Posts mit dem Label Bat for Lashes werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bat for Lashes werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 6. November 2009

Bad Lieutenant, Bat For Lashes u.a., Paris, 04.11.09

0 Kommentare

Konzert: Bad Lieutenant & Bat For Lashes (Wave Machines, Violens), Festival des Inrocks

Ort: L'Olympia, Paris
Datum: 04.11.2009
Zuschauer: ausverkauft? Oder doch nicht?



Bernard Sumner ist ein ganz Großer der britischen Musikszene der letzten 30 Jahre, das wollen wir hier mal festhalten. Wer aktiv bei Indielegenden wie Warsaw, Joy Division und New Order* Impulse gesetzt hat und 27 Jahre lang (brutto, eigentlich müßte man die Pause in den 90ern abziehen) die Stimme von New Order war, der hat seinen Platz in den Geschichtsbüchern des Indierock für immer sicher. Aber er denkt noch nicht daran, Golf spielen zu gehen, oder den ganzen Tag auf einer Finca Rotwein zu trinken, sondern braucht immer noch den Duft der Bühne. Und die bekam er heute mit seinem neuen Projekt Bad Lieutenant im altehrwürdigen Olympia geboten. Zwar nicht Headliner (warum eigentlich nicht?), aber dennoch zweitbestbezahlter Act des Festivalabends und zu einer guten Uhrzeit angesetzt. Früh am abend waren schon The Wave Machines und Violens aufgetreten und hatten mehr (Violens) oder minder (The Wave Machines, laut Angaben von Leuten, die schon da waren) gelangweilt. Violens aus New York, deren Auftritt ich noch fast komplett mitbekam, blieben vollkommen blass und ich fragte mich, warum man die Burschen verpflichtet hatte.

Bei Bad Lieutenant fragte man sich dies natürlich nicht, es war ja klar, daß man Nostalgiker (also alte Säcke wie mich, mit Bauch und Haarausfall) mit dem Namen Bernard Sumner locken konnte, egal unter welchem Moniker er auftritt. Und der alte Knabe machte seine Sache wirklich ausgezeichnet! Auch schon etwas rundlicher geworden und mit seiner Brille, die er im Showcase in der Fnac aufhatte, fast an Elton John erinnernd, bewies er doch, daß er es noch drauf hat und noch keinen Krückstock braucht. Zumal er im Olympia ohne Brille spielte (wahrscheinlich um jugendlicher auszusehen) und auch im Auftreten etwas mehr den Rockstar raushängen ließ, als am Nachmittag in dem CD-Laden. In einer Szene fluchte er sogar: "Turn the fucking lights of, there is no atmosphere!" Soviel Rohheit hätte ich ihm gar nicht mehr zugetraut. Auch seine Band, darunter ex New Order Phil Cunningham und Jake Evans (der auch einen Song singen durfte), machte ordentlich Krach und war besonders am Anfang gitarrenlastig. Kein Wunder, es gab in der Band drei (!) Gitarren und einen Bass. Später dann wurde es mitunter elektronischer (z. B. bei dem stark an New Order erinnernden Poisonous Intent). Tja und es gab sogar Lieder von New Order! Drei an der Zahl, mit dem grandiosen, noch in der Zeit von Joy Division enstandenen Ceremony, dem recht neuen Crystal (2001) und dem abschließenden Temptation. Dazwischen auch die Gemeinschaftsarbeit mit den Chemical Brothers (Out Of Control), die sehr gut aufgenommen wurde und mit Tighten Up ein Lied des Projekts Electronic. Gut verührt unter die Lieder von Bad Lieutenant ergab dies ein wohlschmeckendes Gericht, das sowohl Fans von elektronischer als auch von rockiger Musik mundete. Und nicht nur Nostalgiker mochten das, ich habe auch junge Leute gesehen, die sich angetan zeigten!

Well done, Sir Bernard!

Setlist Bad Lieutenant, Olympia, Paris:

01: This Is Home
02: Summer Days
03: Ceremony (New Order)
04: Sink Or Swim
05: Shine Like The Sun
06: Phoisonous Intent
07: Crystal (New Order)
08: Twist Of Fate
09: Tighten Up (Electronic)
10: Out Of Control (Sumner/ Chemical Brothers)
11: Temptation (New Order)

- Hervorragende Fotos von Bad Lieutenant im Olympia bei Robert Gil. Klick!
- Bad Lieutenant am gleichen Tag mittags in der Fnac . Hier

- Bericht Bat For Lashes in Kürze!


* im Grunde genommen ja ein und die gleiche Band, wobei bei New Order natürlich nur noch der Geist von Ian Curtis mitwirkte und dies auch nur bei dem ersten Album (Movement) nach seinem Tod

Als Headlinerin trat schließlich Natasha Khan alias Bat For Lashes auf. Die junge Engländerin, die aus einer pakistanischen Squash Familie stammt, knallte zwar keine Bälle gegen eine Steinwand, dafür schmetterte sie aber mit Hilfe einer saucoolen Drumerin und zahlreichen anderen, zum Großteil weiblichen Musikern (Charlotte Hatherly am Bass) die Hits ihrer beiden Alben. Wie immer auffällig gekleidet (hier zu bewundern), begann "Black Beauty" mit Glass und gefiel mir auf Anhieb deutlich besser als noch im Bataclan vor ein paar Monaten. Zwar wird es aufgrund der veränderten Bandkonstellation und des wuchtiger und elektronischer gewordenen Sounds wohl nie wieder den fragilen Zauber der ersten Konzerte geben, aber zumindest ein Teil des feenhaften Charmes ist noch übriggeblieben. Bereichernd wirkte sich heute die Präsenz von zwei Streichern im Hintegrund aus (eine Frau, ein Mann), die ihre Instrument oft zupfenderweise bearbeiteten. Auch Charlotte Hatherley, "The Girl From Mars", die gerade ihr drittes Soloalbum nach dem Ausscheiden bei Ash veröffentlicht, war ein Pluspunkt. Mit kurzem Rock und cooler Pose sang sie auch im Background mit und überzeugte vor allem bei einer Zugabe mit schöner Stimme.

Hinsichtlich der gespielten Songs ragte ganz klar der alte Hit Horse And I heraus. Das Lied hatte einen unglaublichen Bums und sorgte für die beste Stimmung innerhalb eines zwar gut aufgenommenen, aber nicht euphorisch gefeierten Sets. Horse and I wurde in der bsten Phase des Konzertes abgefackelt, in der auch noch What's A Girl To Do und Daniel hinterhergeschickt wurde. Die Spannung und Intensität konnte aber nicht immer gehalten werden, manchmal flachte das Ganze etwas ab und es wurde deutlich ruhiger im Publikum.

Der Zugabenteil dann noch einmal sehr erfreulich. Das romantische Wilderness offenbarte die sensible Seite von Natasha Khan und kam völlig ohne Elektrogefrickel aus. Ein wunderchönes Lied. Das schwungvolle Prescilla beendete dann ein gelungenes Konzert von Bat For Lashes. Eigentlich hatte ich die Künstlerin schon fast abgeschrieben, aber heute zeigte sie doch, daß sie mehr beherrscht als die perfekte Pose. Schön!

