Nachdem auch der dritte und letzte Abend unseres Besuchs beim Waves Vienna-Festival im Flex stattfand, bleibt nun statt einer Clubvorstellung ein wenig Zeit, vom Festival an sich zu berichten. Ich zitiere zunächst einmal faul von der Wikipedia-Seite: Das Waves Vienna soll ...
"insbesondere noch wenig bzw. eher regional bekannten Bands und Musikern die Möglichkeit bieten, ein größeres Publikum zu erreichen und über Genre- bzw. die jeweiligen Landesgrenzen hinaus bekannt zu werden. Neben den Konzerten finden im Rahmen der Waves Vienna Music Conference Vorträge, Diskussionen und Workshops statt. Einen Schwerpunkt bildet unter dem Motto 'East meets West' die Einladung osteuropäischer Musikschaffender."
Das Festival, bei dem sich die Bandauftritte auf eine Vielzahl von Veranstaltungsorten verteilt, fand dieses Jahr zum dritten Mal statt, erstmalig konnte man 2013 per Shuttlebus auch Konzerte in Bratislava besuchen. Doch bei über 100 Bands in Wien auf 16 Bühnen (für 51 Euro) hatte man vor Ort auch so genug zu tun. Reichlich Informationen bekam jeder Besucher über ein mehr als 200 Seiten dickes Programmbuch. Da wir uns "unsere" Bands bereits vorab ausgesucht hatten, haben wir von den meisten der Veranstaltungsorte überhaupt nichts mitbekommen, was ein wenig schade ist. Andererseits ist es sicherlich befriedigender, sich einige Konzerte aufmerksam anzusehen und -zuhören, als rastlos von einer Bühne zur nächsten zu hetzen und dann doch nichts richtig mitzubekommen. Für Features wie eine stets im Kreis fahrende Straßenbahn, in der DJs auflegen, waren wir möglicherweise sowieso zu alt. Immerhin den "Red Bull Brandwagen", eine winzige Freilichtbühne in einem Minibus, haben wir im Vorbeigehen gesehen.
Gestern Abend war es eigentlich eher ein Vorbeilaufen, denn zwischen Kulturprogramm und Abendessen hatten wir uns zeitlich ein wenig verkalkuliert, so dass wir das Flex nun im Laufschritt ansteuerten, um den ersten Bandauftritt nicht zu verpassen. Tatsächlich stand bei unserem Eintreffen bereits ein einzelner junger Mann auf der Bühne hinter Laptop und Synthesizer und produzierte Eurodico-Sound. Hatte die Band also noch nicht begonnen? Oder hatte Sin Fang, der als Ersatz für The Electric Soft Parade erst verspätet ins Programm aufgenommen worden war, etwa auch abgesagt? Aber halt, an den tätowierten Armen konnten wir erkennen, dass es doch schon Sin Fang war!
Der junge Isländer bestritt seinen Auftritt tatsächlich allein. Wir schienen nur einen Teil des ersten Songs verpasst zu haben, nun folgten einige vom aktuellen, sehr poppigen Album Flowers. Anders als bei seinem Auftritt in Wiesbaden, bei dem meine Versuche, die Setliste mitzuschreiben, durch nuschelige Zwischenansagen vereitelt wurden, kommunizierte Sindri Már Sigfússon dieses Mal vergleichsweise deutlich - auch wenn er für seine "Thank you"s häufig unter seinen Synthesizern verschwand.
Er spielte nicht nur Lieder von Flowers, sondern auch von seinen anderen Veröffentlichungen Summer Echoes und aus dem als Sin Fang Bonus erschienenen Clangou, sowie Walk With You von der Half Dreams EP, zusätzlich noch die anscheinend unveröffentlichten Clinger und Rosemary. Dennoch blieb er als einziger Künstler unter den für ihn angesetzten 45 Minuten. Zumeist war er eingehüllt in Nebel und drehte mit der rechten Hand an irgendwelchen Knöpfchen, während er ins Mikrofon sang, das er in der linken hielt.
