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Montag, 29. April 2013

Sizarr, Wiesbaden, 19.04.13

1 Kommentare

Konzert: Sizarr
Support: Julius Gale
Ort: Kulturpalast Wiesbaden
Datum: 19.04.2013
Zuschauer: maximal 200-250 (ausverkauft)
Dauer: Sizarr (ca. 75min), Julius Gale (30min




Mit mir befreundet zu sein, ist manchmal vermutlich überdurchschnittlich anstrengend. Im letzten halben Jahr vor allem aufgrund einer bestimmten Aussage: „Kennst du Sizarr? Die sind so gut! Hör dir die unbedingt mal an!“ Da ich letzten Herbst vollkommen im Kraftklub-Wahn war, bin ich zum Glück kurz nach Weihnachten auch nach Chemnitz zum „Willkommen Zuhause Festival“ gefahren – zum Glück! Kraftklub hätten mir an sich schon genügt, aber das Line-Up sollte eine meiner persönlichen Neuentdeckungen des letzten Jahres für mich bereithalten: Sizarr. Dieser mysteriöse Name in Kombination mit dem noch ominöseren Albumtitel „Psycho Boy Happy“ machte mich bereits im Vorfeld neugierig und die Empfehlung durch die wandelnde Musikenzyklopädie Mr. Griffey aka. Casper tat dann ihr Übriges. Seit letztem Herbst läuft das Album bei mir ununterbrochen und selbstverständlich konnte ich mir deshalb den Auftritt im Wiesbadener Kulturpalast nicht entgehen lassen. Da ich mein Ticket bereits seit Anfang Januar erwartungsvoll bereithalte, hatte ich nur am Rande zur Kenntnis genommen, dass das Konzert mittlerweile ausverkauft war – zurecht! In Deutschland immer noch erstaunlicherweise relativ unbekannt, bekommen Sizarr immerhin international die Anerkennung in der Indie-Welt, die ihnen gebührt – so spielten sie beispielsweise Showcases beim diesjährigen SXWS-Festival in Texas, was nicht jede deutsche Band von sich behaupten kann. Und ja, tatsächlich handelt es sich bei Sizarr um drei junge Herren aus Landau in der Pfalz, die aber ganz im Gegensatz zu ihrer Heimatstadt nach großer weiter Welt klingen.

Für mich war das der allererste Ausflug in den Kulturpalast in Wiesbaden und ich muss sagen, dass das Schlachthof-Team wirklich einen adäquaten Ersatz für die noch nicht wiedereröffnete Räucherkammer aufgetrieben hat. Beim Kulturpalast handelt es sich um eine winzige Venue, die Konzertbegeisterten das Herz höher schlagen lässt – kniehohe kleine Bühne, insgesamt ein etwas geräumigeres Wohnzimmer eben und großartig geeignet für besondere Konzertmomente mit Bands, die glücklicherweise noch in kleinen Clubs spielen – noch.
Der sympathische junge Herr, der sich als Julius Gale vorstellte und den Abend eröffnen sollte, präsentierte eine interessante experimentelle Electro-Pop-Symbiose, deren alles übertönender Bass Mark und Bein erschütterte und mir persönlich nach einigen Songs etwas zu viel wurde. Nichtsdestotrotz zeigte sich Julius Gale als extrem höflicher Opening-Act, der sich mehrfach fürs Zuhören bedankte und tapfer gegen mitunter ziemlich lautes Gerede in den hinteren Reihen – vielleicht war der Bass deshalb auch so ohrenbetäubend – anspielte. Definitiv hörenswert für Freunde von M83, MGMT und Konsorten und wie ich finde auch passend zur klanglichen Vielfalt von Sizarr. Vom Schlachhof als „Indie-Afrobeat-Post-Dubstep“-Konzert angekündigt, spiegelt dies bereits wider, wie schwierig es ist, Sizarr aufgrund ihrer ganz eigenen Mischung aus Einflüssen aller Art irgendwo einzuordnen – aber vielleicht sollte man dies auch einfach nicht versuchen und sich darauf einlassen.

Nach Sizarrs Performance beim Willkommen Zuhause Festival war mir bereits klar, dass ich diesen Abend lieben würde und als dann „Mushin“ als Intro ertönte und in feinster Albummanier in „Word Up“ überging, war es bereits vollkommen um mich geschehen. Das gleichmäßige Wummern der Bässe im Wechsel mit nicht-enden-wollenden Chorgesängen und selbstverständlich die außergewöhnliche Stimme von Sänger Fabian aka. „Deaf Sty“ - all dies erfüllte den winzigen Raum und zwang die Anwesenden unweigerlich sich im Rhythmus mitzubewegen. Während ich im Laufe des Sets selbst damit beschäftigt war, nicht allzu seltsam zu tanzen – bei völliger Überforderung orientiert man sich am besten an Frontmann Fabian – war es extrem interessant das Verhalten der Umstehenden zu beobachten, was von wildesten Gogo-Tanzbewegungen (schräg!), vollkommen entfesseltem Schal-durch-die-Luft-Schwingen (Tatsache!) und einigermaßen koordinierten Bewegungen bis hin zu hilflosem Zucken, aber dann doch lieber cool an der Wand lehnen, reichte. Da es für mich eines dieser Konzerte war bzw. vielmehr eine dieser Bands ist, bei dem/denen mir jeder einzelner Song wahnsinnig gut gefällt, würde ich am liebsten jeden einzelnen endlos lobpreisen, da sie dies auch verdient hätten, werde mich aber auf im Folgenden auf einige Highlights der Highlights konzentrieren. Nach „Pocket Walt“ und den sich kontinuierlich voranwalzenden Beats von „PBEW“ war nun einer dieser Herzinfarkt-Momente für mich persönlich gekommen: „Run Dry“. Gänsehaut. Jedes. Einzelne. Mal. Ich kann es wirklich nicht ansatzweise adäquat in Worte fassen, aber es ist einer dieser Songs, der mich in seiner Schönheit überfordert und nach geschätzten 500 Mal Anhören immer noch jedes Mal wieder die selbe überwältigende Wirkung auf mich hat. „You're on the run, from yourself, from all that hurts. Leave behind, broken parts, of your old world.“

Zeilen, die so tief gehen, mit dieser besonderen Stimme vorgetragen und in sphärische Klänge eingebettet, dann genau diese abstrakte Weite darstellen, in die man sich manchmal flüchtet. Live großartig umgesetzt, definitiv mein Highlight an diesem Abend. Das Sizarr auch weitaus ruhigere Töne anschlagen können, zeigte sich bei „Icy Martini“, das live noch größeres Potential entfaltete, als sich mir auf Platte bisher offenbart hatte. Weitere Höhepunkte für mich „Blade“ und „Purple Fried“, das den ersten Teil des Sets beschloss. Ich muss Sizarr hier auch ausdrücklich noch einmal dafür Respekt aussprechen, dass sie so konsequent immer wieder versucht haben, das teilweise sehr zurückhaltende Publikum immer wieder zu (re)animieren – manch andere Band hätte sicherlich längst aufgegeben. Die erste Zugabe des Abends war ein toller neuer Song namens „Arsnll“, der es hoffentlich bald auf ein nächstes Album schaffen wird. Der letzte Song des Abends provozierte dann tatsächlich noch ein klein wenig Publikumsbeteiligung in Form von Mitsingen, „Boarding Time“, das schon im Vorfeld von „Psycho Boy Happy“ 2012 auf der „Boarding Time EP“ veröffentlicht worden war und als letzter Song unheimlich Lust auf mehr machte.

Ich weiß nicht, was genau Sizarr da live tun. Ich weiß nur, dass ich es großartig finde und sie mir genau das bieten, was mir musikalisch noch in meiner Welt gefehlt hatte. Bring it on, Maifeld Derby, bring it on!


Setlist, Sizarr, Kulturpalast Wiesbaden, 19.04.2013:

01 Mushin
02 Word Up
03 Pocket Walt
04 PBEW
05: Run Dry
06: Fake Foxes
07: Cat Mountaineer
08: Blade
09: Icy Martini
10: Mulo
11: Tagedieb
12: Purple Fried

13: Arsnll (Z)
14: Boarding Time (Z)


Tourdaten Sizarr für den Festivalsommer 2013 – bisher!:

18.05. – Food For Your Senses Festival (Luxembourg)
23.05. - Europavox (Clermond-Ferrand)
01.06. - Maifeld Derby (Mannheim)
21.06. - c/o Pop (Millowitsch Theater Köln)
28.06. - Festival bête de scènes (Mulhouse)
20.07. - Melt! (Gräfenhainichen)
02.08. - Horst Festival (Mönchengladbach)
03.08. - Prima Leben und Stereo (Freising)
16.08. - Frequency Festival (St. Pölten)
18.08. - Dockville Festival (Hamburg)
24.08. - Folklore Festival (Wiesbaden)


Links:

https://www.facebook.com/juliusgalemusic
https://soundcloud.com/juliusgale

http://www.sizarr.com/
https://www.facebook.com/SizarrOfficial 

Sonntag, 3. Februar 2013

Kraftklub, Chemnitz, 27.12.12

2 Kommentare


Konzert: Willkomen Zuhause Festival mit Kraftklub und anderen
Ort: Stadthalle, Chemnitz
Datum: 27.12.2012

Von Tanita

„Willkommen Zuhause Festival“ in Chemnitz: Raus aus der Familienkrise – rein ins Vergnügen! 



