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Montag, 30. September 2019

Woog Riots & Hutch Harris, Wiesbaden, 28.09.19

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Konzert: Woog Riots & Hutch Harris
Ort: Schlachthof, Wiesbaden (Kesselhaus)
Datum: 28.09.2019
Dauer: Woog Riots knapp 40 min, Hutch Harris knapp 55 min
Zuschauer: bis da ca. 100




Früher hatte ich für solche Gelegenheiten eine passende Konzerttasche. "Ich bin wegen der Vorgruppe hier", stand auf der. Die hatte ich mir irgendwann machen lassen, weil mein Verhalten, auch gerne mal nach dem Support zu gehen, bei vielen als verhaltensauffällig galt. Aber wenn Wolf Alice auf einer Tour eben nur vor alt-j spielen, bleibt einem doch nichts anderes übrig. Daher die Tasche. Keine Ironie.

Samstag war ich gleich wegen zwei Vorgruppen da, eigentlich war es also wieder ein normales Konzert. Unter anderen Umständen hätte ich mir International Music auch angesehen, nur ließen das die nichtanderen diesmal nicht zu. Wenn man eine Gruppe, die man liebt und den Sänger der besten Band der Welt gemeinsam an einem Abend sehen kann, ist es aber auch eigentlich egal, ob danach noch etwas kommt.


Daß die Woog Riots toll sind, habe ich schon häufig betont. Die "berühmteste Protestband aus Darmstadt" spielte schon die beiden wichtigsten Festivals meiner Indiepop-Welt, das Indietracks und ähm, das Cologne Popfest. Im März erschien das bereits sechste Album des Duos Silvana und Marc (Cut-up and paste), das durchweg großartig ist und - machte ich solche Listen - mit Tampere - Manchester of the North einen sicheren Kandidaten für eine Jahres-Top-5 enthält.

Das Konzert begann mit Alan Rusbridger, dem Lied über den ehemaligen Guardian-Chefredakteur, der eine wichtige Rolle bei der Veröffentlichung der Snowden-Dokumente gespielt hat, 2013, als sich gigantische Skandale noch lange in den Nachrichten hielten und nicht wie heute montags von noch viel größeren Skandalen wieder abgelöst und ins Vergessen geschickt werden. 

Daß Alan Rusbridger (Mensch) eine Rezension über Alan Rusbridger (Album) geschrieben hat, ist eine meiner Lieblingsmusikgeschichten. Es folgten - in Blöcke unterteilt (Protestsongs, Lieder über Städte...) - vor allem Lieder vom neuen Album Cut-up and paste. Und jede Menge Instrumente. Silvana spielt Keyboard, Otamatone, Stylophone und Melodica, Marc Gitarre und iPod. So entstehen diese fantastischen Elektropop-Songs über diese fiesen Kreuzfahrt-Giganten in Venedig, über Das Kapital oder den Busfahrer. Es war wie immer ein riesiger Spaß!



Zum letzten Stück To all you racists kamen die beiden von der Bühne und sangen unverstärkt. Ganz voll war das Kesselhaus des Schlachthofs noch nicht. Die, die mitbekommen hatten, daß es früh losgeht und die wie ich nicht supportphob sind, hatten großes Glück!

Setlist Woog Riots, Schlachthof, Wiesbaden:


01: Alan Rusbridger
02: Oxford
03: Last beat
04: Cut-up and paste
05: Hello bus driver
06: People reading Marx
07: Tampere - Manchester of the North
08: Tokyo plastics
09: Monstrous monsters
10: People working with computers
11: To all you racists



Nicht weit von Wiesbaden weg gab es früher das beste Festival, das Phono Pop in Rüsselsheim. Meine großen Lieblinge The Thermals aus Portland konnte ich da zweimal sehen, 2007 und 2013 und natürlich waren beide Konzerte herausragend, weil das alle Auftritte der Thermals waren.