Da ich einige Lieder nicht kannte und wir ja außerdem den Beginn verpasst hatten, ist es nur dem mutigen Einsatz meines Begleiters zu verdanken, dass wir doch noch eine vollständige Setliste bekommen haben, er fragte Sindri nämlich einfach später am Merchandise-Stand danach. Bei dieser Gelegenheit erfuhr er auch, dass Sin Fang, wenn er das Vorprogramm bestreitet, stets allein anreist, anders lohnt sich das wohl finanziell nicht. Außerdem bestätigte Sindri die Vermutung, dass wir ihn beim späteren Auftritt seiner Tourneepartner und Landsleute múm noch einmal wiedersehen würden.
Setlist Sin Fang, Waves Vienna Festival, Wien:
01: Clangour and Flutes 02: Clinger 03: Young Boys 04: What's Wrong With Your Eyes 05: Look At The Light 06: Walk With You 07: Rosemary
Nach Sin Fangs Auftritt, der recht gut besucht gewesen war, leerte sich der Saal beinahe vollständig, was mich bezüglich der nun folgenden und uns gänzlich unbekannten Band Kreisky Schlimmes ahnen ließ. Laut Programmheft erwartete uns krachiger Rock aus Österreich in deutscher Sprache und mit guten Texten. Das dann tatsächlich von der Band Gebotene war in jedem Fall tatsächlich sehr laut.
Zu sagen gäbe es dazu auch so einiges, zum Beispiel erklärte Sänger Franz Wenzl durchaus korrekt, dass man sich ein Festivalpublikum stets neu erspielen müsste und gab fortan sein bestes, um das zu Konzertbeginn doch noch zahlreich erschienene Publikum zu überzeugen. Lediglich in der ersten Reihe hatten sich einige Kreisky-T-Shirt-Träger eingefunden, die dann bei einigen Gelegenheiten mitsingen durften - zuletzt beim Brüllen eines häufig wiederholten "Dann gehen wir auch!". Jeder Song wurde als super und ihr größter Hit angekündigt. An einer Stelle erklärte Wenzl, bei einer derartigen Hitdichte müsse man sich "anschiffen", um dann hinzufügen, dass das für das internationale Festivalpublikum schwer zu übersetzen sei.
Die Lieder an sich richteten sich recht zielstrebig an ein Publikum von österreichischen Rockfans und Sprechgesang im Stil von Mark E. Smith. Nachdem ich keines von beiden bin, könnte ich folgerichtig wenig damit anfangen, muss aber zugeben, dass der Auftritt beim Publikum generell sehr gut ankam - es wurden sogar zwei Lieder als Zugaben gespielt - und auch zahlreiche Plattenkäufe auslöste. Immerhin mit einem Lied, Wildnis, konnten Kreisky auch mich zum Schmunzeln bringen, darin hieß es: "Der Mensch gehört nicht in die Wildnis / Das ist wieder die Natur / Der Mensch gehört in eine Wohnung / Auf eine Sofagarnitur".
Zu erwähnen wäre auch noch die Erzählung Wenzls, er habe am Bahnhof in einer Musikzeitschrift eine Liste der "Top 111 deutschsprachigen Songs" gefunden, dann bescheiden erst bei Platz 6 mit der Lektüre begonnen, aber enttäuscht feststellen müssen, dass seine Band überhaupt nicht dabei war. Dem Publikum wurde nun ein Boykott sämtlicher Musikzeitschriften ans Herz gelegt.
Ansonsten war ich eher erleichtert, als das Strobo- und Krachfeuerwerk damit ein Ende fand, dass, während Gitarrist und Bassist noch die letzten Rückkopplungen erzeugten, der Sänger, der zunächst noch mit dem Mikrophon durchs Publikum marschierte und Zuschauer mitsingen ließ, zum Merchandise-Stand ging, in aller Ruhe T-Shirts und CDs auspackte und mit dem Verkauf von LPs begann.