Setlist Bat For Lashes, Olympia, Paris:

01: Glass
02: Sleep Alone
03: The Wizard
04: Bat's Mouth
05: Horse And I
06: What's A Girl To Do
07: Daniel
08: Tahiti
09: Siren Song
10: Trophy
11: Two Suns
12: Pearl's Dream

13: The Big Sleep
14: Wilderness
15: Moon And Moon
16: Prescilla

Aus unserem Archiv:

Bat For Lashes, Paris, 27.05.09
Bat For Lashes, London, 24.06.08
Bat For Lashes, Paris, 10.06.08
Bat For Lashes, Paris, 24.10.07
Bat For Lashes, Paris, 26.08.07
Bat For Lashes, Paris, 11.11.06


Livevideo: Bat For Lashes Horse And I



Donnerstag, 28. Mai 2009

Bat For Lashes, Paris, 27.05.09

0 Kommentare

Konzert: Bat For Lashes

Ort: Le Bataclan, Paris
Datum: 27.05.2009
Zuschauer: ausverkauft (1300)
Konzertdauer: 70-75 Minuten



Schon nach ein paar Stücken des Konzertes von Bat For Lashes frage ich mich, wo die Magie von damals geblieben ist. Ich erinnere mich etwas wehmütig an ein Konzert von Natascha Khan in der Maroquinerie. Im März 2006 war das und sie spielte im Vorprogramm der Schotten My Latest Novel. Es waren kaum Leute da, aber die wenigen, die früh erschienen waren, hatten ein Schimmern in den Augen und waren ganz angetan von der Schönheit, der Feenhaftigkeit und der Anmut des intimen Vortrages der attraktiven Brünetten und ihrer Mitmusikerinnen.

Seitdem ist viel Zeit ins Land gegangen. Die damaligen Headliner My Latest Novel haben ein neues Album auf den Markt gebracht, spielen aber weiterhin in kleinen Indieclubs vor recht wenigen Zuschauern. Natascha Kahn alias Bat For Lashes ist aber ein richtiger kleiner Star geworden. Sie tritt inzwischen im mittelgroßen Bataclan auf, der immerhin 1300 Besuchern Platz bietet. Heute ist die Location komplett ausverkauft! Die Zuschauer, unter ihnen die formidable französische Sängerin Barbara Carlotti und der farbige Musiker Spleen, sehen und hören allerdings ein Konzert, das Probleme hat, in die Gänge zu kommen. Ob es an der unerträglichen Hitze liegt (erstaunlich eigentlich, denn die Außentemperaturen sind heute recht kühl!), oder daran, daß der Sound von Bat For Lashes deutlich diskolastiger, elektronischer und kühler geworden ist? Ich persönlich habe zumindest Probleme, irgendetwas zu empfinden, obwohl die tolle Hauchstimme von Natascha Khan immer noch so schön wie früher ist. Mindestens die erste halbe Stunde geht komplett an mir vorbei. Ein erhöhter Puls? Ergriffenheit? Berührtheit? Fehlanzeige! Natascha setzt sich wie gewohnt gekonnt in Szene, aber der Sound ist dermaßen perfekt, keimfrei und glattgeschmirgelt, daß man sich fragt, ob man Zeuge eines Playbackauftritts wird. 80er Jahre Diskomucke, die kaum Gefühlsregungen zulässt. Die Stimmung im Bataclan kann man auch nur als mittelmäßig bezeichnen, vor allem, weil dieser Saal normalerweise sehr dankbar ist und relativ leicht in einen Hexenkessel zu verwandeln ist. Das Publikum scheint die alten Lieder vom ersten Album Fur And Gold viel besser zu kennen als die Neuheiten von Two Suns. Immer wenn ein altes Stück angestimmt wird, geht ein kurzer Aufschrei durch die Menge. Aber selbst die "Oldies" kommen im neuen, diskolastigen Gewande daher, mit Folk hat das Ganze so gut wie gar nichts mehr zu tun. Bei Horse and I nimmt eine Blondine neben Natashas Piano Platz und performt mit ihr zusammen den Song Horse And I. Daniel wird zunächst in einer reduzierten Version zusammen mit einem männlichen Pianisten dargeboten. Trotz dieser Rochaden bleibt das Ganze irgendwie fad und wenig pricklend. Erst im letzten Viertel des Konzertes komme ich besser rein und fange an, ein paar Songs zu genießen. Peace Of Mind, beispielsweise, daß die Khan an der Gitarre vorträgt*, verbuche ich als recht gelungen und Tahiti hat zumindest ansatzweise etwas von der Magie der frühen Tage. Der bisher größte Hit der Künstlerin, What's A Girl To Do lädt dann zum Tanzen ein, verpuft aber gegen Ende ein wenig. Pearl's Dream beendet nach lediglich 50 Minuten das reguläre Set, bevor es einen ausführlichen Zugabenteil gibt, der zumindest teilweise versöhnt. Die ersten drei Stücke (besonders Prescilla) sind wesentlich intimer und berührender als das Vorangegangene, bei Two Planets wird aber wieder die recht kitischige Diskokeule geschwungen. Dancelastig auch der allerletzte Song. Der Hit Daniel wird zum zweiten Mal am heutigen Abend angestimmt, diesmal aber mit wesentlich mehr Dampf und Getöse und das Publikum nimmt die Nummer auch dankbar und mit viel Applaus auf.

Unter dem Strich verbuche ich ein passables, aber keinswegs hervorragendes Konzert. Auch meinen Freunden und Bekannten, die wie ich Bat For Lashes bereits fünfmal gesehen haben, stößt der neue glattpolierte Dancesound eher unangenehm auf. Gilles vom tollen Blog Rock'n' Roll Motherf *** s bringt es auf den Punkt: "Das ist nicht mehr die gleiche Künstlerin wie vorher!"

Setlist Bat For Lashes, Le Bataclan, Paris:

01: Intro
02: Glass
03: Sleep Alone
04: Horse And I
05: Daniel
06: Travelling Woman
07: Siren Song
08: The Wizard
09: Sarah
10: Peace Of Mind
11: Tahiti
12: What's A Girl To Do
13: Pearl's Dream

14: Prescilla
15: Good Love
16: Moon And Moon
17: Two Planets

18: Daniel

Mehr Fotos von Bat For Lashes hier

* ansonsten spielt Charlotte Heatherley (ex Ash Mitglied) Gitarre.



Mittwoch, 2. Juli 2008

Radiohead, London, 24.06.08

0 Kommentare

Konzert: Radiohead
Ort: Victoria Park, London
Datum: 24.06.2008
Zuschauer: Unmengen (Festivalformat)
Konzertdauer: ca. 2 Stunden


Was My Bloody Valentine können, können Radiohead schon lange: Karten für die beiden Konzerte in Victoria Park waren ebenfalls schnell ausverkauft und erzielten auf Ebay Phantasiepreise. Dabei druckte der Veranstalter die Karten (wohl, um genau diese Ebaygeschäfte zu verhindern) erst zwei Wochen vor dem Auftritt und brachte zum selben Zeitpunkt auch wieder Ticktes für das angeblich seit Januar ausverkaufte Event in Umlauf, was so manchen Ebaykauf überflüssig beziehungsweise unnötig teuer machte. So auch unseren.

Nun, gekauft ist gekauft, und wir fuhren gespannt gegen 18 Uhr, also deutlich nach dem offiziell angegebenen Einlasstermin von 16 Uhr, zur U-Bahn-Station Mile End (bestens bekannt aus einem Pulp-Song). Nach dem kurzen Marsch zum Victoria Park entpuppte sich die dortige Veranstaltung als Mini-Festival, das hinsichtlich Größe, Organisation und Infrastruktur (Fressstände, Dixiklos) durchaus mit Hurricane & Co. mithalten konnte. Den Besuchermassen und der Atmosphäre stand allerdings ein ausgesprochen übersichtliches Lineup gegenüber: Während für Manchester MGMT und Bat for Lashes verpflichtet worden waren, trat in London allein die Letztgenannte als Support auf.

Die junge Frau ging mit ihren ruhigen, durchaus angenehmen, Björk-artigen Songs auf der riesigen Festivalbühne ein wenig unter. Neben Songs vom Debütalbum „Fur & Gold“ wurden auch drei neue Stücke dargeboten. Allerdings haben sich bei uns vor allem ein ca. 10-minütiger Stromausfall (mit der dazugehörigen Angst, dass der Radiohead-Auftritt ausfallen könnte) und das anscheinend aus einer Tischdecke gebastelte Kleid der Sängerin ins Gedächtnis gebrannt.

Dann kamen also Radiohead und hatten entgegen unseren Befürchtungen ausreichend Strom, um sowohl eine exzellente Lichtshow mit leuchtenden Stäben darbieten zu können als auch auf insgesamt drei Videoleinwänden in unterschiedlichen Farben und Perspektiven zu erscheinen. Rein Ästhetisch betrachtet war der Auftritt ein reiner Genuss und etwas wirklich Neues.

Was das Songmaterial betraf, konzentrierte sich die Band an diesem ersten ihrer beiden London-Abende sehr auf das neueste Werk „In Rainbows“. Dabei waren es vor allem die älteren Songs wie „Just“, die beim Publikum die größten Begeisterungsstürme auslösten. Immerhin wurde jedes Album mit mindestens einem Song bedacht und mit „Ripcord“, „Airbag“, „Idioteque“ und „There there“ jede Schaffensphase zumindest gestreift. Sogar einen Song von Thoms Soloalbum gab es im Zugabenteil zu hören.

Thom Yorke war trotz des von ihm verkündeten Lampenfiebers bester Laune und machte zu „You and whose army?“ Späße mit der Kamera, indem er fast hineinkroch.

Um halb 11 war das Minifestival für diesen Tag vorbei, und wir konnten uns mit den Zigtausend anderen Besuchern in den gewaltigen Besucherstrom zurück zur U-Bahn einreihen. Der Verkehr rund um Mile Ende stand sicher für eine volle Stunde still, während die Fans unter Polizeiaufsicht, aber britisch gesittet nach und nach in der U-Bahn verschwanden.

Fazit: Ein toller Abend mit beeindruckender Lichtshow, bei dem jedoch die älteren Stücke zu kurz kamen. Vielleicht hatte auch die Band diesen Eindruck, denn die Playliste am 25. war in dieser Hinsicht befriedigender.

Setlist Radiohead, Victoria Park, London*:

15 Step
Bodysnatchers
All I Need
The National Anthem
Pyramid Song
Nude
Weird Fishes/Arpeggi
The Gloaming
Dollars & Cents
Faust Arp
There There
Just
Climbing Up The Walls
Reckoner
Everything In Its Right Place
How To Disappear Completely
Jigsaw Falling Into Place
Videotape
Airbag
Bangers and Mash
Planet Telex
The Tourist
Cymbal Rush
You And Whose Army?
Idioteque

Links:

- Radiohead in Paris
- Bat for Lashes diverse Male

* Internetrecherche

von Ursula und Dirk von Platten vor Gericht




Mittwoch, 11. Juni 2008

Radiohead, Paris, 10.06.08

3 Kommentare

Konzert: Radiohead (Bat For Lashes)

Ort: POPB, Paris-Bercy
Datum: 10.06.2008
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: 2 Stunden 10 Minuten (nur Radiohead), Bat For Lashes circa. 45 Minuten


Was mache ich eigentlich hier bei Radiohead im riesigen Palais Omnisport von Paris-Bercy?

Ich wollte doch gar nicht hier sein, da ich riesige Hallenveranstaltungen nicht sonderlich schätze und ich mich zudem mit Radiohead, einer meiner Lieblingsbands de neunziger Jahre seit langem nicht mehr beschäftigt habe. Aber eine Bekannte wollte unbedingt noch ihre überschüssige Karte loswerden und mir fiel es schwer, sie zu enttäuschen. Da stehe ich nun, zwischen all diesen jungen, verschwitzten und teilweise ungepflegt aussehenden Menschen, die ebenfalls auf die glorreiche Idee kamen, bei herrlichstem Sommerwetter in einer dunklen und stickigen Mehrzweckhalle den manisch-depressiven Anfällen von Herrn Thom Yorke beizuwohnen.

Es herrscht eine Luft wie im Gewächshaus und meine unmittelbaren Nachbarn riechen ziemlich streng unter den Achseln.
Man kann zwar kaum atmen, aber trotzdem halten sie es für passend, die Luft durch Tabak-und Marihuana Rauch weiter zu verpesten. An Rauchverbote halten sich doch nur Spiesser! Einer nach dem anderen steckt sich einen Glimmstengel an und da stehe ich dummerweise genau dazwischen und bekomme ein übles Gras in die Nase geblasen. Links und rechts von mir stehen zwei Mädchen, deren Haupt wunderschöne und 2 Kilogramm schwere Rastazöpfe zieren. Eine von den beiden klebt so nah an mir, dass ich ihre Haarpracht ständig an meinem Arm spüre. Es fühlt sich an, als würde mir ein Kamel seinen warmen, schweren Schwanz über die Glieder pinseln. Mich überkommt ein Würgereiz, der noch dadurch verschlimmert wird, dass die andere Rastalady hektisch in ihren Kunsthaaren gratzt, als hätte sie Flöhe. Ob mich meine Kappe davor schützt, dass die Viecher auf meine Kopfhaut rüberspringen?

Kurze Zeit später kriege ich von einem anderen Mädel den Tabak in die Nase geblasen. Mir wird es jetzt zu bunt, ich bitte sie höflich, die Kippe auszumachen. Sie guckt ganz angesäuert und bringt den Spruch des Tages: "Moment mal, Alter, wir leben doch hier in einer Demokratie!" Was sagt man dazu? Am besten gar nichts mehr! Wenn sie wenigstens gesagt hätte: "Hör zu, es widerspricht dem Punk- und Indiespirit, Gesetze einzuhalten", hätte ich ihr noch beigepflichtet, aber das sie mir hier mit Demokratie kommt, ist der Gipfel der Frechheit. Weiss sie überhaupt, dass Demokratie von dem griechischen Wort demos= das Volk kommt?

Sie scheint ohnehin ignorant zu sein und ihre Freundinnen auch.
Schon bei der wundervollen Vorgruppe Bat For Lashes hatten sie genervt, ständig geplappert und auf ironische Weise lautstark gejubelt als Natasha Khan das letzte Lied ihres Sets angekündigt hatte. Sie kannten die Band nicht und waren auch nicht im Geringsten neugierig darauf, vorher Unbekanntes kennenzulernen.

Ein konzertbegeisterter Bekannter, den ich zuvor in der Metro getroffen hatte, hatte dieses Szenario schon treffsicher vorausgesagt: "Für die Vorgruppe wird sich in Bercy eh keiner interessieren, auch wenn die toll ist". Leider hatte er recht behalten und schon mit dem Namen, waren Typen hinter mir überfordert. "Jetzt spielt wohl erst "Lashes is bad", oder so ähnlich...

Oder so ähnlich, auch der zweite Versuch des ahnungslosen Jünglings, seinen Freunden zu erklären, wer denn das Vorprogram bestreite, misslingt, selbst wenn er diesmal näher dran war: "Bad Lashes", nennt er das Projekt von Natasha Khan jetzt.

Ich überlege kurz, ob ich aufklärerisch tätig werden soll, lasse das aber lieber bleiben, weil ich befürchte, ansonsten noch den Banausen erklären zu müssen, welchem Musikstil Bat For Lashes zuzurechnen ist. Das ist nämlich auch gar nicht so einfach.
In welche Schublade(n) könnte man das stecken? Indie, Alternative, (Freak)-Folk? Oder ist Natasha Khan etwa eine Singer/Songwriterin mit angeschlossener Band? Wahrscheinlich ist das von allem ein bisschen, aber hauptsächlich schon das Projekt von Fräulein Khan. Die könnte aber nie und nimmer ihre Lieder alleine auf der Gitarre vortragen, wie z.B. eine My Brightest Diamond, mit der sie manchmal verglichen wird. Um ihren Stilmix hinzubekommen, bedarf es vieler Instrumente und anderer talentierter Künstler, die (oft sich untereinander abwechselnd) an Geige, Harfe, Klarinette, Trommel und sogar singender Säge (!) agieren. Bisher steuerte eine rein weibliche Begleitband diese Parts bei, heute aber war auch ein Mann an der am hinteren Bühnenrand befindlichen Harfe zu Werke.

Bei Bat For Lashes klingt alles mystisch und geheimnisvoll, vor allem aber düster-melancholisch. Ihre Musik ist eigentlich der ideale Soundtrack für einen gruseligen Nachtspaziergang durch einen dunklen Wald.
Aber auch die Schönheit und Romantik wird nicht vergessen, sowohl in musikalischer als auch szenischer Hinsicht. Die Kostüme von Natasha und ihrer Band sind stets ungewöhnlich und extravagant und auch die Bühnendekoration ist wichtiger Bestandteil. Ob allerdings die Tibet-Fahne zu Bat For Lashes, Radiohead, oder beiden Acts des heutigen Abends gehörte, blieb mir ein Geheimnis. Miss Khan hat pakistanische Wurzeln, das weiss man und auch ihr Vater war politisch aktiv, aber ob sich seine Tochter für Tibet einsetzt, will ich nicht ungeprüft behaupten.

Bleiben wir also lieber bei der Musik, denn die ist unbedingt erwähnens -und empfehlenswert. "Horse & I", z.B., der Knüller mit der singenden Säge, soll auch ein Lieblingslied von Thom Yorke sein. "The Wizard" und "Trophy", ebenfalls glänzend. Und zu meiner (nicht unbedingt der meiner Nachbarn) Freude gab es auch drei nagelneue Lieder im Set.
Leider kann ich hier noch keine Songtitel präsentieren, aber vor allem das erste davon war überragend. Die stimmliche Nähe zu Kate Bush, die Natasha oft nachgesagt wird, nicht aber immer gegeben ist, kam hier recht deutlich zum Ausdruck. Ein Hammer, der eigentlich nur durch das abschliessende "What's A Girl To Do" getoppt wurde zu dem das Publikum endlich auch mal ein wenig mitging!

Auszüge aus der Setlist von Bat For Lashes:

- intro
- Trophy
- Horse And I
- The Wizard
- I Saw A Light
- Prescilla
- What's A Girl To Do

+ 3 neue, sehr gute Lieder!

Danach war eine quälend lange Pause angesagt, die ich mir dadurch vertrieb, dass ich über die Schultern meiner Vorderfrau die Zeitung mitlas. Wie eigentlich immer in der Presse war Sarkozy der Sündenbock für alles. Erst konnte ich lesen, das Nicolas immer mehr Zulauf von der rechtsradikalen FN erhalte, dann war er auch noch für Mängel im Gesundheistsytem verantwortlich (Spitzname hier: Dr. Sarko) und wurde mit dem Satz zitiert: "Ihre Aids-Erkrankung ist psychosomatisch". Das erinnerte mich an eine kürzliche Taxifahrt, bei der der Fahrer mir wutschnaubend erklärte, Sarkozy habe ihm seine Rente versaut, er könne jetzt seine Lizenz, die mal so viel wert gewesen sei, nicht mehr verkaufen. Ich fragte mich gedanklich ganz kurz, ob Sarkozy (dessen Anhänger ich keineswegs bin) wohl auch für ein mögliches frühes Ausscheiden der Fussball-Nationalmannschaft verantwortlich gemacht werde, bekam aber jetzt - wie oben erwähnt - den Zigarettenrauch meiner Nachbarin in die Nase gepustet. Gibt es nicht so etwas wie ein Rauchverbot seit dem 1. Januar 2008? Hmm, eigentlich ja schon, aber da man wohl Sarkozy für das Gesetz verantwortlich macht, das sein sozialistischer Kollege Evin schon 1991 vorbereitet hat, hält sich keiner dran...

Na ja, Nicholas kann mit seiner mangelnden Popularität ganz gut leben, der hat ja jetzt auch die schöne Carla zum Trösten und den Friedensnobelpreis wollte er ja auch nie gewinnen. Thom Yorke würde sich aber bestimmt über eine solche Auszeichnung freuen, oder nicht? Kämft er nicht schon zusammen mit Bono und Chris "Coldplay" Martin um diesen Titel? Die drei könnten da schon ein gutes Team bilden, Bono, der Blutgrätscher, Chris, der schnelle Flügelflitzer und Thom, der Wadenbeisser, vereint in dem Bestreben eine bessere Welt zu erschaffen.

Thom hat ja schon die Musikwelt revolutioniert, da seine Band als allerallererste ein Album ins Netz stellte und zum Gratis-Download freigab (ähh, hatten das nicht längst kleinere Bands ohne grossen Rummel vorher getan?),
da muss er jezt auf anderen Feldern tätig werden. Der gelbe Poncho und der andere Merchandising - Kram sollen 100 % Fairtrade sein. Finde ich gut, ganz ehrlich! Meine Turnschuhe sind auch solche Fairtrade- Treter und den Kaffee kaufe ich auch immer im Bioladen um die Ecke und hoffe, dass ich damit eine gute Tat tue. Aber hatten nicht schon Razorlight vor zwei Jahren Fair-Trade Shirts verkauft? Ach so, ich vergas, Johnny Borell mag ja keiner, da hat sich die gesamte Musikpresse darauf geeinigt, dass das ein arroganter Sack ist und seine Musik gekünstelte Kacke!

Thom aber ist ein Held, seine Musik revolutionär und das letzte Album "In Rainbows" wieder einmal ein Meisterwerk. Journalisten streiten nur noch darum, ob "OK Computer" noch besser war, oder ob die genannten Geniestreiche eigentlich Platz 1 und 2 der besten Alben aller Zeiten belegen müssen,
dicht gefolgt von "The Bends". Nur Nirvana als andere relativ "neue" Band, die nicht wie die Beatles und Bob Dylan schon uralt sind, können in solchen Listen mit Radiohead mithalten. Beste Single aller Zeiten? Wenn es nicht irgend eine Scheusslichkeit von den Beatles (die ich eigentlich mag), Bob Dylan oder den Stones (die ich nie mochte) ist, dann totsicher "Karma Police", "Paranoid Android", oder - wenn der Jorunalist kreativ sein will - "Fake Plastic Trees". Gut, es wird oft auch "Smells Like Teen Spirit" erwähnt, aber es geht ja hier nicht um Nirvana, sondern um Radiohead!

