Dienstag, 31. Mai 2011

Pulp, Barcelona, 27.05.11


Konzert: Pulp
Ort: Primavera Festival, Barcelona
Datum: 27.05.2011
Zuschauer: Tausende
Dauer: knapp 90 min


Als in den 90er Jahren der Britpop aufkam, war Pulp - obwohl bereits viele Jahre vorher gegründet - schnell einer der Größen dieser neuen Musikszene. Ich stürzte mich mit offenen Armen auf den Britpop, weil ich heilfroh war, daß neben der rockgeprägten amerikanischen Musik endlich aufregende Alternativen aufkamen. Natürlich waren mir Oasis sehr wichtig, die entscheidende Band dieser Zeit war allerdings ohne wenn und aber Pulp. Dummerweise habe ich in den 90ern Konzertpause gemacht, ich erlebte die Sheffielder also nie live.

Als die Ankündigung kam, daß Pulp sich beim Primavera wieder gemeinsam auf die Bühne stellen würden, brauchte es nicht viel, mich zu einem erneuten Ausflug nach Barcelona zu bewegen.

Als es dann Freitagnacht wurde, 1.45 Uhr, lag schon so etwas wie feierliche Stimmung über dem Platz der Hauptbühne. Ich kam abgehetzt an, weil ich vorher Explosions In The Sky zu Ende hatte sehen wollen, sich der Platz vor der San Miguel Stage aber schon ewig vorher angefüllt hatte. Es blieb also entweder ein Platz 100 m von der Bühne entfernt (Richtung Pyrenäen) oder am Rand. Ich entschied mich für den Rand, weil ich die Stimmung miterleben wollte. Bevor es losging lief minutenlang eine wabernde Hintergrundmusik. Die Bühne war noch durch einen transparenten Vorhang zugedeckt. Irgendwann leuchteten durch den Leuchtbuchstaben "PULP" auf (von meiner Position war nur das P erkennbar), er fiel und das Konzert begann.

Do you remember the first time? von His 'n' Hers war ein perfekter Start! Jarvis Cocker, am Anfang noch im Anzug, hüpfte und sprang, rannte über die Bühne, Rampensau im Quadrat! "Ola, we are Pulp!" und "It's not about ancient history, we're
gonna make history!" und es ging weiter mit Pink glove, also keiner wirklichen Mitgröhlnummer. Überhaupt war das Programm ausgewogen, auch viele ruhigere Stücke wurden gespielt, vieles, was ich lange nicht mehr gehört hatte.

Einer der prominentesten Hits kam allerdings bereits sehr früh, als wäre die Band unsicher, ob ein langsamer Stimmungsaufbau nach so langer Zeit funktioniere. Vorher erleichterte sich Jarvis aber. "Do you mind if I take off my jacket? Do you mind if I take off my tie, too? Let's dance!" Disco 2000, ein Lied, von dem ich eigentlich seit zehn Jahren denke, daß ich es nicht mehr hören kann, Abnutzungserscheinung... Blödsinn! Disco 2000 war herrlich und einer der tollsten Livesongs, die ich je gehört habe. Das an einem solch plakativen Hit festzumachen, ist eigentlich albern, aber spätestens bei Lied fünf hat Pulp gerechtfertigt, wieder da zu sein. Und wenn es aus finanziellen Gründen sein soll, vollkommen egal! Das ist Pulp!

Das spiegelte sich in den freudestrahlenden Gesichtsausdrücken überall um mich
rum wider. Mehr Ekstase haben wir an diesem Wochenende nur bei dem Italiener (?) neben uns bei Galaxie 500 erlebt, der regelmäßig bei den ersten Takten eines Songs aufsprang, die Fäuste hochriss und vor Glück fast flennte!

Dem von zigtausend Leuen mitgeschrienen Disco 2000 folgte mit Babies ein weiterer Riesenhit, bevor wieder etwas das Tempo gedrosselt wurde (die Herren Pulp werden ja auch nicht jünger).

In dieser Phase in der Mitte gegen halb drei hätten für meinen Geschmack ruhig ein paar größere Kracher gespielt werden können. Aufmerksamkeitsverlust hatte man
da wohl auch befürchtet. Also schnappte sich Jarvis für I spy eine kleine Kamera und filmte die Zuschauer in der ersten Reihe. Aber nicht nur das. Er sprach danach eine Frau und einen Mann an (sie hieß Rachel). Rachels Freund hatte das offenbar gut eingefädelt, er machte ihr nämlich mit Jarvis Pflaumes Hilfe einen Heiratsantrag. Ich finde solchen öffentlichen Kitsch schrecklich scheußlich. Aber wenn schon, dann bei Pulp, das verstehe ich. Jarvis zeigte und lobte noch den Ring und fuhr fort mit Underwear.

Nach gut 80 Minuten und sehr diplomatischem Umgang des Sängers mit den
Protesten auf der zentralen Plaça de Catalunya - ab Freitag sah man auch auf dem Festivalgelände Protesttransparente - ("this song is for the common people" - mit anschließendem Hit) endete das Konzert mit der Zugabe Razzmatazz für den Geschmack der meisten viel zu früh, es fehlten schließlich sicher jedem irgendwelche Lieblingslieder. Aber dafür gibt es ja vielleicht in diesem oder im nächsten Jahr Gelegenheit, falls das Comeback länger hält. Wobei meine Seele da hin- und hergerissen ist, habe ich doch den Wunsch, Jarvis solo in einer Oliver Peel Session zu sehen, die sicher wahrscheinlicher ist, wenn Pulp nicht um die Welt tingeln.

Bis auf die zum Teil zu ruhige Setlist war das Konzert hervorragend, mehr konnte man nicht erhoffen. Ich habe eine schlimme Bildungslücke geschlossen, Pulp haben aber Luft nach oben gelassen.


Setlist Pulp, Primavera Sound Festival, Barcelona:

01: Do you remember the first time?
02: Pink glove
03: Pencil skirt
04: Something changed
05: Disco 2000
06: Babies
07: Sorted for e's and wizz
08: F.E.E.L.I.N.G.C.A.L.L.E.D.L.O.V.E
09: I spy
10: Underwear
11: This is hardcore
12: Sunrise
13: Bar Italia
14: Common people

15: Razzmatazz (Z)

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7 Kommentare :

U. hat gesagt…

Ui, das hätte ich gerne gesehen! Mein einziges Pulp-Konzert war 1996.

nummerneun hat gesagt…

Hoffe doch, der Bericht kommt auch noch. Die Setlist verspricht ja schon mal einiges :)

Christoph hat gesagt…

Ja, der kommt! Ich komme nur gerade (natürlich) nicht nach. Fotos aussortieren und hochladen, zehn Berichte schreiben... Man sollte nach Festivals dringend Urlaub haben.

Denke, daß ich Pulp heute abend veröffentliche.

Oliver Peel hat gesagt…

Ich finde die Setlist ein wenig enttäuschend. Es fehlen ein paar meiner Favoriten, z. B. Monday Morning, Lipgloss und vor allem mein absoluter Liebling Acrylic Afternoons.In Ramonville-Saint-Agne in Frankreich haben Pulp zwei Tage zuvor Acrylic Afternoons gespielt. Es war also nicht nur ein falsches Comeback in Barcelona, sondern auch das Konzert mit der schwächeren Setlist (In Frankreich gab es 20 Songs).

So, genug gemeckert. Den Bericht jetzt, bitte.

Christoph hat gesagt…

Augen auf, junger Freund! Ich tippe, Du kannst das sehen, andere nicht.

Aber, daß einiges fehlte, wird auch meine Kritik am Konzert. Zehn Minuten.

Oliver Peel hat gesagt…

Ich bin nicht mehr jung! :(

Christoph hat gesagt…

Oliver, Alan Vega ist 72! Wir sind junges Gemüse!

 

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