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Sonntag, 12. Dezember 2010

Rebekka Karijord & Chris Garneau,Paris, 11.12.10

6 Kommentare

Konzert: Rebekka Karijord & Chris Garneau

Ort: Le Café de la Danse, Paris

Datum: 11.12.10
Zuschauer: voll (ausverkauft?)

Konzertdauer: 50 traumhafte Minuten, Chris Garneau 90 gräßlich langweilige Minuten



Chris Garnele, ähem, Garneau ist so etwas wie der Andy Möller unter den Sängern. Eine Heulsuse. Sein weinerliches Geseier im Pariser Café de la Danse ging mir tierisch auf die Eier! Die 90 Minuten des Konzertes, in denen er unerbitterlich hinter seinem Piano rumschluchzte, gehörten zum Zähsten und Schwülstigsten, was ich in diesem Konzertjahr gesehen habe. Chris liefert sich in dieser Hinsicht ein Wettrennen mit John Grant, der vor ein paar Monaten im Nouveau Casino auch unfassbar schnulzig war. Fast wäre ich auf dumme Gedanken gekommen und hätte meinen Gürtel auf der Toilette zweckentfremdet. Aber lohnt es sich wirklich, für einen verweichlichten Pianisten zu sterben? Nö,oder? Mein Vater hätte gefragt: "Hat der Kerl überhaupt gedient?" Sicherlich nicht, so peacig wie der drauf war! Vielleicht sollte man es grundsätzlich verbieten, daß Männer Klavier spielen, Gitarren stehen ihnen einfach besser. Haben männliche Pianisten eigentlich nicht schon immer genervt? Ich meine, seien wir doch mal ehrlich. Hat John Lennon etwa nicht das Musikpublikum mit seinem peacigen Käse regelrecht terrorisiert, als er zu Imagine hinter dem Klavier klimperte und süßlich säuselte? Und haben uns Elton John und Billy Joel etwa nicht im Strahl Kotzen lassen, als sie Nikita und Leningrad auf die unschuldige Menschheit losließen? Womit haben wir heutzutage Chris, die Garnele verdient? Was haben wir verbrochen?

Kurzum: das Konzert von Chris Garneau war von der ersten bis zur letzten Minute scheußlich. Etwas Kurzweil gab es nur durch die Streichersektion und die tolle Trompete. Ansonsten Langeweile und Gefühlsduseligkeiten ohne Grenzen. Und dann covert der Kerl am Ende auch noch meinen Helden Elliott Smith. Frechheit. Between The Bars haben Erica Buettner oder Emily Haines viel besser neu interpretiert.

Großartig hingegen der Support Act des heutigen Abends. Rebekka Karijord und ihre Band begeisterten mich restlos und durften sogar fast 50 Minuten spielen. Von diesem brillanten Auftrit möchte ich gerne morgen mehr erzählen...

Nachtrag: Auf Grund des ersten Kommentares auf diesen Bericht muss ich vielleicht noch einmal das Wesentliche deutlicher rausstellen und die Albernheiten einmal außen vor lassen. Natürlich dürfen Männer Klavier spielen, sie dürfen meinetwegen auch nackt drauf tanzen. Auch Rumweinen ist ihnen selbstredend gestattet, ich oute mich ja hier selbst regelmäßig als Heulsuse. Stammleser wissen das. Mit männlichem/weiblichen Rollenverhalten oder Rollenerwartungen hat das nichts zu tun. Das eigentliche Problem lag heute vielmehr darin, daß mir das Auftreten von Chris Garneau nicht als authentisch erschien. Er hat eine Rolle gespielt, die ich ihm in dieser Form nicht abnahm. Deshalb kam auch außer Langeweile emotional nix bei mir rüber. Der Grat zwischen gefühlvollem Spiel und Gefühslduseligkeit/Schwülstigkeit ist oft schmal, heute wurde er überschritten. Schade. Die Kompositionen und Arrangements des neuen Albums El Radio sind nämlich teilweise brillant.

Chris hat aber zumindest immerhin in einer Szene bei mir klar gepunktet. Als das Publikum langanhaltend klatschte, meinte er: "Merci vous êtes gentils- vous êtes bourrés ou quoi?" - "Danke ihr seit nett, seit ihr besoffen oder was?"

