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um
20:59
Konzert: The XX
Ort: Lowlands Festival
Datum: 18.08.2017
Dauer: 75min
Zuschauer: ca.20.000
Alles ist erleuchtet. Die Monolithen drehen sich, und Jamie xx steht hinter seinem, mit Plexiglas verkleideten Arbeitsplatz und wirkt so unterfordert, wie ein "Mensa-Club"-Mitglied beim Dreisatz.
The XX touren 2017 fast nonstop und ich hatte große Sorge, dass es ein gelangweilter Abklatsch des furiosen Konzertes in Düsseldorf werden würde. Weit gefehlt.
Ohne jede Ermüdungserscheinung bringen The XX auch hier das Publikum auf der größten Bühne, auch mit langsamsten Songs zum Rasen. Das liegt zum einen an der leicht veränderten Setlist, die für die Festivals noch einmal perfektioniert und natürlich leicht gekürzt wurde.
Zum anderen aber auch sehr an der Ausstrahlung der beiden Frontleute, die so herzlich ist, das es oft gar nicht zu den Moll-Tönen der Songs passen mag.
Tatsächlich hat Romy Madley heute Geburtstag. Und nachdem die Band am Abend zuvor auf dem Pukkelpop-Festival erst nach Mitternacht spielen durfte, wird hier halt der zweite Gig in 24 Stunden zur großen Party.
Immer wieder küssen und umarmen sich die beiden zwischen den Songs. Wie ein frisch verliebtes Paar, vor dem wie ein Altar aussehenden Berg von Instrumenten, hinter dem Jamie xx werkelt. Aber nichts wirkt aufgesetzt oder eingeübt.
Lediglich das zweite Album "Coexist" kommt mit nur zwei Songs etwas zu kurz, ansonsten wird alles geboten. Auch Jamie xx magischer Zugabenübergang von "Shelter" zu seinem "Loud Places" hat nichts von seiner Kraft verloren.
Traumwandlerisch wird hier musiziert, keine Anstrengung scheint nötig und Keith Richards Zitat "üben sei für Leute nichts können" scheint über der Bühne zu prangen.
Doch gerade diese Illusion der Leichtigkeit ist ohne Talent und harte Arbeit nicht möglich. Am Ende zucken die Laser bis zum See in hundert Metern Entfernung und Romy greift den Jubel, nach einer gestreckten Version von "Hold on" auf, und spielt in den tosenden Lärm eine berührend langsame Version von "Angels".
Nur ganz wenige Bands haben den Mut einen Festivalauftritt mit einer Ballade zu beenden. Hier strahlen alle, vor und auf der Bühne, über diesen Coup.
Fotos: Michael Graef
um
19:10
Konzert: alt-J
Ort: Lowlands Festival
Datum: 19.08.2017
Dauer: 75min
Zuschauer: ca. 12.000 volles Zelt
Hell ist es noch unter dem riesigen, halb offenen Hangar, der Hauptbühne des Lowlands-Festivals, als alt-J die Bühne betreten. Erstaunlich viele Fans unter 25 Jahren haben sich eingefunden. Ein Phänomen, das ich auch bei Radiohead oder Sigur Ros immer wieder beobachte.
Es scheint einen Bedarf an Musik abseits des Mainstreams zu geben, und alt-J sind die jüngste Band, die es in diesem Segment zur großem Erfolg gebracht haben.
Erstaunlich ist es auf jeden Fall, zumindest wenn man die Augen öffnet und das Schauspiel auf der Bühne näher betrachtet. Dort passiert während der nächsten 75 Minuten außer wildem Lichtgeflacker aus stehenden LED-Türmen nämlich genau: NICHTS.
Drei junge Männer spielen, ohne sich ein ein einziges Mal enspannt zuzusehen oder zu bewegen eine Art Kraftwerk Gedächniskonzert. Keyboarder Gus Unger-Hamilton richtet zumindest ein paar Floskeln ans Publikum und trinkt doch tatsächlich ein Glas Rotwein, soviel Anarchie muss sein.
