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um
15:11
Konzert: Crystal Castles & Fuck ButtonsOrt: Le Trabendo, ParisDatum: 22.05.08Zuschauer: ausverkauft, also 700Konzertdauer: Crystal Castles höchstens 40 MinutenSich noch einmal jung fühlen und auch so aussehen. Mit fast 37 Jahren auf dem Buckel ein recht hoffnungloses Unterfangen!
Dennoch wagte ich es und stürtzte mich ins Abenteuer. Um jugendlicher auszusehen, hatte ich extra für den Konzertabend meine spacigen, silber-orangefarbenen Sneakers angezogen und machte mich somit richtig beschuht auf den Weg Richtung Parc de la Vilette, wo das Trabendo liegt.Den wunderbaren Folkabend in der Maroquinerie mit meinem persönlichen Favoriten Loney, Dear hatte ich für Crystal Castles geopfert, schliesslich wollte ich nicht schon wieder auf einer Altherren-Veranstaltung landen. Ich wollte mich doch noch einmal jung fühlen...
Als ich gegen 20 Uhr 15 das Trabendo betrat, war noch nicht sonderlich viel los. Auf der Bühne war aber schon eine Band zugange, Telepathe aus Brooklyn (woher sonst, alle neuen Bands aus den USA scheinen dort ansässig zu sein!), laut MySpace ein Quartett, aber heute nur zu dritt erschienen. Es gab zwei Sängerinnen, ein dunkelblondes Mädchen
die auf der linken Seite agierte und ein schwarzhaariges Girlie in der Mitte, bei dem ich mich aufgrund der kurzen Haare und dem knabenhaften Erscheinungsbild aber fragte, ob es sich nicht um einen Jungen handele.Die drei, die auch auf der Talentmesse The Great Escape in Brighton mitgemischt hatten, spielten recht hübsch gemachten Elektro-Pop, bei dem sich der experimentelle Anteil in Grenzen hielt, aber dennoch präsent war. Eine mehr oder wenige klassische Struktur mit Gesang und Strophen hatte das Ganze auf jeden Fall.Von den danach folgenden Fuck Buttons konnte man das in musikalischer Hinsicht nicht gerade behaupten.
Ihr Stil war eindeutig experimentell und folgte nicht dem klassischen Aufbau "Strophe-Refrain-Strophe". Hier wurde eher mit Klängen und Geräuschen operiert und der Gesang bestand darin, dass einer der beiden männlichen Akteure (Benjamin John Power) in ein weisses Plastikmikro unverständliche Laute bellte.
So etwas in der Art kannte ich schon von der Band Battles, mit denen die Fuck Buttons auch schon auf Tour waren, aber bei der heute auftretenden Gruppe war das Ganze weniger schlumpfig, aber ebenfalls stark verzerrt.Links von dem Experimentiertisch, auf dem alle möglichen Laptops und Konsolen herumstanden, agierte ein kapuzetragender junger Mann mit asiatischen Wurzeln, Andrew Jung mit Namen. Zu seiner Linken gab es einen aufgeklappten Koffer, in dem sich alle erdenklichen Tastenintrumente befanden,
in die er mit der linken Hand hereingriff, während er mit seiner Rechten Minikeyboards, die auf dem Tisch standen , bediente.Sein Holzfällerhemd und Basecap tragender Kumpel gegenüber, hatte gleich vor sich ein weisses Plastikteil, dass an ein Kofferradio erinnerte. Seine spektakulärste Showeinlage bestand darin, zeitweise auf eine vor dem Tisch befindliche Trommel einzuprügeln.Der mit all diesen kuriosen Apparaten kreierte Sound war phasenweise stark monoton, brach aber oft im Laufe des Stückes aus dieser Eintönigkeit aus und steigerte sich ins Extatische.
Besondere Action im Publikum war aber nicht zu erkennen, die wenigsten Zuschauer tanzten. Einer schien sich allerdings grossartig zu amüsieren: Vincent Moon von der Blogothèque, der mit seiner obligatorischen Kandada-Militärweste, die er immer anhat (mieft das Teil nicht inzwischen unter den Armen?), abging wie ein Wilder. In typischer Manier machte er ausladende Bewegungen mit seinem Kopf und schwankte hin und her, so dass ich ein wenig Angst hatte, eine Kopfnuss à la Zinedine Zidane verpasst zu bekommen. Witzigerweise, machte er schon zu My Brightest Diamond exakt die gleichen Bewegungen und die macht ja nicht wirklich die gleiche Musik wie die Fuck Buttons...Das extrem junge Publikum schien jedenfalls mehr auf die Tanzeinlagen von Vincent Moon zu achten, als auf die Bemühungen der zwei jungen Mäner auf der Bühne, was nicht unbedingt für die Band sprach.Ich hielt sie allerdings nicht für uninteressant und könnte mich möglicherweise in den Stoff einhören.Danach war eine lange Pause angesagt. Ich vertrieb mir die Zeit des Wartens damit, die Jugendlichen anzuschauen, die dicht an dicht in meiner Nachbarschaft standen . Ein Mädchen, das englisch sprach, war höchstens 12 Jahre alt und trug ein T-Shirt der Band, die gleich auftreten sollte. Um etwas zu sehen, war sie auf eine Stufe geklettert, die sich gleich links von mir befand.
Hätte ich mich doch auch zu ihr da raufgestellt, dann wäre es während des Konzertes für mich angenehmer geworden, aber hierzu später mehr!Den Altersdurchschnitt des Grossteils des restlichen Publikums würde ich auf 16-18 beziffern, ich war also doppelt so alt, wie die Jungspunde, die mich umzingelten. Kleidungstechnisch waren bei den Jungen enge Jeans,
fetzige Turnschuhe und T-Shirts mit buntem (teils neonfarbenen) Aufdruck angesagt und die Haare trugen die Kerle lang und wuschelig. Die Mädchen hingegen folgtem dem aktuellen Pariser Stilkodex, der da lautet: Stiefelchen, schwarze Strumpfhose oder die wieder angesagten Leggings und darüber ein luftiges Kleidchen.
