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um
16:21
Konzert: Lisa Morgenstern
Ort: Dreikönigskirche, Dresden
Datum: 27.04.2019
Dauer: 80 min
Zuschauer: ca. 115
Chameleon - Albumrelease
Im Februar 2017 war Lisa Morgenstern bei mir im Wohnzimmer. Im Rahmen der Crowdfundingaktion für ihr geplantes Album hatte ich das Konzert erworben. Damals kannte ich nur das vorherige Album „Amphibian“ und hatte Konzerte von Lisa gesehen, damals noch unter anderem mit Benni Cellini (Letzte Instanz). Bei uns spielte sie Solo, erstmals für mich mit Klavier und schönen alten Synthesizern, analog und mit vielen Kabeln und Drehknöpfen. Damals bekam ich eine erste Idee, wohin Lisas musikalische Reise gehen wird. An eine Veröffentlichung des Albums war vor 2 Jahren aber noch nicht zu denken, Lisa wollte sich Zeit nehmen und vor allem die richtigen Verbündeten für ihr Album finden.
So verging viel Zeit und die Fans mussten sich in Geduld üben. In letzter Zeit gab Lisa Morgenstern dann vermehrt Konzerte, darunter auch als Vorprogramm für Olafur Arnalds und sie hat lange schon den Termin für ein Konzert im September im Rahmen des Reeperbahnfestivals in der Elbphilharmonie angekündigt. Und dann kam vor ein paar Monaten endlich der Termin zum Releasekonzert in der Dreikönigskirche zu Dresden heraus. Möglicherweise ging es anderen ebenso: ich habe mein Wochenende umgeplant, Besuche verlegt, Tickets gekauft und große Vorfreude gespürt.

2 Stunden vor Beginn werfe ich einen Blick durch die Glaswand in das Kirchenschiff. Lisa und Miguel und die anderen sind mit dem Soundcheck beschäftigt, also störe ich sie nicht. Eine halbe Stunde vor Beginn erscheinen die ersten Gäste, das Foyer füllt sich langsam und die Stehtische werden belagert. Ich erkenne bekannte Gesichter, vermute Familie und Freunde der Künstlerin unter den Gästen, begrüße Miguel, der Lisa diesmal am Mischpult betreut. Vor zwei Jahren spielte er mit Lisa gemeinsam und hatte an den analogen Reglern in unserem Wohnzimmer beide Hände voll zu tun.

Wer Lisa Morgenstern kennt, weiß dass das Ambiente der Kirche wie gemacht ist für Lisas Musik. Kurz nach 20 Uhr gehen die Lichter aus, das Kirchenschiff wird dunkel und die Bühne in Lila getaucht. Die ersten beiden Titel hallen in die Dunkelheit. Es breitet sich Lisas neuer und doch schon vertrauter Sound aus, die Mischung aus Synthesizer, Klavier und der umwerfend spannungsreichen Stimme Lisas. Unter dem inzwischen hell strahlenden Altar ist sie mal Engel und mal das unsichtbare Tiefe. Einmal schwingt sich die Seele der Zuhörer fröhlich auf ins Licht und kurz darauf laufen Schauer den Rücken hinab, wölben sich die Poren zur Gänsehaut, wenn Lisa das tiefe Ende ihres Stimmumfangs erreicht. Die Töne aus Saiten, Tasten und Knöpfen untermalen und verstärken diese Stimmungen kongenial. Sie sind meist sparsam eingesetzt und drängen nie in den Vordergrund. Lisa spielt meist abwechselnd auf Klavier und Synthesizern und nach der Pause auch am Cembalo. In anderen Stücken liefern die Synthesizer die Grundstimmung der Titel und werden mit Klavier und durch Lisas Gesang ausgemalt und verstärkt.

In den sozialen Medien hat sich in letzter Zeit auch schon herumgesprochen, dass Lisa ihren bulgarischen Wurzeln nachforscht. Mittlerweile singt sie in Berlin in einem bulgarischen Frauenchor (Bulgarian Voices - https://www.bulgarianvoicesberlin.de). „Prituri“ ist ein Stück aus dessen Repertoire, das sie für den Chor arrangiert hat. Sie bringt es im zweiten Set nach Pause. Die Rolle des Chores übernehmen heute die analogen Klangerzeuger und Lisa schwingt sich mit ihrem Gesang zur tragenden Figur der bittersüßen Geschichte zweier Schäfer auf. Den Chor mit Lisa könnt Ihr am 21. August zum Pop-Kultur in der Berliner Kulturbrauerei erleben.
Das Set heute Abend kombiniert natürlich die Stücke ihres neuen Albums „Chameleon“ (C) und einige von „Amphibian“ (A) sowie neue oder nicht veröffentlichte Titel wie unter anderem „Chameleon“ selbst, der es offenbar nicht auf das gleichnamige Album geschafft hat.
Nach gut 80 Minuten und einer Zugabe wird Lisa mit viel Wärme herzlich von der Bühne verabschiedet und im Foyer beim Signieren ihrer CDs umringt.
Auf der Fahrt nach Hause kreisen meine Gedanken immer wieder um das Erlebte und wie sich alte und neue Lieder an diesem Abend zu einem Ganzen verwoben haben. Und ich frage mich gespannt, ob es mir gelingt, Lisa noch einmal in das Wohnzimmer der Scala zu locken.
Setlist
01. Atlas (C)
02. Codex (C)
03. Answers (C)
04. My Room (A)
05. Nocturne (A)
06. Colours (new)
07. Chameleon (N)
08. My Boat (C)
09. Journey to the end of the night (C)
10. Waltz of a Loner (C)
11. Prituri (bulgarisches Volkslied)
12. Glass (new)
13. At the top of a tree (C)
14. Levitation (C)
15. Deflowering (C) (Z)
Aus unserem Archiv
Lisa Morgenstern, Adorf, 11.02.17
Lisa Morgenstern, Berlin, 02.04.15
Lisa Morgenstern, Freiberg, 29.10.14
Lisa Morgenstern, Berlin, 14.09.14
um
10:40
Konzert: Lisa Morgenstern
Ort: Scala Adorf
Datum: 11. Februar 2017
Dauer: 90 min
Zuschauer: 25
Vor zwei Jahren hatte sich mir mein Lieblingskonzert schon im Februar präsentiert. Wir waren dafür drei Stunden nach Paris gefahren und hatten uns einiges erhofft. Und alles wurde erfüllt und übererfüllt. Auf der noch längeren Fahrt an den Rand des Erzgebirges zum Wohnzimmerkonzert mit Lisa Morgenstern fragte ich mich leise, ob es auch 2017 so kommen könnte... Während des Crowdfundings für ihre neues Album Chameleon war ich selbst immer wieder um die Option Wohnzimmerkonzert geschlichen und hatte mich letztlich nicht getraut. Aber bei Michael und Katrin dabei sein zu dürfen, war deshalb ein Muss und nicht mit dem Schicksal verhandelbar, obwohl ich drei Wochen lang und noch auf der Fahrt abwechselnd krank und nur halb gesund gewesen war.
Wie würde es nun also kommen?
Die erste Überraschung war ein liebenswürdiger Begleiter: Miguel Murrieta Vásquez, der - so entschied sich das im Laufe des Soundchecks - schließlich am Abend auch mit Hand anlegte. Als Vorteil des Konzertortes erwies sich, dass ich schon über den Nachmittag leise tastend in das abendliche Konzerterlebnis hineinschreiten durfte, während meiner Spannung auf die neue Musik schon ein paar Krümchen vorgeworfen wurden.
Aber schließlich war es soweit - das Wohnzimmer hatte sich mit neugierigen Menschen gefüllt - alle wurden begrüßt und mit einem fast fröhlichen Klavierintro ins Konzert hereingeholt. Auch für den zweiten Song ging es zunächst am Markenzeicheninstrument Klavier weiter. Tupfend und tänzerisch - dabei aber doch leicht melancholisch. Danach öffnete sich der Horizont - wie wenn im Kino der Vorhang noch einmal weiter aufgezogen wird. Dabei waren Miguels Hände und Finger an den Rädchen und Schiebern hilfreich am Werk. Lisa rief in den höchsten Tönen sehnsuchtsvoll in die Weite - schließlich geerdet durch einen einsetzenden pulsierenden beat. Das war ganz und gar Otherworldly - ein Song aus Anderland - Gänsehaut pur.

Mit Answers schloß sich eine Klavierballade an - neu aber doch auch irgendwie vertraut. Hier durften sich Stimmen beimischen bis ein ganzer Chor aus dem Off seinen tröstenden Kommentar beisteuerte - eine fast optimistische Prise beimischend. Bis hierher hatten wir ausschließlich neues Material gehört und es wurde Zeit für einen Liebling vom ersten Album: Das dramatische Kannibalische Gourmet. Herrlich! Ähnlich dramatisch, wenn auch ohne Gesang war Colours of pomegranates von dem sie direkt zum Titeltrack Chameleon überging. Wieder so ein Song in Cinemascope-Format: Broadwaymusical-Anklänge - aber dann doch ein wenig schräge Einschübe, die im Musical nicht so einfach zu verkaufen wären; träumerische Einsprengsel. Dann mehr und mehr Zumischung von anderen Klängen - ein auströpfelnder Schluß und ich fühlte mich ein wenig atemlos, aber glücklich. Die Zeit war unbemerkt verronnen und es war fast schon Zeit für die Pause. Zuvor gab es aber noch das vertrautes My room - Lisas Liebeslied an ihr Klavier. You saved me ... Hachmusik und leise verdrückte Tränen für mich.

Nach der Pause wurde auch ein vertrautes Lied an den Anfang gesetzt - eines der schönen Mondlieder: Celene - sehr poetisch. Auch eine schöne Aufwärmübung für den nächsten Breitformat-Knaller vom neuen Album: My boat - übers nicht zurückschauen sondern vorwärts gehen. Hier diente eine elektronisch blubbernde melodiöser Basslinie als Futter für mein Kopfkino - eine Mischung von Rufen in höchsten Tönen und brummenden Antworten.
Noch toller - und für mich vom noch ungehörten Material der Oberknaller - war On the top of a tree. In Gedanken stand ich selbst sehnsuchtsvoll schauend weit oben, vom Wind gewiegt und doch zugleich auch herausgefordert. Halt und Ziel suchend zugleich. Das klang wieder sehr fremdweltlich fast als könnte Lisa mit ihrer Stimme Wände zu Parallelwelten aufschneiden um zumindest Signale aus dieser Weite zu empfangen.
Als nächstes passte es irgendwie gut, das herausforderndste Stück gemeinsam anzugehen. Das Stück, wo mir schon in den ersten beiden Akkorden die Tränen in die Augen stiegen.
Lieber Tod - ein Lied das Lisa auf Konzerten nicht weglassen kann, aber zwischendurch auch nicht üben, weil es die Seele so arg malträtiert. Ihre Stimme brach zu Beginn fast - ähnlich wie mein Herz. Im Publikum ging es allen so - egal ob das Lied ihnen schon ein vertrauter Freund war oder sie ihm gerade zum ersten Mal begegneten. Mit aufgewühltem Herzen musste Lisa auch einmal abbrechen und mit einer speziellen Adorf-Version ihren und unseren Frieden mit dem Tod und dem zurückbleiben zu schließen versuchen.
Fast erholsam war anschließend der gedankliche Weg in die Wüste mit dem Song Levitation - mir bekannt als Kostehäppchen für das neue Album. Auch hier steht ein blubbernd elektronischer Einstieg am Anfang einer per aspera ad astra Geschichte, die sich Zeit nehmen darf und mit einem vagen Versprechen schließt, dass alles gut ausgehen wird.
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| (c) Michael Reich |
Als Finale wurden wir mit einem rein instrumentalen dramatischen Stück mit einem positiven Grundton wieder in die uns vertraute Welt entlassen. Es durfte Mate, Wein oder Bier getrunken werden und lange Gespräche geführt bevor die Kabel wieder aufgerollt, aufgetürmt und weggepackt werden würden.
Was soll ich sagen? Das war in der Tat ein ganz und gar besonderer Konzertabend. Ein definitives Lieblingskonzert des laufenden Jahres. Ein großes Dankeschön an die Gastgeber und die beiden Musiker!!
Setlist:
01: Codex
02: Atlas
03: Waltz of a loner
04: Answers
05: Kannibalisches Gourmet
06: Colours of pomegranates
07: Chameleon
08: My room
09: Celene
10: My boat
11: On the top of a tree
12: Lieber Tod
13: Levitation
14: Spiral tongue
Aus unserem Archiv:
Lisa Morgenstern, Freiberg, 29.10.14
Lisa Morgenstern, Berlin, 14.09.14
Lisa Morgenstern, Berlin, 02.04.15
um
11:52
Konzert: Lisa Morgenstern
Ort: Grüner Salon (Volksbühne) in Berlin
Datum: 2. April 2015 (Gründonnerstag)
Dauer: 80 min
Zuschauer: knapp 60
All die wunderbaren Fotos sind von Markus (vielen Dank!)
I survive it all (aus Amphibian)
Genau an diesem stilvollen Ort hatte ich Lisa Morgenstern im September 2014 erlebt und mich von ihrer Performance überwältigen lassen. Als sich erneut die Möglichkeit bot, habe ich nicht arg lange überlegt. Obwohl es natürlich ein Risiko gab, dass es - zumindest in Teilen - Enttäuschung geben könnte, nachdem das erste Erlebnis so einzigartig grandios gewesen war.
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Was schwerer wog: Ich hatte einen Karlsruher Begleiter angestiftet. Ich war mir sicher genug gewesen, dass sich die Fahrt für ihn lohnen würde. Natürlich fuhr auch die stille Hoffnung mit, dass wir anschließend ein bewegendes Erlebnis teilen würden, von dem wir noch lange mit glänzenden Augen reden würden. Nun ist schon ein Monat vergangen seit wir wieder zurück im badischen sind und der Bericht musste immer wieder "auf morgen" warten, auf die ruhige Minute, die sich nicht finden wollte. Tatsächlich haben wir in der Zeit öfter und gern von unserer Reise gesprochen und von diesem facettenreichen Abend im Grünen Salon - wenn auch etwas anders, als ich bei der Planung vermutet hatte.
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Aufgeboten wurde im grünen Salon am Gründonnerstag neben Lisa Morgenstern und dem herrlichen Flügel auch die beiden inzwischen schon erprobten Bühnengefährten Benni Cellini am Cello und Katharina Parczyk an der Geige und als zweite Stimme. So wie auch schon im September - da war es die Premiere der Trio-Besetzung gewesen. Auffällig anders war diesmal tatsächlich das Publikum (jünger und "gothischer") - vielleicht auch wegen der späteren Anfangszeit. Uns kam es gelegen, dass es erst 21 Uhr begann, weil wir damit mehr Zeit für unsere Anreise hatten, die wir gut gebrauchen konnten. Als es aber dann 21:15 Uhr wurde und es noch nicht losging, wurde es doch etwas unruhig im Zuschauersaal. (*)
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Mit Under Water begann schließlich das Konzert und hatte mit den sich anschließenden Liedern Hairy moon und My Room die gleiche Eröffnung wie im September. Aber die Stimmung war seltsam unklar und wie ver-rückt. Lisa erschien mir wie nicht ganz anwesend - oder nur anwesend für den Flügel aber nicht für das Publikum. So gab es kein Fenster für Applaus bis nach My Room, wo Teile des Publikums die Stummheit nicht mehr aushielten. Auch später hatte ich manchmal das Gefühl, es wurde in die noch gehaltene Spannung "hineingeklatscht", um ganz sicher "zu Wort" zu kommen.
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Was auch bedeutet: Das Publikum mochte das musikalische Programm und wollte auch die Künstlerin ein Stück mit tragen in einer Situation, die anscheinend irgendwie schwierig oder nicht so gut beherrschbar für sie war. In der ersten Ansage fragte sie das Publikum, ob alle deutsch sprächen. Und hätte wohl eine genügend große Gruppe an Ausnahmen zum Anlass genommen, englische Ansagen auszuprobieren, die für das erste Konzert in Belgien am Karsamstag notwendig werden würden.
Unser Aprilprogramm fand seine Fortsetzung in Kannibalische Gourmet und vermied damit und mit den sich anschließenden Stücken die totale dramatische Eskalation vor der Pause. Das war natürlich nur relativ zum Programm im September spürbar und fühlte sich für die anderen im Saal sicher als Zunahme der dramatischen Spannung an. Für mich war die Konstruktion der ersten Halbzeit damit jedoch schaumgebremst und in der Pause fragten wir uns schon ein bisschen besorgt, was wohl los sei.
Gibt es doch noch Probleme mit der Hand - das war im Winter ein übles Thema gewesen? Wir rangen um das rechte Wort für unser Gefühl, aber waren uns dann einig: Der Abend war bisher ein bisschen wie das Cello von Benni Cellini: die Umrisse sind erkennbar und sind kunstvoll, aber es fehlte das "Fleisch", das uns im September so atemlos zurückgelassen hatte.
Die Knaller und Balanceaktstücke kamen diesmal im zweiten Teil: Amphibian, Eskalation und schließlich auch - fast erlösend - Lieber Tod, das mich immer wieder neu bestürzt und erhebt und glücklich macht. Lisa war mit einem Gin Tonic auf die Bühne zurückgekehrt und begann mit einer dramatischen Improvisation am Flügel. Dann erbat sie sich sozusagen eine Billigung des Publikums für einen von ihr selten gewählten Ausweg aus verzwickten Übeln - Alkohol.
Ich hatte nicht den Eindruck, dass sich das wirklich entspannend auswirkte, aber die wahre Messlatte, ob es ein gutes Konzert war, ist wohl, ob es denen etwas gab, die die Musik von Lisa Morgenstern an diesem Abend zum ersten Mal live erlebten. Und da war mein Karlsruher Begleiter klar positiv - übrigens auch das restliche Publikum, die sich noch eine Zugabe erklatschten und auch danach noch mehr gewollt hätten aber wohl sahen, dass die Künstlerin nicht glücklich war und gern über die Ziellinie gehen wollte.
Unser Fahrt nach Berlin hatte sich wirklich gelohnt - aber das nächste Mal müssen wir uns doch mal in der Dreikönigskirche in Dresden treffen!
Setlist:
01: Under Water
02: Hairy moon
03: My Room
04: Kannibalische Gourmet
05: Sonnet 1 (vs. Mondscheinsonate)
06: Celene
07: Bury me
- Pause -
08: Impro
09: Amphibian
10: Eskalation
11: Allegro con Fuoco
12: Sweet Dreams
13: Lieber Tod
14: Farewell
15: Metamorphoses Intro + Spiral Tongue (Z)
(*) Der Grund für den nach hinten verschobenen Beginn war ganz nachvollziehbar, dass die Aufführung auf der Hauptbühne nicht gestört werden sollte.
Aus unserem Archiv:
Lisa Morgenstern, Freiberg, 29.10.14
Lisa Morgenstern, Berlin, 14.09.14
Widerhall:
Interview
Liederlich Interview
um
17:29
Konzert: Lisa Morgenstern
Ort: Alte Mensa, Freiberg
Datum: 29. Oktober 2014
Dauer: 90 Min
Zuschauer: ca. 40
Auf Gudruns Tipp hin bin ich nach Freiberg gefahren, um Lisa Morgenstern zu erleben. Der Klub „Alte Mensa“ liegt in der Fußgängerzone unweit des Obermarktes und präsentiert sich an diesem Abend als Treffpunkt der Freiberger Gothic Szene durchsetzt mit Fans und Neugierigen wie ich. Mit einem schnell erworbenen einheimischen Getränk in den Händen suchte ich mir einen Platz im bestuhlten Saal und musste feststellen, dass dieser ein riesiges architektonisches oder statisches Problem hat: direkt vor der Mitte der Bühne steht eine fette Säule. Die Stühle waren demnach links und rechts aufgereiht und besetzt, mir blieb ein einzelner Regiestuhl in der Mitte mit etwas Platz nach beiden Seiten. So dachte ich, an der Säule mal hier, mal da vorbeischauen zu wollen. Ich habe nicht versucht, mich in die Künstler zu versetzen...
Anders als in Chemnitzer Locations begann das Konzert bereist knapp 30 Minuten nach Einlassbeginn. Lisa Morgenstern betritt die Bühne nach Benni Cellini am Cello und Katharina Parczyk an der Violine und Gesang. Als Trio sind sie inzwischen zum vierten Mal auf der Bühne.

Es entwickelt sich ein musikalisch vielseitiger Abend bestehend aus zwei Teilen. Lisa erzählt zwischen den Stücken unter anderem, dass der erste Teil noch recht optimistisch klingt und sogar ein Liebeslied enthält. Ursprünglich geschrieben für einen lieben Freund widmete Lisa es an diesem Abend dem wunderschönen Flügel aus den 1930er Jahren ihrer Lieblingsfirma Blüthner.
Bennie Cellini streicht das skelettierte Cello meist in tiefen Tönen, Katharina Parczyk unterlegt die Violine etwas heller und unterstützt Lisas Gesang von Zeit zu Zeit harmonisch. Das und Lisas Spiel am Piano, ihr Gesang und Tanz auf der Bühne verweben sich zu einem meist in Moll gehaltenen Ganzen. Die Geschichten drehen sich um die Freundin Mond, das Vergraben werden oder Vergraben sein und nach knapp 40 Minuten geht der erste Teil zu Ende.

Nach der Pause bringt Lisa Morgenstern ein Stück wie von Dead Can Dance. Ihre Stimme klingt exakt wie die von Lisa Gerrard und die Sprache erscheint mit ebenfalls wie ein Phantasiegebilde, welches sich um die Musik rankt. Im nächsten Stück spielt sie voller Verve am Flügel und ich fühle mich bei einem Klavierkonzert von Tschaikowski. Und dann folgt mit Eskalation der Höhepunkt für mich an diesem Abend, bei dem sich mir die Haar aufstellen und ich meine, dass das Schreien, Weinen und Lachen von Lisa Morgenstern echt sein muss. Keiner wird es wirklich wissen, da ihr Gesicht während des Liedes hinter ihren langen Haaren verborgen bleibt. Am Ende hat sie sich verausgabt aber auch wieder unter Kontrolle. (Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut wenn ich nur die CD-Version höre ohne Cello und Geige.)
Und so geht der zweite Teil tiefmelancholisch weiter, auch wenn darunter ein Titel ist, der in Dur beginnt. Es gibt unter anderem „Amphibian“, „Lieber Tod“ und das zarte Eurythmics Cover „Sweet dreams“. Dass ich am Ende aber nicht gänzlich gebückt die Stadt verlasse, dafür sorgen Lisas humorvolle und situative Zwischentexte. So mag sie gern Nebelmaschinen, aber diese hier in Freiberg sei wohl ähnlich aufgeregt wie Lisa selbst und daher etwas laut und ob sie sie abstellen dürfte. Damit verschwand sie kurz am Bühnenende und knipste das Ding aus.

Ein Abend voller Zitate (Absicht?) und musikalischen Referenzen (weil ich sie so empfunden habe) neigte sich dem Ende, es gab noch zwei Zugaben, dann endete eine sehr abwechslungsreiche Performance. Die Spannung im Saal nach den den Liedern über Abschied und Tod im zweiten Teil löste sich. Lisa und ihre Mitmusiker verließen die Bühne und das Publikum zerstreute sich in die Nacht.
Website
um
22:28
Konzert: Lisa Morgenstern
Ort: Grüner Salon (Volksbühne), Berlin
Datum: 14. September 2014
Dauer: 105 Minuten
Zuschauer: knapp 100
Alle die wunderbaren Fotos sind von Markus
Wie ich über diesen Abend im Grünen Salon reden oder gar schreiben könnte, ist mir auch zwei Tage danach nicht klar. Noch taste ich und spüre Wellen in mir schwappen, die sich nicht abschwächen - schwimme beim deuten und werten in Gewässern, für die mich keine Erfahrung genügend vorbereitet hat. Es dämmert mir, ich kann nicht warten, dass sich DAS klärt, sondern muss davon jetzt irgendwie erzählen. Zum Glück gibt es ja auch noch sprechende Fotos von Markus.
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Als ich mich entschied, für das Konzert nach Berlin zu fahren, hatte ich mir natürlich ein besonderes Erlebnis versprochen. Seit ich das Dresdner Konzert im Januar ganz knapp hatte sausen lassen müssen, hatte ich ein Ziehen im Herzen. Nun sollte es endlich Frieden finden. Andererseits hatte ich mir selbst aber auch gut zugeredet, mir nicht zu viel zu versprechen. Diese Musik fordert mich. Zu Hause kann ich das steuern und mich notfalls entziehen, wenn es Überforderung wird. Aber live muss ich mich ausliefern. Und muss außerdem sehen und erleben, wie sich die Künstlerin ihren Liedern und dem Publikum hingibt. Wie sie sich dabei entblößt und verwundbar macht und vielleicht auch verwundet. Nach meiner Erfahrung ist das für derartig kraftvolle und aufrichtige Musik ein Drahtseilakt - oder um ihre eigenen Worte zu benutzen - ein Seiltanz mit Schirmchen im Sturm.
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Grandios wenn man miterleben könnte, wie es klappt, aber welche Wahrscheinlichkeit hat dieser Ausgang? Vor allem, wenn das von einer Frau gewagt wird - es erzähle mir keiner, dass die Rolle nicht mit ordentlich Gepäck beladen kommt, das leicht zum Stein um den Hals werden kann. Zu einfach bieten sich Zuschreibungen an, die erschreckend tief in uns allen sitzen. Und - ein Gelingen des Experiments würde mich am Ende ganz persönlich in Frage stellen, wenn ich mich scheue, mich selbst so zu exponieren. Es würde auf allen Seiten mit hohem Einsatz gespielt werden...
Lisa Morgenstern war Anfang November 2013 auf meinem Radar aufgetaucht. Das Album Amphibian hatte ich gerade noch so über die Crowdfunding Kampagne bekommen und es hatte einen Volltreffer in meinem Herzen gelandet. Seitdem verfolgte ich aus der Ferne, was künstlerisch passierte und darüber ist mir die Person Lisa Morgenstern (soweit ich sie virtuell kennenlernen konnte) ans Herz gewachsen. Mehr noch - sie hat sich meinen Respekt erworben. Aber was mich nun wirklich an dem Abend in Berlin erwarten würde? Versprochen war neue Musik und ein langer Abend. Geboten wurde neben dem inzwischen schon erprobten Bühnengefährten Benni Cellini am Cello auch als (glücklich gelungene) Premiere Unterstützung von Katharina Parczyk an der Geige und als zweite Stimme.
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Der grüne Salon selbst gefiel mir sehr gut. Alle Personen waren so nett und entspannt. Der Raum gerade noch plüschig genug, um als Salon gelten zu dürfen und sehr einladend für die Art Musik, die ich mir für den Abend vorstellte. Auf der Bühne gab es einen großen Bechstein Flügel, einige Mikros und das Cello (es fand sich dann auch noch ein zweites Cello-ähnliche Instrument, das ich erst gar nicht wahrgenommen hatte). Under Water - der erste Track auf Amphibian eröffnete den Abend (außer Nocturne wurden im Verlauf des Programs alle Lieder des Albums geboten und außerdem alle Stücke der EP Hairy Moon). Es bot gleich die Möglichkeit, sich in den wunderbar satten Flügelklang zu versenken. Freundlich plätscherndes Wasser. Nicht ganz ohne Untiefen. Als später die Stimme einsetzte, war sie in den tiefen Lagen oft fast außerweltlich - streng, fest und manchmal auch verfremdet durch fast mystisch anmutenden Kehlkopfgesang. Sie würde in Celene den Mond als Freundin ansprechen, sie würde raunen, betören und beschwören. Schlaflosen und quälenden Nächten hinterherrufen. Bei Eskalation kreischen und schreien: verletzt, wütend und unendlich traurig. Benni verließ theatralisch Türen schlagend den Raum. Das saß! Anschließend wurde - nur äußerlich leis - eins drauf gesetzt - Lisa beging drastische Selbstzerfleischung in Kannibalische Gourmet (der erste Titel des Abends mit deutschem Text). Und doch hat dieses Lied auch das kraftvolle und tänzelnde Lalala, das ich unversehens noch Tage hinterher vor mich hinsumme...
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Markus und ich waren uns in der Pause einig: ein toller, ein einzigartiger Abend. Einer, der aus allen Schubladen krachend ausbricht. Aber im zweiten Programmteil wurde es noch eine ganze Spur expressiver. Vielerlei Abschiede wurden durchgestanden. Ein wunderbares Sweet dreams zelebriert. Bury me - voller stampfender Rhythmen und Chöre. Und dann schließlich ... Lieber Tod. Erst kürzlich hatte ich etwas neidisch einen Konzertbericht gelesen darüber wie bei einem Freund an das tiefste und innerste geklopft worden war. Und unversehens war ich nur wenige Tage später selbst an einem solchen Punkt. Unfassbar ergriffen und ein Körper gewordenes OH. Vibrierend und doch erstarrt und fassungslos. Das wohlvertraute Stück hieb mich live komplett aus dem Gleichgewicht.
Und auch Lisa musste danach erst wieder ankommen, um als Draufgabe neue Stücke zeigen zu können. Beispielsweise einen Traurigen Sonntag in der großartigen Tradition von Gloomy Sunday als Finale zu setzen, das es in sich hatte. Wir zollten den ihr zustehenden Applaus und wollten zu gern das Ende noch etwas herauszögern. Und zum Glück gab es noch eine allerletzte Zugabe.
Was für ein Abend! Was für eine Frau! Ich kann - ganz egoistisch - nur hoffen, dass sie diese Strahlkraft in sich stärken und bewahren kann und ihren Weg Schritt für Schritt findet.
Setlist:
01: Under water
02: Hairy moon
03: My room
04: Celene
05: Allegro con fuoco
06: Eskalation
07: Kannibalische Gourmet
08: Amphibian
- Pause -
09: Metamorphoses
10: Sonnet 1
11: Sweet dreams
12: Bury me
13: Farewell
14: Lieber Tod
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15: Spiral tongue (Z)
16: Lied vom traurigen Sonntag + Gloomy sunday (Z)
17: Silence (Z)
Tourdaten
25.09. Hannover Feinkost Lampe
26.09. Hamburg Kulturgold Sichtbar
29.10. Freiberg ePIzentrum
Widerhall:
Bayreuth, 22. November 2013 (Marcus Rietzsch)
Dresden, 3. Januar 2014 (Edith Oxenbauer & Marcus Rietzsch)
Interview, 9. April 2014 (Joinmusic)
Pledgekampagne für das Album Amphibian