Donnerstag, 19. Februar 2009

Koko von Napoo, Revolver, Ra Ra Riot, Paris, 18.02.09


Konzert: Revolver + Guests Koko von Napoo & Ra Ra Riot

Ort: La Flèche d'or, Paris
Datum: 18.02.2009
Zuschauer: extrem viele
Konzertdauer: Koko von Napoo ca. 30 Minuten, Revolver ca. 35 Minuten, Ra Ra Riot ca. 40 Minuten



In Paris tut sich musikalisch zur Zeit wieder eine ganze Menge. In verschiedenen Locations buhlen parallel gleich zwei Indiefestival um die Gunst der Zuschauer.

Zum einen gibt es das Festival Super! Mon Amour, das vom 11 bis 22. Februar stattfindet und in den meisten Fällen in der Maroquinerie und dem Point Éphémère seine Konzerte abhält. Gäste waren und sind u.a. Handsome Furs, Black Lips, Gang Gang Dance, Toy Fight, Women, Chair Lift und erst sehr kürzlich Essie Jain und Woodpigeon (ich berichtete hier). Darüber hinaus gab es am gestrigen Dienstag einen Überraschungsgig im Point Éphémère mit den bezaubernden Mädels von Au Revoir Simone, den ich aber leider verpasst habe.

Zum anderen läuft auch gerade das jährliche Festival Les Nuits de l'Alligator in der Maroquinerie. Gespielt haben bereits Mariee Sioux und Emily Jane White und sehr bald werden hier andere Folkperlen auftreten, darunter Vetiver, Dear Reader, Women, War On Drugs, Elliott Brood und Horse Feathers.

Und am heutigen Mittwoch gab es in der Maroquinerie ebenfalls ein sehr spannendes Konzert mit den live unglaublich starken O'Death und den gehypten Newcomern Jim Jones Revue.

Aber erneut galt: Man kann nicht überall gleichzeitig sein!

Trotz dieses enorm reichhaltigen Programmes schafften es die gastgebenden Franzosen Revolver große Publikumsmassen anzuziehen. Ob es daran lag, daß die Flèche d'or abgesehen von dem Pflichtkonsum eines Getränkes im Werte von 5 Euro nach wie vor gratis ist, oder ob das Dreierpack Koko von Napoo, Revolver und Ra Ra Riot eine solch starke Anziehungskraft hatte, kann man hierbei bewußt offenlassen. Fakt war jedenfalls, daß es vor dem Eingang eine lange Schlange bibbernder Menschen gab, die rein wollten! Auch ich war darunter und ärgerte mich ein wenig, denn aus den Mauern drangen mir schon bekannte Klänge entegegen. Sie stammten von der Pariser Girlgroup Koko von Napoo, die gerade I'm Dead spielten. Tot war ich zwar noch nicht, als ich endlich drinnen war (sonst könnte ich diese Zeilen wohl jetzt nicht mehr tippen!), aber ob des Menschenandranges doch ziemlich genervt...

Beim Konzert von Koko Von Napoo, bei dem erneut fetzige und ohrwurmige, massiv von den 80 er Jahren infizierte Popsongs (Polly, Jonbon, June!) meine Vorfreude auf ein Debütalbum anheizten, konnte man wenigstens noch atmen und sich halbwegs frei bewegen, bei Revolver dann war es aber unerträglich voll und dementsprechend heiß und stickig! Das Gros der Leute war also für Revolver gekommen und diejenigen, die erst dafür eintrudelten, hatten zuvor den Gastauftritt von Oliver Jourdan, seines Zeichnes Sängers der Pariser Garagenrocker HushPuppies, während des Konzerts von Koko von Napoo verpasst. Der schöne Latinlover sang ein paar Zeilen des trashigen 80 er Kulthits Polaroid/Roman/Photo, im Übrigen das einzige französischsprachige Lied im Programm von Koko von Napoo. Allerdings ein Cover und zwar von Ruth.

Revolver selbst hatten nur englische Songs im Gepäck. Kein Wunder, scheinen doch klassische britische Bands wie die Beatles, die Kinks und die Zombies ihre großen Vorbilder zu sein. Sie mögen aber auch amerikanische Folklegenden wie Bob Dylan und Neil Young und nach einer Mischung all dieser Idole hört sich die Musik der drei jungen Männer Ambroise, Christophe und Jeremie auch an. Sie selbst bezeichnen ihren Stil als Kammerpop ("pop de chambre"), basierend auf klassischen Renaissance- Kompositionen, bei dem besonderer Wert auf die harmonischen Chorgesänge und feine Melodien gelegt wird. Eine EP haben sie bereits auf den Markt gebracht und darauf finden sich Perlen wie Calm Down, Leave Me Alone und das beschwingte Balulalow, das mit einem tollen bababa- singalong endet. Wer Balladen wie Eleanor Put Your Boots On und Walk Away auf dem zweiten Album von Franz Ferdinand oder grundsätztlich Elliott Smith mag, sollte auch Freude an den Komospitionen von Revolver finden.

All diese erwähnten feinen Songs und noch ein paar andere, gaben sie heute zum Besten, aber es war wirklich viel zu heiß und zu eng, um die Sache entsprechend zu genießen. Revolver muss ich mir unbedingt noch einmal in einer geeigneteren Location angucken, die Jungs haben jede Menge Potential!

