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11:23
Konzert: Okta Logue
Ort: Main Stage, Burg Herzberg Festival
Datum: 01.08.2014
Dauer: 89 Minuten
Zuschauer: über 1000
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| Alle Fotos: © Katja Charlotte Rohr |
Es ist heiß, Temperaturen klettern auf annähernd 30 Grad. Die Mittagssonne erreicht ihren Zenit, trotzdem verlassen immer mehr Zuschauer die schattigeren Plätzchen und siedeln auf die Wiese vor der Hauptbühne. Aus gutem Grund: Nachdem tausende Besucher – darunter auch wir – die Eröffnung des Burg Herzberg Festivals am Donnerstagnachmittag Anfahrtsstau bedingt verpasst haben, beginnt für viele das Konzertprogramm mit dem Freitags-Opener Okta Logue. Die Darmstädter Band um die Brüder Benno (Bass und Gesang) und Robert Herz (Schlagzeug), den Gitarristen Philip Meloi und Keyboarder Nicolai Hildebrandt übernimmt den etwas undankbaren Eröffnungsslot mit Bravour und brilliert mit einem 90-minütigen Headliner würdigen Set.

Das elektronische Intro von „Transit“ wabert über das sanft ansteigende Festivalgelände. Band und Gesang setzen ein, der titelgebende Track des aktuellen Albums „Tales of Transit City“ empfängt das Publikum mit gewohnter Wucht. Seit Jahren eine großartige Band, ist das hessische Quartett längst einer der wichtigsten Acts Deutschlands – mit enormen internationalen Potential. Nach Touren und Auftritten mit Nada Surf, Tocotronic, Portugal. The Man und vor allem Neil Young & Crazy Horse wächst die Fangemeinde kontinuierlich. Zurecht. Ein im Laufe des Konzerts immer größerer Zuschauerzuspruch spricht auch auf dem größten Hippie-Festival Europas eine deutliche Sprache.

Wurde die Gruppe in der Vergangenheit gerne als Inbegriff einer traditionsbewussten zeitgenössischen Psychedelic- und Prog-Rockband gelobt, greift diese einengende Zuordnung doch beileibe zu kurz. Sicherlich sind Elemente beider Spielarten enthalten, vielmehr zeigen Songs wie das beschwingte „Let Go“ oder auch „Shine Like Gold“ früh, dass Okta Logue in erster Linie eine großartige Popband mit Sinn für Melodien ist, die trotz manchen offensichtlichen Parallelen zu Größen wie Pink Floyd eher im harmonischen Beat der 60er als im überbordenden Prog der 70er und 80er zuhause ist – von der Prägung durch den Indie-Rock der letzten Jahrzehnte ganz zu schweigen. Im enganliegenden schwarzen Hemd lässt Benno Herz auch optisch Assoziationen zu genannten Genres hinter sich und beweist mit seinen Mitstreitern eindrucksvoll, dass Okta Logue eine große Band der Gegenwart ist, der es gelingt verschiedenste Einflüsse und originäre Ideen zu einem kreativen Eigengewächs zu verbinden.

In den letzten Jahren habe ich kaum eine Band häufiger gesehen. Dass die Konzerte qualitativ von großer Beständigkeit sind, das Zusammenspiel darüber hinaus immer begeisternder wird, ist Rechtfertigung genug, immer wieder zu kommen. Mit großer Leidenschaft und Sonnenbrillen trotzen Okta Logue auf dem Burg Herzberg Festival den hohen Temperaturen und der Sonneneinstrahlung. Neue Stücke mit Zeilen wie „Watch the Sun“ und Arbeitstiteln wie „Summer Days“ liefern hingegen den perfekten Soundtrack.

