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Samstag, 10. November 2012

Pitchfork Festival, Paris, 1-3.11.12

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Konzert : Pitchfork Festival, Paris
Ort: Grande Halle de la Villette
Datum: 1-3.11.2012 

Zuschauer: ausverkaufte Veranstaltung, pro Tag etwa 5.000
Konzertdauer: Konzerte jeweils von 17 Uhr bis Mitternacht, danach oft Elektroacts bis tief in die Nacht/den Morgen


Pichfork ist voll cool. Zumindest denken das die Amerikaner, aber nicht nur die. Aus dem kleinen Fanzine eines musikverliebten, amerikanischen Studenten ist inzwischen ein richtiges Unternehmen geworden, das die Meinungshoheit bei den Online Musikmedien in Sachen Indiemusik beansprucht und mit seinen Festivals sicherlich ordentlich Knete macht (wenn nicht, dann verdient niemand auf der Welt Geld mit Festivals!). Ursprünglich gab es das Pitchfork nur in Chicago, inzwischen aber geht es in Paris heuer schon in die zweite Saison.



Bereits letztes Jahr war ich vor Ort und fand das Ganze letztlich eher enttäuschend. Konzerte von Bands, auf die ich mich eigentlich sehr gefreut hatte, wie z.B. Jens Lekman oder Real Estate verpufften in der großen Halle (ein alter Schlachthof) fast wirkungslos, Likke Li war wie erwartet scheußlich, die vielen Elektroacts sterbenslangweilig und Bon Iver mit seiner vor Kraft strotzenden riesigen Truppe hatte im Vergleich zu früheren Tagen deutlich an Charme und Innigkeit verloren. Dennoch bot er das mit Abstand beste Konzert, was eigentlich schon alles über die Qualität dieser Edition 2011 aussagte. Das schlimmste aber waren die Zuschauer: ich fühlte mich umzingelt von meist englischsprachigen Schnöseln aus aller Herren Länder, die sich offenbar mehr dafür interessierten, zu sehen und gesehen zu werden, als die Konzerte konzentriert zu verfolgen.







Logisch, daß ich danach keinen großen Bock hatte, hier 2012 aufzulaufen. Um eine Akreditierung hatte ich mich deshalb nicht gekümmert und als ich dann kurzfristig auf die Idee kam, wegen Grizzly Bear und The Walkmen doch zu kommen, blieb mir nur noch der Kauf eines teuren Drei-Tages-Passes, den mir eine nette Schweizerin verkaufte. 130 Euro, ein happiger Preis! Wenig "indie", diese Preispolitik und kaum erschwinglich für die wirklichen Indiefans in Paris, die in der Regel musikalisch versiert, aber recht arm sind. Insofern logisch, daß erneut hauptsächlich Kinder aus reichem Hause hier in Paris aufkreuzten und ihre wohlbehütete Herkunft auch nicht dadurch vertuschen konnten, daß sie Klamotten trugen, die anscheinend aus einem billigen Second Hand Laden kamen. Wobei niemand wegen seines Aussehens, seiner Herkunft, oder seiner Kleidung beurteilt werden soll, das will ich hier mal klar festhalten. Wohl aber wegen seines sozialen Verhaltens und in dieser Hinsicht gab es über die Zuschauer leider viel zu meckern. Noch nie bin ich in 10 Jahren Paris-Konzertgängerei so oft rücksichtslos und grob angerempelt worden, ohne daß sich die betreffenden Personen entschuldigt hätten. Noch nie haben sich so viele Leute vorgedrängelt und mir meinen Platz zunichte gemacht. Noch nie wurde so viel und so oft geplaudert während der Gigs. Eine Frecheit! Und 45 Minuten Wartezeit für einen kleinen, aber sehr teuren Burger (10 Euro für den Fleischklops + Pommes) sind auch kaum hinnehmbar.

Aber kommen wir zu den Konzerten. Ich möchte sie der Übersicht wegen gerne in Kategorien einteilen:

Die Verpassten: 

a) Die leider Verpassten: The Tallest Man On Earth, Wild Nothing, Cloud Nothings und mit Abstrichen Purity Ring und Isaac Delusion, Chairlift (François and The Atlas Mountains ).


Tja, gerne hätte ich den einzigen Folkkünstler des Festivals (ein Alibi-Act??), The Tallest Man On Earth aus Schweden gesehen, um zu überprüfen wie er sich neben den ganzen experimentellen Acts hält. Ich hatte aber leider sehr viel zu tun und konnte nicht früher da sein. Schade. Auch die melodiösen Wild Nothing und die noisigen Cloud Nothings hätten mir sicherlich gefallen, traten aber in meiner Abwesenheit auf. Und Elektro Popperin Purity Ring (Archivfoto) und die Franzosen Isaac Delusion hätte ich mir zumindest mal angehört. Die New Yorker Indie Popper Chairlift hatten leider kurzfristig wegen des Orkans Sandy abgesagt und wurden durch die französische Allzweckwaffe François And The Atlas Mountains ersetzt.Während die Franzosen spielten, aß ich aber draußen einen überteuerten Burger.

b) Die bewußt Verpassten: Aluna George, How To Dress Well, Outfit, Ratking, Jessie Ware, Twin Shadow, M 83 

Vorgenannte Acts wollte ich bewußt nicht sehen, ich wollte mir schließlich nicht den Magen verderben und meiner Vorderfau auf das schöne Kleidchen reihern...

