Freitag, 4. Juni 2010

Beach House, Paris, 03.06.10

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Konzert: Beach House (White Hinterland)

Ort: Le Trabendo Paris
Datum: 03.06.10
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: 65-Minuten


Résumée en français ci-dessous!


Orgasmisch, galaktisch, einfach unbeschreiblich toll!!!

Das Konzert von Beach House hat mich in eine andere Spähre katapultiert, ich war eine gute Stunde lang dem Paradies sehr nahe. Ganz klarer Fall: die Band aus Amerika ist besser als Schokolade, Twitter, Ragdollkatzen, ja besser als Sex!

Man merkt es meiner Wortwahl vielleicht ein wenig an: ja, ich bin ziemlich bekifft vor Glück aus dem Trabendo getorkelt und habe auch eine Weile lang Sternchen gesehen, so schön war das Ganze! Schwer zu sagen, ob mein Schwelgen in Superlativen nüchtern betrachtet gerechtfertigt ist, aber was spielt das in diesem Moment schon für eine Rolle? Einen Rausch gilt es auszuleben und nicht durch erbsenzählerische Abwägung kaputtzutrampeln. Also schwärmen wir mal so richtig schön. Die Stimme von Victoria Le Grand: Der Wahnsinn! Mal versoffen, mal sirenenhaft, aber immer genau ins Schwarze treffend. Der Sound im Trabendo: Brillant! Zudem wurden die Regler voll aufgedreht, so daß mich Victoria stimmlich zu Kleinholz hackte. Ich dachte jeden Moment, mein Trommelfell könnte platzen, aber das wäre mir auch Wurst gewesen. Die Bühnendeko: die bunt klitzernden Lametta-Bäumchen passten perfekt zum sahnig gerührten Schwebesound mit der kitschigen Note. Die Ausstrahlung der Sängerin: umwerfend sinnlich! Was für ein Charisma! Und wie sie ihre Lockenmähne nach hinten warf, sensationell! Manchmal glaubte ich der junge James Hetfield würde hinter einer Orgel headbangen. Die Gitarrenparts von Alex Scally: hochmelodiös und himmelhoch jauchzend! Der zusätzliche Drummer: eine enorme Bereicherung. So hatte das Konzert richtig viel Bums. Also kein lahmer, verhuschter Dreampop, sondern Lieder die mit Düsenjägerkraft in die Lüfte donnerten! Die Songs: allesamt Killer! Egal ob Norway, House of Chambers, Gila, oder Silversoul, jeder Hieb ein Treffer!

Kurzum: Eines der schönsten, intensivsten und berauschendesten Konzerte, das ich je in meinem Leben gesehen und gehört habe. Votum: 5 Sterne! Und Norway ist jetzt schon Livesong des Jahres für mich.

Und wie war White Hinterland im Vorprogramm?:

Nicht uninteressant. Ich weiß, daß dies eine dumme Floskel ist, die man verwendet, wenn man sich einen Verriss nicht zutraut, aber hier passt das mit dem interessant schon ziemlich gut und ist nicht negativ gemeint. Man muss wissen, daß. Casey Dienel, die sich hinter dem Moniker White Hinterland versteckt, ihren Stil radikal geändert hat. Machte sie auf dem Vorgängeralbum noch Pianofolk hat sie nun das Fach gewechselt und spielt seit dem Erscheinen von Kairos Eletropop/Dreampop mit experimenteller Note (ein bißchen wie Tune-Yards). Keine leicht verdaubare Kost, aber ich warne davor, sie deshalb vorschnell abzuhaken. Casey hat viel zu viel Talent, um oberflächlich mit ihr umzuspringen. An Kairos muss man sich in der Tat noch gewöhnen und die meisten Leute im Trabendo zeigten hinterher mit dem Daumen eher nach unten, aber ich gebe nicht so schnell auf. Außerdem ist das Vorgängeralbum Phylactery Factory ein Gedicht und hat mit Hometown Hooray ein ganz entzückendes Lied zu bieten.

Pour nos lecteurs français:

Un des concerts le plus intense, beau et enthousiasmant que j'ai jamais vu! Beach House est vraiment le groupe de l'année pour moi. Tout d'abord parce que leur album Teen Dreams est une pure merveille, mais surtout parce qu'on live c'est encore mille fois mieux! Pendant une bonne heure j'étais sur mon petit nuage et complètement hypnotisé par cette musique planante, reveuse et envoûtante. La voix superbe de Victoria Le Grand m'a donné des frissons et j'ai adoré de la voir faisant du "headbanging" derrière sa orgue comme si elle était une chanteuse de metal. Cette fille c'est la classe absolue, elle est cool, jolie et sensuelle, mais aussi teriblement attachante et gentille. Et elle parle pas mal français d'ailleurs. "Je vous aime" disait elle en quittant la scène, mais je pense que c'est réciproque. Une énorme claque ce concert!!

Setlist Beach House, Le Trabendo, Paris:

01: Walk In The Park
02: Lover Of Mine
03: Gila
04: Better Times
05: Norway
06: Silver Soul
07: Master Of None
08: Astronaut
09: Used To Be
10: Zebra
11: Heart Of Chambers
12: Take Care

13: Real Love
14: 8 Mile Stereo

Aus unserem Archiv:

Beach House, Paris, 24.05.08
Beach House, Paris, 20.02.10


Deutsche Konzerttermine von White Hinterland:

07.06.2010: Übel & Gefährlich, Hamburg
08.06.2010: NBI, Berlin




Donnerstag, 3. Juni 2010

Rufus Wainwright, Köln, 02.06.10

10 Kommentare

Konzert: Rufus Wainwright
Ort: Theater am Tanzbrunnen, Köln
Datum: 02.06.2010
Zuschauer: fast ausverkauft (knapp 900)
Dauer: 55 min & 70 min


