Posts mit dem Label Dry The River werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Dry The River werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 21. Juli 2012

Phono Pop, erster Tag, Rüsselsheim, 20.07.12

0 Kommentare

Phono Pop, erster Tag, Rüsselsheim, 20.07.12


Bericht und Fotos von Gudrun aus Karlsruhe

Welch ein Glück, dass am Ende doch noch alles gepasst hat!

Eigentlich war nämlich das Festival sobald es an meinem Musikbeobachtungshorizont aufgetaucht war, eine Liebe auf den ersten Blick gewesen. Lineup, Größenordnung, Erreichbarkeit mit der Bahn und Termin sprachen alle eine eindeutige Sprache: Das ist für Dich gemacht, Gudrun!

Und dann wurde es doch noch alles terminlich irgendwie schwierig. Ich hatte mich schon von dem Plan nach Rüsselsheim zu fahren verabschiedet. Auf den allerletzten Moment löste sich doch noch alles in wohlgefallen auf, die DB machte ihre Arbeit zuverlässig und ich fand mich genau rechtzeitig in Rüsselsheim zum ersten Act: Me succeeds.

Kurz zuvor hatten sich noch Christoph und ich erstaunlich leicht auf dem Geländer des alten Opelwerkes gefunden und konnten uns damit erstmals in Person treffen und die Konzerte anschließend zusammen erleben.


Der erste Eindruck vom Festivalgelände war auf meiner Seite sehr positiv. Man könnte vielleicht den Eindruck gewinnen, dass ich ab sofort nur noch Musik in leicht ranzigen Industrieüberbleibseln stattfinden lassen würde (nach dem Bericht aus der Alten Fleischhalle)...

Aber gerade für so ein Open Air ist es doch besonders wichtig, dass
alles seinen Platz hat und findet. Die Gebäude begrenzen das Gelände optisch und vom Schall ganz natürlich, aber sie geben auch tatsächlich einen Raum in dem man sich geborgen fühlen kann. Alles weiträumig genug, um sich nicht zu drängeln, aber doch so strukturiert, dass es sich nicht verliert.

Dazu gab es an den Gebäuden einiges zu entdecken. Nach Einbruch der
Dunkelheit waren sie von innen geheimnisvoll in wechselnden Farben beleuchtet. Sicher fertigen darin Aliens heimlich noch Opels.

Die Ausstattung mit Essen und Trinken fand ich
überlegt und gut überschaubar, alle die mich bedient haben, waren besonders nett und die Preise eher im unteren Mittel. Die Security hat man sehr wenig wahrgenommen, und als es mit fortschreitendem Abend immer voller wurde, wurde es zum immer wichtigeren Aspekt, dass das Publikum insgesamt sehr entspannt und freundlich miteinander umging. Während des Konzertes von Warpaint habe ich in so viele komplett verzückte und entrückte Gesichter geschaut, dass man spätestens da merkte, dass hier wohl tatsächlich die Musik geliebt wird und nicht nur die Gelegenheit, mit Freunden irgendwie dem Alltag zu entfliehen. Eigentlich war die Stimmung vom ersten Konzert an sehr gut. Es gab keine Phase des warm werdens sondern Me succeeds sagte hallo und los ging es mit erstklassiger Musik, zufriedenem und enthusiastischem Publikum, tanzen, klatschen, ein bisschen mitsingen und das fast nonstop. Durch die Organisation auf zwei Bühnen schloss sich an jedes Konzert gleich das nächste an. Ein Aspekt, der mir sonst die Konzertgeherei doch etwas verleidet, wenn man zwischen Vorbands und eigentlichem Act immer noch ewig warten muss, dass umgebaut wird - das fiel hier fast komplett aus. Nur bevor Warpaint loslegen konnte, mussten wir etwa 20 extra-Minuten warten, was ja normalerweise gar keine lange Zeit ist, aber hier war es auf einmal auffällig (im Kontext des Abend) lang.

Vielleicht noch ein paar Worte zu den einzelnen Konzerten:



1) Da ich am Ende etwas Holterdipolter nach Rüsselsheim gekommen war, überraschte mich Me succeeds damit, dass Mohna die Sängerin ist... (ich glaube, die Reihenfolge ist für die Band anders, aber ich kannte zuerst und schon recht lange die Musik von Mohna und wie sie aussieht und Me succeeds traf ich in Rüsselsheim das erste Mal). Das war wie wenn man auf eine Feier kommt, wo man denkt keinen zu kennen, und als erstes sieht man dann doch ein vertrautes Gesicht, mit dem man nicht gerechnet hatte. Der Zauber des Auftritts lag für mich in der Stimme von Mohna, die eine ganz eigene spröde Färbung hat und damit gleichzeitig stark und zerbrechlich wirkt. Es gab auch bezüglich des Publikums keine Fremdelei. Nicht mal
der einzige Regenschauer des Abends konnte die Laune verderben. Was für ein Turbo-Auftakt!


2) Me and my drummer: Hier war das Set schon am Laufen, als ich nach Me succeeds den Bühnenwechsel geschafft hatte, was irgendwie auch schade ist (Vorsicht: Jammern auf hohem Niveau!). Der Höhepunkt des Sets war für mich als die Sängerin Charlotte Brandi hinter den Keyboards hervortrat und sichtlich nervös sich nur auf ihre Stimme verlassend (und der Unterstützung vom Drummer Matze Pröllochs) vor das Publikum trat. Und was sie für eine Stimme präsentierte! Ich muss zugeben, dass mir insgesamt die Auftritte und die Musik immer etwas zu kühl und stylisch vorkamen. Aber der Auftritt in TVNoir hat mein Herz für die Personen hinter der Musik geöffnet und so war mein Blick auf das Set jetzt auch ein positiv vorgestimmter und die so erzeugte Erwartung wurde nicht enttäuscht und mit dem einen ganz besonderen Moment des Abends sehr erfreulich ergänzt. Die CD habe ich mir aber auch diesmal nicht gekauft.

3) Bréton waren fast auf die letzte Minute im Lineup gelandet. Ich kannte sie nicht, hatte auch keine Zeit, im Vorfeld darüber schlauer zu werden. Aber der erfreute Aufschrei, der durch die Musik-Community rings um mich ging bei der Nachricht, verhieß eigentlich nur Gutes. Und die Jungs waren echt eine Augen- und Ohrenweide. Und es schien, als ob sie auch selbst Spaß an dem Auftritt hatten. Zwischendurch riss
eine Saite und es flogen Drumsticks davon im Enthusiasmus, aber irgendwie war alles eine große Feier und es wurde ordentlich mitgetanzt. Gerade die richtige Mischung von Professionalität und Spielfreude auch in der Interaktion mit dem Publikum. Ich fühlte mich aufs Beste unterhalten und werde zukünftige Konzerte nicht an mir vorbeigehen lassen.

4) Anschließend lief schon der Auftritt von We invented Paris. Hier muss ich unweigerlich vergleichen zu dem akustischen Setting der TVNoir Konzerte. Die Band war etwas anders zusammengesetzt und spielte die Songs deutlich Gitarren-lastiger und rockiger. Sicher richtig für Open Air und es machte den Jungs auch offensichtlich großen Spaß, mal richtig abzurocken. Aber mir hat die filigranere Bearbeitung irgendwie doch mehr Freude gemacht. Mir war auch der Schlagzeuger zu weit weg. Den fand ich beim TVNoir Konzert nämlich ganz besonders toll und hier war er doch etwas nach hinten entrückt.

Während des Auftritts gab es vielerlei fürs
Auge. Wir durften Ball spielen und die Band versammelte sich gegen Ende fast vollständig rings ums Schlagzeug, um einen Hexensabbath zu veranstalten. Das hat schon was und war emotional sehr mitreißend. Der Sänger sprang ins Publikum um dort mit zu tanzen. Dieser Auftritt also auch ein ganz besonderes Erlebnis.



5) Dry the river liegen eigentlich nicht so ganz in meinem Beuteschema, weil mir die Stimme des Sängers nicht liegt. Aber das Konzert hat mir als Live-Erlebnis außerordentlich gut gefallen. Eindrucksvoll für mich besonders der Hühne von Bassist, der sein Instrument wie ein Kinderspielzeug behandelt hat. Irgendwie waren aber alle Mitglieder der Band eher so Typen, die wir in meiner Jugend ''Kunde'' genannt hätten (orginal nur so ''das ist ein Kunde!'') - etwas schräg. Mir gefiel ja auch das ''Haters will hate'' Shirt des Sängers gut (die Version mit dem Pandabär). Das war überdies so schön selbstironisch.

Es war inzwischen auch dunkel geworden und mit Licht
und komplexer Musik von der Bühne wurde ein wunderschönes Gesamt-Kunstwerk erschaffen. Und wir konnten die Band ein bisschen damit überraschen, dass sich das Publikum zu einem recht ordentlichen Geburtstagsständchen für den Schlagzeuger spontan zusammenfinden konnte. Klang gar nicht so schlecht, vor allem im zweiten Versuch, als die Band uns auch richtig gelassen hat...


6) Warpaint. Auch hier bietet sich für mich der Vergleich an zum gerade erst erlebten Konzert in Prag. In Prag erschienen sie mir sehr unnahbar. Hier war es von Anfang an anders. Natürlich war während des Soundchecks (immerhin vor versammeltem Publikum) eine gewisse Nervosität zu spüren. Aber schon die Geste, dann auch gleich auf der Bühne zu bleiben und das Konzert zu beginnen, nachdem alles in Ordnung war, fand ich einfach famos. Keine Allüren, sondern pure Freude, jetzt was Ordentliches vorzeigen zu wollen. Während des Konzertes wurde viel gelächelt zwischen den Musikerinnen und man sah so manchmal förmlich die Funken hin und her springen. Und sie gaben ihrem Affen sichtbar Zucker in gesundem Selbstvertrauen und sozusagen als sich selbst als Höhepunkt des Tages präsentieren wollendes Ensemble. Das hat mich wirklich begeistert. Daneben fand ich es wirklich faszinierend, wie sehr diese Band ihre Fans an sich bindet. Zum Glück gab es vor der Bühne kaum Geschubse, obwohl auch schon der Alkoholpegel etwas erhöht war. Eine
kurze handgreifliche Auseinandersetzung:''Du hälst jetzt verdammt noch mal endlich deine Schnauze'' (und dann wurde dem Gegenüber der Mund zugehalten in angetrunkener Direktheit) rundete eigentlich den guten Eindruck nur ab, weil damit auch klar wurde im Schlaglicht, wie es auch hätte sein können. Vermisst habe ich diesmal eigentlich nur den Blick auf die Schlagzeugerin. Aber in gewisser Weise war das fair erkauft, weil ich damit diesmal näher an den Frontfrauen wir, die an diesem Abend eine wahre Augenweide waren.

Fazit des Abends: sehr müde Füße, aber ein übervolles Herz und so viele schöne
Bilder, die helfen werden, die Momente wieder in Erinnerung zu rufen. Für heute der Wunsch: möge sich das Wetter halten und die gute Stimmung. Wegen der Musik mache ich mir natürlich gar keine Sorgen...



Montag, 27. Februar 2012

Dry The River & Diego Zavatarelli, Paris, 25.02.12

3 Kommentare

Konzert: Dry The River & Diego Zavatarelli
Ort: L'Espace B, Paris

Datum: 25.02.2012

Zuschauer: volle Hütte, etwa 250

Konzertdauer: Diego: etwa 30 Minuten, Dry The River ungefähr 65 Minuten




Gut ein Jahr nachdem ich die temperamentvollen Burschen von Dry The River in einem Pariser Wohnzimmerkonzert akustisch vor 15 Leuten gesehen habe (Foto), stand ihr erstes Headliner- Konzert in der Seine-Metrople an. Nun galt es zu beweisen, ob die Vorschußlorbeeren (meine eigenen und die der Musikpresse) gerechtfertigt oder übertrieben waren.

In Haldern waren sie mir im August 2011 erneut über den Weg gelaufen und auch im November in Paris war ich noch einmal Zeuge eines ihrer mit Feuer und Leidenschaft vorgetragenen Konzerte. Nun ist endlich das Debütalbum Shallow Bed raus und gute Kritiken ließen nicht lange auf sich warten.



