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um
19:45
Konzert: OBS22
Ort: Beverungen
Datum: 18.05.-20.05.2018
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: ausverkauft
46 Minuten.
46 Minuten dauerte es. Dann kam „Sold Out“. Nix, kein Vor, kein Zurück. Wer nicht zum Zuge kam, frage bereits nach wenigen Minuten nach irgendeiner Möglichkeit um noch an Karten zu kommen. Bei dem eher knapp gehaltenen Kartenkontingent blieb erfahrungsgemäß kaum Bewegung.
Seit dem großartigen OBS 15 gab es meines Empfindens kein so grandioses LineUp wie in diesem Jahr. Natürlich war jedes Jahr für sich ein Herausragendes und stets war das OBS mit das Beste was der Festivalsommer überhaupt bieten konnte. Rembert und Crew sei‘s gedankt!
Aber dieses Mal fügten sich anscheinend wieder einmal des Bookers glückliches Händchen mit des Künstler kongenialer Lust am Auftritt zu einem kaum zu überbietenden Klanggemälde. Anders ist dieses LineUp nicht zu erklären.
Und dann startet ein Festival bei dem auch sagenhaft viele erwartungsfröhliche und freundlichen Fahrgemeinschaften zwischen Eltern und ihren Kindern gebildet werden. Hier kommen die Generationen wieder zusammen.
Und in diesem Jahr gelang der Altersklassenbogen so exakt zwischen Casper, Giant Rooks und Sophia und Mitnight Choir verbindend, dass kein Auge trocken blieb. Und es lief und lief...
Die erwähnten 46 Minuten reichten allerdings auch aus um eine gewisse Grundpanik auszulösen. Also wurde direkt mal die Anreise stracks um drei Tage vorverlegt, aus Sorge es würde keinen Stellplatz für das rollende Bett mehr geben. Und so wurde zwischen Kornlastern "Am Weseranger" die Base eingerichtet und sollte erst am Pfingstmontag wieder geräumt werden.
Die Anrainer namens gelassen.
Tim Vantol - Der junge sympathische Holländer eröffnet mit besten Singer-Songwriter Gaben und einer fantastisch reibenden Stimme das OBS22 und gleichsam einen Festivalfreitag der keine, aber auch wirklich keine kleine Pause zulassen wird. Erst gegen 24:00 Uhr werden die Regler aus nachbarschaftlicher Rücksicht heruntergefahren.
Ein Gefühl vom Zuhausigkeit (Danke Nillson!) stellt sich ein. Love!
Dawn Brothers - Wundervoll, Wundervoll, Wundervoll! Die aus Rotterdam angereisten Brüder im Geiste spielen besten besten Retrorock im Stile der 60iger und 70iger.
Fortuna Ehrenfeld - Martin Bechler wird seit geraumer Zeit als einer der derzeit wichtigsten deutschen Songwriter gehandelt und damit fast geadelt. Ein bisschen schade, das „nur“ die kleine, aber wundervoll hergerichtete Minibühne für die Kölner Band, dafür aber für zwei Sets, geöffnet wurde. Da geht noch mehr! Darüber täuscht auch das wie immer etwas schräge Outfit Bechlers im karierten Schlafanzug mit Federboa und Bärentatzenfellpüschel an den Füßen nicht hinweg.
Wer sich nicht davon ablenken lässt, bekommt feinstes Textgeschmeide auf die Ohren und darf wegen der Minibühne ganz dicht dran sein. Alles richtig gemacht!
D/Troit - Seit Jake and Elwood kam mir nur noch mit St.Paul and the Broken Bones auf einem der zurückliegenden hpf ein derartig souliger Funk um die Ecke gefegt. Herrlich analog diese Dänen!
EF - Ich war schon ein wenig enttäuscht, diese Band schon am Freitag hören zu dürfen. Sie war eigentlich eine Band für den sonntäglichen sphärischen Abschluss mit dem alle übersprudelnd glückselig nach Hause geschickt werden.
Aber der Sonntag Abend war mehr als würdig belegt und so bereitete EF den Boden für den Freitagabend-Abschluss, wiegte den geneigten Zuhörer in Sicherheit und fesselte ihn wie ein Rudel Sirenen das Seefahrer anlockt. Hut ab vor der Platzierung im LineUp.
Casper - Welch eine Grenzgängernummer! Es zollt von Mut, diesen Auftritt, der nun wirklich zu groß wirkt für diese wunderbare Bühne, zu ermöglichen. Casper, dieser rauhstimmige Indie Rapper, bemühte sich dabei redlich um die Gunst aller Anwesenden. Und irgendwie gab es davon auch auch mehr als sonst und dass obwohl es erstmals wieder keine Freitagabendtickets gab. Eine bewusste OBS Entscheidung.
Die Bühne in dicksten Nebel gehüllt, wurden die Akkorde aus vollem Lauf über den Platz gefegt. Die OBS Massen waren bis auf wenige Ausnahmen gebannt und doch breitete sich eine merkwürdige Grundaggression aus, die ich so noch erlebt habe und eigentlich auch nicht brauche. Wie gesagt - ein Grenzgang!
Irgendwie war die folgende Nacht kurz und alles andere als trocken geblieben. Aber die Erwartung an einen herausragenden Samstag mit ansteigender musikalischer Kurve lässt keinen lange zurück.
Ida Mae - was für ein geiler Auftakt für einen ansonsten kühlen Samstag.
Wer Kill it Kid mochte, der kann an dieser Formation nicht vorbeikommen, auch wenn sich Stephanie Jaen und Chris Turpin eher an die Ursprünge zurückarbeiten. Folkig, warmherzig und umgarnend kommt ein einprägsamer Sound daher. Und dabei sind sie auch noch ausgesprochen attraktiv. Wer nun ins Träumen gerät, der wird durch den deutlichen Hinweis auf die kürzlich zurückliegende Hochzeit der Beiden schnell wieder geerdet. Egal, was bleibt ist die Musik!
Me + Marie schienen mir anfänglich ein wenig zurückhaltend und kontrolliert. So sind sie halt, die Schweizer. Doch dann arbeitet das Duo+ ihre Songs hervor und wirkte dann so gar nicht mehr so Schweiz, eher München (hier leben Sie mittlerweile) oder Berlin (Studio Alex Prave). Indie-Folk geprägt vom Wollen und Können. Zudem auch mal in Rätoromanisch. Es wird nicht mein letztes Konzert sein.
C.Heiland - Mit frechem staubtrockenem Humor eroberter dieser Typ am Samstag die Minibühne und das dortige Umland. Psychiatrie, Sambazug nach Kiel, Lehrer- und Tierpflegerinnenwitze ließen die Umbaupausen zweimalig zwerchfellbelastend überstehen. Herausragend!
Schreng Schreng & La La - der Anwalt und sein Esel, Lasse Paulus und Jörkk Mechenbier rütteln mit Ihrem Akustik-Post-Pank seit 2007 an den geneigten Ohren. Während Lasse für die Gitarren zuständig ist, kann Jörkks Gesang sanfter als bei seinem eher wütenden Vocals bei Love A überzeugen. Es macht schon Spass den beiden zuzuhören, die zwischendurch auch immer mal wieder Zeit haben, sich von einjährigen Pampifutts das Plec ins Schallloch werfen zu lassen.
Und dann Afterpartees - was passiert sonst wohl auf Afterpartees? Richtig! Es ist laut, feucht-fröhlich und endlos andauernd! Wer hier nix verkippt, hatte es schon an den Ohren!
Blind Butcher - Ein völlig durchgeknalltes, diskokugelsprengendes und bestmögliche Minibühnenpräsens zeigende GarageGlitterRockCombo. Druckvoll, laut und buntschrill! Selbst das schicke Grauzonen-Cover passte herausragend und überraschte.
Intergalactic Lovers - Meine persönliche Freude, diese wunderbare Band auf der OBS Bühne wiederzuhören. Die charismatische Lara Chedraoui und ihre Band aus Belgien schafft besten Indie-Rock in einprägsamen Lines und einer Stimme. Wow!
Scott Mattews - Wer es schafft mittels Ukulele akustisch Culture Clubs 82‘ Jahre Song "Do You Really Want to Hurt Me" so in einen Slow Flow zu schießen, dass man gefühlt jeden Moment rechts oder links sitzend von der Festzeltgarnitur kippen könnte, dem gebührt allergrößter Respekt. Natürlich kann der musikalisch Tiefenentspannte nicht nur Cover ummünzen, aber eben auch. Dance With Somebody!
Giant Rooks - Was soll hier noch geschrieben über die vlt. wichtigste deutsche Band ihres Genres. Alles ist in den letzten Monaten geschrieben und gesagt worden. Die Hallen sind ausverkauft, egal ob auf dem Festland oder der Insel. Und auch große Festivals machen den sympathischen Jungs aus Hamm in Westfalen nur noch kurzzeitig weiche Knie. Ein sauber gespieltes Set, gewachsene Stimme und Spaß, Spaß, Spaß am OBS, welches schon so oft zuvor besucht wurde. Man ist quasi hier aufgewachsen.
Sophia - Wer hier nicht wollte, selber schuld. Robin Proper Shepert zog an und nahm die Wiese mit Sturm und Drang. Und obwohl Sophia das erste Mal live und in düster das OBS beehrten, so gibt es scheinbar eine ewig währende Verbindung.
Der täglich eingespielte OBS Trailer aus „Absolute Giganten“ in dem Frank Giering, alias "Floyd" vor dem Sound von Sophia‘s „Reprise“ über die nie enden dürfende Musik philosophiert, schuf eine nicht mehr enden wollende Liebe, die in dem heroisch andauernden Extro ihren ultimativen Höhepunkt fand. Wer das erleben durfte, geht gestählt in das kommende Jahr.
Der alljährliche pfingstsonntägliche Suprice Act blieb bis kurz vor Beginn in frühmorgendlicher Stunde das bestgehütete Geheimnis des OBS. Eine Handvoll Eingeweihte gaben nichts Preis, sondern im Gegenteil, sie legten falsche Fährten, beschrieben u.a. eine notwendige Visabeschaffung in der internen ToDo Liste und am Set wurden nur abgeklebte Transportboxen angeliefert.
Die vorabendlichen Spekulationen umfassten auch diese Band. Aber gefühlt war der Wunsch der Vater des Gedanken. Doch dann passierte es. Mit Kettcar betrat eine der wichtigsten deutschsprachigen Bands die Bühne und feierte die morgendliche Gemeinde!
Mit Donovan Woods betrat ein tiefenentspannt wirkender Kanadier die Bühne, der zu keiner Zeit den Anschein machte, das eben Dargebotene toppen zu müssen. Ruhig und gelassen bespielte Woods ein unaufdringlich eindringliches Americana Set. Vergleiche mit den großartigen Bear’s Den drängen sich auf. Ein Genuss!
Mit Daily Thompson stürmte ein Trio aus Dortmund die Bühne und wollte sie eigentlich so gar nicht mehr hergeben. Die Grunge-Garage-Indierock Formation setzt Zeichen und haute raus was es mitgebracht hat. Krachend!
Steiner & Madlaina - Und damit bekamen wir etwas herausragend feines und liebevolle arrangiertes auf die Ohren. Nora Steiner und Madlaina Pollina fanden sich auf einem Züricher Pausenhof. Langjährig vertraut als Duo, dem eine komplette Band aber auch sehr gut steht. Das Duo überzeugt auf der ganzen Länge. Und ja, wir verweisen kurz auf die familiäre frühkindliche Erziehung im Hause Pollina und den beiden musikalisch wohlgeraten Kindern, schon der Bruder gastierte im vergangenen Jahr auf der OBS Bühne. Dies aber nur fürs Nebenbei.
Denn die beiden bislang erschienen EP’s sollten in keiner Liste fehlen und September 2018 erscheint dann bei Glitterhouse die erste CD.
Eine Lesung nach 10 Bechern Industriebier? Kann man machen wenn, ja wenn es Linus Volkman ist, früherer Werktätiger bei Intro, heute nur Lesender „...im Dorf, dass niemals aufwacht...“ (Beverungen) über Festival und natürlich über kleine und größere Probleme bei selbigen.
Und eigentlich hat er ja gar keinen Bock auf Festivals zu lesen. Danke dafür und für den Spaß auf allen Seiten!
Was dann kam, kam als vorweg genommener Abriss. White Wine! Wer auf sommerlaue Stimmung mit einem Gläschen Traminer aus war, tja der hatte Pech! Dreck und Schwefel! Aber was der US-Musiker und Wahl-Leipziger Joe Heager mit seinen Mannen Fritz Brückner und Christian „Kirmes“ Kuhr darbot, firmiert unter Noise Pop vom Feinsten und eröffnet die Apokalypse im Glitterhouse Garten.
Da werden Fotografen im Graben nieder gerungen (Wolfgang hat es aber wieder auf die Beine geschafft) und das Mikro im Rasen verbuddelt. Ein Gerenne und Gepoge und dazwischen immer wieder Einspielungen mittels Fagott. Grandioses Kino und man selbst sollte stets auf etwas Abstand bleiben.
Olli Schulz - Gewohnt flachsig mit leicht arrogantem Einschlag aber gefühlvollem Textinterieur welches sich in divers verkündeten (Lebens)weisheiten äußerte. Der aus Funk und Fernsehen bekannte liedermachende Entertainer weiß zu überzeugen. Bis zum ersten Akkord an der Fluppe saugend, sitzend und lächelnd, während um ihn herum in den Vorbereitungen gewühlt wurde.
„Du bist eben so lange einsam bis du es lernst allein zu sein.“ Mit Kat Frankie in der Combo verstärkt, liefert Olli ein famoses Set ab, der vielfache Confettiregen lieferte den Glamour.
Boy Division - die best gekleidete Coverband ever, waren mit ihrem Walking Acoustic Set dreimal am Sonntag unterwegs. Während im Publikum und am MeetAndGreet der großartigen Roadtracks noch alles passte, kippte Olli beim letzten Set fast vornüber von der Ministage und auch die Textsicherheit war dahin. Kurz zuvor hatte ihn eine ungefähr 5jährige mit MickyMäusen gut behütet auf den Ohren, derart aus dem Konzept geworfen, dass auch mit einer größeren Tröte nix mehr zu reißen war. Ein elend geiler Spaß!
Midnight Choir - das letzte Konzert vor ihrer damaligen Auflösung spielte die Band außerhalb Norwegens auf dem OBS. Und das erste Konzert nach ihrer Reunion spielen sie? Richtig! Auf dem OBS22. Und das noch als absolutes Finale, als Höhepunkt und als Abschluss eines grandiosen Festivals. So schließen sich Kreise.
Und genau das war es was alle wollten und bekommen haben. Das beste kleine Festival, ein Riesenspass. Ihr OBS Macher, ihr seid schon sehr geil!
Auf die kommenden 46 Minuten.
Foto und Text: Denis Schinner by desc-photography
Noch mehr Foto: bald auf www.desc-photography.com
um
19:12
Konzert: Sophia / New Fall Festival
Ort: Düsseldorf
Datum: 17.11.2017
Dauer: 95min
Zuschauer: ca.400
Der zweite Abend des New Fall Festivals hielt einen besonderen Leckerbissen bereit. Sophia spielten, ebenfalls im kleinen Bachsaal über der Johanneskirche, und es wurde ein magischer Abend.
Robin Proper-Sheppard und sein Projekt Sophia ist so etwas wie die Schnittmenge fast aller Konzerttagebuch-Autoren, und dies schon lange bevor viele von uns sich überhaupt kannten. Die melancholischen, manchmal poppigen und selten auch sehr lauten Kompositionen sind einfach ein Genuss.
Ich sah ihn zum ersten Mal ebenfalls in einer Kirche, am 16.04.2001 in Krefeld, und wurde seitdem nie enttäuscht. Nach einer längeren Pause gab es letztes Jahr bereits eine längere Tour zum neuen Album "As we make our way", das alle Facetten seines bisherigen Werkes perfekt abdeckt, und für Neulinge von Sophia durchaus als Einstiegswerk zu empfehlen wäre.
Bei diesen Gigs spielte Robin dann auch das Album komplett, begleitet von seiner ausgesprochen jungen Band, und präsentierte nur wenige ältere Songs. Um so aufgeregter wurde ich, als Robin in Düsseldorf gleich zu Beginn bemerkte dieser, letzte Leg der Tour, wäre reserviert für alte Songs, die er schon lange nicht mehr live gespielt hätte.
Was folgte war ein traumhafter Abend an dem wirklich nichts auszusetzen war. Fast alle Lieblingssongs folgten im Minutentakt, teils in neuen Versionen. "I left you" gleich zu Beginn, "So slow" direkt danach, wie schön dies alles noch einmal zu hören.
"Desert Song", "It`s easy to be lonely", was hätte mit diesen Songs alles passieren können. Leider hielt das musikalische Leben für Robin nur einen, kleinen Radiohit bereit. "Oh my love" ist auch heute noch ein zeitloser, grandioser Song.
Am Ende, Robin ist zu allem Überfluss auch noch bester Laune (früher war das eher eine Seltenheit), eine fast 15minütige Version des "River Songs", danach war alles gesagt.
Ohne missionarischem Eifer kann ich nur jedem Tagebuch-Leser, der noch nicht mit dem Werk von Sophia vertraut ist, eine Hörprobe ans Herz legen. Es könnte ihre winterliche Playlist entscheidend verändern, versprochen.
Allen anderen sei das umfassende Konzert-Dokument auf 3 CD`s empfohlen. Mehr Infos dazu auf der Website unter http://www.sophiamusic.net/
Fotos: Michael Graef]
um
13:10
Konzert: Sophia
Ort: Maastricht - Muzikgieterij
Datum: 23.04.2016
Dauer: 100min
Zuschauer: ca.200
"Sophia sind zurück !". Fragende Blicke könnten die Antwort auf diesen Ausspruch sein, hat doch der Künstler seit fast 7 Jahren kein Album mehr veröffentlicht. Vor dieser Zeit tat er dies regelmäßig und mit sehr hoher künstlerischer Qualität, was ihm bis heute eine relativ große Fangemeinde (nicht nur in Benlelux) dankt.
"Sophia" entstand aus Robin-Propper Sheppards erster Band "The God Machine" und entführte den Zuhörer meistens in gefühlvolle aber zutiefst melancholische Songs, oft akustisch oder auch mit Streichern untermalt. Die rockigere Seite kam meistens nur noch bei den Konzerten, in kleineren Ausbrüchen zum Vorschein.
So stellte sich die Frage, mit welcher seiner damals ständig wechselnden Bandmitgliedern er uns bei dieser ersten neuen Clubtour überraschen würde. Leider gab es nicht viel zu sehen in Maastrichts neuer Veranstaltungshalle, einer schönen, alten Fabrik (wie immer in den Niederlanden perfekt eingerichtet und mit bestem Sound versehen).
Das lag allerdings nicht am Veranstaltungsort, sondern an der Band selber. Weniger Licht bei einem Konzert habe ich bisher nur bei "Bohren & der Club of Gore" erlebt. Meistens strahlten die wenigen Scheinwerfer nur ins Publikum, die Band und ihr Sänger waren bis zum Ende auch von den ersten Reihen aus kaum erkennbar.
Sheppard kommentiert das in seiner launigen Art nur damit, vereinzelten Handy-Blitzern Strafen anzudrohen, noch bevor er in der Mitte des Sets auch nur zu einer Begrüßung angesetzt hätte.
Über die Setlist des Abends konnte man am Ende trefflich streiten, tatsächlich spielte die Band zunächst das neue Album komplett, ehe im zweiten Teil eine Art Best-Of geboten wurde.
Da die neue CD aber alle Spielarten von Sheppards Werk enthält, und durchaus als gelungen bezeichnet werden kann, war das kein Nachteil. Das wuchtige "Resisting" eröffnet den Abend, die vierköpfige Begleitband aus spielwütigen Mittzwanzigern ergibt sich (soweit erkennbar) sofort in einer "Wall of Sound" der schönsten Art, ohne das Konzept des Songs zu verlassen und setzt so direkt ein erstes Ausrufezeichen für den Verlauf des Abends.
Sheppard wechselt nicht einmal die Gitarre, akustische Einlagen gibt es keine. Es variieren nur ruhige, laute und sehr laute Songstrukturen. Einzig das neue "California" sorgt im Moll-Dauerton für etwas Lebensfreude, aber das war auch nicht anders zu erwarten.
"So Slow", "If only", und "Oh my love" sind der Teil des Sets ohne Überraschungen, bevor Sheppard ohne von der Bühne zu gehen, weitere 25 Minuten "loudest noise" seiner "kickass Band" ankündigt.
Das klingt dann schon fast wieder wie eine Bestrafung des Publikums. Trotzdem wirkt er in diesem zweiten Teil wesentlich gelöster, scherzt gar kurz über seine 19-jährige Tochter, die sein Talent und seine Musik natürlich völlig uncool findet.
Und so endet der Abend mit "Mogwai"-artigem Feedbackfinale von "Darkness" und "The River Song".
Eine unerwartet rockige Rückkehr aus einer langen Pause von der abzuwarten bleibt, ob sein in die Jahre gekommenes Publikum diesen Weg mitgehen wird. Die CD jedenfalls wird keine alten Fans verschrecken. Ob sie ein neues, jüngeres Publikum ansprechen kann bleibt offen.
um
03:20
Konzert: Sophia (Robin Proper-Sheppard solo)
Ort: Ein Wohnzimmer in Heusweiler
Datum: 05.05.2012
Zuschauer: gut 30
Dauer: ca. 135 min
"I play the one hit I have and I'm fucking it up...!" - Robin Proper-Sheppard mußte ein paarmal ansetzen, um Oh my love zu Ende zu spielen. Auch ein, zwei
andere Lieder unterbrach der Sophia-Kopf, weil er noch etwas zu ihrer Entstehung erzählen wollte. Oft wurden das sehr persönliche Geschichten, meist handelten sie von traurigen Lieben.
Ich mag eigentlich nicht, wenn bei einem Konzert das Emotionsfass zu weit aufgemacht wird. Ich halte es da mit Noels Gallaghers "Shut up and play One" zu Bono; ich will Musik und zwischen den Liedern nichts über Politik, die Rettung der Welt oder die Gefühle des Künstlers hören.
Heute war das komplett anders. Nichts nervte an dem wundervollen Wohnzimmerkonzert des Amerikaners! Robin spielte zweieinviertel Stunden lang vor enorm aufmerksamen und leisem Publikum. Das ist zwar eine ganz fiese Musikjournalistenfloskel, aber es war ein wahnsinnig intensives Konzerterlebnis!
Sophia hat 2009 das bislang letzte Studioalbum veröffentlicht. Im vergangenen Dezember erschien At Home With Sophia... The Acoustic Sessions, nachdem Robin seit 2010 Solokonzerte unter diesem Motto veranstaltet hatte (von denen viele Mitschnitte auf der Sophias Bandpage Seite veröffentlicht sind). Kurz vor Weihnachten hatte ich eine dieser akustischen Shows in der Kölner Wohngemeinschaft gesehen, einem kleinen Konzertraum, der wie ein piefiges Wohnzimmer eigerichtet ist. Heute war es ein richtiges (und schönes) Wohnzimmer und ein Auftritt der noch eine Ecke spezieller war.
Robin und die saarländischen Veranstalter stehen schon lange im Kontakt. Auch ein Wohnzimmerkonzert war seit einiger Zeit im Gespräch, die Zusage des Musikers kam Anfang der Woche. Ich brauchte nicht furchtbar lange, meine bisherigen Pläne, Cloud Nothings in Köln zu sehen, über den Haufen zu werfen, als ich eine Einladung bekam.
Daß die Organisatoren nur fünf Tage Vorbereitung hatten und ihr erstes Wohnzimmerkonzert veranstalteten, merkte man nicht die Spur. Es war perfekt organisiert, jeder herrlich entspannt und vorfreudig. Robin tauchte ab und zu auf und begrüßte alte Bekannte, alles war sehr familiär und überhaupt nicht der richtige Rahmen für Jammern um den Abstieg des Lieblingsvereins. Das stellte ich dann halt auch ein.
Als alle Besucher da waren, setzte sich Robin um kurz vor halb zehn auf einen einzelnen Stuhl und stimmte seine akustische Gitarre. Es gab keine Verstärker und kein Mikrofon. Aber auch das Licht war unplugged, der Künstler und wir, die vor ihm sitzenden Zuschauer wurden nur von Kerzen beleuchtet, toll!
Robin sagte, er habe 28 Lieder vorbereitet und geübt, aus denen er den Abend bestreiten wollte. Wären Leute da gewesen, denen Sophia vorher nichts gesagt hätte, hätten die mit dem ersten Stück einen Eindruck davon bekommen, worum es bei Robins Musik geht. "I left you because it seemed to hurt us less than if I stayed," ist kein fröhlicher Pop. Immer wenn eine große Liebe geendet hätte, habe er ein Sophia Album geschrieben. Das behaupten Silbermond oder Christina Stürmer vielleicht auch, wenn sie der hörzu Interviews geben, die schreiben aber* dann nicht so unendlich schöne und traurige Lieder wie Robin Proper-Sheppard. Und die sagen auch nicht von sich, daß sie schlechte Menschen seien.* "I'm an ok songwriter but a really bad person."
Das Problem dabei, in Liedern eigene Trauer zu verarbeiten und nicht das
runterzunudeln, was einem die Produzenten vorsetzen, ist aber dann auch, daß man damit verdrängte Geister wieder herbeiruft. Bei Robin war das der Fall. Er sagte mehrfach, daß ihm heute wieder einiges im Kopf rumspuke, was bei ein zwei Liedern Texthänger verursachte. Das machte das Konzert aber nicht schlechter, im Gegenteil. Die kleinen Pannen waren äußerst charmant. Meine Lieblingsszene war bei A last dance, als er das Lied unterbrach, um die Geschichte des Songs zu erzählen. Oder bei Heartache, als er den Beginn immer wieder abbrach, um etwas zu sagen. Auch so etwas kann bei Konzerten furchtbar zäh und anstrengend sein, hier war es toll und hoch unterhaltsam. Bei Heartache kommentierte er irgendeinen Akkord mit "I didn't do this on the album!" Die Kritik seiner Tochter Hope an der Zeile "I even tried holding my breath to help me pass the time" und seine verzweifelte Antwort "It's just
a song and you're thirteen!" ist auch nicht auf der Platte. Deshalb war der Abend auch so gut. Und nur ein Lied ist eben keines seiner Stücke.
Weil Robin das halbe Publikum gut und lange kennt, entstanden immer wieder kleine Unterhaltungen. Obwohl das Konzert wahnsinnig lang war, 135 Minuten am Ende, war es ansonsten unfassbar still im Wohnzimmer. Das habe ich noch nie in der Form erlebt. Robin bot zwar irgendwann an, daß die, die sich langweilten, jetzt gehen könnten. Das war aber wie der Satz mit dem okayen Songwriter Blödsinn. Nur zwei Sachen störten ihn. Mit Neid beobachtete er die beiden Champagner Gläser in der ersten Reihe, obwohl die Minibar zu seinen Füßen auch einiges hergab. Er forderte auch Champagner. "Be honest, but don't be too honest. Am I rude?" Dann gab es einmal ein Störgeräusch von Eiswürfeln, was den Sängern zu einer Szene einlud. "Das ist lauter hier als in einer Bar!"
Schwer, aus dem Abend Höhepunkte rauszupicken. Something war sicher einer (auch wenn Robin sich für die "fucked up version" ohne weibliche Stimme entschuldigte), The desert song no. 2 war toll, A last dance sowieso, Swept away, das Anna Ternheim Cover What have I done, There are no goodbyes am Ende.
Am schönsten war aber die Geschichte, die Robin am Ende noch erzählte. Am Nachmittag wollte er etwas spazieren gehen. Er war im Wildpark, in dem es einen weißen Hirsch gibt, von dem ihm vorgeschwärmt worden ist. Robin stammt ja aus San Diego, der Stadt mit einem der schönsten Zoos der Welt. So jemand ist sicher schwer zu beeindrucken, ein weißer Hisch tat das aber. Nur hat er den nicht gesehen sondern nur ein paar Ziegen. Und bei denen hätte man sehen können, wie die Natur funktioniert. Die fetten Tiere waren am Trog, die schlanken bekamen nichts zu essen. Ganz abseits stand aber eine Ziege mit besonders langen Haaren. "The hippie goat!" Es würde mich nicht wundern, darüber irgendwann ein trauriges Lied zu hören.
An dem Abend stimmte alles, und der erste Satz war natürlich Blödsinn: Robin hatte zwar Oh my love verpatzt. Er musste das Lied abbrechen, um die furchtbar schiefe Gitarre zu stimmen. Aber es war nicht sein einziger Hit heute. Es war einer von sehr vielen!
Setlist Sophia, Wohnzimmerkonzert, Heusweiler:
01: I left you
02: If only
03: Are you happy now
04: Ship in the sand
05: Something
06: Swept back
07: The desert song no. 2
08: If a change is gonna come
09: The death of a salesman
10: Pace
11: Oh my love
12: A last dance (to sad eyes)
13: Lost
14: Another friend
15: I can't believe the things I can't believe
16: What have I done (Anna Ternheim Cover)
17: Jealous guy (John Lennon Cover)
18: The river song
19: Heartache (Z)
20: There are no goodbyes (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
- Sophia, Köln, 28.12.11
- Sophia, Frankfurt, 15.05.10
- Sophia, Wien, 29.09.09
- Sophia, Köln, 12.02.09
Danke an Alex und Saarbrooklyn Massive für diesen tollen Abend!
* glaube ich zumindest, ich verfolge die nicht so
um
01:02
Konzert: SophiaOrt: Theater, Die Wohngemeinschaft, KölnDatum: 28.12.2011Zuschauer: gut 50Dauer: gut 105 min"Du wolltest eigentlich zu der Show am Freitag. Da war ich krank, meine Stimme klang komisch. Du hast nichts verpasst." Ich glaubte kein Wort von dem, was Sophia
Mann Robin Proper-Sheppard nach dem Konzert am Merchstand sagte. Auch angeschlagen soll das intime Weihnachtskonzert vergangenen Freitag im Theatersaal der Kneipe Die Wohngemeinschaft ein großes Vergnügen gewesen sein. Ich war damals (haha) zu langsam, stand aber offenbar auf einer Warteliste, die lang genug war, daß sie einen zweiten Konzertabend rechtfertigte, und kam so in den Genuß eines neuen letzten Konzerts des Jahres.Die Wohngemeinschaft ist eine hippe Kölner Kneipe, eingerichtet wie eine ihrer Namensgeberinnen. Als Highlight steht in einem der Räume ein alter VW Bus, den man als Sitzecke nutzt. Daß zur Wohngemeinschaft ein Theatersaal gehört, war mir neu. Von Konzerten da hatte ich bisher nichts mitbekommen. "Theatersaal" ist
allerdings auch nicht ganz richtig. Durch ein Treppenhaus gelangt man in einen bestuhlten Raum im Nachbargebäude, dessen kleine Bühne mit einem Klavier und allerlei 50 Jahre Mobiliar bestückt war.Kurz nach neun begann Robin Proper-Sheppard seine Show. Um Viertel nach neun verließen die ersten beiden Zuschauer bereits wieder den Saal. "Das waren wohl die beiden Gewinner bei Facebook." Der Rest blieb und sollte das auch nicht bereuen. Das war aber auch nicht sonderlich schwer, schließlich war der Abend "invite only"; Karten gab es nur direkt beim Künstler, die Nähe des Publikums zur Musik war also vorhanden.Robin hatte im Vorfeld auch dazu aufgefordert, Musikwünsche einzuschicken. Spielte er einen davon, kündigte er dies an. "Das hat sich Natascha gewünscht", "das ist für Kathrin."Wie sich das für Wunschkonzerte gehört, war das Programm (sicher) ungewöhnlich.
Ich hatte Sophia vorher erst einmal gesehen (und war damit neben den beiden Facebook Gewinnern, die hoffentlich anderswo einen schönen Abend hatten, einer der Amateure im Saal), weiß daher nicht, wie gewöhnliche Sophia Konzerte aussehen. Die Setlist umfasste Songs querbeet aus Robins Katalog. Viele dieser Stücke erscheinen demnächst in akustischer Form auf einer Doppel-CD "at home with Sophia - the acoustic sessions", die Robin im Anschluß verkaufte. Bei der Neu-Aufnahme des River Songs für dieses Album sei er im Studio gefragt worden, was denn an dieser Version akustisch sei, es seien dabei ja laute Gitarren beteiligt. "Zehn oder zwölf, aber alles akustische!" Auch in der Wohngemeinschaft wurde es dabei etwas lauter. Dies war aber die Ausnahme. Nur
Every day und bei If a change is gonna come verließ der Sänger kurz den sehr ruhigen Grundton des Abends.Auch wenn es selten krachig wurde, war das Konzert nie langweilig. Auch über fast zwei Stunden fesselte mich das Programm des Sängers, und da schien ich wirklich nicht die Ausnahme zu sein. Einzig die Lichtspiele, die die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos erzeugten, lenkten ab und an etwas ab. Damit hatte es sich aber auch mit den Effekten. Die benötigen Sophia und Robin nämlich auch nicht.Setlist Sophia, Die Wohngemeinschaft, Köln:01: Desert Song No. 202: Pace03: Swept back04: If only05: Ship in the sand06: Something07: A last dance (to sad eyes)08: Fool09: Another friend10: Every day11: If a change is gonna come12: Oh my love13: So slow14: Lost (she believed in angels)15: When you're sad16: I can't believe the things I can't believe17: Directionless18: River Song (Z)19: Jealous guy (John Lennon Cover) (Z)20: Another trauma (Z)Links:- aus unserem Archiv:- Sophia, Frankfurt, 15.05.10
- Sophia, Wien, 29.09.09
- Sophia, Köln, 12.02.09
um
09:50
Konzert: SophiaOrt: Yellowstage, Frankfurt-RödelheimDatum: 15.05.2010Neulich als in Rödelheim zur Akustikgitarre gesungen wurde- von Ursula von Neulich als ich dachte - Rödelheim kennt man als musikinteressierter Mensch wohl nur als Ursprungsort peinlicher deutscher Hip Hop-Projekte, doch gestern Abend gab es einen anderen Grund, hinzufahren: Als Teil seiner aktuellen Tournee „At Home with Sophia“ trat im Tonstudio Yellowstage Robin Proper-Sheppard alias Sophia auf.Das Konzept dieser Tournee besteht darin, die Songs
allein auf der Akustikgitarre an kleinen, intimen Spielorten aufzuführen, und so war das Tonstudio nicht nur eher schwer zu finden, sondern es fasste auch nur um die 100 Leute, die sich auf Bierbänken scharten, während auf der Bühne zunächst ein Tonbandgerät lief.Herr Proper-Sheppard ist dafür bekannt, etwas empfindlich, um nicht zu sagen launisch zu sein, wenn ihn bei seinen Auftritten etwas stört. Unsere Sitzplätze in der zweiten Reihe in gefühlten 10 cm Abstand zur Bühne ließen uns deshalb kaum frei atmen – was, wenn wir durch ein falsches Geräusch, Geschwätz oder einen gelangweilten Gesichtsausdruck den Meister verärgern würden?Wir sorgten uns, während wir das Bühnenbild betrachteten: Neben dem erwähnten Tonband gab es auch postergroße Drucke von Albumcover, wobei die hier enthaltene Pappheizung auf höchster Stufe zu laufen schien - oder war das der Angstschweiß?Als Robin schließlich die Bühne betrat, das Tonbandgerät abschaltete und das erste Lied
Heartache spielte, trug er nicht zur Entspannung bei, denn er brach den Song ab und erklärte, dieses Lied habe er nun selbst versemmelt, normalerweise sei aber das Publikum schuld. Außerdem ermahnte er uns zur absoluten Stille, da das gesamte Konzert aufgezeichnet werde und man durch das Spezialmikrophon jeden Mucks hören könne.Dennoch, grundsätzlich war er gut gelaunt, streifte seine Lackschuhe ab und begann den nächsten Song So Slow, der manchen Konzertbesucher zu Tränen rührte.Die Setliste, erklärte er uns, bestand im Wesentlichen aus den Musikwünschen einer extra aus Italien für das Konzert angereisten Tanja (dem „number one fan from Italy“), die sich nicht weniger als 25 Lieder gewünscht hatte. Robin hatte versucht, diese in ein sinnvolles Listenformat zu bringen, dabei aber keinen Erfolg gehabt. Letztendlich spielte er dann alles von der entworfenen Liste und einiges zusätzlich (Swept Back, Another Trauma, Holidays Are
Nice, Lost, Directionless), nicht ohne anzumahnen, dass niemand der deutschen Zuschauer Wunschsongs für das Konzert eingereicht hatte – das wäre nämlich vorab per E-Mail möglich und auch erwünscht gewesen.Nach einigen weiteren traurigen und aufrüttelnden Liedern kam es zum nächsten Ärgernis, denn an den leisen Stellen waren plötzlich leise aber deutlich Fernsehgeräusche (wohl vom DFB-Pokalendspiel) zu hören. Herr Sophia bat erst von der Bühne aus darum, den Fernseher, wo auch immer er sei, auszuschalten; als nichts passierte, wurde es ernst: Mit dem Hinweis, dass „all hell will break loose“, begab er sich nach nebenan, und fast erwartete man, demnächst einen entsetzten Todesschrei zu hören und zu sehen, wie die blutverschmierten Überreste des Fernseh-Störers
an die eigentlich abgehängte Scheibe des Nebenraums fliegen würden.Nichts dergleichen geschah, Robin kehrte aufgeräumt zurück und erklärte, das Geräusch komme aus dem Nachbarhaus, und die Nachbarn könne er nicht verprügeln, weil er bereits seine Schuhe ausgezogen habe. Außerdem würde er bei viel mehr Lärm komponieren, also sollte das Performen auch bei ein bisschen Fernsehradau funktionieren.Tatsächlich gab es also offenbar keinen Grund, Angst zu haben, und auch nach dem Konzert begab sich der Sänger unverzüglich an den Merchandise-Stand,
nötigte alle Besucher, sich in die Liste für den kostenlosen Erhalt der Konzertaufnahme einzutragen, verkaufte seine CDs und signierte bereitwillig. Nett.Auch Selbstironie ist ihm nicht fremd – so erwähnte er nach einer Pause zum Getränkeholen, auch für ihn sei es anstrengend, die eigenen Songs für zwei Stunden zu akustischer Gitarre zu präsentieren, weil sie selbst ihn deprimieren würden. Der Veranstalter des luxemburgischen Konzerts derselben Tournee habe angesichts der Ankündigung, zwei Stunden spielen zu wollen, mit den besorgten Worten „You know, your music is not so bright“ reagiert.Die in Frankfurt begeistert aufgenommene geballte Schmerzdosis fand schließlich ihr Ende, und das Konzert schloss mit einer Zugabe von drei Liedern: The Last Dance,
You Are My Everything (Coverversion eines Anna Ternheim-Lieds) und There Are No Goodbyes.Das ganze in der Musik transportierte Leid ist dabei durchaus authentisch. Lied um Lied drehte sich um Trennungen, unerwiderte Liebe, Enttäuschungen, den Krebstod der Mutter und menschliche Tragödien, und während den Erläuterungen zum Inhalt eines Liedes erwähnte der Autor und Sänger, dass er bisweilen gefragt werde, ob die Lieder alle auf persönlichen Erfahrungen beruhten. Die Antwort: „Every fucking word.“
um
21:41
Konzert: Sophia & Dark Captain, Light Captain
Ort: WUK, Wien
Datum: 29.09.2009
Zuschauer: etwa 400
von Julius aus Wien
Sophia und Wien sind eine wunderbare Kombination. Im Februar lud der Radiosender FM4 – wohl nicht ganz zufällig – am Valentinstag zur exklusiven „Radiosession“ ins Radiokulturhaus. Wer den Saal in erwähntem Gebäude kennt, sowie um die beachtliche Fanschar von Robin Proper-Sheppard weiß, kann sich vorstellen, dass gewaltiger Andrang auf die streng limitierten Karten herrschte. Noch dazu handelte es sich ja um eine komplette Akustikshow mit Streichquartett. Genug Gründe eigentlich, um bei der Kartensuche leer auszugehen. Umso mehr freute ich mich, als im vergangenen Juni ein neuerlicher Besuch der Herren angekündigt wurde, diesmal ein reguläres Konzert, dennoch mit Streichquartett.
So wie mir scheint es im Februar vielen ergangen zu sein, denn das WUK war gut gefüllt und das trotz zweier Konkurrenzveranstaltungen mit zugkräftigeren Namen. Aber das WUK hat nun mal – nicht zuletzt dank seiner konsequenten Bookingpolitik – eine solide Basis aus Stammgästen, auch viele reifere Semester.
Als Support durfte – wie auch in Deutschland - die Ostlondoner 5-Mann-1-Frau-Truppe „Dark Captain Light Captain“ ran. Mehrstimmiger Gesang, von sakral bis Falsett, ist ja immer noch schwer in Mode und die Nähe zu den allgegenwärtigen Fleet Foxes können auch die Engländer nicht leugnen. Doch so blutjung wie die Sub Popper aus Seattle sind unsere Freunde mit dem antithetischen Namen vermutlich nicht mehr, einwandfrei belegen lässt sich das leider nicht, denn ein Großteil der Herrenriege stellt den Typus Mann dar, den man alterslos nennt: unspektakulär gekleidet, legere Sandalen und auch in den Angesichten findet sich kein verrätischer Hinweis auf das wahre Alter. Kurz: DCLC könnten alles zwischen 20 und 50 Jahren sein. Einzig die Trompeterin, ein anmutiges Mädchen, ist eindeutig um die 20.
Genauso unspektakulär wie ihr äußeres Auftreten gestaltet sich denn auch ihre Musik. Hübsche Harmonien, unauffällige Loops und minutenlange, verträumte Instrumentalsolos. Sehr schön zum Anhören, aber langfristig werden es die Londoner nicht zu großer Bekanntheit bringen. Zu verwechselbar sind alle Songs, einer gleicht dem anderen. Als Opener an diesem Abend gingen sie voll in Ordnung, da hat es schon Schlechteres gegeben und das Publikum quittierte den halbstündigen Auftritt denn auch mit gehörigem Applaus, so wie im Theater, wenn eine solide Inszenierung geboten wurde, aber der ganz große Wurf ausblieb, denn das Theater schien die angestammte Heimat vieler Besucher zu sein, auch mehrere Herren im tiptop Anzug wurden gesichtet.
Gegen neun Uhr betritt dann Robin die Bretter, die die Welt bedeuten, nicht zum ersten Mal an diesem Abend allerdings, denn er hat es sich nicht nehmen lassen, die Gitarren selbst einzuspielen. Mit ihm kommt seine Band – das Sophia Collective – und das erwähnte Streichquartett auf die Bühne. Ebendessen Besetzung ist die eines klassischen Streichquartetts: Zwei Geigen, ein Cello und ein Bratsche.Robin hat Zeit, dass merkte man gleich zu Beginn, als er sich Zeit nahm, um seine Beziehung zu Wien zu erläutern und sich an jenen Abend im Februar zu erinnern, das bisher beste Konzert auf der Tour zum neuen Album, wie er meinte.Mit The Sea wurde dann Abschied von der Vergangenheit genommen und das Hier und Jetzt im heimeligen WUK begrüßt. Swept Back stellte dann den ersten Höhepunkt dar, nur die Fotografen im Fotograben, eine Einrichtung, die im WUK sonst glücklicherweise nie eingesetzt wird, beeinträchtigten die Sicht doch erheblich. Nach Signs hatten die werten Herren glücklicherweise genug Impressionen festgehalten und gingen ihres Weges. Ungleich näher fühlte man sich somit dann, als Robin mit geschlossenen Augen bei Ship in the Sand Schiffbruch erlitt. Ganz große Gefühle kamen da auf, zu denen sich dann auch Meister Proper bekannte: „I love it, when it’s all quiet and somebody in the first row whispers the lyrics. That’s why I’m doing this.“
Von da an konnte er auf viele weitere Mitsänger bauen, nicht nur, weil mit Storm Clouds und Oh My Love zwei Songs folgten, die man gemeinhin als „Hits“ bezeichnet.
Gemächlich und unaufgeregt ging es weiter, ohne dahinzuplätschern bewegten sich das Sophia Collective mit Streicherunterstützung und Vocalist Robin selbst durch die Setlist. Selbst die, für Sophia’sche Verhältnisse, lauteren, „noisigeren“ Stellen wirkten nicht grob. Oder, um es mit einem Kritiker eines Wiener Feuilletons zu sagen: „Sophia sind leise, auch wenn sie laut sind.“ Eine Aussage, die gewollt widersprüchlich und vor allem künstlich scheint, aber ins Schwarze trifft. Auch wenn Robin Proper-Sheppard sein Leid öffentlich in Szene setzt und seine Emotionen nicht zurückhält, merkt man doch, was für einen außergewöhnlich ruhigen Charakter man vor sich hat. Das Werkzeug dieses Menschen ist die Schwermütigkeit und das Subtile, wer auf die wildere Variante der Gefühlsauslebung steht, wird mit Sophia weniger anfangen können.
Dann folgte eine Premiere: Obwohl sie den Song auf der Tour noch nie gespielt hätten, würden sie jetzt Dreaming zum Besten geben, kündigt Robin an, einen nicht besonders komplexen Song, wie er selbst gestand. Eine junge Dame hätte ihn tags zuvor nach der Show in Berlin angesprochen und gefragt, warum man immer vergeblich auf Dreaming warte, worauf Robin ihr versprach, ihr den Song zu widmen, wenn sie ihn spielen würden. Dies geschah auch, Robin und seine Akustikgittare bestritten Dreaming allein auf der Bühne. Man darf hoffen, dass die werte Berlinerin über Umwegen erfahren wird, welche Ehre ihr zuteil wurde.
Nach fast zwei Stunden Spielzeit (natürlich inklusive Robins charmanten Geplaudere) ging mit If A Change Is Gonna Come ein sehr schöner Abend zu Ende, an dem es wenig bis nichts auszusetzen gab und an dessen Ende man sich eher wünschte, einer der neuen Sophia-Songs wäre Realität: „There are no Goodbyes.“
Setlist Sophia, WUK, Wien:
01: The Sea
02: Swept Back
03: Signs
04: Ship in the Sand
05: Storm Clouds
06: Oh My Love
07: Desert Song No. 2
08: Leaving
09: Pace
10: Obvious
11: Dreaming
12: I left you
13: The River Song
14: Heartache (Z)
15: Lost (She Believed in Angels) (Z)
16: Something (Z)
17: If a Change is gonna come (Z) Links:
- Sophia am 12.02.09 in Köln
um
01:21
Konzert: Sophia & Dear Reader
Ort: Museum Ludwig, Köln
Datum: 12.02.2009
Zuschauer: vielleicht 400
An Dear Reader kommt man zur Zeit nicht vorbei, wenn man sich für unsere Art von Musik interessiert. Natürlich war ich zunächst überzeugt, das große Interesse liege vor allem am ungewöhnlichen Heimatland der Band. Schließlich ist Südafrika bisher höchstens über ein paar Ecken mit Indie in Verbindung zu bringen (Leeds - Lucas Radebe - Kaizer Chiefs). Ich habe in den letzten Jahren mehr Bands aus der Türkei oder Koblenz als aus Südafrika gesehen (je eine). Als ich aber ihre Single Dearheart zum ersten Mal gehört habe, interessierte mich nur noch die Musik. Und der Wunsch, ganz schnell mehr davon zu hören.
Die Gelegenheit bot sich schnell, denn City Slang und Intro luden ins Museum Ludwig, um da Dear Reader gemeinsam mit Sophia zu präsentieren. Das klang schon sehr verlockend.
Durch das Foyer des zweitschönsten Kölner Museums bin ich schon oft gegangen, ohne es dabei näher wahrzunehmen. Ein kleiner Teil des länglichen und sehr großen Raums war bestuhlt, es wurde aber schnell deutlich, daß diese Stühle nicht ausreichen würden. Der Rest des Publikums stand hinter und neben den
Stuhlreihen. Einige wenige (wahrscheinlich aktuelle und ehemalige Musikjournalisten) standen in der anderen Ecke des Raums und tranken.
Dear Reader begannen. Die Band aus Johannesburg besteht aus Sängerin Cherilyn MacNeil, Bassist Darryl und Schlagzeuger Michael Wright. Im Mittelpunkt der aufregenden Musik steht Cherilyns irre tolle Stimme. Soweit ich das beurteilen kann, saß jeder Ton, es wäre aber auch egal, wenn nicht, denn Cherilyn war mitreißend! Der erste Song war schon einmal sehr schön, aber noch nicht besonders spektakulär. Das sollte sich schnell ändern.
Vor Way of the world erklärte die Sängerin, daß ihnen nie jemand glaube, daß sie alles live singe, weil sie mit vielen Loops arbeiteten. Nichts davon käme aber von Band, alles werde live gemacht. Es war sehr gut, daß sie das erwähnte, denn die vervielfachte Stimme klang großartig und erzeugte aufregende Effekte! Und obwohl Way of the world schon fabelhaft war, kam das Highlight direkt danach: "Das ist unser Folklied, es heißt Bend" war maßlos untertrieben. Bend ist ohne Zweifel eines der schönsten Lieder, die ich kenne!
The same war auch alles andere als normal. Schlagzeuger Michael kam dafür nach vorne, richtete das Mikro mit großer Konzentration auf seine Körpergröße ein, er sollte also wohl das nächste Lied intonieren. Schon bei Bend hatte Michael mitgesungen. The same fing mit ein paar Lala-Passagen von Michael und Cherilyn an. Nach zehn Sekunden ging der Schlagzeuger aber wieder an seine Trommeln, als wäre nichts gewesen. Zum Schreien!
Nach der Single Dearheart (sehr schön aber bei weitem nicht das schönste Stück) und Release me (toll! kann man auf myspace hören) wanderte Michael bei Sad one wieder. Er stand irgendwann an Darryls Keyboard, tippte zwei, drei Tasten - und ging ans Schlagzeug. Offenbar scheint er Leerlauf nicht zu mögen.
Danach erzählte Cherilyn eine niedliche Geschichte von Eisbären, in denen man sich perfekt verstecken könne; charmant wie alles an dieser Band. Das war Einleitung zum Schlußsong Great white bear! Musikalisch gefiel mir Bend etwas besser, aber hey, das war ein Lied über Bären!
Eine ganz wundervolle Band, die hoffentlich noch viel mehr gehypt wird! Im April oder Mai kommen Dear Reader wieder nach Deutschland verriet mit Darryl hinterher - übrigens der erste Grammy-Gewinner, den ich bisher gesprochen habe (für seine Arbeit als Tontechniker des Soweto Gospel Chors erhielt er 2007 den Staubfänger). Das Konzert ist gesetzt!
Setlist Dear Reader, Museum Ludwig, Köln:
01: Never goes
02: Way of the world
03: Bend
04: The same
05: Dearheart
06: Release me
07: Sad one
08: Great white bear
Hinter dem folgenden "Sophia String Quartett" verbarg sich dann Sophia-Kopf Robin Proper-Sheppard, begleitet von zwei Geigen, einer Viola und einem Cello. Für mich war es Sophia-Premiere, ich hatte die Band also auch noch nie in "klassischer" Besetzung gesehen.
Robin erschien nur mit akustischer Gitarre. Und offenbar mit sehr guter Laune. Diese ungewohnte Konstellation mit Streichern schien ihm wirklich Spaß zu machen, er war nämlich sehr redselig und trotz (nein, eher wegen) seiner wahnsinnig zynischen Art hoch unterhaltsam. "I'm not manic-depressive. I'm depressive. And I'm manic." Daß er so viel erzählte, lag an seiner Trinkfestigkeit: "Ein Bier und ich giggele wie ein Schuljunge."
Bis auf zwei Lieder begleiteten die vier Streicher Robin bei allen Stücken. Die Einsätze der klassischen Instrumente waren dabei wohlproportioniert und passten ganz hervorragend zu den lauten (aber ruhigen) Liedern des Amerikaners. Das Set umfasste Stücke von allen Sophia-Platten. Von der demnächst (im April wohl) bei City Slang erscheinenden There are no goodbyes spielte Robin allerdings nur Heartache.
Obwohl alle Stücke durch diese besonderen Arrangements enorm reizvoll waren, gab es einige besondere Perlen. Mit Abstand am besten gefiel mir Swept back von People are like seasons! Aber auch Oh my love oder Lost (she believed in angels) waren ganz besonders fabelhaft.
Glücklicherweise war die Laune des Sängers wohl durch nichts zu erschüttern. Denn obwohl die Musik recht laut geregelt war, war der Krach aus dem hinteren Teil des Foyers (in der sich eine Bar befand) unerträglich laut! Es standen nicht furchtbar viele Menschen da, die Akustik des Saals reichte aber aus, daß man jede scheppernde Flasche zigfach hörte. Aber Robin ignorierte dies und erzählte lieber, was das Lieblingslied seiner Mutter sei (Bastard), wieso er Panik vor einem Einbruch habe (aus Angst davor, daß jemand seine Text in die Hände bekommt und liest - "meine Texte sind so schlecht!") oder lud uns ein, ihm hinterher einen Drink auszugeben. "White Russian, Cola, Bier, Gin Tonic, was auch immer. Zeigt einfach eure Dankbarkeit!"
Nach dem regulären Teil, der eine Stunde dauerte, spielte Sophia String Quartett drei Zugaben. Das hervorragende I left you war der Schlußpunkt des gelungenen Abends. Schade nur, daß der Ort zwar besonders und sehr schön, für Konzerte aber aufgrund des Hintergrundkrachs ungeeignet war. Was wäre der Abend zum Beispiel in der KulturKirche aufregend gewesen!
Setlist Sophia String Quartett, Museum Ludwig, Köln:
01: The sea
02: So slow
03: Birds
04: Where are you now
05: Razorblades
06: Swept back
07: Oh, my love
08: Pace
09: Lost (she believed in angels)
10: Bastards
11: Heartache
12: Ship in the sand (Z)
13: If only (Z)
14: I left you (Z)