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Donnerstag, 14. August 2014

Suzanne Vega, Würzburg, 29.07.2014

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Konzert: Suzanne Vega
Vorband: Maurizio Minardi
Ort: Posthalle, Würzburg
Datum: 29.07.2014
Dauer: 95 Minuten
Zuschauer: maximal 1000
 
 
Bericht von Matthias aus Oberhessen
Der Hafensommer in Würzburg hat inzwischen schon Tradition. Die New Yorker Singer/Songwriterin Suzanne Vega trat hier bereits 2011 auf. So freuten wir uns auf einen lauen Sommerabend am Mainufer, den Blick auf die fränkischen Weinberge untermalt von coolen Songs über Großstadtmenschen. Ein heftiger Gewitterregen auf der Autobahn war ein Omen dafür, dass es anders kommen würde. Eher zufällig erfuhren wir von der Verlegung der Veranstaltung in die Posthalle am Bahnhof, ein bunkerähnlicher Saal, der den aushängenden Plakaten nach zu urteilen, von deutschen Pseudo-Gangsta-Rappern häufig frequentiert wird. Trotz der fehlenden Kultursommer-Atmosphäre wurde es aber ein gelungener Konzertabend, und für mich als Veteran von einem Dutzend Suzanne Vega-Konzerten ein besonders herausragendes.
Als Support angekündigt, könnte man Maurizio Minardi auch als Co-Headliner bezeichnen, zumindest der Länge seines Sets nach. In der Besetzung Minardi (Akkordeon/Keyboards) und Shirley Smart (Cello) bot der in London lebende italienische Komponist, der aussieht wie ein jüngerer Sting, gepflegt-langweilige Akkordeonmusik zum Besten, wie man sie etwa aus dem Film „Amelie“ zu Genüge kennt. Perfekt für ein Picknick an einem lauen Sommerabend am Main, in einer tristen, den baulichen Charme der 70’er Jahre verströmenden Mehrzweckhalle, wollte der Funken nicht überspringen. Zumindest nicht bei mir, das anwesende Kultursommer-Publikum delektierte sich durchaus an Minardis, mal nach Ennio Morricone, mal nach Peter Greenaway-Filmen klingenden Instrumentalstücken. Dazu mögen vor allem seine charmanten Ansagen, auf Englisch mit italienischem Akzent, beigetragen haben. Der Mann ist ohne Zweifel ein guter Conférencier, ebenso wie ein hervorragender Jazzpianist, was gelegentlich durchscheint. Sein etwa 50-minütiges Set war für mich auf jeden Fall zu viel des Guten. Aber ich wartete auch ungeduldig auf Suzanne Vega, die ich einige Jahre nicht mehr live gesehen hatte.
Ich bin ja ein Fan der ersten Stunde, von ihrem ersten Deutschland-Konzert in Hamburg 1985 bis heute. Über die Jahre habe ich sie etwa ein Dutzend Mal live gesehen. Vor zehn Leuten 1985, nach den Hits „Luka“ und „Tom’s Diner“ in der Alten Oper in Frankfurt vor einigen tausend Zuschauern. In den 90’er Jahren wurden dann die Hallen wieder kleiner und die Festivalauftritte zahlreicher. Über 20 Jahre lang spielte sie in Bandbesetzung gemäßigten Folk-Pop ohne große Überraschungen; gerade die Austauschbarkeit ihrer Konzerte hat mich früher sehr beeindruckt. Einige Songs vom jeweils neuen Album, die bekannten Hits, verbunden mit selbstironischen Ansagen und als letzter Song kam immer „The Queen and the Soldier“. Auch ihre Industrial-Phase Mitte der 90’er Jahre rund um das Album „99.9F°“ änderte an diesem Ablauf wenig. Vor einigen Jahren brach sie dann mit dieser Tradition, besann sich auf ihre Folkwurzeln und nahm ihren Back-Katalog in der „Close-Up“-Serie noch einmal neu auf. Live präsentierte sie entschlackte Versionen ihrer Klassiker mit dem Gitarristen Gerry Leonard, der sie auch in Würzburg begleitete, auf dieser Tour mit dem Drummer Doug Yowell, wie Leonard ein Veteran diverser Suzanne Vega-Alben.
Das Konzert beginnt mit „Fat man and the dancing girl“, einem Song von „99.9F°“, in dem in Zirkus-Metaphern von einer auf dem Kopf stehenden Welt berichtet wird. Dann folgt „Marlene on the Wall“, ihre erste Single und wohl einer ihrer besten Songs. Aus der Perspektive des Fotos von Marlene Dietrich über ihrem Bett erhalten wir eine Chronik des Liebeslebens der Protagonistin des Songs. Jens K., überragender Blogger und profunder Musikkenner, meinte auf der Hinfahrt zu mir, dass Warren Zevon die originellsten Liebeslieder geschrieben habe. Suzanne Vega ist da mindestens sein weibliches Pendant. „Caramel“, ein Liebeslied, das eine Verbindung zwischen allen leiblichen Genüssen schafft, ist immerhin noch vor dem Film „Chocolat“ entstanden, der ja ähnliches sehr erfolgreich postulierte. Die Trio-Arrangements dieser älteren Songs funktionieren sehr gut, das druckvolle Spiel von Doug Yowell verleiht den Liedern eine Kraft, die sie vor dem Dahinplätschern bewahrt.
Nun folgt ein Block von Songs aus dem neuen Album „Tales from the Realm of the Queen of Pentacles“. Der Titel des Albums, wie auch der Song „Fools Complaint“ spielen mit der Symbolik von Tarotkarten. Wenn ich diese verstanden habe, melde ich mich wieder. „Jacob and the Angel“ bezieht sich auf eine Geschichte aus dem Alten Testament (1.Mose, 32), anscheinend eine beliebte Quelle der Inspiration für Suzanne Vega, da sie schon mehrfach Songs mit biblischem Hintergrund verfasst hat, die man aber kaum als sonderlich spirituell bezeichnen kann. An dieser Geschichte interessiert sie wohl die menschliche Begegnung mit einem unsterblichen Wesen und wie Jakob darauf reagiert.
Originelle Liebeslieder Teil drei, „Small blue Thing“. Dies ist der Akustik-Teil des Konzerts, den Suzanne Vega alleine mit Gitarre bestreitet. „Gypsy“ ist vielleicht nicht sonderlich originell, aber ein absoluter Favorit bei Livekonzerten. Die Geschichte hinter dem Song erzählt Suzanne Vega gerne ausführlich und das Publikum hängt auch hier wieder an ihren Lippen. Dann folgt „The Queen and the Soldier“ und ich frage mich, ob das Konzert jetzt schon endet, bevor sie „Luka“ gespielt hat. Der Song, der an englische Folkballaden etwa von Fairport Convention erinnert, verfehlt auch beim tausendsten Hören nicht seine Wirkung auf mich. Dann kommen ihre zwei Mitmusiker wieder auf die Bühne und weitere Songs des neuen Albums erklingen. Die Überprüfung bekannter Lebensweisheiten ist ein weiteres Thema in Vega-Songs, „Don’t uncorck what you can’t contain“ passt in diese Kategorie.
„Left of Center“ gefällt mir in dieser Besetzung besonders gut, ein Song, den sie einst mit Joe Jackson aufnahm. Heute kommt er hart und direkt, eher selten bei Suzanne Vega. „I never wear white“ von ihrem neuen Album ist so etwas wie ihr neuer Theme-Song. Von Bono als „Punk-Song in velvet gloves“ bezeichnet, verkündet sie hier ihr Credo: „I never wear white/White is for virgins/Children in summer/Brides in the park/My color is black, black, black/Black is for secrets/Outlaws and Dancers/for the poet of the dark“. Vor den Zugaben werden noch ihre beiden großen Hits gespielt, „Luka“ und „Tom’s Diner“, auf die das Publikum sehnsüchtig gewartet hat, wie man an der Reaktion merkt.
folgen drei Zugaben. „In Liverpool“, eine Art Fortsetzung von „Gypsy“, wie man von ihr erfährt, „Undertow“, originelle Liebeslieder Teil 4, in dem sie sich vorstellt, ihren Geliebten wie die Strömung ganz zu erfassen. „Rosemary“, ein weiterer wunderschöner Folksong, beschließt dieses sehens- und hörenswerte Konzert. Aber noch nicht den Abend. Der Veranstalter hatte vor dem Konzert angekündigt, „das Frau Vega nach dem Konzert für Autogrammwünsche zur Verfügung steht“. Ein Novum, das ich bei Vega-Konzerten noch nie erlebt habe. Sie kommt dann tatsächlich noch aus der Garderobe, um ihr neues Album zu signieren. Es hat nicht den Anschein, dass sie besonders begeistert davon ist, ihrem Publikum so nahe zu kommen, eher, als würde sie es tapfer über sich ergehen lassen. Gerry Leonard unterhält sich derweil mit dem Tourmanager und meint, es sei ein „awesome concert“ gewesen. Wo er Recht hat…


Setlist Suzanne Vega, Würzburg:

01: Fat Man & Dancing Girl
02: Marlene on the Wall
03: Caramel
04: Fool's Complaint
05: Crack in the Wall
06: Jacob and the Angel
07: Small Blue Thing
08: Gypsy
09: The Queen and the Soldier
10: Don't Uncork What You Can't Contain
11: Laying on of Hands / Stoic 2
12: Left of Center
13: I Never Wear White
14: Some Journey
15: Luka
16: Tom's Diner

17: In Liverpool (Z)
18: Undertow (Z)
19: Rosemary (Z)


Freitag, 1. August 2014

Suzanne Vega, Karlsruhe, 30.07.14

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Konzert: Suzanne Vega
Ort: Zetltival im Tollhaus
Datum: 30. Juli 2014
Dauer: 95 min
Zuschauer: 800


Wenn ich am Jahresende überlegen werde, welche Konzerte mich am meisten bewegt haben, werde ich wohl mit einem inneren Glühen auf diese Woche zurückblicken, in der ich jeden Abend entweder im Zeltival oder im Wohnzimmerkonzert die allerbeste und einzigartige Unterhaltung geboten bekam. Der Abend mit Suzanne Vega sticht insofern hervor, als fast alle Menschen, denen ich davon erzählte, die Sängerin kennen (das ist wirklich selten, viele kennen nicht einmal Tori Amos, tsssss).



Für mich ist sie seit Jahren eine Begleiterin - irgendwie immer schon da, weil ihre Lieder in die Öffentlichkeit und ins Radio traten mit meinem eigenen erwachsen werden. Die Alben danach meist nicht im Radio, aber für mich immer wieder überraschend und neu und selbst die letzte Reihe der Close-up Neuaufnahmen irgendwie mein Interesse weiter bindend, wenngleich ich mich entschied, das nun neuste Album Tales from the Realm of the Queen of Pentacles nicht zu kaufen.

Wie sie an diesem Abend in Karlsruhe auf der Bühne steht, ist sie seit dem 29. Juni (Auftritt beim Glastonbury Festival) in Europa unterwegs und spielt das 22. Konzert nach Stationen in Portugal, Frankreich, Belgien, Spanien, Finnland (mit Bob Dylan), Norwegen, Italien, Polen, Österreich und UK. Nachdem sie im Februar schon 23 Konzerte in Europa (auch Deutschland), 18 Tourdaten in den USA im Mai und sechs im März (dazwischen Asien und Australien im April) absolviert hatte. Was man ihr aber nicht anmerkt. Nichts wirkt leer gewordene Routine, nichts an ihr ist müde, sondern sie ist sehr präsent, sehr zugewandt und hat offensichtlich Lust auf den Abend.


Lust hat auch das Publikum, das zuletzt am 17. Juli 2011 das Vergnügen im Tollhaus haben durfte (wo es sogar eine von nur sechs europäischen Stationen war). Damals auch mit Gerry Leonard an der Gitarre. Heute Abend hat sie außerdem einen Drummer, Doug Yowell dabei, der vor allem für die druckvolle Umsetzung des ganz neuen Materials Sorge tragen wird (mit dem sie aber auch schon über 10 Jahre live und im Studio zusammen arbeitet). 



Ich selbst hatte Frau Vega zuletzt beim Sommer Open Air Schloss Neuhaus Paderborn am 14. Juli 2001 gesehen. Aber nur noch eine vage Erinnerung daran, wie sehr mir bewusst wurde, wie viele ihrer Lieder mir teuer sind und dass sie nicht alt werden.

Für den Tollhaus Abend enthielt die Setlist ihre 12 meistgespielten Songs, dazu 6 Songs vom neuen Album und ausgerechnet das erste Stück Fat man & Dancing Girl ist dabei das überraschendste (weil weder Hit noch neu). Im Vergleich zu Würzburg am Vorabend (Jens wird darüber noch berichten) unterscheiden sich dabei nur die Zugaben etwas. Es ist also schon ein etablierter Ablauf, aber man merkt das nicht.



Mir ist es eh recht. Suzanne Vega holt ja mit diesem Dutzend "Hits" auch ein Dutzend meiner liebsten Songs aus dem Hut (und lässt dabei noch weg, wie z.B. Undertow, When heroes go down, 99,9 F degree). Das neue Material muss ich ihr zugestehen und muss sogar zugeben, dass mir die rockigen Töne dabei gut gefallen, wenngleich (einzige Kritik des Abends) es einige Male kurz davor ist, zu laut und zu kreischig zu werden. Am eindrücklichsten und vielleicht ein neuer Lieblingssong ist dabei Jacob and the Angel. Die Momente, wo mir vor Glück fast das Herz stehen bleibt: In Liverpool & Small blue thing. Vielleicht zum ersten Mal wirklich dem Text verstehend zuhören und vor der Poetin innerlich aufs Knie fallend.

Was Frau Vega zeigt: Sie kann ein knappes Tausend Leute nur mit ihrer Gitarre und ihrer Präsenz mucksmäuschenstill werden lassen. Das schafft sie mit Gypsy und The Queen and the Soldier, sie kann tänzerisch, sie kann Krach (Blood makes noise ist eine wahre Orgie an dem Abend und gibt dem Künstler an der Gitarre Raum) und druckvoll. Und sie macht es so, dass alles organisch wirkt und dass letztlich auch ihr Lebenswerk ein Kontinuum, ein Ganzes, darstellt und bleibt. Es bleibt mir innerlich die Frage: Wie macht sie das? Irgendwie alterslos, dabei weise und jung und ganz im hier und jetzt, dabei locker an alle Stellen unserer gemeinsamen Zeit greifend. Erdgebunden aber doch nicht ganz von dieser Welt.



Dann gibt es den Moment des Abends, wo ich mir selbst dabei zugucke, wie ein Puzzleteil an seinen Platz fällt. Sie erzählt zu Gypsy: mit 18 verliebte sie sich das erste Mal richtig (ausgerechnet in einen Briten - und ja, auch 2014 sind sie noch in Kontakt) über ihre gemeinsame Liebe von Leonhard Cohens Musik. Klar, ach Mensch! das passt - hätte mir auch vorher schon auffallen können.  Sie, die Poetin und Zauberin hat natürlich auch ihn als Vorbild und Vorläufer.

Was hätte noch schöner sein können? Vielleicht wenn alle bei My name is Luka mitgesungen hätten? Es will mir doch keiner erzählen, dass nicht jeder im Publikum das textsicher drauf gehabt hätte?!


verbliebene Europatourdaten 2014
01.08. Ebensee 
02.08. Insbruck
05.08. Lorient



Setlist:
01: Fat Man & Dancing Girl
02: Marlene on the Wall
03: Caramel
04: Fool's Complaint
05: Crack in the Wall
06: Jacob and the Angel
07: Small Blue Thing
08: Gypsy
09: The Queen and the Soldier
10: Don't Uncork What You Can't Contain
11: Laying on of Hands
12: Left of Center
13: I Never Wear White
14: Some Journey
15: Luka
16: Tom's Diner

17: Blood Makes Noise (Z)
18: In Liverpool (Z)
19: Rosemary (Z)


Fotos (c) Gerald Langer aus Würzburg vom Vortag
Biographie Doug Yowell
Web Gerry Leonhard

Aus unserem Archiv:
Suzanne Vega, Würzburg, 29.07.14

Konzertmitschnitt Februar 2014 aus München von MissMoreMusic


 

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