Solche Lobpreisungen schreien natürlich geradezu nach Überprüfung. Wieder einmal, denn 2003 stand ich schon einmal in der Allzweckjacke von Paris-Bercy und habe von Radiohead vor allem unerträglich laut jaulende Gitarren in Erinnerung.

Wie "Paranoid Android" heute auf mich wirken würde, kann ich nicht beurteilen. Es wurde nämlich schlicht und einfach nicht gespielt, genausowenig wie "Creep"! Lediglich die hartgesottenen Fans, die zwei Tage hintereinander (9. und 10. Juni) ins POPB kamen, können da mitreden, denn am 9. Juni gehörte das Stück zur Setlist. Am 10. also heute und nicht am 9.,
gab es allerdings die Bat For Lashes gewidmete Zugabe "Karma Police" und die war nach wie vor vorzüglich. Und ob das jetzt die beste Single aller Zeiten ist, muss ich nicht beurteilen, zumal da bei mir sowieso viele Sachen von Joy Division rangieren würden.

Als hervorragend empfand ich auch den Klassiker "Fake Plastic Trees" von The Bends und einige neue Stücke vom letzten Album vor allem "Nude" und "Weird Fishes /Arpeggi", wohingegen an Liedern wie "Just", oder " Airbag" irgendwie der Geruch der Neunziger hängen geblieben ist.
Insofern kann ich durchaus beipflichten, wenn gesagt wird, dass sich die Band im Laufe der Jahre immer weiter entwickelt hat und "In Rainbow" sehr modern klingt, ohne die Wurzeln zu verleugnen. Oft kam bei mir die Assoziation zu Portishead in den Kopf, auch dort gibt es eine sehr prägnante Stimme an der Spitze, ein Tüfteln mit elektronischen Klängen, ohne dass das Ganze zu experimentell wird und auch die Bühnenschau wies Ähnlichkeiten auf. Es gab nämlich bei Radiohead auch diesen Gimmick, dass man auf der rückwärtigen Leinwand die Band in leicht verzerrter Form in Aktion sah. Oft blickte man deshalb auf den weitaufgerissenen Schlund von Thom Yorke, der greinte und winselte wie eh und je. Seine Bandkollegen, also die Greenwoods, Ed O'Brien und Drummer Phil Selway, waren da natürlich unauffälliger, aber eine One-Man Show war es in gar keinem Fall, dazu ist der Sound der Gruppe zu komplex. Wenn Thom wie ein Rumpelstilzchen tanzte oder am Piano sass, waren aber natürlich alle Blicke auf ihn gerichtet. Und wer wissen will, was der schmächtige Mann gesagt hat, bitteschön:

- ça va Johnny (welchen Johnny meinte er?)
- Take it nice and easy in the front now. Don't squash anyone.
- Merci. Cool beans. Fucking Hell Man!
- ça va?

Nicht viel also und ansonsten gab er bezüglich zwei neuer Lieder,
"Bangers And Mash" und "Super Collider" den Hinweis: "You can get this song on the internet".

Richtig so, keine grossen Reden schwingen, sondern die Musik sprechen lassen! Diese verstummte nach ziemlich genau 2 Stunden und 10 Minuten Spielzeit. Ich hatte ein insgesamt recht gutes Konzert gesehen,
bei dem es aber auch ein paar regelrecht langweilige Passagen gab. Meinen Nerv trifft eine meiner Lieblingsbands der Neunziger nur noch vereinzelt, auch wenn einige Songs nach wir vor glänzend sind, genau wie im übrigen die wunderbare Lightshow mit den gletscherartigen Lichtstäben.


Die Setlist von Radiohead vom 9.06.2008 von Paris Bercy (die Band hat zwei Tage hintereinander gespielt) findet man hier, bei meinem Bekannten von photosandgigs.com

Setlist Radiohead, POParis-Bercy, 10.06.2008:

01: 15 Step
02: Bodysnatchers
03: All I Need
04: Airbag
05: Nude
06: Pyramide Song
07: Weird Fishes/Arpeggi
08: The Gloaming
09: Dollars And Cents
10: Faust Arp
11: Videotape
12: Optimistic
13: Just
14: Reckoner
15: Everything In It's Right Place
16: Fake Plastic Trees
17: Jigsaw Falling Into Place

18: House Of Cards
19: There There
20: Bangers And Mash
21: The National Anthem
22: How To Disappear Completely

23: Super Collider
24: You And Whose Army?
25: Karma Police
26: Idioteque


Links:

- mehr Fotos von Radiohead
- mehr Fotos von Bat For Lashes




Mittwoch, 24. Oktober 2007

Bat For Lashes, Paris, 24.10.07

0 Kommentare

Konzert: Bat For Lashes
Ort: Le Trabendo, Paris
Datum: 24.10.2007
Zuschauer: restlos ausverkauft, ca.700


"Das ist die allerletzte Karte, die wir haben, möchten sie die nehmen?", fragt mich die junge Frau am Ticketschalter des CD-Ladens Virgin. "Ja, auf jeden Fall", antworte ich hastig und freue mich innerlich schon über mein Glück, am Abend doch noch Bat For Lashes genießen zu dürfen. "Ähh, da gibt es ein kleines Problem, das Computersystem ist abgestürzt und ich komme nicht mehr in den Vorgang rein, wenn ich die gesamte Transaktion wiederhole, wird mir das System sagen, daß keine Karten mehr erhältlich sind". Die Angestellte macht einen recht hilflosen Eindruck, als sie mir die traurige Botschaft übermittelt. Anrufe bei der Zentrale ergeben, daß sämtliche Computer in allen Geschäften von Virgin Paris das gleiche Problem haben! Rien ne va plus...

Sie vertröstet mich damit, daß vielleicht in einer halben Stunde wieder alles funktioniere, ich solle doch bitte wiederkommen. Mache ich auch und... bekomme freudestrahlend die ausgedruckte Karte in die Hand gedrückt! Puh, noch mal gut gegangen, ich bin dabei und damit ich den Abend auch verewigen kann, lade ich meine leere Batterie für die Kamera noch ein wenig auf.

Im Trabendo angekommen, ist wirklich jeder Winkel des mittelgroßen Raumes ausgefüllt, Natasha Khan aka Bat For Lashes scheint sich vom Geheimtip zum Publikumsmagneten zu entwickeln. Da ich auch nach ein paar Diskusionen am Eingang mit meiner Kamera durchkam, scheint einem perfekten Abend nichts mehr im Wege zu stehen. Doch als ich Natasha und ihre drei Musikerfreundinnen ablichten will, sehe ich schwarz. Schwarz, weil das Ding mangels Batterie nicht angeht! Diese liegt nämlich zu Hause auf der Station! Da liegt sie gut, wie man immer so doof sagt, aber was will man machen? - Nun, das Konzert ganz in Ruhe genießen zum Beispiel. Das tue ich dann auch in der Folge. Ganz relaxt und ohne Druck, aussagekräftige Fotos knipsen zu müssen, lausche ich verblüfft einem ausgedehnten intro, das ich bisher noch nicht kannte.* Zu Rock en Seine hatten Bat For Lashes mit einem französischen Intro überrascht, heute aber ist der Text englisch. Irgendetwas von "pretty girl" wird da gesungen. Passt ja auch irgendwo zu der schwarzhaarigen Schönheit Natasha, die mit ihrem gülden glitzernden Stirnband wie eine kleine Indianerin, also eine Squaw, aussieht. Wenn eine solche Beauty damals bei Winnetou gespielt hätte, hätte ich mir glatt den Käse mal richtig angesehen.


"Trophy" ist dann das erste richtige Lied des Sets. "Heaven is a feeling I get in your arms", heißt es da und passenderweise gibt es ein paar kuschelnde Pärchen in meiner Nähe. Eine ganz eigene, warme, mystische Aura umgibt dieses Lied. Um das Ganze musikalisch darzustellen, bedarf es einer richtigen "Girlgroup", neben der Sängerin gibt es auch noch drei weitere Musikerinnen, die abwechselnd Violine, Piano, Percussion, Gitarre, Querflöte und Pauke spielen. Das ist verblüffend anzusehen und erinnert in dieser Hinsicht ein wenig an Arcade Fire, wo auch oft ein wilder Instrumentenwechsel stattfindet. Fräulein Khan selbst agiert am Piano, benutzt zahlreiche Rasseln, Kastagnetten und ein rotes Tambourin, das sie auch ab und zu an Zuschauer in der ersten Reihe "ausleiht". Diese Ausleihaktion ist ihr hinterher dann fast peinlich: "oh, ich wollte niemanden in Verlegenheit bringen, nachher wacht die betreffende Person noch mit Albträumen auf"...

Aber ich hatte noch nicht alle Instrumente aufgezählt, die von der schwarzhaarigen Frau benutzt werden: in der Aufzählung fehlte nämlich noch der Bass, den Natsha bei dem neuen Stück "Missing Time" spielt. Besagtes "Missing Time" wurde ziemlich genau in der Mitte gebracht; vorangegangen waren "Tahiti", "Horse And I" und vor allem der Hit "What's A Girl To Do", bei dem bereits das stakkatische Pianointro vom Publikum erkannt und gefeiert wurde. Und daß eine solch stattliche Anzahl von Zuschauern da war, schien die Hauptakteurin selbst am meisten zu überraschen: "(there are) so many people here, amazing". Nach "What's A Girl To Do" hatte sie sogar die Ehre, mit diesen vielen Leute ganz alleine zu sein. Ihre drei Mitstreiterinnen hatten sich nämlich kurzfristig in die Kabine verdrückt, als Natasha die traurige Ballade "Sad Eyes" vortrug. Gegen Ende hin bekam sie jedoch gleich doppelte gesangliche Unterstützung, zwei der drei Musikerinnen waren nämlich zurückgekommen. Eine der beiden, meistens als Violinistin tätig, hatte lustigerweise keine Schuhe an, vielleicht um Bodenkontakt zu halten bei der himmlischen Musik, die erzeugt wurde.

Himmlisch war gegen Ende hin vor allem das fabelhafte "The Wizard", bei dem ein Donnerwetter hineingesampelt worden war und Natasha kleine goldene Glöckchen benutzte. Auch hervorragend: "Bat's Mouth", das Lied, mit ich Bat For Lashes im März 2006 bei einem Konzert in der Maroquinerie kennenglernt hatte. Danach war das eigene Liedmaterial schon fast erschöpft, normal bei nur einem Album. Und was macht man, wenn man keine eigenen Songs mehr hat? - Richtig, man covert Klassiker. Heute war Tom Waits an der Reihe. "Lonely" wurde neuinterpretiert und dies auf keinen Fall schlecht. Vor allem weil auch die oben zitierte Querflöte zum Einsatz kam, gespielt von einer der drei Begleitmusikerinnen. Bei "Sarah" wurde gar ein wuchtiger Holzstock benutzt, den Natasha wie sie erklärte in der Nähe des Grand Canyon während ihrer Amerikatournee erworben hatte. Machte ordentlich Krach das Ding, als es auf den Boden einschlug.

Danach war vorerst Schluß, aber natürlich nur vorerst, denn nach kurzem, aber frenetischem Applaus kam die Frauenband wieder zurück, erklärte daß dies heute ein sehr emotionaler Abend gewesen sei und spielte noch zwei Stücke. Das auf dem Album "Fur And Gold" enthaltene "Prescilla" und ein neues Stück, das auf Anhieb sehr gut ankam.* Dominiert wurde es von herrlichen Chorgesängen und einem markanten Refrain und wenn der Rest des zweiten Werkes nur ähnlich gut wird wie dieser Knüller, dann sollte man blind zuschlagen!

Setlist Bat For Lashes, Paris, Trabendo:

00: Intro (The Walter's Son)
01: Trophy
02: Tahiti
03: Horse And I
04: What's A Girl To Do
05: Sad Eyes
06: Missing Time
07: I Saw A Light
08: The Wizard
09: Bat's Mouth
10: Lonely (Tom Waits Cover)
11: Sarah

12: Moon & Moon (Z)
13: Prescilla (Z)

Anmerkung: hinter den unterstrichenen Titeln verbergen sich gute You Tube Videos.

* es handelte sich um "The Walter's Son", aus dem Soundtrack zum Film "The Night Of The Hunter" (vielen Dank für diese Information an Stéphane!).

* der neue Titel, der als Zugabe gespielt wurde, heißt "Moon & Moon" (danke an Stéphane!)



Montag, 27. August 2007

Bat For Lashes, Rock en Seine, 26.08.07

0 Kommentare
Konzert: Bat For Lashes
Ort: Saint Cloud bei Paris, Festival Rock en Seine
Datum: 26.08.2007
Zuschauer: noch nicht sehr viele

"Die geben sie dann aber bitte da vorne ab", raunt mir der bullige Ordner am Eingang des Festivalgeländes zu.* "Wie bitte, ich muß meine wunderbare neue Kamera, mit der ich heute so viele tolle Schüsse machen wollte, an der Aufbewahrunsgsstelle hinterlegen? Ich verstehe die Welt nicht mehr, gestern ging das mittelgroße Ding doch noch problemlos durch die Kontrolle durch! Aber alles diskutieren und lamentieren hilft leider nichts, die "Knipsmaschine" bekommt ein Nümmerchen zugeteilt, wird irgendwo in einem Zelt neben Motorradhelmen verstaut und ich bekomme noch ein "können sie dann später hier wieder abholen" mit auf den Weg. Mist, Mist, Mist!, fluche ich noch, während ich mich genervt Richtung Scène de la cascade begebe, wo die bildhübsche Natasha Khan a.k.a. Bat For Lashes mit ihrer rein weiblichen Begleitband auftreten wird. Gerade von dieser feurigen Schönheit wollte ich aussagekräftige Bilder schießen und unseren Lesern bieten, aber Pustekuchen! Besonders sauer bin ich, als sich sehe, daß etliche Leute kleine und mittelgroße Kameras auspacken, um Natasha und die drei anderen Grazien der Band in ihren hübschen Kostümen zu photographieren. Das hatte ich allerdings so kommen sehen, denn die Kontrollen führen letzlich immer dazu, daß es nur ein paar arme Würstchen trifft, andere Besucher aber problemlos mit ihren Apparaten durchkommen.

Sei's drum,
ich konzentriere mich in der Folge halt eben darauf, was ich höre und sehe. Und das ist so Einiges. Die süße Natasha, die allerdings erschreckend dünn und abgemagert wirkt, trägt heute ein schwarzes, leicht ransparentes Kleid, weiße Strumpfhosen und ein goldenes Band um ihre pechschwarzen Haare. Auch die anderen drei jungen Frauen sind sehenswert, ohne daß ich mich jetzt allerdings an Detaills ihrer Kleidung genau erinnere.

"Je suis le petit chevalier, avec le ciel sous mes yeux", startet Fräulein Khan zur Überraschung aller Anwesenden auf franzöisch und führt somit wunderbar in das gleich nachfolgende "Trophy" ein. Vielleicht weiß unsere "Black Beauty" schon, daß man auf diese Weise sehr schnell die Symphatien der Franzosen gewinnen kann, schließlich glaubt jeder Frenchie felsenfest daran, daß es sich bei seiner Muttersprache um die schönste Sprache der Welt handelt. Und jeder Ausländer, der sich zumindest die Mühe macht, ein paar Takte auf französisch zu sprechen, oder gar zu singen, wird mit offenen Armen empfangen.

Der Einstieg in das Konzert ist Bat For Lashes also auf das Vorzüglichste gelungen. "Heaven is the feeling that i get in your arms" singt die Schwarzhaarige und klatscht hierzu vehement in ihre wohlgeformten Hände. Die anderen Mädchen der Band spielen hierzu Keyboard, Geige, Pauke, Gitarre etc. Wer was spielt, ist hierbei nicht immer klar zu beantworten, die Musikerinnen wechseln von Lied zu Lied ständig Instrumente und Positionen, bis irgendwann jede von ihnen mal jedes der aufgebauten Instrumente gespielt hat. Bei "Tahiti" sitzt dann auch prompt Natasha am elektrischen Piano und verweilt dort auch für ein paar Stücke, bevor sie sich wieder in den Bühenvordergrund begibt. "We have to pretend, that there is no sunshine now", sagt sie im Hinblick auf das herliche Wetter und kündigt so das wundervolle getragene Stück "I Saw A Light" an. Schade, daß im Anschluß das ansonsten sehr gute Lied "The Wizard" unter zu dröhnenden Bässen leidet. Bei "Sad Eyes" welches die Frontlady ganz alleine am Piano vorträgt stimmt die Akkustik dann aber wieder und bei meinem persönlichen Highlight "What's A Girl To Do" wird es sogar noch besser, sowohl musikalisch, als auch was die Show betrifft, denn zu diesem Stück trommeln Natasha und eine andere Musikerin gleichzeitig auf eine Pauke ein, was einen gelungenen Effekt erzeugt. Die Mädels scheinen sehr zufrieden und relaxt, selten spielen sie vor so vielen Zuschauern. "We are in such a silly mood today". Sie haben aber auch allen Grund, ausgelassen zu sein, ihr Set kommt nämlich nicht nur bei mir gut an, sondern findet auch das Gefallen der Pariser.

Das abschließende Lied "Sarah" ist dann Jo (wer immer das sein mag) gewidmet, der heute Geburtstag hat, "Aber wir stimmen jetzt hier nicht im Chor "Happy Birthday" an, das wäre albern". Um den Song in Schwung zu bringen, stößt die Sängerin energisch mit einem rot-weißen Stab, der aussieht wie ein übergroßes Bonbon, auf den Boden. All dies hätte ich auch gerne mit Bildern dokumentiert, aber lassen wir das jetzt...


*Das ich doch noch Bilder anbieten kann, verdanke ich dem hervorragenden Konzertfotographen Robert Gil: www.photosconcerts.com


Setlist Bat For Lashes, Rock en Seine

intro: "Je suis le petit chevalier avec le ciel sous mes yeux"
01: The Trophy
02: Tahiti
03: Horse And I
04: I Saw A Light
05: The Wizard
06: Sad Eyes
07: What's A Girl To Do
08: Bat's Mouth
09: Sarah


Sonntag, 12. November 2006

Bat for Lashes, Love is all, Guillemots, Midlake, Gang of Four, Paris, 11.11.06

0 Kommentare
Konzert: Bat for Lashes, Love is all, Guillemots, Midlake, Gang of Four
Datum 11.11.2006
Location: La Cigale, Paris
Zuschauer: fast ausverkauft

Los ging es heute bereits um 17.30 Uhr, denn schließlich traten im Rahmen des Festival des Inrocks fünf Gruppen auf. Den Auftakt machten in der bereits zu dieser frühen Stunde gut gefüllten Cigale Bat for Lashes. Hinter dem Namen verbirgt sich die junge und sehr hübsche Natascha Khan, übrigens verwandt mit dem hervorragenden Squash-Spieler. Die regelmäßig als Squaw auftretende Musikerin, die ich dieses Jahr bereits zum zweiten Mal sah, wird von drei jungen weiblichen Bandmitgliedern begleitet, die übrigens erstaunlich talentiert, munter die Instrumente wechseln. Mal sitzt Natascha am Klavier, mal ihre Freundin, etc. Den Musikstil könnte man als feenhaften Folk-Pop bezeichnen, aber es ist nicht so leicht das Ganze in eine vorgefertigte Schublade zu stecken, da Natascha erfreulicherweise viele neue, gute Ideen einbringt. Stimmlich wird als Referenz immer wieder Björk genannt, auch der Name Kate Bush fällt ziemlich häufig. Toll ist, daß die Musik gut hörbar bleibt, trotz des experimentellen Einschlags. Streicher kommen hier zum Einsatz, immer wieder eine Rassel, Handclaps, das Piano natürlich auch und auch eine große Trommel, auf die Natascha bei einem Titel gemeinsam mit ihrer Bandkollegin einhämmerte. Besonders aufgefallen ist mir bei dem leider ziemlich kurzen Set insbesondere das Lied "The Wizard", übrigens dem gerade erschienenen Debütalbum "Fur and Gold" entnommen. Hier passte der Vergleich mit Kate Bush ziemlich gut, aber die stimmliche Bandbreite von Fräulein Khan reicht viel weiter. Mir hat es auf jeden Fall sehr gut gefallen.

Nach ein
er kurzen Pause geht dann der rote Vorhang auf für die fünf jungen Schweden von Love is All. Die körperlich Kleinste ist hier die Größte, ich spreche von der zierlichen blonden Sängerin Josephine Olausson, die völlig ungeniert die freche Punk-Göhre raushängen läßt. Stimmlich könnte man sie mit Minni Mouse vergleichen, denn sie piepst so schrill, daß sie womöglich Glas zum Bersten bringen könnte. Mir kam sofort der Vergleich zu einer Band aus den sehr frühen 80ern namens Altered Images, die mit dem Song "Happy birthday" einen Hit hatten. Ansonsten passt natürlich wie so oft bei einer weiblichen Punksängerin der Vergleich zu Blondie. Blondie ist auch deshalb als Referenz geeignet, weil Debby Harry zu einer Zeit aktiv war, in der ein schrilles Saxophon jedes Lied verziert, bzw. versaut hat. Ich spreche natürlich von den späten 70ern, bzw. frühen 80ern. Ja, ja ein Saxophon gibt es bei Love is all, es ist nicht zu überhören. Gestartet wurde das Set übrigens von dem fetzigen "Talk Talk Talk" und beendet wurde es von dem bisher größten Hit "Make out fall out make up". Leider ging das Publikum nicht sonderlich mit, aber es spendete zumindest artig Applaus.