Die Thermals lösten sich im April 2018 auf, vorher machte einmal die Nachricht die Runde, die Band wolle nicht mehr touren. Mein letztes Konzert war 2013, viel zu lange her für eine Band, die ich so liebe und seit 2006 immer wieder gesehen habe. Ein paar Monate nach der Auflösung erschien neue Musik von Bassistin Kathy Foster und von Gitarrist Hutch Harris. Hutches Platte Only water kaufte ich sofort digital (die CD-Version - Auflage 50 - blieb wohl wegen der schrecklichen Portokosten amerikanischen Fans vorbehalten). Die Hoffnung auf ein Konzert hatte ich aber aufgegeben, denn dieses "keine Lust mehr auf Touren", war fest in meinem Kopf. Glücklicherweise nicht in Hutchs...  

Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Daß Hutch alleine und mit akustischer Gitarre auftreten würde, meine ich damit nicht, das schien mir klar zu sein. Aber was würde er spielen? Vor allem wohl Songs seiner gelungenen Solo-Platte. Und vielleicht something Thermals und ein, zwei Cover?


Schon die ersten vier Lieder waren Thermals-Songs. Seine Setlist lag nah vor mir, ich vermied aber Spoiler. Sie sah aber lang aus und war sehr einsilbig, immer nur ein Wort oder eine Abkürzung, so wie immer. Nach dem Thermals-Start folgten die ersten beiden Solo-Lieder von Hutch. I will try to forget you und No river left. Weil er die alten Band-Stücke in gleicher akustischer Form spielte, fiel kein großer Unterschied zwischen den neuen und alten Songs auf, also schiene die Solo-Platte wohl auch in Punkband-Arrangements zu funktionieren. Nur erscheinen mir die neuen Texte  trennungsbezogener. "Yesterday you held me lying on the bed. Now I know I’ll lie alone and hold you in my head." 

Auch wenn auch später noch einmal drei Solo-Lieder kamen, spielte Hutchs frühere Band die Hauptrolle. Als Thermals-Ultra mochte ich das sehr, seine eigene Platte ist aber auch so gut, daß der Sänger ruhig mehr davon hätte spielen wollen, es wäre kein schlechterer Abend werden können. Aber was jammere ich? Ich durfte noch einmal eine Zugabe aus 13 The-Thermals-Songs hören, darunter drei, die ich nie live gesehen habe und ganz viele der großen Hits (Test pattern, Back to grey, I let it go...).

Dummerweise vermisse ich die Thermals jetzt wieder ein Stück mehr. Aber die Aussicht, Hutch jetzt vielleicht ab und zu wieder auf einer Bühne singen und schreien zu hören, macht das erträglicher.

Setlist Hutch Harris, Schlachthof, Wiesbaden:

01: I let it go (The Thermals)
02: When I was afraid (The Thermals)
03: Faces stay with me (The Thermals)
04: The sunset (The Thermals)
05: I will try to forget you
06: No river left
07: Test pattern (The Thermals)
08: St. Rosa and the swallows (The Thermals)
09: Back to gray (The Thermals)
10: I hold the sound (The Thermals)
11: Anything is possible
12: You can believe me now
13: You and yesterday
14: The walls (The Thermals)
15: Thinking of you (The Thermals)
16: An endless supply (The Thermals)
17: God and country (The Thermals)
18: A pillar of salt (The Thermals)

Links:

- aus unseren Archiv:
- Woog Riots, Köln, 30.03.16
- Woog Riots, Darmstadt, 19.09.13
- Woog Riots, Berlin, 22.05.08
- The Thermals, Köln, 23.10.13
- The Thermals, Rüsselsheim, 13.07.13
- The Thermals, Dortmund, 30.07.11
- The Thermals, Frankfurt, 15.04.11
- The Thermals, Köln, 03.04.11
- The Thermals, Bochum, 23.10.09
- The Thermals, Haldern, 15.08.09
- The Thermals, Berlin, 08.08.09
- The Thermals, Rüsselsheim, 21.07.07
- The Thermals, Köln, 19.12.06
- The Thermals, Paris, 02.12.06


Montag, 4. April 2016

Desperate Journalist, Köln, 30.03.16

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Konzert: Desperate Journalist (& Woog Riots)
Ort: Tsunami Club, Köln
Datum: 30.03.2016
Dauer: Desperate Journalist gut 50 min, Woog Riots knapp 40 min
Zuschauer: ca. 65



Über ein Konzert zu schreiben, das ich selbst veranstaltet habe, ist nicht ganz leicht, weil ich befangener bin als ein Mitglied der FIFA-Ethikkommission. Natürlich liebe ich die Bands, die ich einlade, sonst würde ich das ja nicht machen. In den letzten Monaten habe ich außerdem das Tsunami als tollen kleinen Club für Konzerte kennengelernt, in dem Bands ausgezeichnet klingen können. Was sollte da also schiefgehen? Das alte Theorie/Praxis-Spiel... Es kann eine ganze Menge in die Hose gehen.