Viel Potential haben natürlich auch die jungen New Yorker Ra Ra Riot. Von der vielköpfigen gemischten Rasselbande hat man ja schon auf vielen Blogs Euphorisches gelesen (unter anderem auch bei uns von Christoph), aber mich mussten sie hier und heute erst einmal davon überzeugen, daß sie wirklich so gut sind, wie oft berichtet wird.

Der Auftakt ihres Sets war jedoch wirklich nicht das Gelbe vom Ei. Es gab Tonprobleme, die bereits schon dazu geführt hatten, daß der rote Vorhang ewig lange verschlossen blieb, bevor es losgehen konnte. Konsequenz daraus war, daß die liebliche Stimme des smarten Sängers Wesley Miles kaum zu vernehmen war. Sein Gesang ( der demjenigen von Ezra "Vampire Weekend" Koenig verdammt ähnelt) wurde fast komplett vom stakkatischen Schlagzeug, dem polternden Bass und den Klängen, die die beiden weiblichen Streicherinnen an Cello und Violine erzeugten, überdeckt. Es herrschte eine Kakophonie wie beim Warmspielen eines Symphonieorchesters! Alles andere als ein Hörgenuß also, aber die jungen Zuschauer in den ersten Reihen zeigten sich trotzdem begeistert und wippten ausgelassen im ständig wechselnden Takt mit. Jugendliche Ungestümheit, Frische und gutes Aussehen schienen zunächst die Hauptargumente der Band aus Syracuse zu sein. So soll sich also die Zukunft des Indiepops anhören? Ich war ob der angeheizten Erwartungen leicht enttäuscht, tröstete mich aber mit dem attraktiven Anblick der umwerfend aussehenden Cellistin Alexandra Lawn, die unmittelar vor mir fiedelte. Alles an ihr war hübsch, das Gesicht, die Rehaugen, die stilvole Kleidung (dieses rosafarbene Kleid, hach!) mitsamt ihren wundervollen Schuhen und auch die agilen Bewegungen. Allerdings schien sie ziemlich genervt zu sein, lächelnd erblickte ich sie nie, stattdessen guckte sie während der Lieder nur immer mal wieder mürrisch auf den Zettel am Keyboard, wo die Setliste aushing. Eine richtige kleine Diva war das, die sich bewußt ist, daß sie enorm hübsch ist und Männer sie anhimmeln!

Die anderen Akteure der jungen Band wirkten demgegenüber deutlich netter und heiterer. Der Sänger hatte etwas Sunnboyhaftes, die anderen Jungs wirkten wie höfliche Kunststudenten und die blonde Geigerin (Rebecaa Zeller) kam liebenswürdig und unkompliziert rüber. Immer ein schöner Anblick, so eine Geigerin, gehört ja seit dem enormen Erfolg von Arcade Fire auch irgendwie zur Standardausstattung jeder junger Band, die etwas auf sich zählt. Egal, ob die Gruppe jetzt Operator Please!, Los Campesinos!, Get Well Soon oder Woodpigeon heißt, immer gibt es ein fesches Mädel, das fiedelt, was das Zeug hält. Anstatt neben dicken, alten Männern mit Frack und Glatze in einem Symphonieorchester zu versauern, spielen die Nachwuchsgeigerinnen von heute halt eben lieber in einer Band, die auf Indie Pop macht und sich gerne trendy und arty gibt.

Aber warum auch nicht? Mit Ra Ra Riot unterwegs zu sein macht sicherlich Spaß, auch wenn die Amerikaner verständlicherweise noch hart am frühen Tod ihres ursprünglichen Schlagzeugers zu knabbern haben. Talentiert sind die Grünschnäbel ja auf alle Fälle und wenn sie ihre vielen Ideen so gekonnt auf den Punkt bringen, wie bei A Manner To Act, Ghost Under Rocks oder dem vorzüglichen Dying Is Fine, das das recht kurze Konzert (mit der wesentlich besseren zweiten Hälfte) heute stimmungsvoll abschloß, dann müssen sich ihre Eltern keine Sorgen um die Zukunft ihrer Sprößlinge machen!

Setlist Ra Ra Riot, La Flèche d'or, Paris:


01: Run My Mouth
02: Each Year
03: Oh, La
04: Suspended In Gaffa
05: Winter '05
06: St Peter's Day Festival
07: Too Dramatic
08: Can You Tell
09: A Manner To Act
10: Ghost Under Rocks
11: Too Too Too Fast
12: Dying Is Fine

- Mehr Fotos von Ra Ra Riot hier entlang!
- Ra Ra Riot im Kölner Blue Shell am 18.11.2008 hier



3 Kommentare :

Solveig hat gesagt…

Ra Ra Riot!!!!!!!!!!!!!! wie ich diese Band Liebe! ich muss endlich meinen review vom Samstag vertig schreiben (vielleicht kommt der Artikel dann in NARC, eine echt gute Musikzeitung hier oben).

Christoph hat gesagt…

Du berichtest vom 28.02.? Du bist ja oft sehr früh mit neuen Bands. Aber das hat eine neue Dimension! ;-)

oliver r. hat gesagt…

Ich kann halt eben in die Zukunft blicken, Christoph. Man nennt mich auch Olirella!

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates