Dienstag, 17. April 2007

Joanna Newsom, Paris, 16.04.07

Konzert: Joanna Newsom
Datum: 16.04.2007
Ort: La Cigale, Paris
Zuschauer: wahrscheinlich ausverkauft

In gewisser Weise knüpfte das heutige Konzert von Joanna Newsom an das von CocoRosie an, welches ich letzte Woche gesehen hatte. Zumindest werfen Musikjournalisten diese Künstler gerne in einen Topf. Dazu packen sie dann meistens noch Devendra Banhart und Anthony & the Johnsons und schon glauben sie, diese höchst unterschiedlichen Musiker unter dem Sammelbegriff "New-Folk" richtig verortet zu haben.

Selbstverstänlich greift diese Kategorisierung viel zu kurz, denn eins ist mir heute wieder klar geworden: Joanna Newsom ist eine einzigartige Künstlerin und Person! Klar, auch bei CocoRosie gab es eine Harfe, wenn auch ein wesentlich kleineres Modell als das von Fräulein Newsom und auch die Stimmen von Sierra und Bianca Cassidy haben dieses kindlich-trotzige Element. Damit erschöpfen sich aber auch schon die Ähnlichkeiten.

Die riesige Harfe von Joanna habe ich schon erwähnt, heute war sie allerdings bereits perfekt aufgebaut, als die Kalifornierin - bekleidet mit einem roten Kleidchen und in Gesellschaft dreier, weiterer Musiker - die Bühne betrat. Das war vor zwei Jahren als ich die zierliche Blondine zum ersten Mal live im recht kleinen Européen gesehen hatte, ganz und gar nicht der Fall. Damals hantierte sie nämlich eine geschlagene Viertelstunde an ihrem Mikro, um es auf die ideale Höhe zu der sie deutlich überragenden Harfe zu bringen.

Heuer also ein neues Album (Ys), eine neue Location (Cigale) und eine neue Band, die wenn man die brandneue EP als Maßstab nimmt, Ys Street Band heißt. Die Band bestand aus einer Violinistin, einem jungen Herren, der Banjo und Mandoline spielte und einem weiteren Musiker, der die ebenfalls riesige Pauke auf alle mögliche Weisen behandelte.

Zur Vorbereitung auf den heutigen Abend hatte ich mich übrigens mit dem Debütalbum "The Milk-Eyed Mender" eingestimmt, da ich es lange nicht mehr gehört hatte.

Und siehe da, schon das allererste Lied stammte witzigerweise vom ersten Album: "Bridges and Ballons". Im Grunde genommen war es eh leicht zu erkennen, von welchem Longplayer der jeweilige Song stammte, ganz einfach deshalb, weil die Titel auf Milk-eyed-Mender noch eine konventionelle Länge haben, während auf Ys jedes einzelne Stück Überlänge hat.

"Emily", was als Zweites gespielt wurde, war dann ein schönes Beispiel für ein langes Lied. Aber: halt stop! Jetzt nicht sagen, langes, also langweiliges Lied! Ganz und gar nicht! Im Gegenteil, es war ein großer Genuß der kleinen, süßen Joanna zuzugucken und zuzuhören. Wie sie diese monströse Harfe behandelte, einfach grandios! Da flogen ihre kleine Fingerchen nur so durch die Luft, zupften von oben nach unten und von unten nach oben das Gerät ab und streichelten es sogar zuweilen. Unglaublich diese Fingerfertigkeit! Ich habe gelesen, daß so eine Harfe ein gar garstiges Instrument sein kann und daß sich Joanna nicht selten die Finger daran blutig spielt. Blut floß zum Glück heute keins, dafür aber die Tränen. Meine Tränen. Freudentränen! Bei Monkey & Bear konnte ich einfach nicht mehr an mich halten, so gerührt war ich, ob all dieser Anmut und Grazie. Und dann diese Stimme! Mal weich und sanft, dann wieder kindlich hoch, fast wie eine Micky Mouse (oder besser Minnie Mouse). Immer aber anrührend. Das ging mir durch Mark und Bein. Zum Glück kriegte ich meine Emotionen wieder einigermaßen in den Griff, schließlich waren wir ja erst bei Lied drei...

Lied Nummer vier verblüffte mich wegen seiner Neuinterpretation im Vergleich zur Albumversion. Wird "Inflammatory writ" auf CD noch mit Piano gespielt, wurde heute eine gelungen Country-Version geboten. Nun ja, ein Klavier hatten sie ja schließlich auch nicht dabei. Dafür kam aber immer wieder diese schöne folkige Geige und das an Sufjan Stevens erinnernde Banjo zum Einsatz. Auch toll: die Pauken, die vor allem zum Ende einiger Lieder einsetzten und so etwas Pfeffer in die ganze Angelegenheit brachten. Schön auch, daß hier nicht einfach das aktuelle Album, das übrigens mit einem 32 (!) köpfigen Orchester eingespielt wurde, abgespult wurde, sondern perfekt zwischen neuen und alten Liedern gewechselt wurde. Einen nagelneuen Song hatte sich Frau Newsom für eine der beiden umjubelten Zugaben aufgehoben und zwar nicht den schlechtesten. Er heißt "Colleen" und stammt von der neuen EP. Schon jetzt gehört er zu meinen Lieblingsliedern der Amerikanerin.

Hach, schön war's, wunderschön sogar und eigentlich ging es viel zu schnell vorbei! Ich hätte noch stundenlang zuhören-und die flinken Finger an der Harfe entlangwirbeln sehen können...

Goodbye Joanna, hope to see you again quite soon!

Setlist Joanna Newsom:

01: Bridges and Ballons
02: Emily
03: Monkey & Bear
04: Inflammatory writ
05: The Book of right-on
06: Sawdust & Diamonds
07: This side of the blue
08: Peach, Plum, Pear
09: Old scottish song ("only skin"?)
10: Cosima
11: Clam, Crab, Cockle, Cowrie

12: Sadie (Z)
13: Colleen (Z)

von Oliver



3 Kommentare :

Sahi hat gesagt…

The concert was great indeed! Although I was a bit depressed that they took my camera at the entrance, even though I never read anything about the police on the website of the venue. (you did manage, and seems like you might be the guy left in front of me...)
But as soon as Joanna started playing everything was forgotten and the depression got replaced by joy, really awesome concert indeed!

oliver r. hat gesagt…

Hi sahi, thanks for your comment!
Yes, you are right, I managed to pass through the control.
Do you speak (or read) german?
Oh yes, what an awesome concert, Joanna is a genius!

oliver r. hat gesagt…

Bloggerfreund Eike hat einen ganz vorzüglichen Artikel zu Joanna Newsom in München am 18.09.2007 geschrieben! Die Setlist war folgendermaßen:

01: Bridges And Balloons
02: Emily
03: Monkey And Bear
04: The Book Of Right-On
05: Sawdust And Diamonds
06: Inflammatory Writ
07: Peach Plum Pear
08: Colleen
09: Ca' The Yowes To The Knowes
10: Clam Crab Cockle Cowrie

11: Sadie (Zugabe)

den kompletten Bericht findet man hier:
http://dasklienicum.blogspot.com/search/label/konzert

 

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