Die Unhörbaren/Langweiligen/Repetitiven

Factory Floor


Die hypnotischen abstrakten Figuren in knalligen, psychedelischen Farben auf der Videoleinwand waren das Anregendste dieses eher drögen Konzertes. Reines Elektrogesummse ohne Gesang, auf Dauer wurde mir das trotz ansprechenden Beginns zu langweilig.

John Talabot 

Das soll schon der neue James Blake sein oder so. Nein, danke, Next!

Setlist John Talabot, Pitchfork Festival Paris 2012:

01: Depak Ine
02: Oro Y Sangre
03: ?
04: So Will Ne Now
05:Lover's Tradition
06: Destiny
07: ?

Robyn


Wie alt ist diese Schwedin eigentlich? 60? Meine Mutter sieht jünger aus, alter Schwede! Und die kurze weiße Radlershort unter dem roten Kleid war genauso gemacksunsicher wie die bubblegumartigen Poplieder. Ist eher was für den Eurovision Song Contest!

Fuck Buttons


Eine alte Regel unter Aktienspekulanten besagt: "kaufe nie Anteilsscheine einer Firma mit einem "X" im Namen. (also Xerox zum Beispiel). Das sind Poser, die keine Substanz haben." Auf Musik gemünzt könnte man auch sagen: "kaufe keine Platten von einer Band mit einem "Fuck" im Namen." Sollte sich auch hier bewahrheiten. Das immens laute Surren und Ziepen der Keyboards war über die ganze Konzertlänge hin auch eher eine Zumutung, denn Vergnügen.


Liars

Unhörbarer Mist aus New York. Brutal harter Sound, tribalische Klänge, agressive Synthesizer, kaum Gitarren. Und das fanden alle außer mir toll. Grauenvoll war's.

Setlist Liars, Pitchfork Festival Paris 2012:

01: ?
02: Brats
03: WIXIW
04: Let's Not Wrestle Mt. Heart Attack
05: Scarecrows On A Killer Slant
06: Flood To Flood
07: No. 1 Against The Rush
08: Plaster Casts Of Everything
09: Broken Witch


Death Grips

Hip Hop gemischt mit Elektro, vorgetragen von einem Typ mit nacktem Oberkörper. Hilfe!

Breton


Ich mag die raue französische Bretagne sehr. Die britische Band mit dem Namen Breton taugte aber nichts. Steriler, mit vielen Posen vorgetragener Britsound für Teenager. Next! 

Setlist Breton, Pitchfork Festival Paris 2012:

01: 15x
02: Pacemaker
03: Episodes
04: Edward The Confessor
05: Wood And Plastic
06: Interference
07:Hours Awy
08: Governing Correctly
09: Poulation Density
10: Jostle
11: OrdnanceSuvey
12: Foam
13: December

Die Mittelmäßigen

Chromatics:

Die Sängerin mit der gülden glänzenden Weste war 'ne richtige Sexbombe, aber ihr Elektropop viel zu seicht und "bling bling", um mich zu begeistern. War nicht wirklich schlecht was sie und ihre Band boten, aber das Ganze war weder so lieblich schön wie Au Revoir Simone noch so dynamisch und euphorisierend wie Grimes. Prickelte also nur ein wenig, obwohl das Neil Young Cover am Ende nicht übel war.

Setlist Chromatics, Pitchfork Festival, Paris 2012

01: Tock Of The Clock
02: Lady
03: Kill For Love
04: Night Drive
05: Back From The Grave

06: Looking For Love
07: These Streets Will Never Look The Same
08: I Want Your Love
09: Into The Black (Neil Young)

Sebastien Tellier, Pitchfork Festival, Paris 2012



Der beleibte bärtige Typ hat wirklich schon am Grand Prix teilgenommen und zwar mit seinem auch beim Pitchfork performten Song Divine. Gewonnen hat er freilich nicht, aber das wäre ja eh nur peinlich und karriereschädlich gewesen. Peinlich war dem jovialen Barden allerdings in der Grande Halle de la Villete nicht viel. Er rauchte ungeniert, soff Bier und riss ein Witzchen nach dem anderen. Auch ich musste oft lachen, denn der Kerl hatte wirklich das Talent zum Komiker. Ein Auszug seiner Zoten: 

- "so, ich bekomme gerade die Mitteilung vom Veranstalter, daß mein Konzert heute verlängert wurde und nun 2 Stunden dauert. Um die Zeit zu füllen habe ich alte Reden von Lionel Jospin mitgebracht. "Croustillant le mec!"


- "so ein Konzert ist ja immer was Stressiges. Und ich bin jetzt gestresst! Darauf trinke ich erst mal. Normalerweise trinke ich ja nicht, aber hier lasse ich mich gehen."

- "was haltet ihr eigentlich von den Hot Dogs hier auf dem Festival? Liegt euch das Zeug auch schwer im Magen? 15 Minuten später: "so, sollen wir eigentlich noch mal über Hot Dogs reden? Interessiert mich wirklich die Frage."

Und all dies mit einer unfassbaren Tockenheit, es war köstlich!

Musikalisch blieb bei mir allerdings nicht ganz so viel hängen. Die melancholische Pianoballade La Ritournelle war aber ganz großartig.

Setlist Sebastien Tellier:

01:Pépito Bleu
02: Against The Law
03: Cochon Ville
04: Russian Attractions
05: Kilometer
06: Roche
07: Divine
08: Sexual Sportswear
09: La Ritournelle
10:L'Amour Et La Violence

Die Guten

Japandroids:


Schnörkelloser, fetziger Schrammelrock von einem Power-Duo aus Schlagzeuger und Gitarrist. Keine Japaner, sondern Amis und sie waren gern gesehene Gäste, denn Gitarrenbands gab es nicht so viele. Japandroids waren also eine erfrischende Abwechslung zu dem ganzen synthetischen Gewumme, das sont meine Ohren malträtierte.

Setlist Japandroids, Pitchfork Festival 2012:

01: Adrenaline Nightshift
02: Fire's Highway
03: Younger Us
04: The Nights Of Wine And Roses
05: Wet Hair
06: Evil's Sway
07: The House That Heaven Built
08: Young Hearts Spark Fire
09: For The Love Of Ivy (Gun Club Cover)

DIIV

Noch so eine Gitarrenband, aber düsterer und weniger Lofi als die Japandroids. Ich bekam von ihrem Set jedoch nur noch 15 Minuten mit. Das lohnte sich  trotzdem voll und ganz und es gab sogar noch ein Nirvana Cover.

James Blake


Die einen lieben, die anderen hassen ihn. Habe ich zumindest den Eindruck. Liegt aber mit Sicherheit hauptsächlich daran, daß seine Musik, eine Mischung aus Dubstep und New Soul schon sehr speziell und teilweise recht anstrengend ist.Was ich auf Platte eher langweilig finde, entwickelt sich live für mich aber immer mehr zu einem Vergnügen. Ich liebe die Passagen, wenn der Boden vibriert, mag das hypnotische Moment, daß vom Livesound Blakes zumindest live ausgeht und finde auch einige Lieder richtig gelungen. ... An die Stimme kann man sich auch gewöhnen, eine Art junger Antony Hegarty, warum nicht?

Und auch die (James eingerechnet) dreiköpfige Band wusste zu gefallen, insbesondere der präzise wie ein schweizer Uhrwerk spielende Drummer.

Die kreierte Atmosphäre war ganz einfach spannend. Eine Mischung aus ruhigen und aufbrausenden, teilweise noisigen Passagen und eine Melancholie, die schwer greifbar, aber anziehend war.

Gutes Konzert!

Setlist James Blake, Pitchfork Festival 2012:

01: Air & Lack Thereof
02: I Never Learnt To Share
03: CMYK
04: Lindisfarne I
05: Lindisfarne II
06: Limit To your Love (Feist)
07:Klavierwerke
08: The Wilhelm Scream
09: A Case Of You (Joni Mitchell)
10: Anti War Dub

The Walkmen



Was für ein fantastisches Konzert von The Walkmen! Unfassbar energisch und motiviert bis in die Haarspitzen ging die Band um den charismatischen Leader Lid ins Rennen, feuerte an zweiter Stelle bereits den Überhit The Rat ab und tauschte nur in der Mitte des Sets die dichten Indierockstücke gegen ein paar folkiger angehauchte Sachen auf der Akustikgitarre aus. Überzeugen konnten sie mit beiden Stilen, ob schnell und laut oder langsam und weich. Scott hat aber auch eine einzigartige Reibeisenstimme. Eine Kreuzung aus Bono, Rod Stewart und Bob Dylan, wenn man möchte, aber dennoch sehr eigenständig und unkopierbar. Der Bursche hatte eine unbändige Kraft, drückte sich permanent mit der zur Faust geformten Hand das Mikro aggressiv vor seinen Mund und schrie aus voller Kehle hinein, bis sein Gesicht ganz rot wurde. Seine Band spielte unterdessen saumäßig tight und kompakt auf (besonders lobende Erwähnung für den formidablen Schlagzeuger!) und zwischen den Songs wurde nie eine Atempause eingelegt. Das Set flutschte wie ein Zäpfchen, hatte keinerlei Leerlauf und auch das bei anderen Bands oft so nervige lange Gitarrenstimmen gab es nicht zu beklagen. Druck, Druck, Druck und das fast eine Stunde lang! Ein regelrechtesPowerplay! Zum Abschluß gab es mit All Hands And The Cook noch ein besonderes Schmankerl, bei dem herrlich mit Tempowechseln und Intensitätssteigerungen gespielt wurde. Der Bass knarzte schön düster, die Gitarren klangen wie einst bei The Cure (bzw heute wie bei Interpol und The National) und Leit und sein Drummer trieben nun kompromisslos nach vorne. Ein episches Ende eines gewaltigen Konzertes!

Setlist The Walkmen, Pitchfork Festival Paris 2012

01: On The Water
02: The Rat
03: Love Is Luck
04: Angela Surf City
05: Line By Line
06: Blue As Your Blood
07: The Love You Love
08: In The New Year
09: We Can't Be Beat
10: Heaven
11: All Hands And The Cook

Animal Collective



Mann waren die ersten zwanzig Minuten dieses Gigs anstrengend! Schon beim zweiten Lied wollte ich nach Hause fahren. Es war nämlich schon nach Mitternacht, die Kräfte schwanden und für einen solch experimentellen Stil, wie er bei Animal Collective gepflegt wird, fehlte mir die Aufnahmefähigkeit. Ich wäre nicht der einzige gewesen, der das Konzert frühzeitig verlässt, denn viele andere brachen vorzeitig auf. Dennoch lohnte es sich schließlich eine volle Stunde geblieben zu sein, denn zur Mitte hin wurde es deutlich melodischer und eingängiger. Fast gab es so was Ähnliches wie die Shins zu hören, aber dann wurde es schnell doch wieder schräger und durchgeknallter. Aber ich war jetzt in dem Konzert drin, genoss es von Minute zu Minute mehr. Allein die Bühnendeko, ein weit aufgerissener knallbunt leuchtender Mund mit Zähnen, in dem die Band mit Bergarbeiterlampen musizierte, war sehenswert und passte genau zum Stil der Amerikaner. Je nach Stück gab es so was wie einen roten Faden, der die wirren Kompositionen zusammenhielt, manchmal aber war das einfach eine Art Free Jazz mit spacigen Geräuschen, vielen irren Samples und bekifften Gesängen.

Nach einer Stunde musste ich dann aber los, die letzte U-Bahn fuhr nämlich nicht später...

Setlist Animal Collective, Pitchfork Festival, Paris:

01:  Rosie Oh
02: Today's Supernatural
03: Wide Eyed
04: Applesauce
05: Honeycomb
06: Lion In A Coma
07: Moonjock
08: Pulleys
09: New Town Burnout
10: Money Riches
11: Brother Sport
12: Peacebone

Grizzly Bear:

Die Grizzly Bären sind groß geworden. Damals als sie 2006 in einem kleinen Club (dem Nouveau Casino) zum ersten Mal sah, waren sie noch Baby-Grizzlies, heute sind sie ein ganz gewichtiger Player im Indie-Geschäft. Zur Promo des aktuellen Albums wurden natürlich viele Stücke von Shields gespielt (fabelhaft u.a. Sleeping Ute), aber es gab auch einen Klassiker vom exquisiten zweiten Album Yellow House, nämlich Knife, daß sie nach eigenen Aussagen immer spielen. Ihr mainstreamtauglicher Hit Two Weeks ist wohl ihr bekanntestes Lied, zumindest gab es hier den meisten Applaus. Ist aber auch ein ohrwurmiges Lied mit wunderbaren Harmoniegsängen und einem altmodischen Charme und definitiv nicht der einzige starke Song in ihrem Repertoire. In gewisser Weise sind Grizzly Bear eine Reinkarnation der Beatles, so manche Melodien erinnerten mich an die Fab Four aus Liverpool, wenngleich auch sehr amerikanische Einflüsse à la CSNY im Soundbild erkennbar sind.

Was beim Pitchfork besonders auffiel, war die immense Lautstärke. Kaum zu glauben, daß man es hier mit einer Band zu tun hatte, die eigentlich sonst die eher leisen, intimen Töne bevorzugt. An jenem 3. November aber knallte und rockte es aus jeder Ecke, was mit hoher Wahscheinlichkeit an der Größe des Saales lag. Um hier zu bestehen, war die Band quasi gewungen, so brachial zu agieren. Das war zum einen aufregend und neu, zum anderen aber ein wenig irritierend, weil so die Innigkeit von damals flöten ging. Ohnehin war die Grande Halle de la Villette viel zu kühl und unpersönlich, um knisternde Gefühle zu erzeugen. Trotz eines ingesamt als gut zu bezeichnenden Konzertes also die falsche Location für die Jungs von der amerikanischen Ostküste und ein weiteres Argument gegen das Pitchfork Festival.

Setlist Grizzly Bear, Pitchfork Festival Paris 2012:

01: Speak In Rounds
02: Sleeping Ute
03: Cheerleader
04: Yet Again
05: A Simple Answer
06: Gun-Shy
07: Ready, Able
08: I Live With You
09: Foreground
10: Knife
11: While You Wait For The Others
12: Two Weeks
13: Half Gate
14: Sun In Your Eyes

2013 werde ich wohl nicht mehr dabei sein. Aber wer weiß, vielleicht sage ich bei einem glänzenden Line Up und einer Gratis-Akkreditierung dann: "was interessiert mich mein dummes Geschwätz von gestern?"







Samstag, 3. November 2012

Grizzly Bear, Köln, 02.11.2012

12 Kommentare


Konzert: Grizzly Bear
Ort: Essigfabrik, Köln
Datum: 02.12.2012
Zuschauer: viel zu voll - aber nicht ausverkauft
Dauer: Grizzly Bear knapp 105 min, Villagers fast 40 min



Draußen vor der Tür der Essigfabrik war es noch ein Witz. "Kirmes oder Grizzly Bear?" Natürlich wäre ich nie auf die Idee gekommen, den Konzertabend gegen Riesenrad, Autoscooter und "junger Mann zum Mitreisen gesucht"-Schilder einzutauschen. Auch wenn der Rummel am Deutzer Ufer mit Blick auf den Dom sicher einer der besseren ist, wollte ich die amerikanischen Folkrocker sehen. Zwei Minuten später auf der anderen Seite der Tür hielt ich die Kirmes-Idee nicht mehr für abwegig. Wir waren um fünf nach acht in der Halle - die Villagers spielten gerade ihr zweites Lied - und kamen schon nicht mehr über die letzte Reihe hinaus. Die seelenlose Halle war bis zum Anschlag vollgestopft, und es strömte in den kommenden vierzig Minuten ordentlich weiter. Als ich im August mit 80.000 anderen sehr weit vorne Blur im Hyde Park erlebt habe, wurde ich seltener angerempelt, rumgeschubst und auf die Füsse getreten als heute.

Der Saal der Essigfabrik gleicht dem der Live Music Hall. Rechts und links befinden sich langgestreckte Bars, dazwischen die Mischpulte. Allerdings ist die Fläche des Raums anders. Die Essigfabrik ist breiter aber kürzer als die Live Music Hall, der Platz, den die Mischpulte einnehmen enorm groß, der Merchbereich auf der gegenüberliegenden Seite der Bühne.


Als wir in den vollen Saal kamen, war die einzig mögliche Entscheidung, nach rechts oder links zu gehen. Wegen der mit Gittern abgesperrten Mischpulte war der Weg durch die Mitte versperrt. Wir stellten uns an den linken Rand und hofften, dort noch etwas näher nach vorne zu kommen, was sich schnell als naiv herausstellte. Wir kamen bis zum hinteren Ende der Bar und fanden einen kleinen Platz. Dummerweise war dieser Platz dann auch die einzige Möglichkeit für andere Wanderer, nach vorne zu kommen. Das es unglaublich eng war, bedeutete jeder Toilettengang von Leuten vorne, jedes gekaufte Bier und jede neu ankommende S-Bahn eine weitere Runde viel zu großer menschlicher Nähe.


Ich weiß nicht, wie viele lecker nach nassem Hund riechende Daunenjacken mit Teddy-Pelz* ich im Gesicht hatte. Mein Liebling waren aber die beiden Pärchen an der Theke, die sich zur Begrüßung umarmten, dabei aber so wenig Platz hatte, daß ich bei einer der Umarmungen noch dazwischen stand. 

Setlist Villagers, Essigfabrik, Köln:

01: Set the tigers free
02: Home
03: The bell
04: Becoming a jackal
05: Nothing arrived
06: My lighthouse
07: Passing a message
08: Earthly pleasure
09: The waves


Nach ein paar Liedern Grizzly Bear (die ich vor zwei, drei Jahren schon einmal wundervoll erlebt hatte) suchte ich mein Glück anderso (leider nicht auf der Kirmes). Langsam kannte ich die meisten Leute schon, die an und durch mich durch zur Bar oder Toilette wollten; Zeit also für einen Tapetenwechsel. Der Platz hinter dem Mischpult - hinter den Mischpulten, sehr eindrucksvoll! - erschien mir geeignet. Da erstaunlich viele Leute auch während des Konzerts raus und rein gingen, änderte sich nichts daran, daß ich, trotz der Enge enorm in Bewegung war, weil Leute durchwollten, wo keine Leute durchpassten. Dabei einer Band konzentriert zuzuhören, gelang mir nicht, machte mir auch keinen Spaß mehr, wurde aber dann spätestens durch die besonders rücksichtsvollen Menschen mit Puff Daddy T-Shirts beendet, die zu dem Schluß kamen, daß Plätze hinten perfekt für angeregte Gespräche sind.

Setlist Grizzly Bear, Essigfabrik, Köln:

01: Speak in rounds
02: Adelma
03: Sleeping Ute
04: Cheerleader
05: Lullaby
06: Yet again
07: Shift
08: Simple answer
09: Gunshy
10: Ready able
11: I live with you
12: Foreground
13: While you wait
14: What's wrong
15: Two weeks
16: Half gate
17: Sun in your eye**

Dies ist einer meiner dämlichsten Konzertberichte der letzten Jahre, aber beim besten Willen, es war nun einmal nicht anders. Immerhin hatte der Abend auch etwas Gutes: er hat mir viel Geld gespart. Ich habe nämlich alles, was ähnlich voll zu versprechen wird, gestrichen. Also kein Schwarzmarkt für Amanda Palmer und kein volles Palladium mit The xx. Vielleicht ist ja irgendwo eine Kirmes.

* passt ja
** noch nicht kontrolliert


Mittwoch, 30. Juni 2010

Grizzly Bear & Dirty Projectors, 29.06.10

2 Kommentare

Konzert: Grizzly Bear & Dirty Projectors
Ort: L'Olympia, Paris
Datum: 29.06.10
Zuschauer: so gut wie ausverkauft
Konzertdauer. Grizzly Bear ungefähr 75-80 Minuten


Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, liebe Mama! Auch in Paris denkt Dein Sohn immer an Dich!

So, dies zum Thema "darf ich noch jemanden grüßen".

Nun zum Konzertbericht:

Ein gutes Grizzly Bear Konzert, das mir allerdings keine orgasmischen Gefühle bereitet hat. Zu groß und unpersönlich einfach das kultige Olympia, zu wenig Platz für intime Momente, zu viel Lärm, um die Halle angemessen beschallen zu können. Mit Wehmut erinnerte ich mich an mein erstes Konzert mit den Bären, das ich Ende 2006 im recht kleinen Nouveau Casino gesehen hatte. Damals war ich äußerst entzückt von dem Vortrag und freut mich besonders über die vielen kleinen obskuren Details und mysteriösen Geräusche, die die Amerikaner eingebaut hatten. Es knisterte regelrecht. Zu jener Zeit lief auch das zweite Album, Yellow House, bei mir rauf und runter. Ich war regelrecht süchtig nach diesem komplexen Meisterwerk. Und dies obwohl ich bei dem ersten Hördurchgang auf meinem Bett eingeschlafen war und deshalb die Badewanne überlief (war das für eine Schweinerei in der Bude, überall Wasser!).

Knapp vier Jahre später sind Grizzly Bear also mit ihrem hochgelobten 2009 er Werk Veckatimest auf dem vorläufigen Olymp ihrer Karriere angekommen und spielen statt vor 200 vor 2000 Zuschauern. Ihnen scheint diese neue Dimension bewußt zu sein, denn man muss in einer größeren Halle wie dem Olympia einfach die Regler stärker aufdrehen und lauter spielen, um gehört zu werden. Genau dies taten sie. Das Schlagzeug war ungemein wuchtig und dominant und die Gitarren wesentlich rockiger und verzerrter als auf den eher ruhigen Alben. Leider ging dadurch auch ein wenig die intime Atmosphäre verloren, die den Stil der New Yorker so auszeichnet. Lieblingslieder wie Knife oder Little Brother, die in der Anfangsphase gespielt wurden, erreichten deshalb nicht mein Herz. Technisch fast perfekt, aber emotional mit Luft nach oben. Erst wesentlich später, genauer gesagt mit dem Titel Deep Blue Sea kam ich besser rein. Die Ballade wurde reduziert vorgetragen und das ansonsten mächtig scheppernde Schlagzeug schwieg für ein paar Minuten. Ein Genuß, so wollte ich das eigentlich durchgängig haben! Ich glaube Grizzly Bear waren sich im Klaren darüber, daß es heute schwierig werden würde, gegen die Anonymität einer großen Location anzukämpfen. Wohl deshalb hatten sie die gute Idee, Einmachgläser mit Kerzen auf der Bühne zu benutzen, die wie Lampions von einer T-förmigen Stange herunterhingen. Je nach Song wurden die (elektrischen) Kerzen runtergedimmt und bei Deep Blue Sea glaubte man sich wirklich in einem kleinen Raume mit der Band, bei Kerzenschein das Lied genießend. Im Anschluß wurde es dann aber doch wieder wuchtiger, bevor das wundervolle Foreground erneut betören konnte. Wunderschön der Harmonie-Gesang, ganz fabelhaft die Melodie, perfekt ausgewogen die Instrumentierung. Zucker!

Kurz vor Ende kam mit On A Neck, On A Spit dann auch noch mein absoluter Favorit. Nie werde ich dieses psychedelischen Kleinods mit dem Stimmungswechsel in der Mitte überdrüssig, ich könnte das Lied sicherlich noch eine Millionen mal hören!

Das absolute Highlight hatten sich die Amis allerdings für die einzige Zugabe aufgehoben. All We Ask klang als käme es von einem alten Grammofon. Traumhaft zeitlos, voller Charme und Esprit und auf verwunschene Weise schön. Das Schlagzeug schwieg bei diesem Stück. Ein reines Akustikkonzert von Grizzly Bear, das wär's! Aber in meinem Wohnzimmer werden sie wohl kaum antreten, oder etwa doch?

Vorgruppe Dirty Projectors: Die experimentelle Indie Pop Band aus Brooklyn hatte die Ehre, den Konzertabend zu eröffnen. Artig wurden Komplimente an die Kumpels von Grizzly Bear verteilt und auch die Location gelobt. Sänger und Gitarrist Dave Longstreth fand besonders erwähnenwert, daß Björk hier schon gespielt hatte. Mit der Isländerin haben die Dirty Projectors gerade eine gemeinsame EP namens Mount Wittenberg Orca aufgenommen, die am 30.06.2010 erscheinen soll (Hier gibt es die Tracklist und ein Video und hier bei Stereogum einige Erläuterungen zu diesem Projekt von Dave). Nur allzu verständlich, daß er voll des Lobes für Björk war. Aber auch ihr eigenes Material konnte sich hören lassen. Ungemein quirlig, innovativ und gegen den Strich gebürstet, es gibt wirklich Argumente, auf die Band zu fliegen. Klar, man sollte diese Musik vielleicht nicht hören, wenn man gerade Migräne hat, das könnte den Zusatnd verschlimmern, aber orginell sind die jungen Amerikaner ohne Frage. Und auf der Bühne präsentierten sie sich so frisch und ungestüm, wie man das von ihren Songs erwarten darf. Alle hopsten wild durch die Gegend und ließen ihrer Spielfreude freien Lauf. Drei Damen und drei Herren, auch in dieser Hinsicht war alles ausgewogen. Meistens sang zwar Dave, aber auch Angel und Amber hatten ihre Soloauftritte, während das dritte Mädel namens Haley Dekle sich auf den irren Chorgesang beschränkte. Die Reaktionen auf ihren Auftritt waren hinterher gemischt. Manche Leute hielten das Ganze für arg zäh und überdreht, andere waren hin und weg. Dirty Projectors polarisieren also und das ist für eine aufstrebende Band nicht das schlechteste, was ihnen passieren kann. Ich denke, man wird in Zukufnt noch viel von ihnen hören und sehen!

Fotos in Kürze!

Setlist Grizzly Bear, Olympia, Paris:

01: Southern Point
02: Cheerleader
03: Little Brother
04: Lullaby
05: Knife
06: Fine For Now
07: Two Weeks
08: Ready, Able
09: Deep Blue Sea
10: I Live With You
11: Foreground
12: While You Wait For The Others
13: On A Neck, On A Spit
14: Fix It

15: All We Ask (akustisch)


Setlist Dirty Projectors, Olympia, Paris:

01: Mount Wittenberg I
02: No Intention
03: Temecula Sunrise
04: Two Doves
05: Spray Paint
06: Cannibal Resource
07: Remade Horizon
08: Stillness Is The Move
09: Bitte Bitte Orca


Aus unserem Archiv:

Grizzly Bear, Den Haag. 20.11.09 (Christoph zeigte sich trotz des Saxofons begeistert, war aber bisher zu müde, den vollständigen Artikel zu liefern)
Grizzly Bear, Haldern, 15.08.09
Grizzly Bear, Paris, 14.05.07
Department Of Eagles, Paris, 04.12.08

Dirty Projectors, Paris, 08.05.08
Dirty Projectors, Paris, 09.09.09
Dirty Projectors, Brüssel, 19.09.09 (Christoph fiel zu den Dirty Projectors gar nichts ein. Er war sprachlos)





Samstag, 21. November 2009

Grizzly Bear, Den Haag, 20.11.09

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Konzert: Grizzly Bear
Ort: Koninklijke Schouwburg Den Haag (Crossing Border Festival)
Datum: 20.11.2009
Zuschauer: ausverkauft; Saal proppenvoll
Dauer: 75 min


Gestern hatte ich sie in Köln verpasst, heute eigentlich gar nicht eingeplant (weil ich sie ja gestern hätte sehen wollen) und daher wieder vergessen, daß ich Grizzly Bear ja heute in Den Haag sehen könnte. Das fiel mir erst wieder ein, als ich das Programmheft in die Hände bekam. Mein Problem, mich nicht zwischen Laura Marling und den parallel auftretenden Tegan and Sara entscheiden zu können, war damit gelöst. Grizzly Bear im prunkvollen Saal der Königlichen Showburg (frei übersetzt) sollten den Abend perfekt beenden - und das taten sie auch. Das hätte ich nicht verpassen wollen!

Auch wenn das drittscheußlichste Musikinstrument der Welt, das Saxophon, vorkam (ich muß nicht erklären, was die beiden ekelhaftesten sind, oder?), waren die eineinviertel Stunden am späten Abend ganz vorzüglich! Ein königliches Dessert zu meinem heutigen Dreigängemenü (was für eine saxonphonartige Metapher). Mehr schlechte Vergleiche nach dem Aufwachen!

Setlist Grizzly Bear, Koninklijke Schouwburg, Crossing Border Festival, Den Haag:

01: Southern point
02: Cheerleader
03: Little brother
04: Knife
05: Deep blue sea
06: Two weeks
07: Colorado
08: Shift
09: Ready, able
10: I live with you
11: Foreground
12: While you wait for the others
13: On a neck, on a spit
14: All we ask

Alles andere dazu morgen! Zu müde...



Samstag, 15. August 2009

Grizzly Bear, Haldern Pop Festival, 15.09.09

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Konzert: Grizzly Bear

Ort: Hauptbühne des Haldern Pop Festivals
Datum: 15.08.2009
Zuschauer: 6000?
Konzertdauer: eine Stunde


Als "The next big thing" kündigte der um markante Sprüche nie verlegene holländische Moderator die amerikanische Band Grizzly Bear an. Aber sind sie das nicht längst schon? Schließlich wird in Indieblogs seit Jahren von der Gruppe geschwärmt und spätestens seit ihrem glänzenden Album Yellow House kennen sie Feinschmecker (-Hörer) und loben sie in den höchsten Tönen. Auch mich haben die vier studentischen Typen mit Yellow House um den Finger gewickelt, denn kaum ein Album der letzten Jahre ist subtiler, komplexer und raffinierter gestrickt. Und in diesem Jahr haben die eher schüchtern und wenig nach Rockstars aussehenden Jungs mit Veckatimest nachgelegt und sogar Radiohead und Robin Pecknold von den Fleet Foxes zu euphorischen Kommentaren verleitet. Vom besten Album der 2000er Jahre war gar die Rede.

Aber wie kamen Grizzly Bear nun in Haldern an? - Nicht schlecht, aber auch nicht unglaublich gut! Zu komplex, zu wenig auf den Punkt gebracht sind die Arrangements der Amerikaner, als daß sie ein unter der erbarmungslosen Hitze stöhnendes Festivalpublikum durchgängig auf Trab bringen können. Idealerweise hört man Musik von Grizzly Bear auf Kopfhörern auf dem Bett und entdeckt jeden noch so leisen Ton. Mangels Bett musste ich in Haldern auf die Wiese zurückgreifen und versuchte so in die verwunschene Welt der Brooklyner einzutauchen. Das gelang mir allerdings nur bedingt. So richtig gepackt haben mich letzlich eher die alten Hits wie Knife und vor allem das abschließende On A Neck, On A Spit, das mit seinen Tempo-und Rhythmuswechseln wirklich unfassbar brillant ist.

Fazit: Grizzly Bear sind eine bärenstarke Band! Um wirklich auch bei einem größeren Publikum zum "Next Big Thing" zu avancieren, müssen sie aber dynamischer und tighter werden und auch an ihrer Bühenpräsenz arbeiten. Charismatisch sind sie nämlich nur bedingt.

Setlist Grizzly Bear, Haldern Pop Festival 2009:

01: Southern Point
02: Cheerleader
03: Lullaby
04: Knife
05: Fine For Now
06: Two Weeks
07: Ready Able
08: While You Wait
09: On A Neck, On A Spit

Links:

- Grizzly Bear am 14.05.07 in Paris
- Fotos folgen!



Dienstag, 15. Mai 2007

Grizzly Bear, Paris, 14.05.07

3 Kommentare
Konzert: Grizzly Bear
Datum: 14.05.2007
Ort: La Boule Noire, Paris
Zuschauer: leider war der kleine Saal nur etwa zu 2/3 gefüllt.

Ich sollte mir an meinem Mit-Blogger Christoph ein Beispiel nehmen und immer sehr pünktlich zu den Konzerten kommen. Dann hätte ich nämlich auch noch die Bollock Brothers mitbekommen. Christoph, richtig gelesen, die Bollock Brothers gibt es noch, bzw. wieder! Angeblich sind sie zum ersten Mal seit 25 Jahren wieder aufgetreten! Unvergessen ihr Hit "Faith Healer", der damals in unserer Koblenzer Indie-Disco "Logo" rauf und runter lief. Hab immer mal wieder nach dem Lied gesucht, jetzt habe ich es im Original. Die junge Frau am Merchandising Stand war total happy, daß jemand die Band noch kannte. Auf den unverhofften CD-Verkauf war sie nicht vorbereitet, sie hatte kein Wechselgeld. Das brachte ihr dann eine ältere englische Dame, die wohlmöglich die Mutter eines Bandmitglieds der Bollock-Brothers war, zumindest stand sie am Ende vertraut mit den äußerst füllig gewordenen Engländern rum.