Würden sie mich heute überzeugen können? Mir endgültig klar machen, daß sie jetzt schon in die Champions League der Folkrockbands gehören, wo zur Zeit Größen wie die Fleet Foxes, die Band Of Horses, Midlake und Mumford & Sons die Platzhirsche sind? Oder sind sie bei Licht betrachtet eher eine Mitläuferband, die auf den fahrenden Zug, der durch die genannten Bands und Bon Iver angestoßen wurde, mit draufspringt? Wenn es nach den jungen Mädchen ging, die das Espace B bevölkerten, war die Antwort auf die Fragen einfach: "Dry The River sind die Besten" "und die Jungs ja sooo süß." Aber ich bin nun mal keine sechzehn mehr und außerdem ein alter Bock in der Konzertszene, will heißen schwieriger zufrieden zu stellen. Dennoch: auch ich sah ein in einigen Phasen berauschendes Konzert einer jungen, hochmotivierten Band mit viel Talent. Manchmal störte mich aber schon die musikalische Nähe zu oben zitierten Bands. Hatte man das Ganze nicht so oder so ähnlich schon zwei Jahre vorher gehört?

Aber sei's drum, es ist ein Faktum, daß Dry The River Hits haben und diese auch live mit Schmiss und ungestümer Spielfreude rüberbrachten. Und die brüchige Stimme von Peter Liddle ist nun einmal markant, die Chorgesänge herrlich und die Geige herzerwärmend. Da konnte man ihnen auch verzeihen, daß sie manchmal die Bombastschraube zu weit aufzogen und über das Ziel hinausschoßen. Wer hat schon so tolle Melodien zu bieten wie Dry The River etwa bei der Perle History Book? Wer einen solch unwiderstehlichen Drive wie diese tätowierte Truppe aus London auf New Ceromony? Wer einen solch fulminaten Closer wie das temberaubende, alles Vorherige überbietende Lions Den, bei dem die Mädels im Publikum nahezu ausrasteten? Kaum eine Gruppe aus England im Moment. Dry The River nutzen zur Zeit konsequent die Pause von Mumford & Sons aus und hinterlassen überall wo sie spielen einen glänzenden Eindruck. Die Burschen sind heiß auf den Erfolg, hungrig wie Löwen und unbeschwert wie man nur in diesem Alter sein kann. Sie merken: 2012 kann, nein wird unser Jahr werden, wir spielen bei den Festivals alle an die Wand. Wer kann sie stoppen? In diesem Jahr kaum jemand. Sie werden durchstarten, sie haben die Hits, den Biss die günstigen Sterne. Die werden groß. Egal, ob andere ähnliche Band schon vorher da waren.

Konzertbericht Diego Zavatarelli am Montag.

Aus unserem Archiv:

Dry The River, Paris, 06.11.11
Dry The River, Haldern, 12.08.11
Dry The River, Paris, 11.01.11


Fotos: Archiv

Konzert: Dry The River am 27.02.2012 in der Prinzenbar in Hamburg.





Montag, 7. November 2011

Dog Is Dead & Dry The River, Paris, 06.11.11

0 Kommentare

Konzert: Dog Is Dead & Dry The River

Ort: La Boule Noire, Paris
Datum: 06.11.2011
Zuschauer: nicht ganz voll


Wenn Dog Is Dead der neuste heiße Scheiß, die spannendste neuste Band aus England sein soll, dann gute Nacht Great Britain!

Jungsche Typen, die noch nicht grün hinter den Ohren sind und aussahen wie eine Schülerband bedienten sich schamlos bei den Kooks (die gekünstelte Stimme des Sängers), den Mystery Jets (die Harmoniegesänge) und den Maccabees (die rasant schnellen, melodischen Gitarren). Auch von den Rumble Strips und Larrikin Love haben die Burschen aus Nottingham abgekupfert. Dennoch gefielen sie dem unkritischen Publikum in der Pariser Boule Noire wahnsinnig gut, was ich mir nur mit dem der Jugend geschuldeten ungestümen Auftritt erklären kann. Oder mochten die Leute etwa das Saxofon?

Setlist Dog Is Dead, La Boule Noire, Festival des Inrocks, Paris:

01: Head In Your Hands
02: ?
03: River Jordan
04: Glockenspiel Song
05: 2 Devs
06: Young
07: Hands Down
08: Teenage Daughter




Dry The River im Anschluß peppten ihre wunderbaren Folksongs mächtig auf und rockten wie Hölle. Ich hatte die Engländer im Januar bei einem akustischen Wohnzimmerkonzert bei einer Freundin kennengelernt und seitdem marschieren sie. Wie hoch geht es noch für Dry The River? Wann ist das Ende der Fahnenstange erreicht? Sänger Peter Liddle hat eine an Guy Garvey von Elbow erinnernde Reibeisentimme und konnte damit mächtig beeindrucken, aber auch die feine, von Will Harvey gestrichene Geige, verfehlte ihre betörende Wirkung nicht. Die fünf Heißsporne spielten aus einem Guss, feuerten einen packenden Song nach dem nächsten ab und gaben ihr Allerletztes beim finalen Stück Lion's Den.