Setlist Chris Garneau, Café de la Danse,Paris:

01: Holy Land
02: Hands On The Radio
03: Winter Song # 1
04: Winter Song # 2
05: Pas Grave
06: Relief
07: Castle-Time
08: Dirty Night Clowns
09: No More Pirates
10: Fireflies
11: We Don't Try
12: Over And Over
13: The Cats And Kids
14: Things She Said
15: Pirates Reprise
16: Sugar

17: Sad News
18: October October
19: Baby's Romance

20: Between The Bars (Elliott Smith)

Aber kommen wir doch nun noch einmal auf Rebekka Karijord zu sprechen. Die schwedische Norwegerin (aufgewachsen auf den Lofoten, dann irgendwann mit der Mutter nach Schweden gezogen), hatte mich am Vortag bei einem Showcase im CD Laden Galsrock bereits entzückt und heute spielte sie (fast) die gleichen Titel noch einmal mit einer richtigen Band und einem großen Flügel. An der Gitarre agierte Jacob Snavely von der schwedischen Rockband Dag för Dag und am Schlagzeug ein mir unbekannter Trommler. In dieser Dreierkonstellation klang das Ganze natürlich etwa anders als beim gestrigen Soloauftritt, aber nicht weniger reizvoll. Zwar ging die Reduziertheit zwangsläufig etwas flöten, dafür aber wurde an Oppulenz gewonnen, ohne dadurhc sofort zu bombastisch zu werden. Im Mittelpunkt stand ohnehin Rebekkas einzigartige Stimme. Mit ihrem Goldkhelchen ist die großgewachsene Dame in der Lage, jede einzelne Stimmung auszudrücken. Ob samtweich gehaucht, oder feste geschmettert, immer traf sie stimmlich ins Schwarze. Ihr Timbre ist unvergleichlich sehnsüchtig, flehentlich, aber auch enorm Trost pendend. A propos Trost spendend: in einer der bewegendsten Szenen dieses feinen Konzertes erzählte sie eine kurze Anekdote zu dem Lied Wear It Like A Crown. Ein aus dem Iran stammender Fan war nach einem ihrer Konzerte zu ihr gekommen und hatte ihr erzählt, daß er sich den Text, in dem es um die Bewältigung von Ängsten geht, zu Herzen genommen hat und von nun an seine Angst wie eine Krone tragen wird. Er sei schwul und im Iran herrsche überhaupt keine Toleranz für Homosexuelle, so daß er sich ständig vor Verunglimpfung, Bestrafung oder Verfolgung fürchten müsse. Der Song von Rebekka gebe ihm aber Mut und Hoffnung, besser mit seinen Ängsten umzugehen.

Waer It Like A Crown war dann auch in musikalischer Hinsicht ein Highlight und neben The Modern Art Of Letting Go das beste Lied des Sets. Erwähnung finden muss aber auch das originelle Nirvana Cover, Smells Like Teen Spirit, das manche Zuschauer erst sehr spät erkannten, dann aber voll drauf ansprangen und mitsangen.

Ein sehr stimmungsvolles,
emotionales Konzert, bei dem man auch schön sehen konnte, wie temperamentvoll die Kariijord ist. Hinter dem Flügel hüpfte sie ständig auf ihrem Stühlchen und rannte sogar einmal kurz tanzenderweise über die Bühne, bevor sie ihr Plätzchen zuürckergatterte. Das gab dann auch sofort Standing Ovations. Sehr schön auch ihre Ausflüge an die Harfe. Diese spielte sie nicht wie andere Kolleginnen (Serafina Steer, Joanna Newsom, Gregory and The Hawk) im Sitzen, sondern im Stehen. Ich sagte doch eben, das die Frau Temperament hat und immer in Bewgeung sein muss!

Erstaunlich, daß sie nicht schon viel bekannter ist. Ihrer gewiss nicht schlechten Tour partnerin Ane Brun kann sie allemal das Wasser reichen und Anna Ternheim wirkt neben Rebkka stimmlich sogar recht limitiert.

Also: das neue Album The Noble Art Of Letting Go kaufen!



Dienstag, 20. Juli 2010

Chris Garneau & Holly Miranda, Paris, 19.07.10

0 Kommentare

Konzert: Chris Garneau & Holly Miranda

Ort: Le Nouveau Casino, Paris
Datum: 19.07.10

Zuschauer: recht viele
Konzertdauer: Chris Garneau etwa 50, Holly Miranda circa 65 Minuten



