Sonntag, 16. November 2008

Sigur Ros, Paris, 15.11.2008


Konzert: Sigur Rós (For A Minor Reflection)

Ort: Le Zénith, Paris
Datum: 15.11.2008
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: 90-100 Minuten



Dem bulligen Ordner mit dem Bürstenhaarschnitt gefällt die Musik, die da vorne gespielt wird , nicht.Wahrscheinlich hält er das Ganze für fürchterliches Katzengejammer, das nur verweichlichte und hypersensible Teenager gut finden können. Trotzdem schießt er mit seinem Handy immer mal wieder ein Foto, weil selbst er erkennt, daß die Show sehr spektakulär ist. Der Typ ist zumindest kulant, er läßt die Fans in den ersten Reihen knipsen, wie sie wollen, egal wie groß der Apparat ist. Und abknipsbares Material gab es beim Konzert von Sigur Rós im Pariser Zenith wahrlich reichlich!

Reichhaltig und üppig war auch das Konzertprogramm in der französischen Metropole an jenem 15. November. In der Cigale spielten beim Festival des Inrocks nicht weniger als sechs Gruppen (The Wildbeasts, The Virgins, Seasick Steve, Soko, Friendly Fires, Foals), im Nouveau Casino gab es witzigerweise ein Festival mit deutschen Bands (Festival Music-Allemand, Headliner waren Mouse on Mars und Werle & Stankowski), im Sunset verzauberte Mariee Sioux die Gäste und beim nicht weit von Paris entfernten Festival les Primeurs de Massy gaben sich 22 - Pistepirkko und meine heißgeliebten Syd Matters die Ehre.

Aber leider kann man nun einmal nicht überall dabei sein und so machte ich mich auf den Weg ins Zénith, wo nach Insidermeinungen auch eine ganz tolle Vorgruppe auftreten sollte. Natürlich ein Postrock-Act und - auch nicht ganz unlogisch - wie der Headliner Sigur Rós ebenfalls isländischer Herkunft.

In Punkto Postrock konnten sich die Pariser in den vergangenen Wochen ohnehin nicht beschweren, denn innerhalb kurzer Zeit traten Größen wie Mogwai und A Silver Mt. Zion auf und nun eben auch Sigur Rós.

Ob For A Minor Reflection einmal so bekannt und erfolgreich werden wie ihre Idole? Zu wünschen wäre es ihnen, denn ihr gut 30 minütiges Set war schlicht und einfach grandios! Ich habe höchstens 4 Lieder gezählt, die allesamt hochdramatisch, extrem melodiös und begeisternd waren. Gesungen wurde nicht, aber das war auch nicht nötig, denn was die jungen Burschen mit ihren Gitarren anstellten, war auch so atemberaubend schön und keine Spur eintönig. Sie würden normalerweise vor 15-20 Leuten spielen, meinte der Sänger in einer der kurzen Pausen und freute sich riesig, daß sie im Rahmen der Tournee mit Sigur Rós die Gelegenheit hätten ,vor richtig großem Publikum zu spielen. Die Freude lag auf meiner Seite und auch die Leute, die um mich rumstanden, zeigten sich äußerst angetan, was sich am Ende auch in enorm guten Verkaufszahlen für ihr Debüt-Album ausdrückte, die Scheibchen gingen wahrlich weg wie die warmen Semmeln!

Nach dem Auftritt von For A Minor Reflection warteten alles gespannt auf ihre Helden von Sigur Rós. Was würden sie dem Publikum heute wohl bieten? Meine Erinnerungen an mein letztes Konzert mit den Isländern waren noch recht präsent, ich dachte wieder daran zurück ,wie die Skandinavier 2006 im Olympia für etliche Stücke hinter einem Vorhang spielten, bevor dieser sich irgendwann öffnete und Videos auf einer Leinwand das musikalische Spektakel untermalten.

Heute fiel als erstes der Wassergraben vor der Bühne auf. Wozu sollte der gut sein? War der etwa zur Abkühlung der Fotografen gedacht? - Wohl kaum, aber dem netten deutschen Mädchen, das zufälligerweise vor mir stand, konnte ich auch nicht erklären, wozu er da war. Die junge Konzerttouristin war extra aus München angereist, um Sigur Rós zu sehen und sicherlich gab es auch einige Isländer im Publikum, die das Glück hatten, die Texte und die Ansagen zu verstehen.

Zunächst ging alles recht düster los. Das Licht war nur sehr spärlich und schwach gelblich leuchtend und Videoanimationen konnt ich anfangs keine ausmachen.. Ich war fast schon ein wenig enttäuscht, denn ich hatte mir schließlich eine große Show für meine knapp 50 Euro versprochen. Aber natürlich war das nur ein Warm-Up und die erste spektakuläre Szene gab es, als Sänger Jónsi in dieses seltsame Gerät, eine Art Blasebalg blies (gutinformierte Fans können mir mit Sicherheit sagen, wie dieses kuriose Ding heißt).

Auch bei dem folgenden Ny Batteri blieb es düster, man konnte aber erkennen, wie Sigur Rós - Chef Jón Pór Birgisson seine typische Handbewegung machte..., richtig ich rede natürlich von dem Bearbeiten seiner Gitarre mit dem Geigenstab! Den Gag kannte ich schon vom Konzert im Olympia, die Französin neben mir hatte so etwas aber noch nie gesehen und sperrte deshalb völlig erstaunt ihren Mund sperrangelweit auf.

Die Musik blieb nach wie vor sehr ruhig und sphärisch, bisher war der isländische Geysir noch nicht ausgebrochen. Dafür kam aber diese unglaubliche Falsettstimme von Jónsi glasklar und hochpräzise rüber. Sie ging mir durch Mark und Bein, erfüllte den gesamten riesigen Zenith und hallte noch bis in den letzten Winkel des Saales! Eine melancholische, aber dennoch festliche Atmosphäre machte sich breit und mir wurde schnell ganz warm ums Herz. Im Gegensatz zu einer eher nüchternen und trockenen Band wie Mogwai kommt der sigurrosche Postrock wesentlich gezuckerter und schmachternder rüber, aber gerade diese stilistischen Unterschiede machen den Reiz für mich aus. Der Isländer leidet eben anders als der Schotte, soviel scheint klar!

Inzwischen wurde das rötlich- gelbe Licht etwas heller und man konnte auf der Leinwand er kennen, wie Jónsi mit dem Stab durch seine Gitarre strich. Auch der Sound war wuchtiger und explosiver geworden und unglaubliche langgezogene Silben floßen aus dem Munde des Bandleaders. Er stellte im Laufe des Abends sicherlich Rekorde in dieser Hinsicht auf, die ansonsten nur von Opernsängern erreicht werden. Beeindruckend!

Bei Vio Spilum Endalaust wurde es poppiger, der Song war fast positiv und heiter zu nennen, aber dennoch von dieser unbeschreiblichen skandinavischen Melancholie durchsetzt. Irgendwie erinnerte mich das ein wenig an A-ha, mit denen ich als 37 jähriger in den 80 er Jahren groß geworden bin, aktuell aber auch auch hinsichtlich der Melodieführung und des Bombastes an Gruppen wie Keane, Radiohead und Snow Patrol.

Bei Hoppipolla, dem Hit von dem Vorgänger- Album Takk wurde dies auch noch einmal deutlich. Ein Song, der einen wie auf Flügeln trägt und über den weiten Himmel schweben lässt. Dazu dann noch die zarten Pianoklänge und das sich herantrippelnde Schlagzeug, bevor die Gitarren und der Bass lospoltern, da blieb natürlich kein Auge trocken! Und die Ballons, die man nun schon seit geraumer Zeit hinter einem Vorhang erkennen konnte, schimmerten herrlich blau-grünlich. Das Bühnenbild war perfekt zur Musik ausgewählt, es unterstrich den traümerischen, phasenweise kindlichen Charakter der Stücke auf das Beste!

Besonders spektakulär wurde es dann bei Saeglopur. Zunächst versammelten sich etliche Bandmitglieder - darunter auch der Drummer mit seiner auffällig bunten Krone - um das Piano. Auf der Leinwand konnte man nun das Innenleben des Klavieres bewundern , wenn vorne Töne angeschlagen wurden. Der gekrönte Drumer spielte in der Folge ein glockenhoch klingendes Xylophon und auch dies konnte man hinten mitverfolgen. Aber es wurde noch eindrucksvoller, denn nun sollte man erfahren, warum es diesen Wassergraben vor der Bühne gab: Von der Decke schoß senkrecht Wasser in das Bassin und im Zusammenspiel mit den grünen Lichtern ergab dies unglaublich schöne Reflektionen! Man sah quasi einen weiß-grünen Regenbogen! Zahlreiche Kameras hielten das alles fest und viele Leute im Zénith filmten auch diese beeindruckenden Szenen mit ihrem Fotoapparat oder Handy. Der Himmel hatte seine Schleusen geöffnet und visuell wurde glänzend umgesetzt ,was man oft beim Hören der Musik von Sigur Rós empfindet: Diese urwüchsige Kraft, diese Weite des isländischen Landes und seiner grandiosen Panoramen, diese Erhabenheit und Würde...

Weder musikalisch noch optisch hatten die Nordeuropäer allerdings ihr gesamtes Pulver verschossen. Zu dem famosen Hafsol wurde das Licht rötlich und man sah die Gitarre auf der Leinwand, während bei dem das reguläre Set abschließenden Gobbledigook ein wahres Feuerwerk an schönen Bilder projeziert wurde. Da sah man sprühende Funken, wunderschöne Blumen, mit etwas Phantaise die Iris eines menschlichen Auges und in der Tat etwas ,das an ein Silvesterfeuerwerk erinnerte. Und vor allem waren die Jungs von A Minor Reflection hinzugestoßen. Zusammen wurde ausgelassen musiziert, geklatscht und gesungen, die Stimmung hatte ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht! Das Ganze wurde noch dadurch getoppt, daß nun Konfettikanonen bunte Schnipsel in die Höhe feuerten, die auf die Köpfe der ekstatisch jubelnden Zuschauer niederregten. Auch hier waren die Farbspiele äußerst beeindruckend, man konnte gar nicht aufhören, zu fotografieren!

Danach ließen sich die Helden verdientermaßen feiern, kamen aber noch einmal zu zwei umjubelten Zugaben zurück. Den endgültigen Abschluß markierte das grandiose Popplagio, bei dem erneut ein Konfettiregen - diesmal allerdings ganz in weiß - herniederging und ein sowohl in musikalischer als auch szenischer Sicht hochklassiges Konzert abschloß.

Und daß der eingangs zitierte Ordner das nicht mochte, zeigt, daß die Band , die inzwischen große Hallen füllt, immer noch nicht zu mainstreamig und glatt geworden ist ,trotz des ganzen Bombastes und der poppigen Passagen.

Setlist Sigur Rós, Le Zénith, Paris:

01 Svefn g englar
02 Ný batterí
03 Fljótavik
04 Við spilum endalaust
05 Hoppípolla
06 Með blóðnasir
07 Inní mér syngur vitleysingur
08 Sæglópur
09 E-bow
10 Festival
11 Hafsól
12 Gobbledigook

13 All alright (Z)
14 Popplagið (Z)

Links:

- Sigur Rós im August in Köln
- viele spektakuläre Fotos von Sigur Rós, Paris hier
- Videos:
- Saeglópur live au Zénith, Paris, 15/11/2008
- Ny Batteri live au Zénith, Paris 15/11/2008
- Gobbledigook live au Zénith, Paris, 15/11/2008
- Vio Spilum Endalaust, Zénith, Paris
- Svefn-g-Englar, Zénith, Paris
- lire une chronique du concert de Sigur Rós en francais sur le site karmacoma
- et voici une autre chronique en francais sur adrenalyn.net

Die nächsten Konzerttermine von Sigur Rós:

16.11.2008: Forest National, Brüssel
17.11.2008: Heineken Music Hall, Amsterdam
18.11.2008: Rockhal, Luxemburg



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