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Sonntag, 4. August 2024

Anna Ternheim, Würzburg, 03.08.24

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Konzert: Anna Ternheim
Ort: Alter Hafen, Würzburg (Würzburger Hafensommer)
Datum: 03.04.2024
Dauer: knapp 55 min
Zuschauer: fast ausverkauft



"So they are telling us, we have to stop?"
Ein Abbruch hing seit einer Weile in den Gewitterwolken über Würzburg, nach zehn Lieder musste der Veranstalter ihn dann erklären. Der Deutsche Wetterdienst hatte eine Unwetterwarnung herausgegeben. Anna Ternheims Band hatte gerade die letzten Takte von A French love gespielt, als der Leiter des Kulturamts auf die Bühne kam. 
Kurz bevor es um 20 Uhr losgehen sollte, hatte ein heftiger Starkregenguss für eine Verschiebung gesorgt. Das Wetterradar sage in zwanzig Minuten ein anderthalbstündiges Fenster ohne Regen voraus, man fange also nach dem Schauer an. Open-Air-Konzerte in Zeiten des Klimawandels. Wer weiß, wie lange so etwas überhaupt noch möglich ist.


Obwohl ich Anna Ternheim sehr oft gesehen habe, liegt mein letztes Konzert bereits fünf Jahre zurück. Damals hatte die Schwedin in der Elbphilharmonie gespielt. Auch wenn wir oft über ihre Auftritte geschrieben haben, war es immer spannend, in welcher Konstellation Anna spielen würde. Mal waren es Solokonzerte, mal mit Band, mal mit Chor, keine Tour war wie die vorherige. Ich wusste nicht, wie es diesmal sein würde und ließ mich überraschen.

Als der erste Regen vorbei war, kam die Sängerin mit einem Keyboarder, einem Gitarristen und einem Schlagzeuger auf die schwimmende Bühne im alten Würzburger Hafen. Instrumen
tierung und ihre Leder-Motorradjacke waren schon ein Hinweis, dass es eher rockig als akustisch werden würde. Aber das gute Rockig ohne fiese Gitarrensoli. Es erinnerte mich an meine ersten Konzerte von ihr 2006 oder 2007 und war toll!

Das Gelände des Würzburger Konzertsommers ist wunderschön! Die Bühne befindet sich auf einer Metallplattform im Hafen, verbunden durch eine kleine Brücke. Dahinter bilden Betonstufen eine Art Amphitheater, dahinter wiederum eine bestuhlte Tribüne, die von einem spektakulären Dach überdeckt wird. Hinter dem Gelände befindet sich ein Heizkraftwerk, neben der Bühne ein riesiger Verladekram, ein wirklich spannender Ort für Konzerte. Einziger Nachteil: die Distanz zur Bühne ist groß, sicherlich ein Grund dafür, dass alle saßen - obwohl es ja vorher in Strömen geschüttet hatte. Erst gegen Ende des Konzerts tanzte eine Handvoll Menschen. 


Anna Ternheims
letztes Album A space for lost time ist 2019 erschienen, das Konzert war also ein Best-of aus allen Phasen der Karriere, also auch viele alte Lieblinge. Es begann mit dem tollen Girl laying down von der ersten Platte Separation Road. Spannend wurde es danach. Ich mochte die Lieder von Leaving on a mayday auf der damaligen Tour nicht so sehr. Mir war das viel zu soulig, es gab Chöre. Besonders mit Summer rain tat ich mich sehr schwer. In der aktuellen Version war es großartig! 


Apropos Versionen... Anna spielte wie so oft mehrere Cover, I'm on fire von Bruce Springsteen und Show me the meaning of being lonely von den Backstreet Boys. "Meine Schwester mochte die Backstreet Boys, ich war auf einem ganz anderen Pfad. Aber das Lied musste ich für mich kapern und ruinieren." Wie viele andere Cover, die sie spielt, sind es wirklich eigene Stücke, gekapert und viel besser gemacht. Bei Show me... ging Anna irgendwann der Text aus. "Ihr müsst mir helfen, wenn Ihr mir den Text nicht nennen könnt, muss ich es abbrechen." Sie erinnerte sich und spielte es zu Ende.  

Das fremde Lied, auf das ich seit Jahren hoffe (Elegi von Lars Winnerbäck), hatte sie im Frühling in der Haldern Pop-Bar gespielt, in Würzburg nicht. Irgendwann...!


Besonders gefreut hat mich Walking aimlessly vom Nashville-Album The night visitor. Was für ein tolles Lied, das ich vergessen hatte. The night visitor und Somebody outside verkaufte Anna übrigens am Merch-Stand auf Kassette. 


Als der Veranstalter auf die Bühne kam, ging es plötzlich ganz schnell. Wie klug der Abbruch war, zeigte sich fünf Minuten später, als ich gerade im Auto sass und sich alle Dämme öffneten. Mit Summer rain hatte das gar nichts zu tun, wir müssen uns aber leider wohl auf solche Starkregen einstellen. 


Auch trotz des Regens waren Konzert und Rahmen wundervoll. Leider ist der Hafensommer jetzt beendet, die Veranstaltung gibt es aber seit 2007, also bitte nächstes Jahr ausprobieren!

Setlist Anna Ternheim, Würzburger Hafensommer:

01: Girl laying down
02: Black sunday afternoon
03: Everytime we fall
04: I say no
05: The longer the waiting (the sweeter the kiss)
06: Walking aimlessly
07: When you were mine
08: Show me the meaning of being lonely (Backstreet Boys Cover)
09: Better be
10: I'm on fire (Bruce Springsteen Cover)
11: Summer rain
12: A French love
- Unwetterabbruch -

Links: 

- unser Ternheim-Verzeichnis:
- Anna Ternheim, Hamburg, 20.09.19
- Anna Ternheim, Stuttgart, 18.11.17
- Anna Ternheim, Frankfurt, 10.04.16
- Anna Ternheim, Freiburg, 21.02.12
- Anna Ternheim, Frankfurt, 19.02.12
- Anna Ternheim, Köln, 11.02.12
- Anna Ternheim, Berlin, 03.11.11
- Anna Ternheim, Nyköping, 24.11.09
- Anna Ternheim, Paris, 23.09.09
- Anna Ternheim, Fribourg, 20.09.09
- Anna Ternheim, Köln, 13.09.09
- Anna Ternheim, Haldern, 14.08.09
- Anna Ternheim, Paris, 29.04.09
- Anna Ternheim, Frankfurt, 28.04.09
- Anna Ternheim, Nijmegen, 24.04.09
- Anna Ternheim, Stockholm, 08.12.08
- Anna Ternheim, Paris, 01.10.07
- Anna Ternheim, Köln, 26.09.07
- Anna Ternheim, Heidelberg, 25.09.07
- Anna Ternheim, Paris, 31.05.07
- Anna Ternheim, Köln, 12.03.07
- Anna Ternheim, Paris, 12.12.06





Donnerstag, 14. August 2014

Suzanne Vega, Würzburg, 29.07.2014

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Konzert: Suzanne Vega
Vorband: Maurizio Minardi
Ort: Posthalle, Würzburg
Datum: 29.07.2014
Dauer: 95 Minuten
Zuschauer: maximal 1000
 
 
Bericht von Matthias aus Oberhessen
Der Hafensommer in Würzburg hat inzwischen schon Tradition. Die New Yorker Singer/Songwriterin Suzanne Vega trat hier bereits 2011 auf. So freuten wir uns auf einen lauen Sommerabend am Mainufer, den Blick auf die fränkischen Weinberge untermalt von coolen Songs über Großstadtmenschen. Ein heftiger Gewitterregen auf der Autobahn war ein Omen dafür, dass es anders kommen würde. Eher zufällig erfuhren wir von der Verlegung der Veranstaltung in die Posthalle am Bahnhof, ein bunkerähnlicher Saal, der den aushängenden Plakaten nach zu urteilen, von deutschen Pseudo-Gangsta-Rappern häufig frequentiert wird. Trotz der fehlenden Kultursommer-Atmosphäre wurde es aber ein gelungener Konzertabend, und für mich als Veteran von einem Dutzend Suzanne Vega-Konzerten ein besonders herausragendes.
Als Support angekündigt, könnte man Maurizio Minardi auch als Co-Headliner bezeichnen, zumindest der Länge seines Sets nach. In der Besetzung Minardi (Akkordeon/Keyboards) und Shirley Smart (Cello) bot der in London lebende italienische Komponist, der aussieht wie ein jüngerer Sting, gepflegt-langweilige Akkordeonmusik zum Besten, wie man sie etwa aus dem Film „Amelie“ zu Genüge kennt. Perfekt für ein Picknick an einem lauen Sommerabend am Main, in einer tristen, den baulichen Charme der 70’er Jahre verströmenden Mehrzweckhalle, wollte der Funken nicht überspringen. Zumindest nicht bei mir, das anwesende Kultursommer-Publikum delektierte sich durchaus an Minardis, mal nach Ennio Morricone, mal nach Peter Greenaway-Filmen klingenden Instrumentalstücken. Dazu mögen vor allem seine charmanten Ansagen, auf Englisch mit italienischem Akzent, beigetragen haben. Der Mann ist ohne Zweifel ein guter Conférencier, ebenso wie ein hervorragender Jazzpianist, was gelegentlich durchscheint. Sein etwa 50-minütiges Set war für mich auf jeden Fall zu viel des Guten. Aber ich wartete auch ungeduldig auf Suzanne Vega, die ich einige Jahre nicht mehr live gesehen hatte.
Ich bin ja ein Fan der ersten Stunde, von ihrem ersten Deutschland-Konzert in Hamburg 1985 bis heute. Über die Jahre habe ich sie etwa ein Dutzend Mal live gesehen. Vor zehn Leuten 1985, nach den Hits „Luka“ und „Tom’s Diner“ in der Alten Oper in Frankfurt vor einigen tausend Zuschauern. In den 90’er Jahren wurden dann die Hallen wieder kleiner und die Festivalauftritte zahlreicher. Über 20 Jahre lang spielte sie in Bandbesetzung gemäßigten Folk-Pop ohne große Überraschungen; gerade die Austauschbarkeit ihrer Konzerte hat mich früher sehr beeindruckt. Einige Songs vom jeweils neuen Album, die bekannten Hits, verbunden mit selbstironischen Ansagen und als letzter Song kam immer „The Queen and the Soldier“. Auch ihre Industrial-Phase Mitte der 90’er Jahre rund um das Album „99.9F°“ änderte an diesem Ablauf wenig. Vor einigen Jahren brach sie dann mit dieser Tradition, besann sich auf ihre Folkwurzeln und nahm ihren Back-Katalog in der „Close-Up“-Serie noch einmal neu auf. Live präsentierte sie entschlackte Versionen ihrer Klassiker mit dem Gitarristen Gerry Leonard, der sie auch in Würzburg begleitete, auf dieser Tour mit dem Drummer Doug Yowell, wie Leonard ein Veteran diverser Suzanne Vega-Alben.
Das Konzert beginnt mit „Fat man and the dancing girl“, einem Song von „99.9F°“, in dem in Zirkus-Metaphern von einer auf dem Kopf stehenden Welt berichtet wird. Dann folgt „Marlene on the Wall“, ihre erste Single und wohl einer ihrer besten Songs. Aus der Perspektive des Fotos von Marlene Dietrich über ihrem Bett erhalten wir eine Chronik des Liebeslebens der Protagonistin des Songs. Jens K., überragender Blogger und profunder Musikkenner, meinte auf der Hinfahrt zu mir, dass Warren Zevon die originellsten Liebeslieder geschrieben habe. Suzanne Vega ist da mindestens sein weibliches Pendant. „Caramel“, ein Liebeslied, das eine Verbindung zwischen allen leiblichen Genüssen schafft, ist immerhin noch vor dem Film „Chocolat“ entstanden, der ja ähnliches sehr erfolgreich postulierte. Die Trio-Arrangements dieser älteren Songs funktionieren sehr gut, das druckvolle Spiel von Doug Yowell verleiht den Liedern eine Kraft, die sie vor dem Dahinplätschern bewahrt.
Nun folgt ein Block von Songs aus dem neuen Album „Tales from the Realm of the Queen of Pentacles“. Der Titel des Albums, wie auch der Song „Fools Complaint“ spielen mit der Symbolik von Tarotkarten. Wenn ich diese verstanden habe, melde ich mich wieder. „Jacob and the Angel“ bezieht sich auf eine Geschichte aus dem Alten Testament (1.Mose, 32), anscheinend eine beliebte Quelle der Inspiration für Suzanne Vega, da sie schon mehrfach Songs mit biblischem Hintergrund verfasst hat, die man aber kaum als sonderlich spirituell bezeichnen kann. An dieser Geschichte interessiert sie wohl die menschliche Begegnung mit einem unsterblichen Wesen und wie Jakob darauf reagiert.
Originelle Liebeslieder Teil drei, „Small blue Thing“. Dies ist der Akustik-Teil des Konzerts, den Suzanne Vega alleine mit Gitarre bestreitet. „Gypsy“ ist vielleicht nicht sonderlich originell, aber ein absoluter Favorit bei Livekonzerten. Die Geschichte hinter dem Song erzählt Suzanne Vega gerne ausführlich und das Publikum hängt auch hier wieder an ihren Lippen. Dann folgt „The Queen and the Soldier“ und ich frage mich, ob das Konzert jetzt schon endet, bevor sie „Luka“ gespielt hat. Der Song, der an englische Folkballaden etwa von Fairport Convention erinnert, verfehlt auch beim tausendsten Hören nicht seine Wirkung auf mich. Dann kommen ihre zwei Mitmusiker wieder auf die Bühne und weitere Songs des neuen Albums erklingen. Die Überprüfung bekannter Lebensweisheiten ist ein weiteres Thema in Vega-Songs, „Don’t uncorck what you can’t contain“ passt in diese Kategorie.
„Left of Center“ gefällt mir in dieser Besetzung besonders gut, ein Song, den sie einst mit Joe Jackson aufnahm. Heute kommt er hart und direkt, eher selten bei Suzanne Vega. „I never wear white“ von ihrem neuen Album ist so etwas wie ihr neuer Theme-Song. Von Bono als „Punk-Song in velvet gloves“ bezeichnet, verkündet sie hier ihr Credo: „I never wear white/White is for virgins/Children in summer/Brides in the park/My color is black, black, black/Black is for secrets/Outlaws and Dancers/for the poet of the dark“. Vor den Zugaben werden noch ihre beiden großen Hits gespielt, „Luka“ und „Tom’s Diner“, auf die das Publikum sehnsüchtig gewartet hat, wie man an der Reaktion merkt.
folgen drei Zugaben. „In Liverpool“, eine Art Fortsetzung von „Gypsy“, wie man von ihr erfährt, „Undertow“, originelle Liebeslieder Teil 4, in dem sie sich vorstellt, ihren Geliebten wie die Strömung ganz zu erfassen. „Rosemary“, ein weiterer wunderschöner Folksong, beschließt dieses sehens- und hörenswerte Konzert. Aber noch nicht den Abend. Der Veranstalter hatte vor dem Konzert angekündigt, „das Frau Vega nach dem Konzert für Autogrammwünsche zur Verfügung steht“. Ein Novum, das ich bei Vega-Konzerten noch nie erlebt habe. Sie kommt dann tatsächlich noch aus der Garderobe, um ihr neues Album zu signieren. Es hat nicht den Anschein, dass sie besonders begeistert davon ist, ihrem Publikum so nahe zu kommen, eher, als würde sie es tapfer über sich ergehen lassen. Gerry Leonard unterhält sich derweil mit dem Tourmanager und meint, es sei ein „awesome concert“ gewesen. Wo er Recht hat…


Setlist Suzanne Vega, Würzburg:

01: Fat Man & Dancing Girl
02: Marlene on the Wall
03: Caramel
04: Fool's Complaint
05: Crack in the Wall
06: Jacob and the Angel
07: Small Blue Thing
08: Gypsy
09: The Queen and the Soldier
10: Don't Uncork What You Can't Contain
11: Laying on of Hands / Stoic 2
12: Left of Center
13: I Never Wear White
14: Some Journey
15: Luka
16: Tom's Diner

17: In Liverpool (Z)
18: Undertow (Z)
19: Rosemary (Z)


Freitag, 14. März 2014

Ben Schadow Band, Würzburg, 02.03.2014

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Konzert: Ben Schadow Band
Ort: Denckler-Kino, Würzburg
Datum: 02.03.2014
Dauer: 83 Minuten
Zuschauer: etwa 20



Bericht von Matthias aus Oberhessen:

  Da ist man nun für ein Konzert der Ben Schadow Band von Oberhessen extra nach Stuttgart (immer eine Reise wert) gefahren, nur um zu erfahren, dass es zu dem angekündigten Termin wegen Terminschwierigkeiten des Clubs gar nicht stattfindet. Was tun? Einfach nach Würzburg fahren, wo Ben kurzfristig an diesem Abend ein Hauskonzert organisieren konnte. Im Rohrschen Wohnzimmer, der Spielstätte für gepflegten Indiepop aus aller Herren Länder in Stuttgart, hatte ich Ben schon zweimal mit seinem Kumpel und Collaborator Pele Caster erlebt, so war mir dieses Konzertformat durchaus vertraut. So machten wir, Starblogger Jens, seine Kommilitonin Isi und ich, uns also am späten Nachmittag auf ins Fasching selige Würzburg. Nach einer fast seminarmäßigen Exkursion durch die Innenstadt, wo ich auf die wesentlichen Sehenswürdigkeiten hinwies (Reisen soll ja auch bilden), machten wir uns auf, die Spielstätte zu finden. Zumindest den Häuserblock, wo sie sich befand, fanden wir schnell, das Denkler Kino dann auch etwas später, ein paar Stockwerke hoch, unter dem Dach, befindet sich der improvisierte Kinosaal, der auch für Konzerte genutzt wird. 

Auf Ben Schadow, in den Neunzigern bei der deutschen Modband Les Garcons, seit 2003 als Bassist mit Bernd Begemann & Die Befreiung unterwegs, ebenfalls an Dirk Darmstaedters Bandprojekt Me and Cassity beteiligt und Ex-Bassist der deutschen Indie-Hoffnung pretty merry K, wurde ich durch die frühen Tourneen der Befreiung aufmerksam. Einen chaotischen Bühnenzauberer wie Bernd Begemann zu begleiten, ist eine echte Herausforderung, die Befreiung löste sie souverän, so dass sie heute eine der besten deutschen Livebands sind. Les Garcons, die zwei wundervolle Alben veröffentlichten, habe ich zu ihrer aktiven Zeit leider verpasst, nun gut, es waren die Neunziger, der Streit Oasis oder Blur war eben wichtiger. Vor zwei Jahren veröffentlichte Ben Schadow dann sein erstes Soloalbum „liebe zur zeit der automaten“, eine Popmeditation irgendwo zwischen den Beatles und ETA Hoffmann, zwischen den Beach Boys und William Blake, und ist seitdem regelmäßig mit der Ben Schadow Band unterwegs, dieses Mal in einer Trio-Besetzung mit Ben an Gitarre und Gesang, Pele Caster am Bass und Markus Baier am Schlagzeug. 

Nach kurzem Soundcheck, Kennenlernen des Publikums und Erforschen der Location (vielen Dank an die WG-Bewohner einen Stock tiefer, deren Toilette man benutzen durfte) ging es los mit dem Konzert der Ben Schadow Band. Die Trio-Besetzung bekommt schon dem ersten Stück „Zusammen zuletzt“, einem der poppigeren Stücke von Bens Debüt-LP, sehr gut, das Zusammenspiel von Ben und Pele, an verschiedenen Instrumenten solo oder mit Band seit Jahren erprobt, hat inzwischen eine schlafwandlerische Sicherheit erreicht, um die sie viele deutsche Popmusiker, ich nenne keine Namen, beneiden sollten. Die immer wieder versuchte Kontaktaufnahme mit dem Publikum funktioniert nicht so gut, viele wollten wohl nur mal schauen, wo der Krach herkommt, führen Dauergespräche während des Konzerts und zeigen Ben, Pele und Markus die im Wortsinne kalte Schulter, da der Dachboden unbeheizt ist. Die Ben Schadow Band läßt sich trotzdem nicht entmutigen, Bens signature tune „Gnade trägt man in Särgen“ beeindruckt mich an diesem Abend besonders. Die Musik zitiert gekonnt „Dig a Pony“ von den Beatles, der Text zelebriert geradezu Liebeskummer „Willkommen in der Welt von einem, der sich nicht traut / der wirklich nie auch nur ein bisschen froh sein will und laut“. Danach ist es Zeit für ein paar fröhliche Modsongs der Garcons, von denen Ben dieses Mal einige im Programm hat, mein Konzerthighlight ist immer wieder der Italien-Song „Buena Sera Signor, Buena Sera“, den Ben an diesem Abend auf den Knien spielt, nicht mal seine Bandkollegen scheinen zu wissen, warum. 

Die Band hat mit „Fräulein M“, einem Ausflug in die griechische Mythologie, der an Neo Noir-Filme erinnert, auch ein neues Lied im Gepäck. Das beste Lied des Abends spielt Ben anschließend solo. „Heller Fleck im schwarzen Meer“, der Höhepunkt von Bens traurigen Liebesliedern, kommt solo im Schneidersitz besonders intensiv. Der Garcons-Kracher „In einer Welt voll Sonnenschein und Bier“ ist dann schon das letzte Stück des Abends, ein großer Teil des Publikums verschwindet gleich nach dem letzten Ton, bevor der Hut, der für die Musiker herumgeht, sie erreicht. Das ist wirklich billig, kann man da nur sagen. 
Nach kurzem Gespräch mit der Band machen wir uns auf den Rückweg nach Stuttgart, der Pizzaservice einen Block weiter macht gerade zu, es gibt nichts mehr. Würzburg war zwar nicht sehr gastlich zu uns, aber für ein Konzert mit Ben Schadow nimmt man das gerne in Kauf. 

Setlist Ben Schadow Band, Würzburg: 

01: Zusammen zuletzt 
02: Herz aus Holz 
03: Touch 
04: Gnade trägt man in Särgen 
05: Gerade verliebt (Les Garcons-Song) 
06: Sie sagt, sie geht (Les Garcons-Song)
07: Dabei auf den billigen Plätzen (Les Garcons-Song) 
08: Fräulein M. (neu)
09: Ich fall immer auf die selben Dinge rein 
10: Wie leicht es wäre einfach zu bleiben 
11: Was, wenn es mich wach entdeckt 
12: Ich hab geträumt, ich sei tot 

13: Buena Sera, Signor, Buena Sera (Z) (Les Garcons-Song)
14: Heller Fleck im schwarzen Meer (Z) 
15. In einer Welt voll Sonnenschein und Bier (Z) (Les Garcons-Song)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Bernd Begemann & Die Befreiung, Hamburg, 29.12.2013
- Ben Schadow & Pele Caster, Stuttgart, 30.08.2013
- Ben Schadow & Pele Caster, Karlsruhe, 28.08.2013
- Ben Schadow Band, Mannheim, 25.04.2013
- Ben Schadow Band, Stuttgart, 14.04.2013


 

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