 So oder so ähnlich lautete das Motto unter dem Kraftklub, Casper und K.I.Z. in ihren jeweiligen Heimatstädten – Chemnitz, Bielefeld und Berlin – am 27. Dezember zeitgleich ihre eigenen „Willkommen Zuhause Festivals“ mit befreundeten Acts wie Sizarr, Cannibal Koffer, Rocky Votolato, Prinz Pi oder Slime abhielten. Trotz großem Frust darüber, dass ich den großartigen Rocky Votolato, der bei Casper in Bielefeld spielte, diese Mal nicht live erleben durfte, machte ich mich nach 3 Tagen Daueressen im Kreise der Familie voller Vorfreude auf die willkommene Abwechslung auf in Richtung Chemnitz – das „Willkommen Zuhause Festivals“ in Karl-Marx-Stadt als perfekter Abschluss meines Konzertjahres 2012. 


Während die Straßenschilder immer geringere Kilometerstände bis Chemnitz anzeigten, fiel mir auf, dass ich Kraftklub tatsächlich dieses Jahr 12 Mal live gesehen habe – und das durchaus beabsichtigterweise! Keine andere Band hat 2012 wohl so einen Hype ausgelöst, wie diese 5 sympathischen jungen Herren, die mit „Mit K“ gleich im Januar ihr von Fans und Kritikern sehnsüchtig erwartetes Debütalbum präsentierten. Und meiner Meinung nach vollkommen zurecht! Selbst wer dem Album wenig bis gar nichts abgewinnen kann und nur geklaute Riffs von den Hives , Strokes, Arctic Monkeys oder Franz Ferdinand moniert, der sollte sich selbst und Kraftklub fairerweise den Gefallen tun, sich einfach mal eine Liveshow anzusehen: pure Energie und unfassbare Freude! Dementsprechend gespannt war ich auch auf den Abend mit erfreulicherweise sehr abwechslungsreichem Line-Up: eine Cover-Band namens Cannibal Koffer, mit Le Corps Mince de Francoise eine finnische Elektropopband, Sizarr, eine deutsche Band, die einfach so gar nicht deutsch klingt und schlußendlich die Gastgeber selbst – Kraftklub! Natürlich immer noch mit K. 

Die Lokalität des Festivals gestaltete sich etwas seltsam, vor allem für Menschen meiner Generation, die die DDR nicht mehr „live“ miterlebt haben, weshalb die Stadthalle in Chemnitz schon rein architektonisch das geboten hat, was man sich als Nicht-Zeitzeuge in etwa ausmalt. An dieser Stelle sei mir ein kurzer Kommentar zu Chemnitz an sich gestattet – einfach, weil ich mich eingehend mit der Band Kraftklub und ihren Wurzeln beschäftigt habe und aufgrund der Schilderungen von Tristesse und alten Menschen in diversen Interviews vom absolut Schlimmsten ausgegangen bin: so furchtbar war es jetzt aber auch nicht! Und den Karl-Marx-Kopf fand ich persönlich – wiederum im Schein einer naiv gezeichneten DDR-Vergangenheit – sehr kurios! 

Nun aber zurück zum Wesentlichen. Die Bühne wurde an diesem Abend eröffnet von Cannibal Koffer, die eigener Aussage zu Folge Lieder spielen, die keiner hören will – aber so, dass man sie hören will. Ein Mann mit Gitarre und dazu ein Mann mit Schlagzeug, das allerdings tatsächlich aus einem Koffer besteht, was erstens den Bandnamen erklärt und zweitens die Ursprünge der Band als Straßenmusiker widerspiegelt. Mit einer wahnwitzigen Mischung aus Coverversionen von Katy Perrys „California Girls“ bis zu Eminems „Lose Yourself“ wurde dem Publikum so richtig etwas geboten. Auch wenn sich die meisten anfänglich aufgrund der grenzwertigen Titelauswahl zu recht zierten, waren am Ende wirklich alle begeistert und genau das erfüllt, was eine Vorband im Idealfall schaffen sollte, nämlich für richtig gute Stimmung zu sorgen. 