Ich denke sie haben sich eindrücklich beim Publikum empfohlen. Wir sehen sie sicherlich demnächst in einer größeren Location wieder.



Montag, 22. August 2011

Fleet Foxes, Dan Mangan, Okkervil River u.a., Haldern Pop Festival, 11-13.08.11

2 Kommentare

Konzert: Fleet Foxes, Dan Mangan, Okkervil River, Matthew & The Atlas, Golden Kanine, Dry The River, The Low Anthem, The Avett Brothers u.a., Haldern Pop Festival 2011

Orte: Spiegelzelt und Hauptbühne
Datum: 11-13.08.2011 Zuschauer: jeweils viele


Kommen wir zum Vergleich der Folkrockbands beim Haldern Festival 2011. Folk und Folkrock gehören zu meinen bevorzugten Musikstilen, das weiß jeder, der uns regelmäßig liest. Und weil Haldern immer wieder feinste Acts aus diesem Genre an den Niederrhein kommen lässt, gehört das Festival unweit von Holland zu meinen absoluten Lieblingen.

Aber wer hat sich innerhalb der Folkrockbands dieses Jahr am besten geschlagen? Keine leichte Entscheidung, denn es waren mit den Fleet Foxes, Okkervil River (1. Foto oben) und The Low Anthem drei richtige Schwergewichte dabei. Dennoch fällt meine Wahl auf Newcomer, die ich im Januar 2011 vor lediglich 15 Leuten in einem Pariser Wohnzimmer erleben durfte. Die Rede ist von Dry The River, die bei der damaligen Homeshow sehr reduziert, akustisch und melodieseelig zu Werke gingen. Notgedrungen, denn in einem Wohnzimmer darf man nun einmal nicht so viel Krach machen, wie man gerne möchte. Ohne die wundervollen Chorgesänge zu vernachlässigen, besannen sich Dry The River in Haldern auf ihre rockige Seite und ließen es insbesondere beim letzten Lied, dem überragenden Lion's Den, so richtig fetzen. Da konnte man so richtig schön sehen, was das für Heißsporne sind. Ihre langen Haare flogen in alle Richtungen, ihre schlanken Körper zuckten wie unter Strom und irgendwann knieten sie alle auf dem Boden und ließen die Gitarren aufjaulen, bis die Schwarte krachte. Das Publikum johlte, zu Recht!



Das Haldern Pop Label hat also alles richtig gemacht, als sie die Engländer in diesem Jahr signten, denn das Potential erscheint mir enorm. Die würzige Stimme des Sängers ist markant und geht einem durch Mark und Bein, die Refrains sind catchy und mitreißend und die feine Geige verleiht dem Ganzen die besondere Note. Definitiv eine Band, die in die Fußstapfe der auch kommerziell wahnsinnig erfolgreichen Mumford & Sons treten kann. Sie verbinden betörende Schönheit mit jugendlicher Ungestümheit, haben einen ausgeprägten Sinn für herzerwärmende Melodien und bringen eine Frische und Spielfreude mit, die einfach begeistert. Und Hits haben sie noch und nöcher! Besonders gelungen ist das herzblutgetränkte Weights & Measures, das auch textlich neugierig macht: " I was prepared to love you, never expect anything of you." Aber auch das an Arcade Fire (dieser Pomp, dieser an Bombast grenzende Gesang) New Ceremony und die neue Single No Rest sind ausgezeichnet und brachten das Halderner Publikum in Wallung.

Der bereits oben beschriebene Abgang mit Lions Den setzte dem Ganzen dann noch die Krone auf. Wie sagte der holländische Moderator später auf der Hauptbühne so treffend:" ich war eben bei Dry The River im Zelt, das war geil, das war supergeil!"

Aber nicht nur Dry The River, sondern auch der Kanadier Dan Mangan und seine Band konnten am Niederrhein auf ganzer Linie begeistern. Der bärtige Mann mit dem in der Folkszene obligatorischen Holzfällerhemd steigerte die Temperatur im ohnehin hin schon sauwarmen Zelt am Nachmittag noch einmal um mindestens 10 Grad. Mit einer ungekünstelt wirkenden Inbrunst und Emphase und seiner verrauchten Reibeisenstimme à la Tom Waits schmetterte er die Hits seines glänzenden Albums Nice, Nice, Very Nice (+ ein paar Neulinge) und hatte im Handumdrehen die Leute auf seine Seite gezogen. Die Zuschauer fraßen ihm förmlich aus der Hand, was Dan wiederum so glücklich machte, daß er sichtlich gerührt kundtat: "you guys in germany are the best crowd in the world, already at the OBs in Beverungen I had a fantastic time."

Am Ende ging es zum Schunkelsong Robots sogar zur Triumphrunde mitten durchs Publikum und wem das zu eng und heiß war, der tanzte einfach draußen vor dem Bildschirm, wie das eine Gruppe junger Mädchen tat. Mit dem Elliott Smith Cover (ich liebe Elliott, Dan hat Geschmack!) Waltz # 2 ging dann ein Konzert zu Ende, das die Geschichte des 2011 er Haldern Festivals entscheidend mitprägte.

Die großen Folkrockacts wiederum schlugen sich ebenfalls gut, wenngleich Okkervil River bei mir nicht die gleichen Glücksgefühle auslösten wie noch 2008, vielleicht weil ich mit den Lieder von dem neuen Album I Am Very Far noch nicht so vertraut bin. Und zu Low Anthem kann ich nicht viel sagen, weil ich da leider nur 3 bis vier Lieder hörte, die freilich wunderbarst waren.

Deutlich mehr bekam ich von den Fleet Foxes mit. Die besannen sich glücklicherweise auf ihre Stärken, sprich die bildhübschen Harmoniegesänge und konnten auch mit den neuen Liedern von Helplesness Blues punkten. Inzwischen sind sie so gut eingespielt, daß es kaum noch qualitative Unterschiede zwischen dem alten und dem aktuellen Material gibt und auch Morgan Henderson, das neue Bandmitglied an der Flöte, dem Saxophon und den Percussions ist in die Truppe integriert. Mein Ärger über die zwei für meine Begriffe viel zu rockigen und lauten Clubkonzerte ist verraucht, bei den Festiavls gingen die Fleet Foxes wieder deutlich filigraner und gefühlvoller zu Werke. Ein sehr ansprechendes Konzert.

Setlist Fleet Foxes, Haldern Pop Festival 2011:

01: The Cascades
02: Grown Ocean
03: Drops In The River
04: Battery Kinzie
05: Sim Sala Bim
06: Mykonos
07: Your Protector
08: White Winter Hymnal
09: Ragged Wood
10: He Doesn't Know Why
11: Lorelai
12: Tiger Mountain Peasant Song
13: The Shrine/An Argument
14; Blue Ridge Mountain
15: Helplessness Blues



Sonntag, 16. Januar 2011

Dry The River, Paris, 11.01.11

2 Kommentare

Konzert: Dry The River
Ort: Wohnzimmer von Valérie, irgendwo in Paris (House Party # 3)
Datum: 11.01.2011
Zuschauer: 15
Konzertdauer: 45-50 Minuten


Unser Konzept der Wohnzimmerkonzerte wird vermehrt kopiert und das ist auch gut so. Es kann nämlich gar nicht genug Leute geben, die ihre eigene Bude zur Konzertlocation hochsterilisieren, ähem, umfrisieren.

Die gute Valérie hatte geladen und ich gehörte zum Kreise der 15 Auserwählten, die in einem äußerst intimen Rahmen das wundervolle Konzert der englischen Grünschnäbel Dry The River genießen durften. Valérie Toumayan ist Videofilmerin und hatte Ende letzten Jahres das Interesse des Managements von dem Magic Numbers auf sich gezogen, als sie die nette Truppe im Café de la Danse gekonnt abfilmte. Der Tourmanager von den magischen Sternen war es dann auch, der den Kontakt zu Valérie herstellte und anfragte, ob sie eine Konzertlocation für eine aufstrebende britische Band mit der ebenfalls zusammenarbeite, empfehlen könne. Selbstlos wie sie ist, hat sie dann einfach ihr eigenes Wohnzimmer vorgeschlagen und darauf hingewiesen, daß sie bereits zwei Home Shows mit guten Musikern (Holden und Sydney Wayser) erfolgreich veranstaltet habe. Man wurde schnell handelseinig und so kam es, daß die 5 schlaksigen Jungs von Dry The River am heutigen 11.01.2011 bei Valerie in der Bude standen und akustisch vom Leder zogen, daß es eine helle Freude war. Den musikalischen Teil möchte ich sehr bald ausführlicher belichten (bin schon wieder in Eile, sorry!), kann aber bereits anmerken, daß Sänger Peter Lidell die schönste Falsett-Stimme seit Justin "Bon Iver" Vernon hat. Ehrlich jetzt (hört einfach mal Family Tree auf dem Soundcloud Player unten). Und dann die harmonischen Chorgesänge! Und die Geige! Wow!!! Mumford & Sons können einpacken!