Für einen ausführlichen Konzertbericht ist aber auch das dürftig. Kommen wir also lieber direkt zur Musik, und die hat es in sich. Drei, fast gleich gute Alben hat die Band jetzt schon veröffentlicht, und diese kleinen, vertrackten Meisterwerke sind die eigentlichen Stars der Show.
Leben die Konzerte der oben genannten vergleichbaren Bands von der stetigen Veränderung im Live-Setting, belassen es alt-J bei einer stoischen Werktreue, die schon fast an Pink Floyd erinnert. Kein Ton zu viel, kein Solo, keine weiteren Instrumente.
So entstehen Intimität und ein flüster leises Publikum, denn kaum einer traut sich (außer bei Mathilda) lauthals mitzusingen, wenn die Drei von oben so viel Energie in die Reproduktion der Alben legen.
Ganze neun Stücke vom Debüt und jeweils 3-4 der folgenden Alben werden präsentiert. Highlights sind für mich das spannende "3ww" zu Beginn, das lange nicht gehörte "Tessallate" und "Bloodflood".
Am Ende wird des am Himmel dunkler, auf der Bühne bunter und endlich etwas lockerer. Trotzdem ist einfach nicht erkennbar, ob die Band nach den Mammuttouren der letzten Jahre neue Energie hat oder schon wieder auf dem Zahnfleisch daherkommt.
Der starke Abgang mit "Fitzpleasure", "Left hand free" und natürlich "Breezleblocks" kann diese Frage nicht beantworten. alt-J sind in der Lage diese großen Bühnen ohne besondere Show, ausufernde musikalische Energie oder persönliche Ausstrahlung zu bespielen.
Vielleicht ist dies das größte Kompliment, das man einer Band machen kann, die ihre Stärke ganz klar beim Komponieren und Reglerschieben im Studio hat.
Rockstars wollten sie nie sein, davon gibt es ja auch schon genug. Auf dem Weg zum Ausgang dann noch ein spontaner Kanon des Publikums, ein leiser Zweizeiler in der Nacht: "And she needs you, this is for Matilda, and she neeeeds you..." Doch noch etwas anrührendes.
Fotos: Michael Graef
Aus unserem Archiv:
alt-j, Berlin, 01.10.14
alt-J, Paris, 24.02.13
alt-J, Köln, 22.02.13
alt-J, Paris, 20.07.12
alt-J, Köln, 04.03.12
um
21:05
Konzert: Lowlands Festival
Ort: Biddinghuizen
Datum: 18.08.-20.08.2017
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: 55.000 ausverkauft
25 Jahre Lowlands
Kein anderes Festival hat mich je so begeistert und meinen musikalischen Horizont immer wieder gefordert. Bei meinem ersten Besuch 1997 spielten mit Blur, The Chemical Brothers, Eels, Pavement, Deus und Mogwai schon mehr interessante Bands, als es ein Wochenende hätte fassen können.
Bei der Heimfahrt jedoch rieben wir uns die Augen. Es war das Ganze, perfekt arrangierte und auf zufriedene Besucher ausgerichtete Festival selbst, und nicht nur die Bands auf die wir uns so lange gefreut hatten, das uns schlaftrunken zurückließ.
Seitdem habe ich (außer durch Sommergrippe) keine Ausgabe mehr verpasst.
Die Niederländer und Veranstalter MOJO zeigten von Jahr zu Jahr, mit welchem Aufwand die bereit sind, drei Tage Festival zu etwas wirklich besonderen werden zu lassen.
Als geborene Optimierer verändern sie das Gelände und die Lage der Eingänge und Zirkuszelte jährlich. Nie gibt es Stillstand, alles ist wichtig.
Und so verwundert es nicht, dass gerade in diesem Jahr der großen Sicherheitsoffensive gerade das Lowlands wieder einen komplett anderen Weg sucht.
Erstmalig gab es zwischen Campingplätzen und Festivalgelände faktisch keinerlei Kontrollen mehr. Lediglich Glasflaschen und große Taschen wurden verweigert.
Diese kleine, aber feine Veränderung sorgte für ein noch unbeschwerteres Flanieren ohne jegliche Wartezeit vom Zelt zum Lieblingskünstler.
