungewöhnlich tiefen Stimme der Sängerin und den enorm spannenden Arrangements.
So hatte das Spiel des Schlagzeugers Amos immer wieder Pausen. Er trommelte kaum wirklich lange Passagen. Mir fallen Schlagzeuger selten auf, da bin ich recht ignorant, Amos' Art, seine Instrumente zu bedienen, faszinierten mich aber sehr. Vielleicht hat er aber auch ein wenig betrogen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, die abstehenden Fasern seines Wollpullovers wurden von einem Strahler hinter ihm nämlich angestrahlt, sodaß er eine Art blaue Auro um sich hatte.
Zu Sophies Band gehören außerdem Gitarrist Liam und Bassist Alex, die sicher genausoviel Aufmerksamkeit verdient gehabt hätten! Bei Stain (einem wohl unveröffentlichten Stück, es ist jedenfalls nicht auf der Debüt EP Where) spielte Liam eine ganz großartige Gitarre, sehr toll!
Sophies Stücke sind melancholisch und sicherlich nicht so (im Indierahmen) massentauglich wie die von Daughter, um noch einmal diesen vielleicht arg konstruierten Vergleich zu bemühen. Aber sie sind vor allem wunderschön und kamen sehr zu recht beim furchterregenden Publikum (und mir) hervorragend an! Setlist Sophie Jamieson, Bedroomdisco, Darmstadt: 01: The weight comes (?) 02: Dinah 03: I don't 04: Stain 05: Other 06: ? 07: Ode to the east 08: Waterloo
Bei Lanterns On The Lake wusste ich, was mich erwartet. Am Donnerstag hatte ich die Band aus Newcastle in Köln gesehen und war begeistert. 2011 hatte ich schon einmal ein Lanterns On The Lake Konzert in Köln erlebt, ohne vorher viel von der Band zu kennen. Eine weitere englische Folkband hatte ich erwartet, die Postrock-Elemente, teilweise mit drei Gitarren gespielt, hatten mich überrascht und umgeworfen!
In den letzten zweieinhalb Jahre hat die Band einiges erlebt. Zwei Gründungsmitglieder, die beiden Brüder Adam und Brendan Sykes, verließen die Gruppe, die anderen entschieden sich, ihre Jobs aufzugeben und sich ganz auf ihre Musik zu konzentrieren. Adam war einer der Sänger. Auf der ersten Platte gab es Lieder, bei denen er die erste Stimme singt. Also änderte sich auch der Stil der Musik ein wenig. Zwar singen auch Schlagzeuger Oliver und Gitarrist Paul. Vor allem Paul macht dies aber sehr ungern bei Konzerten. Und weil er auch beide Platten produziert hat, regelt er auch auf Platte seine Stimme runter, wie mir Sängerin Hazel und Oliver vor dem Konzert in einem Interview verrieten. Ich mag Duett-Elemente bei Bands enorm gerne, die der Nordengländer erinnerten mich manchmal an The xx beim ersten Konzert. Das gibt es jetzt nicht mehr, es fehlt mir aber zu meiner großen Überraschung gar nicht. Sowohl die zweite Platte, als auch die beiden Konzerte in neuer Konstellation gefielen mir noch besser als die ersten.
Das Konzert in dem großen, sehr schlichten aber eleganten Kirchengebäude begann gleich wie das in dem winzigen Theater der Wohngemeinschaft in Köln. Nur saß Hazel Wilde nicht am Klavier sondern am Keyboard. Picture show stammt vom im vergangenen Jahr erschienenen Album Until the colours run und ist auf den ersten Blick nicht eines der zwei, drei auffälligsten Lieder der Platte. Aber es wird immer besser, vor allem live. Die Gitarre von Paul, die das Klavierspiel begleitet, ist grandios! Nach meinem ersten Konzert hatte ich die Ausbrüche, in die einige der Lieder münden und bei denen drei Gitarren zum Einsatz kamen, mit Bands wie Explosions In The Sky vergleichen, obwohl dies absurd erscheint. Allerdings sind diese Postrockelemente durchaus ähnlich. Aber auch bei einem eher ruhig verlaufenden Stück wie Picture show klingt Pauls manchmal wahnwitzig schnell gespieltes Instrument so gar nicht nach einer Band, die man irgendwie mit Folk verbindet (was ich getan hatte, bevor ich sie live gesehen habe). Lanterns On The Lake klingen durch die Kombination stillerer Elemente, Hazels wunderbare Stimme, das meist sehr zurückhaltend gespielte Schlagzeug und die schnellen Gitarren - und natürlich die immer wieder eingesetzten Krachelemente - vollkommen eigen und enorm toll! Je häufiger ich die Band höre, desto spannender wird sie. Und das ist wirklich eine Seltenheit.
