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Dienstag, 23. Juni 2015

Bob Dylan & His Band, Mainz, 20.06.2015

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Konzert: Bob Dylan & His Band
Ort: Zollhafen Nordmole, Mainz
Datum: 20.06.2015
Dauer: ca. 100 Minuten
Zuschauer: etwa 6000


Bericht von unserem Gastautor Matthias aus der Nähe von Frankfurt
   
Rainy Day Woman #12 & 35 oder doch Watching the River flow? Während des langen Wartens auf den Konzertbeginn konnte man sich als alter Dylan-Fan schon Gedanken machen, mit welchem, der Location direkt am Rhein oder lieber dem vorherrschenden Wetter, angepassten Song der Meister sein Konzert beginnen sollte. Es war dann natürlich weder noch. Things Have Changed, ein Song aus dem Soundtrack des Films Wonder Boys, für den Dylan im Jahr 2000 sowohl den Oscar wie den Golden Globe gewann, ist ein verspäteter Abgesang auf das Image des Protest-Barden, das Dylan noch nie leiden konnte, und auf seiner Never-Ending-Tour seit einigen Jahren einer der Standard-Opener: People are crazy and times are strange … I used to care but things have changed

She Belongs to Me aus dem Jahr 1965 ist einer dieser Anti-Love-Songs, von denen Dylanologen meinen, das der Meister sie erfunden hat. Der Titel ist ironisch, die Besitzverhältnisse scheinen eher umgekehrt, was das lyrische Ich gleichermaßen anwidert wie glücklich macht. Das musikalische Arrangement, das Dylans wie immer fantastische Band an diesem Abend spielt, scheint eher vom Glück beseelt. Beyond Here Lies Nothing von Dylans 2009er Album Together Through Life gibt dann die Richtung für den Konzertabend vor: Der Schwerpunkt liegt auf den Studioalben nach 1992. Als Veteran zahlreicher Konzerte mit His Bobness über die Jahre weiß ich natürlich, dass er sich nicht dazu herablässt, ein Greatest-Hits-Programm abzuliefern, das sollen die Stones machen. Der ganze Zweck der seit fast dreißig Jahren andauernden Never Ending Tour scheint es zu sein, die Erwartungen seines Publikums zu irritieren (enttäuschen wäre zu viel gesagt). Wohlige Protest-Romantik aus den Sechzigern? Da spielt er doch lieber Songs von ungeliebten Achtziger-Alben. Nachdem er nun Alben mit Weihnachtsliedern und Sinatra-Covern veröffentlicht hat, hat es sich aber wohl bis zum letzten Fan herumgesprochen, dass das Unerwartete bei dem Barden aus Hibbing die Norm ist; die er aber wiederum unterläuft, wenn er, wie 2011 in Mainz, doch ein Greatest-Hits-Konzert spielt. Sie haben ja auch einiges an großartigen Songs zu bieten, seine Alben der letzten 25 Jahre. Sieben Alben mit eigenen Songs, dazu einige Alben mit Coverversionen, inzwischen schon fast eine Dylan-Tradition. Die größte Aufmerksamkeit erhält Dylan aber heute nicht mehr für diese Platten, sondern für die Erstveröffentlichungen von Archivmaterial in seiner Bootleg-Series. 

Workingman Blues#2 von Dylans 2006er Album Modern Times erzählt von Würde und Ausbeutung des modernen Menschen, angelehnt an Chaplins gleichnamigen Filmklassiker und den römischen Dichter Ovid. Das alles kommt musikalisch sehr entspannt und fast swingend daher. Dylans Band läuft hier erstmals zu großer Form auf. Weiter mit Duquesne Whistle, einer ebenfalls sehr swingenden Rockabilly-Nummer von Tempest (2013), einem großartigen Album trotz des 13-minütigen Titanicsongs.  
Payment in Blood und Early Roman Kings vervollständigen die Trilogie aus Tempest an diesem Abend. Dazwischen erklingt mit Waiting For You ein Kuriosum, wenn auch nicht eine Rarität, da er den Song in den letzten zwei Jahren häufig gespielt hat. 2005 erstmals live gespielt, ist der Song bis heute unveröffentlicht. Die Steel-Guitars und die ganze Band schwelgen im Country-Wohlklang und Dylan setzt hier erstmals an diesem Abend seine Crooner-Stimme ein. Obwohl ich überhaupt kein Country-Fan bin, eine Musik, die man eigentlich nur in satirischer Form, etwa von Zappa (Truck Driver Divorce, Steel guitars weep all over it…), ertragen kann, wirkt sie von Dylan gespielt sehr authentisch. Schließlich hat er schon in den 60er Jahren mit Johnny Cash Platten gemacht. 

Full Moon and Empty Arms ist dann das von mir schon sehnlichst erwartete Sinatra-Cover aus seinem letzten Album Shadows in the Night. Für ein Rockkonzert wird an diesem Abend schon sehr viel geswingt, mit deutlicher Blues- und Countrynote. So lässt sich Dylans musikalische Richtung heute annähernd beschreiben. Den Folk-Barden und Folk-Rocker Dylan hatte der Song and Dance Man wohl zu Hause in Malibu gelassen. Seiner Liebe zu den Songs und Sounds der vierziger und fünfziger Jahre hat Dylan schon in seiner Radio-Show freien Lauf gelassen; Sinatra-Songs zu covern war aber schon ein gewagtes Projekt (was kommt als nächstes, Tom Waits sings ABBA?), dem Dylan stimmlich durchaus gewachsen ist, wenn seine Interpretationen auch Geschmackssache bleiben. Hatte er in den Neunziger Jahren noch seine Krächz-Phase, ein Werk wie seine Unplugged-CD legt davon ein grausames Zeugnis ab, gefolgt vom Sprechgesang etwa auf Time Out of Mind, singt der Meister seit einigen Jahren tatsächlich wieder, leiser und tiefer, aber in diesem unnachahmlich (ok, das stimmt nicht ganz) nasalen Tonfall. Der Song ist übrigens eine Livepremiere. Es folgt noch eine zweite Weltpremiere, Sad Songs and Waltzes, ein Willie-Nelson-Song, der tatsächlich im Walzertempo daherkommt und Bob über die Bühne tänzeln lässt. 

Wirklich Stimmung im Publikum kommt erst auf, als die ersten Klassiker aus den 60er und 70er Jahren gespielt werden, To Ramona und vor allem Tangled up in Blue. Der Song aus Dylans 75er Scheidungs-Album-Klassiker Blood on the Tracks ist eine surreale Ballade, eine amerikanische Odyssee mit Anklängen an Petrarca und die Bibel, ein typischer Dylan-Song eben. Letzes Mal in Mainz gab es den Song noch solo zur Gitarre. Die ikonische Verbindung Dylan-Acoustic Guitar soll es aber an diesem Abend nicht geben. Der Meister greift kein einziges Mal zur Gitarre, spielt dafür Harmonika (sehr gut) und Klavier (passabel). Mit Dylan am Klavier gelingt eine fantastische Version von Ballad of a Thin Man, diesem grandiosen satirischen Porträt eines Hipsters ca. 1965. Der eine Konzerthöhepunkt, der andere ist A Hard Rain's A-Gonna Fall, Dylans beklemmende Aufarbeitung der kubanischen Raketenkrise, als der junge Bob schon mal lyrisch die nukleare Apokalypse beschwor in einer Wortgewalt und Eindringlichkeit, die im Genre des populären Songs und nicht nur dort kaum einer je erreicht hat. Ja, das ist ein Plädoyer für die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an ihn. 

All Along the Watchtower, ein Song, dessen definitive Version gewiss nicht von Dylan selbst stammt: Danach stehen der Meister und seine Mannen noch etwas verloren im Scheinwerferlicht, wohl einen Moment unsicher, ob sie noch einen Song spielen sollen/können/dürfen(?), bevor sich Dylan grußlos wie immer, tatsächlich hat er das ganze Konzert über wieder kein einziges Wort an das Publikum gerichtet, von der Bühne verabschiedet. Hoffentlich nur bis zum nächsten Mal.


Setlist Bob Dylan & His Band, Mainz 2015:

01: Things Have Changed
02: She Belongs to Me
03: Beyond Here Lies Nothin'
04: Working Man's Blues #2
05: Duquesne Whistle
06: Waiting for You
07: Pay in Blood
08: Full Moon and Empty Arms (Frank-Sinatra-Cover) [Weltpremiere]
09: Tangled Up in Blue
10: To Ramona
11: Early Roman Kings
12: Sad Songs and Waltzes (Willie-Nelson-Cover) [Weltpremiere]
13: 'Til I Fell in Love With You
14: Tweedle Dee & Tweedle Dum
15: A Hard Rain's A-Gonna Fall
16: Ballad of a Thin Man

17: All Along the Watchtower (Z)


Donnerstag, 14. August 2014

Suzanne Vega, Würzburg, 29.07.2014

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Konzert: Suzanne Vega
Vorband: Maurizio Minardi
Ort: Posthalle, Würzburg
Datum: 29.07.2014
Dauer: 95 Minuten
Zuschauer: maximal 1000
 
 
Bericht von Matthias aus Oberhessen
Der Hafensommer in Würzburg hat inzwischen schon Tradition. Die New Yorker Singer/Songwriterin Suzanne Vega trat hier bereits 2011 auf. So freuten wir uns auf einen lauen Sommerabend am Mainufer, den Blick auf die fränkischen Weinberge untermalt von coolen Songs über Großstadtmenschen. Ein heftiger Gewitterregen auf der Autobahn war ein Omen dafür, dass es anders kommen würde. Eher zufällig erfuhren wir von der Verlegung der Veranstaltung in die Posthalle am Bahnhof, ein bunkerähnlicher Saal, der den aushängenden Plakaten nach zu urteilen, von deutschen Pseudo-Gangsta-Rappern häufig frequentiert wird. Trotz der fehlenden Kultursommer-Atmosphäre wurde es aber ein gelungener Konzertabend, und für mich als Veteran von einem Dutzend Suzanne Vega-Konzerten ein besonders herausragendes.
Als Support angekündigt, könnte man Maurizio Minardi auch als Co-Headliner bezeichnen, zumindest der Länge seines Sets nach. In der Besetzung Minardi (Akkordeon/Keyboards) und Shirley Smart (Cello) bot der in London lebende italienische Komponist, der aussieht wie ein jüngerer Sting, gepflegt-langweilige Akkordeonmusik zum Besten, wie man sie etwa aus dem Film „Amelie“ zu Genüge kennt. Perfekt für ein Picknick an einem lauen Sommerabend am Main, in einer tristen, den baulichen Charme der 70’er Jahre verströmenden Mehrzweckhalle, wollte der Funken nicht überspringen. Zumindest nicht bei mir, das anwesende Kultursommer-Publikum delektierte sich durchaus an Minardis, mal nach Ennio Morricone, mal nach Peter Greenaway-Filmen klingenden Instrumentalstücken. Dazu mögen vor allem seine charmanten Ansagen, auf Englisch mit italienischem Akzent, beigetragen haben. Der Mann ist ohne Zweifel ein guter Conférencier, ebenso wie ein hervorragender Jazzpianist, was gelegentlich durchscheint. Sein etwa 50-minütiges Set war für mich auf jeden Fall zu viel des Guten. Aber ich wartete auch ungeduldig auf Suzanne Vega, die ich einige Jahre nicht mehr live gesehen hatte.
Ich bin ja ein Fan der ersten Stunde, von ihrem ersten Deutschland-Konzert in Hamburg 1985 bis heute. Über die Jahre habe ich sie etwa ein Dutzend Mal live gesehen. Vor zehn Leuten 1985, nach den Hits „Luka“ und „Tom’s Diner“ in der Alten Oper in Frankfurt vor einigen tausend Zuschauern. In den 90’er Jahren wurden dann die Hallen wieder kleiner und die Festivalauftritte zahlreicher. Über 20 Jahre lang spielte sie in Bandbesetzung gemäßigten Folk-Pop ohne große Überraschungen; gerade die Austauschbarkeit ihrer Konzerte hat mich früher sehr beeindruckt. Einige Songs vom jeweils neuen Album, die bekannten Hits, verbunden mit selbstironischen Ansagen und als letzter Song kam immer „The Queen and the Soldier“. Auch ihre Industrial-Phase Mitte der 90’er Jahre rund um das Album „99.9F°“ änderte an diesem Ablauf wenig. Vor einigen Jahren brach sie dann mit dieser Tradition, besann sich auf ihre Folkwurzeln und nahm ihren Back-Katalog in der „Close-Up“-Serie noch einmal neu auf. Live präsentierte sie entschlackte Versionen ihrer Klassiker mit dem Gitarristen Gerry Leonard, der sie auch in Würzburg begleitete, auf dieser Tour mit dem Drummer Doug Yowell, wie Leonard ein Veteran diverser Suzanne Vega-Alben.
Das Konzert beginnt mit „Fat man and the dancing girl“, einem Song von „99.9F°“, in dem in Zirkus-Metaphern von einer auf dem Kopf stehenden Welt berichtet wird. Dann folgt „Marlene on the Wall“, ihre erste Single und wohl einer ihrer besten Songs. Aus der Perspektive des Fotos von Marlene Dietrich über ihrem Bett erhalten wir eine Chronik des Liebeslebens der Protagonistin des Songs. Jens K., überragender Blogger und profunder Musikkenner, meinte auf der Hinfahrt zu mir, dass Warren Zevon die originellsten Liebeslieder geschrieben habe. Suzanne Vega ist da mindestens sein weibliches Pendant. „Caramel“, ein Liebeslied, das eine Verbindung zwischen allen leiblichen Genüssen schafft, ist immerhin noch vor dem Film „Chocolat“ entstanden, der ja ähnliches sehr erfolgreich postulierte. Die Trio-Arrangements dieser älteren Songs funktionieren sehr gut, das druckvolle Spiel von Doug Yowell verleiht den Liedern eine Kraft, die sie vor dem Dahinplätschern bewahrt.
Nun folgt ein Block von Songs aus dem neuen Album „Tales from the Realm of the Queen of Pentacles“. Der Titel des Albums, wie auch der Song „Fools Complaint“ spielen mit der Symbolik von Tarotkarten. Wenn ich diese verstanden habe, melde ich mich wieder. „Jacob and the Angel“ bezieht sich auf eine Geschichte aus dem Alten Testament (1.Mose, 32), anscheinend eine beliebte Quelle der Inspiration für Suzanne Vega, da sie schon mehrfach Songs mit biblischem Hintergrund verfasst hat, die man aber kaum als sonderlich spirituell bezeichnen kann. An dieser Geschichte interessiert sie wohl die menschliche Begegnung mit einem unsterblichen Wesen und wie Jakob darauf reagiert.
Originelle Liebeslieder Teil drei, „Small blue Thing“. Dies ist der Akustik-Teil des Konzerts, den Suzanne Vega alleine mit Gitarre bestreitet. „Gypsy“ ist vielleicht nicht sonderlich originell, aber ein absoluter Favorit bei Livekonzerten. Die Geschichte hinter dem Song erzählt Suzanne Vega gerne ausführlich und das Publikum hängt auch hier wieder an ihren Lippen. Dann folgt „The Queen and the Soldier“ und ich frage mich, ob das Konzert jetzt schon endet, bevor sie „Luka“ gespielt hat. Der Song, der an englische Folkballaden etwa von Fairport Convention erinnert, verfehlt auch beim tausendsten Hören nicht seine Wirkung auf mich. Dann kommen ihre zwei Mitmusiker wieder auf die Bühne und weitere Songs des neuen Albums erklingen. Die Überprüfung bekannter Lebensweisheiten ist ein weiteres Thema in Vega-Songs, „Don’t uncorck what you can’t contain“ passt in diese Kategorie.
„Left of Center“ gefällt mir in dieser Besetzung besonders gut, ein Song, den sie einst mit Joe Jackson aufnahm. Heute kommt er hart und direkt, eher selten bei Suzanne Vega. „I never wear white“ von ihrem neuen Album ist so etwas wie ihr neuer Theme-Song. Von Bono als „Punk-Song in velvet gloves“ bezeichnet, verkündet sie hier ihr Credo: „I never wear white/White is for virgins/Children in summer/Brides in the park/My color is black, black, black/Black is for secrets/Outlaws and Dancers/for the poet of the dark“. Vor den Zugaben werden noch ihre beiden großen Hits gespielt, „Luka“ und „Tom’s Diner“, auf die das Publikum sehnsüchtig gewartet hat, wie man an der Reaktion merkt.
folgen drei Zugaben. „In Liverpool“, eine Art Fortsetzung von „Gypsy“, wie man von ihr erfährt, „Undertow“, originelle Liebeslieder Teil 4, in dem sie sich vorstellt, ihren Geliebten wie die Strömung ganz zu erfassen. „Rosemary“, ein weiterer wunderschöner Folksong, beschließt dieses sehens- und hörenswerte Konzert. Aber noch nicht den Abend. Der Veranstalter hatte vor dem Konzert angekündigt, „das Frau Vega nach dem Konzert für Autogrammwünsche zur Verfügung steht“. Ein Novum, das ich bei Vega-Konzerten noch nie erlebt habe. Sie kommt dann tatsächlich noch aus der Garderobe, um ihr neues Album zu signieren. Es hat nicht den Anschein, dass sie besonders begeistert davon ist, ihrem Publikum so nahe zu kommen, eher, als würde sie es tapfer über sich ergehen lassen. Gerry Leonard unterhält sich derweil mit dem Tourmanager und meint, es sei ein „awesome concert“ gewesen. Wo er Recht hat…


Setlist Suzanne Vega, Würzburg:

01: Fat Man & Dancing Girl
02: Marlene on the Wall
03: Caramel
04: Fool's Complaint
05: Crack in the Wall
06: Jacob and the Angel
07: Small Blue Thing
08: Gypsy
09: The Queen and the Soldier
10: Don't Uncork What You Can't Contain
11: Laying on of Hands / Stoic 2
12: Left of Center
13: I Never Wear White
14: Some Journey
15: Luka
16: Tom's Diner

17: In Liverpool (Z)
18: Undertow (Z)
19: Rosemary (Z)


Donnerstag, 7. August 2014

Neil Young & Crazy Horse, Mainz, 28.07.2014

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Konzert: Neil Young & Crazy Horse
Vorband: The Magic Numbers
Ort: Zollhafen-Nordmole, Mainz
Datum: 28.07.2014
Dauer: 120 Minuten Neil Young & Crazy Horse, 30 Min. The Magic Numbers
Zuschauer: über 10.000

Bericht von Matthias aus Oberhessen:


Ich konnte meine Ohrstöpsel nicht finden. Geht man zu einem Konzert von Neil Young und Crazy Horse, sind das denkbar schlechte Voraussetzungen, um am nächsten Tag ein Pfeifen auf den Ohren oder Schlimmeres zu vermeiden. Ich habe mich dann trotzdem hin getraut und wurde belohnt. Als ich das Gelände betrete, spielen The Magic Numbers gerade ihren ersten Song. Die Band besteht aus zwei Geschwisterpaaren aus Nord-London und ist stilistisch irgendwo zwischen New Wave a la Boomtown Rats und melodiösem Folkrock a la Travis angesiedelt. Neil Young sucht seine Support-Acts immer selbst aus, wie man weiß und auch hier hat er wieder einen guten Griff getan. Das Mainzer Publikum gibt der Band um Frontmann Romeo Stodart gerne eine Chance, die vier Engländer, deren Debutalbum immerhin zweifachen Platinstatus in Großbritannien erreichte, geben ihr Bestes und überzeugen auf der ganzen Linie. Nach drei Songs ist Schluss, fast möchte man sagen, leider, diese Musik könnte ich noch den ganzen Abend hören, aber man ist ja schließlich wegen diesem in Kalifornien lebenden, kanadischen Singer/Songwriter hier, den der Kritiker der FAZ, in einem Anfall von Originalität, einen „achtundsechzigjährigen Achtundsechziger“ nannte. 
Das Ende der Umbaupause kündigt sich dadurch an, dass die Holzstatue von Chief Crazy Horse, die sie auf allen ihren Konzerten begleitet, auf die Bühne gebracht wird. Kurz darauf stehen die vier älteren Herren, inklusive zweier jüngerer Backgroundsängerinnen, auf der Bühne. Der erste Song, passend zum Veranstaltungsort direkt am Rhein, ist natürlich „Down by the River“. Der Song aus Youngs zweitem Soloalbum von 1969, „Everybody knows this is nowhere“, seiner ersten Zusammenarbeit mit Crazy Horse, macht überdeutlich, was man von dieser Kombination zu erwarten hat; ausgedehnte Jams, minimalistische Gitarrensoli vom Meister selbst oder von Gitarrist Frank „Poncho“ Sampedro und diesen wiegenden Groove, den nur Drummer Ralph Molina, und hier Gastbassist Rick Rosas, so hinbekommen, das er auch nach zwanzig Minuten nicht langweilig wird. Tatsächlich dauert der Song dann 25 Minuten. Young, Poncho und Rick Rosas stecken die Köpfe zusammen, ein Solo folgt dem anderen, gelegentlich wendet sich Young zum Mikrofon, die musikalische Spannung entlädt sich in dem wunderschönen Refrain und dann heißt es wieder: Köpfe zusammenstecken. Bis dann nach 25 Minuten der Jam einfach abbricht, Crazy Horse waren nie sehr gut darin, einem Song zu einem richtigen Abschluß zu bringen, er hört gewöhnlich einfach auf. 
Danach folgt „Powderfinger“ vom legendären 79er Album „Rust never sleeps“, meiner erste Begegnung mit Crazy Horse und seitdem einer meiner Lieblingssongs. Die traurige Pioniersaga erzählt die Geschichte eines Überfalls auf eine Farm vom Fluß aus (wiederum sehr passend), erzählt in schleppenden Rhythmen und mit brachialen Gitarrensounds. Die kommen auch in Mainz angemessen heavy, aber nicht so laut, wie es mir Konzerterfahrungen mit Crazy Horse aus den neunziger Jahren nahegelegt hatten. Am Ende wird das hier doch kein Ohrstöpselkonzert. Der nächste Song, das unveröffentlichte „Standing in the light of Love“, bis zu dieser Tour nur einige Male vor dreizehn Jahren gespielt, ist eine Überraschung. Obwohl es wohl niemand kennt sogar ein echter Crowd-Pleaser, jedenfalls singen tausende Fans den Refrain auch nach dem Ende des Songs weiter, zur Freude Neil Youngs. 
„Days that used to be“ und „Love to burn“, vom Young & Crazy Horse Album „Ragged Glory“ sind angemessen nostalgisch, werden von den Fans bejubelt, die Band scheint hier aber den Faden zu verlieren, von der Brillanz im Zusammenspiel während der ersten beiden Songs ist wenig übrig geblieben. Die ausgezeichneten Backgroundsängerinnen, die einiges zum Gesamtsound beitragen und der den ganzen Abend in bestechender Form singende Frontmann, retten aber auch diesen Teil des Abends. Keineswegs untypisch für Konzerte Neil Youngs mit Crazy Horse, die Konzentration scheint oft in der Mitte nachzulassen. „Living with War“, Youngs Protestlied gegen den Irakkrieg, hier wohl gespielt als Kommentar zur angespannten Weltlage, wirkt aber angemessen wütend und kraftvoll. „Name of Love“, der einzige CSN&Y-Song an diesem Abend, aus ihrem unfassbar schlechten 89er Album „American Dream“, ist eine weitere überraschende Songwahl. Bei dieser Tour stehen eindeutig Hits und Raritäten auf dem Programm. Es folgen zwei Songs, von Neil Young solo interpretiert, die an diesem Abend gleichzeitig den Hit-Anteil vergrößern und eine Reminiszenz an Youngs Folk-Wurzeln darstellen. „Blowin in the wind“ ist sicher melodischer als das, was der Meister selbst in Mainz vor einigen Jahren intonierte und Neil Youngs größter Hit „Heart of Gold“ könnte so schön im Licht von tausend Smartphones erstrahlen, wäre es nicht noch hell. Mit „Barstool Blues“ meldet sich Crazy Horse kraftvoll zurück, alle sind wieder voll konzentriert bei der Sache. „Psychedelic Pill“, eine Rarität bei Crazy Horse Konzerten, ist deutlich kürzer als auf der gleichnamigen Platte, was dem Song aber gut bekommt. Dann stimmt Neil Young tatsächlich noch einen meiner Lieblingssogs an, „Cortez the Killer“, und was dann folgt, ist sicher die beste Version, die ich von dem Song kenne. Trotz der zehn Minuten Länge kein ausgedehnter Jam, stattdessen arbeiten Neil Young und Crazy Horse die ökologische Botschaft des Songs besonders heraus, wenn Young sehr betont singt „They build up with their bare hands, what we still can’t do today.“ Die Botschaft des Abends erklärt Neil Young dann beim nächsten Song, dem Klassiker „Rockin in the free world“. Es geht um nichts Geringeres als die Rettung der Erde. Die am Eingang verteilten „Earth“-T-Shirts sollen die Besucher tragen und so auf die vielfältigen und aktuellen Gefahren für Mutter Erde aufmerksam machen. Dieser Hippie-Aktivismus ist wohl etwas allgemein, nichtsdestotrotz richtig und notwendig. „We came here to play music for you. You get the T-Shirts for free. Fuck the system,“ lässt sich der Meister vernehmen. Tatsächlich habe ich ihn noch nie so aufgewühlt gesehen, meist wirkte er auf der Bühne eher schüchtern; auch in Mainz waren das seine ersten Worte an das Publikum, bis dahin hatte er nur einige Worte mit Crazy Horse gewechselt, der Statue, nicht der Band. In „Rockin in the free world“ gibt es dann eine Extrastrophe, die Fracking verdammt, wenn ich das richtig verstanden habe. Musikalisch im Original eher eine schnelle Grunge-Nummer, drosseln Crazy Horse das Tempo, obwohl sie ja als die Proto-Grunge-Band schlechthin gelten. Als einzige Zugabe gibt es nach fast zwei Stunden einen neuen Song „Who’s gonna stand up and save the Earth?“. Musikalisch erinnert die Nummer stark an Lenny Kravitz, der Agit Prop-Charme der Nummer vermag aber durchaus zu überzeugen. Fazit: Ein großartiges Konzert von vier Althippies, die noch viel zu sagen haben und das hoffentlich auch in Zukunft tun werden. 


Setlist The Magic Numbers, Mainz:

01: The Pulse 
02: I see you, you see me 
03: Love me like you 

Setlist Neil Young & Crazy Horse, Mainz:

01: Down by the River 
02: Powderfinger 
03: Standing in the light of Love 
04: Days that used to be 
05: Living with war 
06: Love to burn 
07: Name of Love 
08: Blowin in the wind (Bob Dylan-Cover)
09: Heart of Gold 
10: Barstool Blues 
11: Psychedelic Pill 
12: Cortez the Killer 
13: Rockin in the free world 

14: Who’s gonna stand up and save the earth (Z)


Freitag, 14. März 2014

Ben Schadow Band, Würzburg, 02.03.2014

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Konzert: Ben Schadow Band
Ort: Denckler-Kino, Würzburg
Datum: 02.03.2014
Dauer: 83 Minuten
Zuschauer: etwa 20



Bericht von Matthias aus Oberhessen:

  Da ist man nun für ein Konzert der Ben Schadow Band von Oberhessen extra nach Stuttgart (immer eine Reise wert) gefahren, nur um zu erfahren, dass es zu dem angekündigten Termin wegen Terminschwierigkeiten des Clubs gar nicht stattfindet. Was tun? Einfach nach Würzburg fahren, wo Ben kurzfristig an diesem Abend ein Hauskonzert organisieren konnte. Im Rohrschen Wohnzimmer, der Spielstätte für gepflegten Indiepop aus aller Herren Länder in Stuttgart, hatte ich Ben schon zweimal mit seinem Kumpel und Collaborator Pele Caster erlebt, so war mir dieses Konzertformat durchaus vertraut. So machten wir, Starblogger Jens, seine Kommilitonin Isi und ich, uns also am späten Nachmittag auf ins Fasching selige Würzburg. Nach einer fast seminarmäßigen Exkursion durch die Innenstadt, wo ich auf die wesentlichen Sehenswürdigkeiten hinwies (Reisen soll ja auch bilden), machten wir uns auf, die Spielstätte zu finden. Zumindest den Häuserblock, wo sie sich befand, fanden wir schnell, das Denkler Kino dann auch etwas später, ein paar Stockwerke hoch, unter dem Dach, befindet sich der improvisierte Kinosaal, der auch für Konzerte genutzt wird. 

Auf Ben Schadow, in den Neunzigern bei der deutschen Modband Les Garcons, seit 2003 als Bassist mit Bernd Begemann & Die Befreiung unterwegs, ebenfalls an Dirk Darmstaedters Bandprojekt Me and Cassity beteiligt und Ex-Bassist der deutschen Indie-Hoffnung pretty merry K, wurde ich durch die frühen Tourneen der Befreiung aufmerksam. Einen chaotischen Bühnenzauberer wie Bernd Begemann zu begleiten, ist eine echte Herausforderung, die Befreiung löste sie souverän, so dass sie heute eine der besten deutschen Livebands sind. Les Garcons, die zwei wundervolle Alben veröffentlichten, habe ich zu ihrer aktiven Zeit leider verpasst, nun gut, es waren die Neunziger, der Streit Oasis oder Blur war eben wichtiger. Vor zwei Jahren veröffentlichte Ben Schadow dann sein erstes Soloalbum „liebe zur zeit der automaten“, eine Popmeditation irgendwo zwischen den Beatles und ETA Hoffmann, zwischen den Beach Boys und William Blake, und ist seitdem regelmäßig mit der Ben Schadow Band unterwegs, dieses Mal in einer Trio-Besetzung mit Ben an Gitarre und Gesang, Pele Caster am Bass und Markus Baier am Schlagzeug. 

Nach kurzem Soundcheck, Kennenlernen des Publikums und Erforschen der Location (vielen Dank an die WG-Bewohner einen Stock tiefer, deren Toilette man benutzen durfte) ging es los mit dem Konzert der Ben Schadow Band. Die Trio-Besetzung bekommt schon dem ersten Stück „Zusammen zuletzt“, einem der poppigeren Stücke von Bens Debüt-LP, sehr gut, das Zusammenspiel von Ben und Pele, an verschiedenen Instrumenten solo oder mit Band seit Jahren erprobt, hat inzwischen eine schlafwandlerische Sicherheit erreicht, um die sie viele deutsche Popmusiker, ich nenne keine Namen, beneiden sollten. Die immer wieder versuchte Kontaktaufnahme mit dem Publikum funktioniert nicht so gut, viele wollten wohl nur mal schauen, wo der Krach herkommt, führen Dauergespräche während des Konzerts und zeigen Ben, Pele und Markus die im Wortsinne kalte Schulter, da der Dachboden unbeheizt ist. Die Ben Schadow Band läßt sich trotzdem nicht entmutigen, Bens signature tune „Gnade trägt man in Särgen“ beeindruckt mich an diesem Abend besonders. Die Musik zitiert gekonnt „Dig a Pony“ von den Beatles, der Text zelebriert geradezu Liebeskummer „Willkommen in der Welt von einem, der sich nicht traut / der wirklich nie auch nur ein bisschen froh sein will und laut“. Danach ist es Zeit für ein paar fröhliche Modsongs der Garcons, von denen Ben dieses Mal einige im Programm hat, mein Konzerthighlight ist immer wieder der Italien-Song „Buena Sera Signor, Buena Sera“, den Ben an diesem Abend auf den Knien spielt, nicht mal seine Bandkollegen scheinen zu wissen, warum. 

Die Band hat mit „Fräulein M“, einem Ausflug in die griechische Mythologie, der an Neo Noir-Filme erinnert, auch ein neues Lied im Gepäck. Das beste Lied des Abends spielt Ben anschließend solo. „Heller Fleck im schwarzen Meer“, der Höhepunkt von Bens traurigen Liebesliedern, kommt solo im Schneidersitz besonders intensiv. Der Garcons-Kracher „In einer Welt voll Sonnenschein und Bier“ ist dann schon das letzte Stück des Abends, ein großer Teil des Publikums verschwindet gleich nach dem letzten Ton, bevor der Hut, der für die Musiker herumgeht, sie erreicht. Das ist wirklich billig, kann man da nur sagen. 
Nach kurzem Gespräch mit der Band machen wir uns auf den Rückweg nach Stuttgart, der Pizzaservice einen Block weiter macht gerade zu, es gibt nichts mehr. Würzburg war zwar nicht sehr gastlich zu uns, aber für ein Konzert mit Ben Schadow nimmt man das gerne in Kauf. 

Setlist Ben Schadow Band, Würzburg: 

01: Zusammen zuletzt 
02: Herz aus Holz 
03: Touch 
04: Gnade trägt man in Särgen 
05: Gerade verliebt (Les Garcons-Song) 
06: Sie sagt, sie geht (Les Garcons-Song)
07: Dabei auf den billigen Plätzen (Les Garcons-Song) 
08: Fräulein M. (neu)
09: Ich fall immer auf die selben Dinge rein 
10: Wie leicht es wäre einfach zu bleiben 
11: Was, wenn es mich wach entdeckt 
12: Ich hab geträumt, ich sei tot 

13: Buena Sera, Signor, Buena Sera (Z) (Les Garcons-Song)
14: Heller Fleck im schwarzen Meer (Z) 
15. In einer Welt voll Sonnenschein und Bier (Z) (Les Garcons-Song)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Bernd Begemann & Die Befreiung, Hamburg, 29.12.2013
- Ben Schadow & Pele Caster, Stuttgart, 30.08.2013
- Ben Schadow & Pele Caster, Karlsruhe, 28.08.2013
- Ben Schadow Band, Mannheim, 25.04.2013
- Ben Schadow Band, Stuttgart, 14.04.2013


 

Konzerttagebuch © 2010

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