Dienstag, 16. September 2014

Lisa Morgenstern, Berlin, 14.09.14


Konzert: Lisa Morgenstern
Ort: Grüner Salon (Volksbühne), Berlin
Datum:  14. September 2014
Dauer: 105 Minuten
Zuschauer: knapp 100


Alle die wunderbaren Fotos sind von Markus

Wie ich über diesen Abend im Grünen Salon reden oder gar schreiben könnte, ist mir auch zwei Tage danach nicht klar. Noch taste ich und spüre Wellen in mir schwappen, die sich nicht abschwächen - schwimme beim deuten und werten in Gewässern, für die mich keine Erfahrung genügend vorbereitet hat. Es dämmert mir, ich kann nicht warten, dass sich DAS klärt, sondern muss davon jetzt irgendwie erzählen. Zum Glück gibt es ja auch noch sprechende Fotos von Markus.


Als ich mich entschied, für das Konzert nach Berlin zu fahren, hatte ich mir natürlich ein besonderes Erlebnis versprochen. Seit ich das Dresdner Konzert im Januar ganz knapp hatte sausen lassen müssen, hatte ich ein Ziehen im Herzen. Nun sollte es endlich Frieden finden. Andererseits hatte ich mir selbst aber auch gut zugeredet, mir nicht zu viel zu versprechen. Diese Musik fordert mich. Zu Hause kann ich das steuern und mich notfalls entziehen, wenn es Überforderung wird. Aber live muss ich mich ausliefern. Und muss außerdem sehen und erleben, wie sich die Künstlerin ihren Liedern und dem Publikum hingibt. Wie sie sich dabei entblößt und verwundbar macht und vielleicht auch verwundet. Nach meiner Erfahrung ist das für derartig kraftvolle und aufrichtige Musik ein Drahtseilakt - oder um ihre eigenen Worte zu benutzen - ein Seiltanz mit Schirmchen im Sturm.


Grandios wenn man miterleben könnte, wie es klappt, aber welche Wahrscheinlichkeit hat dieser Ausgang? Vor allem, wenn das von einer Frau gewagt wird - es erzähle mir keiner, dass die Rolle nicht mit ordentlich Gepäck beladen kommt, das leicht zum Stein um den Hals werden kann. Zu einfach bieten sich Zuschreibungen an, die erschreckend tief in uns allen sitzen. Und - ein Gelingen des Experiments würde mich am Ende ganz persönlich in Frage stellen, wenn ich mich scheue, mich selbst so zu exponieren. Es würde auf allen Seiten mit hohem Einsatz gespielt werden...



Lisa Morgenstern war Anfang November 2013 auf meinem Radar aufgetaucht. Das Album Amphibian hatte ich gerade noch so über die Crowdfunding Kampagne bekommen und es hatte  einen  Volltreffer in meinem Herzen gelandet. Seitdem verfolgte ich aus der Ferne, was künstlerisch passierte und darüber ist mir die Person Lisa Morgenstern (soweit ich sie virtuell kennenlernen konnte) ans Herz gewachsen. Mehr noch - sie hat sich meinen Respekt erworben. Aber was mich nun wirklich an dem Abend in Berlin erwarten würde? Versprochen war neue Musik und ein langer Abend. Geboten wurde neben dem inzwischen schon erprobten Bühnengefährten Benni Cellini am Cello auch als (glücklich gelungene) Premiere Unterstützung von Katharina Parczyk an der Geige und als zweite Stimme.


Der grüne Salon selbst gefiel mir sehr gut. Alle Personen waren so nett und entspannt. Der Raum gerade noch plüschig genug, um als Salon gelten zu dürfen und sehr einladend für die Art Musik, die ich mir für den Abend vorstellte. Auf der Bühne gab es einen großen Bechstein Flügel, einige Mikros und das Cello (es fand sich dann auch noch ein zweites Cello-ähnliche Instrument, das ich erst gar nicht wahrgenommen hatte). Under Water - der erste Track auf Amphibian eröffnete den Abend (außer Nocturne wurden im Verlauf des Programs alle Lieder des Albums geboten und außerdem alle Stücke der EP Hairy Moon). Es bot gleich die Möglichkeit, sich in den wunderbar satten Flügelklang zu versenken. Freundlich plätscherndes Wasser. Nicht ganz ohne Untiefen. Als später die Stimme einsetzte, war sie in den tiefen Lagen oft fast außerweltlich - streng, fest und manchmal auch verfremdet durch fast mystisch anmutenden Kehlkopfgesang. Sie würde in Celene den Mond als Freundin ansprechen, sie würde raunen, betören und beschwören. Schlaflosen und quälenden Nächten hinterherrufen. Bei Eskalation kreischen und schreien: verletzt, wütend und unendlich traurig. Benni verließ theatralisch Türen schlagend den Raum. Das saß! Anschließend wurde - nur äußerlich leis - eins drauf gesetzt - Lisa beging drastische Selbstzerfleischung in Kannibalische Gourmet (der erste Titel des Abends mit deutschem Text). Und doch hat dieses Lied auch das kraftvolle und tänzelnde Lalala, das ich unversehens noch Tage hinterher vor mich hinsumme...


Markus und ich waren uns in der Pause einig: ein toller, ein einzigartiger Abend. Einer, der aus allen Schubladen krachend ausbricht. Aber im zweiten Programmteil wurde es noch eine ganze Spur expressiver. Vielerlei Abschiede wurden durchgestanden. Ein wunderbares  Sweet dreams zelebriert. Bury me - voller stampfender Rhythmen und Chöre. Und dann schließlich ... Lieber Tod. Erst kürzlich hatte ich etwas neidisch einen Konzertbericht gelesen darüber wie bei einem Freund an das tiefste und innerste geklopft worden war. Und unversehens war ich nur wenige Tage später selbst an einem solchen Punkt. Unfassbar ergriffen und ein Körper gewordenes OH. Vibrierend und doch erstarrt und fassungslos. Das wohlvertraute Stück hieb mich live komplett aus dem Gleichgewicht.




Und auch Lisa musste danach erst wieder ankommen, um als Draufgabe neue Stücke zeigen zu können. Beispielsweise einen Traurigen Sonntag in der großartigen Tradition von Gloomy Sunday als Finale zu setzen, das es in sich hatte. Wir zollten den ihr zustehenden Applaus und wollten zu gern das Ende noch etwas herauszögern. Und zum Glück gab es noch eine allerletzte Zugabe. 

Was für ein Abend! Was für eine Frau! Ich kann - ganz egoistisch - nur hoffen, dass sie diese Strahlkraft in sich stärken und bewahren kann und ihren Weg Schritt für Schritt findet.



Setlist:
01: Under water
02: Hairy moon
03: My room
04: Celene
05: Allegro con fuoco
06: Eskalation
07: Kannibalische Gourmet
08: Amphibian
 - Pause -
09: Metamorphoses
10: Sonnet 1
11: Sweet dreams
12: Bury me
13: Farewell
14: Lieber Tod
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15: Spiral tongue (Z)
16: Lied vom traurigen Sonntag + Gloomy sunday (Z)

17: Silence (Z)


Tourdaten
25.09. Hannover Feinkost Lampe
26.09. Hamburg Kulturgold Sichtbar
29.10. Freiberg ePIzentrum

 
Widerhall:
Bayreuth, 22. November 2013 (Marcus Rietzsch)
Dresden, 3. Januar 2014 (Edith Oxenbauer & Marcus Rietzsch)
Interview, 9. April 2014 (Joinmusic)

Pledgekampagne für das Album Amphibian


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