Ein Mädchen vor mir fiel mir besonders auf, sie trug eine Swatch-Uhr mit einem Armband im Zauberwürfeldesign und ein weisses Ramones T-Shirt. Im britischen NME hatte ich kürzlich gelesen, dass die Musik von Crystal Castles der Punk der Generation MySpace sei. Crystal Castles also die Ramones des Jahres 2008?Ich war gespannt, denn der NME sprach nicht nur von der punkigen Attitüde des Duos aus Kanada, sondern auch davon, dass die Gruppe Töne erzeugen könne, die keine andere Band der Welt hinkriegen würde.Dann ging es endlich los. Alice Glass,
die schwarzhaarige Neo-Punkerin, sprang wie aufgezogen durch die Gegend und erschien schon früh sehr nah am Bühnenrand, was dazu führte, dass sämtliche Teenagerhände ihr entgegenflogen. Es war so voll und eng, dass mir kaum Luft zum atmen blieb. An Fotografieren war nicht zu denken, ich wurde hin-und hergeschubst und spürte schmerzlich oft Ellenbogen in meinen Rippen.
Regelmässig wurde ich gegen die links von mir befindliche oben angesprochene Stufe geschoben und irgendwann war der Druck der Menschenmenge so gross, dass ich in der Höhe meiner Kniekehlen rücklings einsackte und mindestens zehn schwitzendene Leiber auf mir spürte.
Mit letzter Kraft konnte ich die Meute zur Seite schieben und mich wieder aufrichten, nur um 5 Minuten später wieder wie ein Käfer auf meinem Rücken zu landen! Ich bekam es mit der Angst zu tun und schaffte es irgendwie, die Stuffe zu erklimmen, wo ich etwas unbedrängter stand. Alice Glass liess es sich derweil nicht nehmen, ein Bad in der aufgepeitschten Menge zu geniessen! Die junge Frau war mit ihrem Röckchen und den Converse Schuhen wild wie eine Raubkatze. Sie erinnnerte mich an eine magere Ausgabe von Beth"Gossip" Ditto. Ein heisses Weibsbild! Manchmal robbte sie mit den Knien über den Boden und nahm so den Putzfrauen die spätere Arbeit ein wenig ab.
Das Trabendo glich einem schwitzenden und keuschenden Hexenkessel, der zu den elektronischen Klängen und den spitzen Schreien der Sängerin wie auf einem Trip abging. Die Bühne war weitgehend abgedunkelt und die Künstler erkannte man nur in Umrissen, wenn das Licht ab und zu hell aufflackerte. Kaum zu sehen, war Ethan Kath, der männliche Keyboarder der Band, etwas besser hingegen ein zusätzlicher Schlagzeuger am rechten Bühnenrand.
Die Hits des Debütalbums wurden wie Feuerwerkskörper abgefackelt, allen voran das cool groovende "Crimewave", oder auch das an ein Computerspiel erinnernde "Untrust Us". Die Stimmung war durchgängig hervorragend und wild, Crowdsurfer enterten regelmässig die Bühne und sprangen auf die rettenden Arme der armen Teenager in den ersten Reihen.Das ganze Spektakel dauerte aber höchstens 35 Minuten, sprich genauso lange wie man zuvor auf die Band warten musste.
Dann gab es noch eine gefeierte Zugabe und es hatte sich ausgechrystalcastlet.Die Kanadier hatten auf ganzer Linie abgeräumt und nicht nur einen alten Mann wie mich ins Schwitzen gebracht. Wenn man zufällig die T-Shirts der jungen Besucher berührte, hatte man eine ganz nasse Hand...
um
01:28
Konzert: Hot ChipOrt: Le Trabendo, ParisDatum: 17.03.2008Zuschauer: ausverkauftKonzertdauer: 85 MinutenMachen wir es kurz: Dieses Konzert ging irgendwie an mir vorbei!
Das mag mehrer Gründe haben. Zunächst einmal bin ich nicht der allergrößte Fan elektronischer Musik, weil Synthesizer ziemlich kühle und sterile Känge produzieren, die mich nicht wirklich erreichen. Desweiteren habe ich gewisse Probleme mit den Szenegängern, die von computergesteuerten Beats angezogen werden, wie die Motten vom Licht. Wie sie da selbstverliebt rumtanzen, sich obercool finden in ihren engen Lederjacken, über die ganz lässig das Kapuzenteil kombiniert wird und dann noch die angesagten bunten Sneakers an den Füßen, hach diese Typen sind einfach zu schön für diese Welt! Man merkt es meinen Worten schon an: Ich bin etwas genervt und abgetörnt von diesem Abend!Dabei bemühe ich mich seit geraumer Zeit, mich (wieder) für neue elektronische und experimentelle Musik zu öffnen. In den 80ern, als ganz junger Knabe, war ich nämlich ganz heiß auf alles, was synthetisch klang. New Order, Yazoo, die frühen Depeche Mode und vor allem die Pet Shop Boys habe ich sehr geliebt in dieser Zeit. In den 90ern, beim Studium in Berlin, wurde es mir aber schon bald zu ravig. Egal, wo man hinging, überall zirpte und wummerte es, Techno war einfach überall. Und dann noch diese nervige Love Parade! Am Anfang mochte ich sie ja noch, als ich nämlich mit ein paar Kommilitonen und ein paar hundert anderen Schaulustigen den Techno-Wagen hinterhergelaufen bin. Dann wurde dieses Event immer größer und beknackter und ich habe einen weiten Bogen um die Veranstaltung gemacht. Was mich am meisten störte: Obwohl immer viel von der sogenannten "großen Familie" gelabert wurde, die die Raver doch darstellen würden, habe ich davon nie wirklich etwas mitbekommen. Leute hat man in den einschlägigen Clubs irgendwie nie kennenglernt, die waren alle zu sehr mit sich selbst beschäftigt! Und dabei auch immer recht aggressiv, eine Schlägerei lag oft in der Luft.
Anscheinend hat sich das Klima auf Elektro-Verantstaltungen nicht großartig verändert. Jeder tanzt wild alleine vor sich hin, gelächelt wird selten (ist ja auch uncool) und auch die Ruppigkeiten unter den Leuten gehören noch dazu. Seit fünf Jahren gehe ich jetzt in Paris auf Konzerte (meist Indie-Rock, Folk, Pop) und immer war der Umgang unter den Konzertgängern äußerst respektvoll und friedlich. Selbst bei harten Bands wie den Queens Of The Stone Age habe ich nie Anfeindungen erlebt.
Und was passiert heute? Ein unhöflicher Schnösel drängt sich mitten während des Konzertes in meine Ecke rein und stellt sich direkt vor mich, so daß ich weder etwas sehen, noch Fotos schießen kann. Ich war komplett abgedrängt. Natürlich habe ich protestiert und bekomme dann zu hören, daß ich mich nicht mit den falschen Leuten anlegen solle, ansonsten würde er mich "zu Boden strecken" (" Sinon je t'allonge"). Super Stimmung!