Dazwischen bleibt Zeit für „Mr. Busdriver“, mit seiner ungewöhnlichen Rhythmik und dem an urengliches Songwriting a la Barrett, Towshend oder Davies erinnerndem Text, und mit der befreundeten Gruppe Bees Village aus Friedrichsdorf als äußerst harmonischen Background-Chor. Deren Mitglied Benedikt Baum bleibt im direkten Anschluss auf der Bühne und spielt bei „Dream On“ wie auch schon bei vorherigen gemeinsamen Auftritten und den Konzerten mit Neil Young im Sommer 2013 Bass. Benno Herz wechselt derweil an die Akustikgitarre, während eines der Schlüsselstücke des aktuellen Albums besonders schön zur Geltung kommt. Das bekannte „Bright Lights“ - dank seines großartigen, im familieneigenen Garten der Herz-Brüder gedrehten Videos ein Youtube-Hit – wird besonders gefeiert.

Viele Zuschauer singen mit, während man sich fragt, warum ein unumstrittenes Highlight des Festivals ausgerechnet derart früh stattfinden muss. Zweifelsohne hätten Okta Logue schließlich dem für die Tageszeit zum Trotz gutem Zuspruchs noch mehr Besucher verdient. Die Band selbst stört sich wenig daran, spielt stattdessen tolle Songs wie „Just to Hear You Sleep“ und das durchweg fantastische „You“. Bei ihrem Release-Konzert anlässlich des zweiten Studioalbums im Mai letzten Jahres in der heimischen Centralstation Darmstadt aufgeführt, gelingt das packende Cover von „Southern Man“ – jener scharfzüngigen Abrechnung mit der Sklaventreiber-Vergangenheit der US-Südstaaten, die Neil Young die prompte Antwort der Southern-Rock-Band Lynyrd Skynyrd in ihrem größten Hit einbrachte – noch eine Spur besser als zuletzt. Mit fantastischem Harmoniegesang der vier Mitglieder von Bees Village begeistert die Version restlos. Für das hymnische „Chase the Day“ bleiben die Friedrichsdorfer und führen das starke reguläre Set zu seinem tollen Ende.

Mit einer Zugabe rechne ich nicht, doch gibt es tatsächlich das fast halbstündige „Decay“, ein liebgewonnenes Highlight eines Okta Logue-Konzerts. Philipp Meloi streut erstklassige Soli ein, Hildebrandt steuert wunderbare Electro-Elemente bei, spielt stellenweise Trompete, während Robert Herz einen punktgenauen Beat liefert. Gemeinsam mit ihrem Frontmann erreichen die Musiker wieder neue Höhen. Nach fast eineinhalb Stunden ist dann endgültig Schluss. Die Darmstädter werden einmal mehr hohen Erwartungen gerecht und spielen zu früher Stunde bei ihrem zweiten Herzberg-Auftritt seit 2012 eines der besten Konzerte des Festivals, dass die amerikanischen Jam-Rocker moe. bei ihrem Akustikkonzert wenig später ganz schön alt aussehen lässt. In nicht allzu langer Zeit soll das dritte Okta Logue Album erscheinen. Es geht weiter bergauf. Gut so.
Setlist Okta Logue, Burg Herzberg Festival:
01: Transit
02: Let Go
03: Shine Like Gold
04: Watch the Sun (neu) ?
05: Mr. Busdriver (mit Bees Village)
06: Dream On (mit Benedikt Baum von Bees Village)
07: Summer Days (neu)
08: Bright Lights
09: Just to Hear You Sleep
10: You
11: Southern Man (Neil Young-Cover) (mit Bees Village)
12: Chase the Day (mit Bees Village)
13: Decay (Z)
Aus unserem Archiv:
- Okta Logue, Stuttgart, 28.02.2014
- Okta Logue, Berlin, 20.09.2013
- Okta Logue, Ulm, 05.09.2013
- Okta Logue, Stuttgart, 22.07.2013
- Okta Logue, Darmstadt, 17.05.2013
um
22:30
Konzert: Billy Bragg & Band
Ort: Main Stage, Burg Herzberg Festival
Datum: 02.08.2014
Dauer: 95 Minuten
Zuschauer: vielleicht 1000
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| Alle Fotos © Katja Charlotte Rohr |
„Americana is country music for people who like The Smiths“, stellt Billy Bragg gleich zu Beginn klar und erklärt mit schelmischem Grinsen all denen, die mit der countryesken Musik, der die englische Protestsänger-Institution seit geraumer Zeit vor allem mit Bandbegleitung den Vorzug gibt, wenig anfangen können, dass hinter Pedal-Steel-Gitarre, Bass-Ukulele und Cowboy-Hemden noch immer der scharfzüngige Mahner und linke Polit-Aktivist steckt.