Natürlich überraschte es mich nicht, als ich neulich gelesen habe, daß Lanterns On The Lake Explosions In The Sky in Großbritannien supportet haben. Einer der großen Hits (der besonders großen Hits) folgte danach, Elodie, das einen symphonischen Beginn hat. "Cinematic post-pop" hat das irgendwer mit mehr Ahnung genannt. Mir sind solche Genrebezeichnungen oft vollkommen egal, diese (wenn ich sie richtig verstehe) trifft die Art der Musik aber gut. Und sie klingt toll! Bei Elodie war mir das Schlagzeug bloß einen Tick zu laut (auch schon in Köln), das einzige klitzekleine Haar in der Kirchenkonzert-Suppe.
Eines der besten Stücke des Abends war A kingdom von der ersten Platte. Dabei spielt Hazel Mundharmonika, allerdings auf eine solch zurückgenommene Art, daß ich, wenn ich es nicht gesehen hätte, das Instrument nicht erkannt hätte. Bassist Andrew bediente ein Harmonium (denke ich), und das Stück mündete in einem dieser lauten Enden mit Gitarrist Paul, der auf die Becken einschlug, um am Schluß die drei Altartreppen runterzuspringen, um an seinen Platz zurückzukommen. Großartig!
Ships in the rain, Another tale from another English town, The ghost that sleeps in me... alles wundervolle Lieder, die im Wechsel alles Lieblinge sind.
Im Vergleich zu Köln waren zwei zusätzliche Stücke im Programm, Tricks vom Debüt und The buffalo days vom zweiten Album. Bei The buffalo days hatte ich irgendwann nur noch Augen für Paul, der in einer absurden Geschwindigkeit Gitarre spielte. Dieser sich selbst enorm toll findende Geiger David Garrett ist angeblich der schnellste Violinist der Welt (mit Guinness Rekord). Gegen Pauls Geschwindigkeit ist er nicht nur albern sondern auch lahmarschig.
Wie in Köln war auch das herrliche Sapsorrow (von der Lungs quicken EP von 2010) Teil des Programms ("that's the one, where the drummer sits behind the drumset!"). So weit, so gut. Aber die besten Stücke kamen am Ende...
Not going back to the harbour beendete das reguläre Set. Der Schluß des Lieds war für mich nicht mehr überraschend, aber es war wieder so unendlich schön! Am Ende des Stücks, wenn bei anderen Lieder die Lautstärke explosionsartig ansteigt, wird es in der Liveversion dieses Stücks plötzlich leise. Hazel, Paul und Oliver singen unverstärkt die letzten Zeilen. "I'm not going back to the harbour, I'm not going back to my old life." Der Text entstand, als die Band entscheiden musste, wie es weitergeht und sich Hazel, Geigerin Sarah, Paul und Oliver festlegten, die Band zum Beruf zu machen. Wenn nur alle schwierigen Entscheidungen solch wundervolle Folgen wie dieses Lied hätten! Die erste Zugabe war Green and gold, ein Solo-Piano Stück, auf dessen Studioversion man laut Hazel den Staubsauger der Reinigungskraft des Proberaums hört. Die Band kam anschließend zurück, um mit Until the colours run und I love you, sleepyhead die (jetzt wirklich) besten Stücke des Abends zu spielen. Die langsame Lautstärken-Steigerung bei I love you... ist das perfekte Ende eines solchen Konzerts!
Das Wagnis, die Wohnzimmerkonzerte des Bedroomdisco in eine mit fast 400 Leuten besetzte Kirche auszudehnen, ist vollauf geglückt. Wieder einmal hat das Darmstädter Team einen wundervollen Konzertabend veranstaltet. Ich kann die Events der Bedroomdisco nur wärmstens empfehlen!
Setlist Lanterns On The Lake, Bedroomdisco, Darmstadt:
01: Picture show 02: Elodie 03: A kingdom 04: Ships in the rain 05: Another tale from another English town 06: The ghost that sleeps in me 07: The buffalo days 08: Sapsorrow 09: Tricks 10: Not going back to the harbour 11: Green and gold (Hazel solo) (Z) 12: Until the colours run (Z) 13: I love you, sleepyhead (Z) Links: - aus unserem Archiv: - Lanterns On The Lake, Köln, 23.01.14 - Lanterns On The Lake, Köln, 09.11.11 - Lanterns On The Lake, Paris, 05.11.11 - Lanterns On The Lake, London, 07.09.11
Konzert: Lanterns On The Lake Ort: Theater der Wohngemeinschaft, Köln Datum: 23.01.2014 Dauer: 55 min Zuschauer: rund 70 (ausverkauft)
Als ich im November 2011 zum Konzert von Lanterns On The Lake ins Studio 672 ging, wusste ich nicht, was mich erwarten würde. Ich vermutete eine weitere englische Folk-Band, die mir ganz gut gefallen würde. Auf die Idee, eine künftige Lieblingsgruppe zu sehen, wäre ich im Leben nicht gekommen. Heute waren meine Gedanken anders. Würden Lanterns On The Lake aus Newcastle mich auch nach zwei Jahren wieder so begeistern? Oder hatte ich mir aus der größer werdenden Distanz nur immer mehr eingeredet, wie toll die Band ist? Im Oktober erschien die zweite Platte der Engländer. Until the colours run gefällt mir - was ja wirklich nicht der Standard ist - noch besser als das Debüt von 2010. Es konnte also wirklich nicht viel schief gehen.
Das Theater in der Wohngemeinschaft ist ein kleiner Raum, der 50 bis 70 Zuschauer fasst und eine Bühne im Stile eines piefigen Wohnzimmers hat. Der einzige Nachteil des Raums ist die ebenerdige Bühne. Da das heutige Konzert nicht bestuhlt war, konnten wohl nur die Leute in der ersten Reihe richtig sehen. Die vielen Hinterköpfe vor mir nahm ich aber gerne in Kauf für die wundervolle Musik. Die Sängerin der Band, Hazel Wilde, erklärte zu Beginn, man habe wegen des besonderen Konzertorts die Setlist angepasst. So begann sie das erste Stück am am linken Rand stehenden Klavier. Picture show stammt vom aktuellen Album. Auf Platte klingt Hazels Stimme dabei ein wenig verzerrt oder gedämpft. Die Liveversion war eine Ecke schöner! Und so blieb es dann auch!
Hazel Wilde wurde begleitet von Gitarrist Paul Gregory, Bassist Andrew Scrogham, Geigerin Sarah Kemp und Schlagzeuger Oliver Ketteringham. Daß Lanterns On The Lake 2011 noch einen zusätzlichen Sänger und Gitarristen hatten, hatte ich vergessen. Erst nach dem Konzert habe ich dies nachgelesen und festgestellt, daß mir die beiden fehlenden Elemente, die Duette und die dritte Gitarre, die beide sensationell schön waren (und mir wichtig waren), heute überhaupt nicht gefehlt haben. Das spricht sehr für das Konzert in der Wohngemeinschaft, finde ich.
Lanterns On The Lake hatten mich damals wegen des Gesangs der beiden Sänger machmal an The xx erinnert, auch wenn das vielleicht wegen des grundsätzlich anderen Stils weit hergeholt scheint. Heute war Hazels Stimme meist alleine zu hören, sie bestritt viele Stücke am Klavier, was bei mir zu Assoziationen mit den von mir extrem hoch geschätzten Amatorski führte. Auch wenn dabei die dritte Gitarre fehlte und auch wenn die ruhigen Klavier-Stücke auch wunderschön waren, sind die tollsten Elemente der Band die Ausbrüche am Ende einiger Stücke. Bei A kingdom von der Debütplatte zum Beispiel (da störte selbst das rhythmische Klatschen nur wenig!). Die sehr langsame Steigerung bei I love you, sleepyhead, die in eine Art Postrock-Ende mündete, mit Gitarrist Paul, der wie ein Boxer auf ein Becken eindrosch, war der schönste Moment des Konzerts! Die Stücke der Band aus Newcastle handeln oft vom Meer, von Schiffen und diese Postrock-Phasen passen ganz wundervoll zu dieser Stimmung.
Am Ende schienen sie ein wenig mit diesem Liedaufbau zu kokettieren, als bei der letzten Zugabe Not going back to the harbour (in einer viel tolleren und längeren Version als auf Platte) plötzlich an der Stelle, in der es in anderen Liedern lauter wird, Hazel und Schlagzeuger Oliver unverstärkt gemeinsam sangen. Nein, das war der mit Abstand schönste Moment dieses wundervollen Konzerts! Nein, nein, nein, ich habe mir Lanterns In The Lake in den vergangenen zwei Jahren nicht schöngeredet, die Band ist so großartig, wie ich sie in Erinnerung hatte.
Setlist Lanterns On The Lake, Theater der Wohngemeinschaft, Köln:
01: Picture show 02: Elodie 03: Ships in the rain 04: A kingdom 05: The ghost that sleeps in me 06: Another tale from another English town 07: Sapsorrow 08: Until the colours run 09: I love you, sleepyhead
Konzert: Lanterns On The Lake Ort: Studio 672, Köln Datum: 09.11.2011 Zuschauer: 45 Dauer: 55 min
Dieser Tage begegnen einem abends zwischen Nebelschaden häufig seltsame Gestalten. Kleine Wesen im flackernden Licht, begleitet von blechernen Melodien. Daneben Reiter in komischen Gewändern. Der Anstifter zu diesem Fest, der Heilige Martin von Tours, wird auch in der anglikanischen Kirche geehrt. Allerdings sind die Laternenumzüge rund um den Martinstag eine (katholische) westeuropäische Sache. Also war es auch nur ein Zufall, daß ausgerechnet heute eine Laternenband in Köln spielte.
Lanterns On The Lake ist eine Folkpop-Band aus Newcastle, wußte ich vor dem Konzert. Ich hatte auch einige Lieder der Gruppe gehört, sehr viel weiter hatte ich mich allerdings mit ihr nicht beschäftigt. Mein Entschluß, trotz einer vollkommen verplanten Woche, wieder ins Studio 672 zu fahren, fiel dann auch sehr kurzfristig, topmotiviert war ich offenbar nicht.
Als ich im Kellerclub des Stadtgartens ankam - um zehn nach neun - spielte gerade die Vorgruppe The Pattern Theory ihr letztes Lied. Obwohl die Berliner sehr alberne Alufolien-Jackets trugen, klang dieses Stück sehr gut. The Pattern Theory spielen (wohl) Instrumental-Musik, die an diverse Postrockbands erinnert. Zu mehr reichte der kurze Eindruck nicht, immerhin klang die Musik aber zu wenig schlecht, um die Band hier zu verschweigen.
Erfrischend früh fing das Hauptprogramm an. Bereits kurz nach halb zehn traten Lanterns On The Lake auf. Auch gestern bei Pete and the Pirates war der Zeitplan schlaffreundlich, diese Engländer begannen bereits um Viertel nach neun. Auch wenn es durchaus reizvoll ist, über die mädchenhaften Konzertstartzeiten in der Weltstadt Paris zu lästern, wäre es schön, wenn sich diese Politik in Köln durchsetzen würde. Die halbe Stunde mehr Schlaf kann wirklich helfen.
Ehrlich gesagt sah auch Hazel Wilde aus, als könne sie die ein oder andere halbe Stunde Mehrschlaf gut brauchen. Die Sängerin des sechsköpfigen Ensembles sah ziemlich müde aus. Nach und nach änderte sich aber mein Eindruck, Hazel schien nicht müde sondern extrem schüchtern zu sein. Und verflucht jung. Auch wenn Sänger Adam Sykes das durch Schnurrbart verdecken wollte, scheinen alle noch nicht schrecklich alt zu sein.
Dann überraschte mich die Instrumentierung. Neben den offensichtlichen Geige, Bass, Schlagzeug waren oft drei Gitarren im Einsatz (also mehr als Explosions In The Sky). Dabei fangen die meisten Stücke mit Hazels zartem Gesang und sehr ruhiger Begleitung an, um sich dann - das funktioniert immer wieder! - zu steigern und laut zu werden. Andere Lieder (Sapsorrow von der EP Lungs quicken) bleiben ruhig und getragen bis zum Schluß. Die Musik des Sextetts war herrlich abwechslungsreich und klang trotz vieler Referenzen, die einem zwangsläufig im Kopf rumschwirren, eigen.
Eine Idee, die mir beim zweiten Stück kam, erschien mir erst vollkommen abwegig. Denn beim zweiten Lied (If I've been unkind) erinnerte mich der Gesang an The xx. Stilistisch haben die beiden Bands nichts gemeinsam, nur klangen die beiden Stimmen von Adam (der das Lied eröffnet) und Hazel bzw. die Art, wie zurückgenommen beide das Stück bestritten wie die Elektronik-Band, die ich so liebe. Deren Stilelement, nicht miteinander sondern nebeneinander Duette zu singen, fehlte zwar bei Lanterns On The Lake, trotzdem war da eine merkbare Ähnlichkeit zu The xx. Meine wirre Idee hörte ich gegen Ende des Konzerts noch einmal bestätigt, denn auch Tricks hat xx Gesang.
Tricks endete - wie einige Kollegen - in einem furiosen Postrockfinale, mit drei Gitarren, Bass, Schlagzeug und wilder Geige! Manchmal, wenn gegen Ende eines Lieds Gitarrist Paul Gregory sein Instrument abstellte und zum Schlagzeug ging, um mitzutrommeln (A kingdom, I love you sleepyhead), stellten sich die anderen Musiker im Kreis um die Trommeln, mit den Rücken zum Publikum. Auch das war toll - aber das war eigentlich alles an diesem Konzert!
Live sind Lanterns On The Lake viel weniger Folk- als Rockband, und das steht ihnen ausgezeichnet! Die Stücke sind abwechslungsreich (bei Ships in the rain spielte Schlagzeuger Oliver Ketteringham Mundharmonika, allerdings auf eine leise Art, wie ich es noch nie gehört habe!) und nie langweilig. Vielleicht ist das auf Platte auf die Dauer anders. Dann wird helfen, die Lautstärke aufzudrehen! Und an den ausgezeichneten Konzertabend zu denken. Der war nämlich ein Knüller!
Rabimmel, rabammel, rabum! Setlist Lanterns On The Lake, Studio 672, Köln:
01: Lungs quicken 02: If I've been unkind 03: A kingdom 04: Ships in the rain 05: You need better 06: You're almost there 07: Keep on trying 08: Sapsorrow 09: Tricks 10: I love you sleepyhead
Konzert: Lanterns On The Lake & Yuck & Mechanical Bride Ort: La Boule Noire, Paris Datum: 05.11.11 Zuschauer: etwa zu zwei Dritteln gefüllt
Sehr gute Konzerte an jenem Abend in der Pariser Boule Noire. Shoegaze/Post Rock mit Lanterns On The Lake, Folk mit Mecanical Bride und Power Pop/Indierock mit Yuck, da war wirklich für jeden etwas dabei.
Als erste Band musste/durfte Lanterns On The Lake ran. Ihren Stil bezeichnen sie selbst als Cinematic Indie und liegen damit gar nicht so falsch. Die sechs Musiker aus dem Nordosten Englands schufen in der Ta malerische Soundlandschaften, die gut zu einem Soundtrack gepasst hätten. Angeführt von einer blonden Sängerin mit sanfter Stimme ließen sie heute aber auch die melodischen Gitarren sprechen. Bei manchen Stücken waren gleich drei auf einmal im Einsatz und man kann sich sicherlich vorstellen, wie laut das Ganze dann wurde. Für den herzerwärmend-melancholischen Wohlklang sorgte aber eine feine Geige, die von einem gelockten Mädel gestrichen wurde. Es war wirklich herrlich anzuhören und wer nicht in Verzückung geriet, hat anstelle eines Herzens sicherlich einen Stein oder ein Stück Holz.
Performt wurden bis auf eine Ausnahme ausschließlich Lieder vom Debütalbum Gracious Tide, Take Me Home, einem hübschen Werk, das man auch anschließend am Merch erwerben konnte. Die Stücke klangen live aber deutlich anders als auf der (gelungenen) Platte, viel energischer, gitarrenlastiger, noisiger und dramatischer. Beide Varianten haben etwas für sich.
Der heutige Liveauftritt hat auf jeden Fall Lust auf mehr gemacht und wer Geld zuviel dabei hatte, konnte neben dem Album auch noch drei wundervoll handgestaltete EPs erwerben und mit einem Grinsen im Gesicht den Nachhauseweg antreten.
Setlist Lanterns On The Lake, La Boule Noire, Paris: 01: Lungs Quicken 02: If I've Been Unkind 03: A Kingdom 04: You're Almost There 05: You Need Better 06: Tricks 07: I Love You Sleepyhead
Ebenfalls hinreißend war der Auftritt von Mechanical Bride, auch sie aus England. Das Projekt der 25 jährigen Pianistin Lauren Doss benötigte zur Liveumsetzung insgesamt vier Musiker, zwei Männlein, zwei Weiblein (inklusive Lauren). Die andere Dame auf der Bühne war die entzückende Caroline Weeks, die auch ein eigenes Soloprojekt betreibt und zudem in Diensten von Bat For Lashes stand. Und an Bat For Lashes konnte man zumindest ab und zu denken, wenn man die Stücke von Mechanical Bride hörte. Allerdings ist Lauren deutlich introvertierter, bescheidener und natürlicher als die zur Selbstdarstellung neigende Natscha. Bei ihr (Lauren) fließt alles bedächtig, harmonisch und unaufgeregt vor sich hin und von einprägsamen Bubblegumrefains und effektheischenden stimmlichen Powerdemonstrationen à la Florence & The Machine ist man zum Glück weit entfernt. Es liegt eine starke Schwermut in den betörenden Songs, aber deprimierend sind sie nicht. Die sanfte und wunderschöne Stimme der jungen Engländerin wirkt vielmehr beruhigend und tröstlich und wenn man die Stücke des Debütalbums Living With Ants ein paar mal gehört hat, dann werden auch die auf den ersten Blick ein wenig verschütteten Melodien freigelegt. Ich war zum Glück in der günstigen Lage, das Erstlingswerk schon ein paar mal genossen zu haben und fand mich deshalb problemlos und unmittelbar in das getragene Set ein. In vollen Zügen genoß ich die zauberhafte Querflöte, das in moll gehalten Pianospiel und den bildschöen Gesang und wurde hellhörig als Perlen wie Poor Boy (entnommen der In The Throes EP) und mein Lieblingssong Young Gold gespielt wurden. Es erinnerte mich im guten Sinne an Mia Doi Todd, eine andere Künstlerin, die es versteht, gleichzeitig Melancholie und Lebensfreude auszudrücken.
Insgesamt: Himmlisch!
Setlist Mechanical Bride, La Boule Noire, Paris:
01: Magpie 02: Colour Of Fire 03: Young Gold 04: Demons 05: Peach Wolves 06: To The Fight 07: Poor Boy 08: Lakes 09: Boom!
Dann kamen noch Yuck und mit ihnen musikalisch die 90 er Jahre zurück. Teeenage Fanclub, Dinosaur Jr., Galaxie 500, The Lemonheads, alle möglichen (tollen!) Referenzen aus dieser Zeit schossen einem in den Sinn. Aber die Songs von Yuck sind einfach gut (Get Away, The Wall!!), da beißt die Maus keinen Faden ab. Catchy Melodien, ein schrammeliger Gitarrensound und eine unglaubliche Nonchalance, dieses Paket verfehlte auch heute seine Wirkung nicht. Nach wie vor sind Yuck aber nicht die allerbesten Performer, kommunizieren selten bis nie mit dem Publikum und jeder Musiker spielt mehr oder minder in seiner Ecke. Es sind halt eben Slacker der klassischen Sorte.
Trotzdem: ein cooles Konzert, besser als in Haldern!
Konzert: John Grant (with Midlake) & Lanterns on the Lake Ort: Royal Festival Hall, London Datum: 07.09.2011 Zuschauer: wohl ausverkauft Dauer: Lanterns on the Lake 45 Minuten, John Grant 100 Minuten
"Welcome the boys from Midlake!" Keine Viertelstunde war seit ihrem Auftritt vergangen, da standen Midlake schon wieder bei ihrem Freund John Grant auf der Bühne. Auch wenn sie nur eine Zuschauerrolle einnahmen und sich vornehm im Hintergrund hielten - die Freude war dem ehemaligen Czars-Frontmann deutlich anzumerken. All das geschah am End of the Road-Festival in Südwestengland (Berichte von diesem fantastischen Wochenende folgen!), wenige Tage später kam die englische Hauptstadt in den Genuss eines noch denkwürdigeren Abends. Hauptverantwortlich dafür: John Grant und Midlake.
Als ich mir meinen Platz in der riesigen Royal Festival Hall kurz nach sieben zuweisen ließ, war noch wenig los im Konzertsaal. Die meisten Leute trieben sich noch im Foyer, an den Bars und in was-weiß-ich-noch welcher Ecke des Southbank Centres herum. Dieses darf man sich als lebendiges Kunstviertel vorstellen, einer der sympathischeren Gegenden Zentrallondons.
Gegen halb acht begannen dann Lanterns on the Lake aus Newcastle vor halbvollem Saal. Schon am End of the Road hatte das Sextett mit einem wunderschönen Auftritt seine Zuseherzahlen in kurzer Zeit verdoppelt und so strömten auch in London im Laufe des Konzerts immer mehr Leute in den Saal, die zuvor vielleicht noch die Bar vorgezogen hatten.
Erstes Highlight war Keep on trying, ein exemplarisch für das Gesamtwerk zu wertender Song: verträumte Stimme, Klangelegien aus Streichern und sanfter Elektronik, im Takt gehalten von samtweichem Schlagzeug. Die Songs haben großteils das Meer und seine Geschichten zum Thema, nicht umsonst heißt das Album Gracious Tide, Take me Home.
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Sängerin Hazel Wilde bedankte sich sichtlich beeindruckt beim Publikum, dies sei die größte Location, die sie bis dato bespielt hätten. Das wird auch hoffentlich so bleiben, denn einer Band wie den Lanterns on the lake tut man mit einer intimen Schauplatzwahl wohl den größten Gefallen. Der glasklare Sound und die der Band entgegenschlagende Zuneigung ließ einen die Größe des Saals allerdings weitgehend vergessen.
Es folgten A Kingdom und You Need Better, einer der letzten Songs endete in einem energiegeladenen Ausbruch, zu dritt wurde das Schlagzeug bearbeitet, das Keyboard wurde behämmert, zum Schießen der Gitarrist, der sein Instrument mit einem Geigenbogen spielte und dessen heftige Bogenstriche in keinerlei Verhältnis zur erzielten Lautstärke standen. So sieht das also aus, wenn eine brave Truppe wie die Newcastler aufdreht. Lanterns on the lake gone wild! Den Abschiedsapplaus hatten sie sich dann redlich verdient, eine dreiviertel Stunde lang haben sie den Saal verzaubert, möchte man angesichts ihres Faibles fürs Wasser eine Band mit ungleich weniger Eleganz zitieren: die perfekte Welle (zum Dahinträumen) erwischt. Schon bald übrigens, im Oktober, eröffnen sie ein weiteres Mal für einen großen Namen in London, Yann Tiersen diesmal.
Der große Name des Abends aber war John Grant und der ließ nicht lange auf sich warten. Auf Midlake dagegen schon, denn Grant kam vorerst nur mit einer Geigerin auf die Bühne und hatte sichtlich Freude mit den bereits im Vorraus empfangenen Begeisterungsbekundungen. Zurückgezahlt wurden diese mit neuen Songs, der erste davon You don't have to. "Love songs with a certain 'Hope you end up in a wheelchair'-attitude." Ein nettes Kerlchen, dieser John Grant. Aber es ist kein verbitterter Zynismus, den man einem Menschen mit Grants Biographie nicht einmal verdenken könnte, es ist die pure Lebenslust und Menschenliebe, transportiert einfach mit einem ganz eigenen Humor.
Dass man diesen Menschenschlag in seinem Element, der Bühne, erleben darf, das hat man Midlake zu verdanken. Die Geschichte ist bekannt: Den sich aus seiner Musikerlaufbahn mit The Czars in ein neues Leben mit altem (fortgsetztem) Dolmetscherstudium zurückgezogenen John Grant laden Midlake zu sich nach Hause ein und versprechen ihm jegliche Unterstützung, wenn er doch nur wieder Musik macht. John Grant erzählt diese Geschichte gerne, man spürt, wie er sich noch immer freut, sich überredet haben zu lassen. Er erzählt vom Essen, das die Frau von Eric Pulido ihm gekocht hat, vom Aufnahmeprozess und vom Spaß, den er so noch nie im Studio gehabt hätte.