Dann folgte der übliche Umbau bevor die Kritikerlieblinge Guillemots die Bühne betraten. Zunächst sah man aber nur einen und zwar Sänger und Pianist Fyfe, der mit Clochard-Hut-und-Mantel die Ballade "My chosen one" vortrug. Stimmlich war er voll auf der Höhe, da gab es überhaupt nichts auszusetzen, selbst wenn man den Musikstil der Guillemots nicht sonderlich mag. Dann kam die erstaunlich heterogene Band (sind die gecastet?) dazu, wobei insbesondere die hübsche Kontrabass-Spielerin ins Auge stach. Gespielt wurden natürlich Songs des Debütalbums "Through the Windowpane", das von den Kritikern mit Lob nur so überschüttet wurde. Nach dem heutigen Abend meine ich zu Recht. Selbst wenn man den etwas schmalzigen und überfrachteten Stil nicht schätzt, so muß man doch fairerweise die Kreativität und die Musikalität dieser Gruppe, deren Mitglieder übrigens aus vielen verschiedenen Nationen stammen, anerkennen. Ein Höhepunkt für mich war der beschwingte "Made-Up Lovesong#43", dessen Titel Sänger Fyfe mit etwas Mühe ins Französische übersetzte. Er weiß wahrscheinlich, daß es bei Franzosen immer überaus gut ankommt, ein paar französische Sätze anzubringen. Anbiedernd fand ich diese Geste aber nicht. Das Set, welches u.a. auch "Anni let's not wait" umfasste, ebenso wie den Titeltrack, wurde wie auch auf dem Album von dem fabelhaften "Sao Paulo" abgeschlossen, ein Titel, der sich über 11 Minuten erstreckt, ohne allerdings langweilig zu werden. Ich war jedenfalls ziemlich begeistert, auch wenn ich Cécile noch nicht so richtig überzeugen konnte.

Als vorletzte Gruppe des Abends durften dann die fünf eher schüchternen Texaner von Midlake zeigen, ob die Lorbeeren, die sie von Kritikern für ihr Album "The Trials of van occupanther" erhalten hatten, zurecht verteilt wurden. Midlake hatte ich dieses Jahr bereits als Vorgruppe der Flaming Lips gesehen und einen recht positiven Eindruck gewonnen. In der Zwischenzeit ist deren aktuelles, oben erwähntes Album schon so einige Male durch meinen i-pod gelaufen und ich habe es sehr lieb gewonnen. Bereits der dritte Titel des Sets stellte für mich dann ein erstes kleines Glanzlicht dar. Romantische Geigentöne erklangen, gefolgt von einem behutsam gesetzten Schlagzeug, bevor der sich durch den ganzen Song erstreckende markante Basslauf einsetzte. Gemeint ist das wunderschöne Lied "Young bride", für mich eine der besten Singles des Jahres. Fast jedes Lied wurde übrigens visuell durch richtige kleine Spielfilme unterstrichen, hier kamen folglich auch die Cineasten auf ihre Kosten. Weitere Höhepunkte waren das gesanglich etwas an Thom Yorke erinnernde "Branches" und eine der wenigen schnelleren Nummern "Roscoe". Insgesamt dominierten aber eher die ruhigen, sentimentalen Stücke, denen etwas herrlich Altmodisches innewohnt. Viele Musikkritiker zitieren immer wieder etwas mittelmäßige Bands aus den 70ern, wie z.B. Crosby & Nash, oder auch Fleetwood Mac. Diese Vergleiche können aber in die Irre führen, denn es handelt sich eher um das Phänomen, das Midlake einen Sound kreieren, der wegen seiner Unaufgeregtheit und Gediegenheit so gar nicht in die heutige Zeit passen will. Ich habe jedenfalls wieder einen sehr positiven Eindruck gewonnen, obwohl ich zugeben muß, daß mich allmählich nach etwas schnellerer, härterer Musik dürstete.

Von den Postpunk-Veteranen der Gang of Four wurde dieses Bedürfnis allerdings hervorragend gestillt. Vor deren Auftritt stellte ich mir zusammen mit Cécile und einem sehr netten deutschen Mädchen, mit dem sehr französich klingenden Namen Odile die Frage, ob denn die Band aus Leeds auch heute noch etwas tauge. Wer Musikzeitschriften liest, weiß, daß deren zeitweise vergriffenes Album "Entertainement" als eines der besten und einflußreichsten der Rockgeschichte gilt. Aktiv war die vierköpfige Band übrigens offiziell von 1977 bis 1984, ehe sie sich 2004 in der Urbesetzung neu formierten. Die Band besteht aus Jon King (Gesang), Andy Gill (Gitarre), Dave Allen (Bass) und Hugo Burnham (Schlagzeug). Unsere Zweifel, ob es Sinn macht, in dem Alter noch mal ein Comeback zu starten, wurden bereits nach dem ersten Titel eindrucksvoll weggewischt. Jon King stürmte wie ein wildgewordener Gorilla auf die Bühne, hüpfte mit ausgebreiteten Armen in der Hocke von links nach rechts und stellte sich oft beschwörend wie ein Guru vor die schnell in Extase geratene Menge. Es ging ganz gewaltig der Punk ab und schnell wurde in den vorderen Reihen Pogo getanzt. Neben dem wie sich wie ein Psychopath gebärdenden Sänger wirkten natürlich die messerscharfen Bassläufe und stakkatischen Gitarrenriffe als Stimulanz. Nicht nur ich war sprachlos, ob dieses Spektakels. Ich verwende dieses Wort nicht gerne, aber hier passt es: es war saugeil! Die alten Hits wurden abgefeuert, daß es nur so krachte.Von Highlights will ich eigentlich nicht sprechen, da es gar keine Verschnaufpause gab, ich würde als erstes ganz großes Glanzlicht aber trotzdem "At home he's a tourist" bezeichnen. "At home he feels like a tourist, he fills his head with culture, he gives himself an ulcer (Magengeschwür!)", schmetterte Jon King der wilden Masse in die Fresse. Hierzu stellte er sich ganz nah an den Bühnenrand und peitschte die Leute hektisch gestikulierend noch zusätzlich auf. Alle waren außer Rand und Band, auch mir zuckte es gewaltig in den Füßen. Manchmal wurde bewußt ein ruhigeres Lied eingestreut, damit sich Jon, der schweißgebadet war, ein wenig erholen konnte. Manchmal lag er halbtod auf dem Boden, nur um dann beim nächsten Titel noch mehr aufzudrehen. Spektakulär war eine Passage, in der Herr King mittels einer kurzen Eisenstange auf eine bereitgestellet Mikrowelle einprügelte. Schon nach kurzer Zeit hatte das Gerät gewaltige Dellen in der Mitte, bevor sich dann der Psychopath kurzerhand das Ding unter die schlaksigen Arme packte, um es mit Wut auf den Boden zu pfeffern. Das Publikum wieherte vor Vergnügen. Ruhiger und gespenstisch monoton und depressiv wurde es dann mit dem Lied "Anthrax", ein Titel, den man vor fünf Jahren bestimmt nicht hätte spielen dürfen. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken, so ungefähr habe ich mir Joy Division vorgestellt! Letztes Lied des offiziellen Sets war dann "To hell with poverty", ein Titel der auf die Neo-Marxistische Vergangenheit der Band hinweist. Der Song stellt geradezu ein Paradebeispiel dafür da, wie viele aktuelle Bands noch von der Viererbande beeinflußt sind, denn nicht nur ich stellte fest, daß "I need your love" von The Rapture stark von "To hell with poverty" abgekupfert wurde. Danach schlichen die alten, aber unglaublich dynamischen Herren erstmal von der Bühne. Was Zugabe sein würde war hier (fast) jedem klar. Natürlich "Damged goods", das noch mal gewaltig aufmischte. Unter völlig verdientem frenetischen Applaus verließen die Engländer dann den Ort des Geschehens. Ich war völlig platt, aber auch tief beeindruckt von diesem Spektakel. Die Senioren hatten den Jungspunden nochmal gezeigt, wo der Hammer hängt.

von Oliver



 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates