skip to main
|
skip to sidebar
um
17:35
Konzert: Patti Smith and her band perform Horses
Ort: Tollhaus in Karlsruhe im Rahmen des Zeltivals
Datum: 21. Juli 2014
Dauer: 90 min
Zuschauer: etwa 1400 (ausverkauft)
Zeit ist ein seltsames Medium. Sie ist uns tief eingeschrieben erzählen wir uns doch die Geschichte unseres Lebens sortiert in vorher und nachher. Aber verstehen kann ich sie nicht. Vor allem nicht die Gleichzeitigkeiten. Denn ich bin heute die Frau mit vielen Lebenserfahrungen aber in meinem Kern bin ich noch immer noch das junge Ding, das ins Leben hinaus drängte - oder doch fast. Mit dem Plan, ihr Debüt Horses nach vierzig Jahren 1:1 die Bühnen zu bringen, hat Patti Smith u.a. auch diese Zeitklammer mutwillig sichtbar gemacht. Ihr sperriges Debüt im Licht einer ganz anderen Zeit zum scheinen zu bringen, zumal in der Kompromisslosigkeit, die wir nur der Jugend zubilligen - dazu gehört wohl etwas Übermut, auch wenn man Patti Smith ist.

Unserer Zeit wird ja nachgesagt, sie sei besessen von Jugendlichkeit und so schnellebig. Aber das ist wahrscheinlich nur ein Teil der Wahrheit, denn dieses Konzert war schon lange ausverkauft und man konnte vom ersten Ton an spüren, wie sehr der überwiegende Teil des Publikums hier mit Patti Smith die gar nicht gealterten Songs und deren nicht gealterte Wahrheiten feiern wollte. Sie wurde getragen von Applaus, tanzenden und mitsingenden Menschen und einer entspannten Freundlichkeit, die so wunderbar an diesen Ort an einem herrlichen Sommerabend passte. Das schienen sowohl Patti als auch ihre Musiker Lenny Kaye (Gitarre), Jay Dee Daugherty (Schlagzeug)(beide auch bei den Original-Aufnahmen dabei), Tony Shanahan (Bass und Keyboards und inzwischen auch schon 20 Jahre Teil der Band) sowie Jack Petruzzeli (Gitarre, Bass und Keyboards) sichtlich zu genießen, denn sie spielten in Bestform auf und besonders Patti Smith nahm ich jeden Moment ab, dass die poetischen Texte und die zum Teil ausufernden musikalischen Exkursionen für sie jetzt so wahr und sie selbst sind wie vor 40 Jahren.

Dabei wirkte sie nicht wie eine entrückte Ikone. Sie spuckte mehrfach im hohen Bogen auf die Bühne und wischte sich den Schweiß ins T-Shirt.
Mit dem Namen des Programms war die Setlist für die erste Stunde allen klar. Es begann mit der Hymne Gloria (ein Klassiker von Van Morrison), dem sommerlichen fast poppigen Redondo Beach und hatte in dem sprechgesanglichen Birdland einen ersten intensiven Knaller. Mit dem populären Klassiker Free Money war schließlich die erste Seite des Albums schon aufgeführt. Für Break up gab es von der Bühne den Wunsch, doch kräftig mit zu singen. Anschließend war Land ein wilder Traumtrip, in dem sie sich nicht genau an die vor 40 Jahren gebannte Version hielt und die schließlich durch das wieder aufnehmen von Gloria "erlöst" wurde. Nach diesem Kraftakt nahm sich Patti Smith in Elegie Zeit für das Gedenken an verstorbene Freunde und Weggefährten. Immer wieder brandete hier spontan Applaus bei bestimmten Namen auf.

Nach etwa einer Stunde war schließlich die versprochene Aufführung von Horses wunderbar gelungen und im Publikum war die Erwartung gespannt, was für den Abend noch vorbereitet worden war. Zunächst war dies Ghost dance, für das Patti auch erstmals zur Gitarre griff. Anschließend wurde bis zum Finale ordentlich Druck und Stimmung gemacht - fast ein bisschen Anarchie verbreitet, wobei Patti eine kleine Pause bekam, bevor sie beschwörend für Because the night und People have the power zeigte, was nach wie vor in ihr steckt. Mit der Zugabe My Generation machte die Klammer des Albums Horses endgültig zu (es war die B-Seite von Gloria und ist auf meiner Horses-CD-Fassung ein Bonustrack).
Sie entließ ihre 1400 Zuschauer aufgeputscht und glücklich in die Sommernacht: You are fucking free!
Setlist:
01: Gloria (Them-cover)
02: Redondo Beach
03: Birdland
04: Free Money
05: Kimberly
06: Break it up
07: Land/Gloria
08: Elegie
09: Ghost Dance
10: Rock&Roll/Waiting for the Man/
White Light/White Heat (Velvet Underground cover)
11: Because the night
12: People have the power
13: My Generation (The Who cover, Z)
Tourdaten:
12.07.2015 Lörrach, Stimmen Festival
13.07.2015 München, Tollwood Festival
16.07.2015 Singen, Hohentwiel Festival
21.07.2015 Karlsruhe, Zeltival
22.07.2015 Winterbach, Zeltspektakel
07.08.2015 Luhmühlen, A Summer's Tale Festival
08.08.2015 Dresden, Junge Garde
11.08.2015 Berlin, Tempodrom
Aus unserem Archiv:
Patti Smith and her Band, Haldern, 09.08.14
Patti Smith and her Band, Stuttgart, 05.08.14
Patti Smith and her Band, Breitenbach am Herzberg, 01.08.14
Andere Berichte:
Ankündigung vom Tollhaus
Daniel Nagel/Johannes Rehorst für Regioaktive & Fotostrecke
Peter Disch über den Abend in Lörrach
Jens im gig-blog über das Konzert in Winterbach
um
11:55
Konzert: Patti Smith and her Band
Ort: Freilichtbühne Killesberg, Stuttgart
Datum: 05.08.2014
Dauer: etwa 95 Minuten
Zuschauer: ca. 3.500
Neben Bob Dylan steht wohl kein Popmusiker in vergleichbaren Maße im Ruf wie Patti Smith doch vielmehr ein Dichter im eigentlichen Sinn zu sein. Die New Yorkerin gilt schließlich nicht nur verständlicherweise als die Godmother of Punk, sondern immer auch als wichtige Poetin, die ihren Songs gerne Gedichte voranstellt und grundsätzlich eine präzise Bildsprache auffährt. Keine Hand voll Songs ist gespielt, da verblüfft Patti Smith mit einer spontanen Einlage, in der sie das letzte Treffen von Arthur Rimbaud und Paul Verlaine in Stuttgart vertont, und die fraglos zu den schönsten Konzertmomenten, die ich bisher erlebte, gehört. „Maybe it was 1874 when Arthur Rimbaud arrived on foot in Stuttgart“, singt sie, sich selbst auf der Akustikgitarre begleitend, „He looked for work / Learned perfect German“. Fast fünf Minuten berichtet sie reich an Metaphern aus dem Leben des großen französischen Dichters, der einige Jahre in der Stuttgarter Marienstraße lebte und drückt sich dabei selbst als eindringliche Lyrikerin aus.

Dass sie diese Eigenschaft in Stuttgart besonders zeigen würde, war beim Betreten der wunderschönen Freilichtbühne im Höhenpark am Killesberg nicht unbedingt zu erwarten. Immerhin sah ich Patti Smith erst wenige Tage zuvor als brillante Headlinerin des Burg Herzberg Festivals und rechnete mit einem sehr ähnlichen Set. Früh deutet sie jedoch an, dass sich der Abend überraschend ungleich gestalten würde. Schon „Redondo Beach“, der fröhlich daherkommende Reggae mit dem düsteren Text vom Debütalbum „Horses“, als Eröffnung weist in eine andere Richtung. Es folgen zwei Stücke vom aktuellen Album „Banga“, die in Breitenbach am Herzberg nicht gespielt wurden. Ähnlich gekleidet – Hut, weißes T-Shirt mit Aufdruck, Holzkreuz um den Hals, weites Herrenjacket über einer schwarzen Weste und Blue Jeans – verströmt sie erneut positive Energie. Bester Laune betrat sie zuvor die Bühne mit einem Strauß weißer Rosen in der Hand, winkte den Zuschauern zu, ständig lächelnd. „April Fool“, ein leichter, Keyboard getragener Popsong passt da gut.

Die Protagonistin tanzt geradezu ausgelassen, breitet die Arme aus, fordert die 3500 Zuschauer zum rhythmischen Klatschen auf. Dann will sie den weißen Strohhut in den Bühnenrückraum werfen. Versehentlich trifft sie ihren langjährigen Gitarristen Lenny Kaye. Beide lachen und entschuldigend legt sie den Kopf an seine Schulter. Die unfreiwillige Situationskomik sorgt für Lacher im Publikum und Smith nebst Mitmusikern hat es im weiteren Verlauf leicht. „Fuji-San“, ihre Ode an den gleichnamigen, höchsten Berg Japans und aufrüttelndes Umweltschutzstatement ist dann schon das zweite und letzte Stück der aktuellen Veröffentlichung, das es heute zu hören gibt und ebnet den Weg für einen ansprechenden Querschnitt durch den großen Katalog der Wahl-New-Yorkerin.

Mit gleich vier Songs ist „Easter“, das populäre dritte Studioalbum von 1978 besonders präsent. Den Anfang macht das ruhige und okkult angehauchte „Ghost Dance“, passenderweise nach dem Zwischenruf eines Zuschauers, man möge doch die Lautstärke erhöhen. „You know it isn’t Black Sabbath that’s coming“, erklärt sie am Bühnenrand kniend im freundlichen Tonfall. Nach dem begeisternden Schamanentanz als Duett mit Kaye wird es noch eine Spur ruhiger. Smith intoniert das erwähnte Gedicht unmittelbar vor dem großartigen „My Blakean Year“ und dem erneut dem „late and very great“ Johnny Winter gewidmeten „Beneath the Southern Cross“. Wie eine treu ergebene Gemeinde folgt das Publikum den Worten der immer wieder in Predigermanier sprechenden Musikerin. „You can dedicate it to anyone you miss, it’s that kind of song. It’s a song of life, but it’s also a song of remembering“, ergänzt sie. Kurz darauf laufen hinter mir Tränen bei erwachsenen Männern. Die emotionale Kraft des Moments ist überwältigend.

Später steigt sie in den Fotograben, während ihre Band ein stürmisches Medley aus Garagenrock-Klassikern spielt. Lenny Kaye singt in Frontmann-Manier, The Whos „I Can’t Explain“ wird angedeutet, „Psychotic Reaction“ dargeboten. Derweil lässt sich Patti Smith mit Zuschauern fotografieren, schüttelt Hände und zeigt sich angenehm nahbar. Wieder auf der Bühne lässt ein weiteres Highlight nicht lange auf sich warten. Seit langer Zeit nicht mehr aufgeführt, ist „We Three“ so überraschend wie fantastisch und ein klassischer Gänsehautmoment.

„Dancing Barefoot“ schließt an, diesmal ohne die geringsten technischen Probleme. Der Sound ist gut, langsam setzt die Dunkelheit ein. Nach einer starken Version von „Pissing in a River“ hält Smith inne und erzählt ihre Liebesgeschichte mit Fred „Sonic“ Smith von den MC5s, den sie heiratete und der vor zwanzig Jahren starb. Man rechnet förmlich mit „Frederick“, einen ihrer kleinen Hits, doch es folgt das mit Springsteen geschriebene „Because the Night“, ihr einziger echter Charterfolg. Gewidmet wird es dem gemeinsamen Sohn Jackson, der Geburtstag hat und immer wieder mit der Mutter auf der Bühne steht. Anders als 2011 im Frankfurter Mousonturm gibt es keine Livebegegnung mit dem mit Meg White verheirateten Musikersohn, doch rührt die Widmung einer liebenden Mutter.
Mit dem Medley aus Land und Gloria und einem wütenden „Rock ‚N‘ Roll Nigger“ (mit Edward Snowden-Würdigung) als Zugabe endet der Abend nach vielen Überraschungen exakt wie auf dem Burg Herzberg Festival.
So unterschiedlich beide Konzerte auch ausfielen, konnten sie doch gleichermaßen überzeugen. Weiße Rosenblüten lässt sie über die ersten Reihen regnen. Es sind die Schönheit großer Poplyrik, der Spirit des Punks und das überbordende Charisma einer 67-jährigen Dichterin mit weißen Haaren, ja, der entscheidenden Frauenfigur der Popgeschichte seit den späten 70ern, die am Ende strahlend hell über Allem schweben – mit der gleichen betörenden Eleganz wie es ihre Stimme einst bei R.E.M.s „E-Bow the Letter“ tat.
Setlist Patti Smith and her Band, Stuttgart:
01: Redondo Beach
02: April Fool
03: Fuji-san
04: Ghost Dance
05: Verlaine & Rimbau in Stuttgart (Spontanes musikalisches Gedicht)
06: My Blakean Year
07: Beneath the Southern Cross (Johnny Winter gewidmet)
08: Medley aus Open Up Your Door (Richard & The Young Lions-Cover), Open Your Eyes (The Nazz-Cover) und Psychotic Reaction (The Count Five)
09: We Three
10: Dancing Barefoot
11: Pissing in a River
12: Because the Night (Jackson Smith und Fred ''Sonic'' Smith gewidmet)
13: Land
14: Gloria (Them-Cover)
15: Rock ‘n’ Roll Nigger (Z)
Aus unserem Archiv:
- Patti Smith, Breitenbach am Herzberg, 01.08.2014
um
17:12
Konzert: Patti Smith and her Band
Ort: Main Stage, Burg Herzberg Festival
Datum: 01.08.2014
Dauer: 94 Minuten
Zuschauer: einige tausend
 |
| Alle Fotos: © Katja Charlotte Rohr |
Rückkopplungen, hohes Fiepen und Feedbacks gleich zu Beginn wecken unangenehme Erinnerungen an meine erste Konzertbegegnung mit Patti Smith. Diese liegt nun über drei Jahre zurück und war gezeichnet von einer grippegeschwächten Musikerin, die sich mit großer Würde versuchte durch den Abend zu retten. Heiser krächzend, immer wieder entschuldigend, konnte sie das Akustikkonzert im Frankfurter Mousonturm nicht den eigenen Ansprüchen – und denen der Zuhörerschaft – gerecht werden lassen. Ihr Gitarrist Lenny Kaye sang ganze Stücke, „Helpless“ von Crosby, Stills, Nash & Young fasste sinnbildlich alles zusammen. Der Abend missriet allen Rettungsversuchen zum Trotz.

Die großen Soundprobleme bei „Dancing Barefoot“ zu Beginn lassen auch auf dem Burg Herzberg Festival Schlimmes befürchten Würde meine zweite Livebegegnung mit der Punk-Poetin diesmal von der Technik getrübt werden? Smith mit großer Lesebrille und Hut, traditionell in ein weites, schwarzes Jacket, Jeans gekleidet mit Herrenschuhen an den Füßen, entschuldigt sich sofort. Eine kurze Pause folgt, die andeutet, dass es sich die Smith nicht nehmen lassen würde, bei einem ihrer raren Festivalgastspiele für den ganz großen Wurf auszuholen. Denn was dem etwas verunglückten Start folgt, ist Epochales, das meine ewige Top Ten knacken könnte und schon jetzt ein heißer Anwärter auf das Konzert des Jahres ist.
Die 67-Jährige kredenzt eine Mischung aus ihrem reichhaltigen Repertoire, Klassiker, die niemals fehlen dürfen, werden selbstredend gespielt, doch ist es ein Zeichen ihrer unumstrittenen Klasse, dass neuere Stücke qualitativ nicht im geringsten abfallen. Ihre Musiker, allen voran Lenny Kaye, ihr Gitarrist seit frühsten Patti-Smith-Group-Zeiten, geben der wichtigsten Wegbereiterin eines feministischen, emanzipatorischen Gesichts der Popkultur Rückhalt. Den kann sie nutzen, um mit ausgebreiteten Armen und wackelnden Fingern an die Eintracht im zwischenmenschlichen Leben zu appellieren. Es sind Gesten wie diese, die auf dem größten Hippie-Festival Europas ihre volle Wirkung entfalten können.
„Redondo Beach“ und „Distant Fingers“, geliebte Songs ihrer wichtigen ersten beiden Alben „Horses“ und „Radio Ethiopia“ machen den Zuschauern im direkten Anschluss an „Dancing Barefoot“ früh im Set den Zugang leicht.
Sie sei mit Lenny Kaye über das weitläufige Festivalgelände inmitten der idyllischen Landschaft des Vogelsbergs gelaufen, habe eine beeindruckende Stimmung vorgefunden, weiß Patti Smith nun mit gütigem Lächeln zu berichten. Die Menge klebt dem namhaftesten Act des Festivals an den Lippen, als dieser „Ghost Dance“ vom besonders populären dritten Studiowerk „Easter“ ankündigt. Vor fast vierzig Jahren habe sie den Song mit Lenny Kaye geschrieben und heute passe er besonders gut, betont sie und widmet die düstere Folkballade mit dem unheimlich-treibenden Akustikgitarreneinsatz allen Besuchern. „We shall live again“. Smiths unnachahmliche Art zu singen, kommt mit zunehmenden Alter und ungewollten Brüchen in der Stimme heute noch besser als in den 70ern. Ihre bloße Präsenz genügt, um die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ihr Charisma ist phänomenal. Dass sie dabei im Gegensatz zu anderen Künstlern ihres Kalibers weder auf unnahbare Distanz (Bob Dylan, Lou Reed oder meist auch Neil Young) geht, noch im Ruf steht ihre Launen am Publikum auszulassen (neben den eben genannten unter anderem Van Morrisson) bestätigt sich nach dem, dem „late and great“ Johnny Winter gewidmeten „Beneath the Southern Cross“, als sie während „People Who Died“ in den Fotograben steigt. Schnurstracks läuft sie auf ein kleines, vielleicht fünfjähriges Mädchen am rechten Zuschauerrand zu. Legt ihm die Hände auf den Kopf, hält die Ohren zu.
Auf der Bühne singt Lenny Kaye derweil den Song ihres vor fünf Jahren verstorbenen engen Freunds Jim Carroll. Die Securities verstehen Smiths Geste, bringen den Kindern Ohrstöpsel. Lächelnd reicht Patti Smith ihnen Plectrums aus ihrer Jackentasche, bewegt sich zur anderen Seite, wiederholt dort das Prozedere.

