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Dienstag, 16. Oktober 2012

Radiohead, Köln, 15.10.12

4 Kommentare

Konzert: Radiohead
Ort: Lanxess-Arena (Kölnarena), Köln
Datum: 15.10.2012
Zuschauer: nicht ganz ausverkauft
Dauer: Radiohead 140 min, Caribou 30 min



Als mir im Vorfeld ein Freund, der Radiohead viel wohler als ich gesonnen ist und der gelesen hatte, wie die Tour bisher war, geraten hatte, ein Buch mitzunehmen, war meine Vorfreude auf Radiohead noch eine Spur größer. Ich bin kein euphorischer Fan der Band, war es auch nie. Mein einziger Livekontakt mit Radiohead war ein halber Festivalauftritt bei Rock en Seine vor ein paar Jahren, den ich nicht als berauschend in Erinnerung habe. Warum auch immer ich gut 70 Euro für die Karte für ein anstrengendes Konzert in einer schrecklichen Halle ausgegeben hatte, habe ich mich in den vergangenen Wochen immer wieder gefragt. Ohne schlüssige Antwort. Durch eine neue Kreditkarte und den festen Vorsatz, die Nummer mir diesmal auf keinen Fall zu merken, bin ich künftig wenigstens vor ganz schlimmen Spontankäufen geschützt, weil das Rauskramen der Karte ein paar zusätzliche Sekunden zum Nachdenken gibt. Aber auf dem teueren und personalisierten Radiohead-Ticket saß ich nun einmal.

Vor ein paar Tagen wurde mir dann noch glaubwürdig versichert, daß es zäh werden würde, womit auch das Schönreden, daß ich für das viele Geld immerhin Caribou sehen würde, nicht mehr weiterhalf (zumal deren Musik ja auch nicht unbedingt fröhlich macht).

Als ich nach der letzten Zugabe abgehetzt zum Auto lief, um nicht noch stundenlang im Parkhaus zu stehen und Radiohead aus zwanzig Autoradios hören zu müssen, war ich zwar kurz und klein gespielt, hatte aber ein überraschend gutes Konzert erlebt. Eines ohne Längen und mit gutem - für die Kölnarena überragendem - Klang.

Diese grundsätzliche Schwäche der Kölnarena deutete sich bereits bei Caribou an. Die Halle hat ein Echo. Um dem auszuweichen, standen wir sehr weit vorne, vielleicht in der fünften Reihe. Aber auch da hörte man immer wieder einen dumpfknallenden Widerhall von der anderen Hallenseite. In der Mitte muß das fies geklungen haben. Weit vorne war der Sound überraschend gut, ignorierte man das leichte Echo. Die Arena wurde zumindest da ihrem Ruf, jedes Konzert zu ruinieren, nicht gerecht.

Durch ekelhaft frühes Erscheinen hatten wir die Streberbändchen bekommen, die für den vorderen Bereich des Innenraums qualifizieren. Als mehr oder weniger Einheimische waren wir dort klar in der Minderheit, offensichtlich waren viele sehr weit angereist, was mir wegen meiner weitestgehenden Radiohead-Ignoranz ein schlechtes Gewissen machte. 80 km Fahrt hätten da niemanden ernsthaft beeindruckt.

Um Punkt acht erschien Daniel Snaith, der Caribou-Mann, mit drei Begleitern. Die Instrumentierung der kommenden halben Stunde sollten zwei Schlagzeuge und Keyboards sein. Es fing allerdings nicht mit etwas Eigenem an. Die ersten acht, zehn  Minuten gehörten dem Caribou Remix von It's a crime von Virgo Four. Mit House kenne ich mich noch weniger aus als mit Radiohead, das Original des Stücks habe ich auch noch nie gehört, sein Remix klang aber ganz und gar nach Daniel Snaith. Erst meine Mitschrift des Textes (was bei Caribou nicht ganz einfach ist), half mir auf die Sprünge. Den Rest der Stücke hatte ich immerhin schon gehört, weil ich Swim besitze und ab und zu gehört habe. Live, laut und vor schon recht voller Halle waren Lieder wie das großartige Bowls oder Sun oder natürlich Odessa sehr beeindruckend. Dem linken Schlagzeuger, dem wir am nächsten standen, bei seinem sturen Spiel zuzusehen, verstärkte diesen Eindruck. Ein sehr passender Auftakt!

Setlist Caribou, Lanxess-Arena, Köln:

01: It's a crime (Virgo Four)
02: Bowls
03: Jamelia
04: Odessa
05: Sun

Thom Yorke hatte sich extra für Köln Tim Lobingers Frisur ausgeliehen, schien aber trotzdem ausgezeichnete Laune zu haben. Er hibbelte die folgenden gut zwei Stunden ununterbrochen über die Bühne. Auf meine Nachfrage, ob er immer so hampelig sei, erhielt ich zwar die Antwort, früher sei es schlimmer gewesen, so richtig glauben konnte ich das aber nicht. Das Tanzen erinnerte mich an diesen Simply-Red-Typen oder an Bono - die Musik glücklicherweise nicht. Schrecklich vieles kannte ich nicht. Die aktuelle Radiohead-Platte The King Of Limbs habe ich zwar, ich habe sie aber wohl noch nicht gehört. Ich kannte ansonsten die Lieder, die jeder kennt, aber nicht mehr, die Titel also von OK Computer, von Hail To The Thief, oder auch von In Rainbows.

Mir gefielen auch die Lieder, die ich kannte, am besten, ob aus naheliegenden Gründen, oder weil The King Of Limbs gegenüber den früheren Platten abfällt, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls stammten auch die besten Stücke von Hail To The Thief (There there), OK Computer (Lucky, Paranoid android) oder Kid A (die letzten beiden Zugabenblöcke), während mit Feral der einzig echte Langweiler auf der aktuellen Platte ist.

Wenn man keine Ahnung von der Musik hat, muß man über den Rahmen schreiben. Bei Hallen- (Arenen, muß es wohl heißen) oder Stadion-Konzerten gehört zu dem unbedingt der Showkram außenrum, die großen Effekte. Ich hasse das. Radiohead setzten ihr Budget für Visuals (das hasse ich auch) aber extrem stilvoll und zurückhaltend ein. Zwölf quadratische Monitore, die variabel über der Band hängen konnten, und eine LED (oder was auch immer) Rückwand waren alles. Das unterscheidet Radiohead von anderen Musikern, die in der Kölnarena auftreten, und die mit Pyro-3D-Laser-Hologrammen von den musikalischen Schwächen ablenken müssen. Hier hätte es eigentlich auch keine Show getan, aber für 70 € muß man wohl auch irgendwelchen Schnickschnack erwarten, und in der gezeigten Form war der auch sehr schön.

Den schönsten Effekt, den die Monitore erzeugten, sah man bei 15 step. Da wurden die Platten kurz über den Köpfen der sechs Musiker (ein zusätzlicher Schlagzeuger, denke ich) angebracht und leuchteten diese mit hellem Licht aus. Dadurch bekam die Bühne den Charakter eines kleinen Clubs. Diese Lichtspielereien hatte jemand mit sehr viel Geschmack gestaltet!

Nach hundert Minuten taten mir Rücken und Beine weh. Da Radiohead bei der bisherigen Tour bis auf wenige Ausnahmen immer fünf, zwei und eine Zugabe gespielt hatten, in drei Blöcken, wusste ich, daß ich noch aushalten musste. Die letzten Lieder machten dies aber einigermaßen einfach, weil das Konzert einfach nicht schlechter wurde und mit dem REM Intro (The one I love) bei Everything in its right place noch eine schöne Überraschung bot. Trotzdem wäre ich nicht böse gewesen, wenn das Konzert eine halbe Stunde weniger lange gedauert hätte. Es hätte nichts daran geändert, daß ich einen sehr guten Abend gehabt hätte. Ich bin in keinen Rausch gekommen, irgendwo habe ich auch mal gelesen, daß es albern sei, jetzt noch Radiohead-Fan zu werden (puh!), aber es war ein ganz anderes Konzert, als ich es vorher erwartet hatte. Es war gut angelegtes Geld.

Setlist Radiohead, Lanxess-Arena, Köln:

01: Bloom
02: Lucky
03: 15 step
04: Morning Mr Magpie
05: The national anthem
06: The gloaming
07: Separator
08: Reckoner
09: Pyramid Song
10: These are my twisted words
11: Nude
12: Identikit
13: Lotus flower
14: There there
15: Feral
16: Bodysnatchers

17: Weird fishes / Arpeggi (Z)
18: Ful stop (neu) (Z)
19: The Daily Mail (Z)
20: Myxomatosis (Z)
21: Paranoid android (Z)

22: How to disappear completely (Z)
23: Everything in its right place (mit REM Cover The one I love) (Z)

24: Idioteque (Z)

Links:

- Radiohead, Köln bei Pretty Paracetamol
- Radiohead, Köln, bei neulich als ich dachte


Foto: Frank von Pretty Paracetamol




Sonntag, 30. August 2009

Radiohead, Prag, 23.08.09

6 Kommentare

Konzert: Radiohead

Ort: Výstaviště Incheba Expo, Prag
Datum: 23.08.2009
Zuschauer: 12.000-15.000
Konzertdauer: ca. 2 Stun
den


von Julius aus Wien

„Meeting people is easy“ ist eine der Grundphilosophien von Radiohead, einer Band, die einfach nur schwierig sein will, und wirklich: kaum, dass wir unser Auto auf dem Parkplatz abgestellt hatten (nicht ohne davor einen tschechischen Polizisten um 30€ wegen angeblichen Fahrens gegen die Einbahn reicher zu machen) entdeckten wir direkt neben uns ein Fahrzeug mit dem Kennzeichen unseres Nachbarortes. Viel Zeit, um ins Gespräch zu kommen blieb aber nicht, da die Vorband Moderat (bestehend aus den zwei Herren von Modeselektor und dem bekannten Soundtüftler Apparat) bereits um 18.00 beginnen sollte.

Die halbe Stunde Verspätung, mit der die drei Herren dann schließlich ihr Set begannen war angesichts der Uhrzeit abzusehen und auch jetzt noch wirkten die sphärischen Electronic-Klänge und besonders die vereinzelten drückenden Beats reichlich deplaziert. So wollte auch keine übermäßig enthusiastische Stimmung aufkommen, während langsam die Sonne hinter den Bäumen des kleinen Parks unterging. Mit nettem Beifall wurde das Trio nach einer Stunde schließlich verabschiedet, es bleibt zu hoffen, dass das nächste Wiedersehen zu späterer Stunde und in familiärerer (Club-)Atmosphäre erfolgt.

Somit stand dem Auftritt der Mannen rund um Thom Yorke nichts mehr im Wege und nach einer Dreiviertelstunde, die furchtlose Crewmitglieder damit verbracht hatten, in 15 Metern Höhe die letzten Vorbereitungen für die – dies sei von vornherein gleich verraten: gewohnt geniale – Lichtshow zu treffen, war es denn auch so weit und ein Radiokopf nach dem nächsten fand sich an seinem Platz ein, als Letzter tat dies erwartungsgemäß Thom Yorke, was die geschätzten 15.000 Besucher aus aller Welt, vornehmlich allerdings Engländer und Japaner, zu ersten Begeisterungsbekundungen hinriss.

Nahtlos ging das Intro in den bewährten Opener 15 Step über, gefolgt von There There, das auf der Tour 09 die Rolle der ewigen Nr. Zwei zum Besten gibt und Arpeggi/Weird Fishes. Die ganz große Kunst, die Radiohead so beherrschen wie wohl wenige andere Bands auf dieser Welt, offenbarte sich nach den drei ersten, eher rhytmisch/instrumental veranlagten Songs dann bei All I Need, nämlich die Kunst, mit unglaublich viel Pathos und Emotion an die Sache zu gehen, ohne die Grenze zu Kitsch und unglaubwürdigem Weltschmerz zu überschreiten. Radiohead bewegen sich einfach auf dem schmalen Grat der gefühlsbetonten Musik, die auf hohem Niveau zutiefst authentisch ist, und auf dieser Stellung haben sie sich seit ihrem zweiten Album The Bends einzementiert.

Nach Standards wie Lucky oder Nude folgten dann zwei echte Perlen vom In Rainbows-Vorgänger Hail To The Thief: 2+2=5 und A Wolf At The Door.

In der Folge wechselten sich In Rainbows-Songs mit Klassikern ab, von den neuen Sachen wusste besonders Bangers ´n´ Mash zu gefallen, welches auf dem Frequency Festival leider einer spontanen Eingebung Thom Yorkes und Karma Police zum Opfer gefallen war.

Der erste Zugabenblock, der bereits nach eineinhalb Stunden regulärer Spielzeit erfolgte, enthielt eine bunte Mischung aus Songs älterer Alben, denen als Kontrast das brandneue, wieder einmal nur über Download beziehbare These Are My Twisted Words entgegenstellt wurde.Bis dahin konnte man die Setlist noch als einigermaßen gewöhnlich abtun, als dann Thom Yorke im zweiten Block nach The Bends die live sehr selten dargebotene und wenig bekannte B-Seite True Love Waits anstimmte war für alle, die diese Rarität überhaupt zu erkennen bzw. zu schätzen wussten klar, dass man es mit einem wahrlich denkwürdigen Abend zu tun hatte.

Logischerweise folgte dann Everything In Its Right Place, welches den endgültigen Schlusspunkt eines Konzertes, das psychisch und wider Erwarten auch physisch alles abverlangte und die doch sehr weite Anreise und den hohen Preis absolut rechtfertigte.

