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Dienstag, 28. August 2018

Haldern Pop Festival, erster Festivaltag, Haldern, 09.08.18

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"Always different, always the same"

Dieser Satz soll von John Peel stammen und sich auf die Kultband The Fall beziehen. Er kam mir beim diesjährigen Haldern nicht nur deshalb in den Sinn weil The Fall Chef Mark E. Smith kürzlich gestorben ist, sondern weil er irgendwie auch auf die wundervolle Veranstaltung am Niederrhein passt, die heuer ihr 35 jähriges Jubiläum beging.


Einige Dinge sind hier wirklich immer gleich, seitdem ich 2006 zum ersten Mal im Wald am alten Reitplatz aufkreuzte. Die Kühe und Pferde auf den Weiden, die wundervollen Maisfelder auf dem Weg zum Gelände, die selbstgebastelten Schilder mit persönlichen Aufschriften wie: "Welcome back, schön dass du wieder in Haldern bist", die roten Backsteinhäuser mit den schönen flaschengrünen Fensterläden, die alten Scheunen, die vielen blonden blauäugigen Mädchen im Publikum, das Bier, der matschige Boden, der holländische Ansager, die Hauptbühne, das Spiegelzelt und die langen Schlangen davor (heuer weniger lang als in den Vorjahren), das Magazin "Dat Blatt", die Gummistiefel (2018 seltener gesehen), die Steinofenpizza, Die Handbrotzeit, die Poptaler (von denen man immer aus Versehen ein paar nach Hause schleppt), die Fotografen im Graben (man kennt sich seit Jahren vom Sehen) und so viele Dinge mehr. Auch die Bands sind teilweise gleich, oft hat man sie schon ein oder mehrfach in den Vorjahren gesehen, was man positiv als Vertrauen der Bands in das Festival oder negativ als Einfallslosigkeit der Programmgestalter auslegen kann (selbstredend optiere ich für Alternative eins). 




Zu den Wiederholungstätern 2018 gehörten Lisa Hannigan, Gisbert zu Knipphausen (Foto), Philipp Poisel, Public Service Broadcasting, Someday Jacob, Villagers, Nils Frahm, White Wine, Kettcar (Foto unten) und vermutlich auch noch andere, an deren Auftritte der Vorjahre ich mich allerdings nicht mehr erinnere, ohne bei Google nachzugucken.





Neu beim Haldern 2018 aber unter anderem Protomatyr, eine Band aus Detroit, die wohl zum ersten Male überhaupt in Deutschland spielte. Ohnehin gab es wieder etliche sehr vielversprechende Newcomer, die international hoch gehandelt werden wie Jonathan Bree, Tamino, Lewsberg oder Alabaster de Plume, von denen wir alle noch viel hören werden.


In modischer Hinsicht war  Glitzer- Schminke neu, während Renner der Vorjahre wie Seifenblasen und auf dem Rücken getragene winzige Turnbeutel out zu sein scheinen. Der Spielort Jugendheim war wohl nicht ganz neu, obwohl er mir in den Vorjahren nicht aufgefallen ist. Allerdings war ich heuer kein Mal da drin, obwohl so interessante Künstler wie Seamus Fogarty oder Nilüfer Yanya dort auftraten.


Aber das ist eine Sache, die leider immer für mich zum Haldern Pop dazugehört: ich verpasse Bands, die ich liebend gerne gesehen hätte! Teilweise liegt es an zeitlichen Überschneidungen mit anderen Konzerten, teilweise an Kraftmangel, manchmal auch an Essenspausen, die auch sein müssen um durchzuhalten. Oder aber meine Anreise verspätet sich. Ein Klassiker! Wie oft stand ich Donnerstags mittags auf der Anreise im Stau und kam später als gewollt an? Zu oft! 2018 war mir der Verkehr auf der Autobahn allerdings schnuppe, denn ich fuhr von Paris aus mit dem Zug und besitze gar kein Auto mehr. Der Zug von Köln nach Haldern hatte allerdings auch eine Stunde Verspätung. Die Umsteigemöglichkeiten waren ebenfalls wenig attraktiv und so kam ich statt 17Uhr30 erst gegen 18Uhr30 am Halderner Bahnhof an. Die bezaubernde Irin Lisa Hannigan, die in der Kirche von 17h20 bis 18Uhr10 angesetzt war, verpasste ich somit schon einmal komplett. Frustriert  schleppte ich mein schweres Gepäck und meinen schweren Körper durch den kleinen Dorfkern und dann über Feldradwege zum Gelände, checkte im Kiosk ein und bekam mein Pressebändchen mit Fotopas, wie immer flott und reibungslos.



Von Big Thief (Archivbild von mir) aus Brooklyn, auf die ich mich im Vorfeld wahnsinnig gefreut hatte, bekam ich aber nur noch die letzten 2 bis 3 Lieder draussen auf der Wiese vor dem Spiegeltent mit. Unter anderem gab es die Perle Mythological Beauty zu hören, aber für eine fundierte Konzertkritik reichten meine Eindrücke natürlich nicht. Da ich die Band um Adrianne Lenker allerdings schon zwei mal live sehen konnte, weiss ich wie berührend ihre Auftritte sind. Natürlich keine grosse Show, kein Rumgehüpfe, dafür aber viel Authentizität, Intimität, Weltschmerz und Zartheit. Ihr Album Capacity war eines der besten im Jahre 2017, im Herbst 2018 wird nun aber erst einmal ein Soloalbum von Adrianne erscheinen.



Um 19 Uhr war die Zeit der Briten Public Service Broadcasting auf der Hauptbühne gekommen. Die Burschen hatten wir ja damals auf der inzwischen nicht mehr existierenden Beergarden Stage kennen-und lieben gelernt. Die drei Alben der Band hatte ich dennoch seitdem nicht gehört, weil ich einfach mit den ganzen Veröffentlichungen nicht hinterherkomme. Damals war es noch ein Duo, heuer ist es ein Trio, bestehend aus Burschen mit den Phantasienamen J. Willgoose Esq., Wrigglesworth et JF Abraham. Gerade der 2017 hinzugestossene Bassist JF Abraham machte mir unglaublich viel Spass! Er versprühte eine Spielfreude, dass ich nur noch bekifft grinsen konnte! Wahnsinn wie gut gelaunt er war, wie er das Publikum mitriss! 



Drummer Wrigglesworth war eher gewohnt stoisch, während  der Fliege tragende Soundtüftler J Willgoose oft schelmisch grinste. Das Konzept ist noch das gleiche geblieben. Propagandavideos, musikalische Collagen aus Post Punk, Krautrock, Post Rock und Elektronika, kein Gesang, (abgesehen von den gesampelten Radionsagen  passend zu den Videos). Das Ganze war meist ungemein tanzbar und hypnotisierend und auch nicht tierisch ernst zu nehmen. Das war vielmehr Unterhaltung pur, kredenzt von drei Brille tragenden Nerds, die über sich selbst lachen können. Teilweise wurden die drei auch von einem Bläser Trio begleitet, Saxofon, Trombone und Trompete und und auch diese Musiker amüsierten sich wie Bolle. 



Wenn ich es richtig in Erinnerung habe waren sie beim Weltraumstück Gagarin dabei. Abgeschlossen wurde die Show vom dem Bergsteiger Track Everest, der die Mount Everest Erstbesteigung zeigte und in einem fulminosen Finale mit einem heftigen Platzregen endete. Da waren zwar alle im Publikum in Kürze klatschnass, aber geschmunzelt wurde dennoch.



Wer freilich den jungen Briten Jake Bugg sehen wollte, der musste schon auf Public Service Broadcasting verzichtet haben und in etwa zur gleichen Zeit in der Dorfkirche gewesen sein. Da ich aber mit Bugg nicht allzuviel anzufangen weiss, war das für mich zu verschmerzen. Viel verpasst hatte man aber möglicherweise bei dem charismatischen Reverend Beat Man and The New Wave . War im Spiegeltent von 19h45-20Uhr30 angesetzt und klang aus der Ferne sehr bluesrockig und schräg. War bestimmt 'ne coole Show.



Rüber zur Hauptbühne musste ich allerdings nun für die Amerikaner Dirty Projectors. Deren Anfänge um das Jahr 2007 herum mit dem Cover Album Rise Above hatte ich mitverfolgt, aber irgendwie habe ich in den letzten Jahren den Anschluss bei der Diskografie der Band von David Longstreth verloren und die letzten drei Longplayer nicht mehr gehört. Longstreth selbst hat in dieser Zeit seine Band total ausgewechselt, selbst die charismatische Amber Coffman (seine Ex) ist heuer nicht mehr dabei und Angel Deradoorian verfolgt nun seit ein paar Jahren ihre Solokarriere. 




Weibliche Musikerinnen gab es dennoch bei den Dirty Projectors, beim Haldern sahen wir die blonde und stark tätowierte Maia Friedmann an der Gitarre, die erfrischend aufspielende Felicia Douglass mit prachtvoller Löwenmähne am Klavier und die meist im Hintergrund agierende Pianistin Kristin Slipp mit flotter Karoshort. Alle drei sangen im Laufe des Konzertes auch einmal alleine ganz vorne und in der Mitte, ansonsten hatten sie die Rolle Backvocals beizusteuern, eine Rolle, die keineswegs minderwertig war, weil die Chöre bei der Band aus New York schon immer besonders wichtig war. Unwichtiger als früher erscheint bei den Dirty Projectors allerdings das rockige Element geworden zu sein. Sie haben sich musikalisch immer weiter Richtung R'n'B und Indie Soul bewegt, ohne jedoch ihre Identität völlig aufgegeben zu haben. Eine experimentelle Band, deren Musik ständig im Fluss ist und stets überraschend bleibt. Ein guter Auftritt !



Ich musste mich nun sputen um schnell ins Zelt zu Kevin Morby zu kommen. Sein Konzert begann um 21Uhr15 und war schon im Gange als ich eintrat. Voll war es herinnen, aber nicht ganz so heiss wie in früheren Jahren, weil der Donnerstag dieses Mal relativ kühl war. Die Stimmung war durchweg klasse und sehr entspannt, alle hier schienen hier einen guten Abend mit Morby und seiner Band (darunter die talentierte Gitarristin Hand Habbits) zu haben. Mit viel Spielfeude und Nonchalance sang sich der Lockenkopf durch sein knackiges, aber leider recht kurzes Set. Den eindeutigen Schwerpunkt hatte er auf seinen letzten Output City Music gelegt, es gab aber auch 2 Songs von Singing Saw und jeweils einen von Harlem River und von Still Life. Der Abschluss ganz schmissig mit Dorothy, Retrocharme gepaart mit modernem Gitarrensound, unwiderstehlich! Die Menge johlte und ich hätte gerne noch einen Nachschlag bekommen, aber Zugaben gibt es im Spiegelzelt grundsätzlich nicht, dafür sind die Pläne zu straff gezurrt.*



Ich blieb aber im Zelt, unterhielt mich angeregt mit 2 Mitbürgern und wartet auf die folgende Band, Broen aus Norwegen. Schon als die junge Musiker ihre Bühne aufbauten, konnte man ihren eigenwilligen Kleidungsstil sehen. 80er Jahre Windjacken, Birkenstock mit Socken, Blumenaccessoires, Fummel aus dem Vintage Laden. Ich war auf die Musik gespannt. Die klang dann schliesslich nicht öko und nach alten Socken, sondern vielmehr nach modernem, tanzbaren R'n'B, Dreampop, Freejazz und Elektro. Die Lieder wahren eher experimentell gestrickt und nicht wirklich radiotauglich, aber keineswegs sperrig oder anstrengend. Ich verbrachte eine gute Zeit mit Leadsängerin Marianne, der Tubaspielerin Heida Karine, der Synthiespielerin Anja und ihren männlichen Mitstreitern Lars Ove, und Hans. 




Eine feine Entdeckung. Ich muss mir die auf dem exquisiten Bella Union Label erschienene Debüt Platte I love Art unbedingt mal anhören!


Danach war aber Schluss für mich an diesem Eröffnungstag. Als alter Mann muss ich mit meinen Kräften haushalten. Wie tot fiel ich ins Bett...





*Hier die Setlist von Kevin Morby



City Music

Crybaby
1234
Aboard My Train
Harlem River
Parade
Dry Your Eyes
I Have Been To The Mountain
Dorothy






Mittwoch, 30. Juni 2010

Grizzly Bear & Dirty Projectors, 29.06.10

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Konzert: Grizzly Bear & Dirty Projectors
Ort: L'Olympia, Paris
Datum: 29.06.10
Zuschauer: so gut wie ausverkauft
Konzertdauer. Grizzly Bear ungefähr 75-80 Minuten


Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, liebe Mama! Auch in Paris denkt Dein Sohn immer an Dich!

So, dies zum Thema "darf ich noch jemanden grüßen".

Nun zum Konzertbericht:

Ein gutes Grizzly Bear Konzert, das mir allerdings keine orgasmischen Gefühle bereitet hat. Zu groß und unpersönlich einfach das kultige Olympia, zu wenig Platz für intime Momente, zu viel Lärm, um die Halle angemessen beschallen zu können. Mit Wehmut erinnerte ich mich an mein erstes Konzert mit den Bären, das ich Ende 2006 im recht kleinen Nouveau Casino gesehen hatte. Damals war ich äußerst entzückt von dem Vortrag und freut mich besonders über die vielen kleinen obskuren Details und mysteriösen Geräusche, die die Amerikaner eingebaut hatten. Es knisterte regelrecht. Zu jener Zeit lief auch das zweite Album, Yellow House, bei mir rauf und runter. Ich war regelrecht süchtig nach diesem komplexen Meisterwerk. Und dies obwohl ich bei dem ersten Hördurchgang auf meinem Bett eingeschlafen war und deshalb die Badewanne überlief (war das für eine Schweinerei in der Bude, überall Wasser!).

Knapp vier Jahre später sind Grizzly Bear also mit ihrem hochgelobten 2009 er Werk Veckatimest auf dem vorläufigen Olymp ihrer Karriere angekommen und spielen statt vor 200 vor 2000 Zuschauern. Ihnen scheint diese neue Dimension bewußt zu sein, denn man muss in einer größeren Halle wie dem Olympia einfach die Regler stärker aufdrehen und lauter spielen, um gehört zu werden. Genau dies taten sie. Das Schlagzeug war ungemein wuchtig und dominant und die Gitarren wesentlich rockiger und verzerrter als auf den eher ruhigen Alben. Leider ging dadurch auch ein wenig die intime Atmosphäre verloren, die den Stil der New Yorker so auszeichnet. Lieblingslieder wie Knife oder Little Brother, die in der Anfangsphase gespielt wurden, erreichten deshalb nicht mein Herz. Technisch fast perfekt, aber emotional mit Luft nach oben. Erst wesentlich später, genauer gesagt mit dem Titel Deep Blue Sea kam ich besser rein. Die Ballade wurde reduziert vorgetragen und das ansonsten mächtig scheppernde Schlagzeug schwieg für ein paar Minuten. Ein Genuß, so wollte ich das eigentlich durchgängig haben! Ich glaube Grizzly Bear waren sich im Klaren darüber, daß es heute schwierig werden würde, gegen die Anonymität einer großen Location anzukämpfen. Wohl deshalb hatten sie die gute Idee, Einmachgläser mit Kerzen auf der Bühne zu benutzen, die wie Lampions von einer T-förmigen Stange herunterhingen. Je nach Song wurden die (elektrischen) Kerzen runtergedimmt und bei Deep Blue Sea glaubte man sich wirklich in einem kleinen Raume mit der Band, bei Kerzenschein das Lied genießend. Im Anschluß wurde es dann aber doch wieder wuchtiger, bevor das wundervolle Foreground erneut betören konnte. Wunderschön der Harmonie-Gesang, ganz fabelhaft die Melodie, perfekt ausgewogen die Instrumentierung. Zucker!

Kurz vor Ende kam mit On A Neck, On A Spit dann auch noch mein absoluter Favorit. Nie werde ich dieses psychedelischen Kleinods mit dem Stimmungswechsel in der Mitte überdrüssig, ich könnte das Lied sicherlich noch eine Millionen mal hören!

Das absolute Highlight hatten sich die Amis allerdings für die einzige Zugabe aufgehoben. All We Ask klang als käme es von einem alten Grammofon. Traumhaft zeitlos, voller Charme und Esprit und auf verwunschene Weise schön. Das Schlagzeug schwieg bei diesem Stück. Ein reines Akustikkonzert von Grizzly Bear, das wär's! Aber in meinem Wohnzimmer werden sie wohl kaum antreten, oder etwa doch?

Vorgruppe Dirty Projectors: Die experimentelle Indie Pop Band aus Brooklyn hatte die Ehre, den Konzertabend zu eröffnen. Artig wurden Komplimente an die Kumpels von Grizzly Bear verteilt und auch die Location gelobt. Sänger und Gitarrist Dave Longstreth fand besonders erwähnenwert, daß Björk hier schon gespielt hatte. Mit der Isländerin haben die Dirty Projectors gerade eine gemeinsame EP namens Mount Wittenberg Orca aufgenommen, die am 30.06.2010 erscheinen soll (Hier gibt es die Tracklist und ein Video und hier bei Stereogum einige Erläuterungen zu diesem Projekt von Dave). Nur allzu verständlich, daß er voll des Lobes für Björk war. Aber auch ihr eigenes Material konnte sich hören lassen. Ungemein quirlig, innovativ und gegen den Strich gebürstet, es gibt wirklich Argumente, auf die Band zu fliegen. Klar, man sollte diese Musik vielleicht nicht hören, wenn man gerade Migräne hat, das könnte den Zusatnd verschlimmern, aber orginell sind die jungen Amerikaner ohne Frage. Und auf der Bühne präsentierten sie sich so frisch und ungestüm, wie man das von ihren Songs erwarten darf. Alle hopsten wild durch die Gegend und ließen ihrer Spielfreude freien Lauf. Drei Damen und drei Herren, auch in dieser Hinsicht war alles ausgewogen. Meistens sang zwar Dave, aber auch Angel und Amber hatten ihre Soloauftritte, während das dritte Mädel namens Haley Dekle sich auf den irren Chorgesang beschränkte. Die Reaktionen auf ihren Auftritt waren hinterher gemischt. Manche Leute hielten das Ganze für arg zäh und überdreht, andere waren hin und weg. Dirty Projectors polarisieren also und das ist für eine aufstrebende Band nicht das schlechteste, was ihnen passieren kann. Ich denke, man wird in Zukufnt noch viel von ihnen hören und sehen!

Fotos in Kürze!

Setlist Grizzly Bear, Olympia, Paris:

01: Southern Point
02: Cheerleader
03: Little Brother
04: Lullaby
05: Knife
06: Fine For Now
07: Two Weeks
08: Ready, Able
09: Deep Blue Sea
10: I Live With You
11: Foreground
12: While You Wait For The Others
13: On A Neck, On A Spit
14: Fix It

15: All We Ask (akustisch)


Setlist Dirty Projectors, Olympia, Paris:

01: Mount Wittenberg I
02: No Intention
03: Temecula Sunrise
04: Two Doves
05: Spray Paint
06: Cannibal Resource
07: Remade Horizon
08: Stillness Is The Move
09: Bitte Bitte Orca


Aus unserem Archiv:

Grizzly Bear, Den Haag. 20.11.09 (Christoph zeigte sich trotz des Saxofons begeistert, war aber bisher zu müde, den vollständigen Artikel zu liefern)
Grizzly Bear, Haldern, 15.08.09
Grizzly Bear, Paris, 14.05.07
Department Of Eagles, Paris, 04.12.08

Dirty Projectors, Paris, 08.05.08
Dirty Projectors, Paris, 09.09.09
Dirty Projectors, Brüssel, 19.09.09 (Christoph fiel zu den Dirty Projectors gar nichts ein. Er war sprachlos)





Donnerstag, 10. September 2009

Dirty Projectors, Paris, 09.09.09

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Konzert: Dirty Projectors

Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 09.09.2009
Zuschauer: ausverkauft!
Konzertdauer: 1 Stunde



Mensch, was hatte ich die verrissen das letzte Mal! Die Dirty Projectors kamen bei mir gar nicht gut weg, nachdem ich sie im Mai 2008 im Pariser Nouveau Casino gesehen hatte. Regelrecht in Rage geredet (bzw. geschrieben) hatte ich mich und kein gutes Haar an der Band gelassen. Warum ich sie mir dann heute wieder angeschaut habe?- Weil unsere Urteile keineswegs unfehlbar sind und es immer eine zweite Chance geben sollte! Nachtragend sind nur Elefanten und außerdem hängt vieles von der persönlichen Tagesform der Band und der eigenen Stimmung ab. Ja, es stimmt, damals haben sie mich regelrecht genervt, aber ist das ein Grund, die Gruppe links liegen zu lassen? Ich finde nicht. Zumal inzwischen ein neues Album erschienen ist und das gefällt mir richtig gut! Klar, das Nervpotential der Dirty Projectors ist nach wie vor hoch und Songs im klassischen Sinne gibt es auch nicht, aber ich habe mich inzwischen in ihren Stil eingefunden. Der ist nun einmal schräg, allerdings auch sehr innovativ, mutig und eigenständig. Und außerdem: die Mädels singen einfach wunderwunderschön! Da macht es fast gar nichts, daß ich mit dem Gesang von Oberprojector Dave Longstreth nach wie vor so meine Probleme habe. Zumal heute in der Maroquinerie sogar drei hübsch anzusehende junge Frauen mit grazilen Stimmen aufgeboten wurden. Neben der Bassistin Angel Deradoorian (hach, dieser feste Po in der engen himmelblauen Short! Sorry, da musste ich einfach hingucken!), sangen auch die blonde Gitarristin Amber Coffman und die "Neue" (sie war damals nicht dabei) Haley Dekle. Auch bei den Männern gab es einen Neuzugang. Nat Baldwin zupft nun genau wie Angel den Bass, aber Miss Deradoorian spielt auch zusätzlich noch Keyboard.

Die Maroquinerie platzte genau schon wie am Montag bei den Dodos aus allen Nähten, keiner wollte sich das Spektakel entgehen lassen.
Die gesamte Indiemusikerzene von Paris war vertreten und auch etliche in der französischen Metropole lebende Amis waren gekommen, um ihre Landsleute zu sehen. Das Sextett aus New York war gegen 21 Uhr 15 an den Start gegangen und spielte fast ausschließlich Lieder vom neuen Album Bitte Orca. Two Doves wurde gleich am Anfang gebracht, ansonsten gab es auch Fluorescent Half Dome, Remade Horizon und und No Intentions. Highlight war aber für mich Stillness Is The Move mit seinen tribalischen, afrikanisch angehauchten Rhythmen. Hauptsängerin war hierbei Amber Coffman, die nun endlich auch einmal im Mittelpunkt stehen durfte, nachdem sie zuvor immer am Rande agiert hatte. Der Song war beschwingt, äußerst tanzbar und für Dirty Projectors Verhältnisse fast eingängig. Eine tolle Nummer, die vom Publikum sehr gut aufgenommen wurde, wie im übrigen fast alle Lieder des recht kurzen Sets. Am meisten Szenenapplaus gab es aber als der Klassiker Rise Above angestimmt wurde, ein Stück, das man auf dem gleichnamigen Vorgängeralbum finden kann, welches aus Coverversionen von Black Flag besteht.

Die Zeit verging wie im Fluge, die aus allen Poren schwitzenden Zuschauer hatten ihren Spaß und gaben ihr Bestes, die Band, die bereits nach circa. 40 Minuten Spielzeit zum ersten Mal die Bühne verließ, aus der Kabine zu klatschen. Das gelang auch zweimal und so wurde die Stunde noch geradeso vollgemacht. Ein kurzes Vergnügen, aber die Amerikaner haben einen dichtgedrängten Terminkalender und müssen Kraft sparen, wollen sie die lange Tour bewältigen. Wie das wohl der heißspornige Drummer Brian Mcomber durchhalten wird? Der prügelte nämlich wie schon beim letzten Mal so beherzt auf das arme Fell ein, daß man glaubte, er würde jemanden auspeitschen.

Einhellige Meinung der Musikkenner hinterher: Ein hervorragendes Konzert einer bärenstarken Band!

Einziger Konzerttermin der Dirty Projectors in Deutschland: 21. September im Festsaal in Kreuzberg.






Freitag, 9. Mai 2008

Dirty Projectors, Paris, 08.05.08

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Konzert: Dirty Projectors
Ort: Le Nouveau Casino
Datum: 08.05.2008
Zuschauer: am Ende recht viele
Konzertdauer: ca. eine Stunde


Zur Zeiten der Internetaktien-Blase an den Hightechbörsen gab es auf dem Wirtschaftssender ntv jeden Freitag abend die beliebte Sendung Telebörse. Sogenannte Finanz Experten (also ob die wüßten wohin sich die Märkte entwickeln) gaben dort von der starken Aufwärtsbewegung angefixten Kleinanlegern Tipps, in welche Aktien sie ihr Geld anlegen sollten. Ein Anrufer wollte erfahren haben, daß Aktie xy in Zukunft stark steigen würde und wollte deshalb wissen, was denn der Experte von diesem Papier halte.

"Sofort verkaufen!", lautete seine befehlsmäßig ausgesprochene Einschätzung. "Aktie xy ist ein sogenannter "Hot Stock", ein heißer Wert von dem man besser die Finger lassen sollte und den man - falls man ihn noch in seinem Portfolio habe - schleunigst abstoßen solle. Der verdutzte Kleinanleger stockte kurz, bevor er neuen Mut fasste und sagte: "Aber ich habe gelesen, daß die noch auf 1000 steigen sollen, die Firma sei unfassbar innovativ und kreativ, ein wahrer Zukunftswert".

"Hören sie", meldete sich wieder der Experte, "meiner Ansicht nach ist das alles heiße Luft, verkaufen sie schleunigst bevor das auch alle anderen Menschen mitbekommen haben, die noch investiert sind." "Die Aktie xy steigt nicht auf 1000, sondern fällt auf 0, die Firma wird pleite gehen!"