Und nun endlich der ausführlichere Bericht (16.1.2010):

Dry The River? Nie gehört? Nun, hinter dem Bandnamen verbergen sich fünf milchbärtige Jungs aus East London, die bei Valérie zum allerersten mal überhaupt live in Paris auftraten. Will Harvey (der gut französisch sprach und als Dolmetscher herhalten musste) spielt Geige, Mandoline und Viola, Matthew Taylor Akustikgitarre, Jon Warren die Drums, Scott Miller Bass und Glockenspiel und Peter Liddle zupft ebenfalls auf der Gitarre und singt hierzu einfach wunderschön. Aber er übernimmt den Vocalpart nicht als Einziger, sondern alle fünf Bandmitglieder tragen zu den äußerst harmonischen Chören bei. Solch fabelhafte Harmoniegesänge wie bei Dry The River habe ich seit den Fleet Foxes nicht mehr gehört. Jetzt könnte man natürlich gleich aufschreien und die Jungspunde als Raubkopierer bezeichnen, aber das wäre unfair. Schließlich haben die Fleet Foxes kein Patent auf ihren famosen mehrstimmigen Gesang, sondern haben ihrerseits nur eine schöne Tradition, die von legendären Band wie den Beach Boys und Crosby Stills &Nash begründet wurde, wieder aufleben lesen Die Verwendung der Stimme als Instrument, was kann es Schöneres geben? Nichts ist so ursprünglich und naturrein, nichts so direkt und bewegend. Junge Nachwuchsbands, die auf den Spuren von Oberfox Pecknold wandeln, sind mir jedenfalls tausend mal lieber als ein LCD Soundsytem, der sich hinter seine elektronischen Betas und Sampels verschanzt.

Aber kommen wir mal zu den performten Liedern. Was waren die Highlights? Puh, das ist schwer zu beantworten, denn jedes einzelne Lied war ein Kleinod, das komplette Set durchgängig erlesen, intim und berührend. Dennoch wage ich mich vor und nenne Weights & Measures, denn dieser Song brachte das Herz des Folkfans fast zum überlaufen. Mit unglaublich viel Inbrunst und Power schmetterten die fünf Engländer dieses Stück und wurden dabei so laut, daß ich Angst hatte, Nachbarn könnten klingeln, um sich zu beschweren. Zumal auch Drummer Jon energisch mit dem Schneebesen auf seine Trommel knallte und dadurch zusätzlichen Lärm erzeugte. "I was prepared to love you", schallte es langgezogen aus fünf jungen Kehlen, der Gesang ging mir durch Mark und Bein. Nachbarn kamen aber trotzdem keine angeschissen und man ließ uns in Ruhe diesen wundervollen Abend ausklingen. Dieser war mit Weights und Measures noch nicht beendet, denn der Applaus war verdientermaßen so langanhaltend, daß Dry The River noch eine Zugabe spendierten. Lovin's For Fools, ein Sarah Siskind Cover kam zum Vortrage und versierte Folkfans kennen dieses Stück schon, weil Bon Iver und die Bowerbrids es bereits einmal live mit der Autorin selbst vorgetragen hatten.



Ein rundum toller Abend! Lange leben Valeries Housepartys!

Setlist Dry The River, Houseparty # 3 bei Val3rie, Paris: (Quelle amazinglyblog, dort gibt es auch einen feinen Bericht und mehr Videos)

01: Shaker Hymns
02: Night Owls
03: Lions Den
04: Family Tree
05: Demons
06: Bible Belt
07: Weights & Measures

08: Lovin's For Fools (Sarah Siskind)




Family Tree by Dry the River

History Book by Dry the River



 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates