Dienstag, 13. September 2016

Lisa Hannigan und The Divine Comedy, Paris, 12.09.16


Konzert: The Divine Comedy und Lisa Hannigan
Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 12.09.2016
Zuschauer: etwa 500 ausverkauft
Konzertdauer: Lisa Hannigan 30, The Divine Comedy etwa 75 Minuten
Raumtemperatur: gefühlte 52 Grad Celsius

Livemitschnitt des Konzertes bei arte:

http://concert.arte.tv/fr/divine-comedy-et-lisa-hannigan-pias-nites


Eigentlich bin ich ja jemand der recht froh ist, wenn sich die Zeit der Sommerfestivals dem Ende zuneigt, denn Festivals sind nun wirklich nichts für wahre Musikhaber. Alles ist zu unpersönlich, es herrscht zu viel Trubel, es wird zu viel geredet, man hetzt von Bühne zu Bühne und so einige Leute im Publikum sind nicht primär für die Konzerte da. Kleine intime Gigs in Clubs gefallen Musiknerds wie mir in der Regel deshalb auch viel besser. Allerdings hätte ich an jenem 12. September die Konzerte von Lisa und Neil lieber open air gesehen, denn die Hitze im engen Keller der Pariser Maroquinerie war wirklich unerträglich. 



Kein Wunder also, dass einige Zuschauer während des Vorprogamms, das Lisa Hannigan bestritt, es bevorzugten oben in der Freiluftbar ein kühles Bier zu geniessen. Ich hingegen hatte den Ehrgeiz mir auch den Auftritt von Fräulein Hannigan anzusehen und musikalisch lohnte sich das auf jeden Fall. Es war ein schönes, intimes und berührendes Konzert der auf natürliche Weise hübschen Irin, eines das lediglich mit Akustikgitarre (plus in einem Falle Mandoline) und Stimme auskam und auf sonstigen intrumentalischen Zierrat verzichtete. Normalerweise hat Lisa eine Band, aber im Rahmen der Konzerttour mit The Divine Comedy sollte alles bewusst akustisch und reduziert sein. Fein, dass die Zuschauer das Spiel mitmachten und während des stillen Vortrages vorbildlich leise waren. Vielleicht waren aber einige schon halb weggetreten, denn die Hitze war wirklich unbeschreiblich, ich fühlte mich wie im Tropenhaus des Botanischen Gartens zu Berlin. Kakteen gabs zwar keine, aber dafür eine Luft zum Schneiden!



Zum Glück waren da aber auch die 8 hochkarätigen Songs (die Neulinge vom Album At Swim wurden von Aaron "The National" Dessner produziert), die teilweise etwas countrysek klangen, dann aber auch wieder  in Richtung dark folk gingen. A Prayer For The Dying (Song Nummer drei mit der oft wiederholten Zeile "your heart, my heart") zum Beispiel war sehr düster, O Sleep nur unwesentlich fröhlicher. Dafür klang We The Drowned mit seinem Mandolinensound aber optimistischer und melodischer und ragte aus dem Set heraus. Passend dass sie ausgerechnet in der Pariser Bullenhitze ("it has never been this hot in Ireland!") das Stück Snow spielte, bei dem wir uns gedanklich Irland im kalten Dezember vorstellen sollten, um uns abzukühlen.



Das abschliessende Anahorisch trug die in ein elegantes blaues Kleid gehüllte Sängerin dann schliesslich komplett a capella vor und zeigte noch mal ihr stimmliches Können. In 30 Minuten hatte sie unter Beweis gestellt, dass sie spielerisch leicht von einer recht tiefen zu einer hohen Stimme übergehen kann, gehaucht als auch inbrünstig flehend singen kann. Handwerklich stand das Ganze auf hohem Niveau. Keine Note zuviel, aber viel Wärme und Emotion, Lisa Hannigan hatte wirklich überzeugt. Und dann diese Anmut, diese Eleganz, dieser betörende Charme ! Wow!

Das Publikum dankte  ihr all dies mit extrem starken und langen Applaus. Eine Zugabe gab es dennoch nicht, wenn wir in Paris mehr von Lisa Hannigan sehen und hören wollen müssen wir auf ihr Headlinerkonzert im November ins Flow gehen.

https://www.youtube.com/watch?v=Frx7-66HQ1c

In der anschliessenden Pause strömten die meisten Leute nach oben in den kühleren Innenhof, tranken etwas Kühles oder unterhielten sich über die hinter uns liegenden Sommerferien. Die momentane Hitze war natürlich Dauerthema, aber interessanterweise hatte Neil Hannon, auf den wir warteten, kürzlich eine Sommergrippe durchgemacht und war erst in letzter Minute wieder für den Pariser Auftritt fit geworden.



Als das Konzert mit dem wundervollen Klassiker Absent Friends dann losging merkte man schon, dass er etwas ausgezehrt war, er wirkte noch hagerer und dünner als sonst. Auf seine Laune und seinen britischen Charme wirkte sich dieser Umstand jedoch nicht negativ aus. Er war höflich, humorvoll und gentlemanlike wie immer, versuchte sich ein paar Mal in der Sprache Molières ("are you ça va, are you d'accord ?") und bedankte sich beim Publikum bei der Hitze gekommen zu sein. Er selbst würde sich an unserer Stelle wohl zu Hause in den Külschrank gelegt haben.



Stimmlich merkte man nur in den Pausen zwischen den Stücken, dass er kränkelte, er war dann etwas heiser und hustete relativ oft. Beim Singen der Songs traf er aber die Töne und seine Stimme klang gewohnt harmonisch und weich. Seine vier Bandkollegen (darunter ein neuer graugelockter Gitarrist namens Tosh) steuerten zudem oft wundervolle Chorgesänge bei, die die ganze Sache rund und harmonisch klingen liessen.

Becoming More Like Alfie war ein frühes Highlight in der Anfangsphase, der Titel kam ungemein flott, beatlesk und melodisch rüber. Das anschliessende Join The Foreign Army zeigte dann Neil Hannon als Crooner in der Tradition eines Scott Walker (oder gar Frank Sinatra ?). To The Rescue an fünfter Stelle war eine wehmütige sanfte Schmonzette zu der Neil croonte: "too many tragedies, too many crimes".



Danach wurde ausgiebig die Gitarre gestimmt, was einer Zuschauerin Zeit liess reinzurufen: "we love you!", woraufhin Hannon trocken entgegnete: "why ?"  "I make so many mistakes!". Das Mädel liess sich aber nicht beirren und konterte: "we love your mistakes" und Neil: "so then stay here til the end"

Der Song Of Love wurde nun geschmettert, er war sehr schön und hatte eine herrlich altmodische Note und Lady Of A Certain Age danach war eine unfassbar hübsche traurig-komische Balladen mit einem tollen Text und einer zarten Gitarrenmelodie.

Dann stand Neil zu Assume The Perpendicular plötzlich auf (vorher hatte er sitzend performt) und sofort wurde das Tempo erhöht, das Stück war sehr flott, sehr beschwingt und sogar tanzbar!

Catherine The Great etwa 10 Minuten später war die erste Single des neuen Albums Foreverland und definitiv ein Hit inklusive eines feinen Banjosolos des klatzköpfigen Musiker rechts auf der Bühne.



Zu dem fetzigen At The Indie Disco setze sich Hannon ans Piano und der dort vorher agierende Neil spielte nun Gitarre, was Neil mit dem trocken-ironischen Satz kommentierte: "Neil plays also the guitar...well kind of..."



Nach Bad Ambassador und The Pact dann noch einmal eine fulminante Shlussphase mit The National Express (herrlich die badabada-Gesänge!) und dem sagenhaften Tonight We Fly, zu dem die Leute mitklachten (ab und zu darf man das) und über beide Ohren grinsten.





Heftiger Applaus und Abgang der Band bevor Neil ganz alleine noch mal zurückkam und die berührende Ballade Your Daddy's Car performte.

Ungefähr 75 Minuten The Divine Comedy akustisch, ein schönes Konzert, dass uns nicht nur wegen der brutalen Hitze sondern auch aus musikalischen Gründen im Gedächnts bleiben wird.

http://concert.arte.tv/fr/divine-comedy-et-lisa-hannigan-pias-nites

Setlist Lisa Hannigan

01: Little Bird
02: Fall
03: A Prayer For The Dyingh
04: O Sleep
05: We The Drowned
06: Passenger
07: Snow
08: Anahorish 

Setlist The Divine Comedy

01: Absent Friends
02: How Can You Leave Me On My Own
03: Becoming More Like Alfie
04: I Joined The Foreign Legion
05: To The Rescue
06: Songs Of Love
07: A Lady Of A Certain Age
08: Assume The Perpendicular
09: Funny Peculiar
10: Catherine The Great
11: At The Indie Disco
12: Bad Ambassador
13: The Pact
14: National Express
15: Tonight We Fly

16: Your Daddy's Car 



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