Über den Lauf des Abends verteilt stellt Grant dann ganz entgegen seines Nachnamens Entertainerqualitäten unter Beweis, alle Mitglieder seiner backing band bekommen - liebvoll, versteht sich - ihr Fett weg. "When I first met Eric Pulido, I thought he was the biggest asshole." Kunstpause. "But as time passed by, I realized that he really was." John Grants Art zu scherzen ist nicht unbedingt die handelsübliche. Lieber einen guten Freund verlieren, als eine gute Pointe auszulassen - das wäre wohl seine Devise. Wenn Midlake nicht die Sorte von Freunden wären, mit denen man sowas halt auch wirklich machen kann. Die dickhäutig sind und selbst nur auf die Chance zur Revanche warten.
Aber es werden auch viele Komplimente gewechselt, Bassist Paul Alexander hat es Grant besonders angetan. Basslinien, die dieser im Studio spaßeshalber improvisiert hatte, sind der Grund dafür. Von Alexander für lächerlich trashig befunden, machte Grant von seinem Recht auf das letzte Wort Gebrauch und verewigte diese in seinen Songs. "I have most fun watching Paul Alexander play the bass."
In der Tat ist der Grat, auf dem das Album Queen of Denmark wandelt, ein ganz schmaler (das beweisen auch die Berichte von Oliver und Christoph, die John Grant vom Grat abgestürzt sehen), begrenzt von großen Gesten und stellenweise radikal-seichten Lyrics, andererseits ein großartiges, subtiles Werk. So grundverschieden die Harmonievorstellungen von Midlake und dem ehemaligen Czars-Sänger sind, so fantastisch ist die Leistung, die mit diesem Album geglückt ist.
Auch an diesem Abend verstanden sich Midlake zwar nicht als bloße Begleitband, aber doch eindeutig in der Rolle der Unterstützer, die Grant den Rücken quasi freihielten und ihn zu Höchstleistung antrieben. Solche gelangen zum Beispiel mit I wanna go to Marz oder dem fabelhaften Where dreams go to die, Gänsehaut und wohlige Seufzer rief allerdings auch Outer Space, gewidmet einem Freund und zur Verstärkung der Emotion solo am Klavier vorgetragen, hervor.
Der letzte reguläre Song sollte das spottbeseelte und titelgebende Queen of Denmark sein, als Grant zu letzten Worten ansetzte, unterbrach ihn allerdings Eric Pulido, Grant hätte doch schon genug erzählt, jetzt seien einmal er und seine Band dran: "First of all: Before I first saw him, I knew that he was the biggest asshole ever." Da waren sie wieder quitt. Pulido nutzte noch die Chance um zu verkünden, wie gerne er Grant hätte und wie großartig es für sie, die damals noch kleinen Midlake, gewesen sei, den Bella Union-Kollegen vor Jahren auf dem SXSW-Festival zu treffen. Obwohl natürlich: "We knew that he was an asshole." Und wie schön, dass sich daraus eine Freundschaft und eine schöne Tour ergeben hätte.
John Grant gab dann noch Caramel zum Besten, bis schließlich ein Klassiker seiner Ex-Band den Abend beenden sollte. John Grant, alleine am Klavier: Little Pink House. Die Londoner tobten regelrecht vor Begeisterung, erwiesen ihm mit Standing Ovations die Ehre und machten den sonst in allen Situationen souverän wirkenden Amerikaner gerührt. London bekam dann eine Dankesrede gehalten, an deren Ende: das Versprechen, bald zurückzukehren.
Wie dankbar muss man Midlake für ihre in Taten umgesetzte Verehrung John Grants sein, welch kurzweiligen und tiefgründigen Abende wären der Welt vorenthalten geblieben, hätten sie ihren Freund nicht zurück zur Musik gebracht. Dabei hatte ich bei den ersten Hördurchgängen des Albums noch zeitweise Langeweile bis Abneigung gegenüber der dick aufgetragenen Gefühlspaste verspürt. John Grant, when I first saw you, I thought that you're just a ordinary songwriter. Gut, dass ich ihn ein zweites Mal erleben durfte. John Grant - eine Ausnahmeerscheinung.
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