Die Eröffnung mit „Ideology“ im Abendsonnenschein ist ein in Lyrik gegossener programmatischer Rundumschlag des Arbeiterromantikers, der vor allem eins zeigt: Der Mann hat noch immer eine Mission und nationale wie globale Themen, zu denen er nicht schweigen kann. „Mixing pop and politics“ als oberstes Prinzip. Auf der anderen Seite bleibt Zeit, Pep Guardiola augenzwinkernd zum zweiten WM-Titel zu gratulieren und zu träumen, er möge doch in vier Jahren ein Premier-League-Team trainieren – Fußball ist eben traditionelles Thema auf Bragg-Konzerten. Doch bleiben die weltweiten Krisen und Kapitalismuskritik ebenso wie eine klare Linie gegen Rechtsaußen dem angenehmen Plauderton zum Trotz immer in unmittelbarer Blickweite. Da sind Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, die den Pazifisten Bragg beschäftigen, ebenso wie der hundertste Jahrestag des ersten Weltkriegs als Warnung. Aus der Begeisterung, mit der sein Großvater damals die Kriegserklärung feierte, schließt Bragg, die Gefahr neuer Konflikte durch das Vergessen der alten.
„But what if there's nothing, no pot of gold to find? / Only the blind leading the blind“, singt er in „No One Knows Nothing Anymore“ vom aktuellen Album „Tooth and Nail“, während seine vierköpfige Band sehnsüchtelnden Country-Rock spielt. Er macht es seinen langjährigen Fans, die ihn als punkige Einmann-Show kennenlernten, nicht leicht, weiß aber um diese Schwierigkeit. Nichtsdestotrotz ist es ihm wichtig anzufügen, dass seine Musik schon immer Country-Elemente enthielt, so folgt seine 20 Jahre alte Single „You Woke Up My Neighbourhood“, eines der Lieblingslieder von Travis-Sänger Fran Healy, auf „Way Over Yonder In The Minor Key“. Der Beweis ist geliefert, befriedigt aber nur bedingt: „Play some British punk music“, brüllt ein enttäuschter Fan. Ohne innezuhalten gibt er die prompte Antwort, dass dieser Wunsch später im Set selbstredend erfüllt würde. Vorher sei es ihm aber wichtig, zu erklären, inwiefern klassische amerikanische Musik wie Blues, Country und R'n'B der britischen Musik in den 50ern und frühen 60ern ihre Identität verlieh, quasi die ersten echten Americana-Künstlern schuf. Skiffle war die britische Antwort auf Leadbelly und Co, erklärt Bragg nun ganz in der Rolle des kumpelhaften Oberlehrers.
Der Stones-Klassiker „Dead Flowers“ kommt in einer extrem verkitschten Version als Musterbeispiel. „All You Facists Are Bound To Lose“ aus der Feder Woody Guthries zündet im Anschluss glücklicherweise besser und als er Tee trinkend - „Morrissey recommended it to me“* - ankündigt, nun ein paar Stücke solo mit der E-Gitarre zu spielen, vermeint man kollektive Erleichterung zu hören. So habe ich den Bard of Barking, jenen großartigen Bänkelsänger, vor fast sechs Jahren erstmals live gesehen. Dieser Septemberabend in der alten Frankfurter Batschkapp, an dem er sein Debüt-Album „Life's A Riot With Spy Vs. Spy“ komplett spielte und – wie er sagte – seinem inneren Iggy Pop freien Lauf ließ kam für mich damals einem Erweckungserlebnis gleich. Umso mehr freue ich mich jetzt über „To Have And To Have Not“ von eben diesem Album. „There Is Power In A Union“, skandiert er anschließend und linke Fäuste werden gereckt. Die solidarische Arbeiterhymne aus Zeiten der großen Minenarbeiter-Streiks in der Thatcher-Ära ist erwartungsgemäß ein Höhepunkt. Überhaupt seien die Auswirkungen Margaret Thatchers Politik bis heute leidvoll zu spüren, ihre regiden Einschnitte in die Macht der Gewerkschaften, so etwas wie die Ursünde aktueller Probleme seines Landes. Als die Iron Lady starb, war er gerade in Calgary, Kanada, während sein aktuelles Album just an diesem Tag die Americana-Charts des Landes knackte. Geschichte verpflichtet und so kaufte er daraufhin besagte Cowboy-Hemden.
Dass ihn das Burg Herzberg Festival dann ausgerechnet an ein kanadisches Folk-Festival erinnert, passt gut ins Bild.
Das tieftraurige „Between the Wars“ reiht sich an dieser Stelle angemessen in die Setlist. Während des fantastischen Crowdpleasers „Waiting For The Great Leap Forward“ kehrt die Band nach und nach zurück. Besonders der angenehme Pianoeinsatz gelingt hier ausgezeichnet, überhaupt erreicht der Band-Sound jetzt eine neue Ebene. Wo die Country-Elemente eben noch störten, fügt sich alles nun zu einem homogenen Ganzen zusammen. Tatsächlich bewegt sich Bragg mit seinen Musikern nach den Solodarbietungen wirklich auf hochklassigem Americana-Niveau ganz in Tradition seiner gefeierten Kollaborationen mit Wilco, der wohl besten Band des Genres.

Nachdem „Greetings To The New Brunette“ Braggs ausgesprochenes Talent als Texter von außergewöhnlichen Liebesliedern in den Fokus rückt und er in „Sexuality“, einem seiner größten Hits, Grenzen übergreifende Liebe protegiert, gibt es mit „California Stars“ einen Auszug aus den fruchtbaren „Mermaid Avenue“-Sessions. Auf Wunsch von Norah Guthrie vertonte Bragg gemeinsam mit Jeff Tweedys Band alte Texte ihres verstorbenen Vaters Woody mit phänomenalem Ergebnis. Dazu kam es nachdem alle großen amerikanischen Sänger aus Ehrfurcht vor dem musikalischen Nationalheiligtum Woody Guthrie, dessen Lieder in den USA jeder kennt, die im Schulunterricht gesungen werden, das Angebot abgelehnt hätten, und die Tochter auf die Idee kam einen Europäer zu fragen. Feixend erklärt Billy Bragg, dessen Konzerte neben politischer Rede auch immer von anekdotenreicher Plauderei durchzogen sind, man habe damals zuerst mit einer deutschen Band verhandelt, bevor zusätzlich die Chicagoer Gruppe Wilco ins Boot geholt wurde. Der Name jener deutschen Formation sei Kraftwerk und den entsprechenden Song, würde es nun exklusiv zu hören geben. Synthies setzen ein, dann folgen bekannte Akkorde, Eröffnungszeilen aus Paul Simons Feder und Gewissheit darüber, was kommt: „I was 21 years, when I wrote this song“, singt der 56-jährige, inzwischen bärtige Engländer, und zahlreiche Zuschauer stimmen in „A New England“ ein. Die Kraftwerk-Geschichte hat ohnehin niemand geglaubt, die Lacher hat er dennoch auf seiner Seite. Verse aus „Autobahn“ werden in den populären Klassiker eingeschoben, der reguläre Teil des Konzerts ist vorbei.
„Accident Waiting To Happen“, die grandiose Abrechnung mit Rechtspopulisten, dem bragg'schen Feinbild Nummer eins, von seinem Erfolgsalbum „Don't Try This At Home“, auf dem damals neben den R.E.M.-Musikern auch Smiths-Gitarrist Johnny Marr zu hören war, gibt es als Zugabe. Nach 95 Minuten ist Schluss. Mittlerweile ist es dunkel, der Sänger holt aus, wirft den Teebeutel weit in die Menge, ein letzter Gruß.
