Freitag, 9. Mai 2008

Blood Red Shoes, Paris, 08.05.08

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Konzert: Blood Red Shoes
Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 08.05.2008 *
Zuschauer: gut gefüllt, aber nicht ausverkauft
Konzertdauer: circa. eine Stunde


"Wir sind mit "Box Of Secrets" Nummer drei in den Albumcharts in Japan, gleich hinter Céline Dion!", sprudelt es aus dem zuckerroten Munde der niedlichen Laura-Mary Carter heraus.

"Ja, das liegt bestimmt an Dir", schmiere ich ihr ein wenig Honig um den Mund, meine es aber auch so, wie ich es sage. Die kleinen Japaner klicken bestimmt mal gerne Bildchen der jungen Sängerin bei Flickr.com an, die zierliche Person passt mit Sicherheit genau in ihr Beuteschema.

Wir, das heißt mein Konzertjunkie-Kollege Philippe, desweiteren Michael, ein Franzose, den ich kürzlich beim Konzert von Emily Jane White kennengelernt habe (der Herr mit dem roten Hemd), ich und Steven Ansell und Laura-Mary Carter stehen gerade auf der lauschigen Terrasse des Indie-Clubs La Maroquinerie. Die Maroquinerie ist so eine Art Wohnzimmer für mich, genau wie das damals der Center Court von Wimbledon für Boris Becker war. Relativ neu ist allerdings, daß ich oben an der Bar oder bei schönem Wetter auf der Terrasse noch abhänge.

Das Konzert ist bereits gelaufen, hier oben beginnt vor allem für die Band, aber auch für die Fans, die die Hitzeschlacht im Keller mitgemacht haben, der gemütliche Teil. Ganz entspannt kann man hier nach den Gigs mit den Musikern sprechen. Sie lassen sich fast immer hier oben blicken, um bei einem Gläschen Bier oder Wein den Abend ausklingen zu lassen. Natürlich kommt dann immer wieder der ein oder andere Fan angekrochen und fragt nach Autogrammen, oder will die Musiker einfach nur zutexten, aber das gehört zum Geschäft. Und Laura-Mary und Steven scheinen sich in unserer Gesellschaft nicht unwohl zu fühlen, schließlich können wir (das heißt Philippe und ich) berichten, daß wir sie schon ein paar Mal in Paris begutachtet haben. Ausnahmsweise habe ich sogar gegen Phil, diesen unglaublichen Konzerttitan (geht seit 20 Jahren regelmäßig, d.h. jeden Tag, auf ein Konzert, rechnet euch die Summe mal aus!) die Nase vorn. Ich komme auf vier Konzerte mit den Blood Red Shoes, er nur auf zwei. Ich zähle der süßen Laura jedes einzelne im Detail auf: Fléche d'or, irgendwann Anfang 2007, dann als Vorgruppe von Maximo Park im Bataclan (und wer besser war ist ja wohl klar!), einen Tag später war ich im winzigen Baron und im November 2007 sah ich die beiden beim Festival des Inrocks in der Cigale. Die brünette Sängerin staunt nicht schlecht und Steven erinnert sich vor allem an den kuriosen Auftritt im Baron, weil der Laden so dermaßen puffig und klein war. Er lacht laut los, denkt noch einmal an diesen exklusiven Gig und weiß auch noch, daß er mir damals die Setlist auf einen Zettel geschrieben hatte. An Christoph, meinen Mitblogger kann er sich allerdings beim besten Willen nicht mehr erinnern. Ich hatte erwähnt, daß mein Kollege erst kürzlich in Köln wieder bei den BRS war. "Klar kennst Du den!", sprudelt es plötzlich aus Laura-Mary heraus. "Das ist der Typ mit den Lego-Bildern!" Steven überlegt kurz und gesteht, daß ihm Christoph jetzt gerade nicht mehr geläufig ist. Macht aber nichts, ist ja für einen Mann eh schöner, wenn sich eine Frau an ihn erinnert. Und außerdem: Die Blood Red Shoes spielen beim Melt! Festival und da werden wir auch am Start sein und dem Duo wieder hinterherstalken...

"Wo spielen wir noch überall?" - Laura-Mary überlegt und zählt die Festivals des kommenden Sommers auf: Glastonburry (wow!), Leeds/Reading, T In The Park, kurzum diese jungen Menschen sind bei jedem hochkarätigen Event in England dabei und zudem - und das freut sie am meisten - beim Summer Sonic Festival in Japan! Die Asiaten fliegen auf ein gemischtes Duo aus Brighton, abgefahren!

Warum denn das Album erst so spät erschienen ist, will ich wissen und erfahre, daß ein Labelwechsel stattgefunden hat, nachdem die meisten Lieder schon fix und fertig waren. Steven hat da so eine bestimmte Meinung zu Plattenlabels im Allgemeinen, aber wie er diese Firmen einschätzt, verrate ich lieber nicht (ich schweige wie ein Grab, sozusagen).

Dann lassen wir die Musiker in Ruhe, Michael hat ein Autogramm mit Widmung auf seine CD bekommen (ist aber etwas geknickt, weil Steven ein Herzchen gemalt hat und Laura nur diese in England beliebten XXe; er hätte es lieber umgekehrt gehabt) und Philippe und ich einen feuchten Händedruck (wenn ich mich recht entsinne, stimmt das eigentlich nicht, wir haben nur "see you next time" gesagt, ist aber auch egal) und machen uns auf den Weg zur U-Bahn.

Und wie war eigentlich das Konzert? - "Very bad!", sagt Steven selbst darüber, korrigiert sich aber kurze Zeit später: "Just Kidding". "Très bien" (Philippe); "ich würde gerne sagen, daß es mies war, aber ich müßte lügen, denn es war hervorragend!" (Fabian von Soundofviolence, SOV); "super" (Yves). Meine Freunde waren sich also einig.

Aber wie fand ich persönlich den Auftritt? Mal ehrlich: keine Ahnung! Ich war nämlich gar nicht dabei, denn zur gleichen Zeit wie die Engländer spielten die Dirty Projectors im Nouveau Casino. Und dort mit dabei war...Oliver. Leider, denn es war grauenvoll!!! Ich hatte mich für das falsche Konzert entschieden, ich Tölpel! Das war fast so, wie wenn ich mit meiner Frau in ein Restaurant gehe, sie trifft grundsätzlich die bessere Wahl. Wenn ich dann sehe, was sie auf dem Teller hat, würde ich immer gerne tauschen...

Meine Karte für die Blood Red Shoes hatte ich an Philippe weitergereicht und der hat freudig angenommen. Dumm gelaufen!

Phil hat mir aber die Setlist mitgebracht, das hatte er mir vorher versprochen. Und Bilder kann man bestimmt morgen bei Robert Gil auf seiner Seite photosconcerts sehen. Dann wisst ihr auch, welchens Kleidchen Laura-Mary anhatte und wie die Wimperntusche von Steven aussah.

Setlist Blood Red Shoes, La Maroquinerie, Paris:

01: It's Getting Boring By The sea
02: Try Harder
03: Doesn't Matter Much
04: Can't Find The Door
05: How To Pass The Time
06: You Bring Me Down
07: Forgive Nothing
08: Take The Weight
09: This Is Not For You
10: Say Something/Say Anything
11: I Wish I Was Someone Better

12: Stitch Me Back (Z)
13: A.D.H.D. (Z)

* Tag der Befreiung von Nazi-Deutschland, ein Feiertag in Frankreich, warum ist die Niederlage des Faschismus für die Deutschen kein Grund zum Feiern?

Anmerkung: Ich bin riesiger Tennis-Fan und liebe diesen Sport mindestens genauso wie die Musik. Wenn ich mir noch einmal diese Szenen aus Wimbledon ansehe (die ich oben per Video verlinkt habe), bekomme ich heute noch eine Gänsehaut; dieser unglaubliche Hechtsprung von Boris kurz vor Schluß und dann die Szene nach dem Matchball als Tiriac Günter Bosch mit voller Wucht auf den Rücken klopft, Wahnsinn!) Tennis ist wie Rock'n Roll!




Donnerstag, 8. Mai 2008

Vincent Vincent & The Villains, Paris, 07.05.08

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Konzert: Vincent Vincent & The Villains

Ort: Le Baron, Paris
Datum: 07.05.2008
Zuschauer: am Ende wohl circa. 150
Konzertdauer: kurze 32 Minuten


Paris im Mai 2008. Es ist warm geworden, Einheimische und Touristen bevölkern die Parks auf der Suche nach Ruhe und Erholung. Verliebte Pärchen liegen unter riesigen Kastanien und hauchen sich ewige Treueschwüre ins Ohr. Paris die Stadt der Liebe...

Was die vier jungen Kerle von Vincent Vincent & The Villains wohl tagsüber so getrieben haben. Ob sie die Zeit einfach totgeschlagen haben, wie es eines ihrer Lieder "Killing Time" nahelegt? Oder sind sie wie ordentliche Touris den Eiffelturm hochgefahren, nachdem sie eine halbe Stunde in der brütenden Sonne Schlange gestanden haben?

Nun, eines scheint klar, sehr viel Zeit für ein sättigendes Essen haben sie wohl nicht gehabt, als ich gegen 23 Uhr mit ein paar anderen Zufrühgekommenen vor der Tür des kleinen, elitären Privatclubs Baron rumlungere, kommen uns der schlaksige Bassist und der zweite Gitarrist der Band entgegen. Das Einzige was sie rausbringen ist: "Wir haben einen Schweinehunger!", we need to eat something before the gig!" Es wird also noch ein Weilchen dauern bis es in dem plüschigen, puffigen Club losgehen wird. So ist das immer im Baron, der Laden will angesagt und trendy sein, da darf nichts vor 24 Uhr abgehen, alles andere wäre mega uncool. Um mächtig Eindruck zu schinden, haben sie gleich mehrere bullige und riesengroße Türsteher engagiert, der Obergorilla hält eine wichtige Liste in seinen Händen. Er sieht ein wenig aus wie der Schwarze vom A-Team. Mit dem möchte man sich nicht anlegen, also gibt man sich handzahm. "Stehe auf der Liste, habe mich über die MySpace Seite der Band eintragen lassen", stammelt man dann schüchtern wie ein Schuljunge, wenn man endlich dran ist. Der Andrang hält sich sehr in Grenzen, aber dennoch läßt man hier nicht jeden so leicht rein. "Kann Eure Namen nicht finden" raunzt uns der fleischgewordenen Kleiderschrank entgegen. Wir sind ein wenig ratlos, aber Philippe diskutiert mit dem jungen Tourmanager der Band, der auch noch vor der Türe lümmelt. "Ich will, daß die beiden Typen auch reinkommen, das sind Fans", legt er spontan ein gutes Wort bei dem Koloß ein. Der Fleischberg ist einverstanden: "o.k. ihr da, kommt rein!" Wir sind drin , wieder einmal. Im Inneren diskutieren wir mit dem sehr höflichen Tourmanager. "Warum machen die hier so ein Theater, es ist doch vollkommen leer, ärgerlich so etwas?!" Wir geben ihm recht und damit ist zu diesem Thema alles gesagt. Wir sprechen über die Band, Vincent Vincent & The Villains, die gestern einen kurzen Auftritt als Vorgruppe der Kooks in den Studios ihres Plattenlabels EMI hatten. Ein sogenannter Secret Gig, auch ganz wichtig so etwas. Ich hoffe für die Villains, daß sie ein paar hysterische Kreischer der Kooks- Girlies abbekommen haben. "Ja, die Platte "Gospel Bombs" ist jetzt offiziell draußen, berichtet der Betreuer, verkauft sich in Frankreich einigermaßen gut. "Und in Deutschland?", möchte ich wissen? - "Sehr schlecht" ist die frustrierte Antwort. Ob sie denn schon in Germany gespielt hätten, möchte ich wissen und erfahre über Gigs in Berlin und Hamburg, vielleicht auch Frankfurt (da läßt ihn sein Gedächntnis ein wenig im Stich), aber auf keinen Fall Köln. Aber das bisherige Konzert Highlight der jungen Band wird im Sommer stattfinden, sie sind für das Benicassim Festival gemeldet. "Warum ist das ein Highlight?" - "Weil da auch Leonard Cohen spielt, eine Legende". Geschmack haben sie ja, diese Jungspunde...

Allerdings sind sie von den soundtechnischen Bedingungen im Baron nicht so begeistert, sie beklagten die mangelnde Lautstärke beim Soundcheck, würden gerne viel mehr aufdrehen. Ich kann das nicht so recht nachvollziehen, Konzerte in diesem kleinen Laden empfand ich immer als besonders lärmend. Die heutige Show macht da keine Ausnahme, im Gegenteil.

Mit Wucht und Schmackes und keineswegs leise legen nämlich die vier Heißsporne los und die Nummer "Cinema" läßt mein Trommelfell erschüttern. Man kann sich den Song auf ihrer MySpace Seite anhören, er erinnert hinsichtlich der Instrumentierung ein wenig an The Coral, mit dieser leicht psychedelischen Note. Gesanglich hat das aber nichts mit den Kollegen aus Liverpool zu tun. Der kurzhaarige Sänger erinnert eher an Jonathan Richmann (der alte Knochen, der kurioserweise zur gleichen Zeit im Pariser Nouveau Casino spielte), oder auch auch an Howlin Pelle von den Hives. Er hat eine soulig versoffene Stimme und schreit oft aus voller Hooligankehle. Wenn er stimmlich explodiert, ist Pete Doherty auch nicht so weit. Ansonsten kann man der Musik auch das Etikett "Rockabilly" anheften, irgendwie hat das was von den ollen Stray Cats, oder heutzutage vom Penate Jack. Scheint wieder in Mode zu kommen, diese Mischung aus englischer Pub-Musik und souligen Tönen à la Roy Orbison. In England läuft dieser Stilmix auch schon recht gut, Vincent Vincent durften schon für Richard Hawley eröffnen, nicht schlecht. Und auch Singelauskoppelungen gab es schon und zwar das beschwingte "On My Own" zu dem man einen Hüftschwung im Stile von Elvis hätte machen können und "Pretty Girl" zu dem es auch ein Video gibt.

Der Rest des Sets ist ähnlich gehalten, alles ist tanzbar, flott und ziemlich passend zur Jahreszeit. Lieder, die in England bestimmt aus geöffneten Pubtüren auf die Straße dringen, oder aus einem pinkfarbenen Cadillac eines Schmalztolle tragenden Fahrers.

Insgesamt eine kurzweilige Angelegenheit, die uns das Quartett, zu dem auch ein hütchentragender Schlagzeuger gehört, da bietet. Nicht weltbewegend, aber allemal gut genug, um sich so etwas auf einem Festival oder wie heute, in einem kleinen Privatclub anzusehen. Die Band hat auf jeden Fall Biß und man muß sehen ob dies in Verbindung mit ein paar einprägsamen Gassenhauern reicht, auch außerhalb England bekannter zu werden.

Setlist Vincent Vincent & The Villains, Le Baron, Paris:

01: Cinema
02: Blue Boy
03: Beast
04: On My Own
05: Sins of Love (Wah Do)
06: Pretty Girl
07: Killing Time
08: Telephone
09: End Of The Night

Links:

- Video zu Pretty Girl
- Mehr Fotos von Vincent Vincent & The Villains




Mittwoch, 7. Mai 2008

500...

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Wir begehen heute unseren 500. Konzertbericht. Vielen Dank allen, die das lesen, was wir schreiben. Das freut und überrascht uns.



The Lodger & The Long Blondes, Köln, 06.05.08

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Konzert: The Lodger & The Long Blondes
Ort: Luxor, Köln
Datum: 06.05.2008
Zuschauer: ca. 100
Konzertdauer: The Lodger 30 min., The Long Blondes 60 min.


"Fest steht, dass The Long Blondes enormen Wert auf Glamour legen. "Der Jammer ist doch, dass immer mehr Rockstars aussehen wie Coldplay. Also wie Lehrer oder Beamte im Büro. Stil ist keine Frage des Einkommens, sondern der Phantasie", sagt Jackson, die lange in einem Secondhand-Modeladen in Sheffield arbeitete und den ehemaligen Roxy-Music-Sänger Bryan Ferry verehrt", schrieb der Spiegel 2006 über eine Band, die auf Konzerttagebuch.de schon ganz unterschiedlich wahrgenommen wurde - damals, als sie ihr erstes Album promoteten. Jetzt sind anderthalb Jahre vergangen und die Kate Jackson, die ich vor dem Luxor noch in Zivil sah, hatte soviel Glamour wie ein Lied von Bryan Adams.

Der eigentliche Grund meines Besuchs des Konzerts sollte die Vorgruppe sein. Ich hatte die Karte für diesen Abend zwar schon, bevor ich wußte, daß das The Lodger sein würden, hatte dann aber nach dem ersten Hören der neuen Long Blondes Platte entschieden, mir das Konzert zu sparen und die Karte weiterzugeben, bis ich las, wer
Support sein würde. Ganz unvoreingenommen war ich an diesem sommerlichen Konzertabend also sicher nicht.

Um neun war das Luxor leer - die vielleicht 50 Leute, die da waren, verteilten sich großzügig über den Club. Vier schlacksige Musiker, die alle den Housemartins entsprungen sein könnten, griffen sich ihre Instrumente, stimmten noch eine Weile und begannen dann mit "You got me wrong", einem Lied, das schon ganz typisch für The Lodger ist, nämlich Gitarren-Indie-Pop mit wunderschönen Melodien. Besonders markant bei der Musik der Band aus Leeds ist die Stimme des Gründers Ben Siddall, die ganz ausgezeichnet zu den Lodger Popsongs paßt (oder umgekehrt...). Meine Assoziation mit den Housemartins kam mir sicher auch deshalb in den Sinn, weil die Musik der Band nicht so weit weg ist von den Britpop Vorläufern aus
den 80ern. Aber auch die Smiths sind ganz sicher eine Referenz für The Lodger. Aber ähnliche Musik hin oder her, The Lodger sind eine großartige Band mit großartigen Songs, die viel mehr als die Handvoll Leutchen vor der Bühne verdient gehabt hätte.

Es klappte nicht alles bei ihrem halbstündigen Auftritt. Ben hatte einige Probleme mit seiner Gitarre und seiner Stimme. Das nahm aber nichts von dem großen Vergnügen, die vier Nordengländer einmal live zu sehen. Ihr Debüt "Grown-Ups" läuft bei mir sehr oft, die Vorfreude auf Konzert und neue Platte war also entsprechend hoch. Von "Life is sweet" (jetzt habe ich wieder den ganzen Tag "Julia, we don't live in the 60's" von den Indelicates im Kopf...), dem gerade erschienenen Nachfolger, spielten The Lodger einige Stücke. Keines von denen hatte ich vorher gehört, sie gefielen mir aber ohne Ausnahme sofort. Leider war das Vergnügen - wie so oft - ein kurzes. Nach "
Many thanks for your honest opinion" und einer halben Stunde verabschiedeten sich Ben und seine Kollegen wieder. Mich hat der Auftritt restlos überzeugt, auch wenn die Umstände sicher nicht perfekt waren. Schade nur, daß das so wenige interessierte.

Setlist The Lodger, Luxor, Köln:

01: You got me wrong
02: My finest hour
03: A hero's welcome
04: A year since last summer
05: Simply left behind
06: I can't stop (?)
07: Unsatisfied
08: The good old days
09: Many thanks for your honest opinion

Am mangelnden Interesse an The Lodger in Köln hatten die Long Blondes sicher die Hauptschuld. Denn für die einstigen Lieblinge des Hypes interessiert sich offenbar auch im indiephilen Köln kaum noch jemand. Ansonsten wären sicher mehr als die vielleicht hundert Leutchen zur Band aus Sheffield gekommen, deren zweites Album gerade erschienen ist. Das erste, "Someone to drive you home", war ein großer Knüller. Viele der Songs sind echte Hits - die Mischung aus Kates Stimme, die manchmal herrlich tief kommt, und den knackigen Melodien machte die Platte zu einer tollen, die auch weiter ihren Platz haben wird, wenn die Bandmitglieder bereits im Ruhestand sind (wäre ich zynisch, würde ich den für 2009 erwarten). "Couples", Album zwei, ist sicher kein Abklatsch der ersten CD. Es ist eher der gescheiterte Versuch, etwas neu und anders zu machen, was dann in die Hose gegangen ist. Bei den ersten Hören fand ich die Platte ganz grausam. Dieses Urteil ist sicher ungerecht, "langweilig" trifft es sicher besser. Wenn man erst einmal am Opener "Century" vorbei ist, wird es erträglicher, gegen Ende kommen einige nette Lieder. Allerdings fehlt all diesen neuen Songs jegliches Hit- und Überlebenspotential. "Lust in the movies", "Giddy stratospheres" oder "Weekend without makeup" freuen mich immer, wenn ich sie höre. Für "Erin O'Connor" oder "Autonomy boy" kann ich mir das nicht vorstellen. Die Platte klingt für mich wie eine B-Seiten Sammlung.

Aber zum Auftritt... Wir sind schließlich ein Konzerttagebuch.

Kates T-Shirt kannte ich schon. In einem NME-Konzertbericht, der mir zufällig vor die Augen kam, wurde von einem Vorab-Gig in England berichtet. Der Artikel war
wenig euphorisch. Mir fiel auf den Fotos auf, wie wenig glamourös die Frontfrau dabei aussah. Sie trug ein mausgraues (im übertragenen Sinne) T-Shirt mit aufgedruckten Fotos (?) und Jeans. Den überragenden Stil konnte ich da nicht erkennen. Beim Pariser Konzert hatte sie sich noch ein wenig mehr rausgebrezelt, vielleicht, weil das die Modehauptstadt irgendwo verlangt. Auch das Hinternwackeln, ihr zweites Merkmal, war weniger ausgeprägt, als ich das in Erinnerung hatte. Der größte Tänzer und Hinternwackler war eindeutig Gitarrist Dorian Cox (auch unglamourös gekleidet). Komplettiert wurde die Band wieder vom soliden Schlagzeuger Mark Turvey, der einem englischen Kinderbuch entsprungenen Emma Chaplin und der agilen Bassistin Reenie Hollis ("agil" heißt doch reglos, oder?).

Mich ließ das ganze Konzert vollkommen kalt. Den Anfang hatte ich mir noch vorne angesehen, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, ging ich aber irgendwann in der Mitte nach hinten, weil mir das, was sich da auf der Bühne tat, ziemlich egal war. Schade, denn ich würde die Long Blondes gerne gut finden, es klappte aber nicht so recht. Der Gerechtigkeit halber muß ich aber sagen, daß ich die Ausnahme darstellte. Die Leute, die vorne auf der Tanzfläche waren, gingen ordentlich mit. Gesanglich - oder überhaupt hinsichtlich der Performance - gab es auch nichts auszusetzen. Nur fehlt eben mittlerweile der Pep. Womit eigentlich alles gesagt ist.

Setlist The Long Blondes, Luxor, Köln:

01: Round the hairpin
02: Weekend without makeup
03: Autonomy boy
04: Here comes the serious bit
05: Separated by motorways
06: I liked the boys
07: Erin O'Connor
08: Century
09: Too clever by half
10: You could have both
11: The couples
12: Once and never again
13: Guilt
14: I'm going to hell
15: Giddy stratospheres

16: Lust in the movies (Z)

Links:

- aus dem Archiv:
- The Long Blondes, Paris, 26.04.08
- The Long Blondes, Paris, 29.03.07
- The Long Blondes, Dresden, 23.03.07
- The Long Blondes, Paris, 15.12.06
- mehr Fotos aus dem Luxor

The Lodger sind am 9. Mai im Club Drushba in Halle!




Portishead, Paris, 06.05.08

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Konzert: Portishead

Ort: Le Zénith, Paris
Datum: 06.05.2008
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: ca. 85 Minuten


"Hell yeah, war orgasmisch" (xdevx) - "Titanisch, gigantomanisch und einfach nur geil! (Atua) - "Es war traumhaft, famos, unvergesslich, einzigartig, unwiederholbar. Das Konzert des Jahrzehnts!!!" (Frank)

Spiegel-Online: 10/10 Punkten; Plattentests.de 9/10 Punkten; Uncut *****, etc.

Besucher des Konzerts von Köln (Palladium 06.04.2008) und die Musikpresse scheinen sich hinsichtlich der Großartigkeit von Portishead einig zu sein. Da wurde wohl ein kollektiver Nerv getroffen.

Ohne auf bemühte und verkrampfte Art und Weise gegen den Strom schwimmen zu wollen, mich persönlich hat das heutige Pariser Konzert der in höchsten Tönen gelobten britischen Band relativ kalt gelassen. Bei mir wurde jedenfalls kein Nerv angestochen und größere Gefühlswallungen, Rührung, Ergriffenheit, oder Enthusiasmus blieben während der gesamten 85 Minuten weitestgehend aus. Aus meiner anfänglichen Neugierde, wie denn eine Band live auf mich wirken würde, die ich seit geraumer Zeit nicht mehr verfolgt habe, wurde am Ende fast Langweile. Ja, Langweile, insgesamt war es eine eher ermüdende Angelegenheit.

Inzwischen liegt das Konzert fast drei Stunden zurück und noch immer frage ich mich etwas verwundert, warum der Großteil des Publikums mit Sicherheit einen famosen Abend hatte - die Reaktionen während des Gigs waren frenetisch und lautstark - und das Ganze an mir vorbeiging.

Zunächst einmal: Ich bin kein Kenner der Band, habe mich lange nicht mehr mit ihnen beschäftigt. In meiner Studentenzeit in Berlin während der 90 er Jahre lief aber "Dummy" so einige Male in meiner Bude und auch im CD - Wechsler im Auto (so gut ging es Studenten damals). Später habe ich mich mit anderen Gruppen beschäftigt, das zweite selbstbetitelte Werk der Engländer habe ich gar nicht mehr mitbekommen. Danach war ja ohnehin Funkstille und Gerüchte über eine mögliche Wiederbelebung des zeitweillig stillgelegten Phänomens, die in der Mitte der 2000er Jahre aufkamen, interessierten mich nicht weiter. Dann aber in diesem Jahr das neue Opus, schlicht und einfach "Third" (das Livealbum zählte wohl nicht) bezeichnet und im Nu kamen alte Fans wieder aus den Löchern gekrochen und auch junges, frisches Publikum wurde mit vollmundigen Berichten geködert. Auch meine Neugierde wurde geweckt, allerdings mit etwas Verspätung denn den ersten Termin zum Ticketkauf für das (später die, es gab zwei) Konzert ließ ich verstreichen. Warum sollte ich mich auch beeilen, ich war nicht mehr in der Materie drin?! Dann aber kam Christophs euphorischer Konzertbericht und in Paris kamen völlig überraschend neue Karten in den Umlauf. Ich schlug zu...

Zur Einstimmung auf den Abend hörte ich dann mehrfach "Third" auf meinem i-pod, allerdings passten die düsteren Klänge so gar nicht zu dem herrlichen Wetter. Warum soll man noch auf Winter-Depri machen, wenn die Sonne aus allen Ritzen lacht?

Auch am Parc de la Villette, wo das Zénith und noch einige andere Konzertsäle beheimatet sind, lümmelten Sonnenhungrige auf den Wiesen und ließen die Seele baumeln. Ihre Faulheit stand im krassen Gegensatz zum blanken Aktionismus, den die Schwarzhändler betrieben. Verzweifelt versuchten sie, zu überzogenen Preisen die letzten Karten loszuschlagen, was aber nicht so einfach war. Es schien ein Überangebot zu herrschen. Der Zeiger der großen Uhr stand auf 20 Uhr 10. Früh genug, um nach der üblichen Einlaßprozedur noch ein paar Lieder der Vorgruppe Kling Klang mitzukriegen. Die Burschen langweilten, ich hätte mich eigentlich auch noch in die Sonne legen können. Auch der Umbau war zäh und lang, aber dann ging es mit einem Intro endlich los. Man hörte in einer mir nicht verständlichen Sprache (was war das?) Menschen brabbeln, die Stimmen kamen vom Band. Dann wurde die Helden des Abends auf das Herzlichste begrüßt und man stieg richtig in das Programm ein. Schon als Beth Gibbons die ersten Takte von "Silence" sang, ging ein Raunen durch die Menge, die Stimme schien außerordentlich gut anzukommen. Sie ist auch wirklich außergewöhnlich, aber als Dauerkonzertgast habe ich schon so einige hübsche Kehlchen zu Ohren bekommen. Der Großteil des Publikums schien aber nicht die allergrößte Konzerterfahrung zu haben. Von meinen Bekannten, die regelmäßig kleine und mittlere Indie-Konzerte bevölkern, war nur ein Einziger da. Regelrechte Gig-Touristen gab es, neben mir stand beispielsweise eine deutsche Gruppe, die auch mal was erleben wollte. Keine Kenner, das sah ich sofort. Der Rest des Publikums gab mittels Band-T-Shirt zu erkennen, auf was er sonst so steht. Muse, Franz Ferdinand, Pearl Jam, Radiohead konnte ich da lesen. Alles Gruppen, die sich gerne Alternative und Indie nennen, es aber bei Licht betrachet natürlich längst nicht mehr sind (wenn sie das denn mal waren). Aber egal, auch ich verweigere mich nicht dem Mainstream, insofern also kein Problem. Meine liebsten Stadionfüller heißen übrigens Interpol und Kaiser Chiefs, aber das nur mal so am Rande...

Aber weiter im Text, Beth zwitscherte also hingebungsvoll "Did you know when you lost?"- Did you know when you wanted" und die meisten hatten mit Sicherheit eine Gänsehaut ob dieses greindenden Gesanges. Mir war lediglich zu warm, das Zénith glich einem Brutkasten, die Temperaturen waren tropisch. Um die Luft zu verbessern, kam der Kerl rechts neben mir auf die Idee, ein Zigarettchen anzuzünden. Genüßlich paffte er eine nach der anderen und seinem Beispiel folgten am Ende viele seiner Landsleute. Rauchverbot in allen öffentlichen Räumen seit dem 1. Januar 2008, war da was?

Aber daran lag's nicht, das ich nicht so richtig reinkam in dieses Konzert. "And if I should fall, would you hold me?", fragte Beth textlich verzweifelt ("Hunter") und rammte damit bestimmt wieder 95 % des Publikums ein Messer ins Herz. Keine Frage, ihre Stimme war klar präzise und höchst facettenreich, aber erzeugte das Ergriffenheit? - Nicht bei mir.

Ich glotzte auf die kalten und abweisenden Videos auf der Leinwand, sah aber irgendwann dann doch immer das Spiegelbild der Musiker, die auf der Bühne zugange waren. Als da wären: Ein alter, leicht dicklicher Gitarrist, der links Stellung bezogen hatte, ein glatzköpfiger Drummer, der mich an Barthez, den ehemaligen französischen Fußball - Nationaltorhüter erinnerte, Mastermind Geoff Barrow, der mit mürrischer Miene rumsampelte, Klavier spielte und auch an den Drums aktiv war und auch noch ein weiter Glatzkopf (Trip Hop sorgt wohl für Haarausfall), der auch danieldüsentriebte. Und vorne rechts agierte sie. Beth Gibbons, eine schlanke Frau mit reduzierter Gestik und rötlichen Haaren, die meistens mit beiden Armen ihr Mikro festhält, damit dieses nicht vor Trauer auf den Boden fällt. Ihr Charisma hielt sich in Grenzen aber sie hatte eine angenehm bescheidene Art. Sie wirkte nicht wie eine Diva oder Zicke sondern drehte sich oft zum Rest der Band um, um zu sehen, was die gerade so anstellen. Zwischen den Titeln erwies sie sich als Schweigerin, als sie zum ersten Mal das Wort an das Pariser Publikum richtete, um sich zu bedanken, war schon eine gute halbe Stunde absolviert. Zweifelsohne eine sympathische Erscheinung.


Vorher waren da aber noch ein paar andere Titel gelaufen, "Mysteron" zum Beispiel, einem Stück, bei dem man Schüsse und Scratchgeräusche vernehmen konnte. Diese Art von Zierrat mochte ich allerdings noch nie, Kritiker hingegen halten so etwas gerne für große Kunst. Geschmacksache...

Die folgende Ballade "The Rip" gefiel mir allerdings richtig gut, sowohl in textlicher als auch atmosphärischer Hinsicht. Wirklich ein schönes Stück Musik, fast folkig, auf jeden Fall ein Highlight. Genau wie der anschließende Klassiker "Glory Box" vom Album "Dummy" dessen Refrain "Give me a reason to love you" im Publikum im Chor mitgesungen wurde. Die Stimme von Frau Gibbons erwies sich hier überdies als extrem wandlungsfähig, sie sprang spielerisch von einer Tonlage zur nächsten, was ihr nicht unverdienten Szenenapplaus einbrachte. Gerade als ich etwas besser reingekommen war, schickten die Engländer aber mit "Numb" ein scheußliches Teil hinterher. Diese sterile Scratchnummer mochte ich damals schon nicht. Das Publikum stand aber drauf, warum auch immer.

"Magic Doors" war wesentlich besser, mir allerdings eine Spur zu pathetisch. Danach dann die oben erwähnten Begrüßungsworte an das Publikum und mit "Wandering Stars" das vielleicht schönste Stück des Abends, das allerdings von laut quatschenden Nachbarn vermasselt wurde. Der operettenhafte Gesang am Ende ging so ein wenig unter. Schade, daß dann mit "Machine Gun" wieder ein abweisendes Stück Musik kam. Mit Sicherheit von den Künstlern so gewollt, um irgendeine Message auf die Menschheit loszulassen (zu viel Gewalt auf dieser Welt, oder was auch immer), aber live eine schwere Belastung für die Ohren. Die Bässe dröhnten dermaßen heftig, daß es in den Ohren prickelte, auch mit Stöpseln. Es war kaum zu ertragen, ein besser ausbalancierter Sound wäre vorteilhaft gewesen.

Danach wurde es mir von Stück zu Stück schwülstiger, die zweifelsohne hervorragende Stimme von Beth fing an, mir auf die Nerven zu gehen und die Samples und zahlreichen Geräusche bei "Over" machten es auch nicht besser. Der Klassiker "Sour Times" (Nobody loves me it's true") der auch ausgezeichnet zu einem James Bond Film passen würde, war noch einmal ein Lichtblick, aber der ganze Rest rauschte irgendwie an mir vorbei.

Das dramatische "Cowboys" beendete dann nach circa. 65 Minuten den offiziellen Teil und Beth rief der johlenden Menge entgegen: "vous etes très gentils" - ihr seid sehr nett.

Die drei Zugaben hätte ich perönlich nicht mehr gebraucht, "Threads" plätscherte vor sich hin, "Roads" war besser, aber ich war längst von der pathetischen Stimme ermattet. Und bei dem abschließenden "We Carry on" kam das dramatische und lärmende Finale wie auf Bestellung. Nach 1 Stunden und 25 Minuten schwiegen dann Gitarren, Synthesizer und auch Beth und nur noch das Publikum machte ein Weile Lärm, in der Hoffnung auf mehr Portishead. Vergeblich.

Insgesamt anstrengend und ermüdend! Und bis auf das i-Tüpfelchen genau die gleiche Setlist wie Köln.

Setlist Portishead, Le Zénith, Paris:

01: Silence
02: Hunter
03: Mysterons
04: The Rip
05: Glory Box
06: Numb
07: Magic Doors
08: Wandering Stars
09: Machine Gun
10: Over
11: Sour Times
12: Nylon Smile
13: Cowboys

14: Threads (Z)
15: Roads (Z)
16: We carry on (Z)

Links:

-
Portishead, Köln, 06.04.08
- mehr Fotos von Portishead



 

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