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Sonntag, 2. November 2014

Belle & Sebastian, Paris, 31.10.14

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Konzert: Belle & Sebastian
Ort: Grande Halle de la Villette, Paris (Pitchfork Festival)
Datum: 31.10.2014
Dauer: 73 min
Zuschauer: einige Tausend (ausverkauft)



Eigentlich gehöre ich nicht zur Pitchfork-Zielgruppe - auch musikalisch. Aber auch Belle & Sebastian tun das nicht richtig, sie sind viel zu wenig hip und passen eigentlich nicht zu einem Festival, das vor allem elektronische Acts oder Künstler wie James Blake oder Future Islands bucht. Hätte mich jemand gezwungen, auch die beiden anderen Tage in der Grande Halle de la Villette zu verbringen, hätte ich mir gerne Notwist und Mogwai angesehen, der Rest hätte mich dagegen gar nicht interessiert. Der Freitag mit Belle & Sebastian als Headliner bot für mich nichts. St. Vincent habe ich im Sommer gesehen (und das reicht mit dem aktuellen Programm), die Future Islands im Mai (und das reicht für immer), Chvrches beim Introducing im Gebäude 9 (und das reichte nicht, um dafür den ganzen Abend im ausverkauften Hipstertempel zu verbringen). Also blieben Perfect Pussys 23 min Geschrei am späten Nachmittag und Belle & Sebastian um Mitternacht.

Das Festival war gespickt mit Ärgernissen. Bei Verlassen des Festivals gab es keinen Wiedereinlass - trotz Bändchens. Um im die Halle zu kommen, musste man an einer 80's-Radio-Disco vorbei, in der Wham lief und ironische Menschen ironisch tanzten - rund um den Messestand eines Autoherstellers, der einige Modelle (eines in Glitzeroptik) und zwei Bowlingbahnen mitgebracht hatte. Was das mit Indie-Musik oder Indie ohne Musik zu tun hat, weiß ich nicht. Nein, die wundervollen Belle & Sebastian passten hier wirklich nicht hin. Das Konzert wurde trotzdem hervorragend. Und es fand vor vielen mitsingenden, euphorischen Zuschauern statt, die passten also auch nicht richtig dahin.

Im Januar erscheint das neue Album der Indiepop-Helden aus Glasgow Girls in peacetime want to dance (oder "Das graue Album"). Vor einigen Tagen machte ein erster Song die Runde im Internet. Die Reaktionen dazu waren alles andere als begeistert, also habe ich mir das Lied nicht angehört.

Als B&S um Mitternacht auftraten, lief hinter der Bühne ein Video mit den Figuren des Covers der grauen Platte. Das erste Stück stammte allerdings von einem anderen Album mit bläulich-grauem Titel, von Tigermilk. You're just a baby haben die Schotten bisher so gut wie nie gespielt. Die ersten 3 1/2 Minuten des Konzerts waren schon genug Gegenmittel gegen den ganzen Pitchfork-Ärger! 

Danach folgten zwei Live-Lieblinge: Funny little frog (meine Patenkinder werden neidisch sein!) und Sukie in the graveyard. Ich hatte mir bewußt keine Setlisten von anderen Konzerten angesehen, weil ich mich überraschen lassen wollte. Bei Lieblingsbands, die ihre Konzerte immer anders gestalten, liebe es, nach jedem Stück gespannt darauf zu sein, was als nächstes kommte. Das ging offenbar vielen so - in unserer Umgebung standen Fans only, weiter hinten der quatschende Hipster-Rest, den ich nicht hörte, ich bekam nur später einige Male mit, daß irgendwo hinter mir Leute andere lautstark baten, leiser zu sein - die Mitsingquote vorne und das Bejubeln der ersten Takte der Stücke waren groß!

Nach Sukie kamen die beiden ersten Lieder nacheinander. Allie, über eine Frau, "die einen schlechten Tag hatte" und Perfect couples. Beide Titel wurden von eigenen Videos unterstützt. Das Video von Perfect couples war herrlich! Es zeigte einen Raum (der so aussah wie die Zimmer in der Sesamstraße), in dem Partygäste feierten, sich umarmten, Platten umdrehten, die Deko und Bilder wechselten. Leider war das von Stevie ("je m'appelle Etienne") gesungene Lied nicht so spannend wie das Video (es klang ein wenig nach den Talking Heads). Allie dagegen hat es mir auf Anhieb angetan, es ist eine Spur düster und klang überhaupt nicht nach Disco.

Danach kündigte Stuart Murdoch ein Lied an, dessen Jahreszeit bald wieder sei - also natürlich Fox in the snow von der roten Platte (der besten, oder?). Auch wenn Fox in the snow einer meiner größten Lieblinge der Band ist, ärgerte es mich ein wenig (Musiknerds Luxusproblem), weil dann Like Dylan in the movies nicht kommen würde, das weiß man. Und Like Dylan ist der noch größere Liebling. Naja, es kam doch. Direkt im Anschluß. Stuart Murdoch hat mal auf eine Frage nach dem Zustandekommen der Setlists der Band und danach, welchen Gesetzmäßigkeiten das folgt, geantwortet, er schreibe die eben morgens spontan auf, je nachdem, worauf er gerade Lust habe. Die Band müsse damit leben. Ein paar Publikumshits müssten sie immer spielen, der Rest wäre vollkommen spontan und willkürlich. In Paris war es eine herrliche Willkür!

Nach I didn't see it coming, dem einzigen Stück von Write about love folgte das letzte der neuen Lieder, das von mir bisher ignorierte The party line. Am Anfang fand ich es auch nicht besonders euphorisierend, je länger der Refrain wiederholt wurde, desto besser gefiel er mir, das wird also!

Danach kam ein "dancefloor classic", The wrong girl. Davor hatte Stuart Leute in Halloween Kostümen gebeten nach oben zu kommen um zum nächsten Stück auf der Bühne zu tanzen. Das nächste war The boy with the arab strap, die Kostümierten u.a. eine Frau im Ganzkörper-Hasenanzug, die sich irgendwann neben den Sänger ans Klavier setzte. Im Gegenzug änderte Stuart den Text am Ende. Aus "she's a waitress and she's got style" wurde "she's a rabbit and she's got fur". Eine der anderen Tänzerinnen überforderte ihn, er sang "she's a... what are you?"

Sleep the clock around scheint einer der gesetzten Titel zu sein, es beendete wieder einmal das Konzert. Dazu stieg Stuart irgendwann auf das Klavier, an dem diesmal Stevie Jackson saß. Weil er beim punkigen Hochsteigen aber nicht daran gedacht hatte, daß er da oben kein Mikro habe, hielt ihm sein Kollege den Mikroständer für den nächsten Gesang nach oben!

Leider ließ der hippe Zeitplan nur eine Zugabe zu - eine natürlich wundervolle, Get me away from here I'm dying (mit Melodica-Duetten!). Zehn Minuten später räumten die unfreundlichen Security-Typen den Merchandise Stand und schmissen Leute im Kaufprozess raus aus der Halle. Da war wieder die ärgerliche Pitchfork-Festival-Realität. Als wir etwas später draußen standen, bekamen wir mit, wie die Gorillas einen Gast handgreiflich rausbeförderten. Jemand der daneben stand und etwas sagte, wurde von einem der Security-Typen angeblöfft, ob er Ärger wolle. Das passte alles hervorragend zusammen. Nur Belle & Sebastian passten eben nicht so recht dazu, sie waren viel zu gut, sympathisch und wohltuend unhip! Ach, was freue ich mich auf die nächsten Male mit der Band aus Glasgow!


Setlist Belle & Sebastian, Pitchfork Festival, Paris:

01: Intro
02: You're just a baby
03: Funny little frog
04: Sukie in the graveyard
05: Allie (neu)
06: Perfect couples (neu)
07: Fox in the snow
08: Like Dylan in the movies
09: I didn't see it coming
10: The party line (neu)
11: The wrong girl 
12: The boy with the arab strap
13: Sleep the clock around

14: Get me away I'm dying (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Belle and Sebastian, Larmer Tree Gardens, 01.09.13
- Belle and Sebastian, Barcelona, 27.05.11
- Belle and Sebastian, Minehead, 11.12.10
- Belle and Sebastian, New York, 30.09.10
- Belle and Sebastian, Latitude-Festival, 17.07.10


Freitag, 8. November 2013

Pitchfork Festival Paris, 3. Tag, Paris, 02.11.13

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Konzert: Pitchfork Festival, Paris, dritter und letzter Tag, mit Youth Lagoon, Majical Cloudz, Omar Souleyman, Yo La Tengo, Hot Cip, Glass Candy u.v.a.
Ort: Grande Halle de la Villette, Paris
Datum: 02.11.2013
Zuschauer: 2000 glaube ich (oder mehr?)
Konzerte von 17h bis 6 Uhr am nächsten morgen


Man kann sie nicht mehr hören. Die ganzen Kommentare zu den Hipstern. Gerade beim Pitchfork Festival sind sie inflationär, weil die Veranstaltung als große Messe der Hipster dieser Welt gilt. Vor drei Jahren fand ich es selbst noch lustig (oder war das vor zwei?), aber inzwischen langweilt das Thema auf brutale Weise. Reden wir also nich pauschal über Typen mit Bart, Wollmütze, bis obenhin zugeknöpften Holzfällerhemden und Tattoos, sondern über die Zuschauer, die dieses Event bevölkern. Wie sind sie drauf, wo kommen sie her? Die erste Frage ist schwierig (die passende Antwort wäre wohl: kommt drauf an), Letztere ist einfacher zu beantworten. Sie kommen wirklich aus der ganzen Welt. Aus den USA, England, Schweden, Deutschland, Italien... und natürlich Frankreich, schließlich sind wir in Paris. Manche Leute reisen wirklich von ganz weit an, nur für das Pitchfork Paris, welches 3 Tage dauert und Leuten, die alle Konzerte sehen wollen, einiges abverlangt. Aufgrund der hohen Preise (130 Euro für den 3-Tages Pass, 80 für den 2-Tages Pass und 50 Euro für die Tageskarte), könnte man vermuten, daß es sich um Wohlstandsjünglinge und höhere Töchter handelt, aber ich will keine Klischees pflegen, ich weiß nicht aus welchen Kreisen die Leute kommen. Eigentlich ist das ja auch ganz egal. Fest steht aber, daß man tief in die Tasche greifen muss, um beim Pitchfork dabei zu sein. Wohl dem, der wie ich in Paris wohnt und keine teure Übernachtung bezahlen muss, die die Rechnung noch üppiger werden lässt. 

Auf dem Gelände selbst fließt das Geld auch nur allzu schnell ab. Jetons muss man im Mindestwert von 10 Euro erwerben (Zwangsumtausch wie damals beim Grenzübergang nach Ost Berlin?), darunter machen sie es hier nicht. Aber man braucht eh mehr Jetons, wenn man konsumieren will, denn 0,5 Liter Bier kosten 7 Euro (3, 5 Jetons), ein Burger schlägt mit 8 Euro (4 Jetons) zu Buche und der Rest ist auch nicht viel günstiger. Bedenkt man, daß die Konzerte um 17 Uhr beginnen und teilweise die ganze Nacht lang laufen (so war es zumindest am letzten Samstag), wird man also genötigt sein, ein paar mal die Fressbuden aufzusuchen und auch für Getränke ordentlich zu blechen, will man nicht verdursten. Ich persönlich habe 15 Jetons= 30 Euro verballert, das dürfte aber eher unterer Durchschnitt sein. Der Abend am Samstag kostete mich also 80 Euro. Da ich bis 3 Uhr blieb und die letzte U-Bahn nicht später, sondern um 2 Uhr fuhr, musste ich auch noch ein Taxi nehmen. Kostenpunkt für meine Strecke: 20 Euro. Musste ich aber nicht zahlen, weil ich mir das Taxi mit freundlichen und großzügigen Leuten geteilt habe, die meinten, meine Strecke hätte eh auf dem Weg gelegen. Glück gehabt, sonst wäre ich schon bei 100 Euro gewesen! Tja und dann gab es da ja auch noch die CD Stände (Rough Trade, Balades Sonores), an denen man sein Geld loswerden konnte, schließlich macht es ja Spaß, die Silberlinge der auftretenden Bands zu erwerben, um zu Hause noch einmal in Erinnerungen zu schwelgen. Ich selbst war brav und habe nur zwei CDs gekauft, Kostenpunkt 27 Euro. Der ganze Abend kostete mich also 107 Euro.

Was hat er mir aber gebracht? War er die Kohle wert?

Nun, der Beginn war schon einmal recht ernüchternd. Und damit meine ich noch nicht den musikalischen Teil, sondern die Einlasskontrolle. Schlimm wie man da von allen Seiten und an allen Körperteilen betatscht wurde, ärgerlich, daß meine Bridge-Kamera nicht durchkam. Ich musste sie an der Garderobe abgeben und verlor Zeit, um das (für mich) erste Konzert zu sehen. Beim End Of The Road Festival konnte man gut sehen, daß man gar keine Einlasskontrollen braucht, wenn das Publikum gesittet ist. Ziehen etwa die Picthfork Bands Rüpel an? Die Frage muss erlaubt sein...

Drinnen dann: nix los. Gegen 18 Uhr war noch kaum ein Schwein da, die Stimmung bei Majiical Cloudz deshalb auch mau, ohne daß es einen Bezug zur Güte der Band geben musste. Zwei Lieder bekam ich von den Burschen noch mit, zu wenig, um mich näher über sie auszulassen.

Die danach startende Sky Ferreira war dann ein schlechter Witz. Das war eine Art Indie Avril Lavigne und dermaßen öde, daß ich schon zu diesem Zeitpunkt draußen ein Bier trinken gehen musste, um die ganze Veranstaltung zu ertragen. Totengräberstimmung, miese Künstler, es konnte nur besser werden!

Mit Youth Lagoon wurde es das auch dann. Eine Band aus Boise, Idaho stellte sich vor, hatte aber musikalisch mit den Landsleuten Buil To Spill wenig zu tun. Statt saftigem gitarrengetriebenen Indierock wie bei Doug Martsch gab es viele Synthiesizer und recht wenige Gitarren zu hören, wenngleich man nicht von einer reinen Elektropband sprechen konnte. Es war eher ein Grenzgänger zwischen sphärischem Pop mit Synthieeinsatz und Rock der leicht pathetischen und psychedelischenArt. Von Bombast will ich nicht reden, aber mitunter wurde es recht episch.

Sehr auffällig die Stimme des Sängers. Eine knatschige, hohe, kindliche Stimme, die Assoziationen zu MGMT, den Flaming Lips und Mercury Rev heraufbeschwor. Trevor Powers heißt der Lockenkopf der Youth Lagoon vorsteht (und eigentlich die Band ist) und mit seinem sehr speziellen Gesangesorgan sicherlich polarisiert.

Aber es gab auch recht lange Instrumentalphasen, in denen er (logischerweise) schwieg und die Keyboards, die Gitarren und das Schlagzeug einen Wettkampf ausfochten. Die Songs dauerten deshalb teilweise bis zu 10 Minuten und durchlebten mehrere Phasen, in denen Stimmung, Rhythmus und Intensität variierten. Das war faszinierend, wenngleich es Geduld erforderte, die nicht bei allen Leuten im Publikum vorhanden war (blöde Labertaschen immer!).

Nehmen wir zum Beispiel den Track Dropla, der voller Nuancen und Feinheiten steckte, quirlig und poppig perlend klang, gleichmäßig und mit viel Schlagzeugeinsatz voranschritt und nach etwa 5 Minuten in eine dreampoppige Sequenz abdriftete, in der die hübsche kleine Pianomelodie ständig wiederholt wurde. Das Ganze hatte auch eine kosmische Note und erinerte insofern umso mehr an die Flaming Lips. 






Oder nehmen wir auch Sleep Paralysis. Ein verhuschter, verwunschener Song mit windschiefen Synthies, dem kennzeichnenden Quäckgesang und einem stark melancholischen Moment. Als Hörer wanderte man durch psychedelische Traumlandschaften und konnte sich der Sogwirkung des Tracks schwerlich entziehen. Zwar nervten ein paar Leute in meiner Umgebung, aber stören lassen wollte ich mich dadurch nicht. Wuchtig arbeitete sich das Schlagzeug durch den ansonsten sehr feinziselierten Titel, der ebenfalls mit einer markanten Klaviermelodie glänzte und irgendwie auch wie eine traurige Hymne zu einem Kindergeburtstag wirkte. Schwer zu beschreiben wie sich das Ganze auf die Psyche ausschlug. Man war irgendwie gleichzeitig schwermütig und freudig gestimmt, es war ein Wechselbad der Gefühle. Schön, aber auch aufwühlend zugleich.

Ansonsten macht es aber wenig Sinn, einzelne Songs herauszugreifen. Pausen gab es so gut wie keine, die Lieder gingen ineinander über und die Sequenzen dazwischen wurden meist durch mystische Töne überbrückt. Letztlich klang das ganze Konzert fast wie ein Soundtrack, alles war miteinander verwoben und gehörte zusammen. Das sehr spezielle Ambiente, die kreierte Atmosphäre zählte mehr als bestimmte Songs. Dennoch verdichtete sich das Ganze am Ende. Es wurde immer dramatischer und intensiver. Nicht wie bei einem klassischen Postrockkonzert wo zum Schluß die Gitarren wie wild aufheulen und die Bandmitglieder auf dem Boden liegend spielen, sondern auf recht subtile Weise übermannend. Die letzten 10 Minuten haben mich wirklich umgeblasen und bereits zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Kauf der teuren Karte zumindest teilweise schon gelohnt!

Im Anschluß hieran spielten Baths. Deren Sound fand ich aber schon nach ein paar Minuten derart seicht und synthetisch, daß ich wieder nach draußen flüchtete. Viele bekannte Gesichter waren auf den Fluren unterwegs. Der aus Dresden nach Paris zurückgekehrte Brite Thos Henley, die Pariserin Mina Tindle, Labelmenschen, Booker, Musikmanager, alle schienen sie hier zu sein. Draußen abzuhängen war gar nicht so übel, da konnte man ein wenig plaudern und in Ruhe die trendigen Leute beobachten, wie sie ihre Pommes in sich reinstopften, oder sich gegenseitig abknipsten.



Nach ein paar Minuten war mir es feilich an der frischen Luft zu kühl und mich zog es wieder rein in die große Halle. Dort war Partytstimmung angesagt. Der syrische Musiker Omar Souleyman spielte auf und ließ die Puppen tanzen. Er hatte einen DJ dabei, der den rein elektronischen Sound, der mit starkem Orienteinschlag gewürzt war, abspulte. Was live performt wurde und was nicht, war mir nicht ganz klar, aber das Ganze hatte etwas von einer Karaokeshow. Omar selbst sang zu den synthetischen und sehr tanzbaren Ryhthmen auf arabisch und kurdisch und peitschte das Publikum immer wieder mit enstprechenden Handbewegungen an, oder klatschte einfach nur im Takt in die Hände. Mit seiner Djelaba, der rot weißen Kufiya (bei uns bekannt unter dem Namen Palästinenser-oder Arafta-Tuch) und der dunklen Sonnenbrille was er der coolste Typ weit und breit. Er wirkte fast wie eine Karikatur, hatte aber das Publikum fest im Griff und hielt es mindestens 45 Minuten unter Strom. Er entpuppte sich als glänzender Showman und Entertainer, was das Ganze msuikalisch wert war, fiel mir aber sehr schwer einschätzbar. Berühmte Musiker wie Björk und Damon Albarn haben schon mit ihm zusammengearbeitet, aber ist das ein sattelfestes Argument für seine Güte?

Dann aber endlich Yo La Tengo! Waren sie Headliner? Nach der Spielzeit zu beurteilen nicht, denn Hot Chip wurden später 20 Minuten mehr gewährt. Für mich nicht nachvollziehbar, aber es gibt anscheinend viele, die die Clowns von Hot Chip lustig finden, warum auch immer.

Ich aber war für Yo La Tengo genommen. Nur für Yo La Tengo. Der Rest war mir egal. Zumindest weitestgehend egal. Ich wollte die super Band aus Hoboken endlich mal wieder live sehen. Schändlicherweise hatte ich in den letzten Jahren viele ihrer Auftritte verpasst und somit war das heute auf jeden Fall ein Pflichttermin um begangenen Schaden wenigstens halbwegs wieder gut zu machen. Eigentlich gehört ja jedem Blogger die Lizenz entzogen, wenn er zu selten über Yo La Tengo schreibt. Aber nun gut, für mich gelten natürlich mildernde Umstände und Ausnahmen...

Der Gig begann mit Stupid Things, einem Albumtrack des neuesten Outputs Fade. Laut und kraftvoll dröhnte es aus den Boxen, Ira Kaplan bewegte sich wie ein Zappelphilipp und schien weiterhin der ewig junge Mann zu sein, der nie so richtig erwachsen wird, seine immer äußerst dezent und zurückhaltend auftretende Frau Georgia Hubley spielte bei diesem Song Bass und der recht füllig gewordene James McNew Schlagzeug. Leider war der Sound nicht optimal. Die Stimme von Ira hörte man nicht so richtig, das Ganze klang zudem zu breiig und verzerrt. Aber das war nicht so dramatisch, denn schließlich wollten wir hier keine punktgenaue und keimfreie Albumwiedergabe haben, sondern rohe Liveversionen der Songs.

Roh, krachig und ungehobelt blieb es auch noch bis zu Super Kiwi, das wahnsinnig schrammelig und lofi klang. Mit The Point Of It, ebenfalls von Fade wurde es aber zum ersten Mal besinnlicher und deutlich poppiger. Nun kam die sonnige und sanfte Seite von Yo La Tengo zum Tragen, Ira sang herzerweichend schön ( "when you're screaming in my head, waht's the point of it?") Georgia hatte längst hinter dem Schlagzeug Platz genommen und James spielte ganz lässig Akustigittarre.



AuchTrack Nummer 6, I'll be Around war soft und wundervoll, plätscherte ganz gemächlich vor sich hin und lud viele Leute dazu ein, mit geschlossenen Augen zuzuhören. Es war herrlich.

Dann kam Georgia fast wie ein schüchternes Mädchen nach vorne getrottet und sang mit der schönsten aller Stimmen Before We Run. Die Natürlichkeit und der Charme des Songs und des Vortrages waren atemberaubend, es war quasi unmöglich sich der entzückenden Wirkung zu entziehen. Ich persönlich schmolz auf jeden Fall dahin und hätte Georgia hinterher gerne ein kleines Küsschen auf die Wange gedrückt.



Im letzten Drittel wurde aber dann wieder die Noisekeule geschwungen. Sugarcube vom 1999er Album I Can Hear The Heart Beating As One besaß viel Lofi-Attitüde und trotzdem hübsche Gitarrenmelodien.

Der das neue Album eröffnende Midtempo Song Ohm bereitete schließlich auf das große Finale vor, welches nun folgen sollte. Der Blue Line Swinger, der Closer des 1995er Albums Electr-O-Pura, wurde nämlich zum krönenden Abschluß unter lautem Getöse abgefeuert und wütetete atemberaubende 10 Minuten lang wie ein Derwish. Definitiv eines der besten Livelieder die ich 2013 gehört habe, der fetzige Rhythmus war einfach unwiderstehlich, die Melodie wahnsinnig packend, das Zusammenspiel von Gitarre und Schlagzeug eine Wucht!

Dann aber verstummten die Gitarren und nach lediglich einer Stunde war schon Schluss. Ira Kaplan hatte es sich während der Show nicht nehmen lassen, gegen die Leute in der VIP Lounge zu ätzen. Den genauen Wortlaut seiner Kritik habe ich zwar nicht verstanden, aber er mahnte inhaltlich mehr Gerechtigkeit beim Pitchfork an. Die Verantwortlichen sollten nicht so stark zwischen VIPs und Fußvolk differenzieren, nicht die einen begünstigen und die anderen die überhöhte Zeche zahlen lassen. Recht hatte er!

Setlist

01: Stupid Thing
02: Big Day Coming
03: Super Kiwi
04: The Point Of It
05: ?
06: I'll Be Around
07: Before We Run
08: Sugarcube
09: Ohm 
10. Blue line Swinger

Demnächst geht es hier noch ein bißchen weiter...
 .

Samstag, 10. November 2012

Pitchfork Festival, Paris, 1-3.11.12

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Konzert : Pitchfork Festival, Paris
Ort: Grande Halle de la Villette
Datum: 1-3.11.2012 

Zuschauer: ausverkaufte Veranstaltung, pro Tag etwa 5.000
Konzertdauer: Konzerte jeweils von 17 Uhr bis Mitternacht, danach oft Elektroacts bis tief in die Nacht/den Morgen


Pichfork ist voll cool. Zumindest denken das die Amerikaner, aber nicht nur die. Aus dem kleinen Fanzine eines musikverliebten, amerikanischen Studenten ist inzwischen ein richtiges Unternehmen geworden, das die Meinungshoheit bei den Online Musikmedien in Sachen Indiemusik beansprucht und mit seinen Festivals sicherlich ordentlich Knete macht (wenn nicht, dann verdient niemand auf der Welt Geld mit Festivals!). Ursprünglich gab es das Pitchfork nur in Chicago, inzwischen aber geht es in Paris heuer schon in die zweite Saison.



Bereits letztes Jahr war ich vor Ort und fand das Ganze letztlich eher enttäuschend. Konzerte von Bands, auf die ich mich eigentlich sehr gefreut hatte, wie z.B. Jens Lekman oder Real Estate verpufften in der großen Halle (ein alter Schlachthof) fast wirkungslos, Likke Li war wie erwartet scheußlich, die vielen Elektroacts sterbenslangweilig und Bon Iver mit seiner vor Kraft strotzenden riesigen Truppe hatte im Vergleich zu früheren Tagen deutlich an Charme und Innigkeit verloren. Dennoch bot er das mit Abstand beste Konzert, was eigentlich schon alles über die Qualität dieser Edition 2011 aussagte. Das schlimmste aber waren die Zuschauer: ich fühlte mich umzingelt von meist englischsprachigen Schnöseln aus aller Herren Länder, die sich offenbar mehr dafür interessierten, zu sehen und gesehen zu werden, als die Konzerte konzentriert zu verfolgen.







Logisch, daß ich danach keinen großen Bock hatte, hier 2012 aufzulaufen. Um eine Akreditierung hatte ich mich deshalb nicht gekümmert und als ich dann kurzfristig auf die Idee kam, wegen Grizzly Bear und The Walkmen doch zu kommen, blieb mir nur noch der Kauf eines teuren Drei-Tages-Passes, den mir eine nette Schweizerin verkaufte. 130 Euro, ein happiger Preis! Wenig "indie", diese Preispolitik und kaum erschwinglich für die wirklichen Indiefans in Paris, die in der Regel musikalisch versiert, aber recht arm sind. Insofern logisch, daß erneut hauptsächlich Kinder aus reichem Hause hier in Paris aufkreuzten und ihre wohlbehütete Herkunft auch nicht dadurch vertuschen konnten, daß sie Klamotten trugen, die anscheinend aus einem billigen Second Hand Laden kamen. Wobei niemand wegen seines Aussehens, seiner Herkunft, oder seiner Kleidung beurteilt werden soll, das will ich hier mal klar festhalten. Wohl aber wegen seines sozialen Verhaltens und in dieser Hinsicht gab es über die Zuschauer leider viel zu meckern. Noch nie bin ich in 10 Jahren Paris-Konzertgängerei so oft rücksichtslos und grob angerempelt worden, ohne daß sich die betreffenden Personen entschuldigt hätten. Noch nie haben sich so viele Leute vorgedrängelt und mir meinen Platz zunichte gemacht. Noch nie wurde so viel und so oft geplaudert während der Gigs. Eine Frecheit! Und 45 Minuten Wartezeit für einen kleinen, aber sehr teuren Burger (10 Euro für den Fleischklops + Pommes) sind auch kaum hinnehmbar.

Aber kommen wir zu den Konzerten. Ich möchte sie der Übersicht wegen gerne in Kategorien einteilen:

Die Verpassten: 

a) Die leider Verpassten: The Tallest Man On Earth, Wild Nothing, Cloud Nothings und mit Abstrichen Purity Ring und Isaac Delusion, Chairlift (François and The Atlas Mountains ).


Tja, gerne hätte ich den einzigen Folkkünstler des Festivals (ein Alibi-Act??), The Tallest Man On Earth aus Schweden gesehen, um zu überprüfen wie er sich neben den ganzen experimentellen Acts hält. Ich hatte aber leider sehr viel zu tun und konnte nicht früher da sein. Schade. Auch die melodiösen Wild Nothing und die noisigen Cloud Nothings hätten mir sicherlich gefallen, traten aber in meiner Abwesenheit auf. Und Elektro Popperin Purity Ring (Archivfoto) und die Franzosen Isaac Delusion hätte ich mir zumindest mal angehört. Die New Yorker Indie Popper Chairlift hatten leider kurzfristig wegen des Orkans Sandy abgesagt und wurden durch die französische Allzweckwaffe François And The Atlas Mountains ersetzt.Während die Franzosen spielten, aß ich aber draußen einen überteuerten Burger.

b) Die bewußt Verpassten: Aluna George, How To Dress Well, Outfit, Ratking, Jessie Ware, Twin Shadow, M 83 

Vorgenannte Acts wollte ich bewußt nicht sehen, ich wollte mir schließlich nicht den Magen verderben und meiner Vorderfau auf das schöne Kleidchen reihern...

Die Unhörbaren/Langweiligen/Repetitiven

Factory Floor


Die hypnotischen abstrakten Figuren in knalligen, psychedelischen Farben auf der Videoleinwand waren das Anregendste dieses eher drögen Konzertes. Reines Elektrogesummse ohne Gesang, auf Dauer wurde mir das trotz ansprechenden Beginns zu langweilig.

John Talabot 

Das soll schon der neue James Blake sein oder so. Nein, danke, Next!

Setlist John Talabot, Pitchfork Festival Paris 2012:

01: Depak Ine
02: Oro Y Sangre
03: ?
04: So Will Ne Now
05:Lover's Tradition
06: Destiny
07: ?

Robyn


Wie alt ist diese Schwedin eigentlich? 60? Meine Mutter sieht jünger aus, alter Schwede! Und die kurze weiße Radlershort unter dem roten Kleid war genauso gemacksunsicher wie die bubblegumartigen Poplieder. Ist eher was für den Eurovision Song Contest!

Fuck Buttons


Eine alte Regel unter Aktienspekulanten besagt: "kaufe nie Anteilsscheine einer Firma mit einem "X" im Namen. (also Xerox zum Beispiel). Das sind Poser, die keine Substanz haben." Auf Musik gemünzt könnte man auch sagen: "kaufe keine Platten von einer Band mit einem "Fuck" im Namen." Sollte sich auch hier bewahrheiten. Das immens laute Surren und Ziepen der Keyboards war über die ganze Konzertlänge hin auch eher eine Zumutung, denn Vergnügen.


Liars

Unhörbarer Mist aus New York. Brutal harter Sound, tribalische Klänge, agressive Synthesizer, kaum Gitarren. Und das fanden alle außer mir toll. Grauenvoll war's.

Setlist Liars, Pitchfork Festival Paris 2012:

01: ?
02: Brats
03: WIXIW
04: Let's Not Wrestle Mt. Heart Attack
05: Scarecrows On A Killer Slant
06: Flood To Flood
07: No. 1 Against The Rush
08: Plaster Casts Of Everything
09: Broken Witch


Death Grips

Hip Hop gemischt mit Elektro, vorgetragen von einem Typ mit nacktem Oberkörper. Hilfe!

Breton


Ich mag die raue französische Bretagne sehr. Die britische Band mit dem Namen Breton taugte aber nichts. Steriler, mit vielen Posen vorgetragener Britsound für Teenager. Next! 

Setlist Breton, Pitchfork Festival Paris 2012:

01: 15x
02: Pacemaker
03: Episodes
04: Edward The Confessor
05: Wood And Plastic
06: Interference
07:Hours Awy
08: Governing Correctly
09: Poulation Density
10: Jostle
11: OrdnanceSuvey
12: Foam
13: December

Die Mittelmäßigen

Chromatics:

Die Sängerin mit der gülden glänzenden Weste war 'ne richtige Sexbombe, aber ihr Elektropop viel zu seicht und "bling bling", um mich zu begeistern. War nicht wirklich schlecht was sie und ihre Band boten, aber das Ganze war weder so lieblich schön wie Au Revoir Simone noch so dynamisch und euphorisierend wie Grimes. Prickelte also nur ein wenig, obwohl das Neil Young Cover am Ende nicht übel war.

Setlist Chromatics, Pitchfork Festival, Paris 2012

01: Tock Of The Clock
02: Lady
03: Kill For Love
04: Night Drive
05: Back From The Grave

06: Looking For Love
07: These Streets Will Never Look The Same
08: I Want Your Love
09: Into The Black (Neil Young)

Sebastien Tellier, Pitchfork Festival, Paris 2012



Der beleibte bärtige Typ hat wirklich schon am Grand Prix teilgenommen und zwar mit seinem auch beim Pitchfork performten Song Divine. Gewonnen hat er freilich nicht, aber das wäre ja eh nur peinlich und karriereschädlich gewesen. Peinlich war dem jovialen Barden allerdings in der Grande Halle de la Villete nicht viel. Er rauchte ungeniert, soff Bier und riss ein Witzchen nach dem anderen. Auch ich musste oft lachen, denn der Kerl hatte wirklich das Talent zum Komiker. Ein Auszug seiner Zoten: 

- "so, ich bekomme gerade die Mitteilung vom Veranstalter, daß mein Konzert heute verlängert wurde und nun 2 Stunden dauert. Um die Zeit zu füllen habe ich alte Reden von Lionel Jospin mitgebracht. "Croustillant le mec!"


- "so ein Konzert ist ja immer was Stressiges. Und ich bin jetzt gestresst! Darauf trinke ich erst mal. Normalerweise trinke ich ja nicht, aber hier lasse ich mich gehen."

- "was haltet ihr eigentlich von den Hot Dogs hier auf dem Festival? Liegt euch das Zeug auch schwer im Magen? 15 Minuten später: "so, sollen wir eigentlich noch mal über Hot Dogs reden? Interessiert mich wirklich die Frage."

Und all dies mit einer unfassbaren Tockenheit, es war köstlich!

Musikalisch blieb bei mir allerdings nicht ganz so viel hängen. Die melancholische Pianoballade La Ritournelle war aber ganz großartig.

Setlist Sebastien Tellier:

01:Pépito Bleu
02: Against The Law
03: Cochon Ville
04: Russian Attractions
05: Kilometer
06: Roche
07: Divine
08: Sexual Sportswear
09: La Ritournelle
10:L'Amour Et La Violence

Die Guten

Japandroids:


Schnörkelloser, fetziger Schrammelrock von einem Power-Duo aus Schlagzeuger und Gitarrist. Keine Japaner, sondern Amis und sie waren gern gesehene Gäste, denn Gitarrenbands gab es nicht so viele. Japandroids waren also eine erfrischende Abwechslung zu dem ganzen synthetischen Gewumme, das sont meine Ohren malträtierte.

Setlist Japandroids, Pitchfork Festival 2012:

01: Adrenaline Nightshift
02: Fire's Highway
03: Younger Us
04: The Nights Of Wine And Roses
05: Wet Hair
06: Evil's Sway
07: The House That Heaven Built
08: Young Hearts Spark Fire
09: For The Love Of Ivy (Gun Club Cover)

DIIV

Noch so eine Gitarrenband, aber düsterer und weniger Lofi als die Japandroids. Ich bekam von ihrem Set jedoch nur noch 15 Minuten mit. Das lohnte sich  trotzdem voll und ganz und es gab sogar noch ein Nirvana Cover.

James Blake


Die einen lieben, die anderen hassen ihn. Habe ich zumindest den Eindruck. Liegt aber mit Sicherheit hauptsächlich daran, daß seine Musik, eine Mischung aus Dubstep und New Soul schon sehr speziell und teilweise recht anstrengend ist.Was ich auf Platte eher langweilig finde, entwickelt sich live für mich aber immer mehr zu einem Vergnügen. Ich liebe die Passagen, wenn der Boden vibriert, mag das hypnotische Moment, daß vom Livesound Blakes zumindest live ausgeht und finde auch einige Lieder richtig gelungen. ... An die Stimme kann man sich auch gewöhnen, eine Art junger Antony Hegarty, warum nicht?

Und auch die (James eingerechnet) dreiköpfige Band wusste zu gefallen, insbesondere der präzise wie ein schweizer Uhrwerk spielende Drummer.

Die kreierte Atmosphäre war ganz einfach spannend. Eine Mischung aus ruhigen und aufbrausenden, teilweise noisigen Passagen und eine Melancholie, die schwer greifbar, aber anziehend war.

Gutes Konzert!

Setlist James Blake, Pitchfork Festival 2012:

01: Air & Lack Thereof
02: I Never Learnt To Share
03: CMYK
04: Lindisfarne I
05: Lindisfarne II
06: Limit To your Love (Feist)
07:Klavierwerke
08: The Wilhelm Scream
09: A Case Of You (Joni Mitchell)
10: Anti War Dub

The Walkmen



Was für ein fantastisches Konzert von The Walkmen! Unfassbar energisch und motiviert bis in die Haarspitzen ging die Band um den charismatischen Leader Lid ins Rennen, feuerte an zweiter Stelle bereits den Überhit The Rat ab und tauschte nur in der Mitte des Sets die dichten Indierockstücke gegen ein paar folkiger angehauchte Sachen auf der Akustikgitarre aus. Überzeugen konnten sie mit beiden Stilen, ob schnell und laut oder langsam und weich. Scott hat aber auch eine einzigartige Reibeisenstimme. Eine Kreuzung aus Bono, Rod Stewart und Bob Dylan, wenn man möchte, aber dennoch sehr eigenständig und unkopierbar. Der Bursche hatte eine unbändige Kraft, drückte sich permanent mit der zur Faust geformten Hand das Mikro aggressiv vor seinen Mund und schrie aus voller Kehle hinein, bis sein Gesicht ganz rot wurde. Seine Band spielte unterdessen saumäßig tight und kompakt auf (besonders lobende Erwähnung für den formidablen Schlagzeuger!) und zwischen den Songs wurde nie eine Atempause eingelegt. Das Set flutschte wie ein Zäpfchen, hatte keinerlei Leerlauf und auch das bei anderen Bands oft so nervige lange Gitarrenstimmen gab es nicht zu beklagen. Druck, Druck, Druck und das fast eine Stunde lang! Ein regelrechtesPowerplay! Zum Abschluß gab es mit All Hands And The Cook noch ein besonderes Schmankerl, bei dem herrlich mit Tempowechseln und Intensitätssteigerungen gespielt wurde. Der Bass knarzte schön düster, die Gitarren klangen wie einst bei The Cure (bzw heute wie bei Interpol und The National) und Leit und sein Drummer trieben nun kompromisslos nach vorne. Ein episches Ende eines gewaltigen Konzertes!

Setlist The Walkmen, Pitchfork Festival Paris 2012

01: On The Water
02: The Rat
03: Love Is Luck
04: Angela Surf City
05: Line By Line
06: Blue As Your Blood
07: The Love You Love
08: In The New Year
09: We Can't Be Beat
10: Heaven
11: All Hands And The Cook

Animal Collective



Mann waren die ersten zwanzig Minuten dieses Gigs anstrengend! Schon beim zweiten Lied wollte ich nach Hause fahren. Es war nämlich schon nach Mitternacht, die Kräfte schwanden und für einen solch experimentellen Stil, wie er bei Animal Collective gepflegt wird, fehlte mir die Aufnahmefähigkeit. Ich wäre nicht der einzige gewesen, der das Konzert frühzeitig verlässt, denn viele andere brachen vorzeitig auf. Dennoch lohnte es sich schließlich eine volle Stunde geblieben zu sein, denn zur Mitte hin wurde es deutlich melodischer und eingängiger. Fast gab es so was Ähnliches wie die Shins zu hören, aber dann wurde es schnell doch wieder schräger und durchgeknallter. Aber ich war jetzt in dem Konzert drin, genoss es von Minute zu Minute mehr. Allein die Bühnendeko, ein weit aufgerissener knallbunt leuchtender Mund mit Zähnen, in dem die Band mit Bergarbeiterlampen musizierte, war sehenswert und passte genau zum Stil der Amerikaner. Je nach Stück gab es so was wie einen roten Faden, der die wirren Kompositionen zusammenhielt, manchmal aber war das einfach eine Art Free Jazz mit spacigen Geräuschen, vielen irren Samples und bekifften Gesängen.

Nach einer Stunde musste ich dann aber los, die letzte U-Bahn fuhr nämlich nicht später...

Setlist Animal Collective, Pitchfork Festival, Paris:

01:  Rosie Oh
02: Today's Supernatural
03: Wide Eyed
04: Applesauce
05: Honeycomb
06: Lion In A Coma
07: Moonjock
08: Pulleys
09: New Town Burnout
10: Money Riches
11: Brother Sport
12: Peacebone

Grizzly Bear:

Die Grizzly Bären sind groß geworden. Damals als sie 2006 in einem kleinen Club (dem Nouveau Casino) zum ersten Mal sah, waren sie noch Baby-Grizzlies, heute sind sie ein ganz gewichtiger Player im Indie-Geschäft. Zur Promo des aktuellen Albums wurden natürlich viele Stücke von Shields gespielt (fabelhaft u.a. Sleeping Ute), aber es gab auch einen Klassiker vom exquisiten zweiten Album Yellow House, nämlich Knife, daß sie nach eigenen Aussagen immer spielen. Ihr mainstreamtauglicher Hit Two Weeks ist wohl ihr bekanntestes Lied, zumindest gab es hier den meisten Applaus. Ist aber auch ein ohrwurmiges Lied mit wunderbaren Harmoniegsängen und einem altmodischen Charme und definitiv nicht der einzige starke Song in ihrem Repertoire. In gewisser Weise sind Grizzly Bear eine Reinkarnation der Beatles, so manche Melodien erinnerten mich an die Fab Four aus Liverpool, wenngleich auch sehr amerikanische Einflüsse à la CSNY im Soundbild erkennbar sind.

Was beim Pitchfork besonders auffiel, war die immense Lautstärke. Kaum zu glauben, daß man es hier mit einer Band zu tun hatte, die eigentlich sonst die eher leisen, intimen Töne bevorzugt. An jenem 3. November aber knallte und rockte es aus jeder Ecke, was mit hoher Wahscheinlichkeit an der Größe des Saales lag. Um hier zu bestehen, war die Band quasi gewungen, so brachial zu agieren. Das war zum einen aufregend und neu, zum anderen aber ein wenig irritierend, weil so die Innigkeit von damals flöten ging. Ohnehin war die Grande Halle de la Villette viel zu kühl und unpersönlich, um knisternde Gefühle zu erzeugen. Trotz eines ingesamt als gut zu bezeichnenden Konzertes also die falsche Location für die Jungs von der amerikanischen Ostküste und ein weiteres Argument gegen das Pitchfork Festival.

Setlist Grizzly Bear, Pitchfork Festival Paris 2012:

01: Speak In Rounds
02: Sleeping Ute
03: Cheerleader
04: Yet Again
05: A Simple Answer
06: Gun-Shy
07: Ready, Able
08: I Live With You
09: Foreground
10: Knife
11: While You Wait For The Others
12: Two Weeks
13: Half Gate
14: Sun In Your Eyes

2013 werde ich wohl nicht mehr dabei sein. Aber wer weiß, vielleicht sage ich bei einem glänzenden Line Up und einer Gratis-Akkreditierung dann: "was interessiert mich mein dummes Geschwätz von gestern?"







Sonntag, 30. Oktober 2011

Pitchfork Festival Paris, mit Bon Iver u.a. 29.10.11

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Konzert: Pitchfork Festival Paris mit Bon Iver, Lykke Li, Jens Lekman, Kathleen Edwards, The Rosebuds und Stornoway
Ort: La Grande de la Villette, Paris
Datum: 29.10.2011
Zuschauer: ausverkauft, mehrere tausend


"Die Innigkeit ist verloren gegangen."

Wie schon nach dem Konzert der Fleet Foxes im Bataclan musste ich an den Kommentar des Bloggertitanen Eike vom famosen Klienicum denken, den er eigentlich auf das aktuelle Album von Iron & Wine gemünzt hatte.

Spätestens nach heute ist klar: ob Bon Iver, Iron & Wine oder Fleet Foxes, überall ist die Innigkeit flöten gegangen. Fans des kargen und reduzierten Folks jaulen auf, der Mainstream jubelt. Sänger, die dereinst ihre brüchigen Songs in einer alten verlassenen Jagdhütte oder im Schlafzimmer geschrieben haben, bespielen heutzutage mit riesigem Orchester und fettem Sound große Hallen und das Publikum sind keine schluffigen Bartträger mit Ökölatschen mehr, sondern ein trendiges Völkchen mit ordentlich Knete im per Second Hand erstandenen Portemonnaie.

Wie reagiert man auf einen solchen Wandel? Stellt man sich in die Ecke und kotzt, oder sagt man sich: "ist doch gut, wenn jemand wie Bon Iver in den Charts vor Beyonce steht?" Hmm...

Aus kommerzieller Sicht ist Bon Iver jedenfalls inzwischen ganz klar Mainstream geworden, was man schon daran sehen kann, daß ich mir sein zweites Album beim diesjährigen USA Urlaub bei Starbucks (!) gekauft habe. "Einen doppio espresso und das neue Album von Bon Iver", hörte ich mich dem Barista antworten, als er fragte, was ich zu bezahlen hätte. Verrückt! Als ich das letzte Mal für längere Zeit in den USA war (2005) verkaufte Starbucks ein Album von Coldplay (nicht an mich, ich mag die nicht). In dieser Promi Liga ist Justin Vernon also nun angekommen. Da fragt man sich: wo ist das Topmodel/die Hollywood Schauspielerin, die man zur Belohnung bekommt, wenn man berühmt geworden ist? (man erkundige sich diesbzüglich bei Pete Doherty, Paul Banks, Alex Turner und Sean Lennon)

Im Falle von Justin heißt die Eroberung Kathleen Edwards, ist charmante kanadische Folksängerin und spielte in meiner Anwesenheit heute bereits um 15 Uhr 30 beim letzten Tag des Pitchfork Festivals. Vernon selbst durfte erst um 20 Uhr 30 ran, nachdem zuvor schon Jens Lekman und Lykke Li aufs Festivalvolk gehetzt worden waren.

Mit einer riesigen Band erklomm Vernon die Bühne. Da ich recht weit hinten stand und es auch nicht schaffte, mich nach vorne durchzukämpfen, konnte ich die Anzahl der Mitglieder nicht genau nachzählen, aber 12 Musiker dürften es bestimmt gewesen sein, darunter allein zwei Schlagzeuger, viele Trompeter und ein Saxofonist. Entsprechend orchestriert und breitwandig war dann der Sound und auf Grund der hohen Lautstärke klang das Ganze noch wuchtiger als auf dem aktuellen Album. Für mich keine große Überraschung, hatte ich doch bereits Bon Iver auf der Hauptbühne des Haldern Pop Festivals gesehen und mitbekommen, wie rockig und aggressiv da teilweise zu Werke gegangen wurde. Und dies war beim wesentlich reduzierter gehalten Album Nummer eins. Daß dann ein opulentes Album wie das zweite live noch einmal eine ganze Spur bombastischer dargeboten wird, wunderte mich nicht mehr.

Ich war also mental gut auf das heutige Konzert vorbereitet und das zahlte sich letztlich dann auch aus. Anstatt allzu lange über die (in der Tat) verloren gegangene Innigkeit zu hadern, erfreute ich mich an der sensationellen Falsettstimme von Vernon , den geschliffenen Arrangements und den gelungenen Stücken. Die riesige Band spielte wirklich exzellent zusammen und man konnte sich vorstellen, wie viel Arbeit hinter dem Ganzen stand. Da agierte plötzlich nicht mehr der Singer/Sonwriter, sondern der Dirigent Justin Vernon, der auch diese Aufgabe mit Bravour meisterte. Klar, der Sound war fett, ja überfett, der Ballon bis zum Platzen aufgeblasen, aber in einer solch großen Location wie der Grande Halle de la Villette musste man einfach so auslegen, um den Saal angemessen beschallen zu können.

Die Reaktionen darauf waren unterschiedlich. Ein guter Bekannter von mir rümpfte die Nase und verließ in der Mitte des Konzertes die Halle, andere wiederum schienen alles rundum zu genießen. Manche sprachen hinterher von einem "concert magnifique", einer ließ sich gar zum dem Spruch verleiten: "Bon Iver live sehen und dann sterben."

So euphorisch war ich persönlich nicht und auf's Sterben habe ich auch noch keinen Bock. Ich habe alles in allem ein gutes Konzert gesehen. Schulnote 2. Justin Vernon hatte es auf überzeugende Weise geschafft, seinen Lieder live urwüchsige Kräfte zu verleihen. Die musikalische Leistung war tadellos. Allerdings fehlten auch mir am Ende die intimen Momente, die es bei meinem ersten Bon Iver Konzert in der Maroquinerie zuhauf gab. Damals war Justin sprichwörtlich ein Kerl zum Anfassen (ich stand ganz vorne), heute sahe ich sein rot-weiß gestreiftes Hemd (ein häßliches Ding!) nur von weitem. Mittendrin statt nur dabei galt heute nicht, es war eher umgekehrt. Ich war dabei, aber nicht wirklich mitten und leibhaftig im Geschehen drin. Es war ein Konzert wie in einem Stadion, perfekt durcharrangiert, aber nicht immer wirklich herzerwämend. Vorgesehen war die heutige Location ursprünglich nicht. Anfänglich war der Gig im stimmungsvollen Theater Trianon angesetzt, wegen der riesigen Nachfrage, dann aber in die Grande Halle de la Villete höherverlegt worden. Und aus welchen Gründen auch immer wurde plötzlich ein ganzes Festival drumherum gebastelt.

Hinsichtlich des gespielten Lieder muss Holocene unbedingt hervorgehoben werden. Schon auf dem Album ein Highlight, überzeugte der cinematographische Track auch live durch Tiefe und Anmut.


Eher weniger gefiel mir Skinny Love. Der eigentlich famose Track des ersten Albums wurde heute von einem riesigen Chor geschmettert und verlor dadurch seine Kargheit und Erdigkeit. Ganz anders als aus der Konserve klang auch Creature Fear. Geradezu brachial und noisig wurde hier zu Werke gegangen und die Schlagzeugsalven hatten eine immense Wucht. Bon Iver goes Post Rock!

Letztlich wurde der Erstling komplett neu arrangiert serviert und entsprach im Klangbild dem zweiten Werk. So war dann auch Flume, die erste Zugabe, wesentlich opulenter als früher und hinsichtlich der Orchestrierung nicht von neuen Stücken zu unterscheiden. Die zweite Zugabe Wolves und den eher nervigen Mitsingpart ("what might have been lost") fand ich schon damals nicht so toll und war deshalb froh, daß es mit For Emma noch einen besseren Schlußpunkt gab.

Gegen 22 Uhr war die Messe gelesen und die modebewußten Jünger trotteten in der Mehrzahl sehr zufrieden aus der Halle.

Die Veranstalter dürften ebenfalls ein positives Fazit von dem ersten Pariser Pitchfork Festival gezogen haben, selbst wenn man sich zwischen den ganzen Engländern und Amerikanern nicht wie in Paris fühlte.

Nächstes Jahr wieder? Schau' mer mal.

Gute Nacht!

P.S: Morgen auch noch ein paar Sätze zu dem charmanten Jens Lekman und der gewohnt käsigen Lykke Li.

Setlist Bon Iver, Pitchfork Music Festival, La Grande Halle de la Villette, Paris:

01: Perth
02: Minnesota, Wi
03: Holocene
04: Blood Bank
05: Beach Baby
06: Hinnom, TX
07: Wash
08: Towers
09: Creature Fear
10: Skinny Love
11: Calgary
12: Lisbon, Oh
13: Beth/Rest

14: Flume
15: The Wolves

16: For Emma

Fotos in Kürze!

Ausgewählte Konzerttermine Bon Iver:

30.10.2011: E-Werk, Köln
01.11.2011: C-Halle, Berlin
06.11.2011: Docks, Hamburg



Samstag, 29. Oktober 2011

Pitchfork Festival Paris, 28.10.11

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Konzert: Pitchfork Festival mit Washed Out, Wild Beasts, Mondkopf, Real Estate u.a.
Ort: La Grande Halle de la Villette, Paris
Datum: 28.10.11
Zuschauer: ausverkauft


"Sie sind doch keine lauten Mieter, oder? Machen keine Feten, hören keine laute Musik und kommen nicht spät in der Nacht nach Hause? Und ziehen sogar sofort die Schuhe aus, wenn sie zur Wohnungstür reinkommen?"

Puh, solche Fragen stellen einem Hausverwalter, wenn man auf Wohnungssuche in Paris ist! Gerade erst heute passiert. Sollte ich da etwa ehrlich drauf antworten? Zugeben, daß wir in der alten Bude sage und schreibe 41 lärmende Hauskonzerte veranstaltet haben? Hmm. Ich druckste rum, ließ meine Frau antworten und die sagte, daß wir die stillsten Menschen sind, die man sich vorstellen kann. Nun denn, wenn uns das hilft, die verfluchte neue Bleibe zu bekommen...

Wenn es um Konzerberichterstattung geht, nehme ich aber weiterhin kein Blatt vor den Mund und rede nicht drumrum. Im Klartext: der erste Tag des Pitchfork Festivals in Paris war ein ziemlicher Flop. Die Konzerte waren irgendwie alle mau, viel zu seicht, poppig und steril und das Publikum bestand aus einem riesigen Haufen eitler Indie-Arschgeigen, die zum Großteil aus England (und den USA?) gekommen waren. Fucking tourists! Man kennt ihn ja diesen Menschenschlag. Auf Gegenkultur und alternativ machend, aber diesbezüglich schon wieder so konformistisch und den gleichen Stil-und Kleidungskodex imitierend, daß man kotzen könnte. Wo man hinguckte sah man selbstverliebte Typen mit sauengen, weit geöffneten Holzfällerhemden, Trucker Caps und engen dunklen blue Jeans, die unten hochgekrempelt waren. Motto: ich sehe aus wie ein Proll, bin aber saucool! Die Weiber waren tättowiert wie sau, aufgestylt bis in die Haarspitzen und wirkten ziemlich hohl. Es war wie auf einer Modenschau, sehen und gesehen werden. Für die Musik schienen nicht sonderlich viele gekommen zu sein. Hauptsache man kann dann später erzählen: "hört mal alle zu, ich war beim Pitchfork in Paris!"

Warum ich dann überhaupt da war? Gute Frage! Vielleicht weil ich selbst eine eitle Indie-Arschgeige bin und mich unter Gleichgesinnten wohl fühle? Hmm. Ich denke der Hauptgrund war Neugierde. Ich wollte einfach sehen, wie die Pariser das hinbekommen, dieses amerikanische Festival nach Frankreich zu importieren. War ja schließlich dieses Jahr in Chicago, beim Original, dies nur um an dieser Stelle mal schön anzugeben. Also hinsichtlich der Organisation gab es eigentlich nichts zu bemängeln in Paris. Flotte Abfertigung am Eingang, Möglichkeit, draußen auf der Terrasse frische Luft zu schnappen (ach, nein, chillen sagt man ja heute!) und ein recht straffes Progamm ohne allzu langen Leerlauf.

Wenn bloß das Line-up besser gewesen wäre! Da waren zunächst die Amerikaner von Real Estate, die zwar phasenweise mit drei Gitarren antraten, aber dennoch klangen wie aus dem Weichspüler geschlüpft. Dieser dezente "Ich tu-dir nichts-tu du mir auch-nichts Gesang", diese sonnigen und durchgängig braven Gitarren, dieser nette Pop. Ecken und Kanten totale Fehlanzeige, stattdessen gepflegte Langweile pur. Wer steht auf solche Musik? Romantische Mädchen mit einem Hang zum Strebertum? Verweichlichte Jünglinge mit Pickeln und einer großen Schlümpfesammlung? Also neben Real Estate wirken die Shins wirklich wie eine Heavy Metal Band! Mein Hauptgedanke war: werft die Pussies da vorne von der Bühne und lasst Metallica oder Slayer auftreten!

Die nächste Band, die antrat, stellte sich namentlich nicht vor und war ähnlich mau und seicht wie Real Estate, lediglich elektronischer. Wie ich hinterher erfuhr, hießen sie Washed Out und dann fiel mir auch wieder wie Schuppen von den Haaren, daß ich viele Lobhudeleien über diese Band gelesen hatte. Glaubt den Schreiberlingen kein Wort! Washed Out ist beknackter Chillwave, den kein Arsch braucht. Wegtreten!

Kurze Pause und dann kamen die Wild Beasts aus England. Eine Band, die ich früher (beim ersten Album Limbo, Panto ) mochte, die mich aber ähnlich langweilte wie die anderen vorher. Der Gitarrensound klang glattpoliert und steril als käme er vom Band und der hohe Falsett- Gesang von Hayden Thorpe ist eh Geschmacksache. Mir ging er heute meistens auf die Nerven. Als würde Jimmy Somerville jetzt bei Coldplay singen, so in etwa wirkte das. Also auch die Wild Beasts eher für die Füße.

Was blieb war Mondkopf. Ein junger Elektrofummler aus Frankeich, der abstrakte schwarz-weiß Bilder auf eine Leinwand projezierte und düster- wabernden Technosound produzierte. Erstaunlicherweise fand ich das gar nicht mal so schlecht. Wie immer bei dieser verfluchten elektronischen Musik gab es diese monotonen, repetitiven Phasen, aber in einigen Momenten wartete das wummernde Klangbild auch mit Überraschungen und spannenden Wendungen auf und wer sich drauf einließ, konnte womöglich in Trance geraten. Erinnerte mich relativ stark an Moderat (Apparat & Modeselektor), die ich einmal auf dem Berlin Festival gesehen und ebenfalls für nicht übel befunden hatte.

Eine positive Überraschung also, ich werde bezüglich Mondkopf am Ball bleiben.





Danach war allerdings die Luft bei mir raus und ich sparte mir die Headliner Aphex Twin und die anschließende Techno Night (mit Pantha du Prince u.a.). Ich möchte für morgen fit sein, wenn Bon Iver an gleicher Stelle auftritt und hoffentlich eine überragende Show abliefert!

Fotos in Kürze!



Samstag, 15. Januar 2011

Godspeed You! Black Emperor, Paris, 14.01.11

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Godspeed You! Black Emperor

Ort: La Grande Halle de la Villette, Paris
Datum: 14.01.11
Zuschauer: ausverkauft, 4000!
Konzertdauer: fast 2 1/2 Stunden


Für den 14. Januar hatte ich eigentlich das Konzert von Joanna Newsom im Théatre des Bouffes Du Nord fest eingeplant. Aber daraus wurde nichts, weil die Harfenlady krankheitsbedingt absagen musste. Ich erfuhr davon erst an der Eingangstür des Theaters. Wie ein Depp stand ich da und wusste nicht, was ich mit dem angebrochenen Abend tun sollte. Vernünftig sein und brav nach Hause fahren zu Frau und Kater? Nö, pure Vernunft darf niemals siegen (wer sang das? Heino, oder?). Ich also ab in die Metro Richtung La Villette wo Godspeed You! Black Emperor aufspielen sollten. Gegen 21 Uhr 15 kam ich dort an. Spät, denn das Konzert der wiederformierten Postrock-Legenden hatte bereits begonnen. Dummerweise hatte ich auch keine Karte oder Akkreditierung für den ausverkauften Gig und so hoffte ich, zufälligerweise auf Leute vom Label oder Veranstalter zu treffen, die mich, den stadtbekannten Bloggertitanen Oliver Peel (lol), einschleusen. Vor dem Eingang lungerten aber nur noch Ordner rum, die Sache schien aussichtslos. Da sah ich plötzlich eine junge Frau anstürmen. Ich guckte genauer hin und stellte fest, daß es sich um meine Konzertgängerfreundin Meg handelte. Sie erblickte mich und fragte völlig verdattert: "Ist das Konzert etwa schon aus?" Ich verneinte und ließ durchblicken, daß ich keine Karte hatte. Da grinste sie und öffnete ihre Tasche. Eine ihrer Freundinnen konnte heute abend nicht und so hatte sie ein Ticket zuviel, das sie noch zu verhökern hatte. Ich zahlte ihr den regulären Preis, also 30 Euro. Wir mussten uns nun beeilen, Godspeed ließen es in der Halle ja schon längst krachen.

Drinnen angekommen, stießen wir auf eine riesige Menschenmasse. Angeblich soll die Location 4000 Leute fassen und die standen sich die Füße platt und glotzten auf eine Leinwand, auf die Videos projeziert wurden. Düstere Bilder offenbarten sich meinen fast vierzig Jahre alten Augen. Das schwarze-
weiße Geflimmer erinnerte unter anderem an einen Fluß schwarzen Wassers. Morbide. Die Band konnte ich allerdings von weitem nicht gut sehen, aber mir gelang es, mich Stück für Stück weiter nach vorne zu arbeiten. Aus der Ferne glaubte ich Jessica Moss (A Silver Mount Zion) an der Geige zu erblicken, was mich allerdings sehr verwunderte weil ich doch wußte, daß lediglich Sophie Trudeau als einzige Fiedlerin sowohl bei A Silver Mount Zion als auch bei Godspeed zum Line-Up gehört. Erst als ich ziemlich weit vorne angekommen war, war mir klar, daß dort natürlich Sophie und nicht Jessica agierte. Ihre Geige war ein ganz wichtiges Element innerhalb der sphärischen Soundlandschaften , die von einer siebenköpfigen Band hochgezogen wurden. Ihr klassisches Instrument klang verhallt, verzerrt, irgendwie irreal. Die Töne schwebten durch die riesige Halle und vermengten sich mit den mal kontemplativen, mal brachialen Gitarren und dem sich oft langsam anpirschenden Schlagzeug. Auffällig und ungewohnt die Positionierung der Band auf der Bühne. Niemand stand vorne im Mittelpunkt, sondern die Anordnung der Mitglieder war hufeisenförmig um die turmhohen Marschall-Boxen herum. Eine Hälfte der Musiker performte im Sitzen (darunter Obergodspeed Efrim), die andere Hälfte, so z.B Sophie und Kontrabassist Thierry Amar, im Stehen. Kommunikation mit dem Publikum? Null. Man ließ die wuchtigen instrumentalen Songs und die verstörenden Videos sprechen, das musste genügen. Jeder konnte sich selbst die Message, die hinter den ellenlangen Stücken verbarg, herleiten. Ging es um Gesellschaftskritik? Sicherlich, denn Godspeed sind für ihre anarchistischen und antikapitalistischen Äußerungen bekannt. Aus dem spektakulären Video mit den Flammen konnte man so einiges ableiten. Zunächst sah man auf der großen Leinwand nur zwei kleine Feuerquellen, als hätte jemand sich eine Zigarette mit einem Feuerzeug angezündet. Im Verlaufe aber entwickelten sich diese kleinen Flammen zu einem gewaltigen Inferno, in dem Städte, Industrieanlagen (und Atomkraftwerke?) niederbrannten Alles fackelte lichterloh. Was war das? Die Hölle auf Erden? Der Brand, der unseren Planeten für immer auslöscht?

Zu einem anderen Stück gab es ebenfalls eine fast abstoßend zu nennende Illustrierung. Ein Bagger schaufelte industriellen Unrat meterhoch auf und dies genau unter einer Brücke. Vermutlich ein Bild für die Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt, für die fatalen Folgen der Bauwut für unsere Lebensqualität. Und dann sah man später auch noch einen Mann mit grauem Jacket, der uns den Rücken zukehrend auf einer Bank saß. Sein Gesicht war nicht zu sehen und es war nicht klar, was er tat. Rauchte er? Irgendwie sehr befremdend das Ganze...


Erst gegen 23 Uhr, nach fast 2 1/2 Stunden Spielzeit, verklangen die letzten bizarren Töne und die Band verließ ohne sich groß feiern zu lassen wortlos die Bühne. Zu einer Zugabe kamen die Kanadier nicht mehr zurück. Als Zuschauer war man ziemlich verdutzt und etwas ratlos. Wie war diese Comeback-Konzert nun musikalisch zu bewerten. Ein Hammer? Ein einmaliges, nie dagewesenes Erlebnis? Nicht ganz. Zwar gab es immer wieder mal unglaublich packende Passagen, in der sich die ganze aufgebaute Spannung extatisch entlud und ein Bild von Dramatik Kraft, Erhabenheit, Freiheit und Schönheit im Kopfe hinterließ, aber auch Momente zähen Verweilens, in denen scheinbar nichts passierte. Als Zuschauer war man gefordert, musste sich konzentrieren, um nicht den Faden zu verlieren, wenn minutenlang lediglich düstere sphärische Töne durch die Halle schwebten. Auch Stehvermögen war verlangt, denn fast 150 Minuten lang stand man sich in der Grande Halle de la Villette die Füße platt. Ein paar Leute verließen im Laufe des Konzertes dann auch den vorderen Bereich (weil sie nach Hause wollten, oder weil es ihnen einfach viel zu laut war?), so daß ich immer näher und näher an die Bühne rückte. Dies erlaubte mir auch, die Musiker genauer zu sehen, was aber nicht viel änderte, denn ihre Mimik und Körpersprache gab so gut wie nichts her. Allesamt agierten sie stoisch, auf sich selbst konzentriert und ohne den Blick zum Publikum zu richten. Es war fast wie bei einem klassischen Orchester, obwohl im Falle von Godspeed ein vor der Band agierender Dirigent fehlte. Zwar gilt Efrim als Bandleader , tat aber rein gar nichts, um dies nach außen kundzutun. Die Musiker kannten ihren Part wohl allzu genau (faszinierend, wie merken sich sich das alles?), brauchten niemanden, der sie dirigiert. Als letztes Stück hatten sie BBFIII performt, was Kenner der Band (wozu ich nicht gehöre) als Höhepunkt des Konzertes bezeichneten. Zu Beginn hörte man hier wie auch bei anderen Tracks gesampelte Stimmen von einem Band, es klang nach Kriegsberichterstattung.

Die Fans verhielten sich aber hier und heute nicht kriegerisch, sondern friedlich. Einzig und allein am Merchandisingstand wurde hinterher ein wenig um den besten Platz gekämpft. Immer wieder erstaunlich, welch reißenden Absatz T-Shirts, CDs und Platten vor allem bei solchen Noise-und Postrockkonzerten finden und dies trotz gesalzener Preise von 20 Euro. Dies zum Thema Antikapitalismus. Und die wie im Rausch gekauften CDs hört hinterher meistens doch kein Arsch, weil man die bei den Konzerten erlebten Gefühle mit Musik aus der Konserve nicht reproduzieren kann...

Fotos folgen in Kürze.

Setlist Godspeed You! Black Emperor, Grande Halle de la Villette, Paris:

01: Hope Drone
02: Storm
03: Monheim
04: Albanian
05: Chart # 3
06: World Police And Friendly Fire
07: Dead Metheny
08: Rocket Fall On Rocket Falls
09: BBFIII

- Fotos von dieser Show Konzertfotografenzar Robert Gil, klick!


Artverwandtes aus unserem Archiv

Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, Paris, 11.11.08
Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, Paris, 13.04.08
The Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, Paris, 17.04.07 (damals nur mit einem e)



 

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