Obwohl mir ein Zugang zum Country-Musiker Billy Bragg noch immer schwerfällt, endet meine dritte Live-Begegnung mit einem meiner großen Helden keinesfalls in einem Fiasko. Der ewige Folkpunk spielt Country auf einem Hippie-Festival und scheitert damit nicht. Vielmehr steht über allem doch die Erkenntnis, dass der Aufrüttler und Überzeugungstäter aus Barking, Essex, auch heute noch, nach über dreißig Jahren Bühnenlebens, größte Relevanz besitzt.
Solange dieser Mann seine Mission verfolgt, gibt es noch Hoffnung.
*2008 erklärte er noch dem Publikum in der Batschkapp, es sei der gleiche, den Madonna trinke.
Setlist Billy Bragg & Band, Burg Herzberg Festival:
01: Ideology
02: No One Knows Nothing Anymore
03: Way Over Yonder in the Minor Key
04: You Woke Up My Neighbourhood
05: Dead Flowers (The Rolling Stones-Cover)
06: All You Fascists Are Bound To Lose (Woody Guthrie-Song)
07: To Have And to Have Not
08: There Is Power in a Union
09: Between the Wars
10: Waiting For the Great Leap Forwards
11: Greetings to the New Brunette
12: There Will Be a Reckoning
13: Handyman Blues
14: Sexuality
15: California Stars (Woody Guthrie-Song)
16: A New England
17: Accident Waiting to Happen (Z)
Aus unserem Archiv:
- Billy Bragg, Paris, 25.09.2008
- Billy Bragg, Karlsruhe, 13.11.2013
um
17:12
Konzert: Patti Smith and her Band
Ort: Main Stage, Burg Herzberg Festival
Datum: 01.08.2014
Dauer: 94 Minuten
Zuschauer: einige tausend
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| Alle Fotos: © Katja Charlotte Rohr |
Rückkopplungen, hohes Fiepen und Feedbacks gleich zu Beginn wecken unangenehme Erinnerungen an meine erste Konzertbegegnung mit Patti Smith. Diese liegt nun über drei Jahre zurück und war gezeichnet von einer grippegeschwächten Musikerin, die sich mit großer Würde versuchte durch den Abend zu retten. Heiser krächzend, immer wieder entschuldigend, konnte sie das Akustikkonzert im Frankfurter Mousonturm nicht den eigenen Ansprüchen – und denen der Zuhörerschaft – gerecht werden lassen. Ihr Gitarrist Lenny Kaye sang ganze Stücke, „Helpless“ von Crosby, Stills, Nash & Young fasste sinnbildlich alles zusammen. Der Abend missriet allen Rettungsversuchen zum Trotz.

Die großen Soundprobleme bei „Dancing Barefoot“ zu Beginn lassen auch auf dem Burg Herzberg Festival Schlimmes befürchten Würde meine zweite Livebegegnung mit der Punk-Poetin diesmal von der Technik getrübt werden? Smith mit großer Lesebrille und Hut, traditionell in ein weites, schwarzes Jacket, Jeans gekleidet mit Herrenschuhen an den Füßen, entschuldigt sich sofort. Eine kurze Pause folgt, die andeutet, dass es sich die Smith nicht nehmen lassen würde, bei einem ihrer raren Festivalgastspiele für den ganz großen Wurf auszuholen. Denn was dem etwas verunglückten Start folgt, ist Epochales, das meine ewige Top Ten knacken könnte und schon jetzt ein heißer Anwärter auf das Konzert des Jahres ist.
Die 67-Jährige kredenzt eine Mischung aus ihrem reichhaltigen Repertoire, Klassiker, die niemals fehlen dürfen, werden selbstredend gespielt, doch ist es ein Zeichen ihrer unumstrittenen Klasse, dass neuere Stücke qualitativ nicht im geringsten abfallen. Ihre Musiker, allen voran Lenny Kaye, ihr Gitarrist seit frühsten Patti-Smith-Group-Zeiten, geben der wichtigsten Wegbereiterin eines feministischen, emanzipatorischen Gesichts der Popkultur Rückhalt. Den kann sie nutzen, um mit ausgebreiteten Armen und wackelnden Fingern an die Eintracht im zwischenmenschlichen Leben zu appellieren. Es sind Gesten wie diese, die auf dem größten Hippie-Festival Europas ihre volle Wirkung entfalten können.
„Redondo Beach“ und „Distant Fingers“, geliebte Songs ihrer wichtigen ersten beiden Alben „Horses“ und „Radio Ethiopia“ machen den Zuschauern im direkten Anschluss an „Dancing Barefoot“ früh im Set den Zugang leicht.
Sie sei mit Lenny Kaye über das weitläufige Festivalgelände inmitten der idyllischen Landschaft des Vogelsbergs gelaufen, habe eine beeindruckende Stimmung vorgefunden, weiß Patti Smith nun mit gütigem Lächeln zu berichten. Die Menge klebt dem namhaftesten Act des Festivals an den Lippen, als dieser „Ghost Dance“ vom besonders populären dritten Studiowerk „Easter“ ankündigt. Vor fast vierzig Jahren habe sie den Song mit Lenny Kaye geschrieben und heute passe er besonders gut, betont sie und widmet die düstere Folkballade mit dem unheimlich-treibenden Akustikgitarreneinsatz allen Besuchern. „We shall live again“. Smiths unnachahmliche Art zu singen, kommt mit zunehmenden Alter und ungewollten Brüchen in der Stimme heute noch besser als in den 70ern. Ihre bloße Präsenz genügt, um die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ihr Charisma ist phänomenal. Dass sie dabei im Gegensatz zu anderen Künstlern ihres Kalibers weder auf unnahbare Distanz (Bob Dylan, Lou Reed oder meist auch Neil Young) geht, noch im Ruf steht ihre Launen am Publikum auszulassen (neben den eben genannten unter anderem Van Morrisson) bestätigt sich nach dem, dem „late and great“ Johnny Winter gewidmeten „Beneath the Southern Cross“, als sie während „People Who Died“ in den Fotograben steigt. Schnurstracks läuft sie auf ein kleines, vielleicht fünfjähriges Mädchen am rechten Zuschauerrand zu. Legt ihm die Hände auf den Kopf, hält die Ohren zu.
Auf der Bühne singt Lenny Kaye derweil den Song ihres vor fünf Jahren verstorbenen engen Freunds Jim Carroll. Die Securities verstehen Smiths Geste, bringen den Kindern Ohrstöpsel. Lächelnd reicht Patti Smith ihnen Plectrums aus ihrer Jackentasche, bewegt sich zur anderen Seite, wiederholt dort das Prozedere.

Wieder auf die Bühne gestiegen, ertönt das einnehmende Bass-Intro von „Ain't It Strange“. Es ist das große Gütesiegel dieses Konzerts, dass es keinerlei Schwachpunkte hat. Im rötlich-gelben Abendsonnenschein getüncht, erscheint die Bühne im schönsten Licht. Es ist ein Moment, wie man ihn in dieser Schönheit nur auf Festivals erleben kann. Auf der Akustikgitarre beginnt die New Yorker Ikone das nächste Stück. Abbruch. Der Song habe nur einen einzigen Akkord und sie habe den falschen gespielt, flachst sie. Dann breitet sich wieder das bekannte Lächeln auf ihrem Gesicht aus, als sie freudig Ousmane Ag Mossa als Gast ankündigt. „I stole this beautiful man, who gave us such beautiful music“, berichtet sie. Schüchtern betritt der Gitarrist und Sänger der Tuareg-Band Tamikrest aus Mali, die am frühen Abend spielte und Patti Smith sehr beeindruckte, die Bühne. Ebenso eindrucksvoll gerät dann die spontane Kollaboration für „Banga“, den Titeltrack ihres jüngsten Studioalbums. Als zusätzlicher Rhythmusgitarrist fügt sich der Hauptsongschreiber einer der wichtigsten afrikanischen Bands der Gegenwart grandios ins Ensemble ein. „Banga“ gerät mit seinem aufrüttelnden Text und der aufregenden Performance zum großen Höhepunkt. Lenny Kaye beginnt wie ein Hund zu bellen. Smith setzt mit Wolfsgeheul ein. Mit Knurren und Keifen endet die glanzvolle Darbietung des neusten Stücks, das das Publikum auf dem Burg Herzberg Festival zu hören bekommt.