Wieder auf die Bühne gestiegen, ertönt das einnehmende Bass-Intro von „Ain't It Strange“. Es ist das große Gütesiegel dieses Konzerts, dass es keinerlei Schwachpunkte hat. Im rötlich-gelben Abendsonnenschein getüncht, erscheint die Bühne im schönsten Licht. Es ist ein Moment, wie man ihn in dieser Schönheit nur auf Festivals erleben kann. Auf der Akustikgitarre beginnt die New Yorker Ikone das nächste Stück. Abbruch. Der Song habe nur einen einzigen Akkord und sie habe den falschen gespielt, flachst sie. Dann breitet sich wieder das bekannte Lächeln auf ihrem Gesicht aus, als sie freudig Ousmane Ag Mossa als Gast ankündigt. „I stole this beautiful man, who gave us such beautiful music“, berichtet sie. Schüchtern betritt der Gitarrist und Sänger der Tuareg-Band Tamikrest aus Mali, die am frühen Abend spielte und Patti Smith sehr beeindruckte, die Bühne. Ebenso eindrucksvoll gerät dann die spontane Kollaboration für „Banga“, den Titeltrack ihres jüngsten Studioalbums. Als zusätzlicher Rhythmusgitarrist fügt sich der Hauptsongschreiber einer der wichtigsten afrikanischen Bands der Gegenwart grandios ins Ensemble ein. „Banga“ gerät mit seinem aufrüttelnden Text und der aufregenden Performance zum großen Höhepunkt. Lenny Kaye beginnt wie ein Hund zu bellen. Smith setzt mit Wolfsgeheul ein. Mit Knurren und Keifen endet die glanzvolle Darbietung des neusten Stücks, das das Publikum auf dem Burg Herzberg Festival zu hören bekommt.
„Pissing in a River“ verstört auch Jahrzehnte nach der Aufnahme noch mit seiner schonungslosen Gleichgültigkeit. Dann folgen die großen Hits. Das gemeinsam mit Bruce Springsteen geschriebene „Because the Night“ verbleibt bis heute als bekanntester Song, der entsprechend lautstark von tausenden Festivalgängern mitgetragen wird. Ein One-Hit-Wonder, wie gerne behauptet wird, ist sie natürlich keinesfalls. Dass „Land“ daraufhin mit dem bekannten Gedicht beginnt, punkige Gitarren auffährt, um schließlich mit „Gloria“ zu verschmelzen, ist ein fantastischer Zug, der diese Feststellung nur bestätigt. Begeistert wird der Refrain gesungen, das reguläre Set endet.
Als Zugabe kommt „Rock 'n' Roll Nigger“ so unvermeidlich wie fantastisch. Die Haare der Sängerin wehen umher, Hände werden gereckt. Der Aussätzigen-Kampfslogan „Outside the society is where I wanna be“, wird zum umgedeuteten Credo des Abends, alle Aussichtslosigkeit weicht in allumfassende Harmonie.

Die Brille hat Patti Smith längst abgezogen, ihren Hut auch. Ihr Haar ist inzwischen fast weiß und liegt strähnig auf ihren Schultern. „Rock 'n' Roll Nigger“ ist vorbei, als Smith noch einmal versöhnlich ins Rund blickt. Viele haben Tränen in den Augen, als sie im Anschluss an den großen Punksong, der so vielen Grungebands zur Blaupause wurde, die friedliche Kraft des musikalischen Protests und das wichtige Erbe der Hippie-Kultur beschwört: „This is the weapon of my generation“, sagt sie auf ihre Gitarre zeigend, „the only weapon you need and it never runs out of ammunition.“ Die Menge tobt, Smith dankt: „This is the way festivals should be.“ Die abschließenden Worte und die Ankündigung hoffentlich zurückzukehren, fügen sich nahtlos in die Stimmung eines großen Abends ein. Nach dem Konzert gibt es für die Kinder aus den ersten Reihen ein Wiedersehen mit einer Künstlerin, deren Schaffen in einer Reihe mit dem Bob Dylans, Neil Youngs oder Lou Reeds bestehen kann. Während uns Journalisten der Wunsch auf Interviews nämlich verwehrt wurde, lädt Smith die Kinder zu sich in den Backstage ein.
„Ein Kind hält den Mund“, schloss Bertolt Brecht, zu dessen Grab die Amerikanerin bei Aufenthalten in Berlin stets pilgert, sein Gedicht „Was ein Kind gesagt bekommt“. Dass sie nun ausgerechnet besonderes Interesse an Kindern hat, ist da wenig überraschend. Reine Affirmation ist schließlich das letzte, was sich die zeitlose Dichterin im Rockstargewand für die Zukunft wünschen dürfte.
Setlist Patti Smith and her Band, Burg Herzberg Festival:
01: Dancing Barefoot
02: Redondo Beach
03: Distant Fingers
04: Ghost Dance
05: My Blakean Year
06: Beneath the Southern Cross (Johnny Winter gewidmet)
07: People Who Died (Jim Carroll Band-Cover; gesungen von Lenny Kaye)
08: Ain't It Strange
09: Banga (mit Ousmane Ag Mossar)
10: Pissing in a River
11: Because the Night
12: Land
13: Gloria (Them-Cover)
14: Rock 'n' Roll Nigger (Z)