Denn wenn man Radiohead etwas vorwerfen kann, dann ist es die gewisse Doppelmoral, die durch die sehr hohen Kartenpreise und die energieintensive Lichtshow entsteht, beides Tatsachen, die der grundsätzlich antikommerziellen Haltung Radioheads und ihrem Bemühen um die Umwelt widersprechen.

An diesem Abend sollte uns das jedoch egal sein und als wir uns schließlich mit geschätzten 10.000 anderen Konzerbesuchern durch die engen Wege des benachbarten Parks wälzten waren wir uns sicher, dass wir gerade eine der wenigen Bands gesehen hatten, die mit einer derart fragilen Schönheit auch vor den größten Massen für pure Gänsehaut sorgen (glücklicherweise wurde uns der entsetzliche Mit-Gröl-Hit Creep in Prag erspart, doch zwei Tage später kam dieser in Polen zum Einsatz).

Und auch wenn es in There There heißt „Just cause you feel it, doesn’t mean it’s there“, waren Gefühle selten so real und unauslöschlich.

Setlist Radiohead,
Výstaviště Incheba Expo, Prag:

01: 15 Step

02: There There
03: Weird Fishes/Arpeggi
04: All I Need
05: Lucky
06: Nude
07: Morning Bell
08: 2+2=5
09: A Wolf At The Door
10: Videotape
11: (Nice Dream)
12: The Gloaming
13: Reckoner
14: Exit Music (For A Film)
15: Bangers + Mash
16: Bodysnatchers
17: Idioteque

18: Pyramid Song (Z)

19: These Are My Twisted Words (Z)
20: Airbag (Z)
21: The National Anthem (Z)
22: How To Disappear Completely (Z)
23: The Bends (Z)
24: TrueLove Waits (Z)
25: Everything In Its Right Place (Z)

Links:

- Radiohead am 24.06.08 in London
- und am 10.06.08 in Paris



Mittwoch, 2. Juli 2008

Radiohead, London, 24.06.08

0 Kommentare

Konzert: Radiohead
Ort: Victoria Park, London
Datum: 24.06.2008
Zuschauer: Unmengen (Festivalformat)
Konzertdauer: ca. 2 Stunden


Was My Bloody Valentine können, können Radiohead schon lange: Karten für die beiden Konzerte in Victoria Park waren ebenfalls schnell ausverkauft und erzielten auf Ebay Phantasiepreise. Dabei druckte der Veranstalter die Karten (wohl, um genau diese Ebaygeschäfte zu verhindern) erst zwei Wochen vor dem Auftritt und brachte zum selben Zeitpunkt auch wieder Ticktes für das angeblich seit Januar ausverkaufte Event in Umlauf, was so manchen Ebaykauf überflüssig beziehungsweise unnötig teuer machte. So auch unseren.

Nun, gekauft ist gekauft, und wir fuhren gespannt gegen 18 Uhr, also deutlich nach dem offiziell angegebenen Einlasstermin von 16 Uhr, zur U-Bahn-Station Mile End (bestens bekannt aus einem Pulp-Song). Nach dem kurzen Marsch zum Victoria Park entpuppte sich die dortige Veranstaltung als Mini-Festival, das hinsichtlich Größe, Organisation und Infrastruktur (Fressstände, Dixiklos) durchaus mit Hurricane & Co. mithalten konnte. Den Besuchermassen und der Atmosphäre stand allerdings ein ausgesprochen übersichtliches Lineup gegenüber: Während für Manchester MGMT und Bat for Lashes verpflichtet worden waren, trat in London allein die Letztgenannte als Support auf.

Die junge Frau ging mit ihren ruhigen, durchaus angenehmen, Björk-artigen Songs auf der riesigen Festivalbühne ein wenig unter. Neben Songs vom Debütalbum „Fur & Gold“ wurden auch drei neue Stücke dargeboten. Allerdings haben sich bei uns vor allem ein ca. 10-minütiger Stromausfall (mit der dazugehörigen Angst, dass der Radiohead-Auftritt ausfallen könnte) und das anscheinend aus einer Tischdecke gebastelte Kleid der Sängerin ins Gedächtnis gebrannt.

Dann kamen also Radiohead und hatten entgegen unseren Befürchtungen ausreichend Strom, um sowohl eine exzellente Lichtshow mit leuchtenden Stäben darbieten zu können als auch auf insgesamt drei Videoleinwänden in unterschiedlichen Farben und Perspektiven zu erscheinen. Rein Ästhetisch betrachtet war der Auftritt ein reiner Genuss und etwas wirklich Neues.

Was das Songmaterial betraf, konzentrierte sich die Band an diesem ersten ihrer beiden London-Abende sehr auf das neueste Werk „In Rainbows“. Dabei waren es vor allem die älteren Songs wie „Just“, die beim Publikum die größten Begeisterungsstürme auslösten. Immerhin wurde jedes Album mit mindestens einem Song bedacht und mit „Ripcord“, „Airbag“, „Idioteque“ und „There there“ jede Schaffensphase zumindest gestreift. Sogar einen Song von Thoms Soloalbum gab es im Zugabenteil zu hören.

Thom Yorke war trotz des von ihm verkündeten Lampenfiebers bester Laune und machte zu „You and whose army?“ Späße mit der Kamera, indem er fast hineinkroch.

Um halb 11 war das Minifestival für diesen Tag vorbei, und wir konnten uns mit den Zigtausend anderen Besuchern in den gewaltigen Besucherstrom zurück zur U-Bahn einreihen. Der Verkehr rund um Mile Ende stand sicher für eine volle Stunde still, während die Fans unter Polizeiaufsicht, aber britisch gesittet nach und nach in der U-Bahn verschwanden.

Fazit: Ein toller Abend mit beeindruckender Lichtshow, bei dem jedoch die älteren Stücke zu kurz kamen. Vielleicht hatte auch die Band diesen Eindruck, denn die Playliste am 25. war in dieser Hinsicht befriedigender.

Setlist Radiohead, Victoria Park, London*:

15 Step
Bodysnatchers
All I Need
The National Anthem
Pyramid Song
Nude
Weird Fishes/Arpeggi
The Gloaming
Dollars & Cents
Faust Arp
There There
Just
Climbing Up The Walls
Reckoner
Everything In Its Right Place
How To Disappear Completely
Jigsaw Falling Into Place
Videotape
Airbag
Bangers and Mash
Planet Telex
The Tourist
Cymbal Rush
You And Whose Army?
Idioteque

Links:

- Radiohead in Paris
- Bat for Lashes diverse Male

* Internetrecherche

von Ursula und Dirk von Platten vor Gericht




Mittwoch, 11. Juni 2008

Radiohead, Paris, 10.06.08

3 Kommentare

Konzert: Radiohead (Bat For Lashes)

Ort: POPB, Paris-Bercy
Datum: 10.06.2008
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: 2 Stunden 10 Minuten (nur Radiohead), Bat For Lashes circa. 45 Minuten


Was mache ich eigentlich hier bei Radiohead im riesigen Palais Omnisport von Paris-Bercy?

Ich wollte doch gar nicht hier sein, da ich riesige Hallenveranstaltungen nicht sonderlich schätze und ich mich zudem mit Radiohead, einer meiner Lieblingsbands de neunziger Jahre seit langem nicht mehr beschäftigt habe. Aber eine Bekannte wollte unbedingt noch ihre überschüssige Karte loswerden und mir fiel es schwer, sie zu enttäuschen. Da stehe ich nun, zwischen all diesen jungen, verschwitzten und teilweise ungepflegt aussehenden Menschen, die ebenfalls auf die glorreiche Idee kamen, bei herrlichstem Sommerwetter in einer dunklen und stickigen Mehrzweckhalle den manisch-depressiven Anfällen von Herrn Thom Yorke beizuwohnen.

Es herrscht eine Luft wie im Gewächshaus und meine unmittelbaren Nachbarn riechen ziemlich streng unter den Achseln.
Man kann zwar kaum atmen, aber trotzdem halten sie es für passend, die Luft durch Tabak-und Marihuana Rauch weiter zu verpesten. An Rauchverbote halten sich doch nur Spiesser! Einer nach dem anderen steckt sich einen Glimmstengel an und da stehe ich dummerweise genau dazwischen und bekomme ein übles Gras in die Nase geblasen. Links und rechts von mir stehen zwei Mädchen, deren Haupt wunderschöne und 2 Kilogramm schwere Rastazöpfe zieren. Eine von den beiden klebt so nah an mir, dass ich ihre Haarpracht ständig an meinem Arm spüre. Es fühlt sich an, als würde mir ein Kamel seinen warmen, schweren Schwanz über die Glieder pinseln. Mich überkommt ein Würgereiz, der noch dadurch verschlimmert wird, dass die andere Rastalady hektisch in ihren Kunsthaaren gratzt, als hätte sie Flöhe. Ob mich meine Kappe davor schützt, dass die Viecher auf meine Kopfhaut rüberspringen?

Kurze Zeit später kriege ich von einem anderen Mädel den Tabak in die Nase geblasen. Mir wird es jetzt zu bunt, ich bitte sie höflich, die Kippe auszumachen. Sie guckt ganz angesäuert und bringt den Spruch des Tages: "Moment mal, Alter, wir leben doch hier in einer Demokratie!" Was sagt man dazu? Am besten gar nichts mehr! Wenn sie wenigstens gesagt hätte: "Hör zu, es widerspricht dem Punk- und Indiespirit, Gesetze einzuhalten", hätte ich ihr noch beigepflichtet, aber das sie mir hier mit Demokratie kommt, ist der Gipfel der Frechheit. Weiss sie überhaupt, dass Demokratie von dem griechischen Wort demos= das Volk kommt?

Sie scheint ohnehin ignorant zu sein und ihre Freundinnen auch.
Schon bei der wundervollen Vorgruppe Bat For Lashes hatten sie genervt, ständig geplappert und auf ironische Weise lautstark gejubelt als Natasha Khan das letzte Lied ihres Sets angekündigt hatte. Sie kannten die Band nicht und waren auch nicht im Geringsten neugierig darauf, vorher Unbekanntes kennenzulernen.

Ein konzertbegeisterter Bekannter, den ich zuvor in der Metro getroffen hatte, hatte dieses Szenario schon treffsicher vorausgesagt: "Für die Vorgruppe wird sich in Bercy eh keiner interessieren, auch wenn die toll ist". Leider hatte er recht behalten und schon mit dem Namen, waren Typen hinter mir überfordert. "Jetzt spielt wohl erst "Lashes is bad", oder so ähnlich...

Oder so ähnlich, auch der zweite Versuch des ahnungslosen Jünglings, seinen Freunden zu erklären, wer denn das Vorprogram bestreite, misslingt, selbst wenn er diesmal näher dran war: "Bad Lashes", nennt er das Projekt von Natasha Khan jetzt.

Ich überlege kurz, ob ich aufklärerisch tätig werden soll, lasse das aber lieber bleiben, weil ich befürchte, ansonsten noch den Banausen erklären zu müssen, welchem Musikstil Bat For Lashes zuzurechnen ist. Das ist nämlich auch gar nicht so einfach.
In welche Schublade(n) könnte man das stecken? Indie, Alternative, (Freak)-Folk? Oder ist Natasha Khan etwa eine Singer/Songwriterin mit angeschlossener Band? Wahrscheinlich ist das von allem ein bisschen, aber hauptsächlich schon das Projekt von Fräulein Khan. Die könnte aber nie und nimmer ihre Lieder alleine auf der Gitarre vortragen, wie z.B. eine My Brightest Diamond, mit der sie manchmal verglichen wird. Um ihren Stilmix hinzubekommen, bedarf es vieler Instrumente und anderer talentierter Künstler, die (oft sich untereinander abwechselnd) an Geige, Harfe, Klarinette, Trommel und sogar singender Säge (!) agieren. Bisher steuerte eine rein weibliche Begleitband diese Parts bei, heute aber war auch ein Mann an der am hinteren Bühnenrand befindlichen Harfe zu Werke.

Bei Bat For Lashes klingt alles mystisch und geheimnisvoll, vor allem aber düster-melancholisch. Ihre Musik ist eigentlich der ideale Soundtrack für einen gruseligen Nachtspaziergang durch einen dunklen Wald.
Aber auch die Schönheit und Romantik wird nicht vergessen, sowohl in musikalischer als auch szenischer Hinsicht. Die Kostüme von Natasha und ihrer Band sind stets ungewöhnlich und extravagant und auch die Bühnendekoration ist wichtiger Bestandteil. Ob allerdings die Tibet-Fahne zu Bat For Lashes, Radiohead, oder beiden Acts des heutigen Abends gehörte, blieb mir ein Geheimnis. Miss Khan hat pakistanische Wurzeln, das weiss man und auch ihr Vater war politisch aktiv, aber ob sich seine Tochter für Tibet einsetzt, will ich nicht ungeprüft behaupten.

Bleiben wir also lieber bei der Musik, denn die ist unbedingt erwähnens -und empfehlenswert. "Horse & I", z.B., der Knüller mit der singenden Säge, soll auch ein Lieblingslied von Thom Yorke sein. "The Wizard" und "Trophy", ebenfalls glänzend. Und zu meiner (nicht unbedingt der meiner Nachbarn) Freude gab es auch drei nagelneue Lieder im Set.
Leider kann ich hier noch keine Songtitel präsentieren, aber vor allem das erste davon war überragend. Die stimmliche Nähe zu Kate Bush, die Natasha oft nachgesagt wird, nicht aber immer gegeben ist, kam hier recht deutlich zum Ausdruck. Ein Hammer, der eigentlich nur durch das abschliessende "What's A Girl To Do" getoppt wurde zu dem das Publikum endlich auch mal ein wenig mitging!

Auszüge aus der Setlist von Bat For Lashes:

- intro
- Trophy
- Horse And I
- The Wizard
- I Saw A Light
- Prescilla
- What's A Girl To Do

+ 3 neue, sehr gute Lieder!

Danach war eine quälend lange Pause angesagt, die ich mir dadurch vertrieb, dass ich über die Schultern meiner Vorderfrau die Zeitung mitlas. Wie eigentlich immer in der Presse war Sarkozy der Sündenbock für alles. Erst konnte ich lesen, das Nicolas immer mehr Zulauf von der rechtsradikalen FN erhalte, dann war er auch noch für Mängel im Gesundheistsytem verantwortlich (Spitzname hier: Dr. Sarko) und wurde mit dem Satz zitiert: "Ihre Aids-Erkrankung ist psychosomatisch". Das erinnerte mich an eine kürzliche Taxifahrt, bei der der Fahrer mir wutschnaubend erklärte, Sarkozy habe ihm seine Rente versaut, er könne jetzt seine Lizenz, die mal so viel wert gewesen sei, nicht mehr verkaufen. Ich fragte mich gedanklich ganz kurz, ob Sarkozy (dessen Anhänger ich keineswegs bin) wohl auch für ein mögliches frühes Ausscheiden der Fussball-Nationalmannschaft verantwortlich gemacht werde, bekam aber jetzt - wie oben erwähnt - den Zigarettenrauch meiner Nachbarin in die Nase gepustet. Gibt es nicht so etwas wie ein Rauchverbot seit dem 1. Januar 2008? Hmm, eigentlich ja schon, aber da man wohl Sarkozy für das Gesetz verantwortlich macht, das sein sozialistischer Kollege Evin schon 1991 vorbereitet hat, hält sich keiner dran...

Na ja, Nicholas kann mit seiner mangelnden Popularität ganz gut leben, der hat ja jetzt auch die schöne Carla zum Trösten und den Friedensnobelpreis wollte er ja auch nie gewinnen. Thom Yorke würde sich aber bestimmt über eine solche Auszeichnung freuen, oder nicht? Kämft er nicht schon zusammen mit Bono und Chris "Coldplay" Martin um diesen Titel? Die drei könnten da schon ein gutes Team bilden, Bono, der Blutgrätscher, Chris, der schnelle Flügelflitzer und Thom, der Wadenbeisser, vereint in dem Bestreben eine bessere Welt zu erschaffen.

Thom hat ja schon die Musikwelt revolutioniert, da seine Band als allerallererste ein Album ins Netz stellte und zum Gratis-Download freigab (ähh, hatten das nicht längst kleinere Bands ohne grossen Rummel vorher getan?),
da muss er jezt auf anderen Feldern tätig werden. Der gelbe Poncho und der andere Merchandising - Kram sollen 100 % Fairtrade sein. Finde ich gut, ganz ehrlich! Meine Turnschuhe sind auch solche Fairtrade- Treter und den Kaffee kaufe ich auch immer im Bioladen um die Ecke und hoffe, dass ich damit eine gute Tat tue. Aber hatten nicht schon Razorlight vor zwei Jahren Fair-Trade Shirts verkauft? Ach so, ich vergas, Johnny Borell mag ja keiner, da hat sich die gesamte Musikpresse darauf geeinigt, dass das ein arroganter Sack ist und seine Musik gekünstelte Kacke!

Thom aber ist ein Held, seine Musik revolutionär und das letzte Album "In Rainbows" wieder einmal ein Meisterwerk. Journalisten streiten nur noch darum, ob "OK Computer" noch besser war, oder ob die genannten Geniestreiche eigentlich Platz 1 und 2 der besten Alben aller Zeiten belegen müssen,
dicht gefolgt von "The Bends". Nur Nirvana als andere relativ "neue" Band, die nicht wie die Beatles und Bob Dylan schon uralt sind, können in solchen Listen mit Radiohead mithalten. Beste Single aller Zeiten? Wenn es nicht irgend eine Scheusslichkeit von den Beatles (die ich eigentlich mag), Bob Dylan oder den Stones (die ich nie mochte) ist, dann totsicher "Karma Police", "Paranoid Android", oder - wenn der Jorunalist kreativ sein will - "Fake Plastic Trees". Gut, es wird oft auch "Smells Like Teen Spirit" erwähnt, aber es geht ja hier nicht um Nirvana, sondern um Radiohead!

Solche Lobpreisungen schreien natürlich geradezu nach Überprüfung. Wieder einmal, denn 2003 stand ich schon einmal in der Allzweckjacke von Paris-Bercy und habe von Radiohead vor allem unerträglich laut jaulende Gitarren in Erinnerung.

Wie "Paranoid Android" heute auf mich wirken würde, kann ich nicht beurteilen. Es wurde nämlich schlicht und einfach nicht gespielt, genausowenig wie "Creep"! Lediglich die hartgesottenen Fans, die zwei Tage hintereinander (9. und 10. Juni) ins POPB kamen, können da mitreden, denn am 9. Juni gehörte das Stück zur Setlist. Am 10. also heute und nicht am 9.,
gab es allerdings die Bat For Lashes gewidmete Zugabe "Karma Police" und die war nach wie vor vorzüglich. Und ob das jetzt die beste Single aller Zeiten ist, muss ich nicht beurteilen, zumal da bei mir sowieso viele Sachen von Joy Division rangieren würden.

Als hervorragend empfand ich auch den Klassiker "Fake Plastic Trees" von The Bends und einige neue Stücke vom letzten Album vor allem "Nude" und "Weird Fishes /Arpeggi", wohingegen an Liedern wie "Just", oder " Airbag" irgendwie der Geruch der Neunziger hängen geblieben ist.
Insofern kann ich durchaus beipflichten, wenn gesagt wird, dass sich die Band im Laufe der Jahre immer weiter entwickelt hat und "In Rainbow" sehr modern klingt, ohne die Wurzeln zu verleugnen. Oft kam bei mir die Assoziation zu Portishead in den Kopf, auch dort gibt es eine sehr prägnante Stimme an der Spitze, ein Tüfteln mit elektronischen Klängen, ohne dass das Ganze zu experimentell wird und auch die Bühnenschau wies Ähnlichkeiten auf. Es gab nämlich bei Radiohead auch diesen Gimmick, dass man auf der rückwärtigen Leinwand die Band in leicht verzerrter Form in Aktion sah. Oft blickte man deshalb auf den weitaufgerissenen Schlund von Thom Yorke, der greinte und winselte wie eh und je. Seine Bandkollegen, also die Greenwoods, Ed O'Brien und Drummer Phil Selway, waren da natürlich unauffälliger, aber eine One-Man Show war es in gar keinem Fall, dazu ist der Sound der Gruppe zu komplex. Wenn Thom wie ein Rumpelstilzchen tanzte oder am Piano sass, waren aber natürlich alle Blicke auf ihn gerichtet. Und wer wissen will, was der schmächtige Mann gesagt hat, bitteschön:

- ça va Johnny (welchen Johnny meinte er?)
- Take it nice and easy in the front now. Don't squash anyone.
- Merci. Cool beans. Fucking Hell Man!
- ça va?

Nicht viel also und ansonsten gab er bezüglich zwei neuer Lieder,
"Bangers And Mash" und "Super Collider" den Hinweis: "You can get this song on the internet".

Richtig so, keine grossen Reden schwingen, sondern die Musik sprechen lassen! Diese verstummte nach ziemlich genau 2 Stunden und 10 Minuten Spielzeit. Ich hatte ein insgesamt recht gutes Konzert gesehen,
bei dem es aber auch ein paar regelrecht langweilige Passagen gab. Meinen Nerv trifft eine meiner Lieblingsbands der Neunziger nur noch vereinzelt, auch wenn einige Songs nach wir vor glänzend sind, genau wie im übrigen die wunderbare Lightshow mit den gletscherartigen Lichtstäben.


Die Setlist von Radiohead vom 9.06.2008 von Paris Bercy (die Band hat zwei Tage hintereinander gespielt) findet man hier, bei meinem Bekannten von photosandgigs.com

Setlist Radiohead, POParis-Bercy, 10.06.2008:

01: 15 Step
02: Bodysnatchers
03: All I Need
04: Airbag
05: Nude
06: Pyramide Song
07: Weird Fishes/Arpeggi
08: The Gloaming
09: Dollars And Cents
10: Faust Arp
11: Videotape
12: Optimistic
13: Just
14: Reckoner
15: Everything In It's Right Place
16: Fake Plastic Trees
17: Jigsaw Falling Into Place

18: House Of Cards
19: There There
20: Bangers And Mash
21: The National Anthem
22: How To Disappear Completely

23: Super Collider
24: You And Whose Army?
25: Karma Police
26: Idioteque


Links:

- mehr Fotos von Radiohead
- mehr Fotos von Bat For Lashes




 

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