Es fing wirklich nicht gut an. Ich war noch am Nachmittag hin- und hergerissen, ob mir ein Konzertabend mit Rufus Wainwright heute nicht zu anspruchsvoll wäre. Mir war mehr nach leichterer Kost. Der Hinweis, wie toll eines der letzten Konzerte des Kanadiers gewesen wäre, gab dann aber den Ausschlag, doch zum Tanzbrunnen zu fahren. Beim Parkplatz kamen mir dann die nächsten Zweifel, ob die Entscheidung die richtige war. "Fünf Euro!" - "Fünf Euro?" - "Ja!" - "Fürs Parken?" - "Ja!" Unverschämte Abzocke! Als Musikbekloppter gibt man viel Geld für sein Hobby aus und das ist schon richtig so. Wir wollen schließlich die Bands, die wir lieben, auch unterstützen. Bands, aber nicht Parkplatzbetreiber. Als Auswärtiger bleibt einem beim Tanzbrunnen allerdings kaum eine Alternative und so geht das Konzept mit den vergoldeten Parkscheinen auf. Also bleibt, beim nächsten Mal einen großen Bogen um den Tanzbrunnen zu machen.

Dann kam der große Auftritt der Security-Abteilungsleiterin mit den nassen Haaren.* Vor mir am Eingang übergab ein jüngerer Mann einem älteren eines der Online-Tickets und der ihm Geld. "Ham sie das Ticket gerade verkauft?" - "Ja..." - "Das ist illegal! Ich könnte Sie jetzt anzeigen!" - "Darauf lasse ich es ankommen." Leider ist die Geschichte pointenlos, mir war es zu dumm, noch weiter zuzusehen. Also weiß ich nicht, ob der Verkäufer noch abgeführt wurde. Natürlich ist gewerbemäßiges Schwarzhandeln übel und zu unterbinden (wobei viele sicher schon heilfroh waren, für ein ausverkauftes Konzert noch ein solches Ticket zu bekommen). Hier wurde aber deutlich weniger Geld ausgetauscht, als das billigste Ticket kostete, wenn ich es richtig gesehen habe (sieben Parkplätze maximal).

Auch ich bekam kurz danach zu spüren, daß die Security-Expertin offenbar zu viele Reportagen über "die härteste Tür von München, Berlin oder sonstwo" bei RTL2 gesehen hat. "Kamera abgeben!" - "Ach, das stand aber gar nicht auf dem Ticket?" - "Das steht aber hier am Eingang!" - "Gut, dann hätte ich das natürlich wissen müssen, 'tschuldigung!" Sie nahm mir die Kamera ab (also die eine, die andere fand sie nicht), klebte eine Garderobenmarke mit Panzerklebeband drauf und hatte ihren Job getan.

Daß es einen Fotowunsch des Künstlers gab, sah ich später. Rufus Wainwright bat, den ersten Teil des Konzerts nicht zu fotografieren. So etwas respektieren wir natürlich immer. Daher wird es davon leider auch keine Fotos geben. Aber vom zweiten Teil; denn der war schließlich nicht bilderverboten. Frau Sicherheit, die diese zwischendurch kräftig eingebüßt hatte, als sie nämlich die Anweisungen von Rufus auf der Bühne vorlesen musste und dabei sichtlich nervös war, guckte zwar überrascht, als ich in der Pause meine einkassierte Kamera zurückforderte, ließ sich aber von meiner Argumentation überzeugen und gab sie raus ("erster Teil ist um, also bitte!").

Und dann sah der Saal auch noch aus, als träfe sich da sonst einmal im Jahr die Siegburger Sparkasse zur Hauptversammlung.

Der Rahmen war also bereitet...

Daß der Abend trotzdem hervorragend wurde, lag einzig und allein an Rufus Wainwright. Um 20.15 Uhr ging das Licht aus. Der Konzertflügel, der alleine auf der Bühne stand, wurde leicht beleuchtet, ansonsten war der Saal stockdüster. Feierlich langsam schritt Rufus Wainwright von links zur Bühnenmitte. Er trug ein Kleid, das im Dunkeln kaum erkennbar war und das eine lange Schleppe hatte. In absoluter Stille nahm er am Klavier Platz und begann mit dem hochdramatischen ersten Stück seiner aktuellen Platte All nights are days: Songs for Lulu, Who are you New York?

Dem zweiten Wunsch des Sängers, auf Applaus im ersten Teil zu verzichten, kam der Saal nach - die unnatürliche Ruhe gerade nach dem ersten ganz wundervollen Stück machte die Stimmung noch etwas bizarrer. Ohne Ansagen oder irgendwelche anderen Ablenkungen (von einigen wenigen Griffen zu einem Wasserglas abgesehen) spielte sich der in den USA geborene Kanadier durch sein Werk. Wie beeindruckend das war, ist schwer zu beschreiben. Der Klang funktionierte in der Halle deutlich besser, als ihr Charme das hatte vermuten lassen. Rufus' eindringende Stimme, sein absolut fehlerfreier Vortrag, dazu die pure Stille und die dezenten Hintergrundfilme des schottischen Videokünstlers Douglas Gordon, der einen vielbeachteten
Dokumentarfilm über Zinedine Zidane (mit Soundtrack von Mogwai) gemacht hat; dies alles schuf eine außerordentlich feierliche Atmosphäre.

Co-Autor bei einigen Stücken des Albums ist William
Shakespeare (falls sie denn von ihm stammen), da Rufus Wainwright drei seiner Sonette vertont hat. Andere Stücke sind hochpersönlich, wie etwa Martha, das von vergeblichen Anrufen bei seiner Schwester erzählt.