Das genaue Gegenteil wurde dann eindrucksvoll durch Le Corps Mince de Francoise demonstriert. Ich hatte mich im Vorfeld nicht weiter über die finnische Girlband informiert und wollte mich einfach überraschen lassen, doch meine grundsätzliche Skepsis gegenüber Mädchenbands hat sich leider auf ganzer Linie bestätigt. Für mich persönlich leider sehr einfallslos, stimmlich zu schrill und tatsächlich auch viel zu laut. Das das allgemeiner Konsens im Publikum der Stadthalle war, zeigte sich daran, dass große Teile des Publikums nach einigen Songs frustriert Richtung Bar flüchteten und manche sogar leider sehr respektlos ihrem Unmut laut Luft machten. Die gute Stimmung hatte sich auf jeden Fall erstmal so richtig in Luft aufgelöst. Sehr schade war es deshalb, dass dieser misslungene Auftritt, die Performance der nachfolgenden großartigen Band Sizarr nicht gerade erleichtert hat. 

Zugegebenermaßen passen die ruhigen, atmosphärischen Klänge von Sizarr eher nicht in den Rahmen eines solchen Festivals, vor allem, wenn man sie dem Sound der Headliner direkt gegenüber stellt. Dennoch konnten Sizarr die Menge umstimmen und viele der Anwesenden haben sich irgendwo zwischen Indie-Rock und Electropop wiedergefunden. Mit „Purple Fried“, „Run Dry“ und „Boarding Time“, möchte ich nur drei großartige Titel aus dem erst Ende 2012 erschienenen Debütalbum „Psycho Boy Happy“ nennen, die mich sowohl auf Platte, als auch live absolut begeistert haben. 



Nach den 3 etwa 30 minütigen Sets der Support-Acts war es nun endlich Zeit für Kraftklub. Wie in wahrscheinlich allen drei Gastgeberstädten der „Willkommen Zuhause Festivals“ ein spannender Moment, da die Künstler aufgrund des besonderen Anlasses in der Heimatstadt vor Freunden und Familie zu spielen, doch sichtlich nervöser waren, als bei manch anderem Auftritt. Gerade bei Kraftklub, die sehr stark mit ihrer Heimatstadt in Verbindung gebracht werden, auch ein besonderer Moment für die teilweise weitangereisten Fans, in Karl-Marx-Stadt bei dem gleichnamigen Lied lautstark mitsingen zu dürfen. Das mag jetzt fürchterlich kitschig klingen, aber in solchen Momenten breitet sich ein sonst unbekanntes und im Alltag leider selten gewordenes Zusammengehörigkeitsgefühl aus und es macht einfach nur Spaß ein Teil einer Menschenmenge zu sein, die einstimmig voller Begeisterung schreit: „Iiiiiich komm aus Karl-Marx-Stadt, bin ein Verlierer Baby, Original-Ostler!“ Trotz Herumspringen und Tanzen ist mir nicht entgangen, wie sehr sich die Band sichtlich über diesen verständlicherweise für sie wichtigen oder schönen Moment gefreut hat und auch das mag kitschig klingen, aber als euphorischer Fan, freue ich mich sehr, wenn man den Künstlern auf der Bühne wahres und ungespieltes Glück und Freude darüber, was man gerade zusammen erlebt, ansehen kann. Meiner Meinung nach, ein noch vorhandenes, aber auch eher rar gewordenes Phänomen. Doch genau das ist einer der Gründe warum es mich immer und immer wieder zu Kraftklub Konzerten gezogen hat und diesen Sommer auch wieder ziehen wird - diese ganz besondere Art von Begeisterung, die einfach nur ansteckend ist! Da mir das gewohnte Set von Kraftklub im Laufe ihrer Herbsttour schon sehr ans Herz gewachsen ist, könnte ich es wohl komplett aus dem Gedächtnis wiedergeben und ausführlich darlegen, warum ich welchen Song unfassbar toll finde. Da das bei fast 20 Liedern doch etwas monoton ist, nun meine Mischung aus „All-Time-Favourites“, die ich einfach jedes Mal absolut wahnsinnig finde und Songs, die an diesem Abend nochmal auf andere Art und Weise besonders waren. Bei Kraftklub ging es an diesem Abend schon gewohnt albern mit einem Intro los, das irgendwo zwischen Filmvorspann und Zusammenschnitt aus lustigen Youtube-Video-Geräuschen liegt und den ersten Song „Ritalin“ einleitet - wie immer der perfekte Start in die erste Runde (von mindestens 15 Runden!) Mitsingen und Mitspringen. Das gesamte Publikum folgt im Tanzstil meistens der souveränen Darbietung von Frontmann Felix, der mich jedes Mal aufs Neue damit beeindruckt, dass er unfassbar alberne Tanzbewegungen so hinbekommt, dass sie einfach nur – platt formuliert – „cool“ aussehen und er generell nicht auch nur eine Sekunde während des Konzerts nicht 1000% Alles gibt. Da „Mit K“ praktisch nur aus erfolgreichen Hits besteht, feiert (man verzeihe mir diese Wortwahl, aber in diesem speziellen Kontext ist das der einzig angebrachte Ausdruck!) das Publikum jeden einzelnen Song, von „Liebe“, über „Melancholie“ und „Eure Mädchen“, bis zu „Lieblingsband (Oh Yeah)“. Bei dieser Auflistung fällt mir einfach wieder nur auf, wie unbeschreiblich die Stimmung auf jedem einzelnen der Konzerte von Kraftklub war und ich jedem nur dringlichst empfehlen kann und muss, das einmal live mitzuerleben. Bei „Lieblingsband“ aber bitte aufpassen, dass man nicht in der jedes einzelne Mal vom Publikum mit voller Inbrunst ausgeführten „Wall of Death“ (wahlweise auch liebevoll von Felix als „Wall of Intelligenz“ bezeichnet) verloren geht! Zu meiner großen Freude sind im Set auch immer viele „alte“ Songs von der „Adonis Maximus“ EP zu finden, die es nicht in neuer Version aufs Album geschafft haben, wie z.B. „Randale“, „Ich hau rein“ und mein persönlicher Favorit „Schlagerstars“. „Schlagerstars“ demonstriert perfekt, wie ironisch Kraftklub ihre Umwelt in ihren Texten zeichnen, aber noch viel wichtiger, wie viel Sinn für Selbstironie sie haben. Für den kleinen Textstreber, der in mir schlummert, war es auch toll, dass ich dieses Mal nicht fast alleine „Hallo Bernd Bass!“ schreien musste. Falls jemals ein anderer Kraftklub-Fan diesen Text lesen sollte, Du weißt sicherlich ganz genau, was ich meine! Komplett frei von Ironie mein absolutes Lieblingslied von Kraftklub und Highlight der Highlights, „Wieder Winter“, das an diesem Abend auch noch ein letztes Mal für längere Zeit gespielt werden sollte. „Wieder Winter“ erzählt auf subtilste und genau deshalb so schöne Art und Weise die Geschichte zweier Menschen, deren Beziehung sich aufgrund der Tatsache das einer von beiden fortgegangen ist, für immer verändert und gibt mir immer ein Gefühl von Melancholie, das aber seltsamerweise kein bisschen schlimm, sondern eher schön, ist. Hinzukommt, dass man u.a. bei diesem Lied bei genauerem Hinhören feststellen muss, wie wohlüberlegt und intelligent die Texte von Kraftklub sind und sie bei Weitem eben nicht nur eine dieser kurzlebigen Popbands sind, sondern ihr Schaffen wirklich Substanz hat. Da ich den nicht enden wollenden Lobgesang auf Kraftklub nun fast selbst nicht mehr verantworten kann, nur noch kurz ein paar Worte zu den Zugaben. „Ich will nicht nach Berlin“ kennt nun mittlerweile wirklich fast jeder und vor allem das hartgesottene Pseudo-Hipster-Indiepublikum feiert die Hymne über und gegen sie mit voller Begeisterung. Kollektiver Kreischalarm und Hände in der Luft bei „Kein Liebeslied“. Noch „schlimmer“, fast nur „Songs für Liam“. Einer der Songs, die ich eigentlich reintheoretisch schon gar nicht mehr hören können dürfte, da ich Track Nummer 7 auf „Mit K“ tot gespielt und mittlerweile sogar schon kaputt gespielt habe (die CD hängt einfach gemeinerweise!). Wie auf der Herbsttour 2012 schon Tradition, erst mit Akustikgitarre und Lagerfeuer-Mitsingstimmung bis zum Refrain und dann nochmal mit ordentlich „Wumms“ und Konfettikanonen in der ekstatisch-energetischen „Standard“-Version – bis einfach alle vollkommen am Ende waren. Ich war ja ehrlich gesagt schon nach Cannibal Koffer und Sizarr begeistert und fühlte mich super unterhalten, aber Kraftklub haben einfach zum 12. Mal eine unfassbare und unvergleichliche Liveshow hingelegt, die mich jetzt schon dazu bringt die Tage bis Rock im Park zu zählen. Falls ich es im Laufe des Berichts nicht nachdrücklich genug gesagt haben sollte: Kraftklub Konzerte sind pures Glück und kein Mensch auf dieser Erde sollte sich das entgehen lassen! Wer mutig genug ist, der soll dann bitte ganz nach vorne und sich blaue Flecken holen und vollkommen schweißdurchtränkt und freudestrahlend aus der Halle marschieren, so wie ich es auch an diesem Abend wieder mit vollstem Vergnügen getan habe. 