Die 2. Auflage des Pariser Festivals Colors sorgt dafür, daß auch in den heißen Sommermonaten (die für Konzertveranstalter in geschlossenen Clubs eigentlich die typische Saure-Gurken Zeit darstellen) etwas für Indiemusikfans geboten wird. Erstaunlich viele Hauptstädter sind noch nicht in den Urlaub an die Côte d'Azur oder die Bretagne abgedüst und so war es heute dann auch recht voll im Nouveau Casino. Man kann von Glück reden, daß die Location recht gut klimatisiert ist und relativ erträgliche Temperaturen herrschten. Der den Konzertabend eröffnende Amerikaner Chris Garneau hatte trotzdem vorgesorgt. Nur mit einem dunklen Unterhemd bekleidet saß er traumversunken hinter seinem Flügel, klimperte gefühlvoll und hauchte seine Herz-Schmerz Balladen in die Luft. Aber er war nicht ganz alleine gekommen, sondern wurde vortrefflich durch ein richtiges kleines Orchester begleitet. Mein geschultes Auge erspähte eine bildhübsche Cellistin in der Mitte, aber auch zwei Streicher (ein Männlein, ein Weiblein) und eine Trompetensektion. Gerade jene Trompeter die bei ein paar Liedern zum Einsatz kamen, gefielen mir mit Abstand am Besten. Mindestens seit Fanfarlo wurde nicht mehr so schön in ein Blechinstrument geblasen, manchmal erreichte die Tröterei gar Beatlessche Schönheitsdimensionen. Alles klang harmonisch rund und ausgewogen und auch der Sound hätte nicht besser sein können. Wenn doch bloß der Barkeeper mit siner Eishackerie nicht den Vortag gestört hätte! Aus zahlreichen Kehlchen zischte es ihm entgegen, er solle damit sofort aufhören und peinlich berührt stellte er den Lärm (der zur Ausübung seines Jobs gehörte) daraufhin sofort ein. Der Rest war Hörgenuß pur und wenn es Chris Garneau mit seinem Geseufze und Gewimmere nicht manchmal ein wenig übertreiben würde, wäre ich sein größter Fan. An den viel zu früh verstorbenen Großmeister der betörend schönen Melancholie namens Elliott Smith kommt Garneau für mich deshalb noch nicht ran, auch wenn er meinen Helden zum Abschluß coverte (Between The Bars). Dennoch: insgesamt ein traumhaftes Konzert, in dem munter zwischen Songs vom Debüt Music For Tourists (Baby's Romance, Relief) und Neuheiten von El Radio (besonders toll: Fireflies) hin und her gewechselt wurde.

Gut 20 Minuten später ging es mit Holly Miranda und ihrer Band weiter. In den letzten Monaten von der Musikpresse gehypt, hatte es die kesse Lady zur Headlinerin geschafft. Schon erstaunlich, Chris Garneau spielt seit 2 bis 3 Jahren regelmäßig in Paris (er war schon mindestens fünf mal auf den Bühnen der schönen Seine -Metropole zu sehen) und eine Newcomerin schnappt ihm prompt die Hauptrolle weg! Holly wußte ihr Glück aber zu schätzen, betonte mehrfach, wie klasse es für sie sei in dieser tollen Location zu spielen und konnte auch sonst mit ihrem sympatischen Auftreten punkten. Schade insofern, daß ich letztlich doch ein wenig enttäuscht wurde. Die Stimme der Amerikanerin war mir zu soulig/jazzig und rief bisweilen unschöne Assoziationen zu der scheußlichen Engländerin Elie Goulding hervor. Natürlich war die Musik von Holly Miranda nicht so beknackt wie die der blonden Britin, aber mit ihrer Stimme, die auch ein wenig nach Joan As Police Woman klang, konnte ich mich dennoch nicht 100 % anfreuden. Die shoegazigen Gitarren und das fetzige Schlagzeug machten aber einiges wett und so verlebte ich ein passables Set mit viel Druck und wenig Leerlauf. Gegen Ende machte Holly auch noch ihrem Herzen Luft, indem sie angrifflsutig bekannte, daß es doch in heutigen Zeiten eigentlich nicht mehr diskussionswürdig sei, wer wen heiraten dürfe. Ein deutliches Bekenntnis zur Homoehe, ausgesprochen von einer lesbischen jungen Dame, die mit ihrer direkten und authentischen Art (irgendwie erinnerte sie mich im Auftreten auch an Kaki King oder Tegan and Sara) noch viele Fans hinzugewinnen dürfte. Coole Frau, fast gutes Konzert! Hinweis: Holly Miranda tritt am 22. Juli im Hamburger Molotow auf.

Pour nos lecteurs français:

Le Festival Colors proposait ce soir une bien belle affiche: Chris Garneau et Holly Miranda. Deux artistes américains dotés d'une bonne renommé dans les cercles indés et encensé par la critique. Contre la règle "ladys first" c'est le monsieur qui commence:

Chris Garneau: Je me souviens de ce pianiste portant une (assez moche) moustache et de grosses lunettes lors de son concert donné à la Cigale le 7 octobre 2008. Mon étonnement était donc très grand de voir ce jeune homme sans moustache ni lunettes, habillé d'un marcel noir derrière son piano.
Il faut avouer qu'il est beau comme un jeune dieu, les traits très fins, menton marqué et yeux bleus magnifiques. Musicalement le changement est moins radical. Toujours la même voix douce et fragile, presque gémissante, avec des éclats de rébellion post-adolescente. Mais l'instrumentation est bien différente par rapport à la dernière fois. Cette fois-ci pas d'harmonium mais un petit orchestre classique avec violons, violoncelle, trompète et trombone. Et cela fait le plus grand bien au set! La trompète surtout, jubilatoire, presque beatlesque, m'a ravi. Visuellement je suis très charmé par la présence d'une ultra belle violoncelliste qui à l'air super concentré. Malgré tout c'est la voix de Garneau qui donne son cachet au spectacle. Certains la trouvent beaucoup trop maniérée et artificielle, mais je la trouve plutôt touchante et belle. Certes, il y a des moments où le côté larmoyant devient trop, mais c'est son style bien à lui. Le concert profite beaucoup de la prestation savante et harmonieuse ainsi que du bon son et du mélange agréable entre les morceaux du premier album Music For Tourists et du deuxième El Radio. Les temps forts sont certainement Fireflies avec des paroles en partie en français (la première partie, le reste est en anglais) et l'entêtant No More Pirates. Mais les chansons du premier album restent plaisantes à écouter notamment son petit tube Relief. Dommage que le concert s'achève sur une reprise un peu médiocre de mon héros Elliott Smith. Between The Bars reste beaucoup mieux dans sa version originale ce qui prouve que Chris ne peut pas rivaliser avec Elliott, ce qui est tout à fait normal puisque Monsieur Smith était le meilleur chanteur mélancolique de tous les temps!

La pause après dure un peu longtemps, mais j'ai la chance de ne pas être pas loin de la clim qui semble de sortir des murs. 25 minutes plus tard, la soirée reprend enfin:

Holly Miranda: Une fille naturelle et attachante fait son apparition entourée de trois mecs qui restent un peu sans visages. Tous les regards sont rivés vers l'américaine qui a travaillé avec le fameux producteur Dave Sitek (TV On The Radio) pour réaliser son premier album The Magician's Private Library. La brune saluée par le rapeur Kanye West et l'actrice et chanteuse Scarlett Johanson passe aisément du piano à la guitare et nous montre de beaux exemples de son caractère bien trempé. Voix forte et dynamique, visage d'ange variant entre regard rêveur et clin d'oeil carnassier. Stylistiquement le tout n'est pas simple à cataloguer. Il y a du shoegaze, du rock indé, mais aussi un côté blues/jazz surtout pour la voix. (reprise d'Etta James I'd Rather Go Blind) Et c'est un peu mon problème. Je ne suis pas vraiment fan de sa voix, pourtant particulière et ferme. Il m'a semblé qu'elle force et "hurle" un peu trop. Néanmois le concert a eu peu de temps mort et surtout le batteur m'impressionne par son jeu ultra-explosif et sec. Il y a de bons morceaux aussi, notamment Forest Green, Oh Forest Green, l'opener de son album. Vers la fin je commençais à m'ennuyer un peu, mais Holly me réveilla en expliquant que selon elle il ne faudrait plus interdire les mariages gay ("it shouldn't matter what sex you are, as long as there are two people in love"). Elle a bien raison et soudainement je sais à qui elle me fait penser avec son personnage cool, mais naturelle et coquine: à Kaki King et à Tegan and Sara! Une fille super sympa donc, qui finit par une ballade en piano en rappel et se laisse prendre en photo après le concert devant son camion qui l'emmène à l'Amsterdam ou elle jouera au Paradiso le lendemain.

Links:

- sehr schöne Albumbesprechung Chris Garneau-El Radio auf dem Klienicum, klick!
- mehr Fotos von Holly Miranda, klick!
- mehr Fotos von Chris Garneau, klick!
- Jolie chronique de cette soirée en français sur amazinglyblog, click!



Montag, 30. November 2009

Chris Garneau, Köln, 30.11.09

5 Kommentare

Konzert: Chris Garneau
Ort: Motoki Wohnzimmer, Köln
Datum: 30.11.2009
Zuschauer: ausverkauft (80 vielleicht)
Dauer: Chris Garneau 55 min, honig 35 min


Ich konnte mich nicht entscheiden und habe dafür viel Unverständnis geerntet... Denn heute spielten zum einen Pete Doherty, zum anderen Chris Garneau in Köln. Kurz vorher kam ich dann zu dem Schluß, auf alle Fälle erst einmal den amerikanischen Singer/Songwriter im wundervollen Motoki Wohnzimmer anzusehen, um dann eventuell noch den englischen Hutträger in der Essigfabrik zu begutachten. Pete Doherty machte mir einen Strich durch die Rechnung, er begann viel früher als geplant. Daher blieb es bei Chris Garneau - und das war wirklich kein Trostpreis!

Ich glaube, ich war zum dritten Mal im Motoki. Viel zu selten, denn der Konzertort in Ehrenfeld gehört zu den schönsten, die ich kenne. Obwohl wir glaubten, früh zu sein, reichte es nicht für Sofaplätze. Das Motoki Wohnzimmer ist eine Art Loftzimmer, in dem rechts in der Ecke eine kleine Bühne, daneben eine Bar und davor Stühle und Sofas stehen. Wer auf denen keinen Platz findet, steht am Rand oder sitzt irgendwo mittendrin. Eine ungemein entspannte und gemütliche (wenn das Wort nicht so fies wäre, auch gesellige) Art, Konzerte zu erleben. So hielte man auch gut und gerne schlechte Bands aus, aber den Gefallen tat uns das veranstaltende Motoki Kollektiv nicht.

Vor Chris Garneau trat nämlich honig aus Düsseldorf auf und machte dies ganz
ausgezeichnet. Hinter honig verbirgt sich Stefan Honig, der live von Francis Norman an der Viola begleitet wurde. Akustische Gitarre, Viola und Gesang, eine Mischung, die sehr gut funktionierte! Zumindest bis nach dem ersten Lied. Dann trat einer der Organisatoren ans Mikro und sagte, ein paar Autos stünden falsch und würden gleich abgeschleppt. Normalerweise sieht man dann Leute im Publikum, die nach unten gucken und schnell nach draußen gehen. Diesmal traf es den Bratschisten. Ein Zuschauer bot an, den Wagen schnell umzusetzen, der Schlüssel lag aber in der Garderobe und musste erst gesucht werden. Es ging aber offenbar alles gut und honig konnten ohne Unterbrechung weiterspielen!

Die Bratschen-Gitarren-Mischung klang ganz fabelhaft, die ruhigen Lieder passten unglaublich gut
in das Ambiente des Abends. Und quasi als Gegenleistung war das Publikum mucksmäuschenstill; niemand tuschelte, selbst Flaschen fielen nicht um. Ein Publikum also, das man jedem leisen Künstler gönnt, das ich so aber bisher sehr selten einmal erlebt habe.

Nach gut einer halben Stunde war honigs Set um. Ich kannte vorher noch kein Lied, hatte aber großen Spaß an dem kurzen Konzert, ohne wegen des Nichtkennens zu fremdeln.

Chris Garneau gehört auch zu den "müsste ich mich mal mit beschäftigen" - Künstlern. Habe ich aber noch nicht. Aber ich wußte zumindest grob, was mich erwartete. Überrascht war ich, wie schüchtern der Sänger ist. Er muß sich ja wahrlich
nicht verstecken, seine Musik spricht für sich - und ihn. Er wirkte aber vollkommen verschüchtert, fast schon ängstlich oder unsicher. Vielleicht waren wir zu andächtig leise... Sobald er sich auf seine Musik konzentrieren konnte, hinter seinem riesigen Elektropiano saß, war aber alle Unsicherheit weg.

Begleitet wurde der in New York lebende Sänger von einer Cellistin. Auch hier war die Begleitung durch ein Streichinstrument dezent und ganz und gar wundervoll! Obwohl er im Sommer sein zweites Studioalbum veröffentlicht hat, spielte der Amerikaner kaum etwas davon. Wir kennen ja, wie Konzertprogramme von Künstlern üblicherweise aussehen: viel Aktuelles ("unsere neuen Stücke sind immer die, die wir am meisten mögen"), Hits von vorher und vielleicht ein oder zwei Bonbons für Hardcorefans - Cover oder B-Seiten. Chris Garneau schien das zu spielen, auf das er Lust hatte. Das klingt selbstverständlich, ist es aber eben nicht. So fanden sich im Programm also viele
Sachen vom Debüt Music for tourists, zwei Lieder von seiner EP C-Sides und drei nicht-Album Stücke. Am schönsten fand ich Blue suede shoes und den Island song.

Vermutlich hätte ich bei Pete Doherty auch viel Spaß gehabt, mein Abend war aber perfekt und sehr adventlich!

Setlist Chris Garneau, Motoki Wohnzimmer, Köln:

01: neu ("this october...")
02: Fireflies
03: Relief
04: Black & blue
05: Hand on the radio
06: Baby's romance
07: Not nice
08: Wintersong #1
09: Blue suede shoes
10: Island song
11: Sugar

12: Blackout (Z)

Links:

- Chris Garneau in Paris am 07.10.08




Mittwoch, 8. Oktober 2008

My Brightest Diamond, Paris, 07.10.08

4 Kommentare

Konzert: My Brightest Diamond (Chris Garneau, Clare & The Reasons)
Ort: La Cigale, Paris
Datum: 07.10.2008
Zuschauer: nicht ausverkauft

Konzertdauer: My Brightest Diamond ca. 55 Minuten, Chris und Clare jeweils ca. 40 Minuten



Nanu, bin ich hier auf einem Flohmarkt, oder einem Basar gelandet?

Auf dem Merchandising - Tisch in der Cigale kann man nicht nur CDs und Platten der auftretenden Künstler kaufen, sondern auch Plüschpferdchen (in einer Kiste), handgemachte Postkarten für 3 Euro, selbstgestrickte Schals für 18 Euro (überwiegend schwarz) und kristallähnlichen Kunstschmuck, dessen Preis mir entfallen ist. Ob man mit Shara Worden aka My Brightest Diamond handeln kann? Die zierliche Amerikanerin hat den Kram nämlich liebevoll selbst gestaltet und legt persönlich noch ein wenig Hand an, damit die Sachen ordentlich aufgebaut sind.

Der Start einer zweiten Karriere für Shara? Hmm..., ich glaube sie soll besser bei der Musik bleiben, denn dort liegen ganz klar ihre Stärken!

Bevor man sich aber vom Talent von Shara selbst überzeugen konnte, galt es erst noch zwei Vorgruppen zu "erleiden".

Im ersten Falle, Chris Garneau, bezieht sich das Erleiden weniger auf die musikalischen Kompositionen im Allgemeinen - die sind insgesamt ziemlich hübsch - denn auf die weinerliche Stimme des schüchternen Amerikaners, die auf die Dauer ein wenig anstrengend werden kann. Als würde er vor Liebeskummer und Weltschmerz schluchzen, so klang das, was der oberlippenbärtige Brillenträger hinter seinem Piano vortrug.

Lieder voller Melancholie und Sentimentaltät, die meine Sitznachbarin (die Cigale war heute komplett bestuhlt) leise mitsang und mit wehmütigem Blick den Künstler fixierte. Ich persönlich hatte etwas Mühe, mich diesen Klängen hinzugeben, zu angespannt und unkonzentriert war ich.

Irgendwann gelang es aber auch mir, mich sacken zu lassen und abzutauchen zu den vorgetragenen Schmachtnummer, die zu einem Teil vom Debütalbum Music For Tourists, zum anderen Teil von dem 2009 erscheinenden zweiten Werk stammten. Möglicherweise gab es aber auch Stücke von dem sogenannten C Sides Album, das man nur über das französische Label Fargo, das diesen heutigen Abend ausgerichtet hat, beziehen kann.

Logischerweise wurde ich immer bei Sachen von Music For Tourists aufmerksam, da ich die Platte habe und die Lieder gut kenne. Relief z.B., das gleich zu Beginn kam. Nur ins Mikro gehaucht wurden Sätze wie "I love the way you dance we can work it all out", oder We Could laugh In hell together; the devil will find you". Dazu fiedelten gleich drei Streicher (eine Violinistin und zwei Cellisten) um die Wette und Chris seufzte seine ooohhhoos und uhhuhhus mit viel Gefühl ins weite Rund.

Beim zweiten Lied, einem Neuling, kniete er sich an den vorderen Bühenrand und spielte auf einem Instrument, daß ich noch nie zuvor gesehen hatte. Es glich in etwa einem Schifferklavier, wurde aber liegenderweise wie ein Blasebalk nach vorne und hinten bewegt. Verblüffend!

Auch Baby's Romance und Castle Time wurden gespielt und mit sanften Streicherklängen unterlegt. Das war alles recht schön, wurde aber irgendwann ziemlich zäh. Man vermisste die Variationen und war am Ende ziemlich lull und lall. Freunde berichteten sogar hinterher, mich schlafend in meinem Sessel beobachtet zu haben. Üble Nachrede, so etwas, ich habe lediglich meditiert!...

Zu Black & Blue wurde ich noch einmal wach und lauschte aufmerksam dem Text: "I wish I was smaller, a little creepy crawler". Eine Stimmung wie an Weihnachten, so feierlich! Aber leider fehlten die Geschenke und vor allem die Plätzchen. Ich hatte nämlich Hunger!

Auf meinem Sessel zusammengesackt, bekam ich dann noch mit, wie sich Chris, der hervorragend französisch spricht, am Ende gerührt bedankte und mit seiner Band von dannen zog. Leider hatte er nicht das Elliott Smith Cover Between The Bars gespielt...

Soviel Gefühlsduselei hatte mich durstig gemacht, ich musste erst einmal tanken gehen. Als ich wiederkam, hatte Clare und ihre Reasons bereits mit dem ersten Stück begonnen. Von der Seite sah ich, daß die Sängerin genau wie ihre Begleitband komplett in rot gekleidet war und Converse an den Füßen trug.

Ich nahm meinen Platz in der ersten Reihe ein und sah die Amerikanerin jetzt aus nächster Nähe. Sie sah nicht schlecht aus, hatte wundervolle Augen, leider aber auch zwei bis drei Kilo zuviel auf den Hüften. Die Hose und das enge Top spannten recht bedenklich...

Leider gab es auch bei ihrer Musik etwas zuviel. Und das war ganz klar der Zuckerguss, der über jedes Lied üppig drübergeschüttet wurde. Regelrecht klebrig schwappte die Chose zu mir rüber. Man darf kein Diabetiker sein, wenn man Clare & The Reasons rund 40 Minuten lang ertragen will. Stilistisch sollte das Ganze ein luftiger, altmodischer Jazz-Pop sein, der Kritikern teilweise ein entzücktes Jauchzen entlockt haben soll, mir aber schon nach kurzer Zeit auf die Nerven ging.

Gespielt wurden Lieder von dem ersten Album The Movie, das in Amerika bereits 2007 erschien und bei dem solch erlesene Musiker wie Van Dyke Parks und Sufjan Stevens mitgewirkt haben. Ich fragte mich wirklich, wie es möglich ist, daß sich ein Sufjan Steven für einen solchen Käse hergegeben hat. Man höre nur das heute abend ebenfalls präsentierte Rodi oder das auf französisch gesungene Pluton an, um zu wissen, was ich meine!

"Getoppt" wurde das ganze aber noch durch eine Coverversion von (Somewhere) Over The Rainbow. Bei Clare & The Reasons hieß der Klassiker, der ursprünglich in den 3o er Jahren geschrieben und von Judy Garland zum ersten Mal gesungen wurde aber Obama Over The Rainbow. Ohne Worte...

Zum Glück kam danach aber noch eine anderes Cover und das war wirklich gar nicht übel. Everybody Wants To Rule The World nach Tears For Fears klang bei Clare frisch und unverbraucht, genau wie es sein soll.

Irgendwann hatte es sich aber ausgeclart und auch ihr Ehegatte Olivier hatte sowohl seine Flöte als auch seine Geige beiseite gelegt und man konnte sich auf das bald bevorstehende Highlight der Veranstaltung freuen und das war natürlich My Brightest Diamond.

Und über die Dame die hinter dem Pseudonym steckt, Shara Worden, habe ich wirklich schon oft auf dem Konzerttagebuch berichtet. Allein in diesem Jahr habe ich sie dreimal erlebt, zweimal in Frankreich, einmal beim Haldern Pop. Da hatte sie aber nie eine Band dabei, sondern kam immer nur alleine mit ihrer schönen Gibson-Gitarre.

Heute stand ihr aber eine ganze Band zur Seite. Es handelte sich schlichterdings um die Reasons, die zuvor noch bei Clare auf der Bühne agiert hatten. Dort traten die vier noch ganz in rot auf, für My Brightest Diamond hatten sie sich aber passend zur Sängerin schwarz/weiß angezogen.

Shara selbst trug ein sehr interessantes Retro-Outfit. Es bestand aus einem schwarzen Westchen mit Bolero Ärmeln und Krause, worin eine schwarz/weiß karierte Bluse integriert war und einem schwarzen Röckchen, das wie eine lange Bermuda-Short saß. Unten ragte die schwarz/weiß karierte Strumpfhose heraus. Entzückend!

Dergestalt in Schale geworfen konnte eigentlich gar nichts mehr schief gehen. Und es ging mit dem "Oldie" Golden Star auch gleich fetzig los. Die Streicher lieferten sich mit Shara's Gitarre interessante Duelle, es enstand ein famoser Sound, irgendwo zwischen Indie Rock à la PJ Harvey und Kammermusik. Die klassisch ausgebildete Stimme von Fräulein Worden war glasklar und präzise wie immer, es war ein Genuß diesem riesigen Talent zuzuhören!

Mit If I Were Queen ging es thematisch zum ersten Male zum aktuellen Album A Thousand Shark's Teeth. Das dramatisch aufgebaute Lied hatte ich zuvor noch nie live gehört, was ganz einfach daran lag, daß Shara die Streicher nicht zur Verfügung standen. Besonders Olivier Manchon, der Ehemann von Clare (die von den Reasons), tat sich dabei hervor. Mit schwarzem Zylinder gut behütet, fiedelte er hochpräzise die schwierigen Geigenparts. Ein Könner seines Fachs!

Apples bestritt Shara dann wieder mit diesem seltsamen kleinen Instrument, dessen Name ich schändlicherwiese immer noch nicht kenne, bevor mit To Pluto's Moon das definitive Sahnestück des Abends gespielt wurde. Auf der CD wurde dieser famose Track mit traumhaften Harfen aufgenommen und selbst wenn die heute fehlten, war es eine Wonne Shara und den Streichern zuzuhören. Eine Stelle begeisterte mich ganz besonders: Immer wenn Miss Worden "Why did you go like this" schmachtete, wurde ihr Gesang von der Geige und den beiden Celli bekleitet. Und am Ende gab es auch noch verzerrte Gitarrenklänge, es war wirklich ein sehr komplexes Stück.

Die ineinander übergehenden Klassiker Disappear und Dragonfly waren stark wie immer, bevor dann mit From The Top Of The World die neue Single gespielt wurde. Das Stück basiert auf einem Buch von George MacDonald und handelt von dem kleinen Diamond, der auf dem Nordwind dahinreitet.

Poetisch ging es dann auch mit Black And Costaud weiter, denn das Lied wurde von Maurice Ravel 1925 für die Oper L'enfant et les sortilèges geschrieben. Shara bediente sich bei der Interpretation des weißen Kastens, der über eine Art Telefonkabel einen Stimmverzerrer bot.

Auch der Rest des Programms wurde mit neuen Liedern von A Thousand Shark's Teeth bestritten, auf Ice And Storm (Lyrics: I want a storm to blow it out I want to shake myself and turn my heart inside out) folgte das vermutliche beste Stück des Albums, nämlich Inside A Boy.

Und am Ende gab es sogar noch ein Puppentheater zu bewundern! Zunächst wurde eine Leinwand mit einem darauf abgebildeten Schiff hochgehalten und dann bewegten die Reasons zwei kleine Püppchen, einen Herrn in weiß, und eine Dame in schwarz, aufeinander zu. Die Dame hielt dabei rote Rosen in ihrer Hand und irgendwann küssten sich die beiden inniglich. Hierzu wurde auf englisch ein Lied gesungen (Lyrics von G.Parsons), das eigentlich von Edith Piaf stammt: Je n'en connais pas la fin/Hymne à l'amour.

Eigentlich ein perfekter Schluss, denn was sollte nach einer Hymne auf die Liebe eigentlich noch kommen?

Nun, es kam noch der Ukulele-Song. Eine Mitsingnummer, bei der das Publikum den l"alalalala la- singalong" geben muss, die aber nicht zu meinen Favoriten gehört. Das Lächeln, das uns Shara beim Spiel der winzigen Ukulele schenkte, möchte ich aber nicht missen wollen...

Setlist My Brightest Diamond, La Cigale, Paris (Fargo All Stars):

01: Golden Star
02: If I Were Queen
03: Apples
04: To Pluto's Moon
05: Disappear
06: Dragonfly
07: From The Top Of The World
08: Black And Costaud
09: Ice And Storm
10: Inside A Boy
11: Hymne à l'amour (Edith Piaf, English Lyrics By G. Parsons)

12: Ukulele-Song (Z)

Links:

- Bloggerfreund Eike urteilt hier viel positiver über Clare & The Reasons

- Fotos von My Brightest Diamond hier
- Fotos von dem entzückenden Puppentheater hier
- Fotos von der Verabschiedung, rührend!
- mehr Pics von Clare & The Reasons und Chris Garneau

- Video My Brightest Diamond Hymne à l'amour, auf einem Steg umgeben von Wasser, gedreht von La Blogothèque, am besten ist das herzhafte Lachen von Shara am Ende!
- Video zu Disappear, ebenfalls von der Blogothèque
- Chris Garneau, Baby's Romance in einer diesen charmanten Sessions von Le Cargo, hinter seinem Piano mit roten (!) Tasten
- Chris Garneau We Don't Try, gedreht von der Blogothèque, einsam auf Pariser Straßen unterwegs, bis es dann in die Bar geht...




 

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