Der saß, der Kleininvestor legte den Hörer auf, hat aber trotzdem mit Sicherheit im Anschluß Papiere von Aktie xy gekauft.

Warum ich diese Story erzähle? Nun, darauf werde ich noch zurückkommen, hier nun erst einmal der eigentliche Konzertbericht:

Paris, 8. Mai 2008. Ein wunderbar sonnig-warmer Tag. Ein Feiertag. Zumindest in Frankreich, nicht aber in Deutschland, anscheinend wurde und wird der 8. Mai 1945 in Deutschland eher als Niederlage, denn als Befreiung gesehen.

Die Pariser hatten also frei und nutzten das schöne Wetter, um an der Seine spazieren zu gehen oder sich in die Sonne zu legen. Sich in einen dunklen Konzertraum zu begeben, schien im Vergleich zum Abhängen auf einer Terrasse in einem der zahlreichen Cafés die schlechtere Alternative. Kein Wunder also, daß es noch sehr luftig leer war, als ich das Nouveau Casino kurz nach 20 Uhr betrat. Gut so, denn Menschen erzeugen bekanntlich Wärme, zumal wenn sie in Massen auftreten.

Ich baute mich gleich vorne am Bühnenrand auf und wartete auf die Vorgruppe. Die Rolle des Supports wurde Nancy Elisabeth, einer jungen Engländerin, zuteil. Diese trat sehr diskret von der Kabine auf die Bühne, legte ihre Handtasche und einen Stapel CDs ab, die sie mitbebracht hatte und begann...an der Harfe! Allerdings hatte sie nicht dieses riesige, sperrige Ding wie z.B. Joanna Newsom, sondern eine Miniaturharfe, die sie sich auf den Sch0ß stellen konnte, um ganz bequem im Sitzen zu spielen. So etwas hatte ich noch nie gesehen, ich war verblüfft. Und die Töne, die sie mit diesem kleinen Wunderding erzeugte, waren höchst erlesen. Behende (neuerdings eigentlich behände) glitten ihre Finger durch die Saiten und hierzu sang sie wie ein wunderschöner Vogel. Ihre Stimme war schlicht und einfach atemberaubend, sie hatte ein lupenreines, klares Folk-Kehlchen. Mir kamen Assoziationen zu Mariee Sioux, Marissa Nadler oder This Is The Kit, aber jede Stimme ist ein wenig anders, das macht es so einzigartig. Ein großer Genuß, ihr zuzuhören! Außerdem waren nach wie vor wenige Zuschauer versammelt, so daß ich alles völlig ungestört genießen konnte. Die In-Crowd, sprich diese schrecklich hippen, szenigen und angesagten Leute, die wegen den Dirty Projectors gekommen waren, lungerten wohl noch draußen rum. Auch Vincent Moon, der Mann hinter der Blogothèque, der Musiker immer an ungewöhnlichsten Orten filmt, war noch nicht eingetreten. Nancy Elisabeth passte wohl nicht in sein Beuteschema, die war ihm wohl zu uncool. Na ja, sein Problem!

Ich hingegen genoß den Auftritt der schüchternen und sehr netten Engländerin in vollen Zügen. Nancy hatte in der Zwischenzeit ihre Harfe auf den Boden gestellt und musizierte jetzt an der Gitarre.
Auch dies war wunderbar, auch wenn ich zuvor kein einziges Lied kannte. Sie stellte Song Nummer zwei als "New One" vor, aber da mir die alten Sachen nicht geläufig waren, sagte mir das natürlich nicht viel.

Ihr 2007er Album heißt "Battle and Victory" und ist beim Leaf Label erschienen. Hiervon spielte sie u.a. "The Remote Past", ein Stück zu dem man herrlich täumen und entspannen konnte, die einfühlsamen Harfenklänge und die glasklare Stimme wirkten wie Balsam auf der Seele.

Aber nicht nur von dem akuellen Opus gab es Kostproben, nein auch von dem ersten Album
bekam man geschmackvolle Appetithäppchen serviert. "Waiting For Cars" war ein solches und besonders die Geschichte zu der Entstehung des Liedes war amüsant. Nancy erzählte nämlich, daß der Song in einer alten englischen Kirche eingespielt worde sei, die aber problematischerweise nur mittels Überquerung einer befahrenen Straße zu erreichen war. Daher der Titel, "Waiting For Cars", passt ja...

Von diesem Debüt, das übrigens noch unter dem Namen Nancy Elizabeth Cunnlife veröffentlicht wurde,
hatte sie ein paar Exemplare dabei, fünf um genau zu sein, sie stapelten sich gleich vor meinen Augen auf der Bühne (und es sage mir jetzt keiner, daß seien aber mehr CDs in diesem Stapel, denn hinzu kamen ja noch die neuen Scheibchen). Natürlich kaufte ich ihr Tonträger ab, denn die junge Frau aus Manchester ist nett und sehr talentiert. Und auch auf den schelmischen Kommentar eines frechen Franzosen fiel sie nicht herein. Der hatte nämlich auf die Frage von Nancy, wie weit denn Nantes entfernt sei (it's not more than two hours from here, no?"), wo sie morgen spielen werde, geantwortet: "Five hours".

"No, I can't believe that is this far!", schmunzelte sie vor sich hin. Die Frau ist nicht auf den Kopf gefallen und wenn ihre Harfe erklingt, fließt süßester Nektar.

Eine Entdeckung!

Nachdem die liebe Nancy fertig war und ihren CD-Stapel aufgelesen hatte, begab ich mich zum Merchandising Stand nach hinten und gratulierte der Engländerin zu ihrem gelungenen Auftritt. Sie hatte -wie oben erwähnt - zwei CDs anzubieten, die sie rechts ausbreitete. Auf der linken Hälfte des Tisches waren Tonträger der Dirty Projectors aufgebaut. Ich wunderte mich, daß die Band von der ich erst vor kurzer Zeit zum ersten Mal gehört hatte, schon so viel Material veröffentlicht hat. 4 verschiedene Scheibchen wurden zum Verkauf angeboten. Ich besaß kein einziges davon und wollte erst das Konzert abwarten, bevor ich eventuell zuschlage. Im Nachhinein eine weise Entscheidung...

Im Nouveau Casino war es in der Zwischenzeit deutlich voller geworden. Vincent "La Blogothèque" Moon tummelte sich inzwischen auch unter den Besuchern und plauderte mit einer hübschen brünetten jungen Dame, die sich später als die Bassistin der Band erweisen sollte. Auch ein Musiker der amerikanischen Band The National, die 2007 eines der besten Alben des Jahres abgeliefert hatte, war unter den Gästen. Eine illustre Gesellschaft. Auch vorne am Bühnenrand, wohin ich mich wieder begeben hatte. Dort stand nämlich links von mir ein stiernackiger, glatzköpfiger Amerikaner, der mindestens schon 45 Jahre alt war. Er unterhielt sich mit einem bärtigen Landsmann und jedes zweite Wort, das er benutzte war "fuck". "The fucking sun came out today" hörte ich ihn unter anderem brabbeln. Rechts von mir hatte sich ein Grüppchen junger Amerikaner postiert. Sie dürften so um die 25 Jahre alt gewesen sein, vermutlich allesamt Studenten. Unter ihnen war auch ein schwarzhaariges Mädchen mit asiatischen Wurzeln. Sie erzählte von allerhand angesagten Gruppen, die sie in letzter Zeit gesehen habe, die mir aber überhaupt nichts sagten. Ihre Lippe war gepierct, obwohl ich sie sonst eher als konservativ einschätzte. Vermutlich wollte sie ihre Strebernatur verdecken, indem sie sich mit dem Piercing einen rebellischen Anstrich gab. Auch ihre Bekannten waren kleidungsmäßig leicht alternativ drauf, obwohl ich mir sicher bin, daß sie alle an amerikanischen Ivy-League Unversitäten studiert haben, oder noch studieren und Papi regelmäßig die Studiengebühhren von 50. 000 Dollar überweist (oder wieviel das in Yale oder Harvard auch immer kostet). Kurzum, sie wirkten auf mich allesamt wie langweilige Streber, die aber um nicht gehänselt zu werden, sich einen künstlerischen Touch zulegen. Um ihre "social skills" (ganz wichtig in Amerika!) zu beweisen, engagieren sie sich zudem bestimmt für Greenpeace, oder einer Vereinigung gegen die globale Erderwärmung (noch so ein Hype).

Ich hatte soviel Zeit die Leute zu mustern, weil sich auf der Bühne lange Zeit überhaupt nichts tat. Man mußte ewig warten und um diese Passage zu überbrücken, kamen die Veranstalter auf die schlechte Idee, Devendra Banhart vom Band laufen zu lassen. Der freak-folkige Amerikaner trällerte ein paar seiner Scheußlichkeiten auf spanisch und meine Geduld wurde auf eine harte Bewährung gestellt. "Das werden ja nur ein paar Lieder sein, wie üblich", machte ich mir selbst Mut, aber die Umbaupause war so lang, daß das komplette Album "Cripple Crow" gespielt wurde. Das beknackte "I Feel Just Like A Child" war hierbei der Gipfel der Geschmacklosigkeiten. Vor meinem geistigen Auge sah ich Karl Lagerfeld - ein Fan des Barden - in seine behandschuhten Hände klatschen. Ein gräßlicher Gedanke.

Es sollte aber viel schlimmer kommen und am Ende wäre ich froh gewesen, wenn "der Diwäntra" (Aussprache Karl Lagerfeld) aufgetreten wäre. Denn sein kaumgummihafter Gesang ist nichts gegen gegen das furchterregende Gejammer von Dirty Projectors Frontmann Dave Longstreth. Ein schlaksiger Typ mit Holzfällerhemd, dieser Dave. Er sieht ziemlich dämlich aus und wurde bestimmt in der Schule und an der Uni gehänselt. Ein Außenseiter, das sah ich sofort. Dann kamen er (oder seine Eltern) mit Sicherheit auf die Idee, daß er doch auch mal was Angesagtes machen solle, damit man ihn cool findet. Musiker werden zum Beispiel.

Bei MTV gibt es ja diese lustige Serie "Made", wo Schüler oder Studenten die nicht beliebt sind (in Amerika ist es sehr wichtig, "popular" zu sein) ihre Persönlichkeit ändern wollen, um die anderen zu beeindrucken. Das brave graue Mäuslein z.b., das immer brav Flötenunterricht genommen hat, will dann plötzlich mit den Punks abhängen, etc., es wird eine ganze Menge unternommen, um von dem Loserimage wegzukommen.

Dave Longstreth also hat genau diesen Weg eingeschlagen, vom gehänselten Streber in Yale zum coolen Musiker im megahippen Brooklyn. So war zumindest mein völlig oberflächlicher und klischeehafter Eindruck, als ich ihn da mit seiner Gitarre auf der Bühne rumhampeln sah. Gleichzeitig schämte ich mich aber auch ein wenig dafür, daß ich so schubladenhaft dachte. Als ich aber heute mittag bei Wikipedia las, daß Dave ein ehemaliger Yale Student war, der die Unikarriere für die Musik geschmissen hat, fiel ich aus allen Wolken! Das kann doch nicht sein, daß ich in zehn Minuten Leute richtig einschätzen kann! Wie erschreckend ist das denn?!

Andererseits ist es lustig zu sehen, wenn klischeehafte Eindrücke bestätigt werden.

Also weiter im Text, ich muß nämlich auch noch über die drei anderen Musiker ablästern, die da agierten. Rechts außen spielte ein blondes, steif und schüchtern wirkendes Mädchen Gitarre. Die Arme, sie hatte ein leicht vorstehendes Kinn und wurde in der Schule bestimmt auch von den jungen Männern ignoriert. Ein extrem nettes Wesen mit Sicherheit, ich glaube fest, daß die Jungs von ihr immer die Hausaufgaben abschreiben durften. Sie war bestimmt Klassenbeste, hatte aber dann irgendwann auch die Schnauze voll davon, Mauerblümchen zu sein. Was macht man da? Ganz klar, Musik natürlich! Am Besten in einer hippen, experimentellen Band! Ich mußte dauernd an die Romanfigur Charlotte Simmons von Autor Tom Wolfe denken. Es geht da um ein Mädchen, die aus der Provinz kommt, immer die besten Zeugnisse hatte und dann auf der elitären Dupont Universität landet, wo sie entsetzt feststellen muß, daß die anderen Studenten statt an das Lernen nur ans Ficken und Saufen denken.

Kommen wir zur Bassistin. Die war zierlich, klein und bildhübsch. Sie hätte die Tochter der aus Algerien stammenden französischen Justizministerin Rachida Dati sein können. Mit ihren kleinen Fingerchen spielte sie flinke Bassläufe und trällerte auch herzallerliebst. Eine Augenweide, diese Angel Deradoorian.

Schade, daß sie ihre schöne Stimme für diese ungenießbare experimentelle Suppe hergibt, die die Dirty Projectors da kochen.* Sie zwitschert wirklich wie eine Drossel. Auch die blonde Gitarristin von der ich oben sprach, hatte ein hübsches Stimmchen. Das Problem war bloß, daß immer alle drei Musiker gleichzeitig sangen und somit unhörbare Dissonanzen herauskamen.

Das schlimmste musikalische Element war aber der Drummer.
Der fing nämlich immer erst leise und trippelnd an, bevor er explodierte wie ein Wahnsinniger und auf sein Instrument eindreschte, daß ihm die Adern an der Birne hervortraten. Sein Ziel schien es zu sein, einen Weltrekord im "hart Schlagzeug spielen" zu erzielen, oder ins Guiness Buch der Rekorde für die lautesten Drumms, die je geboten wurden, zu kommen. Auf jeden Fall schaffte er es, jedes einzelne Lied zu zerhacken, was ihm allerdings Applaus auf offener Szene von dem stiernackigen alten Amerikaner einbrachte. "You are the best band ever!" und ähnliche Sätze schrie er aus voller Kehle. Vincent Moon von der Blogothèque fand es bestimmt auch geil, er filmte jedenfalls das ganze Konzert und damit wäre dann sichergestellt, daß sich auch andere Internetnutzer ein Bild von diesem fürchterlichen Auftritt machen können.

Diejenigen, die diesen nerdigen Käse für streberhafte Studenten die auch mal kreativ sein wollen, mögen, dürfen sich gerne mal auf unserem Kommentarteil verewigen. Sie erklären mir bitte, ob die Dirty Projectors in ihren Augen Musik machen und was an denen so toll sein soll.

Ich hingegen halte es wie der eingangs erwähnte Börsenexperte:

Dirty Projectors sind ein sogenannter Hot Stock, den man schleunigst verkaufen sollte; wenn nämlich auch die letzten hippen Menschen erkannt haben, daß dahinter nur heiße Luft steckt, ist der Marktwert der Band schon auf null gesunken!

Setlist Dirty Projectors, Le Nouveau Casino, Paris

01: Spray Paint (Black Flag Cover)
02: Gimmie Gimmie Gimmie (Black Flag Cover)
03: Depression (Black Flag Cover)
04: ?
05: Fucked For Life
06: Police Story (Blag Flag Cover)
07: NCW NCW
08: Imagine
09: Thirsty And Miserable (Black Flag Cover)
10: Rise Above (Black Flag Cover)

Links:

- Rise Above live
- Dirty Projectors live in Austin, TX
- mehr Fotos von den Dirty Projectors



* Angel Deradoorian ist aber in der Tat auch noch mit ihrem eigenenen Projekt am Start. Und das tönt wirklich ziemlich hübsch. Darüber hinaus spielt sie noch bei Secret Surprise & The Latter Day Saints, bei den Inlets (wo sie auch in die Flöte bläst) und bei Mature Woman (hier sogar am Keyboard im Einsatz), insgesamt also eine vielbeschäftigte und vielseitig talentierte junge Frau.




 

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