„Pissing in a River“ verstört auch Jahrzehnte nach der Aufnahme noch mit seiner schonungslosen Gleichgültigkeit. Dann folgen die großen Hits. Das gemeinsam mit Bruce Springsteen geschriebene „Because the Night“ verbleibt bis heute als bekanntester Song, der entsprechend lautstark von tausenden Festivalgängern mitgetragen wird. Ein One-Hit-Wonder, wie gerne behauptet wird, ist sie natürlich keinesfalls. Dass „Land“ daraufhin mit dem bekannten Gedicht beginnt, punkige Gitarren auffährt, um schließlich mit „Gloria“ zu verschmelzen, ist ein fantastischer Zug, der diese Feststellung nur bestätigt. Begeistert wird der Refrain gesungen, das reguläre Set endet.
Als Zugabe kommt „Rock 'n' Roll Nigger“ so unvermeidlich wie fantastisch. Die Haare der Sängerin wehen umher, Hände werden gereckt. Der Aussätzigen-Kampfslogan „Outside the society is where I wanna be“, wird zum umgedeuteten Credo des Abends, alle Aussichtslosigkeit weicht in allumfassende Harmonie.

Die Brille hat Patti Smith längst abgezogen, ihren Hut auch. Ihr Haar ist inzwischen fast weiß und liegt strähnig auf ihren Schultern. „Rock 'n' Roll Nigger“ ist vorbei, als Smith noch einmal versöhnlich ins Rund blickt. Viele haben Tränen in den Augen, als sie im Anschluss an den großen Punksong, der so vielen Grungebands zur Blaupause wurde, die friedliche Kraft des musikalischen Protests und das wichtige Erbe der Hippie-Kultur beschwört: „This is the weapon of my generation“, sagt sie auf ihre Gitarre zeigend, „the only weapon you need and it never runs out of ammunition.“ Die Menge tobt, Smith dankt: „This is the way festivals should be.“ Die abschließenden Worte und die Ankündigung hoffentlich zurückzukehren, fügen sich nahtlos in die Stimmung eines großen Abends ein. Nach dem Konzert gibt es für die Kinder aus den ersten Reihen ein Wiedersehen mit einer Künstlerin, deren Schaffen in einer Reihe mit dem Bob Dylans, Neil Youngs oder Lou Reeds bestehen kann. Während uns Journalisten der Wunsch auf Interviews nämlich verwehrt wurde, lädt Smith die Kinder zu sich in den Backstage ein.
„Ein Kind hält den Mund“, schloss Bertolt Brecht, zu dessen Grab die Amerikanerin bei Aufenthalten in Berlin stets pilgert, sein Gedicht „Was ein Kind gesagt bekommt“. Dass sie nun ausgerechnet besonderes Interesse an Kindern hat, ist da wenig überraschend. Reine Affirmation ist schließlich das letzte, was sich die zeitlose Dichterin im Rockstargewand für die Zukunft wünschen dürfte.
Setlist Patti Smith and her Band, Burg Herzberg Festival:
01: Dancing Barefoot
02: Redondo Beach
03: Distant Fingers
04: Ghost Dance
05: My Blakean Year
06: Beneath the Southern Cross (Johnny Winter gewidmet)
07: People Who Died (Jim Carroll Band-Cover; gesungen von Lenny Kaye)
08: Ain't It Strange
09: Banga (mit Ousmane Ag Mossar)
10: Pissing in a River
11: Because the Night
12: Land
13: Gloria (Them-Cover)
14: Rock 'n' Roll Nigger (Z)