Ort: Maison de la Radio France, Studio 105, Blacksession chez France Inter, C'est Lenoir Datum: 15.06.2009 Zuschauer: alle Plätzchen belegt Konzertdauer: zwischen 45 und 50 Minuten
"Verflixt, das schaffe ich nicht mehr!", denke ich verzweifelt und fluche innerlich. Es regnet in Strömen, ich bin pitschnass und meine Armbanduhr zeigt 21 Uhr 50 an. Zu den Radiostudios von France Inter ist es von meinem Standort aus noch ein ganzes Stück, in 10 Minuten ist das niemals zu bewältigen. Dummerweise fangen sie dort nämlich ganz pünktlich an, weil die Session live gesendet wird.
Was tun? Wie ein begossener Pudel wieder nach Hause latschen? - Nein, kommt nicht in die Tüte! Aufgegeben wird nur ein Brief! Ich brauche einen Bus, sofort! Aber die Anzeigetafel verkündet als Wartezeit deprimierende 17 Minuten...
Ein Taxi, genau, ich brauche ein Taxi! Warum kommt denn hier keins, wenn ich es dringend brauche? Innerlich schreibe ich die Blacksession mit der Österreicherin Soap & Skin schon ab, da kommt plötzlich und unverhofft doch noch ein Wagen mit erleuchtetem Schild vorbei, der mich gegen Entgelt flugs zum Zielort fährt. Der Taxi fahrer scheint zunächst nett, entpuppt sich dann aber als Rassist. "Hip Hop ist fürchterlich!", flucht er und ich stimme ihm noch zu, dann aber vergreift er sich im Ton und hetzt gegen die Schwarzen und behauptet, sie würden mit ihrer Musik die Kriminalität befeuern und ähnlichen, noch wesentlich haarsträubenderen Käse. Mir kommt der Spruch von Roger Willemsen in den Sinn und ich würde in der Tat gerne 6 Sorten Scheiße aus dem Taxifahrer rausprügeln. Ich belasse es aber bei der Faust in der Tasche und haste am Radiosender angekommen die Treppenstufen hoch, um um 22 Uhr 01 im Studio 105 einzutreffen. Puh! Es laufen wie immer um diese Uhrzeit die Nachrichten, bevor es fünf Minuten später hell wird und Moderator Bernard Lenoir die Künstlerin des heutigen Abends vorstellt. Er faselt etwas von "Frissons", also einer Gänsehaut, die uns gleich sicherlich den Rücken runterlaufen werde, in der letzten Session (man ist inzwischen bei Nummer 301!) vor den langen Sommerferien. Er erwähnt Biografisches, schildert ihren musikalischen Werdegang, berichtet, daß sie jung mit dem Pianospielen angefangen habe, aber auch an der Geige ausgebildet sei. Ihre Hinwendung zur Kunst erklärt er mit ihrer Herkunft aus einem ländlichen Raum, eine interessante These: Musik machen, um der provinziellen Heimat zu entfliehen. Dann ruft er sie aus der Kabine, Anja Plaschg alias Soap & Skin.
Die spindeldürre junge Frau tritt an ihr Piano, auf dem ein aufgeklapptes Laptop steht und legt los, ohne sich vorzustellen oder "bonsoir" zu sagen. Sie wird den ganzen Abend schweigen, sich kein einziges Mal an das Publikum wenden und sich am Ende auch nicht verabschieden. Es ist geradezu gespenstisch ruhig zwischen den einzelnen Liedern, die Künstlerin sehe ich aus meiner Position nur von hinten und ihr Piano ist so aufgestellt, daß ihr Gesicht auf eine Wand ausgerichtet ist. Sie will ihr sicherlich hübsches Antlitz nicht zeigen, soviel scheint klar, denn auch in einer der beiden einzigen Szenen, in denen sie ihr Klavier verlässt, ist es entweder dunkel, oder sie performt vor der hinteren Studiowand, wo man nur ihre Umrisse klar erkennen kann.
Nur ein einziges Mal entfährt ihr ein kurzes "merci beaucoup" ansonsten ist das Ritual immer das Gleiche: Sie spielt mit Inbrunst Lieder voller Schmerz, Leidenschaft und Schönheit und greift hinterher zu ihrer Wasserflasche, bevor sie jeweils mit einem kurzen Klick ihr auf dem Klavier stehendes Laptop in Gang setzt und punktgenau zu den gesampelten Sequenzen klimpert. Ihre Performance ist beeindruckend, das zierliche Persönchen haut manchmal regelrecht in die Tasten und ihre Stimme ist mal brummelig, mal glockenklar. Sie dehnt die Silben sekundenlang, ganz ähnlich wie ein Jónsi Birgisson von Sigur Ros das tut. Während des Auftritts kommt mir der Begriff Post Piano Punk in den Sinn, denn zum einen gibt es gewisse Parallele zum Brechtschen Punk Cabaret der Dresden Dolls, zum anderen eine melodramatische, postrockige Seite, in der nach sanften Phasen oft der ekstatische Ausbruch folgt. Ihre Stimme berührt mich auf Anhieb, sie geht mir regelrecht durch Mark und Bein! Ich bin weitestgehend unvorbelastet in dieses Konzert gegangen, habe keine Kritiken oder Berichte in Musikzeitschriften gelesen. Nur das ein gewisser Rummel um das Talent gemacht wird, ist auch mir nicht entgangen. Ich mache mir ohnehin lieber mein eigenes Bild und will wissen, wie der jeweilige Künstler auf mich wirkt. Und die Wirkung ist wirklich gewaltig, vor allem da wir uns in einem rechts sterilen Radiostudio befinden, wo ansonsten die Emotionen eher gering sind Und trotzdem schafft es die junge Österreicherin, mich zu elektrisieren und in ihren Bann zu ziehen. Woran erinnert mich das Ganze? Mir schießen Referenzen in den Kopf, die mehr oder weniger das musikalische Spektrum von Soap & Skin umreißen, ohne es aber punktgenau zu erfassen, dafür ist ihr Stil doch zu eigen. Kate Bush könnte man nennen, Björk natürlich, Cat Power für das mitunter Samtweiche in der Stimme, Coco Rosie für die feenhafte Fantasiewelt, Scout Niblett für das Wilde, Durchgeknallte, die famosen Dänen Under Byen für das Dramatische, Sigur Ros für den Pathos, etc.
Aber wichtiger als Referenzen singt gute Songs und die gibt es zuhauf! Sie heißen The Sun, Mr Gaunt 1000 (hinreißend das Pianospiel, herzerweichend die gesampelten Geigen). Fall Foliage (der greinende, nahegehende Gesang, die verhallende Stimme) und vor allem Spiracle. Dieses Spiracle lässt mir wirklich das Blut in den Adern stocken, so traurig, so düster, so ergreifend ist es. "When I was a child" beginnt dieser schaurig-schöne Schocker und wenn Anja "Please help me" wispert, fühle ich ihn, den Gloß im Hals. Und dann rastet sie aus, schreit rum, davon hatte ich voher ansatzweise etwas aufgeschnappt, aber das Ganze trifft mich dennoch mit voller Wucht!
Gegen Ende gibt es auch noch etwas für Liebhaber von Thatralik: Soap & Skin verlässt nämlich plötzlich ihr Piano, trippelt die Treppenstufen an den Zuschauern vorbei hoch und macht einen Gesichtsausdruck, als sei ihr das Croissant heute morgen nicht gut bekommen. Ob ihr schlecht ist? - Nein, natürlich nicht, das gehört zur Show! Dann stackst sie die Stufen wieder runter und klimpert weiter auf ihrem Klavier. Beim allerletzten Lied rennt sie an die rückwärtige Studiowand und bewegt sich zu pluckernden Klängen fast wie eine robotorisierte Puppe, bevor sie wortlos in die Dunkelheit der Kabine entschwindet.
Ergreifend! Genau mein Wetter, düster und gespenstisch. Wir sehen uns in Haldern , Anja!
Pour nos lecteurs français:
Bernard Lenoir a introduit Anja Plaschg alias Soap & Skin en mentionnant les frissons que cette jeune artiste allait nous procurer et il n'a pas exagéré. Des frissons j'en ai eu, c'est sûr! Cette jeune fille, fragile et surdouée m'a complètement épaté avec ces chansons sombres, melancoliques et belles à pleurer. Sa voix, extraordinnairement malléable, à la fois crystalline et douce, puis subitement stridente, m'a fait penser à une sorte d'équivalent féminin de Jonsi "Sigur Rós" Birgisson et son style est un mélange entre la chanson, le folk et surtout le postrock, façonné d'une manière électronique à l'aide son laptop. C'est prétentieux et innovateur, même s'il y a des parallèles avec d'autres artistes comme Björk, Bat For Lashes, Cat Power ou emcore Coco Rosie. Dans une ambiance sombre et glaciale, Anja, qui n'a jamais adressé la parole au public a préféré laisser parler sa voix, son piano et son laptop (qui lui permet d'inviter tout un orchestre classique à l'accompagner) au lieu de raconter des anecdotes sur sa vie .
Vers la fin elle quitta son piano pour gravir tel un somnambule les marches du studio, avant de revenir s'asseoir derrière son instrument. Pour sa dernière chanson , elle se leva de nouveau et déambula devant le mur blanc telle une silhouette et on pouvait par moment voir enfin le beau visage de cette artiste issue d'une formation musicale classique.
Konzert: Thos Henley Ort: Ein Wohnzimmer irgendwo in Paris (Oliver Peel Session # 7) Datum: 14.06.2009 Zuschauer: 27 Konzertdauer: 40 Minuten
Neuer Zuschauerrekord bei den Oliver Peel Sessions! 27 Gäste (+ 1 Kater) aus allen möglichen Ländern (Finnland, Schweden, China, Österreich, England, USA, Frankreich, Italien, Deutschland) haben sich bei stickigen Temperaturen an einem heißen Junitag in unserem Wohnzimmer eingefunden, um dem hochtalentierten englischen Nachwuchsmusiker Thos Henley zuzuhören. Der hochaufgeschossene 21 jährige Blondschopf überzeugte mit seiner außergewöhnlichen Stimme und seinen intelligenten, ungemein reifen Lyrics. Anschließend sprach er von seinem bisher besten Konzert seiner noch jungen Karriere und meinte, daß seine Mutter wahrscheinlich jetzt stolz auf ihn wäre. Der Bursche, der bisher lediglich ein paar Songs auf einer Kassette veröffentlicht hat, wird seinen Weg gehen, dessen bin ich mir sicher! Sein erstes Album wird er höchstwahrscheinlich zusammen mit Jeremy Warmsley an den Reglern produzieren und nach den absolut überzeugenden Höreindrücken von heute wird die CD bestimmt ein Knüller werden!
Demnächst mehr Infos!
Das erste Video dieser Session mit Thos Henley! Thanks a lot to Rockerparis!
Konzert: Entertainment For The Braindead Ort: Gebäude 9, Köln (Cologne Commons Festivals) Datum: 12.06.2009 Zuschauer: gut 150 Dauer: 60 min
Was es alles gibt! Gestern sah ich einen Bericht über eine internationale Twitter-Konferenz; heute war ich beim Festival der Cologne Commons Konferenz, einer Tagung über Creative Commons-Lizenzen oder allgemein über freie Musikkultur. Allerdings wollte ich weniger über Formen der legalen Weitergabe von Musik diskutieren, auch wenn das sicher horizonterweiternd gewesen wäre (meine Fotos z.B. sind mit CC Lizenzen versehen - wenn ich nicht vergesse, das so einzustellen), als vielmehr Julia Kotowski bzw. Entertainment For The Braindead sehen.
Denn Teil der Cologne Commons war eben auch ein zweitägiges Festival im Gebäude 9. Die meisten der auftretenden Künstler sagten mir nichts, muß ich gestehen. Allerdings lag der gemeinsame Nenner der Festival-Acts auch in deren Vertriebsform; musikalisch spannte sich das Spektrum von Techno über "Chip- und 8-Bit-Musik" (was auch immer das sein mag) bis hin zu Folk-Pop.
Mich interessierte nur Entertainment For The Braindead. Die Musik der Kölner Sängerin Julia Kotowski, die sich hinter diesem Pseudonym verbirgt, hatte ich kennengelernt, nachdem mir Oliver im letzten Herbst erzählt hatte, daß Entertainment For The Braindead in seinem Pariser Wohnzimmer spielen würde (Oliver Peel Session #3; die spektakuläre Vorgeschichte dazu findet sich hier).
Da ich nirgendwo einen Zeitplan gefunden hatte - nur den Hinweis Beginn 21.00 h pünktlich - und auf gar keinen Fall das vermutlich kurze Konzert verpassen wollte, war ich um Punkt neun in Deutz. Vor dem Gebäude 9 standen Grills, Bierbänke und jede Menge Leute, nichts deute aber darauf hin, daß das erste Konzert jetzt beginnen sollte. Erst nach einem einstündigen DJ Set von Sven Swift & Mo. verlagerte sich das Geschehen langsam in den Konzertraum.
Das Publikum in der Halle konnte man in drei Kategorien einteilen: es gab professionelle Fotografen, die vorne standen (zehn vielleicht?), eine große Masse an Leuten, die das vordere Viertel das Saals mieden wie Morrissey eine Grillparty, und die alle als Berufsbezeichnung "was mit Musik" angeben, und mich.
Julia hatte einen Tisch neben sich stehen, auf dem sich allerlei Instrumente befanden. Das sah bereits sehr vielversprechend aus. Als sie dann das erste Stück damit begann, einige Töne und Geräusche zu loopen, war ich bereits hin und weg! Goodbye spielte die junge Kölnerin auf ihrer blauen Ukulele. Begleitet wurde sie dabei aber von den zahlreichen vorher aufgenommenen Tönen und Rhythmen. Julias Stimme ist ruhig, aber auch sehr einprägsam und fest.
Besonders begeisterte mich, wie professionell die junge Künstlerin ihre Lieder vor solch einem großen Publikum wiedergab. Es ist ja eine Sache, ein paar mit Gitarre begleitete Stücke zu spielen. Aber komplexe Titel, bei denen Stimme und Instrumente live aufgenommen und wieder zusammengesetzt abgespielt wurden, ohne daß irgendein Zeichen von Nervosität zu spüren war, beeindruckte mich! Aber dabei fehlte jede professionelle Abgezocktheit, es war also die perfekte Mischung aus fabelhaft vorgetragenen Liedern und einer großen Menge Charme!
Das erste Stück, das ich kannte, war Resolutions, das auf der Platte Hydrophobia auf ihrem Netlabel aaahh-Records erschienen ist. Zusätzlich zu ihrer akustischen Gitarre kam dabei eine Querflöte zum Einsatz. Ein ganz und gar wundervolles Lied! Flöten kamen häufiger vor. Beim nächsten Stück war es aber eine Blockflöte, vermutlich eine Altflöte, sie klang nämlich so anders als das Ding, das ich im Schulunterricht spielen durfte.
Hinter der Sängerin liefen auf einer Leinwand Animationen des britischen Künstlers VJ Ultra. Ich war während des Programms sicher, die Animationen wären auf Julias Lieder speziell abgestimmt, so gut passte die visuelle Unterstützung.
Ich kannte bei weitem nicht alle Lieder des Abends - das (Fach)publikum sicher auch nicht; die Reaktionen waren aber auf alle Stücke gleich, der Saal war begeistert! Schwer zu sagen, was mir am besten gefiel. A string, das Lied über die abgerissene A-Saite ihrer Gitarre, gehörte ganz sicher dazu! Ein extrem schönes und trauriges Lied, das hoffentlich auch irgendwann veröffentlicht wird!
What you get war auch ausgezeichnet, ebenso Mi corazón... Vermutlich mochte ich aber Will you miss me? und Maybe am meisten. Will you miss me? spielte Julia auf einer E-Gitarre, als einziges Stück des Abends, wenn ich mich recht erinnere. Maybe, wieder auf der blauen Ukulele vorgetragen, hatte dann mit einem mehrfach geloopten Glockenspiel (diesem roten mit den bunten Metallplatten) die wundervollste Instrumentierung.
Obwohl es mir höchstens wie eine halbe Stunde vorgekommen war, hatte das Programm von Entertainment For The Braindead eine knappe Stunde gedauert, bevor es mit Maybe endete. Da noch drei andere Livebands auftreten sollten, hatte ich vorher höchstens mit vierzig Minuten pro Künstler gerechnet. Trotz des sicher straffen Zeitplans, mußte Julia selbstverständlich eine Zugabe spielen, Animals von ihrer Tour EP Seven +1.
Von Entertainment For The Braindead werden wir noch viel hören, daran besteht überhaupt kein Zweifel! Und wir werden ganz sicher noch häufig über diese großartige Künstlerin schreiben! Setlist Entertainment For The Braindead, Cologne Commons, Gebäude 9, Köln:
01: Goodbye 02: It flew away 03: Resolutions 04: Weightless & innocent 05: What you get 06: Coming home 07: Mi corazón 08: A string 09: Will you miss me? 10: Maybe
Konzert: Rum Tum Tiddles & Sorry Gilberto & Prem Sé & Noel Ort: Belushi's Club Datum: 11.06.2009 Konzertdauer: insgesamt mindestens 2 1/2 Stunden
In der Belushi's Bar war ich schon lange nicht mehr. Genauer gesagt seit dem 21 Mai 2008, als dort Erica Buettner, Sharon Krauss und Meg Baird spielten. Dabei ist das Programm in dem amerikanischen Laden wirklich nicht übel, selbst Banjogroßmeister Matt Bauer ist hier schon aufgetreten. Aber der Weg dorthin ist weit für mich und da der Schuppen nicht besonders viel Promo für seine Events macht, kriege ich oft gar nichts davon mit, was mir durch die Lappen geht.
Diesmal war das anders, Labelboss Erwan, der Waterhouse Records leitet, hatte mich während des Open Air Festivals in La Villette auf das feine Line-Up des heutigen Abends aufmerksam gemacht. Und nicht nur das, Erwan fragte sogar an, ob die auftretenden Künstler nicht am 14. Juni in meinem Wohnzimmer eine Session abhalten könnten, da die ursprünglich dafür vorgesehene Location, die Boutique Lalala Barcelona, inzwischen ihre Pforten geschlossen hatte. Schweren Herzens musste ich absagen, weil ich zufälligerweise schon den Briten Thos Henley für eine Homesession bei uns am Start hatte. Schade, schade!
Aber die Musiker wollte ich mir auf jeden Fall einmal live ansehen, zumal mit Noel und Sorrry Gilberto gleich zwei Acts aus der alten Heimat Berlin antraten.
In freudiger Erwartung machte ich mich auf den Weg zum Belushi's, das mit einer herrlichen Lage aufwarten kann. Es befindet sich gleich an den Ufern der Seine und wenn man auf die alte Brücke neben dem Eingang tritt, hat man das Gefühl in Hamburg zu sein (ich kenne Hamburg nicht besonders gut, ist jetzt auch nur so ein Spruch, um die Sache anschaulich darzustellen!). Das Wetter war herrlich und da es unten im Konzertclub noch nicht losging, bummelte ich noch eine Runde an der Uferpromenade entlang. Fasziniert schaute ich mir die alten Hausboote an (peniche auf französisch), die mich schon allein deshalb begeistern, weil Nick Drake auf solch einem Teil ein paar Jahre seines kurzen Lebens in Paris verbracht haben soll. Heutzutage werden die Peniches nach wie vor auch privat genutzt, in dieser Gegend aber dienen sie größtenteils als Restaurant oder Bar. Ich träumte ein wenig vor mich hin und stellte mir vor, wie ich so einen Kutter für mich nützen würde. Würde ich mir bei gutem Wetter die Sonne auf die Plautze brennen lassen, ganz lässig einen Cocktail in der Hand und gute Musik auf meinen Ohren? Oder würde ich Freunde einladen und jeden Abend rauschende Partys feiern, mit freakigem Indievölkchen und Musikern, die uns bei Mondschein etwas auf der Klampfe gratzen? Romantische Fantasien durchstreiften mein Hirn, aber dann kam mir plötzlich der Gedanke, daß es vermutlich scheiße ist auf so einem Hausboot. Ich dachte an allgegenwärtige Ratten, streunende Hunde, besoffene Touris, die das Boot kentern wollen und Stechmücken , die mein Gesicht zerfressen würden.
Schnell zurück ins Belushi's, diesen für Folkmusik eigentlich etwas zu modernen, zu cleanen Club! Viel war auch um 21 Uhr 30 noch nicht los, aber Erwan schickte nun trotzdem Noel als ersten Musiker in den Ring. Ganz alleine mit seiner E-Gitarre trug der schöne Mann ebenso schöne Songs von seinem Debüt-Album Wrong Places , aber auch etliche Neuheiten von dem in der Mache befindlichen Zweitling vor. Noel, der auch bei der tollen Berliner Indieband Jersey aktiv ist (Christoph berichtete euphorisch von einem ihrer Konzerte, hier!), wunderte sich auch zunächst über das dürftige Zuschauerinteresse, denn mehr als 20 Leutchen dürften wir am Anfang nicht gewesen sein. Dann aber konzentrierte er sich auf sein Set und im Laufe der Zeit tröpfelten auch immer mehr Besucher ein. Besonders interssant fand ich die Lyrics zu dem Titeltrack des ersten Albums Wrong Places: "I've been to the wrong places at the perfect time, I've followed the wrong traces until I made them mine." Noel schaffte es, mich relativ schnell zu fesseln, obwohl er selbst kurzfristig abgelenkt schien: "Hmm, einige von euch essen da gerade so lecker aussehende Büger mit Pommes Frites, das macht mich richtig hungrig!", grummelte er neidisch auf die üppig belegten Teller starrend. Der Berliner hatte den Nagel auf den Kopf getroffen! In der Tat stürzten sich ein paar Besucher mit Heißhunger auf den Amimampf, den sie sich vom oben gelegenen Retaurant mitgebracht hatten. Von nun an dachte ich auch permanent an einen Chesseburger mit Pommes, denn ich hatte vor dem Konzert nichts gegessen. Aber ich war schließlich für die Musik gekommen und da wollte ich mich voll auf die Sache konzentrieren und nicht nur mit einem Auge auf die Bühne schielen. Noel selbst bewahrte ebenfalls Fassung: "Ok, dann drinke ich halt eben mein Bier weiter, auch nicht schlecht!"...
Neben Wrong Places hatte er mit wunderbarer Stimme (die ein wenig an Badly Drawn Boy erinnert) Marvin Greselda Reads vorgetragen, den Rest des Sets bildeten aber bis dato noch unveröffentlichte Lieder, die musikalisch den Genres Folk, Indie und Pop zuzuordnen waren. Auf dem Album, das ich mir anschließend zugelegt habe, klingt das Ganze aber ein wenig anders, da dort etliche Studiomusiker zum Einsatz kamen, die einen äußerst harmonischen und ausgewogenen Sound hinbekommen haben, den man ganz alleine nicht reproduzieren kann. Kein Wunder im Übrigen, daß das Album prima geworden ist, handelt es sich doch bei den Kollegen von Noel um erfahrene und talentierte Berliner Indiekünstler wie Max Punktezahl (Contriva, Jersey, Saroos), oder Masha Qrella (Solokünstlerin, Contriva).
Den letzten Songs des Sets trug Noel schließlich an der Ukulele zusammen mit Jakob von Sorry Gilberto vor und die beiden zauberten uns mit ihrem charmanten Stück , bei dem Jakob Gitarre spielte, ein Lächeln aufs Gesicht. Dufte!
Im Anschluß war mit Prem Sé aus Frankreich ein gemischtes Duo an der Reihe. Mary singt und Nico spielt Gitarre. Witzigerweise hatte ich die beiden schon vor ein paar Tagen als Zuschauer im Pop In beim Konzert von This Is The Kit gesehen. Ich muß gestehen, daß mir die hübsche Blondine Mary sofort aufgefallen ist, aber ich bin halt eben auch nur ein Mann. Ich war gespannt, wie sie singen würde...
Ich wurde nicht entäuscht, Mary trällerte wirklich herzallerliebst, sah aus wie Anke Engelke in hübsch und der dreitagbärtige Nico zupfte dazu gefühlvoll an den Saiten seiner Klampfe. Stimmlich hatte Mary eine jazzig/soulig angehauchte Stimme zu bieten, die mich nicht gleichgültig ließ. Und ihr französischer Akzent war wie oft sehr süß und charmant. Etliche der heute performten Lieder kann man sich auf der MySpace Seite von Prem Sé anhören. Sie sind eigentlich alle schön, aber Pluck Roses scheint der Hit zu sein, denn das Stück wurde nicht nur fast 4000 mal angehört, sondern es gibt davon auch eine Akustikversion auf Video. Wenn Mary dort singt: "I wanna give you all my love", ist man geneigt "tu dir keinen Zwang an!" zu entgegnen.
Ich denke von den beiden wird man noch hören und lesen, Talent und Leidenschaft sind vorhanden....
Setlist Prem Sé, Belushi's Bar, Paris 01: Miss Windscreen Wiper 02: World 03: By My Side 04: Real Thing 05: Pluck Roses 06: Beer Drinker 07: Damned Dam 08: A Soul Mouvement
Als dritte Band des Abends gingen nun Sorry Gilberto an den Start. Ebenfalls ein gemischtes Duo, bestehend aus dem bärtigen Jakob (Gesang, Ukulele, Gitarre) und der grazilen Anne (Gesang, Bass, Keyboard, Flöte, Kinder Xylophon)). Ich hatte sie schon beim Soundcheck kurz gesehen und sie waren mir auf Anhieb sehr sympathisch. Jakob scheint der ruhende Pol dieses Zweierteams zu sein, er wirkte völlig ruhig, gelassen und unaufgedreht. Anne wiederum hatte die wohl niedlichste Stupsnase der Welt, ein entwaffnendes Lächeln und die schönste Basszupftechnik, die ich seit langem gesehen habe.
Die beiden starteten mit August Stains und auf Anhieb war ich angetan von dem wunderbaren Zusammenspiel der Stimmen. Er mit einem sonoren, dunklen Gesangesorgan ausgestattet, die sie mit einer lieblichen aber festen Mädchenstimme konterte. Wow! Charmfaktor 100! Zu dem nostalgisch angehauchten Horse Travelling Years setzte sich Anne hinter ihr Keyboard und überließ ihm zunächst das Wort. Er erzählte singenderweise und mit verklärtem Blick von Lederjacken, Kindheitstagen und alten Freuden ,die er seit 1000 Jahren nicht mehr gesehen hatte, seiner Armbanduhr, die er am See verloren hatte, etc. Die beste Stelle ist aber :"What I have is an old guitar, a voice and some melodies, so I have to be true instead of new my friend, when I'm bored I change the keys", weil sie ziemlich gut den Stil von Sorry Gilberto beschreibt. Er ist simpel ohne banal zu sein, es gibt schöne Stimmen und Melodien und alles wirkt herzlich, aufrichtig und ungekünstelt. Songs, die ans Herz gehen, ohne kitschig zu sein und Charaktere mit denen man sich sofort identifizieren kann. Hach, es war herrlich und ein charmantes Lied reihte sich an das nächste . Ich hätte noch stundenlang zuhören können! Besonders das Ende des recht kurzen Sets wartete dann noch mit köstlichen Schmankerln auf. Das melancholische Last Book ist ein richtiger kleiner Indiehit ("how can art be so cruel, you should change the water in your pool, it's not blue anymore and it smells") und der Titeltack des Albums Memory Oh, überwiegend von Anne gesungen, so ohrwurmig (dieser unwiderstehliche Refrain "I lost my memory,memory memory oh") und berührend, daß ich ihn schon jetzt nicht mehr aus den Gehörgängen kriege. Der Schlußpunkt wurde mit dem Oslo Song gesetzt, zu dem Anne in eine Blockflöte bließ und Erinnerungen an meine Schulzeit wachwerden ließ.
Toll, toll, toll und auch die Franzosen in der Belushi's Bar schienen sehr angetan. Schade, daß Anne Jakob nicht ausreden ließ, als er ein paar Takte auf französisch sagen wollte. "Please don't speak french" rief sie ihm kichernd zu, als er gerade angesetzt hatte und der Gute war so perplex, daß er sich anschließend verhaspelte und die Stadt Paris Parish ausprach. Aber er war unglaublich schlagfertig. Parish? Hmm, like John Parish!...
Setlist Sorry Gilberto, Belushi's Club, Paris:
01: August Stains 02: Horse Travelling Years 03: This Roof 04: Sweet Song 05: Love But Zero 06: Man In The Snow 07: Last Book 08: Memory Oh 09: Oslo Song
In der Pause hatte ich die Gelegenheit zu einem kurzen Plausch mit Noel draußen vor der Türe. Seitdem das Rauchen in geschlossenen Räumen verboten ist, tummeln sich viele Leute auf Terrassen und vor Eingängen. Wir redeten uns ein wenig fest und als wir wieder nach unten gingen, hatten die Rum Tum Tiddles aus Nantes schon mit ihrem Konzert angefangen. Inzwischen war es relativ voll in dem Keller, aber nicht alle waren für die Musik gekommen. Ich sprach nämlich einen Typen an und fragte ihn auf französisch, wieviele Lieder schon gespielt worden seien und der Heini lallte mir benebelt auf englisch ins Ohr: "I hope this will be the last one!" So ein Idiot! Soll er doch zum Saufen nach oben gehen und unten den Platz für interessierte Zuhörer lassen! Die Rum Tum Tiddles hatten Aufmerksamkeit definitiv verdient! Schließlich handelt es sich um ein entzückendes Trio, mit der niedlichen Engländerin Madeleine Mosse an der Spitze. Musikalisch könnte man die drei unter Folk-Pop zusammenfassen und man liegt wohl auch nicht ganz falsch, wenn man Parallelen zu Soko zieht. Bloß daß Soko trotz unglaublicher 4 Millionen Profilaufrufen hingeschmissen hat und kein Album produzieren wird, während die Rum Tum Tiddles damit sicherlich noch in diesem Jahr um die Ecke kommen werden. Gutes Songmaterial scheinen sie jedenfalls reichlich zu haben, unter den 10 gespielten Stücken war kein Ausfall zu verzeichnen. Man muß sich einfach nur die Titel auf ihrer MySpace Seite anhören, um zu verstehen, was ich meine. Dezentes Banjospiel trifft dort auf die traumhafte Unschuldsstimme von Madeleine und wenn die Ukulele durch die Songs hüpft, macht auch mein Herz Luftsprünge. Man muß schon hartgesotten sein, um sich dieser zarten und infantilen Melancholie zu entziehen. Am Ende hatten mich die drei regelrecht weichgeklopft und mit It's Too Late wurde perfekt abgeschlossen. It's too late war leider das richtige Stichwort, denn ich musste nun bald aufbrechen, da ich die letzte U-Bahn kriegen wollte. Zwei Lieder von der letzten Band Flowers From The Band Who Shot Your Cousin bekam ich noch mit, dann machte ich die Fliege.
Ein wunderbarer Konzertabend war zu Ende gegangen!
Setlist Rum Tum Tiddles, Belushi's Bar, Paris:
01: Don't Waste It 02: Carpet 03: Oh, The Polar Bears 04: Lonely Hunter 05: When The Gorse Is In Flower 06: Back To Back 07: Are We Part 08: I'm Famous In Dallas 09: We Could Be Pirates 10: It's Too Late
Links:
mehr Fotos von den Rum Tum Tiddles hier - von Prem Sé hier - von Sorry Gilberto hier - von Noel hier
Hier schwärmt Eike vom Klienicum von den Rum Tum Tiddles und dem Kleinod We Could Be Pirates. Und hier informiert Eike gewohnt fachkundig über Flowers From The Band Who Shot Your Cousin
Auch wenn der dritte Morrissey Bericht innerhalb weniger Tage den ein oder anderen vielleicht langweilen mag, darf ein Bericht auf unserer Seite nicht fehlen.Wer weiß, wie lange noch die Chance besteht, den launischen Sänger live zu erleben.
Bei meiner Planung, welches bzw. welche Auftritte des Manns aus Manchester ich mir ansehen wollte, ärgerte mich, daß das Palladium den Schlußpunkt bilden sollte. In der sterilen, bei Höhepunkten immer zu vollen Halle, könnte es ja nur schlechter werden als an den Vorabenden. Aber dafür statt nach Köln (nah) nach Bremen zu fahren? Nein, das dann wirklich nicht. Verzichten mochte ich nach den ersten beiden Konzerten aber auch nicht, dafür waren die zu gut, und meine Vorfreude schon seit Dienstag wieder da.
Während sich das Palladium langsam füllte, lief von Band ein für die Tour erstelltes Mixtape (die Musikkassette erlebt ja gerade ihr überfälliges Comeback; ich habe dieses Jahr schon zwei gekauft, mehr als in den letzten zehn Jahren zusammen) mit Liedern wie Thunderball oder einem fabelhaften Cover von Throwing my arms around Paris (das ich leider nirgendwo gefunden habe - weiß jemand, von wem das ist?).
Punkt acht begann das Liveprogramm mit der mittlerweile vertrauten Vorgruppe Doll & The Kicks aus Brighton. Vor dem mit ihrem Logo angeleuchteten riesigen Vorhang spielten Sängerin Doll, Gitarrist Matt Garrity, Bassist Olivier Nicholas und Schlagzeuger Chris Woollison ein 35 minütiges Programm, vor allem mit Liedern ihres selbstveröffentlichten Debütalbums. Mir gefällt die CD sehr gut, und auch das dritte Konzert der Band um die strohblonde Sängerin machte mir viel Spaß! Natürlich hat Doll eine quiekende Stimme und auch gelbe Fliegen im Haar sind nicht jedermanns Sache. Wer aber auf der Debütplatte Lieder wie Roll up the red carpet, Superstar oder If you care hat, wird mir auch gefallen, wenn danach nicht noch Morrissey kommt. So weit wie der möchte ich zwar nicht gehen, denn später lobte Mozzer Doll & The Kicks als beste Band der Welt. Aber seine Frage "the question is how can it be that they are not signed?" stelle ich mir auch! Während dieser Lobpreisung stand Doll oben auf dem Balkon, der als (vollkommen leerer) VIP Bereich diente. Sicher nicht der schlechteste Tag in der Karriere der jungen Frau...
01: You do it better 02: Roll up the red carpet 03: Pictures 04: Superstar 05: Rising sun 06: You turn up 07: Cry in the kitchen 08: If you care 09: He's a believer 10: He was a dancer
Der Pausenfilm! Mein Ehrgeiz, alle Videos zusammen zu bekommen, hat nur teilweise funktioniert, ein paar fehlen. Ach, würden doch bloß alle Bands in der Umbaupause Videos zeigen, die ihnen etwas bedeuten. Eine fast halbstündige Pause kann verflucht schnell umgehen, wenn in der Zeit uralte Musikfilmchen laufen. Hier die Bestandteile des aktuellen Pausenfilms:
das "Turkish tobacco" Interview mit New York Dolls Frontmann David Johansen
Mit dem letzten Wort des rauchenden Morrissey Idols fällt stets der Vorhang. Zu einem You'll never walk alone Cover (The Smoking Popes) - es paßt wirklich alles! - kamen nach einer kurzen dramaturgischen Pause die sechs Musiker auf die Bühne, Morrissey voran. Der Sänger fühlte sich im wundervollen Offenbacher Capitol vielleicht underdressed, im Palladium erschien er jedenfalls eleganter als bisher - mit einreihigem Blazer, weißem Hemd und schwarzer Schleife. Sehr zu meiner Beruhigung wechselt auch seine Band regelmäßig die Kleidung; heute hatten sie ihr drittes Bühnenoutfit an, die kurzen braunen Hemden. Warum auch immer mußten Boz, Solomon, Matt, Jesse und Kristopher dann aber auch drei glitzernde Perlen auf der Stirn ertragen. Wir hatten uns auf der Hinfahrt erfolglos überlegt, wie Morrissey wohl seinen freien Tag in Köln verbracht hat. Er hat sich Gemeinheiten für seine Kollegen ausgedacht!
Morrisseys Outfit hielt bis zu Black cloud, dem dritten Stück des Abends. Dann hatten die vorgebundene Fliege und das Jacket ihren Dienst getan. Wenn es auf der Bühne nur annähernd so heiß war wie vorne in der zweiten Reihe (und es war durch die Scheinwerfer sicher wärmer), eine nachvollziehbare Entscheidung!
Die Setlist war die von Offenbach, vielleicht ist es die, die für die Deutschland Konzerte vorgesehen ist. Sie unterscheidet sich neben der Reihenfolge der Stücke um drei Lieder. So kamen wir heute wieder in den Genuß von Billy Budd, Let me kiss you und The world is full of crashing bores, dafür fehlten vom Alternativprogramm Something is squeezing my skull, Sorry doesn't help und All you need is me - ein Tausch, mit dem ich gut leben konnte. Für mich also die bessere Setlist.
Auch wenn mancher vielleicht wieder stimmliche Schwächen bei den schnellen, hohen Tönen des frühen Solowerks erkannt haben will, für mich klang der Sänger perfekt, makellos. Das Konzert war aber eine ganze Ecke lauter als Offenbach. Vielleicht war das der großen und vor allem tiefen Halle geschuldet. Nach dem sehr leisen Esch, dem normalen Capitol, krachte es heute ganz ordentlich! Nur leider wieder bei zwei Liedern nicht: Some girls are bigger than others und Girlfriend in a coma bräuchte ich in den gespielten Versionen live nicht mehr (obwohl Coma einer meiner Allzeit-Lieblinge der Smiths ist). Umso besser gefiel mir How soon is now, dessen krachende Gitarren und Trommeln beeindruckend klangen! Theatralisch sank der Sänger zu diesem schönen Lärm auf den Boden vor der Bassdrum. Vor einer Woche hätten besorgte Anhänger da noch nach Sanitätern verlangt...
Neben How soon is now überzeugten mich... ach Quatsch, was soll ich jetzt hier zehn Lieder aufzählen? Fast alles ragte heraus (im übertragenen Sinne)! How can anybody possibly know how I feel? ist langweilig, dafür versöhnten Why don't you find out for yourself, die Rockabilly Nummer The loop (die Sing your life B-Seite) und I keep mine hidden (die B-Seite von Girlfriend in a coma)! Und daß This charming man, Irish blood, I'm throwing my arms around Paris und The first of the gang to die von Tausenden mitgesungen mehr als nur aufregend sind, bestreitet vermutlich niemand ernsthaft...
Nach drei frischen Hemden (er wechselte von weiß zu scheußlich blau-braun, schwarz zu uniblau) und eineinviertel Stunden Konzert, einer wundervollen Liebeserklärung ("have I told you lately how much I love you?") endete das Konzert früh - zu früh - und glücklich.
Vor der einzigen Zugabe (First of the gang to die) stimmte der Sänger ein kurzes Lied an ("remember me I have forgotten my faith"),* das ich leider nicht erkannt habe. Wäre ich Pessismist, würde ich all die sentimentalen Momente des Abends als Ankündigungen seines Rückzugs deuten. Das mag ich aber wirklich nicht. Denn vielleicht habe ich auch irgendwann Gefallen daran, mich um ein Stück seines Hemdes zu reißen. Heute flogen zwei, das enorm häßliche hellblaue mit braunen Mustern (das er wieder zur Zeile "but then you open your eyes and you see someone that you physically despise" aus Let me kiss you auszog) und ein hellblaues ganz am Schluß. Um das rangelten sich sehr viele Leute in meiner Nähe, die das hochwertige Stück allerdings nicht auseinander bekamen. Irgendwann mußte ein Feuerzeug beim Trennen helfen. Faszinierend, wie ehrgeizig Menschen an einem Ärmel reißen, um ein Stück Hemd zu bekommen.
Dieses eher bizarre Erlebnis beendete einen wundervollen Musikabend mit einem der größten Künstler unserer Zeit. Wenn ich irgendwann mit meiner zu gründenden Band im ausverkauften Palladium spiele, werden in der Pause vermutlich nur Morrissey- und Smiths-Videos laufen...
Setlist Morrissey, Palladium, Köln:
01: This charming man 02: Billy Budd 03: Black cloud 04: Ask 05: When last I spoke to Carol 06: How can anybody possibly know how I feel? 07: How soon is now? 08: I'm throwing my arms around Paris 09: The world is full of crashing bores 10: Girlfriend in a coma 11: Why don't you find out for yourself 12: Seasick, yet still docked 13: Some girls are bigger than others 14: One day goodbye will be farewell 15: I keep mine hidden 16: Irish blood, English heart 17: Let me kiss you 18: The loop 19: I'm ok by myself
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