Die nächste große Veränderung zum Jubiläum waren die komplett neuen beiden größten Bühnen "Alpha" und "Bravo". Beide exclusiv fürs Lowlands neu erdacht und erbaut, steht man nun unter fast 25 Meter hohen Kuppelbauten, wovon eine eher an einen offenen Hangar, die andere an ein riesiges Kirchenschiff erinnert.
Mit diesen beiden, fantastisch klingenden und auch für riesige Leinwände und Lichtshows ausgerüsteten Mega-Bühnen ist das Festival wieder anderen großen Playern in der Festivallandschaft um Jahre voraus.
55.000 Zuschauer, auf der Ticketseite "Ticketswap" suchten alleine noch mindestens 13.000 Menschen eine Karte, klingt erstmal gewaltig. Auf dem unfassbar großen Gelände, incl. Saunainsel und diversen Kunstaktionen, fällt der Gigantismus allerdings wenig auf.
Da das Programm grundsätzlich früh beginnt und nachts/morgens nicht vor 5.00 Uhr endet, verteilen sich die Steher und Schläfer über die kompletten 24 Stunden eines Tages.
Berichten will ich wieder nur vom Musikprogramm. Für alle anderen Aktivitäten war sowieso wieder keine Zeit.
Der Freitag startet mit Feist noch gemütlich. Der Auftritt vor 5 Jahren hier an gleicher Stelle gefiel mir wesentlich besser. Heute wirkt die Band noch etwas steif und unrund. Feist selber ist neben einem absoluten Fotoverbot auch sonst etwas schlecht gelaunt oder einfach übermüdet. Richtige Stimmung will da nicht aufkommen. Zumal die neuen Songs doch etwas spröde daher kommen.
Gewartet wird vom Publikum daher auf die Hits, von denen 1234 natürlich wieder nicht gespielt wird.
Weiter geht es zu der, in diesem Jahr bereits für ihre Konzerte hoch gelobten Solange. Auch hier waren keine Fotos erlaubt.
Hier stimmt im neuen "Bravo" erst einmal alles. Eine beeindruckende Bühnendekoration im Japanstil: weißer Vorhang und roter Kreis glüht schon vor, da betreten die ersten Tänzer auch schon die Bühne,
Zwei Trompeter kommen dazu und am Ende gleitet Solange nach vorne. So sollte man es wirklich nennen, denn die Künstlerin wird während des kompletten Auftritts nur fließende Bewegungen vollziehen, was auch zum tänzerischen Konzept der Begleitmusiker und Sängerinnen am Besten passt.
Ein wirklich toll choreografiertes Stück Konzert, leider ist die Musik dazu doch arg fade.
Tempowechsel sind kaum vorhanden, selbst die Trompeter fungieren eher als Tänzer, denn als treibende Kraft. Vielleicht einfach nicht meine Musik, das Zelt leerte sich allerdings zur Mitte des Sets spürbar, evtl. ging es ja doch einigen genau so wie mir. Bestimmt hätte das ganze in einem kleinen Theatersaal fantastisch gewirkt, hier verpuffte die ruhige Show von Beyonces Schwester unter dem großen Kuppeldach leider etwas.
Die beiden weiteren, großartigen Freitagskonzerte von Iggy Pop und The XX folgen als Einzelberichte in den nächsten Tagen.
Der Samstag startet nach den üblichen Yoga/Politik und Kulturprogrammen am frühen Mittag mit Hauschka. Der kann aber trotz des Oscar-Vorschusses für den Film "Lion" hier nur wenige begeistern. Anders als zum Beispiel Nils Frahm ist das Set leider nicht besonders abwechslungsreich. Dazu ist das Zelt nicht bestuhlt, so dass die volle Stunde doch leider etwas arg lang wirkt.
Also schnell weiter zu Ben Howards neuen Band A Blaze of Feather die in Haldern ja einem Sturzregen zum Opfer gefallen war. Sehr schade eigentlich, denn live war das hier ganz hervorragend. Howard selbst kauert dabei die ganze Zeit nur am hinteren Bühnenrand sitzend vor seinem Verstärker und spielt versunken Gitarre. Was aber vor ihm passiert ist wirklich toll.
Wirkte hier die CD noch etwas sehr getragen, entfaltet sich die Band live wie kaum eine andere. Überall gibt es etwas zu sehen, die drei! Gitarren sind herrlich klar abgemischt und ergänzen sich perfekt, statt im Soundbrei zu versinken.
Hier gelingt es einer Band, die Spannung 60 Minuten ohne echten Hit hoch zu halten. Grandios. Am Ende Zugabenrufe, aber die fertigen Songs waren alle gespielt.
Der junge Sampha hat es danach schwer, gemessen an seinem super Song "Like the Piano" wirkt das restliche Set und die Show in Ballonseideanzügen wie eine Kopie aus dem aktuellen US-R&B Trap Baukasten.
Der danach folgende Auftritt von Alt-J erhält ebenfalls bald einen eigenen Bericht. Daher direkt zu Elbow, die hier das Ü30-Publikum begeistern.
Da wird gesungen und geklatscht, Paare verschmelzen in Partnerjacken zu Nacktschnecken und Guy Garvey nimmt die Aufforderung zum Zeremonienmeister gerne an und veranstaltet ein großes Manchester-Singalong.
Das mag jetzt sehr abwertend klingen, ist es aber nicht. Diese Rahmenbedingungen sind einfach bei einem Elbow Konzert zu ertragen. Sobald aber Songs wie "Lippy Kids" oder "One Day like this" erklingen , schließt man einfach die Augen und lauscht den meist leisen Arrangements dieser, mittlerweile seit 20 Jahren bestehenden Band, und genießt im Stillen.
Danach ein böser Platzregen, der aber fast wie gerufen kam. Die Editors spielten zum großen Tanz auf aber irgendwie will das ja, außer in den Niederlanden, kaum noch einer sehen. Hier werden wie so oft Konfettikanonen mit echten Gefühlen verwechselt, also lieber den Abend bei einem Gehaktballen und netten Gesprächen gemütlich ausklingen lassen.
Der Sonntag wurde wegen fehlender Urlaubstage dann etwas beschnitten. Zur Frühstückszeit spielte Hurray for the Riff Raff ein fulminantes Set. Auch hier wird es einen Bericht mit mehr Details geben. Für mich, die Band und das Album des Jahres.
Tash Sultana zog kurz darauf die Massen an, zurecht. Wie bereits beim Down the Rabbit Hole Festival zeigt sie ihre ganze Klasse und mit "Jungle" hat sie bereits einen Riesenhit in den Niederlanden.
Der Geheimauftritt von Triggerfinger ist nicht mein Ding, also weiter zu At the drive in. Dazu nur soviel: Wer seinen alten Lieblingen dabei zusehen wollte, wie sich Sänger Cedric Bixler-Zavala hinter seinen hohlen Fake-Verstärkern (zum umwerfen und draufspringen) abwechselnd am Luftbefeuchter oder der Teemaschine versuchte (kein Witz), war hier richtig.
Auch wenn die Band fantastisch aufspielt, bietet sich hier ein Trauerspiel früherer, selbst entworfener Ansprüche und Ansichten. Verurteilen will ich es nicht, schade ist es trotzdem.
Danach noch First Aid Kit als Belohnung für ein tolles Wochenende, Die Schwedinnen werden immer besser, covern hier sogar Kenny Rogers "The Gambler" und spielen ihr umwerfendes "Emmylou".
Besser konnte es nicht werden (mussten wir uns auch wegen der Rückfahrt einreden), daher fielen Cashmere Cat, Nicolas Jaar und Mumford & Sons leider für uns aus.
Es bleibt ein irres Wochenende voller Reizüberflutung, wobei der Schwerpunkt auf Grund des Jubiläums diesmal auf den etablierten Acts lag. Normalerweise ist das Programm auch im unbekannteren Bereich viel interessanter besetzt. Aber das wird sich sicherlich nächstes Jahr wieder ändern.
Fotos: Michael Graef