Eine knappe Stunde dauerte dieser erste, sehr bewegende Teil, dann stand der Sänger auf, drehte sich andächtig und schritt langsam zurück zum Bühnenausgang. Erst als er draußen war durfte geklatscht werden. Auch das war Teil des Deals. Wenn die Gegenleistung so sehr stimmt wie heute, ist es leicht sich an solche Abmachungen zu halten.

All nights are days: Songs for Lulu ist wie man wohl sagt sperrig. Ich bin recht sicher, die Platte nicht oft zu hören, dafür hat mein Hörverhalten zu selten Gelegenheit, anstrengende Musik zu konsumieren. Die Klavierbegleitung bei Zebulon zum Beispiel besteht aus nur einem, oft wiederholten Ton. Wahrlich keine Alltagsmusik. Aber an einem Abend wie diesem sehr beeindruckend!

Eine lange halbe Stunde dauerte die anschließende Pause. Sie diente wohl eher der Umdekoration des Künstlers als der der Bühne, denn da wurden nur einige Kerzen aufgestellt. Durch rote Einfärbung der Videowand wurde die Bühne viel heller. Auch
der Saal war nicht mehr so düster wie zuvor - es begann ein komplett anderes Konzert.

Auch Rufus war wie ausgewechselt. Aus dem in sich gekehrten Tunnel-Musiker wurde ein redseliger Pianist. Er erzählte vom Abend vorher, als er in der Kölner Oper Wagners Rheingold gesehen habe und danach am Rhein spazieren gegangen sei. Das sei doch der Rhein hier? Später erzählte er von seiner ersten Reise nach Europa, die ihn gemeinsam mit seiner Tante Anna und seiner Mutter Kate McGarrigle, die im Januar an einer Krebserkrankung gestorben ist, und die gemeinsam hochdekorierte Folksängerinnen waren, nach Bonn und Köln führte. Zumindest behauptete Rufus das, als er von einem betrunkenen Heimweg in Bonn erzählte, der damit endete, daß die singende Künstlerfamilie mit einem Eimer Wasser beschmissen wurde. Die anschließende Fahrt im Zug von Bonn nach Köln war dann eine der schönsten seines Lebens. All die
Burgen und Berge! Weil wir nicht reagierten, fragte er verunsichert: "Did they tear down all the castles?" Die Lösung ist weniger dramatisch, die Fahrt war vermutlich länger und führte durchs Weltkulturerbe Mittelrhein.

In Köln habe er Eau de Cologne gekauft, das sei zwar spießig, so habe aber seine Großmutter gerochen - und eigentlich wolle er wie sie riechen.

Ach, er sprach viel, und es war hoch amüsant! Ein herrlich sympathischer Musiker, sehr verschroben aber unglaublich nett!

Im Lied Little sister sprach er von seinen drei Schwestern. Als er bei Martha angekommen war, sprach er über deren Baby. Und dann, als wären wir alle eng
befeundet: "They are all doing well, Martha and the baby!" Grüß sie bitte, Rufus! Denn auch Martha hat hier auf dieser Seite einen ausgezeichneten Ruf, seit ich sie in Nijmegen gesehen habe.

Später sprach er über seinen Freund und dessen Familie, die heute da wäre. Als er das tat, rief jemand (aus der Familie?) "Rufus, isn't it time to learn some German?" Auf der Suche nach einer Antwort mit einem deutschen Wort fiel ihm nur eines ein. "Hello!" Nach einem Lachanfall dann ein anderes: "Eichhörnchen!"

Aber mit Abstand am komischsten verlief Dinner at eight, ein Lied über seinen Vater, den berühmten Singer/Songwriter Loudon Wainwright III. Eigentlich ein ernstes Lied. Mitten drin lachte Rufus aber plötzlich laut los. "I can't stop laughing. I was thinking about the European Song Contest!" Und er spielte weiter, als sei nichts gewesen. Um wieder abzubrechen. "Ich habe den noch nie vorher gesehen und bin jetzt traumatisiert!" Und weiter im Lied über Vater-Sohn-Konflikte. "I liked Greece!" und singt weiter. "They looked really really gay!"

Eigentlich reichte diese Episode, um den Abend zu beschreiben. Wundervoll!

Rufus spielte in diesem zweiten Teil Lieder quer Beet aus seinen älteren Alben. Er
beschloss den Abend, wie er begonnen hatte, nämlich sehr sentimental, indem er ein Lied seiner Mutter coverte.

Die Mischung aus unterschiedlich gestalteter Rührseligkeit bzw. Dramatik und bestem Entertainment machten das Konzert so anders als ich gedacht hatte, sie machten es kurzweilig und interessant, nicht nur kunstvoll um der Kunst willen. Ein schöner Abend!

Setlist Rufus Wainwright, Theater am Tanzbrunnen, Köln:

Teil 1

01: Who are you New York?
02: Sad with what I have
03: Martha
04: Give me what I want and give it to me now!
05: True loves
06: Sonnet 43
07: Sonnet 20
08: Sonnet 10
09: The dream
10: What would I ever do with a rose?
11: Les feux d'artifice t'appellent
12: Zebulon

Teil 2

13: Beauty mark
14: Grey gardens
15: Nobody's off the hook
16: Matinée idol
17: Memphis skyline
18: The art teacher
19: Leaving for Paris
20: Complainte de la butte
21: Little sister
22: Dinner at eight
23: Cigarettes and chocolate milk

24: Poses (Z)
25: Going to a town (Z)
26: Walking song (Kate & Anna McGarrigle Cover) (Z)

* das nehme ich zu ihren Gunsten an




Mittwoch, 2. Juni 2010

Sophie Hunger, Paris, 02.06.10

3 Kommentare

Konzert: Sophie Hunger

Ort: La Cigale, Paris
Datum: 02.06.10
Zuschauer: gut gefüllte Ränge, aber nicht ganz ausverkauft
Konzertdauer: 100 Minuten


Résumée en français ci-dessous!