Wer sich nicht so ganz traut, der kann sich ja vielleicht mit Hilfe des Konzertmitschnitts einen kleinen Eindruck des wundervollen Wahnsinns verschaffen: 

http://www.tape.tv/musikvideos/Kraftklub/Willkommen-Zuhause-Festival-Chemnitz 

Und ganz ausdrücklich empfohlen auch die wunderbaren Sizarr und Cannibal Koffer: 

http://www.tape.tv/musikvideos/Sizarr/Willkommen-Zuhause-Festival-Chemnitz http://www.tape.tv/musikvideos/Cannibal-Koffer/Willkommen-Zuhause-Festival-Chemnitz 

Setlist Kraftklub Ritalin/Medikinet Melancholie Liebe Juppe Eure Mädchen Zu jung Schlagerstars Mein Leben Blitzkrieg Bop (Ramones Cover) mit Cannibal Koffer Wieder Winter Randale Ich hau rein Karl-Marx-Stadt Lieblingsband (Oh Yeah) Kein Liebeslied Scheissindiedisko Ich will nicht nach Berlin Songs für Liam 





Sonntag, 28. Oktober 2012

Sizarr, Köln, 27.10.12

1 Kommentare

Konzert: Sizarr
Ort: Gebäude 9, Köln
Datum: 27.10.2012
Zuschauer: fast ausverkauft
Dauer: gut 70 min

 


Auf der Hinfahrt nach Köln fehlten mir die Ideen, welche Musik ich hören könnte, also blieb die beste Alternative, der Deutschlandfunk. Da diskutierten gerade Denis Scheck und Buchkritikerkollegen mit der Schriftstellerin Jenny Erpenbeck deren Buch "Aller Tage Abend". Dabei kam die Frage auf, wie man als endliches Wesen seine Lebenszeit freiwillig damit verbringen könne, drei Jahre an einem Roman zu arbeiten - oder als Kritiker schwierige (und oft schlechte) Bücher zu lesen und darüber zu schreiben. Solange ich Konzerte nur zum Spaß und nebenher angucke, gibt mir das die Sicherheit, daß dies nicht die unsinnigste Beschäftigung ist, mit der ich meine Lebenszeit verbringe. Kein Grund also auch, nicht zu Sizarr zu fahren und an der nächsten Ausfahrt zu wenden.

Allerdings hatte ich auch keine großen Zweifel daran, daß das Konzert gut werden würde. Die Debütplatte der Landauer, die so gar nicht nach Pfalz klingen (wenigstens wenn sie singen), ist schließlich sehr hörenswert.

Als ich um neun ankam, spielte der Support I Confess schon. Eine gute Viertelstunde des Sängers, der seine Songs mit akustischer Gitarre und Keyboard begleitete, bekam ich noch mit, das war nett, aber nicht ausreichend für ein richtiges Urteil. Beim Bericht vom Frankfurter Konzert gibt es mehr zu I Confess!

Christian Kühn (I Confess) war um Viertel nach neun durch. Da Sizarrs Equipment schon aufgebaut war, ging deren Vorbereitung erfreulich flott über die Bühne. Es war nämlich warm im Gebäude 9. Der WDR Rockpalast war da, um das Konzert aufzuzeichnen und hatte LKW-Ladungen Scheinwerfer mitgebracht. Dafür sind Kameras heutzutage erfreulich klein geworden. Noch vor kurzem bedeuteten Konzerte mit dem Rockpalast miese Sicht, weil überall diese lokomotivgroßen Monster standen. Heute scheinen Kameraleute nur noch mit aufgemotzten Spiegelreflexkameras zu filmen, es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis sie die gegen Smartphones eintauschen. Die WDR Leute standen als nicht im Weg, also bestand die Haupteinschränkung der Filmerei darin, auszuweichen, um nicht im Bild zu sein. 


Blöderweise hatte man beim Sounddesign offenbar mehr ans Fernsehen als an die zahlenden Besucher gedacht. Wenigstens am Anfang war der Klang vorne immer wieder mies, viel zu basslastig, und der Gesang kaum verständlich. Das wurde besser, aber es gab immer wieder Aussetzer.

Das schöne Licht entschädigte aber für die anderen Einschränkungen. Es war schon manchmal fast zu hell, bei einigen der Fotos dachte ich vorhin, ich hätte irgendwelche Hinterköpfe erwischt, es war aber nur sehr helles Scheinwerferlicht.


Sizarr hatte ich bisher nicht gesehen. Der Name macht schon eine ganze Weile die Runde. Beim Maifeld-Derby waren Sizarr auf der Openair-Bühne angesetzt, mussten aber wegen eines heftigen Unwetters gestrichen werden, was Festival-Chef Timo Kumpf (Get Well Soon) sehr niedergeschlagen ankündigen musste. Damals kannte ich noch nichts von Sizarr, sie hatten mich aber auf dem Papier sehr gereizt. Sizarr stammen aus Landau und bestehen aus Fabian Altstötter (Gesang, Gitarre), Philipp Hülsenbeck (Gitarre, Keyboard) und Marc Übel (Schlagzeug). Das Cover ihrer Debütplatte Psycho Boy Happy erweckt noch den falschen Eindruck, es handele sich um Rockmusik mit psychedelischen Einschlag, womit man mich jagen kann. Glücklicherweise ist Sizarr deutlich spannender - aber auch schwieriger zu beschreiben. Live drängte sich mir immer wieder Wu Lyf als vergleichbare Musik auf, nicht nur wegen Fabians toller (und dreckiger) Stimme. Bands aus meiner Musiksammlung wie Bréton, die Maccabees oder die Foals sind auch nicht schrecklich weit von Sizarr entfernt. Nur eins hört man sicher bei ihnen nicht raus: die rheinland-pfälzische Provinz, aus der sie stammen. Das gilt allerdings nur für die Lieder, in den Pausen dazwischen redete Fabian viel und mit pfälzischen Einschlag. Das - und das Bemühen, dabei möglichst cool zu klingen, waren deutlich sympathischer, als dies sich hier anhört. Die Situation war für die Band sicher herausfordernd. Ein fast ausverkauftes Gebäude 9, dazu die Fernsehaufzeichnung mit den vielen hellen Scheinwerfern und (wichtigen WDR-Mitarbeitern) sind sicher nicht nervenneutral. Sizarr meisterten dies hervorragend. Allerdings waren die Umstände nicht nur erschwerdend, das Publikum kannte die Band zum Großteil gut und schien sie im Gegensatz zu mir schon häufiger gesehen zu haben. 


Sizarr spielten alle Titel vom Album sowie Fake foxes, das es nicht auf die Platte geschafft hatte, wofür sich der Sänger entschuldigte. Auf die Zugabe nach rund einer Stunde war ich durch Ursulas und Dirks Bericht aus Frankfurt schon vorbereitet. Would I lie to you von Charles und Eddie, eines der scheußlichsten Stücke der Popgeschichte und von mir bis Samstag erfolgreich verdrängt, klang zwar von Sizarr schon besser, blieb aber sehr fies. Wirsing bleibt ja auch widerlich, wenn er von einem Sternekoch zubereitet wird. 

Die Single Boarding time beendete das sehr kurzweilige Konzert. Ich bin ziemlich sicher, daß wir von Sizarr noch viel hören werden. Auch was das Styling angeht sind die drei schon auf größere Auftritte vorbereitet, alle schienen frisch frisiert und Schlagzeuger Marc hatte mit seinem Hündchen-Shirt auch modisch alles richtig gemacht!

Setlist Sizarr, Gebäude 9, Köln:

01: Mushin 
02: Word up 
03: Pocket Walt
04: PBEW
05: Run dry 
06: Fake foxes 
07: Cat mountaineer 
08: Blade 
09: Icy Martini 
10: Mulo 
11: Tagedieb 
12: Purple fried

13: Would I lie to you (Charles & Eddie Cover) (Z)
14: Boarding time (Z)



Samstag, 27. Oktober 2012

Sizarr, Frankfurt, 26.10.12

3 Kommentare

Konzert: Sizarr
Datum: 26.10.2012
Ort: Zoom, Frankfurt
Zuschauer: ca. 300
Dauer: ca. 60 Minuten Sizarr, ca. 30 Minuten I Confess


von Ursula von neulich als ich dachte und Dirk von Platten vor Gericht


Sizarr sind mir namentlich seit dem diesjährigen Maifeld-Derby ein Begriff. Die sehr junge deutsche Band war für einen Zeitpunkt eingeplant gewesen, an dem ein gewaltiges Gewitter jegliche Musikausübung verhinderte. Letztlich musste der Auftritt ganz abgesagt werden.

Fürs nächstjährige Maifeld Derby haben wir nun auch schon „Überraschungstickets“ (es sind noch keine Bands bestätigt), vielleicht wird es dann ja etwas mit Sizarr. Allerdings kenne ich die Band mittlerweile sowieso, denn inzwischen erschien das Debütalbum, und gestern trat sie im Rahmen ihrer ersten Tournee im Frankfurter Zoom auf.

Der Merchandise-Stand am Eingang verfügte neben dem normalen Sortiment von T-Shirts, CDs, Platten und Jutetaschen auch über Ungewöhnliches wie Jo-Jos, Turnbeutel und sogar Bandwein.  Nicht nur die Jo-Jos erinnerten mich an meine Schulzeit, auch das Publikum schein sich frisurentechnisch und modisch in dieser Epoche sehr wohl zu fühlen – es sah aus, als hätte es vor dem Konzert noch schnell einen Gruppenausflug zu „Urban Outfitters“ gegeben.

Als Sizarrs Vorband zu spielen begann, füllte sich langsam aber sicher der Zuschauerraum vor der Bühne. I Confess, der mit echtem Namen Christian Kühn heißt, ist ein 23jähriger Singer / Songwriter, der seine zumeist ruhigen Songs zu Gitarre und gelegentlichen Beats aus dem Laptop vortrug.  Ein Album  hat I Confess noch nicht.  Seine verhuschten Ansagen waren nur schwer verständlich, so konnte der Name erst durch eine Internetrecherche geklärt werden. Er tritt bei 4 Konzerten im Vorprogramm von Sizarr auf, die sich sein Konzert von vor der Bühne aus ansahen. Philipp bekam auch eines seiner Lieder gewidmet.

Der Hauptact Sizarr war zunächst wenig zeremoniell mit dem Aufbauen beschäftigt, so dass es keinen beklatschen Einzug gab, sondern die Band, als alles fertig war, einfach mit „Mushin“ begann. Die drei  Musiker waren live, anders als nach dem Hören des recht elektronischen Albums befürchtet, viel mit ihren „richtigen“ Instrumenten zugange: Fabian (Gesang, Gitarre) machte sich gelegentlich auch am Synthesizer zu schaffen und schwang Rasseln, Philipp (Synthesizer, Gitarre) und Marc (Schlagzeug) waren sowieso mit ihren Instrumenten beschäftigt, wobei Philipp auch mitsang.

Die Band wies zwischendurch darauf hin, dass heute Abend viele Freunde von ihnen gekommen seien (diese bekamen auch ein Lied gewidmet), auch sonst wäre uns aufgefallen, dass viele der Anwesenden die Bandmitglieder zu kennen schienen. Das war vielleicht der Grund für die etwas widersprüchliche Stimmung im Zoom: Mir erschien die grundsätzliche Begeisterung für die Band sehr groß zu sein, gleichzeitig wurde aber gerade beiden ruhigen Liedern unglaublich viel geredet, so dass ich den Eindruck bekam, das Interesse an diesem konkreten Auftritt sei nicht gerade riesig.

Das folgende Lied wurde dem gesamten Publikum („also allen unseren neuen Freunden“) gewidmet, außerdem wurden wir aufgefordert, an einem Fotowettbewerb teilzunehmen, in dessen Rahmen man Bilder zu dieser Tour (aber nicht von der Band) einreichen soll.  Und wir bekamen erklärt, dass Fabians Vater Winzer sei, was den Sizarr-Wein am Merchandise-Stand erklärte.

Bei Bands mit nur einem Album fallen die Liveauftritte materialmangelbedingt immer recht kurz aus, und tatsächlich wurde jeder Song von „Psycho Boy Happy“ plus ein zusätzlicher („Fake Foxes“) gespielt. Mit der besonders umjubelten Single „Purple Fried“ endete das reguläre Set, natürlich kam aber auch noch eine Zugabe. Als eine Coverversion angekündigt wurde, rechneten wir bereits fest mit Radioheads „Lucky“, das die Band für einen Musik Express-Beileger aufgenommen hatte, stattdessen hörten wir das im Original unsägliche „Would I Lie To You“ von Charles & Eddie, das aber in der gespielten Version zu einem geradezu guten Song mutierte. Danach folgte noch die ebenfalls stark umjubelte erste Single „Boarding Time“.

Die erste Reihe des Publikums bestand übrigens ausschließlich aus sehr jungen Mädchen, so dass möglicherweise auch das Teenie-Segment fantechnisch erschlossen werden kann – wobei ich vermute, dass die Band das nicht möchte.


Setlist Sizarr, Zoom, Frankfurt:01: Mushin02: Word Up03: Pocket Walt04: PBEW05: Run Dry06: Fake Foxes07: Cat Mountaineer08: Blade09: Icy Martini10: Mulo11: Tagedieb12: Purple Fried

13: Would I Lie To You (Charles & Eddie Cover) (Z)
14: Boarding Time (Z)


 

Konzerttagebuch © 2010

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