Aber auch ohne diesen überflüssigen Zwischenfall, wäre es nicht leicht geworden, dieses Konzert wie die anderen Besucher (die unglaublich abgingen!) zu genießen. Zur Vorbereitung auf den Abend hatte ich mir ohne Unterlaß CDs von Hot Chip angehört, kam da aber nie richtig rein.
Vor circa zwei Jahren war das anders, da hatte ich Hot Chip in der Maroquinerie gesehen und Spaß gehabt (deshalb kam ich ja heute wieder!). Die beiden ersten Alben gefielen mir auch recht gut, vor allem, weil im Gegensatz zu anderen Elektro-Bands eben nicht mit der Hauruck-Methode verfahren wurde,
da gab es schöne Stimmen, einen richtigen Gesang (eine Seltenheit bei diesem Genre) und auch einen Hauch Melancholie und Wehmut. Heute aber erschien mir alles sehr wabernd und technisch, es wummerte und bebte von Anfang an (so daß der Boden wackelte!) und war mir zu frontal. Selbst " Boy From School", einer meiner Lieblinge, kam ziemlich hart rüber, ich erkannte das Lied fast nicht mehr.
Der Geschmack des restlichen Publikums wurde allerdings punktgenau getroffen, die Stimmung war euphorisch und aufgeladen, vor allem beim Straßenfeger "Over & Over". So war ich dann auch einer der ganz Wenigen, die kein sonderlich positives Fazit unter diesen Konzert-Abend setzen konnten: Ich bin nun einmal kein (Nu-) Raver und werde es wohl auch nicht mehr, das wurde mir wieder klar.
Den fünf Kerlen von Hot Chip selbst kann man allerdings überhaupt keinen Vorwurf machen. Sie waren auf ihre nerdige Art und Weise nett und nicht arrogant, spielten mit unglaublich viel Einsatz Lieder (Fans würden sagen Hits) aller drei Alben und gaben auch noch ein paar umjubelte Zugaben.
Dies alles im Übrigen vor einer in verschiedenen Farben leuchtenden Leinwand, die mich an Berglandschaften erinnerte, wie man sie vom Flugzeug aus sieht wenn man aus dem Fenster glotzt. Schön, diese Assoziation und mit diesem versönlichen Gedanken will ich auch für heute abschließen.
Und vielleicht bin ich ja doch im August bei Hot Chip wieder dabei, dann wollen sie nämlich erneut nach Paris kommen. Wer weiß, vielleicht springt ja dann auch der Funke auf mich über?
Setlist Hot Chip, Le Trabendo, Paris:
01: Shake A Fist
02: Boy From School
03: Hold On
04: Bendable Poseable
05: Touch Too Much
06: Over & Over
07: Out At The Pictures
08: Wrestlers
09: (Crap Kraft Dinner)
10: One Pure Thought
11: Ready For The Floor
12: Made In The Dark
13: Don't Dance
14: No Fit State
15: Privacy Of Our Love
Konzertbesucher von Hot Chip könnten ebenfalls mögen:
- Foals in Paris
- LCD Soundsystem in Paris
- Battles in Paris
- Battles in Köln
- !!! (chk chk chk) in Paris (Bataclan)
um
01:16
Konzert: The CharlatansOrt: Le Trabendo, ParisDatum: 12.02.2008Zuschauer: der Raum war nur zu circa.60-65 % ausgelastet (Wo sind die Pariser Charlatan Fans?)
Konzerte im Trabendo kann ich eigentlich nicht leiden. Das liegt aber nicht an dem angebotenen Programm - denn das ist oft vorzüglich ( hier spielten in den letzten Jahren schon Yo La Tengo, Midlake, Giant Sand, Ray La Montagne, die Editors, die Rakes, Kaiser Chiefs etc.) - sondern an dem recht uncharmanten Saal selbst und der langen und unangenehmen Anreise. In der Metro geht es schon los. Ich muß erst bis zur Station Republique fahren und dann in die stets überfüllte Linie 5 nach Bobigny Pablo Picasso umsteigen. Schwitzende Körper kleben dort auf Grund der Enge aneinander, die meisten Reisenden haben zudem schlechten Atem und sind häßlich und verpickelt. Hübsche Frauen wie in den schönen Vierteln ("les beaux quartiers") gibt es hier wenige. Es werden auch keine Designer-Handtaschen Gassi geführt und nach wohlriechendem Parfüm duftet niemand. Paris zeigt sich hier von seiner ärmeren Seite. Die glitzernde, luxuriöse Weltstadt scheint weit entfernt zu sein.
Und während ich überlege, welche Lieder die Charlatans wohl heute so spielen werden, grübeln die meisten anderen in meinem Abteil wahrscheinlich darüber nach, wie sie in diesem Monat finanziell über die Runden kommen. In diesen Momenten komme ich mir ein bißchen wie ein Snob vor. Ein Snob, der sich zu anderen vergnügungsuchenden Snobs gesellt, die dann Bands zuhören, die darüber singen, wie Scheiße doch die Welt ist und wie öde und ungerecht das Leben. Alles Wohlstandskinder. Sowohl die Besucher dieser Konzerte, als auch die Bands selbst, egal wie ausgeleiert und siffig ihre Klamotten aussehen mögen. Machen wir uns nichts vor: Rock, Folk, Britpop, all diese Musikstile ziehen die gebildete Elite an, wie das Licht die Fliegen. Die Leute aus der Banlieue hören Hip Hop, oder Rap, oft auch die Mainstream-Scheiße.Und vielen Bands, gerade aus England, nehme ich ihre Themen nicht ab. Vorstadt-Tristesse, Alkoholismus, Perspektivlosigkeit, damit kommt fast jede Band aus dem Vereinigten Königreich an.
Abgedroschen und albern! Oft wirkt das nicht sehr authentisch, die Musiker zudem sehr eitel und selbstverliebt, stark auf ihre Kleidung, ihren Look, fixiert. Echte Proleten sehen anders aus. Worüber singen die Charlatans? Darüber wie grau und abstoßend es in England ist? Mal ganz ehrlich: ist mir völlig Wurst! Hauptsache man kann mitgröhlen, abtanzen und Spaß haben. Alltagsverdrängung, das ist es doch oft, was Musik ausmacht. Das Leben rosiger sehen, sich von melodischen Gitarren in luftige Höhen treiben lassen, sich einfach cooler und schöner fühlen. Und als dies in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter. Gerade in England liebt man diesen kollektiven Rausch, säuft, jubelt und gröhlt gerne zusammen. Das ist beim Fußball so und bei der Musik sehr ähnlich. Nie werde ich vergessen, wie zehntausende Kehlen 2007 beim O2 Wireless-Festival im Londoner Hyde Park "Ruby, Ruby, Ruby" (Kaiser Chiefs) mitgebrüllt haben.Nun bin ich aber heute nicht in einem Club oder Stadion in England, sondern im Pariser Trabendo. Merkt man natürlich sofort, denn im Gegensatz zu ihrer Heimat, verkaufen die Charlatans hier keine riesigen Locations in kürzester Zeit aus. Es ist sogar enttäuschend leer, vielleicht nur gut zur Hälfte gefüllt.
Ohne die angereisten Briten währe es sogar noch luftiger hier. Macht aber eigentlich nichts, denn so habe ich wenigstens mehr Platz als sonst und kann mich in aller Ruhe ganz vorne hinstellen. Tim Burgess, der schwarzhaarige Sänger der Charlatans, ist mir somit ganz nahe. Nicht, daß mir das sonderlich wichtig wäre, aber ich habe das angenehme Gefühl "mittendrin" (statt nur dabei) zu sein. Los geht es gleich mit einem neuen Stück, "You Cross My Path", einem schnellen, nach vorne gallopierenden Stück, das gleich klarmacht, daß heute keine Zeit für Balladen und Trübsinn ist. Der Sound ist schwer und hochdynamisch und es ist saulaut, obwohl ich brav meine Stöpsel in den Ohren trage.
Bei dem nachfolgenden "Weirdo" kommt zum ersten Mal die Orgel zum Einsatz, das recht alte Stück, das 1992 in England in den Top 20 landete, klingt nach dem typischen Madchester- Kram der in dieser Zeit sehr populär war. Tanzbare Passagen hatte damals die Gitarren-Musik mächtig aufgewirbelt. Das nachfolgende "Tellin' Stories" hingegen hätte auch von Oasis stammen können, genau wie "Mistakes" danach. Witzigerweise sieht auch der Gitarrist aus, als sei er einer der Gallagher-Brüder, gleiche ausgefranste Frisur, ähnliche Gestik und Klamotten. Aber das Hauptaugenmerk gilt natürlich wie immer dem Sänger, obwohl der schaltragende Bassist Martin Blunt die Band ursrünglich gegründet hat (dies behauptet zumindest Wikipedia).
Tim Burgess ist aber auch wirklich der hübscheste der Band, mit seinem pechschwarzen Pilzkopf, der Skinny-Jeans und der engen, dunklen Anzugs-Weste die er über einem T-Shirt trägt. Ein wenig selbstverliebt wirkt er, was ihm das Charisma eines selbstbewußten Mannes verleiht. Auffällig ist sein Zungenspiel, manchmal habe ich das Gefühl, er wolle seinem Mikro einen Zungenkuss geben, dermaßen läßt er den Lappen rollen. Fast wie Britney Spears bei "Baby One More Time"...Aber man sollte auch den Drummer Jon Brookes erwähnen. Der ist mit seinen strähnigen Haaren und dem bleichen Gesicht zwar häßlich wie ein Gespenst, dafür aber dynamisch und sehr wichtig für den typisch-zackigen Charlatans-Sound. Wesentliches Stil- Element ist aber immer wieder die Orgel und die Keyboards, die geben dem Ganzen den tanzbaren Charakter, das Baggy-hafte.
À Propos Tanzen: eine Engländerin hinter mir flippt während des ganzen Konzerts regelrecht aus und benutzt meine Schulter dazu, sich noch höher in die Luft zu katapultieren. Sie rempelt mich bewußt an, flirtet, will mich auch aus der Reserve locken. Wahrscheinlich hält sie mich für einen reservierten Franzosen. Ich will ihr das Gegenteil beweisen, gehe zu dem Hit "The Only One I Know" auch ab wie ein Wilder, obwohl ich nicht auf die Britin stehe. Mir gefällt die junge Französin vor mir viel besser, aber auf die ist auch schon Tim Burgess scharf. Er zwinkert ihr oft zu, gibt ihr sogar urplötzlich die Hand. Wow, Rockstar müßte man sein! Aber egal, ich bin verheiratet und treu (mangels Gelegenheiten wie meine Frau zynisch behauptet).Fast ohne Pausen nimmt das Konzert seinen Gang, viel geredet wird nicht zwischen den Stücken, mal davon abgesehen, daß Tim erwähnt, daß er froh ist, nach so langer Zeit endlich mal wieder in Paris singen zu dürfen.
Die Freunde ist auch ganz auf meiner Seite, denn es gibt im gesamten Set keinen einzigen Ausfall. Besonders schön: das balladenhafte und leicht psychedelische "Architect", zu dem Tim auf einer kleinen Melodica spielt. Als herausragend empfinde ich zudem "You're So Pretty" (mit integrierter "Fade To Grey" Passage, super!), welches man auch auf der Singles Kollektion "Forever" in einer Remix-Version finden kann. Schade, daß dann nach circa. 1 Stunde und 10 Minuten scheinbar schon wieder Schluß ist, passenderweise mit "This Is The End".Die Charlatans haben aber noch jede Menge Lust weiterzuspielen. Großzügige vier Zugaben werden gewährt und die Konzertdauer verlängert sich noch einmal glatt um mindestens zwanzig kurzweilige Minuten,
mit einem genialen "Sproston Green" zum krönenden Abschluß.Es hatte sich also auf jeden Fall gelohnt, ins ungeliebte Trabendo zu pilgern, die Charlatans sind nach wie vor eine großartige Band. Seht sie Euch in Deutschland unbedingt an! Setlist The Charlatans, le Trabendo, Paris:01: You Cross My Path02: Weirdo03: Tellin' Stories04: Mistakes05: Black 'n Blue Eyes ( laut getippter Setliste, eigentlich Blackened Blue Eyes)06: North Country Boy07: Bad Days08: One To Another09: The Only One I Know10: Oh Vanity11: Architect12: Here Comes A Soul Saver13: Bird14: You' re So Pretty15: Misbegotten16: This Is The End17: Love Is The Key18: A Day For Lettin' Go19: How High20: Sproston GreenKonzertdauer: 90 Minuten
Anmerkung: Die meisten (sehr guten) Fotos stammen von entro_py
Vielen Dank! Merci beaucoup!!
um
12:44
Konzert: Thurston Moore
Ort: Le Trabendo, Paris
Datum: 11.12.2007
Zuschauer: mittlere AuslastungSich als Amerikaner bei den Franzosen beliebt zu machen ist eigentlich ganz einfach. Um auf die volle Punktzahl (10/10) in der Schleimskala zu kommen, muß man nur folgendes anstellen:1. Sagen, daß Amerika scheiße ist, der Präsident ein Idiot und überhaupt das ganze Volk unkultiviert und dumm. (2 Punkte)2. Behaupten, daß Frankreich das wahre Land des Friedens und der Freiheit sei. (2 Punkte)3. Die französische Küche und die schönen Frauen loben. (2 Punkte)4. Paris als die schönste Stadt der Welt bezeichnen. (2 Punkte)5. Alle Ansagen auf französisch machen, oder am besten gleich ein französisches Lied singen; vorzugsweise Klassiker des Kulturgutes, also Piaf, Brel, Gainsbourg. (2 Punkte)- Mit Ziffer 1. konnten in den letzten Jahren schon viele amerikanische Künstler punkten. Zu nennen wären u.a. Bright Eyes, Wayne Coyne von den Flaming Lips, die Stars, M. Ward und vor allem Michael Stipe von R.E.M., der sich sogar in aller Form für die US - Regierung entschuldigte.- M. Ward ließ sich zu dem Satz verleiten: "viva la france, the real land of freedom". Also noch einmal 2 Punkte.- von der französischen Küche und den schönen Frauen schwärmten zuletzt die Shins. Dafür gibt's 2 Punkte auf ihr Konto.- Gwen Stefani brachte den Spruch: " I fucking love Paris" und Morrissey meinte gar: "I'd like to live here, but I can't afford it." Jeweils 2 points.- Mehr oder weniger abgemüht haben sich schon viele Künstler in der französischen Sprache. Johnny "Razorlight" Borrell baute in ein Lied auch den Klassiker "Je suis venu te dire" (S.Gainsbourg) ein und Régine "Arcade Fire" Chassagne coverte den Eurovisionshit "Poupée de cire, poupée de son" von France Gall (geschrieben von Gainsbourg). Auf die Spitze trieben es aber Beirut mit einer Coverversion von Jaques Brel (der eigentlich Belgier war) und zwar "Le Moribond" und My Brightest Diamond, die herzallerliebst "Parlez-moi d'amour, einen chanson aus den 30ern sang.Sich bei den Franzosen beliebt zu machen, ein Kinderspiel also. Genauso leicht wie ein Frau ins Bett zu kriegen, die schon 10 Schnäpse intus hat.Die Frage,
die hier interessiert ist aber, wie denn der gute Thurston Moore abschnitt. Hat er die Einschleimregeln auch beherzigt? - Nun, eigentlich sagte er nicht viel und wenn dann nicht in Landessprache. Auch ein französisches Lied fehlte. Punkten konnte er allerdings mit Regel Nr.1. "Heather was born and raised in Texas, the largest state of the union...of the most fucked-up country in the world." Volltreffer Thurston! Außerdem geschickt eingefädelt die Geschichte. Erst (zwischen den Zeilen) lästern über Texas, wo bekannterweise der verhaßte Präsident herkommt und dann noch das ganze Land als scheiße zu bezeichnen, Kompliment! Zitierte Heather Lee Murray war übrigens Support-Act heute abend und erhielt von Thurston dankende Worte während seines Auftritts.
Aber es gab auch noch eine weitere Dame zu bewundern und zwar die Geigerin Samara Lubelski, die als kongeniale Partnerin zu dem Gitarre spielenden Herrn Moore agierte. Zudem waren noch sein Drummer Steve Shelley dabei, der auch schon bei Sonic Youth beim Furia Sound Festival in diesem Jahr getrommelt hatte und zwei weitere Musiker, darunter ein langmähniger Bursche am Bass.Dem Sonic Youth Mann schien sein erneuter Ausflug in Solo-Gefilde zu gefallen.
1995 hatte er das typisch noisige Machwerk "Psychic Hearts" vorgelegt, kürzlich aber mit dem wesentlich sanfteren "Trees Outside The Academy" Fans und Kritiker überrascht. Es ist nämlich fast ein Singer/Songwriter Album geworden und die Noise-Keule holt er hier nur selten raus.
Live klang das aber dann doch alles ziemlich ruppig und laut. Gut so, schließlich wollten die Anhänger ihre Köpfchen ja auch hin-und her schütteln! Immer wenn man ein Noise-oder Post-Rock Konzert besucht ist dieses Phänomen anzutreffen. Sobald die Gitarren losschrammeln und langsam aber sicher immer schneller werden, bewegen sich in schöner Regelmäßigkeit unzählige Köpfe von vorne nach hinten, oder auch (seltener) von links nach rechts. Der Könner macht das mit geschlossenen Augen, wobei der Oberkörper weitestgehend stabil bleibt. Auch die Füße bleiben hierbei ruhig.So konnte man dann auch heute wieder zahlreiche "Kopfnicker" beobachten, herrlich!Besonders heftig waren entprechende Reaktionen bei dem famosen "Wonderful Witches",
aber auch "Trees Outside The Academy" hatte Druck auf dem Kessel. Balladen wurden jedoch auch nicht vergessen, so verzauberte vor allem "Fri/End" in der Anfangsphase mit melodischen Gitarren und dem herrlichen Geigespiel von Samara Lubelski. Überhaupt hatte Thurston in das erste Drittel die sanfteren Stücke von dem neuen Output gesteckt, während am Ende die noisigeren und punkigeren Stücke von dem ersten Album, z.B. "Queen Bee And Her Pals" und "Patti Smith Math Scratch" domierten. So war es dann insgesamt eine sehr ausgewogene Mischung aus alt und neu, die den verzückten Fans geboten wurde. Allzu lang war der Auftritt jedoch nicht. Nach knapp einer Stunde wurde bereits die Bühne verlassen, bevor noch ein paar Zugaben kamen. Thurston verabschiedete sich trotz des heftigen Applauses recht unspektakulär, der Mann hat es nicht nötig sich einzuschleimen. Die Sympathien der Pariser Sonic Youth und T.Moore Fans hatte er ohnehin sicher. Einer auf französisch gesungenen Cover-Version bedurfte es hierzu nicht.Setlist Thurston Moore, Paris, Le Trabendo:01: Frozen Guitar02: The Shape Is In A Trance03: Silver-Blue04: Off Work05: Fri/End06: Wonderful Witches07: Never Light08: Honest James09: Trees Outside The Academy10: Queen Bee And Her Pals11: Feathers12: Staring Statues13: Patti Smith Math Scratch14: Psychic Hearts
um
00:15
Konzert: !!! (chk chk chk)Ort: Le Trabendo, ParisDatum: 6.11.2007Mit hippen, angesagten Bands ist es ja so ein wenig wie mit Technologieaktien. Man muß früh einsteigen und sollte schleunigst verkaufen, wenn sich die breite Masse auf die Titel stürzt. Der Vater von JFK, Joseph Kennedy, soll angeblich all seine Aktien abgestoßen haben, als er mitbekam, daß seine Putzfrau angefangen hatte zu spekulieren und entging so dem Crash von 1929...Warum ich das im Zusammenhang mit !!! (chk chk chk) erwähne? Weil die Band aus Brooklyn im Frühjahr, als ihr zweites Album "Myths Takes" erschien, so etwas wie ein "Hot Stock", also ein heißer Wert war. Die todschicken Trendsetter aus Paris bevölkerten gleich reihenweise das Konzert im Bataclan im April des Jahres.
Auch ich war dabei und schwer angetan von dem Gimmick mit den zwei Schlagzeugern, die gleichzeitig spielen, dem wilden Getümmel auf der Bühne, dem Trompeter und so einigen anderen Dingen mehr.
Zu diesem Zeitpunkt suchte ich nach musikalischer Inspiration, nachdem zwei Leitwölfe der Neo-New Wave Szene, nämlich Maximo Park und Bloc Party, zweite Alben vorgelegt hatten, die mich nicht wirklich begeisterten.
Da kam mir Innovation und Kreativität wie sie !!! (chkc chk chk) boten, gerade recht. Seitdem ist aber wieder ein halbes Jahr ins Land gegangen, neue aufregende Bands (die nächsten Hot Stocks?) wie Los Campesinos!, Operator Please! und Moriarty sind am Horizont aufgetaucht und "Myths Takes" habe ich seitdem kaum noch gehört...In Erinnerung eines denkwürdigen Gigs im April kaufte ich dennoch eine Karte für den heutigen Termin im Trabendo.
Und ganz ehrlich: ich hätte mir das Geld sparen sollen! Nicht, daß die mehrköpfige Band nicht wieder das Publikum wie verrückt aufgemischt hätte . Nein, nein, das war's nicht, der Einsatz, vor allem des Sängers Nic war erneut vorbildlich, die Stimmung ganz hervorragend. Es lag vielmehr an mir: ich langweilte mich, kannte alle Gags schon. Zwei Drummer gleichzeitig? - Laaangweilig! Ein wild zappelnder und ekstatisch tanzender Sänger, der wie ein Fußballer nach einem Tor ans Geländer springt, um die Fans außer Rand und Band zu bringen? - Nervig! Der originelle Trompeter? -Kalter Kaffee!...Ich geb's ja zu,
meine Haltung ist natürlich ziemlich blasiert. Aber wenn man zu stark auf den Faktor Hipness, Coolness und Innovation setzt, wie !!! das tun, besteht nun einmal die Gefahr daß man schnell out ist, zumal wenn man kaum einen Song mit einer Melodie zu bieten hat. Diejenigen, die zum ersten Mal da waren, amüsierten sich hingegen grandios, es gab Leute, die hinterher vom Konzert des Jahres sprachen, so geil fanden sie das Ganze. Ich war allerdings froh, daß es bei einer einzigen Zugabe blieb und ich schnell nach Hause konnte. Chk Chk Chk hatten wirklich alles gegeben, mich erreichten sie mit ihrem Elektro-Funk-Punk aber am heutigen Abend nicht.
Die Aktie !!! ist bei mir deshalb zur Zeit nur eine Halteposition und ich rate auch nicht mehr, jetzt noch einzusteigen. Die Trendsetter - zu denen mich gar nicht zählen will, weil mir eigentlich egal ist, ob eine Band gerade angesagt ist, oder nicht - sind eh schon weitergezogen und kennen bestimmt schon etliche Bands, die gerade tausendmal cooler sind. Und großartig zu suchen, brauchten die szenigen Leute gar nicht: die Vorgruppe "Holy Fuck" (heiliger Strohsack was für ein Bandname!) gilt nämlich schon als der nächste heiße Tipp, der britische NME hat für das gerade erschienene Debütalbum schon mal großzügig 9/10 Punkte springen lassen!Setlist !!! (chk chk chk) Trabendo, Paris:
01: Sunday 5:17 A.M.
02: Myth Takes
03: All My Heroes Are Weirdos
04: Must Be The Moon
05: Dear Can
06: Me And Giuliani Down By The Schoolyard
07: Bend Over Beethoven/Cokie
08: Heart Of Hearts
09: Intensify
um
23:51
Konzert: Bat For LashesOrt: Le Trabendo, ParisDatum: 24.10.2007Zuschauer: restlos ausverkauft, ca.700
"Das ist die allerletzte Karte, die wir haben, möchten sie die nehmen?", fragt mich die junge Frau am Ticketschalter des CD-Ladens Virgin. "Ja, auf jeden Fall", antworte ich hastig und freue mich innerlich schon über mein Glück, am Abend doch noch Bat For Lashes genießen zu dürfen. "Ähh, da gibt es ein kleines Problem, das Computersystem ist abgestürzt und ich komme nicht mehr in den Vorgang rein, wenn ich die gesamte Transaktion wiederhole, wird mir das System sagen, daß keine Karten mehr erhältlich sind". Die Angestellte macht einen recht hilflosen Eindruck, als sie mir die traurige Botschaft übermittelt. Anrufe bei der Zentrale ergeben, daß sämtliche Computer in allen Geschäften von Virgin Paris das gleiche Problem haben! Rien ne va plus...Sie vertröstet mich damit, daß vielleicht in einer halben Stunde wieder alles funktioniere, ich solle doch bitte wiederkommen. Mache ich auch und... bekomme freudestrahlend die ausgedruckte Karte in die Hand gedrückt! Puh, noch mal gut gegangen, ich bin dabei und damit ich den Abend auch verewigen kann, lade ich meine leere Batterie für die Kamera noch ein wenig auf.Im Trabendo angekommen, ist wirklich jeder Winkel des mittelgroßen Raumes ausgefüllt, Natasha Khan aka Bat For Lashes scheint sich vom Geheimtip zum Publikumsmagneten zu entwickeln. Da ich auch nach ein paar Diskusionen am Eingang mit meiner Kamera durchkam, scheint einem perfekten Abend nichts mehr im Wege zu stehen. Doch als ich Natasha und ihre drei Musikerfreundinnen ablichten will, sehe ich schwarz. Schwarz, weil das Ding mangels Batterie nicht angeht! Diese liegt nämlich zu Hause auf der Station! Da liegt sie gut, wie man immer so doof sagt, aber was will man machen? - Nun, das Konzert ganz in Ruhe genießen zum Beispiel. Das tue ich dann auch in der Folge. Ganz relaxt und ohne Druck, aussagekräftige Fotos knipsen zu müssen, lausche ich verblüfft einem ausgedehnten intro, das ich bisher noch nicht kannte.* Zu Rock en Seine hatten Bat For Lashes mit einem französischen Intro überrascht, heute aber ist der Text englisch. Irgendetwas von "pretty girl" wird da gesungen. Passt ja auch irgendwo zu der schwarzhaarigen Schönheit Natasha, die mit ihrem gülden glitzernden Stirnband wie eine kleine Indianerin, also eine Squaw, aussieht. Wenn eine solche Beauty damals bei Winnetou gespielt hätte, hätte ich mir glatt den Käse mal richtig angesehen."Trophy" ist dann das erste richtige Lied des Sets. "Heaven is a feeling I get in your arms", heißt es da und passenderweise gibt es ein paar kuschelnde Pärchen in meiner Nähe. Eine ganz eigene, warme, mystische Aura umgibt dieses Lied. Um das Ganze musikalisch darzustellen, bedarf es einer richtigen "Girlgroup", neben der Sängerin gibt es auch noch drei weitere Musikerinnen, die abwechselnd Violine, Piano, Percussion, Gitarre, Querflöte und Pauke spielen. Das ist verblüffend anzusehen und erinnert in dieser Hinsicht ein wenig an Arcade Fire, wo auch oft ein wilder Instrumentenwechsel stattfindet. Fräulein Khan selbst agiert am Piano, benutzt zahlreiche Rasseln, Kastagnetten und ein rotes Tambourin, das sie auch ab und zu an Zuschauer in der ersten Reihe "ausleiht". Diese Ausleihaktion ist ihr hinterher dann fast peinlich: "oh, ich wollte niemanden in Verlegenheit bringen, nachher wacht die betreffende Person noch mit Albträumen auf"...Aber ich hatte noch nicht alle Instrumente aufgezählt, die von der schwarzhaarigen Frau benutzt werden: in der Aufzählung fehlte nämlich noch der Bass, den Natsha bei dem neuen Stück "Missing Time" spielt. Besagtes "Missing Time" wurde ziemlich genau in der Mitte gebracht; vorangegangen waren "Tahiti", "Horse And I" und vor allem der Hit "What's A Girl To Do", bei dem bereits das stakkatische Pianointro vom Publikum erkannt und gefeiert wurde. Und daß eine solch stattliche Anzahl von Zuschauern da war, schien die Hauptakteurin selbst am meisten zu überraschen: "(there are) so many people here, amazing". Nach "What's A Girl To Do" hatte sie sogar die Ehre, mit diesen vielen Leute ganz alleine zu sein. Ihre drei Mitstreiterinnen hatten sich nämlich kurzfristig in die Kabine verdrückt, als Natasha die traurige Ballade "Sad Eyes" vortrug. Gegen Ende hin bekam sie jedoch gleich doppelte gesangliche Unterstützung, zwei der drei Musikerinnen waren nämlich zurückgekommen. Eine der beiden, meistens als Violinistin tätig, hatte lustigerweise keine Schuhe an, vielleicht um Bodenkontakt zu halten bei der himmlischen Musik, die erzeugt wurde.Himmlisch war gegen Ende hin vor allem das fabelhafte "The Wizard", bei dem ein Donnerwetter hineingesampelt worden war und Natasha kleine goldene Glöckchen benutzte. Auch hervorragend: "Bat's Mouth", das Lied, mit ich Bat For Lashes im März 2006 bei einem Konzert in der Maroquinerie kennenglernt hatte. Danach war das eigene Liedmaterial schon fast erschöpft, normal bei nur einem Album. Und was macht man, wenn man keine eigenen Songs mehr hat? - Richtig, man covert Klassiker. Heute war Tom Waits an der Reihe. "Lonely" wurde neuinterpretiert und dies auf keinen Fall schlecht. Vor allem weil auch die oben zitierte Querflöte zum Einsatz kam, gespielt von einer der drei Begleitmusikerinnen. Bei "Sarah" wurde gar ein wuchtiger Holzstock benutzt, den Natasha wie sie erklärte in der Nähe des Grand Canyon während ihrer Amerikatournee erworben hatte. Machte ordentlich Krach das Ding, als es auf den Boden einschlug.Danach war vorerst Schluß, aber natürlich nur vorerst, denn nach kurzem, aber frenetischem Applaus kam die Frauenband wieder zurück, erklärte daß dies heute ein sehr emotionaler Abend gewesen sei und spielte noch zwei Stücke. Das auf dem Album "Fur And Gold" enthaltene "Prescilla" und ein neues Stück, das auf Anhieb sehr gut ankam.* Dominiert wurde es von herrlichen Chorgesängen und einem markanten Refrain und wenn der Rest des zweiten Werkes nur ähnlich gut wird wie dieser Knüller, dann sollte man blind zuschlagen!Setlist Bat For Lashes, Paris, Trabendo:00: Intro (The Walter's Son)01: Trophy02: Tahiti03: Horse And I04: What's A Girl To Do05: Sad Eyes06: Missing Time07: I Saw A Light08: The Wizard09: Bat's Mouth10: Lonely (Tom Waits Cover)11: Sarah12: Moon & Moon (Z)13: Prescilla (Z)Anmerkung: hinter den unterstrichenen Titeln verbergen sich gute You Tube Videos.
* es handelte sich um "The Walter's Son", aus dem Soundtrack zum Film "The Night Of The Hunter" (vielen Dank für diese Information an Stéphane!).
* der neue Titel, der als Zugabe gespielt wurde, heißt "Moon & Moon" (danke an Stéphane!)
um
18:44
Konzert: Battles Ort: Le Trabendo, Paris Datum: 16.10.2007 Zuschauer: nicht ausverkauft
"La Folie Tokio Hotel" (Tokio Hotel, der Wahnsinn) konnte ich entziffern, als ich auf dem Heimweg vom Konzert von Battles mit der Metro zurückfuhr und bei einer Passantin in ihrer Zeitung mitlas. Gleich auf mehreren Seiten wurde über das "Phänomen" aus Deutschland berichtet und die Mitdreißigerin schien den Text interessiert aufzusaugen...Hatte ich da etwas verpasst? War ich auf dem falschen Konzert gewesen? - Wohl kaum, dem Auftritt der kajalgeschminkten Teeniestars im riesigen und ausverkauften Palais Omnisport de Paris Bercy weinte ich keine Träne nach, eher schon dem verpassten Gig der witzigen Kanadier Malajube, die in der Maroquinerie ihre Show abzogen.
Ich aber hatte mich nunmal für die New Yorker Battles (nicht mit den Engländern Battle zu verwechseln!) entschieden und bedauerte dies auch im Nachhinein nicht. Schließlich gibt es wenige ähnlich innovative Bands zur Zeit. Die neuen Ideen scheinen ohnehin dieses Jahr aus Amerika zu kommen, ich denke da an Formationen wie Grizzly Bear, !!! (chk chk chk), CocoRosie, Animal Collective und Rio en Medio. Aus England fällt mir jetzt spontan nur Electrelane ein, die für frischen Wind sorgen (zumindest innerhalb der bekannteren Gruppierungen) und deshalb war es wohl kein Zufall, daß der anwesende Chefredakteur der 100% auf englische Bands spezialisierten Seite namens "SoundOfViolence.net" etwas Abwechslung aus Amerika suchte.Nicht, daß wir uns falsch verstehen, England hat die beste Mainstream-Szene zu bieten, in Deutschland könnte man froh sein, wenn eine klasse Band wie The Coral soviele CDs wie in England verkaufen würde, aber die kuriosen Dinge kommen im Moment nun mal aus Amerika.
Innovation und Kreativität ist aber manchmal auch gleichbedeutend mit Nervpotential und davon haben Battles zweifelsohne reichlich zu bieten. Auf den Gimmick mit dem abgewürgten Motorengeräusch, oder den Schlumpfgesang muß man schon stehen, wenn man Battles so richtig genießen will. Und überhaupt, was murmelt da Sänger (wenn man das so nennen kann) Tyondai Braxton überhaupt in sein stabförmiges Mikro? Welche Sprache ist das? Nun, das ist wohl auch unerheblich, hier geht es sowieso viel mehr um das Experimentieren mit Geräuschen, pluckernden Beats und schrägen Bass-und Gitarrenriffs. Ist schon immer wieder kurios anzusehen, wenn Ex- Don Caballero Ian Williams mit um den Rücken geschnallter Gitarre in die Tasten greift,
Ex-Helmet Drummer John Stanier mit brachialer Gewalt seine Drumms und sein Becken bearbeitet und Bassist Dave Konopka mit schelmischen Grinsen seine Bassläufe spielt und dem Publikum desöfteren den Rücken zugekehrt, um an irgendwelchen Knöpfchen zu drehen. Ständig wird hier an Steckverbindungen rumgefummelt, irgendeine neue Taste gedrückt, etc.; die Bühne wird so zum Labor von Tüftlern und das Publikum ist Zeuge dieses obskuren Schauspiels. Meist sind die gepielten Beats tanzbar, so daß der Mangel an mitzusingenden Texten einigermaßen kompensiert wird. Einzelne Titel, die hervorstechen, sind jedoch weniger auszumachen, von den Singles "Atlas" und "Tonto" mal abgesehen. Vielmehr sind es oft einzelne Stellen innerhalb der Stücke, die für kurzzeitige Begeisterung sorgen.
Manchmal fühlt man sich an Verfolgungsjagden aus Kriminalfilmen erinert, ein anderes Mal glaubt man, gerade würde eine Katze gewürgt, oder ein Mann würde ersticken. Auch Passagen, die an Free-Jazz erinnern haben ihren Platz in dem Set, manchmal gibt es auch Stellen, die entfernt etwas mit dem sog. Krautrock zu tun haben. Musikkritiker sprechen von Math-Rock, den Bandmitglied Ian Williams mit seiner ehemaligen Band Don Caballero mitbegründet hat.Am spannendsten wird es eigentlich immer, wenn Drummer John Stanier urplötzlich aufsteht und auf sein Becken einprügelt, oder wenn die Jungs dicht aneinandergedrängt auf ihre jeweiligen Instrumente fokussiert sind. Da ich aber heute schon mein drittes Battles Konzert in diesem Jahr erlebe,
hält sich der Überraschungseffekt in Grenzen, so kreativ diese Show auch ist. Diejenigen, die Battles heute zum ersten Mal beobachteten, sprechen möglicherweise vom verrücktesten Gig des Jahres.Gesprochen wird übrigens kaum zwischen den einzelnen Stücken, aber was sollen die New Yorker auch schon großartig erzählen? Etwa, daß nun ein Lied über eine unglückliche Liebesbeziehung folgen werde, wie das bei Folk-Sängern oft der Fall ist? - Wohl kaum, den Inhalt muß man sich selbst ausmalen, da ist Phantasie gefragt. Auf mich machen die Stücke jedenfalls oft einen sehr düsteren Eindruck, da bilde ich mir gehetzte Menschen im Großstadtdschungel ein, die unter Panikattacken und Klaustrophobien leiden. Musik, wie sie von Battles gemacht wird, wirkt sehr urban, kalt, angsteinflößend, kaum vorstellbar, daß so etwas von Menschen geschaffen wird, die auf dem Lande leben...
Nach ziemlich exakt einer Stunde Spielzeit haben die vier jungen Männer vorerst fertig, verlassen winkend ihre Plätze und ziehen sich zurück. Eine Zugabe wird noch draufgesetzt, dann ist endgültig Schluß. Die konzentrierten Minen der Musiker erhellen sich, sie können entspannen, denn dies war wohl das Abschlußkonzert ihrer Tournee auf dem europäischen Festland, es folgen noch zwei Auftritte in England, dann geht es zurück in die USA. Ob Drummer John Stanier seine Kölner Freundin nicht vermissen wird? Schließlich gibt es sogar einen Titel über die Domstadt, er heißt Leyendecker und bezieht sich auf die gleichnamige Straße, in der seine Süße wohnt.