Samstag, 28. April 2007

Bloc Party, Paris, 27.04.07

Konzert: Bloc Party
Datum: 27.04.2007
Ort: L'Olympia
Zuschauer: Ausverkauft


Kann man eine Band wegen ihres Publikums hassen? Oder zumindest weniger mögen als vorher (vorher heisst in diesem Falle vor zwei Jahren, als Bloc Party noch in der winzigen Boule Noire auftraten). War damals noch das gesamte Pariser Indie-Publikum versammelt, so sah ich heute kaum bekannte Gesichter. Hat sich etwa das Szene-Publikum von der Band verabschiedet und sind die Engländer jetzt nur noch Spielball von Mainstream-Hanswürsten?

Mich beschlichen ernsthafte Zweifel, die auch noch dadurch bestärkt wurden, dass in meiner Nachbarschaft nur streberhaft wirkende Typen rumstanden, die sich mal locker gemacht haben, weil heute Freitag war. Casual Friday sozusagen, diese vor allem in Banken und Anwaltskanzleien gängige Einrichtung, bei der sich die mausgrauen Angestellten, die sonst in feinen Zwirn gehüllt sind, mal die Krawatte aufmachen dürfen, oder gar (hey, wie wild!) im Polo-Shirt zur Arbeit erscheinen dürfen.

Während ich mich dann noch ein bisschen weiter über die bebrillten und seitengescheitelten Typen und ihre doofen Freundinnen ereiferte, wartete ich ungeduldig darauf, dass es endlich losging. Irgendwie war ich schon ziemlich mies drauf und ich fragte mich, ob ich nicht lieber zu Electrelane gegangen wäre, die zur gleichen Zeit in einer anderen Pariser Location spielten.

Gegen 21 Uhr startete das Ganze dann endlich. Opener war ganz wie auf dem neuen Album "A weekend in the city" das Stück "Song for clay (disappear here)", bei dem Sänger Kele Okereke zu Beginn unfassbar hohe Töne anschlug. Dies schwierige Aufgabe meisterte er aber mit Bravour, bevor dann krachende Gitarren einsetzten. Das Publikum ging gleich von Beginn an stürmisch mit. Mich liess das aber erstaunlich kalt. Ich hatte das Gefühl, dass hinter der lauten Gitarrenwand eine ziemlich lauwarme und sterile Suppe gekocht wurde! Auch das nachfolgende "Positive tension", eigentlich ein Lied, das ich sehr mag, erreichte mich nicht. War die enthaltende Songzeile "Play it cool, boy" etwa die passende Programmansage? Coole Musik, ohne Gefühl also? "Hunting for witches" konnte den schlechten Eindruck leider nicht wegwischen. Diese Elektronik-Gefrickel und wieder diese zwar krachenden, aber glatt wirkenden Gitarrenriffs. War ich etwa bei Muse oder Placebo gelandet, also den schlimmsten Schrottbands, die frei rumlaufen? Dann endlich ein Lichtblick! Banquet!! Ja, das kam gut! Sehr gut sogar! Anscheinend gefällt mir doch das erste Album "Silent Alarm" immer noch wesentlich besser. Und ich denke auch zu wissen, warum: hier ist der Sound noch wesentlich roher, ruppiger, abgehakter. Mehr Gang of Four (die beste Band aller Zeiten), weniger Muse. Danach aber leider wieder höchstens Durchschnittskost mit "Where is home?" und dem mainstreamigen "I still remember". Bitte, liebe Jungs von Bloc Party: in die Mülltonne mit solchen Songs, o.k. Auf jeden Fall stärker, aber auch nicht 100 % überzeugend, war dann schon "Prayer". Um aber auch mal ein Lied von dem neuen Album zu loben: "Uniform" ist eines der besten Stücke, die Bloc Party je geschrieben haben! Zu Beginn langsam und melancholisch, entwickelt sich die Nummer im weitern Verlauf zu einem unglaublichen Stampfer, ein Abräumer allererster Güte! Damit hatten sie bei mir das Eis gebrochen, endlich hatte auch ich mich locker gemacht und tanzte beschwingt zu "Here we are" mit. Einem Mädchen im Publikum ging es da weniger gut. Sie fiel gleich neben mir in Ohnmacht, berappelte sich zum Glück aber schnell wieder. Wahrscheinlich war die Bullenhitze Schuld an ihrem Kollaps. Wie Hohn muss es dann wohl in ihren Ohren geklungen haben, als Kele bei "Eating glass", "it's so cold in this house" ins Mikro schrie. Da es dem Mädchen aber glücklicherweise besser ging, wollte ich mir nicht mehr die Laune vermiesen lassen, hatte doch die Stimmung und die Qualität gerade ihren Höhepunkt erreicht. Monsieur Okereke verausgabte sich, als stünde sein Leben auf dem Spiel und Matt Tong, der fabelhafte Drummer, sorgte mit seinem wahnwitzigen Trommelwirbel zu Beginn des Stücks dafür, dass Hände und Köpfe wild durch die Gegend wirbelten. Eine ganz ganz grossartige Phase war das, ich war jetzt endgültig aus meinem Schmollwinkel raus und in Fahrt gekommen. "Like drinking poison and eating glass" schrien alle begeistert mit. Das Olympia war zum Hexenkessel geworden. " We got crosses on our eyes, we have been walking into the furniture". Kele war nicht zu stoppen. Toll, toll, toll! Aber was war jetzt los? Die Burschen verliessen die Bühne. Sollte etwa nach zwölf Liedern schon Schluss sein, jetzt, wo es am Schönsten war? - Natürlich nicht! Es gab nämlich noch vier Zugaben! Bei "She's hearing voices" imitierten alle das "Hey, hey, hey", das in dem Lied vorkam. Überflüssig zu sagen, dass das eine unglaubliche Zugnummer war. Aber das Beste hatten sie sich natürlich für den Schluss aufgehoben. Klar, ich rede von.... Helicopter. Was auch sonst! Dieser Überhit hat nichts, aber auch gar nicht von seiner Zugkraft eingebüsst. Kam so gut wie eh und je!

Ein würdiger Abschluss, keine Frage. Die meisten glaubten, der Vorhang sei endgültig gefallen, auch ich bewegte mich Richtung Ausgang. Aber Moment, Moment, noch war die Messe nicht gelesen. Zu meiner hellen Freude spielten sie noch "Pioneers". Neben den wavigen Gitarren in diesem Stück haben mir immer schon einige Songzeilen sehr gefallen, z.B.: "if it can be lost, than it can be won". Ja, diese Hoffnung aus einer depressiven Grundstimmung heraus, hat schon was "Bewegendes", auch wenn es kitschig klingen mag. So konnte ich dem Lied dann auch die Lehre aus dem heutigen Abend entnehmen. "All you need is time" heisst es da. Lässt sich auch auf das Konzert anwenden. Brauchte etwas, um in die Gänge zu kommen und mich zu berühren, aber am Ende knallte es dann um so doller! Bloc Party, Bloc Party, Bloc Party!!!

Setlist Bloc Party:

01: Song for clay (disappear here)
02: Positive Tension
03: Hunting for witches
04: Waiting for the 7:18
05: Banquet
06: Where is home?
07: I still remember
08: This modern love
09: The Prayer
10: Uniform
11: So here we are
12: Eating glass

13: Sunday (Z)
14: She is hearing voices (Z)
15: Little thoughts (Z)
16: Helicopter (Z)

17: Pioneers (Z)

Bloc Party live erleben:

O4. Mai 2007: Berlin
O5. Mai 2007: Wien
O6. Mai 2007: Dresden
08. Mai 2007: Köln
09. Mai 2007: München
10. Mai 2007: Lausanne

von Oliver



6 Kommentare :

kaddi hat gesagt…

Hasi, man wird halt auch nicht jünger und braucht einfach immer ein bißchen länger um wieder reinzukommen in die Schwof- Action, wa? ;-) Habe mir Year Zero gekauft. Bin total gebrettert. Wahnsinn!

oliver r. hat gesagt…

Genau Kaddi!

Stimmung funktioniert bei mir nicht mehr auf Knopfdruck.
Stimmt schon, werde alt ;-)

Aha, die neue NIN, damit kann man sich bestimmt ordentlich zudröhnen...

oliver r. hat gesagt…

Um das mal klarzustellen: Placebo und Muse sind natürlich eigentlich keine "Schrottbands", aber-nachdem ich sie anfangs mochte- mir viel zu bombastisch und perfekt geworden!
Diese Befürchtung hatte ich zu Beginn des Konzerts von Bloc Party auch, aber letzlich hat sich ja alles zum Guten entwickelt :))

Peter hat gesagt…

Hallo! Werde am 08.05. in Köln sein, freue mich schon sehr drauf, mein erstes Bloc-Party-Konzert. Wird sicher geil und ich hoffe, schneller begeistert zu sein als du. Muss aber leider auch sagen, dass ich Silten Alarm besser finde. Jedoch erwarte ich viel von Song for Clay und auch Prayer. Ich denk, die werden schon gut abgehen.

Anonym hat gesagt…

dieses anti mainstream gelabere geht ein schon so auf den sack. es ist schon langsam ein trend das jeder versucht gegen den strom zu schwimmen. was es komischerweise auch zu einem mainstream macht nicht mainstream zu sein ;) so jetzt hab ich so oft mainstream geschrieben das es schon nervt. auf alle fälle kotzt mich sowas an!

oliver r. hat gesagt…

Hallo Herr oder Frau Anonym,
Vielen Dank erst einmal für Deinen Kommentar, auch wenn er kritisch ist.
Grundsätzliches Anti Mainstream Gelabere gibt es bei uns nicht, da kann ich auch für Christoph sprechen. Die Tatsache, dass eine Indie-Band zunehmend Erfolg hat und deshalb größere Hallen füllt, ist für uns kein Grund sie automatisch abzulehnen. Franz Ferdinand, oder auch Bloc Party habe ich schon im großen Zenith in Paris gesehen und es hat mir "trotzdem" gefallen. Ich hinterfrage nur, ob ein größerer Erfolg eventuell damit zu tun hat, dass zu stark auf einen Massengeschmack abgezielt wird und somit die Identität der Band zugunsten komerzieller Erfolge ein wenig verloren geht. Ich glaube bei Bloc Party geht aus meinem Bericht deutlich hervor, dass ich mich nicht habe beeinflussen lassen, denn am Ende hat es mir ja sehr gut gefallen.
Also kein gewolltes gegen den Strom schwimmen, das überlassen wir getrost anderen.
Wenn Du meinen Konzertbericht z.B. zu Razorlight in Paris gelesen hast, wirst Du erkennen, dass ich da eine Band in Schutz nehme, die in vielen Musikzeitschriften zum Abschuss freigegeben wurde.

 

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