09: Pipelines (Z) 10: Die Menschen sind schlecht (Z)
Nach diesem Stilbruch ging es musikalisch zurück nach Island. Das Publikum verdichtete sich erheblich, und um uns herum entdeckte ich auffällig viele junge Leute mit "Artist"-Anhängern - múm sind bei ihren Musikerkollegen offensichtlich sehr beliebt. Auch Thom Luz von My Heart Belongs To Cecilia Winter, die wir am Vorabend an gleicher Stelle hatten sehen können, fand sich als Zuschauer ein.
Das Konzert der isländischen Band begann höchst dramatisch, indem Schlagzeuger Samuli langsam einen leuchtenden Eimer auf die Bühne trug, schließlich neben dem Schlagzeug abstellte und Klänge erzeugte, in dem er eine Art silbernen Teller darin wusch. Nach und nach kamen auch die anderen Mitglieder der Band auf die Bühne.
Überhaupt machte der Auftritt auch später vielfach einen theatralischen Eindruck. Einen gewissen Kontrast dazu bildeten die trocken-nüchternen Zwischenansagen von Gunnar Örn Tynes, der etwa nach dem ersten Lied Sveitin milli sanda lapidar feststellte: "This was our first song. We will now play our second song." Es folgte nach Slow Down die angekündigte Bühnen-Rückkehr von Sin Fang, der zu The Colourful Stabwound Synthesizer spielte.
Im Mittelpunkt standen die beiden Sängerinnen Silla, die in ein Kleid gehüllt war, das an die Gemälde von Klimt denken ließ, die wir zuvor im Museum gesehen hatten, sowie Gyða Valtýsdóttir, die mittlerweile zu múm zurückgekehrt ist, und an diesem Abend barfuß auftrat und ein dünnes, bauchfreies Oberteil und einen zerfransten Rock aus gleichem Material trug.
Bei The ballad of the broken birdy record wurden wir Zeugen eines sehr seltsamen "Tanzes" von Gyðam der wirkte, als breche sie sich selbst wieder und wieder das Genick, um dann zu Boden zu fallen - das sah ziemlich schmerzhaft aus. Bereits vorher hatte sie mit ihrem überlangen Rock, der aus einem umgehängten Bettlaken zu bestehen schien, eine Art Bandgymnastik veranstaltet. Erinnerungen an die kuriose Bühnenshow von CocoRosie wurden wach.
Wie zu erwarten, kam bei múm eine Fülle von Musikinstrumenten zum Einsatz: Die beiden Sängerinnen betätigten sich an der Melodika (bei unserem Waves Vienna-Besuch eine Art Standardinstrument), einer viereckigen Gitarre, zahlreichen Glöckchen und einem Kontrabass ohne Corpus. Dazu sahen und hörten wir mehrere Gitarren, Synthesizer und eine Mini-Mandoline.
Vor One Smile meldete sich Gunnar nochmals zu Wort und erklärte, dieser Auftritt sei der letzte von múms aktueller Tournee: "We will now crawl back into our cave and not come out for many years!". Besonderen Dank wollte die Band ihrem Fahrer Terry entgegenbringen, dem deshalb auch gleich der nächste Song gewidmet wurde. Vor dem letzten Lied Now there is that fear again wurde auch dem Soundmann und dem Helfer vom Merchandise-Stand explizit gedankt. Nach dem Lied folgte noch eine gemeinsame Verbeugung, dann war, trotz lauter "Zugabe"-Rufe, Schluss - was auch in Ordnung war, die Band hatte die ihr zugedachten 60 Minuten komplett aufgebraucht und im Vergleich zu regulären eigenen Konzerten die Setliste um 5 Songs reduziert.
Damit war gegen kurz nach Mitternacht auch unser erster Besuch beim Waves
Vienna beendet und wir konnten im Hotelzimmer feierlich unsere Bändchen durchschneiden. Ich halte das Konzept des Festivals ohne Festivalgelände für sehr gelungen, die 45-Minuten-Auftritte ermöglichten es außerdem, in kurzer Zeit viele Bands kennenzulernen. Damit, dass man mehr noch als bei einem regulären Festival stets nur Bruchstücke des Line-ups sehen kann, muss man sich als Besucher eben abfinden.
Setlist múm, Waves Vienna Festival, Wien:
01: Sveitin milli sanda 02: Slow down 03: The Colourful Stabwound (zusammen mit Sin Fang) 04: A little Bit, sometimes 05: Green Grass of tunnel 06: The ballad of the broken birdy records 07: Toothwheels 08: One Smile 09: Now there's that fear again
Konzert: Sin Fang & Pascal Pinon Ort: Das Bett, Frankfurt Datum: 03.06.2013 Zuschauer: 55 Dauer: Sin Fang 60 min, Pascal Pinon gut 45 min
Gestern machte die Meldung die Runde, daß das Boot Boo Hook Festival in Hannover nicht stattfindet und die Betreibergesellschaft Insolvenz angemeldet hat. Laut Hannoverscher Allgemeine waren gerade mal 600 Tickets verkauft worden, obwohl das Lineup sehr attraktiv war (The Thermals!). Wir wollen alle immer, daß alles möglichst indie ist, vollkommen unabhängig von Leuten, die Konzerte und Festivals nicht der Liebe zur Musik wegen sondern wegen der Verdienstmöglichkeiten veranstalten, sind dann aber auch selbst so indie, daß die das gefälligst auch ohne uns hinbekommen sollen. Als Gegenleistung muß dann eben ein "like" bei Facebook reichen! Hey, wir sind schließlich die Generation unverbindlich!
Durch Facebook-Likes finanzieren sich aber keine Festivals oder Konzerte. Und daß die in Zeiten, in denen scheinbar niemand mehr bereit ist, für die Musik, die er hört, Geld auszugeben, für Künstler existenziell wichtig sind, ist dann eben auch egal. Es wäre natürlich vermessen zu behaupten, Oliver und ich hätten diese Website 2006 gegründet, um Bands zu unterstützen. Blödsinn! Wir haben mit dem Tagebuch-Schreiben angefangen, weil wir uns an Konzerte auch in ein paar Jahren noch erinnern wollten. Aber durch das Bloggen lernt man auch immer mehr darüber, wie die wirtschaftliche Seite hinter Bands und Veranstaltungen aussieht. Ich empfand zum Beispiel Spotify als clevere Alternative, um Musik zu entdecken, die ich mir dann gekauft hätte, wenn sie mir gefallen hätte. Glücklicherweise hielt diese Meinung nur ein paar Tage. Dann las ich nämlich einen Artikel der beiden Galaxie 500 Mitbegründer Naomi Yang und Damon Krukowski über deren Quartalsabrechung von Streaming-Diensten und habe Spotify seitdem nicht mehr angerührt. Natürlich ist es besser, ein paar Pfennig zu bekommen als nichts. Aber man unterstützt auch weiter das System, das Musik nicht als Kunst sondern billigste Massenware einstuft. Aktiv an der Zerstöung von etwas mitzuwirken, was man liebt, ist absurd und lässt uns irgendwann alle nur noch David Guetta hören, weil es nichts anderes mehr gibt.
Wie oft sind in den vergangenen Jahren Konzerte abgesagt worden, auf die ich mich sehr gefreut hatte, weil im Vorverkauf nicht genug Karten verkauft worden waren. Die Veranstalter nennen das das "produktionstechnische Gründe", die Wahrheit ist, daß es sich für eine US-Band nur schwerlich lohnt, für zehn Tage nach Deutschland zu kommen, um dann acht Konzerte à 20 Kartenvorkäufe zu spielen.
Bei meinem gestrigen Konzert sah es nicht viel besser aus. 55 Leute waren am Ende wohl da, davon müssen ein Club mit mehreren Angestellten und sieben Künstler plus Techniker und Tourmanager leben. Natürlich sind Sin Fang kein großer Name, Pascal Pinon, die isländischen Schwestern, die der Hauptgrund meines Besuchs waren, erst recht nicht. Aber beide Bands machen tausendfach bessere Musik als die, die in den Hitparaden (und den meisten Radios) auftauchen. Als die beiden Schwestern Jófrídur und Ásthildur Ákadóttir auf die Bühne kamen, waren eine Handvoll Zuschauer im Bett. Sie begannen trotzdem früh (sie schienen nämlich auch früh wegzumüssen). Den Auftakt bildete ein Stück, das sie bisher nie gespielt hätten, und das ich leider nicht erkannte. Mitschreiben ist bei Bands, die häufig auf Isländisch singen, so eine Sache (wobei die Ausrede hier nicht gilt, weil das Lied einen englischen Text hatte). Wie restlos alles der Schwestern gefiel mir der Auftakt sehr! Um Ásthildur, die links sitzende Musikerin, machte ich mir aber ein wenig Sorgen, sie wirkte, als schliefe sie gleich ein, das Touren scheint anstrengend zu sein! Mir gefiel bei meine ersten Konzert der beiden in Darmstadt schon sehr, daß neben der ausgezeichneten Musik eine ganze Menge Unterhaltung zischen den Leidern geboten wird. Zum einen sind Jófridurs Ansagen herrlich, wenn sie den Hintergrund des Stücks Fernando erklärt (über eine unglückliche Liebe ihrer Freundin, die den Text geschrieben hat, zum Fußballer Fernando Torres) oder mit ihrer Schwester streitet, wie weit die Insel Þerney vom Festland weg ist, um zu erklären, daß beim Rudern (oder Segeln) dahin die Demoaufnahme zu Þerney (One thing) stattfand. "10 min" - "nein, 20" - "15 höchstens!"
Zum anderen sind da aber noch die vielen kleinen Pannen, die Konzerte der beiden besonders charmant machen! Ásthildur hatte das MacBook backstage vergessen und rannte nach dem Auftaktstück schnell los, um es zu holen. Dann knallte dauernd irgendein Mikro runter, mal fehlten die Stromkabel in der Gitarre! Aber der herrliche Slapstick endet sofort, wenn die Schwestern singen. Ihre Lieder sind verhutschelt aber enorm schön, haben wundervolle Melodien und Instrumentierungen.
Bei Ekki vanmeta kam zum Beispiel ein Walkman zum Einsatz, um ein Schlagzeug zu ersetzen. Eigentlich spielt eine Freundin der beiden diesen Schlagzeug-Part - auf einem pinken Barbie Kinder-Klavier. Das habe aber albern ausgesehen bei Konzerten, also wurde sie durch den Walkman ersetzt. Überhaupt sei ihre ursprüngliche Band nach und nach verschwunden. Es war zwar alles ganz hervorragend, ein Highlight war aber die Zugabe, zu der der Sin Fang Frontmann erstmals auf die Bühne kam. Gemeinsam mit Sindri Már Sigfússon und dessen Bassisten spielten die Pascal Pinons ein neues Stück namens Babies, das die Bands gemeinsam vor wenigen Tagen geschrieben haben. Babies mit dem Gesang aller vier am Ende, mit Blockflöten-Begleitung des Sin Fang Bassisten, war ein ganz großer Knüller und wird hoffentlich veröffentlicht!
Setlist Pascal Pinon, Das Bett, Frankfurt: 01: ? 02: Bloom 03: Ekki vanmeta 04: Fernando 05: Evgeny kissin 06: Somewhere 07: Þerney (One thing) 08: 53 09: Babies (neu) (mit Sindri Már Sigfússon) (Z)
Um 21.45 begann dann das Hauptprogramm mit weiteren Isländern. Sin Fang ist das Soloprojekt des Seabear Gründers Sindri Már Sigfússon, wobei Seabear ursprünglich ein Soloprojekt war und bei Sin Fang fünf Musiker auf der Bühne standen. Zu kompliziert? Willkommen in Island! Was hat uns dieses kleine Land für großartige Musik geschenkt. Leider komme ich nicht nach, all die tollen isländischen Künstler für mich zu entdecken, dafür gibt es zu viele. Von den hörenswerten deutschen Bands kenne ich dagegen bestimmt einen Großteil (gut, das ist einfach).