Objektiv war da kein Risiko. Desperate Journalist sind eine der aufregendsten Bands, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe. Sängerin Jo Bevan klingt auf Platte toll, ist live aber um Längen eindrucksvoller. Die Songs der Band müssen sich vor nichts verstecken. Irgendwer sagte nach dem Konzert, Desperate Journalist wären vor 20 Jahren riesig geworden. Ob eine Band heute überdurchschnittlich bekannt und erfolgreich werden kann, hängt vermutlich hauptsächlich vom Glück ab. Desperate Journalist haben alles, um auf sehr viel größeren Bühnen als bisher zu spielen, brillante Musiker, eine charismatische Sängerin und einige riesige Hits! 


Nachdem ich die Band im letzten Juli beim Indietracks in Mittelengland kennengelernt hatte, schickte ich ihr eine Buchungsanfrage für etwas anderes, später im Jahr. Als dann eine Deutschland-Tour gebucht werden sollte, leitete mir ein Kölner Freund das Angebot weiter, das hiesige Konzert zu veranstalten. Meine Booker-Tätigkeit hatte mit einem Abend mit drei spanischen Indiepop-Bands im Januar angefangen, der dank der Gruppen ein großer Spaß und dank des Clubs alles andere als katastrophal war. Also ja. Ich hatte mir irgendwann vorgenommen, nur Bands zu veranstalten, in die ich mich beim Indietracks verliebt habe. Das passte also.

Kurz nachdem das fix war, mailte ich mit Silvana von den Woog Riots, einer irre tollen Darmstädter Elektro-Pop-Band. Die Woog Riots hatte ich beim Indietracks 2013 leider verpasst, hatte das aber zwei Monate später in Darmstadt (deutsche Midlands) nachgeholt und toll gefunden. Wir waren uns schnell einig, daß sie die perfekte Ergänzung zu Desperate Journalist wären. Also wenigstens im Prinzip. Denn am nächsten Tag spielte der 1. FC Köln gegen Darmstadt 98. Da ich langsam wieder verlernen möchte, wie sich Abstiege anfühlen, machte ich meine Konzertzusage davon abhängig, daß Köln in Darmstadt nicht verlieren dürfte. Das Spiel endete wie üblich 0:0, ich hatte also meine zweite Band fürs zweite Konzert.


Die Woog Riots waren ursprünglich eine fünfköpfige Band, sind seit Jahren aber ein Duo, bestehend aus Silvana Battisti und Marc Herbert. Keyboard und Bass. So wie Elektrobands also instrumentiert sind. Was Silvana neben ihrem Keyboard aber nach und nach an Instrumenten hervorzauberte, war phänomenal. Schon beim Soundcheck ging mein Herz auf, als sie nach einem Stuhl fragte, weil sie eine singende Säge spielen werde. Das wundervollste aller Instrumente! Also das wundervollste jedenfalls nach dem (der?) Omatone, einer großen Musiknote aus Plastik, die am Hals wie ein Sylophone gespielt wird und deren Mund die Töne dann verzerrt. Omatones sehen wie Spielzeuge aus. Ich habe mir vor einigen Jahren eine (eines?) in einem Museumshop gekauft, hatte aber nie gedacht, daß man mit dem lustigen japanischen Quatsch auch ernsthaft Musik machen kann. 

Die Omatone war Teil der Instrumentierung bei Alan Rusbridger vom gleichnamigen neuen Album der Hessen. Alan Rusbridger ist der ehemalige Chefredakteur des Guardian, in dessen Zeit die Auswertung der Wikileaks-Dokumente fiel. Damals sollte der Guardian die Festplatten mit den Wikileaks-Daten der Regierung übergeben, ließ sie aber lieber (unter Aufsicht staatlicher Stellen) vernichten. Ich weiß ansonsten nicht viel über den Mann. Wer erreicht, daß Doctor ihn in einer Wikileaks-Verfilmung darstellt und von den Woog Riots ein Album und einen Song (mit Omatone) gewidmet bekommt, muß ein verflucht glücklicher Mensch sein. Vermutlich ist Rusbridger auch Leicester City Fan. 

Vom neuen (bereits fünften!) Album des Duos stammten einige Titel, das großartige Moscow Domodedovo, das eine andere Wikileaks-Seite beschreibt, den Aufenthalt von Edward Snowden auf dem Moskauer Flughafen, The zombie system, Gentrification, Popsongs mit Botschaften, tanzbare Gesellschaftskritik quasi. Mein Liebling von den neuen Sachen war wohl neben DME Emma Momoka (mit singender Säge!). Oder doch Rain am Ende? Am meisten hatte ich aber von einem der alten Hits. People working with computers war bis zum Wochenende mein Dauerohrwurm! Warum kennt nicht jeder die Woog Riots? Warum kann jemand wie ich diese großartige Band buchen? Wenn ich musikalischer wäre, würde ich Lieder über solche Mißstände schreiben!

Auch bei den Woog Riots war ich vorher sicher, daß sie toll sind. Dann zu sehen, daß das Publikum tanzt und sich offenbar auch amüsiert, war aber schon ein wenig beruhigend. Uff! Veranstalter kleben bei Konzerten gerne an Vorgruppen das Label "special guest", um sie aufzuwerten. Für mich waren die Woog Riots auch besondere Gäste - aber im wörtlichen Sinne. Wenn ich Konzerte mache, möchte ich Bands haben, die keinen Support brauchen. Da aber zwei Gruppen besser als eine sind, spielt vorher eben noch eine andere tolle Band.


Setlist Woog Riots, Tsunami, Köln:

01: Alvin Toffler
02: Alan Rusbridger
03: Last beat
04: Moscow Domodedovo
05: George Harrison
06: From Lo-Fi to disco
07: People working with computers
08: The zombie system
09: Gentrification
10: Emma Momoka
11: Friends of mine (Adam Green Cover)
12: Rain

Desperate Journalist hatten beim Indietracks auf der Indoor-Stage gespielt, die eine Lok-Werkstatt ist und den Charme eine Lagerhalle hat - leider auch deren Sound. Der Soundmann des Tsunami hatte zwar keine Blechdach-Halle zu beschallen, sehr viel einfacher ist der Job in dem Kellerclub aber vermutlich auch nicht. Er schaffte es aber im kurzen Soundcheck, daß Desperate Journalist wirklich hervorragend klangen.

Warum die Musik der Band mit dem wundervollen Namen so gut ist, hat viele Gründe. Die Melodien sind grandios, Hits wie Happening, Control, Cristina phänomenal. Ganz besonders ist aber Jos Stimme. Vermutlich wäre Happening mit einer anderen Sängerin auch ein gutes Lied. Aber ein Knüller ist es eben so! Und daß da nicht aus einem Stimmchen im Studio etwas für die Platten gezaubert wurde, zeigte Jo beim ersten Stück Control. Wow! Ich hatte das schon erlebt, die Wirkung war gleich. Welch eine super Band.

Neben (und hinter) Jo spielen Gitarrist Rob Hardy, Bassist Simon Drowner und Schlagzeugerin Caz Hellbent. Jos Stimme und ihr Bühneverhalten verführen dazu, nur sie zu beobachten. Sie spielt kein Instrument, was bei Musikern oft zu komischen Ersatzhandlungen führt. Jo löst dieses Instrument-fehlt-Dilemma eleganter als die anderen. Sie wickelt sich das Mikrokabel wie Ketten um den Hals. Das Kabel in Köln war rot und wirkungsvoll. Auch wenn das ein tolles Schauspiel ist, sind ihre Kollegen genauso sehenswert. 


"Warum spielen die nicht viel größer?" fragte mich ein Freund nach Control. Wenn die Band nicht alles falsch macht, wird sie das hoffentlich! Ich hätte gerne mehr für das Konzert geworben, sehr viel mehr Leute hätten verdient gehabt, den ersten Deutschland-Auftritt der Londoner zu sehen!

Desperate Journalist spielten vor allem Stücke des im vergangenen Jahr erschienenen (und auf Vinyl ausverkauften) Debüts. Leave me von der EP Good luck, die nach der Platte erschienen war und Wait von der Vor-Album EP Cristina.

Als letztes Lied spielte die Band Organ mit Elizabeth my dear von den Stone Roses als Einleitung, fabelhaft, und als Zugabe die B-Seite Kitten, die eine eigene Jutetasche hat. 


"Never apologize, never explain." Also kann ich auch von diesem Konzert schwärmen, puh!

Setlist Desperate Journalist, Tsunami, Köln:

01: Control
02: O
03: Leave home
04: Remainder
05: Wait
06: Nothing
07: Eulogy
08: Heartbeats
09: Happening
10: Cristina
11: Distance
12: Organ (mit Intro Elizabeth my dear (Stone Roses Cover))

13: Kitten (Z)

Links: 

- aus unserem Archiv:
- Desperate Journalist, Ripley, 25.07.15

- Woog Riots, Darmstadt, 19.09.13
- Woog Riots, Berlin, 22.05.08




Freitag, 20. September 2013

Woog Riots, Darmstadt, 19.09.13

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Konzert: Woog Riots
Ort: Künstlerkeller, Darmstadt
Datum: 19.09.2013
Dauer: 70 min
Zuschauer: nicht zu erkennen - vielleicht 60



"Das nächste Lied ist ein Cover und stammt von der wunderbaren Band The Times. Das ist was für die Mods unter euch. Sind Mods im Raum?" - "Motz, was?" - ach, Konzerte in Hessen können großartig sein! Vor ein paar Jahren wurde ich mit meiner Frage nach dem Beginn bei einem Konzert in Frankfurt mal an den Kollegen verwiesen und wusste nicht, ob ich den Micha oder den Mischer fragen sollte. Hessisch ist toll! Da ich einen Migrationshintergrund von da habe, kann ich das beurteilen (und belächeln). 

Woog Riots waren der Grund meiner Konzertreise nach Hessen. Das Duo stammt aus Darmstadt und sollte laut Ticket im Künstlerkeller unter dem Schloß einen Record-Release-Auftritt spielen. Ich hätte bisher zweimal Gelegenheit gehabt, Woog Riots zu sehen, habe aber beide verpasst. Als Support der wundervollen Indelicates in der Räucherkammer des Schlachthofs in Wiesbaden hatte ich nur einen Teil mitbekommen, beim Indietracks im Juli in Ripley aus Überschneidungsgründen gar nichts. Jetzt ärgere ich mich sehr.

Das Konzert im extrem dunklen Gewölbekeller (in Bärenhöhlen und Walfisch-Mägen ist es deutlich heller - allerdings weiß ich das nur vom Hörensagen) war nämlich schlicht und einfach hervorragend.

Woog Riots bestehen aus Silvana Battisti und Marc Herbert. Ihre Musik als Mischung aus Kraftwerk, den guten NDW Bands, Ladytron und Au Revoir Simone zu beschreiben, macht für mich zwar vollkommen Sinn, aber vielleicht nicht für jeden. Die Lieder, die alle von beiden gesungen werden, sind mit einem Hintergrundbeat, E-Gitarre (Marc) und Keyboard, singender Säge, Drumpad oder Stylophon (Silvana) instrumentiert. 

Das Konzert begann mit From lo-fi to disco!, dem Titeltrack der im Juli erschienenen vierten* Platte  der Band. Das Stück, nach dem sie auch ihr neues eigenes Plattenlabel benannt haben, ist enorm catchy und gefiel mir wegen des Gesangs im Dialogstil wahnsinnig gut. Und das Schöne an diesem Konzert war: es blieb so. Keines der gespielten Lieder war langweilig, im Gegenteil!

Weil es im Künstlerkeller wirklich stockdunkel war, war für mich nicht auszumachen, wie viele Zuschauer da waren. Ich schätze, daß es rund 60 waren, die sich im hinteren Teil des Raums, dessen anderes Ende als Bar genutzt wird, eingefunden hatten. Deutlicher war, daß das Konzert ein Heimspiel war. Häufiger entstanden Gespräche zwischen Band und Publikum. Silvana und Marc sagten zu fast allen Liedern, worum es in ihnen gehe, kündigten eine Darmstadt-Sektion (We are not Houston und Frankenstein tattoo) oder eine Skinhead-Phase an (Why are you a skinhead now? und das Camper van Beethoven Cover Take the skinheads bowling). Das war nicht nur wegen des schönen Kellers wunderbar familiär.

Aber ich war ja nicht wegen eines Kellers oder eines Familienanschlusses da, mir ging es um die Musik. Und die war großartig!

Schwer zu sagen, was mir am besten gefiel. Astronauts mit seinem Vaselines-Zitat am Anfang, sofern es eines ist, ist einer der großen Hits der Band. People working with computers, als Split-Single gemeinsam mit den tollen Schwervon! erschienen, gefiel mir sehr. We are not Houston oder das Stück über den Futurologen Alvin Toffler... es waren so viele.

Ganz besonders klasse wurde es am Ende. Das normale Set wurde vom Adam Green Cover Friends of mine beendet. Dabei spielte Silvana eine singende Säge. So weit, so gut. Silvana und Marc verliessen die Bühne und gingen Richtung Ausgang. Dabei nahm sie die Säge und er einen Ukulelenkasten, der vorher nicht zum Einsatz gekommen war, mit. Auf Höhe des Mischpults blieben sie stehen und stimmten die erste Zugabe Life electric von ihrer Platte Post bomb chronicles an - mit Säge und Ukulele. Wunderschön! "So, jetzt kommt das ganze noch mal elektrisch." Zurück auf die Bühne und noch einmal mit Beats, Gitarre und Mikros. Sehr sehr toll! Mrs pharmacist danach war mein Liebling des Abends. Boah, ist das ein hervorragender Popsong! Viel schlechter wurde es aber danach auch nicht mehr. Bei der vierten Zugabe Frank backwards kam eines meiner Lieblingsinstrumente zum Einsatz: das Stylophon. "If you love it, repeat it!" Boah, ist das ein hervorragender Popsong!

Danach kamen sie noch einmal zurück auf die Bühne und spielten Commercial suicide als Abschluß. Am Ende davon sangen Silvana und Marc den Refrain abwechselnd. Ach, es war fabelhaft und ich konnte gut nachvollziehen, warum alle vom Indietracks-Auftritt der beiden geschwärmt hatten. Weil bei diesem Festival so viele grandiose Bands gespielt haben (hier ein Link zu meinen Berichten) und ich mich zwangsläufig gegen einige entscheiden musste, habe ich mir vorgenommen, die verpassten möglichst schnell nachzuholen. Woog Riots geben mir vollkommen recht!


Setlist Woog Riots, Künstlerkeller, Darmstadt:

01: From lo-fi to disco!
02: People working with computers
03: Too funk to drug
04: Backstage lemonade
05: Why are you a skinhead now?
06: Take the skinheads bowling (Camper van Beethoven Cover)
07: Astronauts
08: We are not Houston
09: Frankenstein tattoo
10: Octopussy
11: My Andy Warhol poster (The Times Cover)
12: Alvin Toffler
13: Rhythm of (?)
14: Friends of mine (Adam Green Cover)

15: Life electric (akustisch) (Z)
16: Life electric (Z)
17: Mrs pharmacist (Z)
18: Frank backwards (Z)

19: Commercial suicide (Z)

* ich glaube, daß es das vierte Album ist

- mehr Fotos folgen!
 



Mittwoch, 4. Juni 2008

Konzertrückblick Sohodolls, Berlin, 22.05.08

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Konzert: Sohodolls (Woog Riots)

Ort: Admiralspalast, Berlin
Datum: 22.05.2008
Zuschauer: ca. 100
Konzertdauer: etwa 30 Minuten, danach noch einmal 40 Minuten Vorband

Omas und Opas? Bei den Sohodolls? Ich mein, Motor FM hatte zwar für Lau zum Konzert geladen, aber dass ausgerechnet die Generation unserer Großeltern dieses Angebot so ausschöpfte, hätte ich wahrlich nicht erwartet. In Viererreihen standen sie da und kauften Karten.... Achso! Der Admiralspalast hat auch andere Veranstaltungen? Die kaufen Karten für ein Theaterstück? Aha, ja, die Philharmonie hat gebrannt. Und deswegen das Konzert hierher verlegt? Sohodolls erst später? Nagut, nach dem wahrscheinlich teuersten Döner und ein Bier später nochmal vorbeigeschaut, sah die ganze Situation auch schon anders aus. Zwar waren immernoch nicht viele schwarz gekleidete Menschen zu sehen, aber immerhin waren keine grauen Haare mehr zu entdecken. Also positionierten wir uns vor dem Eingang zum Studio des Admiralspalast, in direkter Nähe zu dem vielversprechenden Konzertplakat. Dieses Plakat.... Unterhaltungsbasis während der gesamten Wartezeit, Quelle erotischster Phantasien und unverschämter Hoffnungen, nicht nur der männlichen Anhängerschaft, es möge heute Abend doch ein ähnliches Outfit werden, Gaffa hatte ich jedenfalls dabei. Ich sollte es nicht brauchen, hochgeschlossen aber dafür in halterlosen Strümpfen und knapper, kurzer Hose durften die Augen des Publikums jetzt auch die andere Hälfte von Sängerin Maya bestaunen. Ebenso vielversprechend sah das Effektebrett von Gitarrist Toni aus, wow, da weiß man garnicht, wo man als erstes rauftreten soll, der Bühnentechniker jedenfalls wusste es auch nicht. Da musste erst Toni persönlich vor dem Konzert zum Stimmen auf die Bühne. Nächstes Mal unbedingt eine multilinguale Bedienungsanleitung dem Veranstalter aushändigen ;) Das Konzert dann war kürzer, als anderswo, wie man schön auf der Setlist sehen konnte, wurde das ein oder andere Lied durchgestrichen, schade eigentlich, denn das was man da hören konnte klang irgendwie luftig, lässig nach Rock'n'Roll und natürlich, durch optische Sinnesorgane bereits suggeriert, ziemlich nach Sex. Während wohl alle Männer auf die Front-Doll achteten, verfielen die Emomädels neben mir dem eigentlich während des Konzertes kaum sichtbaren Keyboarder Weston. Gleich und gleich gesellt sich halt gern.

Das trifft dann wohl auch auf die Vorband zu, die ausnahmsweise mal danach spielte. War nämlich niemand mehr da von den Emomädels, war ja auch keine Emomusik!

Die Woog Riots waren leichter Spass-Pop mit Disco-Attitüden und Folkmelodien aus Frankfurt, wie ich persönlich in Erfahrung brachte. Nicht vergessen zu erwähnen darf man allerdings die italienischen Wurzeln von Sängerin und Klickerin Silvana. Dieser hüpfende und tanzende Gitarrist war schon recht nett anzuschauen. Einprägsame Texte luden zum Mitsingen ein. Es war ja auch ganz nett von Silvana durch Ankündigungen der nächsten Lieder etwas die Distanz zum Publikum zu nehmen, doch nach dem fünften Lied fühlte man sich wie auf einer musikalischen Busreise durch die Hauptstadt. Zum Schluss durften dann nochmal ALLE!!! (etwa 20 hartgesottene Verbliebene) aus dem Publikum auf die Bühne, wurden mit kleinen Instrumenten wie Rasseln, Trommeln und ähnlichem bewaffnet und spielten dann zusammen mit den Woog Riots ein Lied für die einzigen beiden, die noch vor der Bühne standen: Die Tontechniker.
Das nenn ich aktive Publikumsbegeisterung.

Setlist Sohodolls:

01 : Trash the Rental
02 : Prince Harry
03 : My Vampire
04 : Rapture
05 : Weekender
06 : Pleasures of Soho
07: Bang Bang Bang
08: Rest for the Wicked
09: Stripper

10: (No) Regrets

Setlist Woog Riots:

01: Queen of Pop
02: People Working with Computers
03: Paul McCartney
04: Lack of Passion
05: Elephants and Mirrors
06: Octopussy
07: April '66
08: Backstage Lemonade
09: Islam Punk
10: Frank Backwards
11: Nightbus



Links:
- mehr Fotos von diesem Konzert hier

Text und Fotos von Hannes aus Berlin




 

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