Der Abend begann also schon einmal amüsant! Die Bollock Brothers, ich fass es nicht!

Dann ging plötzlich das Licht aus und ich erwartete den Auftritt von Grizzly Bear. War aber noch nicht soweit, denn zunächst durfte die schnuckelige Danielle Stech-Homsy, die sich Rio en Medio nennt, ein bißchen Pariser Bühnenluft schnuppern. Das gefiel mir von Anfang an, denn die brünette, junge Dame hat eine sirenengleiche Stimme. Erinnerte mich ein wenig an die erst kürzlich für mich entdeckte Marissa Nadler. Rio en Medio ist aber weniger traditionell, sondern hat einen deutlich experimentellen Einschlag, was ja auch irgendwie zu Grizzly Bear passte. Mit einer Ukulele bewaffnet, saß das zierliche Persönchen an einem Tisch, der mit allerlei Lämpchen und seltsamen elektronischen Instrumenten ausstaffiert war. Beim Soundgemisch war ihr ein junger Typ behilflich, ein veritabler Soundtüftler. War spannend, was dabei raus kam. Irgendwann verschwand der Bursche und sie spielte alleine weiter. Kurze Zeit später kündigte sie eine Cover-Version an, angeblich von den Beach Boys. Die Gute muß sich wohl versprochen haben, denn zum Amüsement aller Anwesenden erklang "Staying Alive", eindeutig von den Bee Gees und nicht von den Beach Boys. Irgendwann war aber Schluß mit lustig und Danielle hüpfte mit ihren UGG-Boots von der Bühne.

Grizzly Bear ließen dann zum Glück nicht lange auf sich warten und begannen wie auf ihrem zweiten Album "The Yellow House" mit "Easier". Und bei Grizzly Bear passen die zitierten Beach Boys sehr gut ins Bild. Vor allem bei dem an dritter Stelle gebrachten "Little Brother" dominieren fabelhafte Chorgesänge und mystische Geräusche das Lied, genau wie bei der legendären Band um Brian Wilson. "Lullabye" wiederum lässt an Nick Drake und Elliott Smith denken. Sind ja keine schlechten Referenzen, ganz im Gegenteil! Den experimentellen Charakter teilen sie mit ihren Brooklyner Kollegen von Animal Collective, schön zu sehen beispielsweise bei "Colorado". Aber all die zitierten Vergleiche zu den vorgenannten Bands greifen ziemlich kurz, denn Grizzly Bear haben es lobenswerter Weise geschafft, einen ganz eigenen Sound zu kreieren. Eigentlich klingen sie strenggenommen wie keine andere Band zuvor. Und weil das so selten ist heutzutage, werden sie zu Recht mit Kritikerlob überhäuft, in der Jahreswertung der Kulturzeitschrift "Inrocks" schafften sie es mit "Yellow House" bemerkenswerter Weise in die Top Ten 2006. Völlig verdient, denn ihre Musik ist komplex und raffiniert, aber trotzdem nicht unkoordiniert. Ales fügt sich hier wie auf wundersame Weise zusammen, seien es die erzeugten mystischen Geräusche, das Klarinettenspiel von Chris Taylor, die fabelhaften Drums von Christopher Bear, oder der herzerwärmende Chorgesang. Und noch etwas besticht bei den Amerikanern: jedes Konzert hört sich anders an, selbst wenn die gleichen Lieder gespielt werden. Es bleibt reichlich Platz für Improvisationen, Neuinterpretationen und überraschende Tempowechsel. Interessant ist, das das Quartett live wesentlich rockiger als auf dem Album rüberkommt. Drummer Christopher Bear, lässt es zuweilen richtig krachen, behandelt sein Schlagzeug aber je nach Bedarf zärtlich mit der Hand. Es macht wirklich Spass den Jungs zuzugucken, wie sie da improvisieren, rumtüfteln und so manches Lied deutlich in die Länge strecken, ohne jedoch Langeweile aufkommen zu lassen. Vor allem die erste Single "On a Neck, On a Spit" war ein Zungenschnalzer allererster Güte, inklusive exstatischem Finish. Damit wurde auch das offizielle Set beschlossen, womit aber noch lange nicht Schluss war. Anstatt von der Bühne zu verschwenden, blieb die Band einfach an Ort und Stelle und lauschte wie das Publikum den Ankündigungen eines jungen Mannes von der Blogotheque.net, die das Konzert aufzeichneten. Extra für Paris gab es nämlich einen Song von Zweitsänger Daniel Rosse solo geboten und zwar "Sailing by night". Wie man erfuhr, war diese Darbietung absolut exklusiv und soll es auch bleiben. Der Sache die Krone setzten sie allerdings mit dem allerletzten Lied auf, denn sie trugen ein französisches Gedicht "Venus en Mars" singenderweise vor, wobei ihen auch noch Rio en Medio behilflich war. Damit hatten sie natürlich endgültig das Pariser Publikum für sich gewonnen. Und ich finde, das haben sie auch verdient! Die Band sollte endlich auch einem größeren Publikum bekannt werden, denn Grizzly Bear schreiben zeitlose Lieder, Songs für die Ewigkeit sozusagen, die auch locker dem nächste Hype aus Großbritannien trotzen dürften.

Setlist Grizzly Bear Paris:

01: Easier
02: Lullabye
03: Little Brother
04: Knife
05: Neu ("Final Round")
06: Colorado
07: Deep blue sea
08: Shift
09: He Hit Me (Chrystals Cover)
10: Fix It
11: On A Neck, On A Spit

12: Sailing By Night
13: Vénus En Mars

von Oliver



 

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