Sindris Soloprojekt wurde von vier Musikern unterstützt. Von einem eher unscheinbar wirkenden Gitarristen, dem bereits erwähnten Bassisten, der eine rot-schwarz karierte Hose trug, einem Schlagzeuger mit Baseballkappe und Chicago Bulls Trikot und komischem Blick und einem Keyboarder, der vor mir stand und eine ganz merkwürdige Hose trug. Beim Aufbau hatte er noch Shorts getragen, während des Konzerts war da etwas rot-weiß-blau Gewickeltes. Vielleicht eine Tracht, passend zum Pulli? "Unser Keyboarder trägt eine Jacke als Hose", klärte Sindri auf. Eine Sportjacke, um genau zu sein. So verpeilt wie die Kleidung wirkte auch die ganze Show. Die Lieder gefielen mir zum großen Teil sehr, die Band wirkte aber müde, vielleicht lustlos. Die Tour war lang, das Konzert in der letzten großen Stadt viel zu leer, das drückt sicher aufs Gemüt. In Sindris Musik scheint ohnehin eine ganze Menge an Sehnsucht zu stecken, erstaunlich viele Lieder haben "light" im Titel. Catch the light, Slow lights, Look at the light oder Sunbeam. So monothematisch die Titel, so abwechslungsreich die Melodien. Mal klingen Sin Fang melancholisch, mal flotter (nach Vampire Weekend), mal nach den Strokes. Das an die Strokes erinnerde Stück See ribs war mein Liebling des Abends. Toll wurde es auch immer dann, wenn der Jackenhosen-Keyboarder Horn spielte. Kornetts gehören in meinen Ohren zu den großartigsten Instrumenten überhaupt. Daß mindestens ein Mitglied einer isländischen Band auch dieses Instrument beherrscht, ist selbstverständlich bei all dem Talent auf der Insel. Sindri zog irgendwann sein Kaputzenshirt aus und entschuldigte sich, daß er nur noch ein ärmelloses Shirt anhabe. "Ich habe mich verschätzt, als ich meine T-Shirts für die Tour rausgelegt habe. Ich dachte, es sei warm. Jetzt habe ich nur noch zwei ärmellose übrig." Sehr höflich! Sin Fang haben ein schönes Konzert gespielt, Pascal Pinon aber das schönere. Beim Merch lagen dann wieder die isländischen Männer vorne: von denen gab es Sin Fang Skateboards. Daß als Versuch zu deuten, ein weiteres Einnahmen-Standbein zu schaffen, ist aber dann vermutlich doch etwas weit hergeholt.
Setlist Sin Fang, Das Bett, Frankfurt:
01: Catch the light 02: Slow lights 03: Nothings 04: Everything alright 05: Always everything 06: Look at the light 07: Sunbeam 08: My weird heart 09: See ribs 10: Young boys 11: What's wrong with your eyes
12: Walk with you (Sindri Már Sigfússon solo) (Z) 13: Clangour and flute (Z)
Konzert: Sin Fang Ort: Schlachthof Wiesbaden Datum: 07.06.2012
Bericht und Fotos von Ursula aus Frankfurt
Grr! Sin Fang ohne Sóley im Wiesbadener Schlachthof Beide kommen aus Island, beide spielen bei Seabear, beide veröffentlichen ihre Alben über Morr Musik und beide sind wunderbar. Sie (Sóley) vielleicht derzeit noch etwas mehr als er (Sinn Fang). Und beide sollten gemeinsam im Wiesbadener Schlachthof ein Konzert spielen - ausgerechnet zeitgleich zum Finale von Germany‘s Next Top Model, was bei uns zu leichten Diskussionen über die wünschenswerte Abendgestaltung führte. Die Kultur siegte. Also das Konzert.
Nachmittags wurden noch einmal schnell die Rahmenbedingungen per Homepage des Veranstalters überprüft (Konzert von 20 bis 23 Uhr, Eintritt 13 Euro), da wir nicht umsonst durch die sintflutartigen Regenfälle in die hessische Landeshauptstadt fahren wollten. Pünktlich trafen wir in Wiesbaden ein, doch die Türen blieben zunächst verschlossen, und so sammelte sich vor dem Schlachthof eine immer größer werdende Menschenmenge an. Irgendwann, weit nach 20 Uhr, hatte das Warten aber ein Ende, und wir konnten die Konzerthalle betreten. Jedoch erwartete uns an der Kasse ein Schild, das darauf hinwies, dass das Konzert von Sóley krankheitsbedingt ausfallen müsse. Dabei war die Vorfreude auf die Live-Darbietung ihres Solodebüts „We Sink“ (http:// plattenvorgericht.blogspot.de/2011/09/soley-we-sink.html) doch so groß gewesen! Na ja, zumindest die von einem von uns.
Während einseitig und erfolglos der Vorschlag unterbreitet wurde, zum Public Viewing der Finalübertragung zu gehen, wurden wir in der Schlange weiter nach vorne geschoben, zahlten nahezu automatisch den ermäßigten Eintritt von 10 Euro und bekamen den Stempel verpasst, der unser beider aktuelle Stimmung recht gut wiedergab: Grr! Innen bekamen wir noch reichlich Zeit, um uns über das Verpassen von Sóley Stefánsdóttir (bzw. Heidi Klum) auszulassen, bis Sin Fang nach 21 Uhr endlich die Bühne betreten sollten.
Sindri Már Sigfússon wurde von einem Sitz- und einem Stehschlagzeuger, einem Bassisten und einem Gitarristen, der sich seine Effektgeräte aus Tunfischdosen selbst zusammengebastelt hatte, begleitet. Sigfússon nutze die drei auf ihn wartenden Mikrofone, spielte Gitarre und streute sehr spärlich Samples und Effekte mit Hilfe seines Macbooks ein, so dass die Liveumsetzung deutlich weniger experimentierfreudig war als auf seinen Alben „Clangour“ (als Sin Fang Bous, http://plattenvorgericht.blogspot.de/ 2009/0 /sin-fang-bous-clangour.html ) und „Summer Echoes“ (http://plattenvorgericht.blogspot.d /2011/03/sin-fang- summer-echoes.html ).
Das Konzert wurde mit „Nothings“ und „Always everything“ eröffnet, und auch wenn Sigfússon die meisten Titel vorher höflich nannte, war bei den Ansagen der entscheidende Teil häufig recht unverständlich: The next Song is called „Rgnf“ (oder so ähnlich). Zudem baute er nicht nur Songs seiner noch sehr neuen EP „Half Dreams“ ein, sondern auch bisher unveröffentlichte Lieder, so dass sich zwischendurch auch die Mitmusiker über anstehende Akkorde verständigen mussten.
Eine Verständigung erfolgte dank einer mitfühlenden Freundin auch mit Hilfe der App „WhatsApp“ über die aktuellen Geschehnisse bei GNTM. Die Kommunikationsfrequenz zwischen Sindri Sigfússon und dem Publikum war stellenweise deutlich geringer als die auf meinem iPhone zum Thema Modelfinale.Zwischendurch fragte er jedoch, ob heute ein Feiertag in Deutschland sein und reagierte auf die scherzhaft gemeinte Übersetzung „Happy Kadaver Day“ mit der Rückfrage, ob das wirklich ein christlicher Feiertag sei.
Nach elf Titeln beendeten Sin Fang ihr Set, Sigfússon kam jedoch für zwei Zugabelieder, die er allein am Keyboard bestritt, zurück. Er teilte uns mit, dass er den noch nicht veröffentlichen Titel „Look at the Light“ am Abend zuvor in Paris recht manierlich hinbekommen habe und hoffe, dass ihm dies auch nun gelingen würde. Muss es wohl, denn er und seine Mitstreiter wurden anschließend zu einer weiteren Zugabe auf die Bühne geklatscht.
Bei dieser standen die fünf Musiker jedoch zunächst ein wenig untätig herum und mussten sich erst einmal auf einen Titel einigen. Aus dem Publikum wurde „Cat Piano“ von Seabear gewünscht, jedoch mit dem Hinweis, dass sie den Song nicht mehr spielen könnten, abgelehnt. Da dieses Mal noch nicht einmal eine verhallte und vernuschelte Ansage erfolgte, blieb uns der Titel des letzten Liedes leider verborgen. Nachdem wir als „handsome, wonderful and nice“ bezeichnet worden waren, verließen Sin Fang endgültig die Bühne – vermutlich, um gemeinsam mit Sóley die letzte Stunde von Germanys Next Top Model zu schauen. Uns dagegen blieb nach der Heimfahrt nur noch die doofe Aftershowsendung bei Pro Siebens Red.
Setliste:
Nothings Always everything Everything is all right (neu) Slow lights Catch the light Clangour and flutes Only Eyes Because of the blood The Jubilee Choruses Sea (?) Sunbeam
Konzert: Sin Fang & Sóley (We Were Evergreen) Ort: La Flèche d'or, Paris Datum: 09.09.2011 Zuschauer: etwa 250 Raumtemperatur: 75 ° Celsius
Deutsch-isländischer Abend in der erneut brütend heißen Pariser Flèche d'or. Isländisch, weil mit Sóley und Sin Fang zwei der auftretenden Künstler aus dem skandinavischen Land stammten, deutsch, weil deren famoses Label Morr Music in Berlin beheimatet ist.
Soley Stefánsdóttir machte den Anfang. Die junge Pianistin mit der riesigen schwarzgerahmten Brille und dem Dutt kannte ich schon von Konzerten von Seabear her. Nun wandelt sie also auf Solopfaden und ihr erstes Album We Sink hat auf Anhieb hervorrragende Kritiken bekommen. Vergleiche mit Björk, Kate Bush, Joanna Newsom und anderen eigenwilligen Chanteusen wurden bemüht und Allmusic.com nannte in seiner überaus wohlwollenden Rezension auch Mazzy Star und Julee Cruise.
Aber all dieses Namedropping verkennt die eigene Persönlichkeit von Soley und die vielen privaten Geschichten und Beobachtungen, die in ihren wundervollen Songs zum Ausdruck kommen. In Paris gab Sóley oft Kostproben von ihrem trockenen Humor und ihrem liebenswürdigen Charakter preis. Angesichts der brütenden Hitze in der Location meinte sie: "Why is it so hot in here? In Island it's already winter! We are cold people in Island, barely touching each other when we say hello, you in France are hot, kissing all the time." Köstlich auch ihr isländischer Akzent beim Erzählen dieser Ankedoten. Sie rollte das "r" und hatte auch sonst ihre ganz eigene Betonung parat.
In den Liedern selbst hörte man dies aber kaum, da klang ihr englisch perfekt und geschmeidig, ganz wie ihr gefühlvolles Pianospiel. Traumhafte Lieder hatte sie in Hülle und Fülle zu bieten. Sie hießen Smashed Birds, Read Your Book oderBlue Leaves und waren alle so melancholisch, intim und zärtlich, daß ich mir oft ein innerliches Schluchzen kaum verkneifen konnte. Die Instrumentierung blieb hierbei relativ sparsam, zu ihrem Piano gesellte sich auch das Schlagzeugspiel ihres blonden Drummers und ab und an loopte Sóley ein paar Sequenzen. Ihre traurige Kleinmädchenstimme war aber ohnehin das Beste überhaupt.
Schade insofern, daß ich hinterher so knauserig und zaghaft war und nicht ihr Album gekauft habe. Ich hole dieses Versäumnis aber in den nächsten Tagen nach, schließlich will ich nicht eines der schönsten Alben von 2011 verpasst haben!
Bericht Sin Fang in Kürze, dann auch Fotos!
Tourdaten von Sóley und Sin Fang:
10.09.2011: No Smoking Gallery, Strasburg 11.09.2011: Tab Tab, Schaffhausen, Schweiz 12.09.2011: Sud, Basel 13.09.2011: Le Romandie, Lausanne 14.09.2011: Rote Sonne, München 15.09.2011: Berghain, Berlin 16.09.2011: Scheune, Dresden 30.09.2011: Waves Festival, Wien
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