Mittwoch, 4. Juni 2008

Isobel Campbell & Mark Lanegan, Frankfurt, 03.06.08


Konzert: Isobel Campbell & Mark Lanegan
Ort: Mousonturm, Frankfurt
Datum: 03.06.2008
Zuschauer: recht gut besucht (3/4 voll vielleicht)
Konzertdauer: etwa 75 min.


Auf dem kurzen Weg zwischen Parkhaus und Eingang des Mousonturm kam mir ein mächtig motzig aussehender Mark Lanegan entgegen. Das waren ja prima Voraussetzungen für ein Konzert! Meine Laune war ohnehin nicht die beste, das hatte ich mit dem amerikanischen Sänger gemeinsam. Am Ende eines zufriedener stellenden Tags wäre ich aber vermutlich nicht mehr nach Frankfurt gefahren, das Konzert Lanegans mit seiner schottischen Partnerin Isobel Campbell stand zwar schon lange auf meiner Wunschliste, weil aber gerade so viele vermeintlich bessere Veranstaltungen stattfinden (Feist, Cat Power, Martha Wainwright...), hatte ich nicht ernsthaft überlegt, mir die beiden bei ihrem einzigen Deutschlandtermin anzusehen. Wofür doch schlechte Laune manchmal gut ist (hmmm....). Denn, Spannung hin oder her, der Abend war göttlich!

Vor dem Saal traf ich meine saarländischen Konzertbekannten, schon einmal ein Indikator, daß es nicht ganz schlecht sein könnte. Außer uns waren aber kaum Zuschauer da. Wußten die mehr als wir oder saßen alle noch irgendwo in Sachsenhausen über ihrem Feierabendäppler?

Ich hatte natürlich kein Ticket, als ich ganz kurz vor Abfahrt nach Frankfurt entschieden hatte, das Konzert zu sehen. Sicherheitshalber hatte ich auf der Seite des
Mousonturm nachgesehen, ob es überhaupt noch welche gäbe. Es gab, die Empore war aber so gut wie ausverkauft. Nicht, daß ich nach oben wollte, mich machte das aber nervös, ich kaufte dann also doch noch vor der Abfahrt eine online-Karte. Als wir dann mit sechs anderen im Saal standen, hielt ich diese Panik für ein wenig übertrieben. Aber es wurde noch... puh!

Am Apfelweinstand vor dem Saal hatte ich aufgeschnappt, daß es keine Vorgruppe gäbe. All die tollen Instrumente auf der Bühne waren also wegen des auf dem Papier so
ungleichen Duos da. Neben einigen Gitarren bestand der Fundus aus einem Kontra- und einem E-Bass, einem Cello, Schlagzeug, Keyboards und reichlich Rasseln, Schellen und anderen Lieblingen.

Ungleich sind die beiden Hauptdarsteller wirklich. Mark Lanegan, der übelgelaunte amerikanische Grungeveteran, der schon mit den Screaming Trees Musik machte, als Isobel Campbell sieben Jahre alt war. Die blonde Schottin dagegen musizierte am Anfang ihrer Karriere am anderen Ende des Indiespektrums. Isobel war bekanntlich Teil der frühen Belle & Sebastian und hätte vermutlich in der ein oder anderen Twee Pop Band gespielt, wäre sie ein wenig älter. Ganz sicher wird der ehemalige Queens Of The Stone Age Mann Lanegan von seinen Rock-Kumpels kräftig gehänselt, daß er jetzt mit einer Cello-Pop-Tussi zusammen spielt, wahrscheinlich sind die aber auch neidisch auf die attraktive Frau an Marks Seite...

Unterstützung für die beiden (nein, ich werde nicht die Metapher "Die Schöne und das Biest" verwenden) bot eine vierköpfige Band. Eine sehr gesetzt aussehende Band,
um genau zu sein. Zwei der Musiker hatten Glatzen und sahen aus wie eine Rödelheimer Version von Cuba Gooding jr. Dazu kam ein huttragender Bassist und ein Schlagzeuger, offenbar der jüngste der Vier. Einer der beiden Kahlköpfe spielte zunächst akustische Gitarre, auf einem Stuhl sitzend, der andere Keyboards. Allerdings wechselten die Bandmitglieder häufig Instrumente und Positionen. Viel Wechsel könnte ja auch dafür sprechen, daß jeder viele Geräte spielt, keines davon aber beherrscht, hier war es anders. Aus meiner Amateur-Sicht haben sich die beiden Sänger ein paar exzellente Musiker ausgesucht, um sie bei ihrer Europatour zu begleiten.

Hört man eine der beiden CDs der Konstellation Lanegan/Campbell, stellt man sofort fest, wie düster die Musik ist. Einen wichtigen Teil zu dieser tiefen Traurigkeit der
Songs trägt Mark Lanegans Stimme bei, die so fröhlich wie sein Gesichtsausdruck ist. Der Sänger stand rechts neben Isobel, deren Mikro mittig aufgebaut war. Obwohl meist beide singen, ist die Stimme der Glasgowerin in den meisten Fällen bewußt zurückgenommen. Sie ist so gut wahrnehmbar, dominierend ist aber auch bezüglich der Lautstärke sein Gesang.

Von seinem von uns aus rechten Platz guckte Lanegan während des gesamten Gigs in unsere Richtung. Ich war eingeschüchtert... Der Sänger hatte ein dunkles Hemd am, Modell Rocker. Vielleicht war es schwarz, durch das wahnsinnig tolle und intensive Licht wirkte es meist bordeauxrot. Die gleiche Farbe hatte Isobels Mantelkleid - aber auch mein schwarzes Hemd, vermutlich waren also alle einfach schwarz gekleidet. Mark schüttelte seinen rechten Arm ununterbrochen.
Es schien, als habe er da eine Verletzung, zumindest Schmerzen. Es kann aber auch ein Spleen sein. Ich konnte gut auf solche Dinge achten, denn auf Ansagen der beiden mußte ich mich nicht konzentrieren - man schwieg! Isobels Mikro war offenbar eine echte Herausforderung für die Tonleute. Schon beim ersten Lied mußte die blonde Sängerin immer wieder Zeichen geben, daß sie zu laut eingestellt wäre. Am Anfang eines Sets sollte das nicht passieren, vor allem dann nicht, wenn mangels Vorgruppe Zeit ist, alles perfekt einzustellen. Auch später bat die Frau, die von Stuart Murdoch bei Belle & Sebastian ein Abschiedslied geschrieben bekam ("I'm waking up on us" - auch wenn der das dementierte, deutet "man" das so), immer wieder darum, das Mikro lauter oder leiser zu regeln. Irgendwann reichte es ihr offenbar, sie ging zum Ton, um da zu besprechen, wie ihre Stimme einzustellen sei. Die Abwesenheit seiner Partnerin, und damit die fehlende Gelegenheit, ohne Pause das nächste Lied zu starten, war Mark sichtlich unangenehm. Er fühlte sich genötigt, etwas zu sagen. Zu mehr als einem "Thank you" konnte er sich allerdings nicht durchringen. Das paßte aber wundervoll. Denn der Sänger wirkt wahnsinnig arrogant und vollkommen unnahbar. Das ist aber ok, denn es wirkte nicht aufgesetzt sondern aufrichtig. Authentisch, wie man unter echten Journalisten wohl sagt. Ansonsten: keine Gesten, keine Regungen, nur hohe Konzentration auf die Songs, dabei geschlossene Augen und perfekt getroffene Töne.

Es war musikalisch ein Gedicht, eine künstlerische Offenbarung!

Mal bluesig, mal nur düster, mal entfernt an Element of Crime erinnernt, mal mit
viel, dann wieder mit wenig Isobel-Stimme, klassisch rock-arrangiert oder mit Kontrabaß und Cello. Gemeinsam hatten die Lieder, daß sie melancholisch, wunderschön, perfekt aufeinander abgestimmt und auf den Punkt getroffen waren. Ich kann jeden verstehen, der die Platten hört und feststellt, daß die Musik nichts für ihn ist. Die Zuschauer im Mousonturm, die aus Fantum oder Neugierde da waren, waren aber vollkommen aus dem Häuschen. Anders als von mir erwartet, hatte das Konzerte keinerlei Längen, es fehlte jede Langeweile, auch auf Dauer war es nicht schwierig, gefesselt zu bleiben. Noch eines war allen Liedern gemein: nach dem letzten Ton brandete Applaus auf wie am Ende eines herausragenden Konzerts in einer riesigen Halle. Wir waren gut, wir klangen wie mehrere Tausend! Gottseidank müssen die beiden geglaubt haben, der Saal wäre knallvoll. Glücklicherweise war es auch viel voller geworden, der Raum war wiklich gut gefüllt. Aber nach dem Krach, den wir klatschend machten, hätte mich nicht überrascht, nach Ende des Konzerts plötzlich ganz Frankfurt hinter mir zu sehen.

Im Gegensatz zu ihrem Partner, der nur sang (und böse guckte und den Arm schüttelte), hatte Isobel vielfältige Aufgaben. Neben ihrem Gesang spielte sie Cello. Gitarre, Keyboard, bediente Rasseln und Handclaps und pfiff. Es war herzerweichend schön!

Am besten gefielen mir - wobei das bei einem perfekten Abend Unsinn ist - "Ballad of the broken seas", "Keep me in mind sweetheart" und vor allem "The flame that burns". Ich habe mir fest vorgenommen, nicht mehr so vorschnell von Konzerten des Jahres oder besten Konzerten des Lebens zu sprechen, "um authentisch" zu bleiben... Ganz vorsichtig ausgedrückt, bin ich aber vollkommen sicher, mich auch in fünf Jahren noch an diesen Abend zu erinnern, an die perfekten Musiker, den wahnsinnigen Beifall und die große Kunst der beiden Hauptdarsteller.

Dabei belasse ich es damit, um das Erlebte nicht zu verwässern, das täte ihm sehr unrecht.


Setlist Isobel Campbell & Mark Lanegan, Mousonturm, Frankfurt: folgt!

01: Seafaring song
02: Carry home
03: Deus ibi est
04: Who built the road
05: The false husband
06: Ballad of the broken seas
07: Saturday's gone (Isobel Campbell Solo)
08: Back burner
09: The flame that burns
10: Little sadie
11: Free to walk
12: Honey child what can I do?
13: Salvation
14: Keep me in mind sweetheart
15: The circus is leaving town

16: Revolver (Z)
17: Come on over (turn on me) (Z)
18: Ramblin' man (Z)
19: Wedding dress (Z)
20: Something to believe (Z) (?)

Links:

- Fotos des Konzerts

PS: Nur eine kleine Notiz noch an mich: Wenn die beiden einmal in meinem Wohnzimmer auftreten sollten, muß ich an einen blauen Strahler denken. Blaues Licht stand Isobel mit Abstand am besten.



9 Kommentare :

Anonym hat gesagt…

I was a pretty much nice concer but they could play a little bit longer and, most of all, be a little more "audience-friendly" :)

Nice pics in the Flickr slideshow.

sgt_sleazy hat gesagt…

Ich war auch völlig hin und weg. Aber war "Wedding Dress" nicht das letzte Lied?

Christoph hat gesagt…

Ich bin sehr sicher, daß Wedding dress das vorletzte war. Ich war aber nicht richtig zurechnungsfähig :-)

wiedi hat gesagt…

Sehr treffende Kritik,wie ich finde.Und mir ist völlig wurscht ob die mit dem Publikum kommunizieren wenn die Musik so großartig ist.

wiedi hat gesagt…

Sehr treffende Kritik,wie ich finde.Und mir ist völlig wurscht ob die mit dem Publikum kommunizieren,wenn die Musik so großartig ist

die saarländischen Konzertbekannten hat gesagt…

Hallo,

mal wieder sehr schön und treffend geschrieben, der Support fand dieses mal allerdings nach dem Konzert statt und zwar in Form von 2x ADAC, dauerte auch nur knapp bis 5 Uhr heute morgen, also definitiv ein Konzert das ich auch in 10 Jahren nicht vergessen werde ;-)

Christoph hat gesagt…

Oh nein! Das klingt sehr mies!

die saarländischen Konzertbekannten hat gesagt…

ja, war nicht so toll, werden wir dir wohl bei Rock a Field (welch Überraschung, neu im Lineup "The Kooks") dazu berichten.
Der Keyboarder war übrigens Bill Wells, mit dem Isobel schon bevor sie mit Mark Lanegan kooperierte, zusammenarbeitete.

Anonym hat gesagt…

Das letzte Lied war definitiv Wedding Dress. Ein unglaublich schönes Konzert, mir kamen einige Male die Tränen bei Lanegans Gesang.

 

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