"Allein schon der Name weckt nicht mein Interesse und wenn ich dann die Fotos sehe: sie sieht so brav und bieder aus". Meine Freundin Uschi, die bekanntlich einen hohen Fachverstand hat wenn es um Musik geht, ging mit Sophie Hunger hart ins Gericht. Aber sie hat die Schweizerin eben noch nie auf einer Bühne gesehen, sonst würde sie vielleicht anders urteilen. Das Liveerlebnis hatte ich also der guten Uschi voraus, denn vor ziemlich genau einem Jahr hatte mich Sophie in der kleinen Boule Noire schwindelig gespielt und mir eines der emotionalsten Konzerte meines Lebens bereitet. Besoffen vor Glück schrieb ich noch in der gleichen Nacht einen euphorischen Konzertbericht, der fast einem Liebesbrief glich. Inzwischen ist aber schon wieder einige Zeit ins Land gegangen und CDs der Schweizerin habe ich 2010 noch kein einziges Mal gehört. Der Hype war bei mir erloschen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Oder so. Mit klarem Verstand und sehr nüchterner Stimmung fuhr ich also heute zur Cigale, ohne so richtig zu wissen, was mich erwarten würde. Mein Puls ging ganz normal als ich die Treppenstufen erklomm und ins Theater eindrang, wo Sophie und ihre Band schon angefangen hatte. Es war gerade einmal 20 Uhr 50, aber das Konzert war schon in vollem Gange. So etwas nennt man dann wohl Schweizer Pünktlichkeit, normalerweise tut sich hier vor 21 Uhr/21 Uhr 15 nie etwas. Ich war etwas verwirrt, denn mein Fotopass wurde unter der Auflage erteilt, nur Lied Nummer 4, 5 und 6 von der von der Bühne recht weit entfernten Konsole zu knipsen. Wie sollte ich jetzt wissen, wann Lied vier dran ist? Ob man mich ins Gefängnis sperren würde, wenn ich schon bei Lied drei knipse? An der Konsole angekommen, wurde ich von einer Besucherin von hinten angeschissen: "He, sie da, gehen sie mal zur Seite, ich sehe nichts." Ich verwies wichtigtuerisch auf meinem Aufkleber, der mich als Fotopassinhaber auswies. Die Nummer zog, die Frau wurde ganz kleinlaut und entschuldigte sich fast. Ich schoss triumphierend ein paar Fotos, aber die Entfernung war für meinen beschissenen Apparat zu weit (ich brauche unbedingt eine Spiegelreflex, Spenden werden gerne entgegengenommen, danke!). Die Bilder hätte ich gleich alle in die Tonne kloppen können! Ich war sauer und das Konzert plätscherte an mir vorbei. Erst bei dem Noir Desir Cover Le Vent Nous Portera wurde ich zum ersten Mal hellhörig. Ein guter Song einer starken französischen Band, deren Werk aber durch den Totschlag des Sängers Bertrand Cantat an seiner Frau Marie Trintignant 2003 mit einem unauslöschlichen Makel behaftet ist. Darf man Lieder covern, die ein Mörder geschrieben hat? Klugscheißer verweisen darauf, daß der Song bevor der brutalen Tat komponiert wurde. Schön und nahegehend ist er auf alle Fälle. Und Sophie und Band haben es verstanden, ihn perfekt in ihr Repertoire einzugliedern und harmonisch zu instrumentieren. Ein paar Auszüge der Parolen übersetzte die Hunger sogar ins Deutsche, für wen weiß ich auch nicht so recht. Für mich vielleicht? Nein, natürlich nicht, hier und heute waren ja auch noch andere deutschsprachige Leute im Publikum.

Ich bewegte mich nun von der Konsole weg, um näher dran zu sein. Die Fotos waren mir egal, was zählte war, in das Konzert so richtig reinzukommen. Manchmal gelingt einem das nicht, weil man zu müde, der Saal zu heiß, oder der Künstler zu lahm ist. Lahm ist Sophie Hunger zwar auch, aber ihre Langsamkeit hat etwas ungemein Beruhigendes in einer Zeit der Zappelphilippe. Zwischen den Liedern nimmt sie sich oft viel Zeit und als sie die Band vorstellte, ging damit eine gefühlte viertel Stunde drauf. Ich hörte Namen, die ich noch vom Konzert in der Boule Noire her kannte: Flury, Prader und Sartorius unter anderem. Eine tolle Band, die fabelhaft zusammenspielte und Sophie Hunger perfekt in Szene setzte. Die immer etwas schüchtern und verunsichert wirkende Sängerin war heute in ein orangefarbenes Kleid gehüllt und trug dazu schwarze Leggings. Simpel, aber nicht unelegant. Wenn ich aber sage, daß sie ziemlich langsam ist und damit eine Klischeevorstellung untermauert, die man von Schweizern hat, dann gilt das nur für die Zeit zwischen den Liedern. Sobald sie am Klavier sitzt, oder Gitarre spielt, wirkt sie wie verwandelt. Aus dem schüchternen Mädchen wird dann eine angriffslustige, selbstbewußte Dame, die den Zuschauer in ihren Bann zieht. Auch ich war inzwischen so richtig schön in Schwung gekommen und genoß das Konzert von Lied zu Lied ein bißchen mehr. Mit dem recht rockigen Citylights Forever vom aktuellen Album 1983 platzte dann bei mir der Koten. Spät, es handelte sich um den vorletzten Titel des offiziellen Sets, aber noch rechtzeitig genug. Dann wurde es melancholisch. Die Schweizerin setzt sich hinter ihr Piano und performte die herzerweichende Ballade Rise And Fall. Vor mir quengelte die Trombone von Michael Flury und plötzlich stieg in mir eine unglaubliche Ergriffenheit auf. Tränen schossen mir in die Augen, da ich plötzlich schmerzhaft an Beerdigungen von mir sehr nahe stehenden Menschen denken musste. Rise And Fall wirkte auf mich wie ein Trauermarsch und am Ende stand ich schluchzend wie ein kleiner Junge da. Aber das Ganze hatte auch etwas Befreiendes, mir ging es bald wieder besser.

Der Zugabenteil wurde zum Triumphzug. Den Text von Walzer Für Niemand verstand zwar nicht jeder Franzose, aber die intime, warmherzige Atmosphäre übertrug sich auf alle hier. Das zum Teil ziemlich reife Publikum (es waren auch ein paar Leute jenseits der 50 da) guckte gerührt und glückseelig auf die Bühne und verfolgte die Mimik von Sophie. An dieser kann man sehr gut ihre Stimmungslage ablesen und wenn sie die Mundwinkel verzieht, weiß man, daß sie gerade leidet. Oft schaute sie aber auch weltentrückt in die Luft, so als wolle sie den lieben Gott um Hilfe bitten. Hilfe von Seiten des Publikums brauchte sie auch immer mal wieder, wenn sie Dinge auf französisch erklären wollte. Zwar beherrscht sie die Sprache Molières recht gut, aber flüssig war es nicht, was sie so erzählte. Egal, die Zuschauer erkannten ihren guten Willen und halfen ihr auf die Sprünge, wenn sie stockte. Als sie erklären will, daß sie vor fast genau einem Jahr gleich gegenüber in der kleinen Boule Noire vor 100 Zuschauern gespielt hat, leistet sie sich einen Versprecher: "Jai joué devant 100 pourcent", sagt sie ("Ich habe vor 100 % gespielt"), will aber eigentlich ausdrücken: "Jai joué devant 100 personnes." ("Ich habe vor 100 Leuten gespielt"). Die Leute schmunzeln, aber Sophie schickt schlagfertig hinterher: "100 personnes c'est 100 pourcent la-bas" ("100 Leute bedeuten dort 100 %ige Raumauslastung)". In der Sache stimmte das zwar nicht, denn in die Boule Noire passen zwischen 200 und 250 Leute, aber das spielte gar keine Rolle. Klar war, was sie ausdrücken wollte, nämlich, daß sie es kaum glauben kann, heute vor mindestens 1000 Leuten aufzutreten. Das würde sie sehr berühren und man merkte ihr an, daß sie das aufrichtig meinte. Inzwischen hatte sie das Publikum komplett in der Tasche, die Leute fraßen ihr aus der Hand und die Jubelstürme kannten keine Grenzen mehr. Sie hat die Massen elektrisiert, anders kann man das nicht ausdrücken. Zum Dank gab es etliche umjubelte Zugaben und den Abschluss mit dem Song Train People, dessen Story sie auch ein wenig erklärt hatte. Emotional aufgeladen, vergaß ich aber wieder, was sie zu erzählen hatte.

Am Ende wollten die Franzosen sie gar nicht mehr gehen lassen, sie klatschten und klatschten und die Schweizerin klopfte immer wieder mit der Faust auf ihren Brustkorb, um auszudrücken, daß ihr dies zu Herzen ging. Am Bühnenrand und völlig akustisch spielte die Band dann im Sitzen noch ein allerletztes Lied. Es beschloß einen sehr emotionalen Konzertabend, bei dem mich die junge Künstlerin erneut verzaubert hatte.


Aftershow: Vor der Cigale treffe ich ein sehr nettes Bandmitglied von Sophie Hunger. Er erzählt mir, daß sie bald bei einem großen Festival in Frankreich spielen werden und sie auch beim Haldern Pop dabei sind. "Toll, da spielen nur klasse Gruppen!", beglückwünsche ich ihn und höre plötzlich deutsche Passanten gröhlend die Straße runterziehen. Die besoffenen Schweine waren bei den fiesen Beatsteaks in der Boule Noire gleich neben der Cigale und bestätigen die These: jede Band hat die Fans, die sie verdient. Eine von den deutschen Bräuten, die bei den Beatsteaks war, glotzt den Programmzettel der Cigale an und meint zu ihrem Freund: "Sophie Hunger? Kenn ich nicht!" Das beruhigt mich ungemein, denn aus diesem Lager braucht die Schweizerin nun wirklich keine Fans. Uschi lege ich aber Sophie Hunger noch einmal mit Nachdruck ans Herz!

Pour nos lecteurs français:

Quel beau et émouvant concert de la jeune Suissesse Sophie Hunger, j'avais les larmes aux yeux! On parle ici d'une fille timide (limite angoissée) et simple, mais terriblement attachante et bourrée de talent. La beauté ressort par ses yeux, elle met tout son coeur dans chaque morceau et mérite amplement l'ascension au sommet. L'année dernière elle jouait encore à la miniscule Boule Noire à côté, aujourd'hui elle remplit La Cigale. Parfaitement entourée par son groupe la demoiselle Hunger a même donné quelques leçons d'allemand et a fait l'effort de parler en français la plupart du temps: "J'ai joué devant 100 pourcent à la Boule Noire il y a un an. Non, excusez-moi j'ai joué devant 100 personnes et 100 personnes veut dire que le concert était complet donc la salle était remplie à 100 pourcent".

Ses dernìères chansons, incroyablement touchantes , ont mis tout le public debout pour applaudir longuement. Une chose est sûr: cette fille a quelque chose! Une jeune femme qui devient une star en si peu de temps et reste simple et accessible, je dis bravo!

Aus unsererm Archiv:

Sophie Hunger, Köln, 09.05.09
Sophie Hunger, Paris, 23.03.09



Owen Pallett & Young Marble Giants & Arto Lindsay, Paris, 01.06.10

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Konzert: Owen Pallett & Young Marble Giants & Arto Lindsay, Festival Villette Sonique

Ort: La Grande Halle de la Villette, Paris
Datum: 01.06.10
Zuschauer: etwa 2000 erneut
Konzertdauer: pro Act jeweils rund eine Stunde


Aber das sind doch..., nein sind sie das wirklich?, doch, doch, das sind... Georgia Hubley & Ira Kaplan von Yo La Tengo! Echte Indie-Helden, die mich bereitwillig ein Erinnerungsfoto von ihnen schießen ließen. Wenn die beiden heute zu den Konzerten in der Grande Halle de la Villette in Paris kamen, dann muss das Line-Up ja toll gewesen sein, schließlich haben Yo La Tengo einen ausgewiesen guten Geschmack. Nun, das war auch wirklich so. Krass geiles Programm heute, Alter,ey! Escht, ey! Aber auch anderswo in Paris spielte die Musik. Der junge Engländer Thos Henley (auf dem Foto links, weltberühmt geworden durch die Oliver Peel Session # 6) hatte heute die große Ehre, gemeinsam mit meinen französischen Lieblingen Syd Matters die kultige Maroquinerie zu erobern, Phosphorescent, Bruder im Geiste von Bonnie "Prince" Billy, trat im Espace B auf und Air teilten sich die Bühne mit Au Revoir Simone und zwar gleich um die Ecke in der Cité de la Musique. Dennoch war ich hinterher sicher, mich für das "richtige" Konzert entschieden zu haben. Und das lag vor allem an Owen Pallett. Der junge Kanadier war einfach sensationell!

Hier mein Resumée:

Arto Lindsay: Eine Kreuzung aus Woody Allen und Stephen Hawking, zumindest optisch. Der hagere Bursche mit dem Kassengestell auf der Nase, spielte auf einer noisigen Gitarre und wurde von einer afrikanischen Backing Band begleitet, in der auch ein Bongospieler agierte. Musikalisch schwer einzuordnen, das Ganze. Irgendwo zwischen Rock, Freejazz, Blues, Noise, Reggae und Funk. Alles sehr hochstehend und gekonnt dargeboten, aber auch bisweilen zäh und schwer verdaulich. Dennoch bin ich sicher, daß Yo La Tengo für ihn gekommen sind.

Young Marble Giants: Hier gingen hinterher die Meinungen auseinander. Uschi und Guillaume, mit denen ich gekommen war, fanden es kultig und cool, Fotografenzar Robert Gil nörgelte irgendwas von: "ist schlecht gealtert, die Mucke". Was sagt Oliver Peel? Hmm. Statisch wie beim letzten Mal in Boulogne Billancourt, aber für mich immer noch verblüffend modern. 1980 haben die Waliser mit diesem minimalistischen Sound die Blaupause für den Erfolg von The XX geliefert und musikalisch sind sie immer noch stark. Ein knarzig polternder Bass, rasierklingenscharfe Gitarrenriffs und der wunderschöne, weltentrückte Gesang von Alison Statton, alle Markenzeichen der einflußreichen Band (und dies mit einem einzigen Album!) gibt es nach wie vor, lediglich der Drumpart ist heute anders. Anstatt eines Drumcomputers agierte wie schon 2007 in Boulogne Billancourt Andrew Moxham, der dritte der Gebrüder Moxham (Stuart Moxham: Gitarre und Keys, Bass: Phil Moxham). Die Songs (Brand New Life, Wurlitzer Jukebox, Searching For Mr. Right, etc.) stammten von Colossal Youth, aber eine der Zugaben Taxi (ohne Allison) kam von der Testcard Ep. Ein gutes Konzert.

Owen Pallett: Alle Lobeshymen auf den jungen Kanadier sind gerechtfertigt! Donnerwetter, was die nonchalante Bohnenstange mit der engelsgleichen Stimme aus seiner Violine rausstrich, zupfte und loopte! Ein perfekter Sound machte diesen Auftritt zu einem Ohrenschmauß der allerersten Güteklasse. Begleitet von einem zusätzlichen Musiker namens Thomas (Drums, Gitarre), spielte mich der Bursche mit dem Waverscheitel in einen wahren Rausch. Ein Lied schöner als das andere, kein einziger Patzer und stimmlich eine brillante Vorstellung ließen mich zu einem unzweideutigen Urteil kommen: Owen muss als Kind in eine Zauberbrunnen gefallen sein. Ein Riesentalent! Wie sagte Stuart Moxham in einer Szene so treffend: "Es ist toll, vor Owen Pallett zu spielen, schließlich ist er Kanadier. Und aus Kanada kommen Leonard Cohen, Neil Youg und Joni Mitchell." Wenn der junge Geiger konstant so weiter macht, hat er wirklich das Zeug aus dem übergroßen Schatten dieser legendären Künstler zu treten. Eines der Konzerte des Jahres. Wahnsinn!! Und wer war eigentlich noch mal dieser Andrew Bird?



Setlist Young Marble Giants, La Grande Halle de la Villette, Festival Villette Sonique, Paris (tausend Dank an Uschi)

01: N.I.T.A.
02: Choci Loni
03: Eating Noddemix
04: Ode To Booker T.
05: Wurlitzer Jukebox
06: Music For Evenings
07: Cakewalking
08: The Man Amplifier
09: Final Day
10: Radio Silents
11: Include Me Out
12: Constantly Changing
13: Searching For Mister Right (pour Melodie)
14: Brand New Life

15: The Taxi
16: Salad Days
17: Credit In The Straight World

Setlist Owen Pallett, Festival Villette Sonique, Paris (noch einmal vielen lieben Dank an Uschi für die unglaubliche Mühe!!)

01. E Is for Estranged
02. This is the Dream of Win & Regine
03. Scandal at the Parkade
04. That's When The Audience Died
05. Midnight Directives
06. Keep the Dog Quiet
07. The Great Elsewhere
08. Lewis Takes Action
09. He Poos Clouds
10. Oh Heartland, Up Yours!
11. Flare Gun
12. The Butcher
13. Many Lives → 49 MP

14. Lewis Takes Off His Shirt
15. Cliquot (co-written with Beirut)
16. This Lamb Sells Condos

- tolle Fotos von diesen Konzerten gibt es bei Robert Gil:

Owen Pallett, klick!
Young Marble Giants, klick!
Arto Lindsay, klick!

Aus unsererm Archiv:

Young Marble Giants, Paris, 28.10.07

Owen Pallett, Barcelona, 28.05.10
Owen Pallett, Frankfurt, 15.03.10
Final Fantasy, Haldern, 14.08.09




Dienstag, 1. Juni 2010

Joanna Newsom, Paris, 31.05.10

7 Kommentare

Konzert: Joanna Newsom

Ort: Grande Halle de La Villette, Paris
Datum: 31.05.10
Zuschauer: ausverkauft, also etwa 2000
Konzertdauer: 1 Stunde 50 Minuten


Résumé en français ci-dessous!

Aber das ist doch..., nein ist sie das wirklich?, doch, doch, das ist... Aleks Campesinos! Unglaublich, daß ich beim Konzert von Joanna Newsom auf die "Aussteigerin" treffe! Gerade eben hat Roy Harper seinen Auftritt als Support der Harpistin beendet und das verschafft mir Gelegenheit, ein wenig mit der unwahrscheinlich netten Aleks zu plaudern. Sie habe gerade ihr Examen hinter sich gebracht und warte nun angespannt auf die Ergebnisse. Dieses Konzert hier hat sie sich sozusagen zur Belohnung geschenkt. In Paris wohne sie aber nicht, sie sei nur zu Besuch hier. Sie ist ziemlich platt, daß sie jemand außerhalb von einer Bühne erkennt und dann auch noch in Frankreich. Ich erzähle ihr, daß ich sie bei den Gigs mit Los Campesinos! oft genug vor der Linse hatte, um mich genauestens an ihr Gesicht zu erinnern. Außerdem trägt sie stilvolle Schuhe. Also wie immer. Wir wünschen uns gegenseitig ein schönes Konzert.

Und natürlich wird es auch das erwartet traumhaft schöne Konzert. Wie soll es auch anders sein? Schließlich ist Joanna Newsom ein Wunderkind. Oder so. Auf jeden Fall besser als Lena. Zumindest ein bißchen. Und sie lächelt auch oft. Schon während des ersten Liedes bekommt sie einen kurzen Kicheranfall und muss sich konzentrieren, um nicht aus dem Takt zu geraten. Dann läuft alles wie am Schnürchen. Ihre kleinen Finger gleiten behende durch die Saiten ihres imposanten Instrumentes und die Backing Band (zwei Violinen, Posaune, Mandoline, Banjo, Flöte, Schlagzeug, insgesamt sind es fünf zusätzliche Musiker, 3 Männer zwei Frauen) begleitet sie auf das Harmonischste. Ein Hörgenuß ersten Grades und auch der Sound ist brillant und glasklar. Etwa 2000 kultivierte Mitbürger lauschen andächtig auf ihren Sitzplätzchen und verhalten sich mucksmäuschenstill. Oder sind sie eingeschlafen? Schließlich haben wir es hier mit nicht allzu leicht verdaulicher Kost zu tun und die einzelnen Lieder sind oft endlos lang. Aber das Publikum hat trainierte Ohren und genug Konzentrationsfähigkeit, die knapp 2 Stunden durchzustehen, ohne den Nachbarn durch sein lautes Schnarchen zu stören. Ok, die Frau neben mir pennt, oder meditiert sie etwa nur? Egal, jeder genießt auf seine Weise die Musik der engelsgleichen Joanna Newsom. Unfassbar, diese moderne Rapunzel! "Lass Dein Haar hinab" würde ich ihr manchmal gerne zurufen, aber ich glaube das würde nicht gut ankommen. Womöglich würde man mich rausschmeißen. Schließlich herrscht hier eine Atmosphäre, die man eher von Klassikkonzerten kennt. Aber Joanne guckt zum Glück nicht so streng wie dereinst Claudio Abbado bei den Konzerten, die ich in der Berliner Philharmonie in meiner Studentenzeit gesehen habe. Im Gegenteil, sie lacht sogar ständig zwischen den Liedern und dieses Lachen hat etwas Ansteckendes. "You are a really good looking audience, what are you gonna do after the show?", fragt die Harfenzauberin in einer Szene kess. Das Kompliment kann man ihr guten Gewissens zurückgeben. "Good looking" ist sie auf jeden Fall. Zwar hat ihr Mund etwas Nußknackerhaftes, aber das fällt bei soviel Anmut und Grazie nicht ins Gewicht. Wunderbar ihr Kleid, atemberaubend der Augenaufschlag und sie hat sogar hochhackige Schuhe an. Für eine Folkkünstlerin ziemlich ungewöhnlich. Die performen ja oft barfuß, um den Boden unter den Füßen zu spüren und den Kontakt zur Erde nicht zu verlieren. Joanna Newsom ist in künstlerischer Hinsicht sowieso weltentrückt und schwebt mit ihrem grandiosen Talent über den Wolken, da kann sie ruhig Stöckeschuhe tragen!

Für ein paar Lieder begibt sie sich hinters Piano und man hat die Gelegenheit,
sie besser zu sehen. Hinter der riesigen Harfe verschwindet das zierliche Persönchen immer ein wenig, wenn sie aber klimpert, sieht man ihr hübsches Profil. Ihr Drummer vorne rechts (vom Publikum aus), spielt sensationell toll mit ihr zusammen und ihr Mandolinenmensch (oder auch Banjo- und Flötenspieler) links zupft die feinsten Melodien raus, die man sich vorstellen kann. Manchmal stößt dann auch noch von hinten eine Posaune (Trombone?) mit hinzu und dann streichen auch die Violinistinnen mit den Bögen durch ihre Saiten. Der Instrumentierung wird es mir dennoch nie zuviel (Puristen mögen das anderes sehen, die alten Nörgler!), da es immer wieder Passagen gibt, in denen man nur Joannas kindliche Stimme und ihre Harfe hört. Eigentlich singt sie weitestgehend noch wie früher, genauso knatschig, schrill und hoch, eben wie Kate Bush, obwohl ich in letzter Zeit immer mal wieder aufgeschnappt habe, daß sie sich das Infantile in der Stimme abgewöhnt hätte. Zum Glück ist das trotz eines weicher gewordenen Kehlchens nicht ganz so, denn kleinmädchenhaft singend habe ich sie mit dem ersten Album The Milk-Eyed Mender kennen- und lieben gelernt. Das neue Werk, die Tripple CD Have One On Me kannte ich hingegen vorher noch gar nicht. Irgendwie scheint es mir, daß auch das Publikum das zweite Album Ys am besten kennt, denn immmer wenn davon ein Stück ertönt ( Monkey & Bear) brandet der stärkste Applaus auf. Aber eigentlich ist es egal, aus welcher Schaffensphase die jeweiligen Stücke stammen, denn jedes einzelne ist an sich ein Kunst-, nein mehr, ein Meisterwerk! Zwar habe ich keine Ahnung von Harfen, aber irgendwie klingt das doch alles sehr fein, was die Kalifornierin da aus dem grobrahmigen Dingsbums rauskitzelt. Bei meinem Lieblinsglied des Abends lege ich mich aber dennoch fest, es ist Peach, Plum, Pear und bildet den vorläufigen Abschluß des famosen Konzertes. Vor allem das Zusammenspiel zwischen Joanna und ihrer Band ist hier nicht zu überbieten. Da stimmt bis auf das letzte I-Tüpfelchen alles und dennoch wirkt das Ganze nicht steril, oder glatt. Das sehen wohl auch die anderen Leute so und spenden begeistert Standing Ovations. 5 Minuten später geht es mit der Ballade Baby Birch weiter, aber das ist für mich kein wirkliches Highlight. Dennoch scheint dies der endgültige Abschluss zu sein. Joanna zieht zum zweiten Mal Leine, wird aber überraschenderweise doch noch einmal zurückgeklatscht. Ich bin inzwischen nah an die Bühne vorgedrungen und sehe die Newsom nun aus nächster Nähe. Wie gebannt schaue ich zu, wie ihre kleinen Händchen auf das Filigranste die Saiten bearbeiten. Sie singt Sawdust And Diamonds ein Kleinod wie es im Buche steht. Keiner im Publikum wagt zu plaudern, obwohl sich die Sitzordnung längst aufgelöst hat. Minutenlang glozten Leute wie unter Hypnose auf die Bühne und versuchen mit ihren Iphons Erinnerungsfotos zu schießen. Aber kein Iphon und keine Applikation dieser Welt kann die Grazie, die Eleganz und die Fingerfertigkeit von Joanna Newsom einfangen. Man muss sie live gesehen haben, um das Ganze zu kapieren.

Beim Rausgehen treffe ich noch einmal kurz Aleks Campesinos. "Incredible. unbelievable, amazing!", so ihr Urteil. Dem ist nichts mehr hinzufügen.

Pour nos lecteurs français:


Sublissime Joanna Newsom! Le jeune prodige californien a donné à la Grande Halle de la Villette un concert de rêve. Frôlant la perfection, l'harpiste et pianiste a impressionné pendant presque deux heures les 2000 spectateurs avec son jeu filigrane et habile et son chant infantile à la Kate Bush. Son groupe, composé de deux violonistes, d'un trompetiste, d'un multiinstrumentaliste (banjo, mandoline, flûte) et d'un batteur fabuleux, l'accompagna à merveille. Le public écoutait solennellement et calmement les chansons qui venaient dans la plupart des cas du nouveau triple album Have One On Me, mais s'exprima par des applaudissements nourris après la fin de chaque morcaeux époustoufflants. Malgré son immense talent Joanna paraissait naturelle, souriante, attachante et coquine. "You're a really good looking audience" disait-elle dans une scène, mais en fait c'était bien sûr elle "la best looking" avec ses cheveux longs (une sorte de rapunzel moderne?), sa robe simple, mais chic et ses talons hauts. Et surtout avec son sourire! Mais quel beau sourire!

Difficile parmi toutes ses compositions qu'on pourrait qualifier de chef d'oeuvres de choisir le meilleur morceau de la soirée.
J'ai eu une petite préference pour Peach, Plum, Pear qui finit la partie officielle du concert. Le premier rappel n'était pas forcément à mon goût, mais le deuxieme Stardust and Diamond m'a complétement épaté! De tout près je voyais ses petites mains traverser cet instrument imposant et chanter avec tout son coeur. Avec des frissons dans le dos je quittais la salle et je crois je ne suis pas le seul qui trouve que c'était très probablement le meilleur concert de l'année. Comment égaler cette prestation incroyable?


Aus unserem Archiv:

Joanna Newsom, Paris, 16.04.07

- j'ai plus de photo de ce concert sublime de Joanna Newsom sur mon flickr, click!
-die besten Fotos dieses Konzertes von Joanna Newsom hat der ebenfalls überwältigte (er verteilt rekorverdächtige vier Herzchen) Fotografenzar Robert Gil. Klick!

Setlist Joanna Newsom, Grande Halle de la Villette, Paris: siehe Zettel, den die charmante Blondine hochhält. Es fehlt darauf aber das letzte Lied Sawdust and Diamonds.




 

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