Donnerstag, 28. Februar 2008

Islands, Paris, 27.02.08


Konzert: Islands

Ort: Le Point Éphémère, Paris (Point FMR)
Datum: 27.02.2008
Zuschauer: gut gefüllt



Tic Tacs, diese kleinen Kügelchen, die den Atem verbessern, habe ich seit langer Zeit nicht mehr genommen. Irgendwie hatte ich diese Dinger verdrängt. Gestern aber war ich im Kino (seit Ewigkeiten mal wieder) und zwar in dem reizenden Film "Juno" und der Losertyp, der beim Dauerlauf immer Letzter war, am Ende aber doch die süße Juno abkriegt, hat die kleinen Pastillen gleich tonnenweise in sich reingeschüttet. Da dachte ich mir heute: Probier's doch auch mal wider mit Tic Tac, vielleicht fliegen dann auch die schnuckeligen Mädchen auf Dich! Allerdings habe ich die in der Geschmacksrichtung Minze genommen, Orange (die der Kerl im Film mampft) fand' ich schon als Kind immer ein bißchen eklig und außerdem bekommt man davon eine bunte Zunge


Mit geschätzten fünf Kügelchen auf einmal im Mund, kam ich dann etwas abgehetzt im Point FMR an. Ein toller Schuppen, ein altes Fabrikgebäude, daß idyllisch am Canal St. Martin liegt. Zwar sind die Typen, die an diesem Kanal so rumlungern -gerade gegen Abend- nicht unbedingt die vertrauenserweckendsten Menschen von Paris (ganz in der Nähe wurde ich nämlich einmal vor dem MacDonalds fast von einer Jugendbande abgezogen; die Typen sahen meinen Burger und wollten den oder wahlweise Geld haben), aber drinnen sind die Bobos, sprich die Typen, die Bildung haben und sich gerne als Künstler geben, unter sich.

Als ich den Saal mit seinen typischen Stahlkonstruktionen betrat, spielten gerade noch die entzückenden jungen Pariser von Revolver, die ich schon von der Maroquinerie her kannte. Auch heute wieder brachten sie lieblichste Chorgesänge im Stile der Beatles, oder der Zombies und hätten durchaus auch gut den Soundtrack zu "Juno" mitgestalten können. Auch Streicher (Violincello) waren mit dabei und wenn einige musikliebende Pariser nicht aus Prinzip Vorurteile gegen französische Bands hätten (insofern verhält es sich hier ähnlich wie in Deutschland), wären sie noch mit deutlich größerem Applaus verabschiedet worden. Pop de chambre - Kammerpop nennen sie ihren Stil selbst und dies trifft es ziemlich gut; ihre wundervolle Musik, in der es auch prima "Lalala-Passagen gibt, sollte jeder Mensch mit Geschmack kennnen-und liebenlernen.

Als Revolver die Bühne verlassen hatten, traf ich eine nette Französin, die ich beim Festival des Inrocks kennengelernt hatte. Mit frischem Atem konnte ich der Süßen dann die landestypischen Begrüßungsküßchen geben und gemeinsam mit ihrem Begleiter warteten wir auf die Islands. Ich konnte damit punkten, die Islands schon einmal In Haldern (2006) gesehen zu haben. Das Haldern-Pop Festival kann halt eben immer mit interessanten Gruppen aufwarten!

Dann ging das Licht aus und die sechs Musiker legten los. Zunächst verhalten, später aber deutlich schneller und phasenweise auch rockiger. Im Grunde genommen wurde pausenlos Tempo und Rhythmus gewechselt. Auch die Musikstile änderten sich von Stück zu Stück. Mal kamen sie postpunkig, dann wieder postrockig (ein wenig wie A Silver Mt.Zion), ein anderes Mal indierockig (wie Pavement), oder schließlich powerpoppig (wie die New Pornographers) daher. Aufgrund der zwei Geigen, die von flinken asiatischen Fingern gespielt wurden, drängte sich einem aber natürlich in erster Linie der Arcade Fire-Vergleich auf (obwohl die Hidden Cameras stilistisch näher dran wären), die Islands aber als bloße Klone ihrer berühmten kanadischen Landsleute zu bezeichnen, wäre grob unfair. Sie sind vielmehr eine Mischung aus unzähligen guten Indie-Bands (man könnte jetzt auch noch Of Montreal, Clap Your Hands Say Yeah, Final Fantasy, Voxtrot, Spoon und viele andere nennen) und das Ergebnis ist erstaunlich eigenständig. Sie haben im Grunde von allen nordamerikanischen Gruppen irgend etwas. Und das kam beim Publikum ziemlich gut an. Zwar gab es wenige wirklich tanzende Menschen (von Crowdsurfing ganz zu schweigen), aber die Gesichter der Besucher schienen durch die Bank weg heiter und angeregt. Auch die Band fühlte sich sichtbar wohl, Ex-Unicorn Sänger Nick Diamond merkte gleich mehrfach positiv an, daß er ganz begeistert von der "audience" sei:" You make me trippy!".

Ein interessanter Kerl, dieser Nick, ausgestattet mit einer ganz außergewöhnlichen Stimme, die zwischen Conor Oberscher - Verzweiflung und Win Butlerscher - Angriffslust hin-und herschwankte. Manchmal ging sie aber auch Richtung Falsett und dann passte auch der oft gebrachte Of Montreal-Vergleich. Den Tonwechsel kriegte er fast fließend hin, das war schon verblüffend. Auch der Rest der Band wußte zu überraschen. Das gab es die bereits erwähnten hyperaktiven asiatischen Brüder an den Geigen (bzw. in einem Falle auch am Keyboard), einen cool wirkenden farbigen Bassisten, einen euphorischen Drummer und einen hochgewachsenen Gitarristen, der nicht nur durch seine Ansagen auf französisch positiv auffiel, sondern auch durch seinen Instrumentenwechsel von Gitarre zu Saxofon.

Was die gespielten Titel anbelangt, gab es eine Mischung aus bekannten Stücken von dem Vorgängeralbum "Return To The Sea" und neuen, mir logischerweise noch unbekannten Stücken, von dem im Laufe des Jahres erscheinenden Nachfolger. Einer der Neulinge wurde gleich am Anfang gespielt, "The Arm", das man sich auch bei MySpace anhören kann. Bis zur ersten Pause wurde eine gute Stunde musiziert, bevor das Sextett zurückkam und eine Cover-Version von Sinead O'Connor zum Besten gab, "Red Football" ("I'm not no animal in the zoo"). Kannte ich nicht, dafür aber das sehnlich erwartete "Swans", der erfrischende über 9 minütige Opener des letzten Albums, der die bisher größten Begeisterungsstürme auslöste. Danch schien wirklich Feierabend zu sein, aber das angetane Publikum kam abschließend noch in den Genuß des launemachenden "Rough Gem".

Fazit der zwei letzten Tage:

Ich sollte a) mal wieder öfter ins Kino gehen
b) regelmäßig Tic Tac konsumieren
c) häufiger in das von mir zu unrecht vernachlässigte Point FMR pilgern

Setlist Islands, Point FMR, Paris:

01: Vertigo
02: The Arm
03: Creeper
04: Pieces
05: Where There Is A Will There Is A Whalebone
06: Quitter
07: Rushes
08: Abominable Snow
09: Swim
10: Don't Call Me Whitney, Bobby

11: Red Football (Sinead O'Connor Cover)
12: Swans

13: Rough Gem




0 Kommentare :

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates